Abbildungen Weltgeschichte

Während Deutschland hier ein Inselchen, dort ein Statiönchen ergattert, teilten sich Briten und Russen in den Besitz Asiens. Bei dem Teilungsgeschäft kam 1904 Tibet an die Reihe. Die Russen hatten schon lange ein Auge darauf. Die ersten Beziehungen ergaben sich nach dem Jahre 1770, als Galdan, dessen Einfluß sich bis auf die Wahl des Dalai-Lama erstreckte, nach dem Sturz des Dsungarenreichs sich zu den Russen am Amur flüchtete, dann wieder, als Jakub Beg 1870 über Ostturkestan herrschte. Seitdem haben zahlreiche russische Forscher, Przewalsky, Grum, Grschmailo, Roborowsky, Kozloff, Bogdanoff, Gurkow, Tibet bereist. Im Jahre 1900 wurde ein Vertrag mit Tibet geschlossen, der eine Art russischen Schutzes gewährleistete. Zugleich unternahmen die russischen Grenztruppen einen Vorstoß auf dem Wege nach Tibet, einen Vorstoß nach Kuldscha. 50000 Mann wurden im Spätsommer 1900 dorthin gebracht, jedoch nach einigen Monaten wieder zurückgezogen. Man hat bei uns wenig davon gehört; nur durch einen Zufall erfuhr ich davon. Am Issyk-Kul hatte ein Pfund Fleisch 3—4 Kopeken gekostet, ein Huhn bekam man für 12—15 Kopeken. Da war ich nicht wenig überrascht, am Iliflusse, der nicht so weit davon, auf so teuere Preise zu stoßen. Fleisch galt bis 65 Kopeken. „Wie ist das nur möglich?“ „Ja,“ sagte der Posthalter, „hier sind so viele Truppen durchgekommen, die haben alles aufgegessen.“ „So? Woherkamen denn die?“ „Nun, eine Brigade von Omsk, ein Regiment von Taschkend, Artillerie von Tschimkend, Kosaken von Kopal, endlich Truppen von Barnaul.“ Alle diese Mannschaften, zusammen an 50000, hatten den Ili überschriiten, um nach Kuldscha zu marschieren. Das Tarimbecken und die Dsungarei kann man gegenwärtig schon als russische Einflußkreise betrachten. Das Wort der russischen Konsuln gilt in Kaschgar und Turfan mehr, als das der chinesischen Ambane. Da niemand im Tarimbecken dem Zaren seinen Einfluß streitig macht, und ein Angriff auf Tibet noch nicht an der Zeit scheint, so hatte man die erwähnten Truppen wieder zurückbeordert. Vielleicht auch haben die Reisen Sven Hedins den russischen Generalen die Augen darüber geöffnet, daß eine Invasion Tibets von Norden her geradezu eine Unmöglichkeit wäre. Durch diese furchtbaren Einöden, in denen der schwedische Forscher fast seine ganze, im Verhältnis doch sehr kleine Karawane verlor, Einöden, wo man, drei Wochen lang marschierend, kein menschliches Wesen antrifft, da könnte noch nicht einmal eine Kompagnie durchkommen. Bedeutend leichter ist die Sache von Süden her. Man muß ja allerdings steil hinauf, während man vom Küen-Lün in das Tal des Sanpo hinabsteigt,r aber es gibt doch dort überall Wasser und Futter, Menschen und Tiere können ihr Fortkommen finden, dazu ist die Basis zu weiterer Lieferung von Proviant, Munition und Truppen in unmittelbarer Nähe, ist durch Eisenbahnen, Telegraphen wohl versorgt, während dierussische Basis durch 2000 km von Lhassa getrennt ist. Wenn übrigens Petersberg ob des Vorgehens der Engländer so entrüstet war, und ältere und bessere Rechte Rußlands von den früheren Entdeckungen russischer Forscher herleitete, so war es völlig im Unrecht. Denn von Manning abgesehen, der Ende des 18. Jahrhunderts in Lhassa war, hat es auch im letzten Menschenalter nicht an britischen Reisenden gefehlt, die Tibet durchstreiften. Ich nenne Carey, Younghusband, Bowen, Littledale und verschiedene Pandits, die in britischem Aufträge Gegenden Tibets aufnahmen. Dazu eine stattliche Reihe von Sportsleuten. Wenn es sich bloß um Erforschungsrechte handelte, so könnte doch geradesogut Frankreich wegen der Reise von Bonvallot und dem Prinzen von Orleans, oder könnte Schweden, aufHedins Erfolge pochend, das weite Tibet für sich beanspruchen. Jedenfalls zeigte England 1904, daß es nicht gewillt ist, dem Vorschreiten Rußlands in Asien ruhig zuzusehen. Ob Tibet an sich begehrenswert — es ist im Südosten stellenweise recht fruchtbar und soll in vielen Gegenden reiche Mineralschätze besitzen — das kommt gar nicht so sehr in Betracht; der indische Kaiser kann es nicht dulden, daß eine fremde Macht in Tibet eine beherrschende Stellung einnehme, und die Einfallspforten nach Indien besetze. Die beste Parade aber ist der Hieb. Dazu war 1904 für England die beste Gelegenheit. Während die Heere des Zaren im fernen Osten vollauf beschäftigt waren, fand ein Hieb gegen Tibet nicht den geringsten Widerstand.

Der Dalai Lama entfloh und kehrte erst 1909 zurück, um 1910 abermals zu entfliehen, diesmal nach Indien.

Im Januar 1910 versuchte das amerikanische Kapital einen Vorstoß in die Mandschurei. Es erlangte einige Konzessionen von Peking, um gegen die russisch-japanische Bahn durch die Mandschurei eine Konkurrenzlinie zu bauen, die in Aigun, gegenüber von Blagowjestschentsk, enden sollte. Das Zusammengehen von China und Amerika zeitigte eine Aussöhnung zwischen Mikado und Zaren; ein Gegenbündnis wurde im Juli 1910 abgeschlossen. Die Spannung zwischen Zaren und Himmelssohn wuchs derart, daß Petersburg im Februar 1911 ein Ultimatum nach Peking sandte; doch ist auch hier ein Krieg vermieden worden.

Übermächtig dehnte sich die nordamerikanische Union gleichzeitig nach Süden aus. Ihr letzter Vorstoß geschah im März 1910, Er richtete sich gegen Guatemala und Mexiko.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
Weltkriege der Gegenwart : Blüte Nordamerikas
Weltkriege der Gegenwart : Japanisch-russischer Krieg
Weltkriege der Gegenwart : Hottentottenkrieg
Weltkriege der Gegenwart : Marokko
Weltkriege der Gegenwart : Eduard VII.
Weltkriege der Gegenwart : Bosnien
Weltkriege der Gegenwart : Persien
Weltkriege der Gegenwart : Spannung zwischen Union und Japan
Weltkriege der Gegenwart : Parlamentarismus im Orient
Weltkriege der Gegenwart : Panama

Männer; Völker und Zeiten


Außer der Fülle von Nachrichten der im Eingang genannten älteren europäischen und asiatischen Forschungsreisenden, die nach Lhassa hineingelangten, besitzen wir auch eine bemerkenswerte chinesische Literatur über diese Stadt. Insbesondere vereinigt das von Klaproth kritisch bearbeitete geographische Handbuch über Tibet, Wei-tsang-thou-tschi, eine sehr ausführliche und farbenreiche Beschreibung Lhassas, zum Teil mit Einzelheiten über das Innere von Tempeln und Palästen die den übrigen Beobachtern unzugänglich bleiben mußten.

Aus all diesen Notizen können wir uns ein so vollständiges Bild der verbotenen Stadt machen, daß wir Sven Hedin Recht geben müssen, wenn er in seinem letzten Buche Lhassa, obwohl kein heut lebender Weißer es gesehen, für eine der am besten bekannten Städte des innern Asien erklärt.

Die Stadt liegt, in Gärten und Wäldchen bebettet, am Kitschu, einem linken Nebenflüsse des Sang-po, etwa 60 km vor seiner Mündung in diesen, aber nach den Messungen der Pundits in einer Meereshöhe von 3630 m. Daß trotz dieser gewaltigen Erhebung hier die Entwickelung eines so bedeutenden Kulturzentrums möglich war, liegt an der Bildung des breiten Talkessels, der nur nach Südwesten offen ist und der Sonnenwärme ungehinderten Zugang gewährt, während sonst hohe Berge ihn vor den eisigen Winden der umliegenden Hochflächen schützen.

Die sagenhafte Vorgeschichte der Stadt geht auf die ersten Anfänge des Buddhismus in Tibet zurück. Der König Srongdsan Gampo (gestorben um 698 n. Chr.), der diese Lehre einführte, hat, so heißt es, bereits den ersten Bau auf dem „roten Hügel-, dem späteren heiligen Berge Potala, errichtet, an dessen Fuß sich dann die Stadt Lhassa bildete.

Der Name Lha-ssa, der „Gottesstätte“ bedeutet, soll aus einem ursprünglichen Ortsnamen Rasa, der etwas anderes heißt, umgewandelt sein, als in dieser Ortschaft der große Tempel gegründet wurde, der heute Mittelpunkt Lhassas ist35). Er wird von Odorico de Pordenone noch nicht genannt, die Stadt war aber schon damals ein Mittelpunkt religiöser Art. Nicht viel später wandert Tsong-kapa, der Reformator des Lamaismus, aus der Gegend von Kumbum unweit des Kukunor hierher um von hier aus seine gewaltige Wirksamkeit auszuüben. Erst mit der energischen Entwicklung der Idee aber, daß der Großlama von Lhassa die immer erneute Wiedergeburt des Heiligen Padmapani oder Avalokita sei (s. S. 65), wird Lhassa das unumschränkte Haupt Tibets und allgemach der berühmteste Wallfahrtsort ganz Mittel- und Ostasiens. Insbesondere seit der Mitte des 17. Jahrhunderts, wo der Großlama Nawang Lobsang den neuen Tempelpalast auf dem alten Königshügel bei Lhassa erbaut, ihn nach der mystischen indischen Heimatsstätte Avalokitas Potala benennt.

Im Anfang des 18. Jahrhunderts wird der Großlama genötigt, infolge von Unruhen seine Residenz zeitweilig nach Kumbum zu verlegen. Die Waffen des Kaisers Kanghsi von China führen ihn nach Lhassa zurück, aber der tibetische Priesterstaat ist seitdem ein Glied des chinesischen Reichs.

Der religiösen Verehrung des Großlama und seines Sitzes Lhassa hat dies Verhältnis aber keinen Abbruch getan; im Gegenteil, die chinesischen Kaiser scheinen diese Verehrung aus politischen Interessen gefördert und sogar ostentativ geteilt zu haben. Hat doch z. B. Kaiser Kien-lung in den Jahren 1767 bis 71 in seinen Jagdgefilden von Dschehol, nördlich von der großen Mauer, eine großartige und kostspielige Nachbildung des Klosterpalastes von Po-tala aufführen lassen.

Welch eine Rolle die Stadt in den Augen der Buddhisten Innerasiens spielt, ergibt sich für uns recht eindrucksvoll daraus, wenn wir die ungemein lebensvolle Schilderung verfolgen, die Pater Huc von seiner Wanderung mit der mongolischen Pilgerkarawane, der er sich angeschlossen, entwirft. Hier erleben wir die ganze Erregung mit, welche die Schar beseelt und sie befähigt, ihre unendlich mühselige Wanderung über die Hochsteppen und himmelragenden Bergpässe des nordöstlichen Tibet zu unternehmen; die täglich wachsende Spannung, mit der jeder einzelne dem Auftauchen der heiligen Stadt entgegensieht. Endlich trennt nur noch ein mäßig hoher, aber steiler Bergrücken sie von dem Anblick der geistigen Metropole der buddhistischen Welt. Schon dieser Berg ist heiliger Boden; wer das Glück erringt, seinen Scheitel zu erklimmen, dem winkt bereits Vergebung aller Sünden. Zu Fuß und mit tiefer Andacht wird der Aufstieg begonnen, bereits ein Uhr Nachts, um bis zum Abend des folgenden Tages nach Lhassa zu gelangen. Gegen Untergang der Sonne kommen sie dann auf Zickzackwegen wirklich am südlichen Bergfuße an; in ihren letzten Strahlen liegt die heilige Stätte vor ihnen. „Diese Fülle von hundertjährigen Bäumen“, schreibt Huc begeistert, „welche die Stadt wie mit einer Umwallung von Laub umgeben, diese großen weißen Häuser, in Plattformen endigend und von kleinen Türmchen überragt, diese zahlreichen Tempel mit vergoldeten Dächern, dieser Buddha-Ia, auf dem sich der Palast des Dalailama erhebt alles das gibt Lhassa einen majestätischen und bedeutenden Eindruck“.

Ganz in derselben Weise, wie hier geschildert, nur oft noch unter größeren Beschwerden kommen die Pilgerzüge aus Nepal und Bhutan, aus Ladak und dem Tarim-Becken, aus der Mongolei, China und Hinterindien, ja aus Sibirien und vom europäischen Rußland; alle die Herzen voll zitternder Erregung, alle schon beseligt durch die um des Glaubens willen erlittenen Mühseligkeiten, alle in der brünstigen Erwartung des Heils, das ihnen der Segen des großen Priesterkönigs bringen soll. Als ßonvalot und Prinz Heinrich von Orleans 1890 die entsetzlichen Wüsten der nordwestlichen höchsten und unwirtlichsten Teile Tibets durchquerten, folgten sie der zufällig gefundenen Spur einer Pilgerstraße der Kalmücken, die von diesen als Geheimnis gehütet wird. Nirgends tritt einem die Macht der religiösen Exaltation eindrucksvoller entgegen, als wenn man sich vorstellt, wie diese armseligen Leute über die Hochpässe des Tienschan-Gebirges, durch das Sandmeer der Takla-Makan und endlich über diese entsetzlichen Hochebenen von Tschangtang hin und zurück pilgern, nur um den Fuß in die heilige Stadt gesetzt und das Haupt vor dem Dalailama gebeugt zu haben. — Hedin teilt in seinem letzten Buche die Geschichte jenes Lama aus Urga mit, der um irgend eines Vergehens willen das Recht verwirkt hat, Lhassa zu betreten. Um die Verzeihung des Dalailama zu erringen, legt er den mehrere tausend Kilometer langen Weg von seinem Wohnort bis nach Lhassa in Gebetsstellung zurück, d. h. er wirft sich nieder auf die Knie und Hände, zieht dann die ersteren nach, sodaß sie in die Spuren der Hände kommen, und wirft sich von neuem nieder. Sechs Jahre braucht er zu der schrecklichen Reise, und eine Stunde vor dem Tor der heiligen Stadt erreicht ihn die Nachricht, daß er, ohne Verzeihung zu erlangen, umkehren müsse.

Er tut dies und — wiederholt die gleiche Wanderung noch zweimal!

Das prächtige Bild Lhassas von weitem schildert einer der neuesten Besucher, der Pandit Sarat Tschandra Das, mit ganz ähnlichen Worten wie huc. Er kommt von Indien, den Kitschu aufwärts, und berichtet:

„Die ganze Stadt lag ausgebreitet vor uns am Ende einer Allee von knorrigen Bäume, die Strahlen der untergehenden Sonne fielen auf ihre vergoldeten Dome. Es war ein stolzer Anblick, wie ich ähnlich nie etwas gesehen. Zu unserer Linken war Potala mit seinen erhabenen Gebäuden und vergoldeten Dächern; vor uns, umgeben von einem grünen Rasenplan, lag die Stadt mit ihren turmähnlichen, weißgetünchten Häusern und chinesischen Gebäuden mit Dächern von blauen, glasierten Ziegeln. Lange Girlanden von beschriebenen und bemalten Lappen hingen von Haus zu Haus und wehten im Winde“.

Wir besitzen seit zwei Jahrzehnten sogar einen von dem Pundit Krischna während eines einjährigen Aufenthalts heimlich mit dem Maß seines Rosenkranzes aufgenommenen Plan von Lhassa, der allerdings bisher nur in einer sehr kleinen Wiedergabe als Karton auf der Karte seiner Reiserouten in Tibet in Petermanns Mitteilungen (Jahrgang 1885, Tafel t) veröffentlicht worden ist. Außerdem hat soeben Waddell im Oeographical Journal (März 1904) einen solchen publiziert, den er aus den Angaben von mehr als hundert von ihm befragter eingeborener Besucher Lhassas konstruiert hat. Welche Vorzüge ein auf diese Weise gewonnener Plan gegenüber dem von dem wohlgeübten Krischna an Ort und Stelle aufgenommenen beanspruchen darf, geht aus dem kurzen Geleitwort Waddells nicht hervor. Er stimmt in den wesentlichen Zügen mit dem alten Plan überein, den wir mit Erlaubnis der Geogr. Anstalt von Justus Perthes in Gotha hier beifügen, verallgemeinert aber viele Einzelheiten.

Nach Plan und Schilderungen liegt das Weichbild Lhassas ein wenig nördlich von den Ufern des Kitschu.

Seine lange, ostwestliche Achse beträgt etwa 3, die kurze, nordsüdliche, etwa 1 1/2km. Innerhalb dieses Ovals liegt die Hauptmasse der Häuser im östlichen Teil, geschart um den großen Tempel Dschovokhang, die uralte Hauptkathedrale  von Tibet, die man ebenso als die St. Peterskirche des Lamaismus bezeichnet, wie den Potala als seinen Vatikan. Dieser kolossalste Tempel Tibets gilt zugleich als der älteste des Landes; seine Gründung wird wie die des Potala auf Srong-dsan Gampo zurückgeführt. Der gegenwärtige Zustand stammt wohl im wesentlichen aus dem 17. Jahrhundert, wo wir von einem Neubau hören. Das Hauptgebäude ist drei Stockwerk hoch und mit angeblich solid goldenen Platten gedeckt. Seine Außenwände sind mit primitiven Malereien aus der Lebensgeschichte Srongdsan Gampos bemalt. Eine Halle, von sechs Säulen getragen und reich mit Malereien, Skulpturen und Vergoldungen geziert, führt in das Innere.

Durch eine mit Bronze und eisernen Reliefs dekorierte Tür gelangt man zunächst in einen Umgang, den das Dach des unteren Stockwerks deckt. Eine zweite Tür, von Kolossalstatuen flankiert, leitet dann in eine große, basilikaartige Säulenhalle, die von oben durch transparente Ölstoffe hindurch erleuchtet wird; Seitenfenster gibt es nicht. Im Hintergründe führt endlich eine Treppe in das mit kostbaren Schätzen ausgestattete Allerheiligste, in dessen Rückwand die große Nische mit dem berühmten Bildnis Ssakjamunis sich befindet. Davor sieht man die reichdekorierten Thronsessel des Dalailama und anderer hoher Würdenträger der Hierarchie. Das unermeßlich heilige Buddhastandbild ist von gigantischer Größe, reich vergoldet und mit einer Krone aus Gold und Juwelen geschmückt. Es stellt den Stifter der Religion als jungen 16jährigen Priester dar und ist der Tradition nach ein Geschenk des Kaisers von China an Srongdsan Gampo, seinen Schwiegersohn, soll also aus dem 7. Jahrhundert stammen.

Der ganze Tempel ist mit einem Wall umgeben, und kein Weib darf während der Nacht in seinem Umkreis weilen. Rings herum läuft eine 4 m breite Gürtelstraße, der „innere Umgang“ genannt; auf ihr umschreiten die Prozessionen der Wallfahrer das Heiligtum, und zugleich ist die Hauptgeschäftsstraße der Stadt, eingefaßt mit Läden und von Straßenhändlern erfüllt. Hieran schließt sich die Hauptmasse der Stadt in dichtgedrängten Gassen umgeben von einer zweiter Gürtelstraße, 40 m breit den „mittleren Umgang“, jenseits dessen die Häuser und Karawansereien nur noch vereinzelt liegen. Diese endlich sind umschlossen von dem „äußeren Umgang“, der als großes Oval das umgibt, was man als das eigentliche Weichbild von Lhassa ansieht, auch den Potala einbegriffen. Die Quartiere der chinesischen Besatzung liegen außerhalb derselben — eine diplomatische Maßregel, durch welche die Form gewahrt wird, daß die heilige Stadt selbst keine fremden Truppen birgt. Auf diesem äußeren Umgang führen die Pilgerzüge ihre religiösen Umgänge in der bereits geschilderten Gebetsform durch fortgesetztes Niederwerfen aus. Sie vollenden auf diese Weise einen Weg, der sonst in drei Stunden zurückzulegen ist, innerhalb vier Tagen. Die besonders zerknirschten Pilger bezeichnen jedes Niederwerfen am Wege mit einer Münze oder einem wertvollen Stein.

Die Anzahl der Einwohner Lhassas wird sehr verschieden angegeben: zwischen 10000 und 100000 schwanken die mir bekannten Schätzungen. Die Unsicherheiten stammen zum Teil daher, daß der eine Berichterstatter die Mönche in den Klöstern der Umgegend zurechnet, der andere nicht, und daß die nicht ansässige Bevölkerungsmasse infolge der Pilgerzüge und zeitweiligen Handelsmessen augenscheinlich sehr stark flutet. Der zuverlässige Nain Singh gibt rund 30000, einschließlich 18000 Mönche an. Der jüngste Beobachter, Tsibikow, schätzt ähnlich die weltliche Bewohnerschaft Lhassas auf 10 000, die Insassen der umliegenden Klöster Sera und Galdan auf 15—16000). Sonach wird 10—12000 wohl für die Stadt Lhassa ein ziemlich vertrauenswürdiges Maß sein.

Über das Aussehen der Stadt im Innern gehen die Ansichten auseinander. Einige Beobachter schildern sie als sauber und freundlich, nur die Vorstädte seien ärmlich und schmutzig; die Häuser seien groß und würden durchgängig alle Jahre frisch geweißt, so daß sie stets wie neuerbaut aussähen. Ein besonderes Viertel zeigt nach Hucs anschaulicher Schilderung Hauswände, die aus einem mit Mörtel ausgefüllten Gerüst von Rinder- und Schafhörnern hergestellt sind, und bei denen man diesen Hörnern beim Weißen die Naturfarbe läßt und so ein seltsam phantastisches Muster erzeugt. Nach anderen Beobachtern starren wenigstens die Nebenstraßen geradezu von einem unerhörten Schmutz, der selbst Chinesenstädte als sauber erscheinen läßt. Vermutlich werden die letzteren Angaben der Wahrheit näher kommen, denn das tibetische Volk erscheint zwar durch heiteren Sinn, Gastlichkeit und manche andere Tugend, aber nicht gerade durch die der Sauberkeit ausgezeichnet.

Darin jedoch stimmen alle Schilderungen überein, daß trotz der ungeheuren Heiligkeit des Ortes ein äußerst reges Leben in der Stadt herrscht. Man drängt sich, schreit und gestikuliert, kauft und verkauft und sucht von den immer die Stadt füllenden Fremden an Vorteilen zu ziehen, was nur möglich ist. Alljährlich im Dezember findet eine große Messe statt, zu der die Händler aus China, Sikkim, Nepal, Kaschmir, Ladak, der Mongolei und anderswoher zusammenströmen. Ein buntes Gemisch von Trachten, Gesichtern und Sprachen sammelt sich hier, und der mohammedanische Turkestaner, der brahminische Hindu bewegt sich ohne Zwang zwischen den buddhistischen Völkern des inneren und östlichen Asiens. Die Eingeborenen Lhassas selbst fertigen Wollstoffe, die beliebten hölzernen Eßschalen der Tibeter und vor allem die massenhaften Kultgegenstände, deren die Priester und Wallfahrer bedürfen. Wenn aber der Tag sich neigt und noch eben der Schattenriß des heiligen Berges Potala sich gegen den blauen Himmel sich abzeichnet, dann ruht jede Arbeit; die Einwohner versammeln sich auf den flachen Dächern ihrer Häuser, in den Straßen, auf den freien Plätzen und werfen sich dort zu Boden, um ihre heiligen Formeln zu sprechen. Ein einziges dumpfes Geräusch, das gemeinsame Gebet der Stadt, klingt gegen Potala hinaus.

Diese letzte Örtlichkeit, gewissermaßen wieder das Allerheiligste Lhassas und mit Mekkas Kaaba ohne Zweifel der verehrteste Ort Asiens, liegt im westlichen Teile des Weichbildes, etwa eine Viertelstunde im Westen der eigentlichen Wohnstadt. Der Name Potala oder Bodala wird in Europa gern mit einer naheliegenden Volksetymologie als „Buddha-la“ d. i. Buddhasitz erklärt, wie es Huc in der oben (S. 93) angeführten Stelle tut; aber nicht mit Recht. Nach Jaeschke schon deshalb nicht, weil die Bezeichnung Buddha für den Religionsstifter in Tibet überhaupt nicht gebräuchlich scheint; er heißt hier Sang-gye. Nach ihm stammt das Wort aus dem Sanskrit und bedeutet etwas wie Landungsplatz, Hafen44). Der Potala ist ein isolierter, etwa 100 m hoher Felsen, der sich aus einem flachen Wiesental wie eine Insel aus einem See erhebt. Er trägt auf seinem Rücken jene merkwürdige Ansammlung von Kloster-, Palast- und Tempelbauten, in welcher der Dalailama und sein Hofstaat wohnen und dessen Anlage auf die ältesten Zeiten des Buddhismus in Tibet zurückgeht. Der Hauptteil des Ganzen, der sogenannte Phodang Marpo oder Marpori, der „rote Palast“, soll noch von Srongdsan Gampo herstammen.

Es ist unter den Berichterstattern nur eine Stimme, daß die Anlage dieser umfangreichen Baulichkeiten zwar einen etwas bizarren, aber doch unleugbar großartigen Eindruck ausübt, wie er der Bedeutung der Stätte wohl entspricht. Bis vor kurzem hatten wir nur eine einzige, mehr als zwei Jahrhunderte alte Abbildung davon, den hier wiedergegebenen Kupferstich in Kirchers „China illustrata“, der auf eine Zeichnung des Pater Gruber zurückgeht und die Quelle zahlreicher Reproduktionen geworden ist, z. B. der sehr wirksamen in Reclus „Geographie universelle“ (Bd. VII, S. 91), obwohl es deutlich erkennbar ist, daß sie bei Kircher Unkundige bearbeitet haben. So ist rechts ein großer zweirädriger Wagen angebracht, den es in Tibet nicht gibt. Es muß aber eine gar nicht üble Skizze zugrunde gelegen haben, denn heute gestattet die Photographie eine Vergleichung. Am besten eignet sich dazu die von uns wiedergegebene des Kalmücken Norzunof (Abbildung 8), die den Potala von der gleichen Seite her darstellt und in den großen Zügen eine überraschende Übereinstimmung mit der Zeichnung Grubers auf-weist.4:*) Sie bekundet zugleich, daß viele Baulichkeiten und die Gesamtanlage seitdem nicht verändert worden sind. Der Mittelbau zeigt fünf chinesisch geformte, nach der Schilderung goldgedeckte Dächer, die bei Kircher fehlen. Vielleicht gehören sie dem prachtvollen Aufbau an, den Kanghsi nach der Einverleibung Tibets dort aufgeführt hat. Kastell- und Mauerbauten umgeben den von allen Seiten würdevoll, ähnlich einer antiken Akropolis aufsteigenden Fels.

Das Innere des Potala wird von den Pandits und dem Handbuch Wei-tsang-thou-tschi mannigfach geschildert. Viele tausend Lamas sollen ihre Wohnungen darin haben. Im Innenhof des großen Mittelbaus befindet sich eine vergoldete, mit kostbaren Steinen geschmückte Kolossalstatue von 22 m Höhe — ‚anscheinend die eines Heiligen, nicht Buddhas selbst — die durch mehrere Stockwerke hindurchreicht. Auf umlaufenden Galerien des Hofes müssen die Pilger erst ihre Füße, dann ihren Gürtel, endlich ihr Haupt umwandern. Ähnlich wie der Vatikan soll der Palast des Großlama 10000 Zimmer haben, die angefüllt sind mit unermeßlichen Kostbarkeiten und Kunstschätzen; Prachtsäle mit geschichtlichen Wandmalereien werden uns genannt usw. Es empfiehlt sich freilich wohl, diese Darstellungen mit einiger Kritik entgegenzunehmen — berichtet doch z. B. Sarat Tschandra Das, die Abwässcrung im „Phodang Marpo“ sei so ungenügend gewesen, daß die Gerüche stellenweis erstickend waren4’1). Trotzdem ist kein Zweifel möglich, daß von kulturhistorischem, völkerkundlichem, auch geographischem (vgl. S. 15) Gesichtspunkte aus hier in der Tat unermeßliche Schätze literarischer, künstlerischer und gewerblicher Art aufgespeichert sein müssen, von einem Wert für die Erkenntnis des gegenwärtigen und vergangenen Asien, wie er nicht größer gedacht werden kann. Scheint doch dieser Stapelplatz ununterbrochener Sammlung von Gaben der gläubigen Buddhisten Asiens viele Jahrhunderte lang von kriegerischen Zerstörungen verschont geblieben zu sein. Wird er jetzt erschlossen, so mag der Himmel geben, daß die geradezu unvergleichliche Gelegenheit für die Wissenschaft die rechten, gleichzeitig in Pietät und Verständnis der Stunde gewachsenen Beobachter findet. Unersetzliches würde verloren gehen, wenn das nicht der Fall wäre.47) Prächtige Anlagen, Gärten, mit Lustschlösser, künstlichen Seen und rauschenden Bächen sollen den Fuß des Berges umgeben. Zwei schöne Alleen mit großen Bäumen führen von der Stadt zu ihm hin, stets belebt von reich gekleideten und wohlberittenen geistlichen Würdenträgern und von fremden Pilgern, die, den langen buddhistischen Rosenkranz zwischen den Händen und Gebete murmelnd, sich dem heiligen Berge nahen.

Manning und Huc berichten übereinstimmend, welch ein lebhaftes Treiben von Menschen unausgesetzt um den Fuß des Potala und an seinen Eingängen herrscht; jedoch im Gegensatz zu dem Lärm in der Stadt werde hier ein ernstes Schweigen bewahrt. Die religiöse Stimmung präge sich im äußeren Gebahren jedes einzelnen deutlich aus.

Zum Schluß noch einige wenige Worte über die seltsame Persönlichkeit, die den Mittelpunkt all dieser grenzenlosen Verehrung bedeutet, den Dalailama. Dies mongolische Wort, das „Weltmeerpriester“, d. h. der unermeßlich große Priester bedeutet, wird in Tibet selbst nicht gebraucht; das tibetische, mit dalai gleichbedeutende Wort heißt Gyamtso.

Auch nennt man ihn Gyalwa Rimpotschi, d. h. „der große Edelstein von Majestät“. Daß er nicht eine Inkarnation Buddhas selbst vorstellt, was man oft hören kann, sondern eine solche des heiligen Avalokita oder Padmapani, betonten wir bereits. Nach unseren früheren Ausführungen (S. 69) kann es nicht Wunder nehmen, daß fast alle Beobachter, die ihn zu Gesicht bekamen, ihn als ein Kind schildern.

Wir haben bis heute nur eine einzige europäische Abbildung des Dalailama. Sie geht ebenfalls auf eine Zeichnung Grubers zurück und findet sich auch in Kirchers „China illustrata“. Ganz augenscheinlich ist hier die vielleicht schon an und für sich ungenügende Vorlage noch unkundiger behandelt als die Zeichnung des Potala, allein das sieht man doch an dieser aus der Mitte des 17. Jahrhunderts stammenden Skizze, daß auch hier ein Kindergesicht wiedergegeben ist.

Höchst anziehend ist die Darstellung, die Manning von seiner Begegnung mit dem Dalailama gibt. Am 17. Dezember 1811 erstieg der englische Arzt die vierhundert Stufen zur Potala-Burg. In einer großen Empfangshalle befand sich der Priestergott inmitten seines Hofstaats, ein Knabe von etwa sieben Jahren. Manning berührte dreimal vor ihm den Boden mit der Stirn und legte dann seine mitgebrachten Geschenke: Geld und eine schöne Seidenschärpe, nieder. Der Knabe berührte ihm segnend das Haupt, eine Ehre, die nach Horazio della Pennas Angaben zu urteilen, sonst nur Königen, inkarnierten Heiligen oder fremden Gesandten zuteil wird.

Hierauf folgte eine kurze, durch einen Dolmetscher vermittelte Unterhaltung, die aus einigen Höflichkeitswendungen bestand. Mit höchstem Anteil aber beobachtete Manning dabei die schöne und interessante Erscheinung des hohen-priesterlichen Kindes. Dasselbe hatte, erzählt er, das einfache und ungezierte Gebahren eines wohlerzogenen prinz-lichen Knaben. Sein Angesicht war geradezu poetisch und rührend schön. Sein Wesen war muntere, liebenswürdige Freundlichkeit, sein schöner Mund ließ sich in anmutigem Lächeln gehn, ja er lachte sogar gelegentlich zwanglos, wenn auch mit Anstand. Manning, ein kecker, garnicht sentimentaler Abenteurer und sonst nicht ohne spöttischen Humor, sagt zum Schluß, die Unterredung mit dem Dalailama habe ihn außerordentlich ergriffen:

„Ich hätte weinen können, so seltsam war der Eindruck, und in tiefen Gedanken verließ ich den Ort.“

Um Neujahr muß der Dalailama sich für einen ganzen Monat in die Verborgenheit zurückziehen, um sich religiösen Übungen zu unterwerfen. Manning sah den heiligen Knaben noch einmal unmittelbar nach dieser Frist: er sah blaß und krank aus, wohl infolge seiner Kasteiungen.

Außerordentlich ähnlich klingt die Erzählung, die der Pundit Sarat Tschandra Das von seiner Audienz bei dem Dalailama am 10, Juni 1882 gibt. Er beschreibt zunächst den steilen Anstieg zur Höhe des Potala und die wundervolle Aussicht von dort.

„Nach einer Weile kamen drei Lamas und sagten, daß der Dalailama einen Gedächtnis-Gottesdienst für den verstorbenen Großlama des Meru-Klosters abhalten wolle, und daß wir dabei zugegen sein dürften. Mit sehr leisen Schritten wandelnd kamen wir zur Mitte der Empfangshalle, deren Dach von drei Reihen von Pfeilern, vier in jeder Reihe, getragen und durch von oben einfallendes Licht erhellt wird. Die Ausstattung war so, wie man sie gewöhnlich in den Lamasereien sieht, nur waren die Behänge von den reichsten Brokaten und Goldstoffen ; die kirchlichen Geräte waren von Gold und die Bemalung der Wände von ausgesuchter Feinheit. Hinter dem Throne fanden sich schöne Teppiche und Atlasvorhänge, ein großes „gyant-sar“, d. h. Baldachin bildend. Der Boden war schön glatt und glänzend, allein die Türen und Fenster, rot gemalt, waren von jener rohen Art, wie‘ sie im Lande gebräuchlich ist.“

Der Pandit deponierte dann in den Schoß eines Beamten seine Gabe für den Dalailama, ein Goldstück, und nahm hierauf mit den übrigen Pilgern seinen Sitz auf wollenen Decken ein, die in acht Reihen lagen. Er kam in die dritte, etwa zehn Fuß vom Thron entfernt.

„Der Großlama“, fährt er fort, „ist ein Kind von acht Jahren mit hellem und schönem Aussehen (bright and fair complexion) und rosigen Wangen. Seine Augen sind groß und durchdringend, der Schnitt seines Gesichts merkwürdig arisch, wenn auch etwas beeinträchtigt durch die Schiefstellung seiner Augen. Die Zartheit seiner Person war vermutlich der Erschöpfung durch die Hofzeremonien und die religiösen Pflichten und asketischen Übungen seiner Stellung zuzuschreiben. Eine gelbe Mitra bedeckte sein Haupt, und deren herabhängende Klappen verbargen seine Ohren; ein gelber Mantel umgab seinen Körper, und er hockte mit gekreuzten Beinen, die inneren Handflächen aneinandergelegt. Der Thron, auf dem er saß, war von geschnitzten Löwen getragen und mit seidenen Schleiern bedeckt, vier Fuß hoch, sechs Fuß lang und vier Fuß breit.“

Als alle gesegnet waren, goß einer der Beamten Tee in die goldene Tasse „Seiner Heiligkeit“, und vier Hilfsbeamte bedienten das Publikum. Nach einem Gebet wurde schweigend der Tee getrunken, der „mit einem entzückenden Wohlgeruch“ parfümiert war. Dann wurde vor den Dalailama ein Tisch mit Reis gesetzt, letzteren berührte er, und die geheiligte Speise wurde hierauf unter die Anwesenden verteilt. Und nun sang der Dalailama mit einer leisen, undeutlichen Stimme eine Hymne, die von den Lamas in tiefen, ernsten Tönen wiederholt wurde.

Hiermit hatte die Zeremonie ein Ende. Der Kämmerer gab dem Reisenden zwei Pakete gesegneter Pillen, und ein anderer band ihm ein Stückchen roter Seide um den Hals — die gebräuchlichen Gegengaben des Dalailama.

Dieser, von dem Pandit so interessant beschriebene Großlama ist nach den übereinstimmenden Berichten der letzten Besucher noch derselbe, der heute auf dem geistlichen Thron von Lhassa sitzt. Er ist also diesmal nicht vor seiner Großjährigkeit beseitigt worden, sondern muß jetzt etwa 32 Jahre alt sein 50). Der Japaner Kawagutschi hatte am 13. September 1900 eine Audienz bei ihm. Er schildert „His Sublimity“ als einen Mann von 28 Jahren, von einer feinen, intelligenten Erscheinung. Er sei von Natur ein Mann von überlegenem Mut und ausgezeichneten Fähigkeiten und von einer tiefen Kenntnis des Buddhismus. Seit er zu Jahren gekommen, habe er die Regierung völlig in die Hand genommen und hege große Absichten auf Reformierung der Verwaltung und Beseitigung alter Mißbräuche. Er habe einen geheimen Vertrag mit Rußland geschlossen, dessen Herrscher er für einen Buddhisten und einen mystischen Bodhisattwa, ähnlich ihm selbst, halte.

Das ist die letzte Schilderung, die wir von dieser merkwürdigen Persönlichkeit besitzen. Aller Voraussicht nach werden bereits die nächsten Wochen damit beginnen, die letzten Schleier zu lüften, die heute noch über Lhassa und seinem Dalailama ruhen. Wie weit die Vorgänge, die das mit sich bringen, umändernd oder zerstörend in diese merkwürdige Welt eingreifen werden, das vermag niemand vorher zu sagen.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

Tibet und die englische Expedition


Bei emem durch die Natur und die Bewohner zugleich so schwer zugänglich gemachten Lande beschränkt sich der Verkehr naturgemäß auf wenige Linien, die aber deshalb für die gegenwärtige wie die künftige Entwicklung des Landes eine um so größere Bedeutung haben, den westuciven Ziemlich zahlreich freilich sind die Pässe über den Himaiaya. |-|jma|aya; aj|ejn sowohl infolge ihrer großen Höhe wie auch der politischen Verhältnisse halber sind für einen Großverkehr bisher nur einige wenige in Frage gekommen.

Im westlichsten Teile der tibetischen Südgrenze stößt Britisch-Indien mit den Landschaften Gharwal und Kumaun unmittelbar an Tibet. Hier führt an der Nanda Devi-Gruppe vorüber der Kiungar-Paß (17300 = 5250 m) als Haupthandelsweg über die Grenze. Die Brüder Adolf und Robert Schlagintweit überschritten ihn im Jahre 1855. Von hier gelangt man über den noch höheren Tschako-Paß nach Gartok, dem wichtigen Messeplatz des Westens. Den Rückweg nahmen die Brüder Schlagintweit über den Paß Ibi Gamin, dessen außerordentliche Höhe sie zu 6235 m bestimmten. Für den Verkehr mit den östlichen Zentren Tibets, insbesondere mit Lhassa, sind diese, von den Tibetern überdies scharf bewachten, Übergänge stark entlegen.

Von Nepal aus gibt es mehrere von den Eingeborenen viel begangene Pässe, die auch zum Teil von den Pandits erkundet sind. So führt der Taklakhar vom westlichen Nepal zu den heiligen Seen Manasaraur und Rakus. Am Fuße des Daulagiri vorbei geht ein Paß über Loh-Mantang in 4600 m Höhe nach Tadum am Sangpo. Eine treffliche Straße soll von Kathmandu aus nach Dschonka-dschong führen, auf der aber nur chinesische Beamte reisen dürfen. Eine andere, von Handelsleuten reich begangene, führt von derselben Hauptstadt über den Kuti-Paß nach Din-gri und Schigatse. Alle diese Pässe sind jedoch als Zugangsstraßen von Indien aus bis heute nicht brauchbar, da hier die Nepalesen sich mit den Tibetern vereinigen, sie für Fremde zu schließen.

Wichtiger als diese und andere Pässe des westlichen Himalaya sind die durch Sikkim führenden Pfade (s. die beigegebene, mit Erlaubnis der R. Geogr. Soc. in London aus Geograpfiical Journal Vol. XXXIII No. 1 entlehnte Karte.)

Hier, im Osten von Nepal, reicht das britische Machtgebiet mit dem kleinen, in der nördlichen Hälfte noch von einheimischen Fürsten regierten, aber doch von einem englischen Residenten gegängelten Himalaya-Staat Sikkim in schmaler Zunge wieder unmittelbar bis an die tibetische Grenze. Und um so leichter ist Tibet von hier zu betreten, als sich zwischen Bhutan und dem nördlichen Sikkim noch ein Zipfel tibetischen Gebiets über den Hauptkamm des Himalaya nach Süden erstreckt, dasTschumbi-Tal, ein schönes, trotz seiner Höhenlage, der Landesnatur nach noch zum südlichen Abhang des Himalaya gehöriges Hochtal, dessen Charakter dem Sikkim-Gebirgslandc sehr ähnlich ist. Die Engländer haben in Sikkim in den letzten Jahren eine gute Heerstraße gebaut, die derTista bis zu der schönen Eisenhängebrücke östlich von Dardschiling aut ihrem rechten Ufer folgt und dann sich ostwärts zu dem 14 400’ (4375 m) hohen Dschelep-Ia (la = tibetisch Paß) wendet. Kurz vor der Grenze erreicht man das englische Fort Gnathong, wohl die höchste ständige Garnison europäischer Truppen in der Welt, kurz dahinter auf tibetanischem Gebiet die tibetische Grenzwache Yatung (3350 m) mit einer malerischen, grauen Sperrmauer, die treppenförmig den Berg hinansteigt2h). Von der Endstation der bengalischen Bahn am Fuß des Himalaya, Siliguri, ist die Heerstraße bis Pedong (östlich von Kalimpong) fahrbar, bis Gnathong dann für Infanterie und Gebirgsartillerie ohne Beschwerde passierbar gemacht. Auch der Dschelep-Paß selbst ist nicht schwierig, überdies ebenfalls von englischen Ingenieuren neuerdings verbessert. Über den Ort Tschumbi (3000 m), der dem Tal den Namen gibt, und den befestigten Marktort Pari-dschong (dschong — Fort) führt die Straße dann zu dem in die Hauptkette eingebetteten Tang-Paß empor, der zwar die gewaltige Höhe von 15700* (47700 m) hat, aber sehr sanft gestaltet ist. Sie folgt, nachdem sie ihn überschritten und die Hochländer des eigentlichen Tibet erreicht hat, dem breiten, flachen, für Truppen außer seiner Höhenlage keine Terrainschwierigkeiten mehr bietenden Talzuge nach Gyangtse und geht, sich teilend, von dieser Stadt nordwestlich nach Schigatse, nordöstlich nach Lhassa. Das ist der Eingangsweg für die gegenwärtige englische Expedition nach Tibet. Die Entfernung von Siliguri bis Gnathong beträgt 83 engl. Meilen, von dort nach Pari-dschong 41, von Pari nach Gyangtse 89 und von hier nach Lhassa 114, insgesamt also 327 Meilen oder 526 km. Man rechnet von Pari bis Lhassa 12 Tagemärsche.

Eine andere Übergangsstraße durch Sikkim folgt der Tista aufwärts, gabelt sich am Tschungtang-Kloster und leitet von hier entweder auf dem Ostwege über Latschung zu dem 18100 Fuß (5500 m) hohen Donkia-Passe oder auf dem Westwege über Latschen zu dem 16 400* (5000 m) hohen Kongralamo-Paß. Letzterer wird auf der tibetischen Seite durch das aus der Vorgeschichte der gegenwärtigen Wirren bekannte Fort Kamba-dschong gedeckt und führt weiter nach Schigatse. Die beiden Hochtäler, in denen man zu diesen Pässen emporsteigt, werden alljährlich von tibetischen Hirten mit ihren Herden besucht. Im Winter, wenn die nördlichen Hochländer tief verschneit sind, weilen sie in den südlich vom Kamme gelegenen Weidegebieten Nordsikkims, immer tiefer hinabsteigend, je kälter es wird. Mit zunehmender Wärme wandern sie weidend schrittweise wieder aufwärts, bis im Beginn des Sommers die Pässe frei werden und ihnen den Übergang nach Tibet gestatten. Sie ziehen dann bis zum großen Markt nach Kamba-dschong und kehren vor Verschluß der Pässe durch den Herbstschnee wieder über sie nach Sikkim zurück.

Bhutan soll eine ganze Anzahl von Übergängen haben, und sie sollen auch verhältnismäßig leicht sein, doch sind sie infolge der Zugehörigkeit zu dem unabhängigen und spärlich durchforschten Himalaya-Staat Europäern noch kaum bekannt. Nur der westlichste dieser Zugänge, der über Buxa Duar und Paro zunächst in das Tschumbi-Tal führt und dann den Hauptkamm in dem Tang-Passe am Fuß des gewaltigen Tschumalari-Oipfels überschreitet und der den drei berühmten Reisen Bogles, Turners und Mannings als Eintritt nach Tibet gedient hat, ist uns wohlvcrtraut. Er ist in seinem letzten Teil identisch mit dem Weg aus Sikkim durch das Tschumbi-Tal, mit dem er dicht unter dem Tang-Ia zusammentriift.

Im östlichsten Himalaya endlich ist noch ein bei den Eingeborenen beliebter Handelsweg bekannt, der von Assam aus über Tawang und Tschona nach Tschetang am Sangpo führt; derPundit Nain Singh ist auf ihm aus Tibet zurückgekehrt.

All diese Wege über den Himalaya münden ein in die große West-Oststraße, die der Längsrichtung des Sangpo-Tals folgt und die innere Hauptlcbensader Tibets vorstellt.

Diese Straße beginnt als Fortsetzung der über Ru-dok aus Ladak kommenden Wege in Gartok am Indus. Sie leitet von dort vorüber an den heiligen Seen und gelangt dann in sehr sanfterSteigung über die Talschwelle des Mariam-la (4720 m) aus dem Satledsch-Bereich in das Quellgebiet des Sangpo. Sie folgt diesem Fluße auf dem linken Ufer bis zur ersten größeren Stadt, Tadum. Von hier verläßt sie den Strom, um in einem nördlicheren Tale ihm parallel zu wandern, bis sie ihn bei Dschanglatsche wieder erreicht. Hier überschreitet man den Sangpo in Fähren, und die Straße folgt ihm jetzt auf dem rechten Ufer bis in die Gegend von Schigatse. Unterhalb dieser Stadt entfernt sie sich weiter südlich von dem Flusse und macht, mehrere hohe Pässe, den Kharo-la (4500 m) und den Khamba-Ia (4050 m), überschreitend — die aber vermutlich doch immer noch bequemer sein müssen, als derTalweg des Flusses selbst — einen Bogen über das Nordufer des Yamdok-tso oder See Palte, bis sie den Sangpo bei Tschuschul in 3440 m Höhe wieder gewinnt und nun den Kitschu aufwärts zur Hauptstadt Lhassa geht (s. Abb. 2). Ein anderer Zweig folgt dem Sangpo weiter abwärts. An ihm liegt Tschetang, die letzte unter den größeren Städten im Sangpo-Tale.

Die ganze Erstreckung von Gartok nach Lhassa ist ca. 980 km lang, entspricht also ungefähr der Luftlinie von Köln nach Königsberg. Die Straße wird von der Regierung in gutem Stand gehalten, durch Obos, Steinhaufen mit hineingesteckten Gebetsfähnchen, gekennzeichnet und mit 22 offiziellen Stationen aus ein oder mehreren Unterkunftshäusern besetzt. Die größeren unter ihnen können 150—200 Menschen, die kleineren etwa ein Dutzend beherbergen. An diesen ist dann durch Zelte für weitere Bedürfnisse gesorgt. Für amtliche Boten, die diese Straße passieren, müssen von den Stationsvorstehern Pferde, Yakochsen und Kulis als Relais bereitgehalten werden. Die expressen Boten müssen den Weg von Lhassa nach Gartok in 20—30 Tagen zurücklegen. Ihnen werden auf der Brust die Kleider versiegelt; sie dürfen sie Tag und Nacht nicht ablegen, da sie ununterbrochen reiten und nur zur notwendigsten Speisung absteigen sollen. Sie pflegen dann völlig erschöpft an ihrem Ziel an-zukommen. Die Dauer einer gewöhnlichen Handels- oder Pilgerreise beträgt etwa 60 Tage. Trotz dieser Fürsorge der Regierung sind die Strapazen auf dieser großen Heerstraße immer noch außerordentlich. In ihrem westlichen Teile, zwischen Gartok und Tadum bleibt sie durchschnittlich nicht viel hinter der Höhe des Montblanc zurück und auch später hält sie sich in den Höhen der höheren Alpengipfel. Erfrischungen und Bequemlichkeiten sind auf weiten Strecken sehr spärlich zu haben; in den höheren Teilen ist auch hier der Argol das einzige Feuerungsmaterial für die kalten Zeiten.

Vom Zentrum Lhassa strahlen dann endlich noch einige andere Straßenzüge nach Nordwesten, Nordosten und Osten aus.

Die Wege freilich nach Westnordwest, von Lhassa nach Leh und Ladak über die südlichen, mit einer Kette abflußloser Seen überstreuten Gegenden von Tschangtang, die vom Pundit Nain-Singh bekannt gemacht wurden, sind so furchtbar der „Schmerzensweg“ Sven Hedins, der auf seiner letzten Reise ungefähr die gleichen Pfade zurücklegte, hat das von neuem bekräftigt — daß sie als wirkliche Verkehrsstraßen kaum zu nennen sind.

Ähnlich muß es mit einem Straßenzuge sein, der diagonal über das Hochland in nordwestlicher Richtung hinwegführt, von Lhassa nach dem Keria-Paß in Ostturkestan, und den wir bisher nur aus der chinesischen Reichskarte und einigen kurzen Notizen der chinesischen Geographie kennen. Noch ist ihn bis heute kein Forschungsreisender nachgewandertn). Kaiser Kienlung soll ihn im 18. Jahrhundert in der Machtblüte des Mandschu-Reichs angelegt haben, zur Verbindung von Lhassa mit dem damals ebenfalls chinesisch gewordenen Khotan und Yarkand. Er muß aber, da er das unwirtliche Hochland in seiner ganzen Länge überschreitet, so ungeheuere Schwierigkeiten bieten, daß er wohl nur dem Pilger- und offiziellen Botenverkehr gedient hat und vielleicht heute, zurZeit des Verfalls der Mandschu-Herrschaft, wieder eingegangen ist.

Eine alte, vielbenutzte Straße nach der chinesischen Provinz Kansu führt von Lhassa nordnordöstlich über das Tangla-Gebirge, und dann, streckenweis geteilt, über die Quellflüsse des Yangtsekiang und den Kukunoor nach Hsi-ningfu und Lantschou. Dies ist der Weg, auf dem schon Gruber und Dorville und später Huc und Gäbet nach Lhassa gewandert sind; da er über die Steppen von Kukunoorien und den Osten des Hochlandes Tschangtang führt, ebenfalls ein recht beschwerlicher Pfad. Ein anderer, etwas weiter östlich verlaufender Weg zweigt sich von dem vorhergehenden nach rechts ab und führt über die Quellseen des Hwang-ho ebenfalls nach Hsiningfu.

Endlich haben wir direkt nach Osten, als Hauptverbindung mit dem Schutzherrschaftslande China, mehrere wichtige Heerstraßen, die von Lhassa über die wildgefurchte Gebirgs-welt von Kham nach Tschöngtufu, der Kapitale der chinesischen Provinz Szetschwan, gehen. Die eine verläuft unmittelbar ostwärts von Lhassa über Lhari, Tschiamdo, Batang und Litang nach Tatsienlu; dies ist der offizielle Weg der chinesischen Kuriere. Die andere macht einen größeren Nordbogen über Kegudo ebendahin. Eine dritte Zwischenstrecke über Riwuische verbindet beide. Große Einöden sind hier zu durchwandern, tiefeingerissene Flüsse auf verwegenen Brücken zu überschreiten, aber sie sind die Ader, durch die der reiche Handelsverkehr zwischen dem Reiche der Mitte und seinem Tributärstaat Tibet pulsiert.

Wagen werden für den Großverkehr nicht gebraucht, Flüsse zur Schiffahrt nur auf kürzere Strecken benutzt; in der Hauptsache findet der Transport auf den Rücken von Tieren, insbesondere von Yakochsen, Pferden, Maultieren oder auch Schafen statt.

Der Handel, der sich auf diesen Straßen bewegt, ist trotz der ungewöhnlichen natürlichen Schwierigkeiten ein ziemlich lebhafter, denn die Tibeter sind nach übereinstimmendem Urteil begabte Kaufleute und der Klerus betreibt den Handel in großem Stil. Jedes Kloster hat seinen Handelschef, seine Warenniederlage, seine Lasttier-Herden. Die Hauptmärkte des Landes sind Lhassa und Schigatse; kleinere Gartok, Gyangtse, Tschetang und die übrigen größeren Städte. Alljährlich finden Messen statt, zu denen, wie besonders in den beiden erstgenannten Orten, die Karawanen weit her aus den Tibet umgrenzenden Ländern Asiens kommen. Hedin begegnete unweit des Tengrinoor einer Karawane mit dreihundert Yaks, die nur Ziegeltee von Nordwestchina nach Schigatse führten.

Tibets wichtigste Ausfuhrartikel sind vor allem Erzeugnisse seiner Viehzucht. An erster Stelle steht die Schafwolle, vorzugsweise in roher Form, dann aber auch in Gestalt von dicken, weichen Kleiderstoffen, die besonders in Gyangtse hergestellt werden. Dazu Felle, Yakschwänze, die schon im Altertum als Zeichen besonderer Würde als „Roßschweife“, bis weit in die mittelmeerische Welt gebracht worden sind, von indischen Prinzessinnen als Fliegenwedel benutzt, von verschiedenen Religionen als Kultgegenstände verwertet werden. Ferner der Moschus des Moschustiers. Auch lebendes Vieh wird exportiert. Daneben Salz von den Salzseen, Borax von ebendaher und die Erzeugnisse des Bergbaus, insbesondere das Gold.

Import-Artikel sind vor allem Industrieerzeugnisse, Seide-und Seidenstoffe, Leder und Sättel, dann auch Reis, Tabak, Korallen, Perlen, Indigo, Gewürze und in großen Mengen Tee, der dem Tibeter zur Bereitung seines Nationalgetränks der „Tsamba“ unentbehrlich ist und selbst noch über die Himalaya-Pässe nach Süden geht.

China monopolisiert durch seine bewußte Grenzverschließung gegen den Süden den Handel mit Tibet fast völlig. Der Austausch mit Indien, über den wir allein eine genauere Statistik besitzen (s. darüber näheres im Kapitel „Tibet und England“), ist verhältnismäßig geringfügig, der mit dem Reich der Mitte dagegen, systematisch von den ebenfalls als ausgezeichnete Kaufleute bekannten Chinesen begünstigt, seit Jahrhunderten sehr lebhaft. Fast alle Bedürfnisse an den Manufaktur-Erzeugnissen einer höheren Zivilisation deckt das Land aus China. Die Hauptrolle aber spielt der grobe, in Ziegelform gepreßte chinesische Tee, den es vorzugsweise aus der Provinz Szetschwan bezieht. Man hat gesagt, daß China mehr mit Hilfe dieses Tees als durch Waffengewalt Tibet erobert hat und in Abhängigkeit erhält. Nach Berechnungen von Rockhill gehen allein über Tatsienlu jährlich 6115000 kg Teeziegel nach China. Nach einer anderen Schätzung ist den Gesamtwert der jährlichen Teeeinfuhr von China nahezu vier Millionen Mark.

Es ist also nicht zu verkennen, daß seit alter Zeit und ganz besonders in den letzten Jahrhunderten Tibets Verkehr vorwiegend nach Osten und Norden, nicht nach Süden gravitiert. Ebensowenig aber, daß dies vielmehr eine Folge der religiösen und politischen, als der natürlichen Verhältnisse ist. Denn an sich dürften die langen und furchtbaren Wege nach Ost- und Innerasien dem Verkehr noch größere Schwierigkeiten bieten, als die über die rauhen aber kurzen Pässe nach dem unmittelbar vor den Toren Tibets liegenden britischen Indien. Von den Tiefländern im Nordwesten, Norden, Nordosten und Osten braucht eine friedliche Karawane im besten Falle einige Monate, um nach Lhassa zu gelangen; von Bengalen aus kaum ebenso viele Wochen. Der modernen Technik wird es hier schwerlich unmöglich bleiben, selbst eine Eisenbahn-Linie auf diese Höhen hinaufzuführen. Soweit sich heut überschauen läßt, dürfte ihr wahrscheinlicher Weg längs des Ammo zum Tschumbi-Tal aufsteigen und über den Tang-Ia zunächst nach Gyangtse und Schigatse gehen.

Sicherlich wird sich nach Aufhebung der Suzeränität Chinas, Beseitigung der Grenzschwierigkeiten und Verbesserung des Zugangs ein großer Teil des Handels dem näheren Indien zuwenden.

Text aus dem Buch: Tibet und die englische Expedition (1904), Author: Wegener, Georg.

Die einzelnen Buchkapitel:
Tibet und die englische Expedition – Einleitung
Tibet und die englische Expedition – Größe des tibetischen Reiches
Tibet und die englische Expedition – Die Entwicklung der Kenntnis von Tibet
Tibet und die englische Expedition – Die Landschaft
Tibet und die englische Expedition – Klima und Erzeugnisse
Tibet und die englische Expedition – Die Tibeter
Tibet und die englische Expedition – Verkehrswege und Handel
Tibet und die englische Expedition – Lhassa
Tibet und die englische Expedition – Die politische Geschichte Tibets bis zur Gegenwart
Tibet und die englische Expedition – Tibet und England
Tibet und die englische Expedition – Nachwort

Tibet und die englische Expedition