Schlagwort: Litteratur Zeitung Jena

Zu einer letzten Wirkung von Goethes Verhältnis zu den graphischen Künsten führen uns aber die genannten kleineren Aufträge Goethes an Weimarer Künstler: zu der Einrichtung und Förderung graphischer Anstalten in Weimar.

Schon im Jahre der Übersiedlung Goethes nach Weimar, 1775, wurde vornehmlich auf seine Anregung hin eine „Herzoglich Freie Zeichnenschule“ eröffnet, die unentgeltlichen Unterricht erteilte.110 Georg Melchior Kraus, der Goethe schon von Frankfurt her wohlbekannt, durch die Gräfin Werthern in Weimar eingeführt worden war, erhielt die Leitung der Schule, die zunächst im „Roten Schloß“ ihren Sitz hatte. Jährliche Ausstellungen mit Preisverteilungen eiferten die Schüler an. Über die erste Ausstellung schreibt Goethe 1779 an Frau von Stein: „Es ist schade, daß Sie nicht zugegen waren und die Ausstellung unseres kleinen Anfangs sahen. Jedermann hatte doch auf seine Art eine Freude daran, und es ist gewiß die unschuldigste Art der Aufmunterung, wenn doch jeder weiß, daß alle Jahr einmal öffentlich auf das was er im Stillen gearbeitet hat reflektiert, und sein Nähme in Ehren genannt wird. — Den Herzog hats vergnügt, daß er doch einmal was gesehen hat, das unter seinem Schatten gedeiht, und daß ihm Leute dafür danken, daß er ihnen zum Guten Gelegenheit giebt“ (4. September 1779).

Als Goethe nach der Rückkehr von Italien die Oberaufsicht über die wissenschaftlichen und künstlerischen Anstalten des Herzogtums übernahm, war es ihm vornehmlich auch darum zu tun, tüchtige Künstler und besonders Graphiker nach Weimar zu ziehen, um dort allmählich „eine artige Academie aufzustellen“, wie er an die Herzogin Anna Amalia nach Rom schreibt. Außer Meyer und Burg wünschte er vor allem Heinrich Lips, den er in Rom ja bei eigenen Aufträgen sehr schätzen gelernt hatte, nach Weimar zu ziehen. In einem ausführlichen Briefe legt er ihm die Vorteile einer Übersiedlung nach Weimar dar:

„Wir sind hier in Absicht auf Buchhändlerische Entreprisen, die in Deutschland gemacht werden, gleichsam im Mittelpunkt. Leipzig ist nahe, Gotha näher und die Betriebsamkeit einiger Gelehrten und Künstler, die weite Würckung der Litteratur Zeitung zu Jena und andere Vortheile setzen uns in den Stand manches zu unternehmen und an manchem Theil zu nehmen, wäre ein geschickter Kupferstecher hier am Orte; so könnte noch manches mehr geschehen. — Vorerst also soll ich Ihnen 150 rh jährlich anbieten, welche Durchl. der Herzog zahlen, wogegen nichts von Ihnen gefordert wird, als daß Sie einigen jungen Leuten, welche bisher sich im Kupferstechen ein wenig geübt haben und denen die sich in der Folge auf diese Kunst zu legen Lust hätten Anleitung gäben und überhaupt unsrer Zeichenschule nützlich zu seyn, mit bedacht wären, welches aber mit größter Schonung der Zeit geschehen kann. — Ghodowiecki wird alt und schwach. Schon jetzt wird manches sich ehe(r) an Sie und in der Folge alles an Sie wenden. — Vielleicht unternehmen wir einmal zusammen ein ernsteres Werck; ich habe viele Ideen die nach und nach reif werden“ (23. März 1789).

Zu Carl August äußerte er bald darauf (Mitte Mai 1789): „Von Lips verspreche ich mir viel.“ Lips nahm den Ruf nach Weimar an, freudig hieß ihn Goethe in einem Brief vom 1. Juni 1789 in Weimar willkommen. Freilich blieb er nur bis 1794 in Weimar und siedelte dann wieder in seine Vaterstadt Zürich über.

Begreiflich ist nun das Interesse, das Goethe dem neu eingerichteten graphischen Institut in Dessau entgegenbrachte. Ein ausführlicher Brief darüber an Meyer vom 19. Januar 1797 ist uns erhalten: „In Dessau hat man ein Kupferstecher Institut unternommen, wovon die Folge erst zeigen muß, ob es bestehen kann. Man hat verschiedene Künstler hingezogen, die in schwarzer Kunst, Aqua tinta und punctierter Manier nach Zeichnungen und Copien arbeiten, welche man von weitem und nahem heranschafft.“ Er charakterisiert sodann die einzelnen dort wirkenden Künstler und faßt sein Urteil dahin zusammen: das Institut „mag sich heben und erhalten oder sinken und zu Grunde gehen, so ist es immer für den Künstler ein merkwürdiges

Phänomen und er kann hoffen, wenn es reüssiert, sich mit ernsthaften Arbeiten daran anzuschließen.“ Und in einer Besprechung der Veröffentlichung der „Chalko-graphischen Gesellschaft in Dessau“ in den „Propyläen“ (II, 1) schreibt er 1799:

„Die Sache spricht für sich selbst und jedermann wird einsehen müssen, wie bedeutend es für Maler und Kupferstecher sein müsse, wenn in einer Zeit, welche im ganzen die Künste so wenig begünstigt, sich ein Mittelpunkt feststellt, von da aus manches treffliche Werk, manche gute Arbeit gefördert werden kann.“

Die Einrichtung einer solchen Anstalt in Weimar ließ sich natürlich nicht so rasch verwirklichen. Doch entwickelte sich wenigstens die Zeichenschule sehr gut weiter, nachdem 1806 Heinrich Meyer an Stelle des verstorbenen Kraus Direktor geworden und 1808 das geräumige „Fürstenhaus“ der Schule zugewiesen worden war. Außer Meyer und Jagemann unterrichtete der Kupferstecher und Lithograph Franz Heinrich Müller. Dieser hatte in München die Kunst des Steindruckes erlernt. Schon 1809 (22. Februar) hatte Goethe an Aretin nach München geschrieben:

„Die mir übersendeten Nachrichten nebst den vortrefflichen Mustern des Steinabdruckes habe ich sogleich unserem gnädigen Herrn vorgezeigt, welcher diesem Unternehmen seinen entschiedenen Beyfall nicht versagen konnte, vielmehr sogleich sich entschloß, ein paar Subjekte nach München zu schicken um so zu manchem anderen Guten auch diese Kunst nach Weimar zu verpflanzen.“

Der Großherzog übergab 1819 die von Müller begründete „Lithographische Anstalt“ der besonderen Obhut Goethes. Hier wurde dann die „Weimarische Pinakothek“ veröffentlicht.

Bis zu seinem Tode hat Goethe mit lebhaftester Anteilnahme die Zeichenschule, deren größter Schüler Friedrich Preller war, gefördert und gerade auf den graphischen Unterricht ein Hauptgewicht gelegt. Noch 1831 macht er den Vorschlag, Schwerdtgeburth „ein paar junge Leute
contractmässig in die Lehre zu geben mit genauer Bestimmung des geforderten Unterrichts, welches wir jetzt auszuführen um so mehr im Falle sind, als wir durch Longhis Chalkographie mit der Technik dieser Kunst näher bekannt geworden“ (An Meyer, 24. September 1831).

Zu größeren Unternehmungen fehlten nun freilich in Weimar, wie Goethe selbst 1828 in einem Brief an Heinrich Müller bei dessen Berufung nach Karlsruhe es unumwunden ausspricht, die Mittel. Was dennoch, besonders auch dank dem Weitblick Carl Augusts, geleistet wurde, bleibt bewundernswert.

Schluß.

„So wird man vom Ganzen ins Einzelne und vom Einzelnen ins Ganze getrieben, man mag wollen oder nicht“

— mit diesen Worten beschließt Goethe einen seiner letzten Briefe an Sulpiz Boisseree. Sie dürfen auch am Schluß unserer Betrachtungen stehen, wie sie sich bei einer jeden Beschäftigung mit Goethe bewahrheiten. Ein weites Bereich künstlerischen Schauens und historischer Erkenntnis tat unsere scheinbar so nebensächliche Frage auf; und über den engen Kreis von Goethes Weimarer Tätigkeit hinaus sehen wir sein immer belebtes Verhältnis zu den graphischen Künsten fruchtbringend weiterwirken. Denn es ist nicht anders: im Kleinsten und Entlegendsten ist er groß und allumfassend gegenwärtig:

Immer wechselnd, fest sich haltend Nah und fern und fern und nah.

So gestaltend, umgestaltend —

Zum Erstaunen bin ich da.

Text aus dem Buch: Goethe und die graphischen Künste (1913), Author: Brandt, Hermann.

Goethe und die graphischen Künste – Vorwort und Einleitung
Goethe und die graphischen Künste – Die Grundlagen der Urteile
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Die Italiener.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Deutsche.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Niederländer.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Franzosen.
Goethe und die graphischen Künste – Kupferstich und Radierung – Engländer.
Goethe und die graphischen Künste – Holzschnitt.
Goethe und die graphischen Künste – Steindruck.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes graphische Sammlungen.
Goethe und die graphischen Künste – Goethes Anregungen zu graphischen Werken.

Siehe auch:
Die altdeutsche Buchillustration
Deutsche Zeichenkunst im 19. Jahrhundert
Deutsche Exlibris
Die deutsche Graphik
Die deutsche Buchmalerei
Die altdeutsche Buchillustration

Goethe und die graphischen Künste