Verzeichnis der 93 Abbildungen unten.

Die Zeiten, in denen griechisch-römische Kultur als höchstes Ideal und als einziges oder doch vornehmstes Bildungsmittel erschien, sind vorüber; die Gegenwart hat es gelernt, auf eignen füßen zu stehen. Wenn wir aber auch von antikem Wesen nicht mehr direkt abhängig sind, so werden wir uns doch hütten müssen, die Beschäftigung mit dem Altertume überhaupt als antiquiert und unnütz zu erklären.

Antike Kunst bietet bietet so viel herrliches und Großes, antike Technik so viel Herrliches und Großes, antike Technik so viel erstaunlich Durchdachtes, antikes Privatleben so viel liebenswürdiges Anheimelndes, daß wir der alten Kultur nie den Rücken wenden dürfen. Wir haben aufgehört, direkt praktisch von Griechen und Römern zu lernen – wenigstens bis zu einem gewissen Grade; wenn wir sie näher kennen lernen, sie zu lieben. Recht wenigen freilich, ist eine solch eingehende Beschäftigung mit dem Altertume möglich; allen denen aber, die der antiken Welt nicht durch eigne Studien nahe stehen, soll hier, soweit es auf engen Raume möglich war, ein Bild jener Kultur gegeben werden, der nicht nur unser deutsches Volk, sondern ganz Europa und die ganze europäische Welt ihre Bildung verdankt.



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Abbildungen Kunstartikel

Die verschiedensten Strömungen kamen zusammen, um im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts den großen und allgemeinen Aufschwung der Baukunst in Deutschland zu bewirken. In den österreichischen und bayerischen Landen hatten sich seit Ferdinands III. und des Kurfürsten Maximilian Zeiten in immer wachsender Menge italienische Baumeister, Steinarbeiter, Maurer, Stukkatoren und Quadratoren niedergelassen. Sie stammten meist aus den oberitalienischen Landschaften am anderen Fuß der Alpen, vom Comersee und aus der Lombardei. Namentlich der Kirchen- und Klosterbau wurde ihre Domäne. Doch gewannen sie auch im Schloßbau eine beherrschende Stellung. Noch um die Wende zum 18. Jahrhundert wirkten eine ganze Reihe italienischer Baumeister, die freilich meist schon seit einer oder zwei Generationen angesessenen Familien entsprossen, in den süddeutschen Residenzen: in Wien Burnacini und Martinelli, der Schöpfer der beiden Liechtensteinschen Paläste, in Würzburg Petrini, der Erbauer der Stiftshaugkirche, des Juliushospitals und des Schlosses Seehof, in Baden-Baden Rossi, um nur einige wenige vorwegzunehmen. Fruchtbare Stukkatoren waren die Carlone in Österreich und Bayern, und Simonetti, der in Berlin und Magdeburg wirkte. Die ganze erste Hälfte des Jahrhunderts blieb namentlich der Theaterbau und die Bühnendekoration in den Händen der Italiener, vorzüglich der Familie Galli aus Bi-biena bei Bologna, deren umfassende Tätigkeit als Festdekoratoren berührt worden ist. In ihren Schloßfassaden verraten die meisten dieser um 1700 tätigen Oberitaliener die Schulung an den strengen Formen der Nachfolger Palladios.

Zur gleichen Zeit hatten in Norddeutschland die niederländischen Baumeister aus der Schule des Kämpen und des Pieter Post Fuß gefaßt. Nehring, Smids, Rütger von Langesfeld und Ryckwarts sind einige der wichtigsten Namen. Wie durch die italienischen Bauhandwerker der Steinschnitt, die Stuck- und Mörteltechnik, so wurde durch die holländischen der Ziegelbau neubegründet. Mit der Wende zum 18. Jahrhundert dringen daneben in größerer Zahl Franzosen ein. Die ältere strengere Schule vertreten die dem Hugenottenkreise angehörenden Baumeister La Chieze in Berlin und Dieussart, der einiges in Mecklenburg und das alte Schloß in Bayreuth baute. Du Ry in Kassel, Cayart. der Erbauer der Langen Brücke und der Französischen Kirche in Berlin, ebendort de Bodt, der Schöpfer des Berliner Zeughauses und der Festungstore in Wesel, der nachher in Dresden wirkte und Augusts III. Lehrer in der Architektur wurde. Ferner in Berlin La Gajette und in Dresden Longuelune. Am Rhein wirken d’Hauberat, der für das Schloß in Mannheim Entwürfe lieferte und in Frankfurt das schöne Palais Thurn und Taxis erbaute; in Darmstadt de la Fosse, der Erbauer des nur teilweise ausgeführten landgräflichen Schlosses. Späterhin folgen St. Pierre in Bayreuth, der Schöpfer des dortigen Schlosses und der Fassade des Opernhauses, in Bonn Le-veilly, Baumeister des Michaeltores und des Rathauses; in Berlin Legeay, der die Hedwigskirche entwarf; in Stuttgart de la Guepiere. Der Hauptmeister des Münchner Rokokos ist der aus den belgischen Niederlanden stammende, in Paris gebildete Cuvillies. In der späteren Hälfte des Jahrhunderts hat die Einwanderung französischer Baumeister keineswegs nachgelassen. Man denke auch an die heimisch gewordenen Hugenottenfamilien der Du Ry in Kassel und der Gilly in Berlin.

Also auch auf dem Gebiete der Baukunst zunächst eine starke Überfremdung Deutschlands in diesem Jahrhundert! Nun wird allerdings die Baukunst, die von außen hereinkommt, von den Kräften des Bodens, auf dem sie ihre Werke errichtet, schon an sich beeinflußt. Die fremden Meister werden durch den Baugrund, durch das Material und das Klima und die Gewohnheiten der neuen Heimat sich anzupassen gezwungen. In den deutschen Bau-und Handwerksmeistern, die zur Ausführung mit herangezogen wurden, war auch keineswegs das alte Können durch den Dreißigjährigen Krieg hindurch völlig erstorben. Mancherlei Bauten, die bald darnach entstanden, zeugen von dem fortwirkenden Handwerk und einem gesunden, wenn auch derben künstlerischen Sinn. So sei an die Baumeisterfamilie Richter in Weimar erinnert, die im Schloß-, Landhaus- und steinernen Brückenbau Beachtenswertes schuf; namentlich an den protestantischen Kirchenbau, den in Frankfurt der Stadtbaumeister Heßler, in Hamburg Corvinus und in Braunschweig Korb vertreten. Ihr Schaffen ist teilweise eine Fortsetzung der vor dem Kriege durch die Wolfenbütteier und Bückeburger Kirchen eingeschlagenen selbständigen Bahn des evangelischen Kirchenbaues. Das Nachleben gotischer Gewölbe- und Fensterformen bezeugt insbesondere die Entwicklung dieses Zweiges aus dem Schoße des städtischen Bauhandwerks. Ähnlich haben einige von den Jesuiten mit Hilfe der heimischen Handwerker erbauten nordwestdeutschen Kirchen Nachklänge gotischer Formengebung. In Oberbayern hatte sich längst neben den Italienern eine Schule angesessener Baumeister, Maurer und Stukkatoren ausgebildet, die mit den Renaissance- und Barockformen wohl umzugehen verstand. Ihr Hauptsitz war die Gegend von Wessobrunn. Eine ganze Reihe oberbayerischer Landkirchen zeigt, daß auch die Raumgedanken der Renaissance, die die Münchener Michaelskirche zuerst ausgesprochen hatte, den Baumeistern des Landes in Fleisch und Blut übergegangen waren. An keiner anderen Stätte ist die Verschmelzung der italienischen modernen Bauweise mit den heimischen Kräften, so wie die ununterbrochene Fortführung aus der Renaissance in den Barock hinein deutlicher ausgesprochen als in Salzburg. Die erzbischöfliche Residenz und der Dom sind dafür bedeutsame Zeugen. Das ganze Gepräge dieser Stadt mit ihren weißgetünchten, gerade abschließenden Häusern mutet überhaupt schon halbitalienisch an. Die deutsche Kunstfertigkeit scheint sich namentlich noch auf dem Gebiete des Zimmerhandwerks ihren alten Ruf in kunstvollen Holzverbindungen bewahrt zu haben. Aus dem Zimmererhandwerk wachsen Korb in Braunschweig, Bähr in Dresden und andere Meister hervor. Überhaupt ist es beachtenswert, wie viele der nun auftretenden deutschen Baumeister dem Bauhandwerker- und Stukkatorengewerbe entstammen. Daß in der Möbelkunst und in den übrigen Zweigen der Raumausstattung die deutsche Kunst in noch höherem Maße aus eigenem den Weg ins 18. Jahrhundert fand, sei hier schon kurz angedeutet.

Die deutschen zünftigen Handwerker konnten nicht ruhig zusehen, wie die von den Fürsten und der Kirche geförderten fremden Künstler ihnen das Brot Wegnahmen. Überall erheben sich Beschwerden dagegen. Bewegtesten Ausdruck hat ihnen Fischer von Erlachs Freund, Johann Wagner, 1691 gegeben in dem „Ehrenruff Teutschlands, der Teutschen und ihres Reichs“. War doch gerade in der Kaiserstadt die Stellung der deutschen Bauleute fast schon ein Jahrhundert daher von den Italienern beeinträchtigt worden. Aber mit Klagen war nichts getan, denn die Ausländer hatten die siegreiche Macht der neuen Barockideen auf ihrer Seite. Mit Stolz und Zuversicht zu dem unverwüstlichen Genius unseres Volkes müssen wir nun blicken auf die Reihe großer Männer, die sich an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert erhoben und die fremden Formen und Gedanken mit dem Pulsschlag des eigenen Blutes erfüllten. Es sind zunächst Johann Dientzenhofer, Bernhard Fischer von Erlach, Lukas von Hildebrand, Andreas Schlüter und Pöppelmann. Diese haben durch erneute Studien in Italien den Geist der barocken Architektur erst eigentlich vollständig in Deutschland heimisch gemacht. Sie und eine Anzahl trefflicher Meister haben den deutschen Barock aus den Fesseln der älteren italienischen, holländischen und französischen Richtung befreit und mit warmem Leben erfüllt. Auf ihren Schultern steht die zweite Generation grober Baukünstler, zu denen Cuvillies, Neumann, Schlaun, Thomann und Knobelsdorff gehören. In dieser Generation erreicht der deutsche Raumsinn den Höhepunkt. Auf der anderen Seite ist die Einwirkung der französischen Baukunst in der Grundriß- und Aufrißlösung und im Ornament durchgedrungen. Neben dem unmittelbaren Eingreifen der Franzosen, das uns im hellsten Lichte die Bautätigkeit des Kölner Kurfürsten Joseph Clemens vor Augen bringt, hat das Studium dieser zweiten Architektengeneration in Paris die Aufnahme der französischen Formen beschleunigt. Effner, Cuvillies, Neumann, Knobelsdorff und viele andere haben Paris besucht. Endlich gewannen die musterhaften Kupferwerke der Pariser Schule, die Schriften Blondels, des Courdemoy, des Briseux und des Boffrand den größten Einfluß in den deutschen Baubüros. Auch in Deutschland erschienen theoretische Werke und Kupferpublikationen. Goldmann, ein Schlesier, später Professor in Leiden, und sein Schüler Sturm, Professor in Frankfurt an der Oder, behandelten die mathematischen, statischen und praktischen Fragen. Paul Decker, der in Berlin unter Schlüter gearbeitet, verbreitete durch seinen „fürstlichen Baumeister“ den prunkenden Barockgeschmack der Schlüterschen Richtung. Ähnlich wirkte Schübler durch seine Kupferwerke, während Kleiner in Mainz die Bauten und Gartenschöpfungen der Schönborn in Wien, in Franken und in Mainz bekannt machte. Seine in Augsburg gestochenen Kupfer brachten namentlich die von Hildebrand und seinen Schülern geschaffenen Bauten und Innenräume der Schönbornschen Schlösser in weitere Kreise. Im großen und ganzen betätigt sich in all diesen Büchern mehr das Gefallen an malerischen Wirkungen und an schmückendem Zierat. Niemals wird man sie mit den bis heute ihre Weltgeltung behauptenden Lehrbüchern der Pariser Baumeister in einem Atem nennen dürfen. Auf dem Gebiete des Ornamentes fehlen uns die genialen Zeichner, wie sie Frankreich in Marot, Berain, Meis-sonier usw. besaß. Die Kupferwerke dieser Meister wurden von den Augsburger Kupferstechern für den Gebrauch des heimischen Handwerks ausgenutzt.

Wirft man einen Blick auf die Entstehung der großen Bauwerke, der Kirchen und Schlösser, so trifft man hier auf Vorgänge, die unserer Vorstellung vom künstlerischen Schaffen befremdend erscheinen. Der Wille des Bauherrn bestimmt den ersten Plan und beherrscht bis zuletzt die Ausführung. Bauten, die der Fürst auf seinen Reisen gesehen, wünscht er nachgeahmt. Nun wird eine Sammlung von Kupferwerken zusammengebracht, und auf Grund dieser Vorlagen muß der Architekt, dem Wunsche des Bauherrn gemäß, seine Pläne entwerfen. Nicht selten werden auch von anderen Architekten Entwürfe eingefordert. Es kommt sogar vor, daß die Gedanken aus den fremden Entwürfen einfach mitverarbeitet werden, ohne die Erfinder weiter zu Rate zu ziehen. Dann werden ferner die fertigen Pläne anderen Architekten vorgelegt, die darin Korrekturen vornehmen. Ein hervorragendes Beispiel dafür ist die Geschichte des Würzburger Schlosses. Neumann mußte nach Paris, um seine Schloßpläne von de Cotte und Boffrand prüfen zu lassen. Die beiden Franzosen strichen den rechten Flügel des Treppenhauses und nahmen andere Veränderungen vor. Später hat der Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn noch den Hausarchitekten der Familie, Lucas von Hildebrand, in Wien zu Rate gezogen. Bei dem Schloß in Pommersfelclen, dem unmittelbaren Vorläufer des Würzburger Schlosses, scheinen nacheinander drei verschiedene Baumeister hinzugezogen zu sein: Johann Dientzenhofer, dem die Flügel, Maximilian von Welsch, dem das Corps de Logis, und Lucas von Hildebrand, dem wahrscheinlich eine starke Beteiligung an der inneren Austattung zuzuschreiben ist. Welche Schwierigkeiten aus diesem Zusammenwirken verschiedener Baumeister an ein und demselben Bau entstehen mußten, läßt sich denken. Für die Baugeschichte erwächst daraus eine Kette kaum oder gar nicht zu lösender Fragen. Nun kommt noch ein Punkt hinzu: die Arbeitsteilung. Der große Baumeister war natürlich viel zu sehr beschäftigt, um seine Entwürfe alle selbst auszuzeichnen, geschweige denn auszuführen. Soll doch ein Mann wie Knobelsdorff, der allerdings von Hause aus nur Liebhaber war, überhaupt keine geometrischen Risse gezeichnet haben, sondern nur malerische Perspektiven! In Krüger hatte er sich einen Schüler herangebildet, der seine Ideen erst in die mathematische Sprache der Architektur umsetzte. Nun erst die Ausführung. Auch sie lag sehr oft in der Hand eines anderen, mehr praktisch geschulten Baumeisters. Endlich wurden die Verzierungen, der Schmuck der Gesimse, der Giebel und Kapitelle von Bildhauern meist ganz selbständig nur nach den allgemeinen Maß- und Linienandeutungen des Baukünstlers ausgeführt. DieseBildhauer sind schöpferische Künstler, im Besitze eigener Einfälle und Formen. Sie greifen zuweilen geradezu bestimmend in das Ganze der Komposition ein, wie etwa Tietz in Bamberg, Würzburg und Trier, und Feill in Trier, am Erbdrostenhof und am Schloß in Münster. Namentlich in der Innenaustattung wurde dem Können und der Phantasie der Bildhauer vielfach freie Hand gelassen. So wurden die süddeutschen Stukka-toren zu den Bauten am Main, im Kölnischen und im Westfälischen herangezogen. Die Gemächer Friedrichs des Großen in den Knobelsdorffschen Bauten verdanken ihre Ausstattung den Bildhauern Nahl und Hoppenhaupt.

Aus all dem Gesagten leuchtet ein, wie schwierig oft die Feststellung der persönlichen Leistung des einzelnen fallen muß. Es herrscht in den großen Bauunternehmungen ein Zusammenwirken vieler Kräfte, wie in der gotischen Epoche. Aber eben dieses Zusammenwirken kennzeichnet das gesunde Denken des 18. Jahrhunderts auf dem Gebiete der Baukunst. Alle Künstler und Handwerker ordnen sich dem Willen des Bauherrn und des Baumeisters unter. Es ist ein einziges Orchester, in dem alle Instrumente, jedes seine Partitur verfolgend, beseligt dahinschreiten. Aber das Zusammenspiel liegt in der Hand der großen Baumeister. Es wäre verfehlt, wollte man nun zugunsten der Gemeinsamkeitsarbeit die Leistung der schöpferischen Genies völlig ausschalten. Alle Bauten Knobelsdorffs, so verschiedene Baumeister und Bildhauer an ihnen mitgewirkt, tragen den Stempel seines Geistes und den des großen Königs bis in jede Einzelheit hinein. Jeder Raum von Balthasar Neumanns Meisterhand umfängt unser Gemüt in gleicher Weise. Immer weht um die aus der Wand befreiten schlanken Säulen, in den freischwebenden „kunstverdruckten Gewölbern, so außer Circul gehen“ der gleiche Atem, und dieser belebt auch die über die Wände und Gesimse aufsteigenden Stuckschnörkel.

Hier legt sich uns das baukünstlerische Schaffen des Jahrhunderts an seiner Wurzel bloß. Das Gefühl für Verhältnisse, für Maße durchwaltet die großen Linien wie alles einzelne. Die Größe des Bauwerkes zu den Nachbargebäuden, zu dem Vorplatz, zum Garten und zur Straße, die Abstimmung des Denkmals und des Brunnens in die Räumlichkeit des Platzes hinein sowie die Abmessung und die Schmückung der Innenräume: Alles steht in glücklicher Maßbeziehung zueinander.

Das sind die Früchte der strengen mathematischen Erziehung, die die Architektur seit der Renaissance in Italien und in höherem Grade noch seit dem 17. Jahrhundert in Frankreich durchgemacht hat.

Diese zur Mathematik gewordene raumgestaltende Kraft des Barock hat zunächst in der Stadtbaukunst des 17. und 18. Jahrhunderts in Deutschland ihren Niederschlag gefunden. Die ältesten, von Franzosen oder französisch geschulten Baumeistern abgesteckten Stadtgrundrisse halten eine möglichst schachbrettartige Teilung in rechteckige Bauquartiere ein. Die Häuser werden durchgängig niedrig und langgestreckt gebildet, jedoch werden die Ecken, die Plätze und die Enden der Straßen durch mehrstöckige Gebäude betont. Die Oberstadt Kassel, vom ältesten Du Ry, die französische Kolonie in Schwedt, die von Friedrich Wilhelm I. ausgebauten neuen Viertel Berlins und Potsdams, Gumbinnen, ferner Mannheim und Erlangen sind dafür Beispieles). Mit dem fortschreitenden Barock wuchs die Kunst der Gruppierung um große Hauptachsen und weite Plätze von bewegterer Grundrißgestaltung. Man erkennt das an der Anlage Karlsruhes um den runden, von Laubengängen eingerahmten Schloßplatz, an dem Domplatz in Fulda, an dem Schloßplatz in Würzburg, an den drei Platzgründungen, wodurch Friedrich Wilhelm I. seine Erweiterung Berlins nach Westen bekrönte. Sie sind das „Quarre“, der heutige Pariser Platz, das „Oktogon“, der heutige Leipziger Platz, und das „Rondell“, der heutige Belle-Aliance-Platz. Die in einem Zuge fortgehende, von Palästen flankierte Wilhelmstraße stellte dazwischen die Verbindung her. Meisterwerke der ausgereiften Stadtbaukunst sind das Rondell vor dem Schloß in Nymphenburg mit der abzweigenden Mittelpromenade, die den Ausgangspunkt einer nicht weiter geführten neuen Stadt bilden sollten. Der großzügige Raumsinn des deutschen Rokoko offenbart sich z. B. in der Anlage des „Forum Friedericianum“ mit dem Opernhaus und dem Palais des Prinzen Heinrich, der jetzigen Universität, in Berlin; ferner in dem runden Königsplatz und dem weiten, ehemals durch das Autor begrenzten rechteckigen Friedrichsplatz sowie in der abgerissenen halbkreisförmigen Kolonnade an der Rennbahn in Kassel (Abb. 30), sämtlich nach der Mitte des Jahrhunderts vom jüngeren Du Ry geschaffen. Ihnen reihen sich an die etwa gleichzeitig entstandenen Werke Gontards in Berlin, wie seine Brückenkolonnaden und der Ausbau des Gendarmenmarktes, ferner der wundervolle, von Alleen eingefaßte Schloßplatz in Münster und der aus einem Rondell und einem weiten Rechteck gebildete Platz zwischen dem Schloß und der Kirche in Ludwigslust, entstanden unter Zugrundelegung Legeaischer Pläne.

Nach dieser allgemeinen Einführung in das baukünstlerische Schaffen des Jahrhunderts gehen wir dazu über, den Verlauf der Baugeschichte von den Anfängen des Barock bis zum Höhepunkt in der Mitte des Jahrhunderts darzustellen. Füglich geschieht dies am besten, indem die beiden wichtigsten Gebäudegattungen der Zeit, der Kirchenbau und der Schloßbau, nacheinander betrachtet werden. Es ist selbstverständlich, daß beide, so sehr die Grundlagen und Einwirkungen voneinander abweichen, in den Grundzügen der Entwicklung gleichen Schritt halten.

Aus dem Buch: Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland (1922), Author: Schmitz, Hermann.

Siehe auch:
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – Einleitung
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – ÜBERBLICK ÜBER DIE KUNST DES JAHRHUNDERTS  DIE STILEPOCHEN: BAROCK, ROKOKO U. FRÜHKLASSIZISMUS
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – POLITISCHER UND SOZIALER ZUSTAND DEUTSCHLANDS IM ZEITALTER DES BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GEISTESBILDUNG IM DEUTSCHEN BAROCK
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE GROSSEN FESTE
Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland – DIE STELLUNG DER BAUKUNST IM 18. JAHRHUNDERT

Im Text gezeigte Abbildungen:
Amalienburg in Nymphenburg
Dresden mit Frauen- und Hofkirche
Der Neumarkt in Dresden
Das Kaiserliche Lustschloß Schönbrunn in Wien
Rennbahn in Kassel mit Kolonade
Kanzel in Bogenhausen – Mitte 18. Jahrhundert

Kunst und Kultur des 18. Jahrhunderts in Deutschland