Schlagwort: Malerbiographien

IM Jahre 1581 sagten sich die nördlichen Provinzen der Niederlande von Spanien los. Wir finden kein Jahr mit besseren Ansprüchen, wenn wir das Geburtsdatum des holländischen Staates suchen. Erst 1609 freilich erlangte das junge Gemeinwesen Waffenstillstand und die Früchte der langen Kämpfe und Verhandlungen gar erst 1648 offizielle Anerkennung. Vor 1581 standen die nördlichen wie die südlichen Provinzen in unklarer Gegensätzlichkeit der spanisch – habsburgischen Dynastie gegenüber. Nach 1581 schied, klärte sich und erstarkte das germanische, protestantische und demokratische Wesen des holländischen Handelsvolkes und blieb im Kampfe mit der romanischen, altgläubigen und feudalen Fremdherrschaft Sieger. Im Jahre 1584 starb Wilhelm der Schweiger. In der kritischen Zeit zwischen 1581 und 1584 wurde Frans Hals geboren. Die holländische Kunst ist fast ebenso alt wie der holländische Staat.

Frans Hals kam in Antwerpen zur Welt; seine Familie gehörte aber seit Jahrhunderten zum Haarlemer Patriziat. Erst 1579 hatten die Kriegswirren seine Eltern nach Antwerpen getrieben. Schon vor 1600, scheint es, kam der junge Holländer in das junge Holland. In Antwerpen hätte er vielleicht bessere Lehrer gefunden als den Karel van Mander, der in Haarlem sein Meister gewesen sein soll, doch war es gewiss ein Glück für ihn und für seine Kunst, dass er die Luft der Vaterstadt, die eine Luft der Freiheit geworden war, so früh atmete. In der Stadt Haarlem, deren Kultur und materielles Glück in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts prächtig gedieh, blieb Frans Hals und starb hier 1666 bei hohen Jahren.

In der Kunst des Frans Hals sind einige Eigenschaften zu entdecken, die vlämisch anmuten, wie die Neigung zu grossen Verhältnissen, zu heller Lokalfarbigkeit, zu lauten Wirkungen und zu lebhafter Bewegung. Man könnte manches von den Antwerpener Jugendjahren herleiten. Ganz und gar Holländer aber ist der Meister, vom Kreis der Darstellungen abgesehen, in der Wurzel seines Wesens, wie die Sachlichkeit und Unmittelbarkeit seiner Naturauffassung, die Schärfe seiner auf das Einzelne, das Individuelle gerichteten Beobachtung zeigen. Von den siegreichen Kämpfen, in denen die Holländer ihre Unabhängigkeit erstritten, steht kein Ehrendenkmal auf Strassen oder Plätzen, das so eindrucksvoll und erinnerungsreich wäre wie die Bilderwand im Haarlemer Rathaus, auf der acht Doelenstücke des Frans Hals nebeneinander hängen.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Frans Hals 1580-1666

MEHR als einmal war Dürer längere Zeit von Nürnberg abwesend. Die Reisen erscheinen als deutlich gliedernde Einschnitte und erleichtern dem Biographen das Komponieren. Die Heimat gab dem Meister gewiss viel, seinem Charakter und seiner Kunst. Sein Vater hatte lange Jahrzehnte in Nürnberg gearbeitet, seine Mutter entstammte einer einheimischen Familie, und in Wolgemuts Haus empfing er die Tradition des nürnbergischen Malhandwerks. Die fränkische Kunst war erstarrt, ihre triebkräftige Zeit vorüber. Ob nun Wolgemut selbst oder, wie neuerdings wahrscheinlich gemacht worden ist, sein Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurf die leitende Kraft in der Werkstatt war, in der Dürer lernte, vermutlich verliess der Geselle dieses Haus und die Vaterstadt mit der Hoffnung auf höhere Belehrung. In dunkler Vorstellung mag er bessere Pflanzstätten seiner Kunst, die ihm gewiss ganz und gar lehrbar und lernbar erschien, in der Ferne gesehen haben, am Oberrhein, in den Niederlanden und in Italien.

„Und da ich ausgedient hatt, schickt mich mein Vater hinweg, und bliebe vier Jahr aussen, bis dass mich mein Vater wieder fodert. Und als ich im 1490 Jahr hinwegzog nach Ostern, darnach kam ich wieder als man zählt 1494 nach Pfingsten“.

Also wortkarg berichtet Dürer selbst in der Familienchronik über seine längste Abwesenheit von der Heimat. Das Dunkel, das über dieser Periode lag, ist ein wenig gelichtet worden. Gewiss waren diese vier Wanderjahre ertragreiche Lehrjahre. Mit dürstender Seele und jungen, für Eindrücke leicht empfänglichen Sinnen zog Dürer aus. In welchen Werkstätten er gearbeitet hat. ist die dringendste Frage. Leider kann sie nur unsicher, nur mit Vermutungen beantwortet werden.

Der Nürnberger Gelehrte Christoph Scheurl, der mit dem Meister in guten Beziehungen stand, überliefert eine interessante Nachricht. Dürer — das wisse er von ihm selbst — sei nicht, wie behauptet werde, Martin Schongauers Schüler gewesen; sein Vater habe ihn freilich, als er 13jährig gewesen sei, zu dem Elsässer Meister in die Lehre geben wollen. Schongauer sei jedoch um jene Zeit gestorben und Dürer deshalb in Wolgemuts Lehre gekommen. Als der Geselle später Deutschland durchwanderte, sei er auch nach Colmar, Schongauers Heimat, gelangt und von Martins Brüdern, Caspar, Paul und Ludwig, sowie zu Basel von dem vierten Bruder Georg freundlich aufgenommen worden. Martin Schongauer habe er trotz seines lebhaften Wunsches nie gesehen. So berichtet Scheurl.

ALBRECHT DÜRER 1471-1528 Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst

VITTORE PISANO nimmt unter den Künstlern des Quattrocento eine eigenartige Stellung ein. Sein Leben ist ein Wandern; er beginnt im Norden der Halbinsel seine Arbeit, wird dann auf jedem Fürstenschloss begehrt, bis er schliesslich im Neapler Süden anlangt. Seine Geschichte ist mit derjenigen der Fürsten seiner Zeit so eng verknüpft, dass seine Biographie unwillkürlich zu einer Dynastenchronik auswächst. Mit jungen Jahren schon als Maler hochgefeiert, bieten ihm die Adriastadt und der Papst die vornehmsten Aufträge an, die sie zu vergeben haben. Diese Thätigkeit in Venedig und Rom ist aber nur der bescheidene Anfang seiner von heller Fürstengunst umstrahlten Künstlerfahrt. In Ferrara, Mantua, Pavia, Rimini und Neapel darf er als familiaris neben den Grossen an der Tafel sitzen. Der Glanz des orientalischen Concils in Ferrara, das stark bewegte und feingestimmte Hofleben in der königlichen Parthenopeia haben seine Augen mit vollen Lichtern gesättigt. Nur an einer Stadt ist er zeitlebens vorbeigegangen, wohin kein Fürst ihn rief, wo er Mächtigere zu scheuen hatte — Florenz. Wir sind gewohnt, das Werden der Quattrocentokunst mit dem Wachstum des künstlerischen Bewusstseins in Florenz zu identificieren. Das ist ein Unrecht, in das wir, von Vasari verführt, immer wieder hereingeraten. Wir dürfen über Masaccio und Donatello Vittore Pisano nicht vergessen.

Das Museum: eine Anleitung zum Genuss der Werke bildender Kunst Vittore Pisano

BILDNISSE, die von der Hand grosser Meister stammen, sind den dargestellten Persönlichkeiten durchaus nicht immer so ähnlich, wie man glauben möchte. Obwohl Scharfblick und Verstand auch zu den unerlässlichen Requisiten grosser Meister gehören, fälscht doch einer der herrlichsten Vorzüge des Künstlers, die Phantasie, und hie und da selbst Gewohnheiten der Hand das Abbild öfters bis zur äusseren Unähnlichkeit. Das Porträt ist eine freie Meinungsäusserung des Künstlers über einen Nebenmenschen und bei einem Dürer, Rubens oder van Dyck, von Michelangelo ganz zu schweigen, ist recht viel von der Herren eigener Geist in die Bilder ihrer Nebenmenschen übergegangen.

Begegnet man aber unter Meisterbildnissen einer Schöpfung von Holbein, so überrascht der Eindruck unbedingter Wahrhaftigkeit. Man ist versucht, zu glauben, dass er den Leuten bis ins Herz hinein sah, dass seine Phantasie nie mit ihm durchgegangen ist und dass dieNeigungen zu k ünstlerischen Problemen eben so wenig wie etwa ein Rest von Ungeschick ihn hinderten, die Menschen so wiederzugeben, wie er sie beurteilt hatte. Sein technisches Können ist grösser als das all seiner Vorgänger im Norden. Jener starre Blick und jene steife Haltung, die Personen annehmen, wenn sie allzulange in einer Stellung verharren müssen, ist bei Holbein nie wie noch bei van Eyck und selbst bei Dürer in das Bildnis übergegangen.

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