Litauen, heute 65 200 qkm groß, wird von 3,67 Millionen Menschen bewohnt. Davon sind nahezu 80 Prozent Litauer. Hinzu kommen 9 Prozent Russen, 7 Prozent Polen, 1,7 Prozent Weißrussen und 1,2 Prozent Ukrainer. In der Hauptstadt Wilna (Vilnius) wohnen 566 000 Einwohner. Die landwirtschaftlich geprägte, wenig industrialisierte ehemalige Republik der UdSSR hat nur einen schmalen Zugang zur Ostsee und grenzt südlich davon an den nordostcuropäischen »Oblast Kaliningrad» (Bezirk Königsberg, ehemals Nord-Ostpreußen), der von Rußland verwaltet wird, an Polen im Süden, an Weißrußland im Osten sowie an Lettland im Norden. 80 Prozent der Litauer bekennen sich zur katholischen Kirche, die eine wichtige Rolle bei der Befreiung des Landes spielte.

Lettland, 63 700 qkm groß, zählt 2,66 Millionen Einwohner, davon leben 900 000 in der Hauptstadt Riga. Während offizielle Statistiken darunter noch 52 Prozent Letten ausweisen, gilt es als offenes Geheimnis, daß deren Anteil inzwischen weniger als die Hälfte ausmacht. Größte Minderheit sind die Russen (nach der offiziellen Statistik 34 Prozent), Ukrainer (3,5 Prozent) und Polen (2,3 Prozent). Neben der Landwirtschaft hat sich eine verarbeitende Industrie (Elektrotechnik, Maschinenbau, Chemie) entwickelt. Litauen, Weißrußland und der »Oblast Kaliningrad« im Osten sowie Estland im Norden sind die Nachbarn.

Estland war mit 45 100 qkm die (nach Armenien) zweitkleinste Republik der UdSSR und hat heute 1,56 Millionen Einwohner. Diese setzen sich zu 61 Prozent aus Esten, zu 30 Prozent aus Russen, zu 3,1 Prozent aus Ukrainern und zu 1,8 Prozent aus Weißrussen zusammen. Wichtigster Bodenschatz sind Brennschiefer und Phosphorit, deren Abbau aber zugleich die Ökologie schwer belastet. Aus Land- und Forstwirtschaft kommen mehr als 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zellstoff- und Papierindustrie sind ebenfalls von Bedeutung. Außer an Lettland grenzt Estland nur an Rußland. Von der Hauptstadt Reval (Tallinn) mit ihren 478 000 Einwohnern sind Helsinki und das sprachlich und ethnisch verwandte finnische Volk jedoch nur 80 km entfernt, getrennt durch die Ostsee.

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Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Baltikum

Mit der Durchdringung im 12. Jahrhundert legten die Ordensritter und die Kaufherren von Lübeck den Grund für die Einbeziehung des baltischen Raumes in den deutschen Kulturkreis. Die geopolitischc Lage, die ehemalige Herrschaft der Goten und Waräger als auch die Menschen, die dieses Land seit Urzeiten besiedelten, waren die Voraussetzung dazu, denn die bodenständigen Ingrier, Esten, Letten und Litauer hatten einen nordischen Rassenkern. Im Laufe der langen Zeit ging jedoch dieses ursprüngliche Merkmal durch die ostbaltische Unterwanderung verloren,

Sowohl die litauische als auch die lettische Sprache sind indogermanisch. Die Zugehörigkeit des Estnischen und des Ingrischen zur finnougrischen Sprachengruppe darf keineswegs darüber hinwegtäuschen, daß hier vor mehr als drei Jahrtausenden eine sprachliche Ueberlagerung der nordischen Landesbewohner durch andersrassige Völker stattgefunden hat.

Noch heute verraten manche Hügelgräber, Sagen und Bräuche dieser Völker ihre ursprünglich nordisch-germanische Grundhaltung, die u. a. in der Abwehr der im Jahre 1582 einsetzenden Gegenreformation und in der Teilnahme am Kampfe Karls XII. gegen Peter I. sichtbar zum Ausdruck kam. Dieselbe ablehnende Einstellung dem imperialistischen Russentum gegenüber zeigte sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als Ingrier, Esten und Letten ihr Volkstum zu verteidigen hatten.

Abweichend davon war die Ausrichtung der Litauer, die durch ihre enge Verknüpfung mit dem Polentum unter den Einfluß des Katholizismus und der fremdvölkischen Adelsschicht geraten waren. Gegen spätere Russifizierungsmaßnahmen der Zarenregierung leistete jedoch auch das litauische Volk Widerstand. Viele Litauer gingen unter dem russischen Druck nach Deutschland oder wanderten nach Uebersee aus.

Es kam jedoch infolge dieser Politik Petersburgs nicht zu der erhofften Entnationalisierung des litauischen Volkes, sondern zur Weckung des Widerstandswillens auf Kosten der polnischen Kräfte. Träger des neu aufkommenden Volksbewußtseins war zunächst die litauische katholische Geistlichkeit, die gegen die Bestrebungen der zarentreuen orthodoxen Kirche Stellung nahm, und dann ein Intellektuellenkreis, der zu revolutionären Parteien Rußlands Verbindung fand. Doch fehlte diesen Versuchen ein fest umrissenes politisches Programm.

Erst die Revolution von 1905 brachte dem Litauertum gewisse Erleichterungen, wie z. B. Aufhebung des Druckverbotes und Zulassung der litauischen Sprache in Privatschulen. Eine ganz neue Lage ergab sich mit dem Einmarsch der deutschen Truppen im Jahre 1915. Im Zuge der Zusammenarbeit mit Deutschland wurde von den litauischen Vertretern Ende 1917 die Unabhängikeit des Landes ausgerufen, das den Herzog von Urach zum König wählen sollte. Der Abmarsch der Deutschen führte aber zur Errichtung einer unabhängigen Republik, die im Jahre 1940 wieder das Opfer des Moskauer Imperialismus wurde.

In der Entwicklung des Lettentums zu einem europäischen, gegen den Osten abgeschlossenen Volk spielte die Neuordnung des baltischen Raumes im 13. Jahrhundert eine ausschlaggebende Rolle, Erste Ansätze zu einer lettischen Selbstbesinnung finden sich in einer Verwendung des Lettischen im Gottesdienst wie auch darin, daß sich deutsche Pastoren des lettischen Bauerntums seit Ende des 18. Jahrhunderts annahmen. Als später ein Teil der lettischen Intelligenz mit russischen panslawistischen Kreisen zusammenging, erfuhr das politische Leben der Letten eine besondere Verschärfung,

Im Zusammenhang mit der Revolution von 1917 versuchte auch das Lettentum zu einer Unabhängigkeit von Rußland zu kommen, die es ohne den Einsatz deutscher Freikorps und einer Volksdeutschen Landeswehr aber nicht gegen den bei ihm eingedrungenen Bolschewismus hätte erringen können. Durch die deutsche Hilfe aber war die militärische Voraussetzung zum Erfolg des lettischen Kampfes gegen die Sowjetmacht im Friedensvertrag von Riga geschaffen, wonach Moskau die Grenze des selbständigen lettischen Volksstaates anerkannte, die es vorher durch die Rote Armee überschreiten ließ.

Besonders scharf traf die Unterdrückungspolitik des Zarenstaates im vorigen Jahrhundert das Estentum, dessen Volkstumsarbeit in ihren ersten Anfängen dadurch völlig gelähmt wurde. Neue Möglichkeiten brachte aber dem estnischen Volke der Zerfall des russischen Imperiums. Während das Estentum aber noch nach einer Form für sein Eigenleben suchte, kam es jedoch zum bolschewistischen Einbruch, der jegliche weitere nationalpolilische Entfaltung des Landes gänzlich unterband.

Im Februar 1918 wuirde angesichts des deutschen Vormarsches der Freistaat Estland ausgerufen, der — zwar praktisch ohne Bedeutung — einen entscheidenden Schritt zur Unabhängigkeit darstellte. Nach dem Abzug der deutschen Truppen vermochten die Esten sich ihre Freiheit vom Bolschewismus — Schulter an Schulter mit den Volksdeutschen — zu erkämpfen. Wie Litauen und Lettland geriet auch Estland rund zwei Jahrzehnte später für kurze Zeit unter die Sowjetmacht und wurde wie diese erst wieder durch Deutschland gerettet.

Ingermanland fiel Moskowien nach der Vernichtung des Freistaates von Großnaugard (1478) zu. Von 1670 bis 1721 gehörte das Land zu Schweden. Dieser Zeitraum trug zur Festigung der rassischen Beziehungen zu Skandinavien noch mehr bei, weshalb die Ingrier bis in die letzten Jahre sich deutlich von dem Russentum unterschieden.

Heute zählen die Litauer rund 2 200 000, die Letten über 1 500 000, die Esten fast 1 000 000 und die Ingrier lediglich 14 000 Köpfe.

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