Schlagwort: Medici

„Erkennen muss ich jetzt, wie wahnbeschwert
„Die Phantasie mir zärtlich schmeichelnd war,
„Die zum Idol die Kunst erhob und Herrscher
„Und jenes Sehnen, das nur Leiden bringt.“

Michelangelo.

WÜRDEN wir von Michelangelo nichts wissen, als was uns seine fertigen Arbeiten sagen, so würden wir aussprechen, dass er mit einem unvergleichlichen Genie als Plastiker begabt war und dass er ihm das Höchste abgerungen hat. Aber wir kennen sein Leben aus zahlreichen lebendig redenden Dokumenten, und diese zeigen uns, dass das, was Michelangelo hinterlassen hat, nur die Trümmer gewaltiger Schöpfungen sind, die sein Genius erdacht, die seine Hand begonnen hatte, die aber nicht zum vollen Ausbau gekommen sind. Das Juliusgrab ist nicht das einzige zusammengebrochene Monument. Von den zwölf Aposteln für den Dom hat er kaum einen begonnen; das grosse Gemälde der Schlacht von Cascina blieb Karton, die Fassade von San Lorenzo ist in den ersten Stadien aufgegeben worden und die Grabkapelle der Medici hat er im Stich gelassen, als sie ihrer Vollendung entgegenging. Angesichts dieser gescheiterten Welten entsteht der Eindruck, dass er uns sein volles Lebenswerk versagt habe, und wir fragen, was uns um die unwiederbringliche Bereicherung unseres höchsten Besitzes gebracht hat.

DIE so oft missbrauchte Formel vom Konflikt des Genies mit der Aussenwelt ist auf Michelangelo nicht anzuwenden. Ihm haben die Mächtigsten seines Volkes sich gebeugt, und keinem Künstler haben so wie ihm die Mittel zu allen Plänen, die nur seine Phantasie erdenken mochte, zur Verfügung gestanden. Was ihn hemmte, war das Schicksal, das er in seiner eigenen Brust trug: denn ihm war zum Begleiter seines Genies ein Temperament in die Seele gepflanzt, das sein Innenleben zwischen Zuständen fruchtbarster Hochspannung und ohnmächtiger verzweifelter Niedergeschlagenheit sich bewegen Hess. In seinem Tun und Fühlen haben die stetigen Zielstrebigkeiten keinen Platz, nur Sprung und rasche Attacke. Wie alles an ihm das Mass des Menschlichen überschritt, so dauerten derartige explosive Vorstösse oft jahrelang, und wo wir sie als Perioden in seinem Leben absondern, da sind sie erfüllt mit einem unfassbaren Übermass des Geschaffenen. Aber dann ist es mit einem Schlage, als wenn ein Bruch in der Kontinuität seines Daseins stattgefunden hätte. Ausgemerzt aus seinem Schöpferbewusstsein und Vatergewissen sind die verlassenen Kinder seiner Phantasie, und wo ihn äussere Mächte an seine Pflichten mahnen, wie beim Juliusgrab, da bäumt es sich in ihm auf, wie in Angst und Schrecken, und er wehrt sich mit allen Zeichen des Entsetzens vor den wiederkehrenden Gespenstern der verlassenen Marmorblöcke.

Kunstartikel Michelangelo Buonarroti 1475-1564

Durch die Kreuzzüge, die Kaiserbesuche und die päpstlichen Thronstreitigkeiten war zahlreiches waffenfähiges Gesindel nach Italien gekommen, das aus den verschiedensten Ursachen, wie Krankheit, Liebesgeschichten oder persönlichen Streit, sich von seinem alten Heerführer getrennt hatte und nun von Raub, Diebstahl oder allerhand unehrlichen Gewerben lebte. Vornehme Männer mit großem Besitz fingen bald an, die führerlosen Leute, die selbst unter ihrem elenden Dasein litten, um sich zu sammeln und sie für den eigenen Schutz in Pflicht zu nehmen. Wer sich neue Häuser baute, trug dem Rechnung und ließ große Vorsäle anbringen und weite Treppenhäuser, worin die fremden Gesellen Platz fanden, lärmen konnten und sich bereit hielten, im Notfälle ihren Herrn, dessen Familie und Reichtum zu verteidigen. Wie in Italien, so in Japan.

Solche Leibwachen vermehrten sich fast ohne Zutun, denn wo es Speise, Trank, Sold und Würfelspiel gab, drängte sich alles zusammen, was abenteuerlustig und arbeitsscheu war. Nun wurden sie in den Städten und Gegenden, deren Adel sich den Luxus eines dermaßen erweiterten Gefolges leisten konnte, wieder zu einer Gefahr; sie kämpften die Fehden der Großen aus, halfen den Sieg in politischen Fragen zu erzwingen und unterdrückten die Freiheit in kleineren Gemeinwesen. Gut zum Rauben und Plündern waren diese Kohorten, die ihrem Herrn nur so lange treu blieben, als er zahlte. Fremd, ohne Interesse und Liebe für das Land, achteten sie weder die Arbeit des Bauern noch den Besitz des Bürgers. Was in ihre Hand kam, galt für vogelfrei.

Das systemlose Morden und Plündern zu organisieren und dadurch die Söldnerschar zu einem wirklichen Machtmittel zu erheben, gelang jenen waghalsigen, aber zielbewußten und selbst disziplinierten Männern, die Condottieri genannt wurden — von Condotta,d.i.Sold, abgeleitet. Es waren großangelegte Geschäftsleute, deren Unternehmen der Krieg war. Unablässige Kämpfe nährten ihren Mann sicher und reichlich, sobald sie organisiert waren. Den Ritter- und Mönchsorden, den Gilden der Kaufleute, Handwerker und Künstler sahen es die Söldner selbst ab, hatten Statuten und nannten sich Genossenschaften. Die Besitzlosen pochten auf ihre Macht, die ihr Reichtum war, genau wie es heute eine zielbewußte Arbeiterpartei tut. Sie verdangen sich an bekannte und bewährte Führer, d. h. Unternehmer, nicht ohne Bedingungen zu stellen, und ließen es manchmal um eines Vorteils willen auch nicht auf einen Streik ankommen. Deutsche Ritter, reisende Engländer, wie John Hawkwood, und später erst Italiener stellten sich an die Spitze der Haufen und nahmen Dienst bei größeren Städten oder Landesfürsten, deren Streitigkeiten auszukämpfen.

Reich wollten alle werden, die ihr Schwert zu Markte trugen, Unsterblichkeit aber zu erringen, wie sie ein Livius, ein Tacitus, ein Plutarch den Vorfahren gebracht hatte, war das Bestreben des echten Condottiere, der im Zelt seinen schweinsledergebundenen Klassiker aufschlug oder mit den Besten seiner Zeit edler Gespräche pflog, fern von Blut, Trunk und frechem Gejohle, wie es das Lager durchbrauste. Eng im Bunde mit Dichtern, Gelehrten und Künstlern, umringt von den begabtesten und schönsten Edelfrauen der Zeit, halten die Feldherrn Hof, solange Waffenruhe herrscht, lassen sich schmeicheln und besingen, streuen Gold aus für Dichterworte, die ihre Taten festhalten sollen wie die vergängliche Schönheit der Frauen, die ihr Arm umfaßt. So sammelt Sigismondo Malatesta in dem kleinen Rimini einen schöngeistigen Hof um sich, wo er um Dichterworte buhlt. Der erste Herzog von Mailand, der kluge Francesco Sforza, der sonst wenig übrig hat für Kunst und Wissenschaft, wird bei seinen oft verschwenderisch geschmacklosen Festen von Filelfo mit poetischem Lob überrascht, und es gelingt dem geschäftskundigen Dichter, seinen unfreiwilligen Mäcen tüchtig zu schröpfen.

Durch zwei Jahrhunderte ziehen sich Macht und Einfluß jener abenteuernden Männer, die, eingeschworene Soldaten in der Hand, kleine Reiche gründeten, Fürsten und Päpste in Schach hielten und die ganze Politik zwangen, sich nach ihnen zu richten, oder wenigstens sich mit ihnen abzufinden. Wie im Altertum der Sklavenbesitzer um des eigenen Vorteils willen die Sklaven schonte, ausbildete und väterlich betreute, damit sie an Wert gewinnen und im Preise steigen sollten, sorgte der Führer für seine Söldner, bezahlte sie regelmäßig, verpflegte sie so gut und ordentlich wie möglich und liebte, nach einem vorteilhaften Vertragsabschluß oder einer gewonnenen Schlacht ein frohes Fest, eine kräftige, weinbegossene Unterhaltung zu richten. Je kostbarer das Menschenmaterial wurde, desto weniger blutig verliefen die Treffen. Eine kunstvolle Taktik, die vor allem auf die Schonung der Soldaten gerichtet war, machte aus den Kämpfen schöne, beinahe malerisch angelegte Scheingefechte, bei denen der Dichter neben dem Feldherrn hielt, ähnlich wie der Spezialkorrespondent einer Zeitung heute ein glänzendes Manöver verfolgt.

Es war eine Zeit, in der nur der Stärkste alles bei den Frauen vermochte. Die Rolle siegreicher Condottieri in der Herzensgeschichte ihres Jahrhunderts ist deshalb so groß, weil die Frau instinktiv nach demjenigen verlangt, in dessen Schutz sie am sichersten und am geehrtesten ist. Als Cesare Borgia in der Arena einen Stier bei den Hörnern packte und niederzwang, schlugen ihm alle Herzen der römischen Damen entgegen, die schweigend und mit angehaltenem Atem dem neuen verlockenden Schauspiel am päpstlichen Hof beiwohnten. Cesare Borgia, der glänzendste Condottiere, lebte wie ein weltlicher Fürst in Rom, hatte einen prächtigen Hofhalt und liebte nicht nur den Verkehr mit schönen verführerischen Frauen, sondern zog allen Unterhaltungen das Gespräch mit bedeutenden Männern vor. Gian Andrea Boccaccio, der Gesandte von Ferrara, berichtet über ihn:

„Er besitzt großen überlegenen Geist und ausgezeichneten Charakter; sein Benehmen ist das des Sohnes eines großen Herrn. Er ist heiter, sehr bescheiden und voller Fröhlichkeit, ganz und gar Festlichkeit.“

Als Cesare nach dem Tode seines älteren Bruders die geistliche Würde ablegte, um als weltlicher Herzog die Macht der Borgia zu vergrößern und zu befestigen, ging ein Zug wilder Freude durch Italien und das benachbarte Südfrankreich, wo der berühmte, gefürchtete Spanier sich zeigte. Bei einem Besuch, den er dem König von Frankreich machte, tanzten Morisken mit Schellen zu Ehren des Gastes bei einem froßen Bankett, dessen Speisenfülle ein Abt aufzeichnete.

2 Pfauen, 10 Fasanen, 28 Kapaune waren darunter neben einer Ungeheuern Menge anderer Fleischarten und süßer Sachen. Uber den Einzug in die königliche Residenz spottetenaber die eleganten Franzosen, denen die übertriebene, aufdringliche Pracht Cesares für einen „petit duc de Valentinois“ lächerlich vorkam.

Als Bannerträger des Heiligen Stuhls führte Cesare verhältnismäßig große Eroberungen aus, besiegte die anderen bedeutenden Condottieri, die Sforza.und Aragon und zog wie ein antiker Triumphator in Rom ein. Üppiges Karnevalstreiben entschädigte für die Strapazen der Feldzüge. Mag es auch in den Sälen der Renaissance nicht immer wie bei den Symposien Platons zugegangen sein, so trieb man doch um der persönlichen Vollendung willen und zum Schmuck geselliger Stunden Wissenschaften und Kunstbetrachtung mit der gleichen sorgfältigen Liebe, mit der die Kriegskunst, das Waidwerk, die Reiterei den Granseigneur zu beschäftigen pflegten. Gesellige Disputationen, bei denen der Hausherr und die Frauen meistens nur lauschten, manchmal aber auch eingriffen, erfüllten die Zeit. Diese Konversation der Renaissance, die an den Höfen aller Condottieri herrschte, zog mit ihnen nach Frankreich, wo man sie zwar schwerfällig und langweilig fand, dann aber klug verwendete und ausbildete zu der höchsten geselligen Kunst eleganten Plauderns. In dem Kreis Cesares und seiner Schwester Lucrezia galt es noch für den feinsten Genuß müßiger Stunden, zu hören, wie ein Gespräch schön und geistreich durchgeführt wurde, wie man die Ansichten antiker Autoren heranzog und das Thema in wohllautender Wechselrede allseitig beleuchtete, um schließlich mit einem Lob des anwesenden Helden oder der von ihm verehrten Frauen zu schließen. In den „Asolani“, die Kardinal Bembo dem Borgia widmete, ist ein Niederschlag solcher Geselligkeit enthalten. Der Mann war als Tänzer, als Reiter und Stierkämpfer ebenso bewundert, wie er als Gegner in der Schlacht gefürchtet wurde. Aber wenn die wilde Natur sich in ihm aufbäumte, setzte er Sitte, Volksmeinung, Achtung vor dem Papst beiseite und erfreute sich an Orgien, wie jenem berüchtigten Bankett im Vatikan, an dem fünfzig römische Dirnen teilnahmen. Eine der lustigsten Nächte in jenem ernsten Palast hielt Edelleute, schöne Weiber und heitere Künstler bei Spiel, Tanz und Wein bis zum Morgen zusammen.

Während die Feldherren den Wert eines waffenfähigen Arms wohl zu schätzen wußten, war unter den Vornehmen keiner seines Lebens sicher, erweckte er den Neid oder die Feindschaft eines Condottiere. Charakteristisch ist die Antwort eines Holzhändlers, der den Mord des älteren Borgia gesehen hatte, als man ihn fragte, warum er den geheimnisvollen Vorfall nicht anzeige:

„Ich habe da, wo man den Kehricht in den Fluß wirft, wohl hundert Leichname in das Wasser werfen sehen, ohne daß je einer sich darum gekümmert hätte.“

So wie die Borgia verfuhren die Malatesta, die Visconti, die Sforza, die das Herzogtum Mailand gründeten und sich lange erhielten. Francesco Sforza, der erste Herzog von Mailand, war ein Freund der Medici und ein grimmer Feind der venezianischen Republik. Sein Hof gab verschwenderische Feste und seine Soldaten durften im Lager wilde, laute Zeche halten; er selbst blieb nüchtern und mäßig, er aß „zierlich wie ein junges, feingebildetes Mädchen“, aber liebte es nicht, allein bei Tisch zu bleiben. Wenn er auch mit klassischer Bildung prunkte, so hielt er es doch mit seiner streng denkenden, im Sattel wie in den Klassikern gleich festen Gemahlin und betonte stets:

„Wir vergessen nicht, daß wir Fürsten und keine Literaten erziehen wollen“,

sobald der Ton seines Hauses allzu humanistisch wurde.

Auch in Malpaga, dem Lieblingssitz des großen Colleoni, waren Dichter und Künstler willkommene Gäste, wenn Venedigs Feldherr, Sforzas mächtigster Gegner, der Ruhe pflegte. Nach Sforzas Tode begab sich mancher Dichter, darunter auch Cornazzano, den man den neuen Petrarca nannte, auf den Landsitz des allgemein als freigebig bekannten Condottiere. Der alte Soldat fand Gefallen an gelehrten Disputationen und freute sich innig, wenn es ihm gelang, die Redner aufeinander zu hetzen.

„Am meisten freute es ihn, die Philosophen und Astrologen mit Tiefsinn und Dunkelheit über ihre tiefen und dunklen Themata sprechen zu hören.“

Unter seiner Leitung disputierte man über alle Fragen der Welt und des Lebens. Als König Christian von Dänemark aus Rom heimkehrte, wollte er Italien nicht verlassen, ohne seinen berühmtesten Kriegshelden gesehen zu haben. Colleoni nahm ihn mit aller „Grandezza“ seines Landes auf und gab dem hohen Gast Turniere, Hetzjagden und Banketts. Der König war nicht wenig verwundert, „in abgelegenem Gebiet solche Pracht, solchen Glanz, solche Menge der erlesensten Dinge“ zu finden.

Die meisten Condottieri, die zu Reichtum und Ruhm gelangten, förderten nicht nur Dichter, Maler, Architekten und Bildhauer, sondern beschäftigten auch unaufhörlich die Meister des Kunsthandwerks, um Schmuck, kostbare Waffen und Tischgeräte zu fertigen. An ihren Höfen war das Leben nicht nur reich, sondern auch künstlerisch ausgestaltet, und wie ihnen daran lag, eine Schlacht schön zu gewinnen, wollten sie auch ihre Muße herrlich ausgestalten, mit allem geschmückt, was die Zeit zu bieten vermochte. Und die Zeit bot als ihr Köstlichstes die schöne Form, das volltönende Wort und den auferstehenden Zauber vergangener Größe.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte

Männer; Völker und Zeiten

Die Stadt Florenz — Lorenzos Ruhm — Die plündernden Gäste — Honig der Musen — Vier Generationen der Medici — Tischgespräch in Florenz — Der medicäische Friede — Die besten politischen Instrumente — Besuch in Neapel — Platonische Andacht — Ein Brautschatz an Bildung — Die Feste des Magnifico — Herrlicher Hausrat — Morgante Maggiore — Dichtung und Turnier — Der Florentiner Karneval — Preis der Jugend — Das ewige Kind, die Kunst — Schäferspiel und Madrigal — Polizians Orfeo — Tafelplätze — Die Lust in Florenz — Spätaufsteher — Gartenkunst — Literarische Fehden — Platons Feiertag.

Das Gefühl der Verantwortung, die er freiwillig wie eine Ehre auf sich genommen, die Sorgen, die damit zusammenhingen, der lebendige Stolz, der daraus hervorwächst, machen den Bürger von Florenz leidenschaftlich heimatlieb. Um die Macht in der Stadt wird so erbittert gestritten, um ihre Schönheit wird so begeistert gearbeitet in allen Künsten, weil der Anteil des Bürgers an seiner Stadt ein wirklicher und kein eingebildeter ist. Wie leidenschaftlich war Florenz geliebt von Dante und vielen anderen Verbannten. Einen Guelfen, der gefallen war, als die Guelfen wieder einmal die Stadt verlassen mußten, haben seine Freunde, Schwert in der Hand, noch in heimatlicher Erde unter den Steinen San Lorenzos beerdigt, daß er Florenz nicht zu verlassen brauche.

Die größte Schmach und Strafe für den alten Verschwörer Pazzi war es, daß man seine Leiche noch ausgrub und in den Arno warf, fortgetragen, ausgestoßen zu sein von der Lilienstadt.

Lorenzo Medicis Charakter und Leben erklären sich durch das eine: Liebe zu Florenz. Der Stadt Frieden, Freude, Schönheit zu schenken war sein Traum. Deshalb wollte er sie beherrschen und hielt eifrig daran fest bis zur Todesstunde, als der Mönch Savonarola — so will es die Legende — finster vor seinem Bett stand und dem Sünder Florenz abverlangte. Alles andere hatte Lorenzo reumütig zugegeben als sterbender Christ, da bäumte sich aber sein Herz, er würdigte den Mönch keiner Antwort, sondern fand Kraft, sich auf dem Lager zu wenden, der Wand zu ins ewige Schweigen. Lorenzo wollte dem Florentiner den lebendigen Anteil am Gemeinwesen nicht rauben, sondern nur leise und weise in rechte Bahnen lenken, ihn vor dem Aberglauben einer falsch verstandenen und falsch geübten Freiheit retten.

Was war die Freiheit der Stadt, von der Savonarola und manch anderer Fanatiker faselte, für eine Freiheit gewesen, so weit Menschengedenken zurückreichte?

Es war die Freiheit ewiger Fehde und Vendetta von Straße zu Stfaße, von Haus zu Haus, von Turm zu Turm, oft von Bruder zu Bruder, Freiheit von Mord und Sturmgeläut und Raub. Dahin hatte man es gebracht, daß jahrhundertelang stets eine Hälfte der besten Bürger abwechselnd die andere verfolgte und verbannte, daß die fuorus-citi durch Italien irrten und rachedurstig allzuoft fremde Waffen gegen die Heimat riefen, daß sich Florenz verzweifelt einem wilden Abenteurer wie Gualtiero von Brienne in die Arme warf und von ihm gemartert wurde*).

*) Das Wesen dieser Freiheit kennzeichnete schon Dante mit grimmigem Spott: Atene e Lacedemona, che fenno L’antiche legge, e furon si civili

Vor solch pöbelhafter Anarchie, vor Scham und Schmerz wollte Lorenzo seine Heimat retten. Was er ihr bot statt jener trügerischen, von Frevlern stets mißbrauchten Freiheit war keine Tyrannei wie etwa jene seiner bedeutendsten Zeitgenossen, eines Galeazzo Maria, eines Lodovico il Moro in Mailand, eines Don Ferrante in Neapel, eines Sixtus IV. in Rom. Wohl sorgen die Sforza für Mailands höchsten Glanz, allein wie viel Finsteres und Ruchloses mußte dafür mit in den Kauf genommen werden. Unheimlich glühte im Hintergrund die Tyrannei bei den Festen, die der große Sforza befahl. Bei dem glänzendsten, jener Hochzeit seines Neffen Gian Galeazzo mit Isabella von Aragon, wurde ge-munkelt, Lodovico, der Ohm sei so sterblich in die Prinzessin verliebt, die seine Nichte werden sollte, daß er durch tückische Hexerei die Vollziehung der Ehe unmöglich zu machen suchte.

Wohl hieß Sixtus in Rom Herrliches malen und bauen, zog große Künstler an seine Musikkapelle, allein er und der Nipote Riario wetteiferten in Ausschreitungen und Grausamkeiten, die alles, was sie schufen, besudelten.

Fecero al viver bene un picciol senno, Verso di te, che fai tanti sottili Provedimenti, ch’a mezzo novembre Non giunge quel, che tu d’ottobre fili. Quante volte nel tempo, che rimembri Legge, moneta, e ufficio, e costumi Hai tu mutato e rinnovato membre E se ben ti ricorda, e vedi lumi Vedrai te simig-liante a quell’ inferma Che non puo trovar posa in sulle piumi Ma con dar volta suo dolor scherma.

Wohl ahmte Don Ferrante seinen Vater, den weisen Alfonso, dahin nach, daß er Dichter und Gelehrte berief und bezahlte, er gründete die pontanische Akademie mit den Gelehrten Pontanus und Laskaris, beschäftigte vierzig Kopisten, die von aller Herren Länder gesammelt waren, wie zur Reklame für den humanistischen Sinn des dicken Königs*). Allein derselbe Don Ferrante hatte in seinem Palast, so flüsterte man schaudernd, eine Galerie ausgestopfter Feinde, die er hatte töten lassen — es verschlug ihm nicht den Appetit. Er und sein Sohn, der Herzog Alfonso von Kalabrien, aßen ganz unbändig viel. Alfonso war außerdem von so wildem Sinnenhunger besessen, daß er dio della carne genannt wurde. Zuweilen plünderten die Gäste das protzige Silbergerät der Tafel in Neapel. Mochte auch der Dichter Sanna-zaro an dieser Tafel flöten, als Schöpfer der Pastorale und mochte auch der humanistische Dichter Pontanus über den Anstand bei Tisch das Lehrbuch verfassen: de convivientia, der Ton an Hof blieb brutal.

Zu den geselligen Vergnügungen in Neapel gehört es, eine Versammlung ahnungsloser, schöngekleideter Gäste mit grimmigen Wasserkünsten so zu überfallen, daß sie nicht nur durchnäßt werden, sondern im steigenden Wasser dem Ertrinken nahe sind. Wie makellos, wie rein in Sitte und Gesinnung steht Lorenzo unter seinen Zeitgenossen, wie zart sein Familienleben, sein Freundschaftsleben, wie hold seine

*) Ottone Quarto von Deutschland, Johann von Brügge, Wenzeslaus von Böhmen waren darunter, ein interessanter Beweis, wie weitverbreitet die Kunst und Liebe der Bibliophilie mit allen Zusammenhängen war.

Geselligkeit! Liebesabenteuer sind ihm nachgesagt, weil er Liebesverse reimte — allein seine wahre, seine unermeßliche Liebe, die tiefste Glut seiner großen Seele galt Florenz. Es war die Liebe eines Dichters, ein Dichtertraum. Und diese Liebe flocht einen solchen Ehrenkranz um die Stirne der schönen Heimat, daß heute noch der einfachste Mann in Florenz den Namen Medici nicht ohne Stolz und Rührung spricht, indes Lorenzos Nebenbuhler und Widersacher längst vergessen sind. Seine Mitbürger schmückten ihn mit dem wundervollen Beinamen il Magnifico, in dessen Pracht der ungekrönte Herrscher majestätischer denn je ein Fürst durch die Jahrhunderte schreitet*).

Reich lohnt die Frührenaissance den Grundsatz der klugen Florentiner, Geist, Bildung, Bedeutung des Wesens nicht vom Staat zu trennen, sondern mit Eifer dem Staatsdienst zuzuführen. Literarischer Ruhm, humanistisches Wissen war seit Anfang des 15. Jahrhunderts sicherster Weg zu den höchsten Stellen der Regierung und wer in gebildeter Geselligkeit herrschend aufzutreten verstand, wurde als der Regierungskunst gewachsen angesehen. So traten als Kanzler der Republik Florenz nacheinander in Erscheinung Colonio Salutati, Freund und Studiengenosse des Petrarca und Boccaccio mit dem Beinamen Vater und Meister der Gelehrsamkeit, Carlo Marsuppini, der in seinen Fußtapfen wanderte, Poggio Bracciolini, bis ins höchste

*) Magnifico war ein häufig verliehener Titel. In der Geschichte ist derselbe an Lorenzos Namen haften geblieben, wie zu seinem Wesen besonders gehörig.

Alter mit jugendlichem Feuer für die klassischen Studien kämpfend, der Dichter und Improvisator Bernardo Accolti*), ein Bartolomeo Scala, der es mit eisernem Fleiß vom Müller zum humanistischen Gelehrten bringt und seine Tochter, die schöne Alessandra, mit dem „Honig der Musen“ nährt, so daß die Jungfrau als gleichberechtigt im Kreis gelehrter Freunde in feinem Griechisch und Lateinisch plaudert. Vier Generationen der Medici widmen sich mit gleicher Liebe der Wissenschaft und Schöngeistigkeit, sie sind Schutzherren aller, die friedlichen Künsten huldigen, und es ist in Italien selbstverständlich, sich an ihre Großmut zu wenden, wenn es um die höchsten Interessen der Menschheit geht. Ihren ungeheueren Reichtum, ihren Einfluß, ihre Macht scheinen sie nur in dem Maß zu schätzen, als ihnen dadurch erlaubt ist, Schutzherren alles Schönen und Vornehmen zu sein.

Ein merkwürdiges Schulbeispiel geben diese großen italienischen Geldfürsten für den Beweis, daß Anhäufung von stolzer Kapitalkraft in Händen Einzelner unentbehrlich ist für das allgemeine Wohl und den Fortschritt des Ganzen. Freilich nur unter der Voraussetzung, daß gleichzeitig eine Anhäufung von geistiger Kapitalkraft stattfindet, die richtig damit umzugehen weiß und daß dies Kapital von Geist und Geld höhere Weihe erfährt durch die kostbarste Kapitalskraft, eine Anhäufung von Schätzen des Gemütes, von irgend einem gewaltig großen Lieben.

*) Er verfaßt eine Dichtung über die Kämpfe zwischen Christen und Ungläubigen, die zum Vorbild von Tassos befreitem Jerusalem wurde.

Diese Kraft ist die Liebe zu Kunst und Heimat, der starke Schönheitsglaube, der die großen Einzelnen der Zeit beseelt. Alle diese Voraussetzungen stimmen bei Lorenzo am genauesten, am glücklichsten und stärksten überein. Sittlich fest gegründeter Reichtum, von Großvater und Vater auf Sohn gepflegte Geistigkeit, das überkommene Erbe edler Heimatstreue. Nie hätte ein Mehrheitsbeschluß, eine Volksabstimmung oder dergleichen erreicht, was solche Persönlichkeiten vermochten wie die großen Liebhaber der Wissenschaft im Italien der Renaissance, die mit Aufwand unablässiger Mühe, Geduld, Leidenschaft und großen Geldmitteln, wie Lorenzo, und vor ihm Piero und Cosimo, gerade zu rechter Zeit für die Menschheit retteten, was noch aus der Antike irgend zu retten war.

Diese idealgesinnten Kaufherrn rüsteten Expeditionen, sandten Reisende aus in alle Teile der Welt, um kostbarer Manuskripte habhaft zu werden, ihre Schiffe mit Gewürz und Seidenzeug waren nicht willkommen, wenn sie nicht irgend eine alte Schrift mitbrachten. Wertvolle Pergamente, erfüllt von lang vergessener Weisheit, waren die Schätze, nach denen sie persönlich vor allem strebten, deren Gewinn, deren Abschrift und Glossieren, waren ein unerschöpfliches Lieblingsthema im Gespräch mit bewährten Freunden. Der kostbare Einband und das schöne Heim, das den Büchern gegründet wurde — wie die Bibliotheca Laurentiana und Marciana*) bildeten

*) Im Kloster von San Marco, zuerst entstanden aus dem Nachlaß des Sammlers Niccolo Niccolini, der in Nachahmung1 der Antike unter solchen Schätzen Gastfreundschaft übte.

erstrebten Luxus und den liebsten Traum schöner Muße.

Bei einem Tischgespräch Lorenzos fiel ein Wort darüber, wie teuer, ja fast unbezahlbar die antiken Handschriften seien. Leidenschaftlich erwidert der Hausherr, seine Freunde, Polizian und Pico della Mirandola möchten trotzdem sammeln und aufsuchen, und ginge sein Vermögen darauf, ja müsse er sein Hab und Gut und selbst sein Hausgerät für die gute Sache hingeben. In seiner Sterbestunde beklagt Lorenzo, zu Polizian gewandt, nur eines, daß er die Vollendung der Bibliothek nicht erlebe — deshalb müsse er den Tod, der ihn als Vierundvierzigjährigen erfasse, grausam schelten. Im höchsten Grad lebendig und lebenspendend war die Gelehrsamkeit und die Liebe zur Wissenschaft, die Gelehrten lebten nicht einsam und verbissen, in zwanglos geselligem Zusammensein fand ein fortwährender, reger Gedankenaustausch statt, ein jubelnd freudiges Mitteilen gewonnener Geistesschätze.

Statt frivolen Vergnügungen ergeben zu sein, freut sich die Jugend erlesener Rede und Gegenrede auf ihren Spaziergängen oder etwa unter dem Schatten einer großen Ulme, die eine Quelle freundlich hütet, wie Lorenzos Lehrer Christoforo Landino in den Dispu-tationes Camaldulenses erzählt von den Plauderstunden in der Nähe Camaldolis, die er gefeiert mit den jugendlichen Brüdern Lorenzo und Giuliano Medici, Piero und Donato Acciaiuoli, mit Marsilio Ficino und dem hochgelehrten Künstler und Erfinder Leon Battista Alberti. Dieser erwog den Standpunkt, daß vita contemplativa vor allem zu erstreben sei, indes Lorenzo feurig dafür eintrat, viia attiva müsse, die Betrachtung ergänzend, mit ihr abwechseln — ein Grundsatz, den er im Leben treu befolgte.

Leon Battista war übrigens ein Schalk, denn er unterhielt sich damit, in der Komödie Philodoxios die Antike so gut nachzuahmen, daß er sie für ein Werk des Lepidus ausgeben und seine humanistischen Freunde damit foppen konnte. Er war Erfinder der camera obscura, und diese Zauberlaterne gehörte bald zu den neuartigen Gesellschaftsspielen der Zeit. Redend, schreibend, streitend, philosophierend, dichtend und auch geistreich spottend tritt eine Reihe origineller Typen auf. An beliebten Straßenecken kommen sie zusammen, sonnen sich, plaudern und laden einander ein im Stile des Horaz zu mäßiger Speise bei gutem Trunk und guter Laune. Der schlanke Polizian lädt also Ficino ein, der große griechische Lehrer Argyropulos wird geneckt ob seines guten Appetits und weiten Umfangs. Man behauptet, in seinen Schmerbauch gingen mehrere philosophische Sekten hinein. Er lacht, deklamiert gegen den bis dahin für unantastbar gehaltenen Cicero und unterhält sich stolz mit seinen genialen Schülern Donato Acciaiuoli, Pannonicus und mit dem Deutschen Reuchlin, der (1490) in Florenz Aufenthalt nimmt. Gewiß plaudert Reuchlin, der auf der Pariser Universität griechische Studien so weit getrieben, daß er als erster Grieche unter den Deutschen galt, mit dem polyglotten Pico della Mirandola, einem Schwärmer, der sich gleich Reuchlin von der hebräischen Kabbala angezogen fühlte. Picos phänomenale Gelehrsamkeit hinderte ihn nicht, ein eleganter, verliebter Kavalier zu sein mit romantischen Liebesabenteuern.

Viele Gelehrte sind Dichter, am liebsten drücken sie sich lateinisch aus in Ernst und Scherz, wie wohl Lorenzo kräftig für die lingua volgare eintritt und einige dazu bekehrt, mündlich wie brieflich elegant italienisch zu plaudern. Zeitgenossen haben den Magnifico als Dichter über Dante und Petrarca erhoben, dann wurde er vergessen und verkannt. Heute erscheint es unzweifelhaft, daß er ein bedeutender Dichter war und daß nur die Bürde der Staatsgeschäfte, Kränklichkeit und früher Tod ihn hinderten, gleich den Höchsten seinen Flug zu nehmen. Es ist das erste- und einzigemal in der Geschichte, daß einem bedeutenden Dichter die Lasten großer Herrscherpflicht auferlegt sind, Dichter nicht nur im Sinn geschickten Versemachens, sondern im reinsten Sinn, daß der Dichter als Priester der Schönheit auftritt, in ihr lebt und webt, alles von ihrem Standpunkt aus betrachtet und wertet, vergleicht, prüft, löst und bindet in seinem Bereich, in ihrem Namen Herrscheramt übend. Dieser höchst merkwürdige Fall konnte vielleicht nur in Florenz eintreffen.

Ein Priester der Schönheit wie Lorenzo ist nicht Phantast noch Schwarmgeist, sondern auf Maß bedacht, auf die Seligkeit klarer, ruhiger Ordnung eines behutsam bis ins kleinste durchdachten Gebäudes. Seine Politik ist weisem, wohlklingendem Versbau gleich, er beherrscht sie mit derselben eleganten Sicherheit wie seine gepflegte toskanische Sprache.

Kleinlichen Rachegeist zum erstenmal und beispielkräftig verschmähend, betont er als rhythmisches Gesetz: Wer nicht zu verzeihen weiß, versteht nicht zu herrschen und nicht zu siegen. Dante hat Florenz die Commedia divina geschenkt, Lorenzo dichtete für Florenz den medicäischen Frieden. Er brachte der Stadt, er brachte dem Land ein goldenes Zeitalter, den ersten segensvollen Frieden nach tausend Jahren. Guiciardini hebt seine Geschichte Italiens majestätisch an mit dem Preis dieses medicäischen Friedens und Filippo de Nerli schreibt*): Lorenzo hatte so große Autorität, solchen Ruhm erlangt bei allen Fürsten Italiens, daß er, so lange er lebte, stets das Zünglein an der Wage hielt, jene Fürsten und deren Staaten untereinander ins Gleichgewicht und dadurch in Einigkeit brachte**).

Europas Fluch und Verhängnis war, daß es lieber an Macchiavelli anknüpfte als an Lorenzo, lieber an den Virtuosen als an den großen Künstler der Politik, daß Finten und Verschlagenheit als notwendig für dieselbe angesehen wurden, eine Parodie des Grundsatzes, der Lorenzo so glücklich geleitet, daß nämlich Höflichkeit, Anstand, Gefälligkeit im Verkehr der Staaten und Machthaber untereinander und gesellschaftlich geregelte Beziehungen geboten erscheinen.

Feine Geselligkeit, wo jeder dem anderen Platz läßt und gern Ehre gibt, ja mit Betonung Ehre gibt, ist

*) Comment. de fatti civili di Firenze.

**) Era venuto Lorenzo in tanta riputazione e autoritä appresso gli altri principi d’Italia — die — mentre ch’egli visse fu sempre Vago della bilancia intra principi predetti, die mantenne bilanciati gli stati loro, et di tal maniera gli tenne uniti.

vorbildlich für das Leben der Politik. Lorenzo unterlag nicht der plumpen Vorstellung, die seitdem überhandnahm und auch seine Zeitgenossen besessen hielt, daß unbeschränkter Ehrgeiz, Drang nach Erweiterung der Grenzen zur Vaterlandsliebe gehören. Wie in der Verskunst Beschränkung den Meister macht, wie der Geselligkeitskünstler das Schrankenlose vermeidet, so weiß Lorenzos politischer Takt, der sich seit der Kindheit in geselligem Takt geübt und in erlesenem Kreis Meisterschaft erlangt, die Idee höchst vollendeter Geselligkeit und dadurch Gleichgewicht und friedliches Zusammenspiel auf die Staatengesellschaft zu übertragen.

Selbst im Freundeskreis unter gebildeten guten Menschen, welche Gegensätze, Reibungen, Empfindlichkeiten, Eifersüchteleien der Liebe, der Freundschaft, des Wissens und Könnens und Habens! Wie viel edle Kunst gehört dazu, immer wieder zu schlichten, zu versöhnen, zu beruhigen, ja in Voraussicht dessen, was störend wirken könnte, durch feine Freundlichkeiten zuvorzukommen und sachte das Streitobjekt wegzuräumen. Warum sollte man diese der Geselligkeit und ihrem Frieden gewidmete Geschicklichkeit, diese kluge Versöhnlichkeit, dieses allen Wünschen Entgegeneilen und Ehrenerweisen, dies Hin und Her von Gefälligkeiten nicht im Verkehr der Politik anwenden, statt rauh und rechthaberisch oder rachsüchtig sich zu gebärden? Lorenzo wagt die große Neuerung. Er benimmt sich in Florenz und bald in Italien wie ein unendlich gastfreier Hausherr, er benutzt weise sein Prestige als Kunstrichter, seinen Dichterruhm wie sein Geld, um sich in alle Herzen zu schmeicheln, denn er wünscht für sich und Florenz Liebe, nicht Furcht.

Wohl wissend, daß die Anhänglichkeit der Menschen meist, wenn nicht immer, durch Freundschaftsdienste zu erreichen ist, überläßt er sich gerne seinem Freundschaftstalent und Instinkt, allein er weiß auch gegebenenfalls als gewiegter Kaufmann, wie bei feiner Wage auf eine Schale Gewicht auf Gewicht, Gewichtchen auf Ge-wichtchen behutsam zu legen in Gestalt von angenehmen Vorteilen und Vorteilchen, die den Gegner entwaffnen, bekehren, ihm schmeicheln und ihn endlich zum Freunde machen. So wird etwa die alte Feindin Pisa bereichert und geehrt durch die Gründung einer Universität. Zarte Nachsicht und weitausschauender Vorbedacht sind Lorenzos politische Instrumente, wie beides zu vollendeter Geselligkeit gehört. Die Kunst des Gesprächs und die Kunst des Briefes sind unzertrennlich davon. Angelegenheiten der Wissenschaften und Künste bieten Anlaß zu mancher Korrespondenz, die politisch wichtig wird, so der Briefwechsel mit dem König von Ungarn, Matthias Corvinus, für dessen Bibliothek sich Lorenzo bemüht. Ebenso bitten ihn italienische Fürsten um Rat, die Herzoge von Mailand und Urbino, die Herren Ferraras und Mantuas, sowie der Papst.

Mit Friedrich III. pflegt er Freundschaft wie mit dem König von Frankreich, besonders schön ist sein Verhältnis zu Johann II. von Portugal, der die Anregung der florentinischen Renaissance dankbar empfängt, sich Florentiner bildende Künstler und von Polizian eine Lebensbeschreibung erbittet. Staunender Unwille würde Lorenzo fassen, wenn er unsere fatalistischen Theorien über Weltgeschehen und Weltgeschichte kennen lernte. Er glaubte unbefangen an die Erfahrung und Kraft des Einzelnen, der geschickt ist im Lenken, Wenden und Knüpfen, er glaubte als kluger Sohn einer großen Kaufherrnfamilie an die segensreiche Macht vernünftigen Geschäftssinns, der stets mit gegebener Psychologie der Menschen und mit wirklich bestehenden Dingen oder Interessen rechnet, was einzig erfolgreiches Beginnen zuläßt. Zuerst Menschen konstruieren und mit Hilfe dieses Schemas wirkliche Menschen bestimmen, lenken, regieren wollen, würde er als unsinnige Phantasie verlachen, er konstruiert kein Schema, sondern beurteilt die Menschen, wie sie sind, milde und behandelt sie sorgfältig je nach ihren Schwächen. Liebenswürdige Schwächen sucht er sich und dem allgemeinen Wohl der Gesellschaft nutzbar zu machen, so gewisse Eitelkeiten und Strebe-reien, den ganzen Kultursnobismus seiner Zeit, der ihm als Herren des Zeitgeschmacks entgegenkommt.

Dies führt des öfteren zu großem Erfolg, zum Beispiel, als Lorenzo kühn den feindlichen Don Fcrrante in Neapel aufsucht, ohne Gift und Dolch zu scheuen und ihm durch sein Kennertum in allen Fragen der Eleganz so zu imponieren weiß, daß Ferrante es für schade fand, einen solchen Arbiter zu töten und sich lieber von ihm zum Geschmack der Frührenaissance bekehren ließ. Bald breitet Ferrante seine Baupläne vor ihm aus, bald bittet er Manuskripte abschreiben zu dürfen, bald empfängt er Lorenzos Verse mit bewundernder Dankbarkeit. Der erlesene Geschmack des Medizäers macht bessere Eroberungen für Florenz, als es die teuerste condotta vermöchte und sichert Bündnisse und Freundschaften in Italien und schließlich Anerkennung in ganz Europa.

Ist es nicht, als beuge sichLorenzo als freundlicher Genius mit unendlicher Kraft eines Liebeszaubers über ein Kleinod ? — Da sprießen die schönsten Wunder in allen Künsten auf und die Hügel, in die Florenz gebettet ist und die lange Schauplatz wilder Taten gewesen, sind endlich sicher und froh, sie kränzen sich festlich mit Landhäusern und Gärten, wo seltene Bäume und nutzbare Dinge auf den Wink des Magnifico üppig gedeihen. Unter Rosmarin und Rosen pflegen feine Gelehrte des Gesprächs in einer Sprache, die so gepflegt ist wie der Garten.

Sie haben lichte Gewänder, manche sieht man in rosen-farb und veilchenblau auf und ab schreiten unter glänzend immergrünen Büschen und silbernen Oliven, die Lorenzo andächtig zu besingen weiß, Nachtigallen finden sich ein und mit ihnen um die Wette schmettert mancher Jüngling seine Liebe hinaus in die schöne Welt. Lorenzo gibt das Beispiel, indem er singt, die Veilchen hätten von der Geliebten das Schönsein erlernt: Care mie violette; quella mano Che v*eiesse tra Taltre, ov’eri, in sorte, V’ha di tante eccellenze e prezio ornate. Quella che il cor mi tolse, e di villano Lo fe gentile, a cui siate consorte; Quella adunque, e non altre ringraziate*).

*) In freier Übersetzung-:

Ihr meine lieben Veilchen, jene Hand, Die euch erwählt, wo midi das Schicksal fand,

Also lernt das Herz von der Liebe das Schönsein, es wird anmutvoll (gentile) statt niedrigstehend, gewöhnlich und gemein. Diese Wirkung platonischer Andacht ist das Leitmotiv des Zaubers, den die Frührenaissance unter Lorenzo übt, es ist die Anerkennung des irdischen Eros, irdisch erreichbarer Schönheit, deren Liebe die Seele reif macht, sich endlich den Seligkeiten himmlischer Liebe zu weihen. Der irdische Eros umfaßt alles, was das Herz hienieden erhebt, was die Stunden unseres Eintagslebens froh oder stolz macht, alles, was maßvoll ein in Anmut und Reichtum getauchtes Dasein schmückt. Nach Dante hatte sich das preziöse Minnespiel verflüchtigt in kriegerischer Drangsal; pedantische Anstandsregeln hielten das frauliche Dasein engherzig umschlossen, gönnten höchstens auf dem Kirchgang oder bei Kindbettbesuchen oder von Fenster zu Fenster einen Klatsch mit Nachbarin und Base. In steifer Pracht begab man sich zu schwerfälligen Familienfesten. Des Bräutigams Mutter wählte die Schnur — so wurde Lorenzo mit 21 Jahren verheiratet. Die Mutter sah darauf, daß die Familie durch kräftigen Zuwachs erfreut sein möge, die Braut war meist 15, höchstens 16 Jahre alt. Daher die reizenden Jesuskindlein in den Armen überaus jugendlicher Madonnen, die selbst noch kindlichen Sinnes auf ihr wundervolles Püppchen schauen und jene Engelscharen, die üppig an den

Hat euch so hoch gewürdigt und geschmückt,

Sie hat am Boden tief mein Herz gepflückt,

Hat mich empor aus Niedrigkeit geführt,

Ihr bleibt mir lieb. Dankt Ihr, der Dank gebührt.

Wolken hängen wie volle Beeren an einer herrlich reifen Traube.

ln der Frührenaissance soll das junge Weib nicht nur solche Englein stillen und wiegen, aufs neue erwacht der Wunsch nach Seelenminne, das Weib soll des Mannes Geliebte, Freundin, Führerin werden, ihn wie zur Zeit der Minneherrinnen zu schöpferischem Drang auf allen Gebieten wecken und spornen. Tatkräftiger Ehrgeiz beseelt von nun an die feinen, klugen Köpfchen der Florentinerinnen, ln Eile wird ein Brautschatz an Bildung gesammelt, die kleine Renaissancedame zwitschert auf latein und herzt statt der Puppe bald den Platon, bildet ihren Geschmack an antiken Medaillen. Allessandra Scala in Florenz, Cassandra Fedele in Venedig, die mit Lorenzo Briefe wechselt und die Florentiner Frührenaissance der Lagunenstadt vermittelt, die Gattin Bernardo Pulcis und deren Schwester Annalisa Tannini sind solche liebenswürdig gelehrte Damen. Doch Lorenzo preist vor allen eine geheimnisvolle Schöne in Sonetten und Briefen, die von Zeitgenossen Lucrezia Donati genannt wird.

Sein Lob lautet: Sie war von angemessener Gestalt, ihre Farbe nicht bleich, aber außerordentlich hell, blühend, nicht ländlich rot. Ihr Ausdruck war ernst, ohne streng zu sein, mild und freundlich ohne Gewöhnlichkeit und Aufdringlichkeit. Ihre Augen waren lebhaft ohne Hochmut noch Einbildung im Blick. Ihre ganze Erscheinung wirkte so maßvoll fein, daß sie unter anderen Frauen stets mit besonderer Würde erschien, allein ohne steif oder geziert zu zoirken. Im Gang, im Tanz und in eder Bezuegung war sie voll wohlklingender Anmut und Vornehmheit. Sie sprach stets zu rechter Zeit und sagte das Rechte, so daß nichts hinzuzusetzen, nichts wegzunehmen blieb. Obwohl ihre Bemerkungen oft treffend scharf fielen, wußte sie dieselben so zu halten, daß sie nie kränkten. Ihr Geist und Wissen war wunderbar, doch vermied sie selbstherrliche Art, die so leicht bei geistesstarken Frauen eintritt und sie unleidlich macht*).

Eine Anspielung auf den Typus des Blaustrumpfs, der im Italien des Cinquecento anfängt, sich bemerkbar zu machen. Meistens geben jedoch gelehrte Damen keineswegs Anmut oder Freude am Gefallen auf. Die in humanistischen Studien als höchst bewährt gepriesene Alessandra Scala ist schön und schalkhaft, sie scheint ihre beiden gelehrten Verehrer aus Lorenzos Kreis, Poliziano und Marulla, öfters geneckt zu haben, denn sie entbrennen in Eifersucht, die sich in fast possierlicher literarischer Fehde austobt. Endlich zieht sie Marulla vor. In Lorenzos Zeit vollzieht sich an den anfangs so streng stilisierten Bildnissen vornehmer Frauen eine bedeutende Wandlung, ihr sittsam steifer Ernst verklärt sich, der Mund fängt leise, leise zu lächeln an, zuerst noch verhalten und verschämt, dann schalkhaft, endlich bedeutungsvoll und das kaum angedeutete Zucken der Mundwinkel mündet in das weltbezaubernde Lächeln der Gioconda. Zum Preis der Lilienstadt, als ihrer Schönheit Königinnen, gehen also lächelnd die

*) Lo ingegno meraviglioso e cid senza fasto o presunzione, e fuggendo un certo vitio comune alle donne, a quali parendo d’in-tendere assai diventono insopportabili.

geladenen Damen die Marmorstufen empor zu des Magnifico Festen. Eine jede hat gesorgt nicht nur für den zartesten Haarschmuck, für das Erlesenste an fein gestickter Borte um Ausschnitt und Ärmel, für den bestgefaßten Stein an der Brust oder hängend über der Stirn, sie hat auch dafür gesorgt, daß sie bald prunkvoll, bald schalkhaft, bald fein sich am äußerst gewählten Gespräch beteiligen kann.

Es lädt des Magnifico große Gebärde in Säle und Wandelgänge, wo mit weiser Kunst alles, was das Herz erfreuen kann, gewählt und gebreitet ist in einer Anordnung, wie sie seit griechischen Tagen nicht und seitdem nie mehr sich vollendet. Die frohen Werte farbiger Malerei an den Wänden sind erhöht durch die Umrahmungen und Ausläufer grau in grau, grün in grün, gold in gold, wie es Ton und Stimmung wollen, und ebenso eingestimmt in Sinn und Farbe ist das Spiel cyklischer Erzählungen und mystischer Allegorien, woran geistig belebtes Plaudern leicht mit Anmut knüpft. Die Herrlichkeit des Hausrats besteht aus der feinen Kunst, die daran gewendet ist. Einen kleinen Begriff davon gibt Vasari, wenn er erwähnt, daß einst die ersten Meister jede Kleinigkeit mit eigener Hand anzufertigen, mit eigenem Geist zu durchdringen liebten, alles war geschaffen von Künstlern, non mica plebei, ma excellenti maestri — nicht etwa gewöhnlicher Art, sondern von außerordentlicher Meisterschaft.

Truhen, Kredenzen, Sessel, Tafelgerät mit unerschöpflicher Erfindung ausgestattet, mit vornehmstem Farbensinn, denn viele Jahre war es in Brauch, daß die ersten Maler sich in solchen Arbeiten übten ohne sich derselben zu schämen *). Auf die Maler führt Lodovico Dolce im Dialog della Pittura die Anmut des reichen Geselligkeitsrahmens zurück: Wir müssen bekennen, daß vom Maler Ursprung und Gestaltung der übrigen Künste der Hand ausgehen, denn es wenden sich gleichermaßen an ihn die Architekten, Goldschmiede, Kunstschreiner und Bildhauer, die Sticker und Schlosser**).

Manche Anregung auf diesen Gebieten geht wohl von den Damen des Hauses aus, einer Clarice Orsini, Lorenzos römischer Gattin, LucreziaTornabuoni, seiner Mutter aus altem Florentiner Geschlecht, Nanetta, seiner Schwester, die Bernardo Ruccelai heiratet, indes ein Töchterlein Maddalena mit einem Sohn Innocenz VIII. Francesco Gibo vermählt wird, Contessina, die zweite mit einem Ridolfi, die dritte mit einem Salviati ***). Zierlich wußten sich die Profile der Damen mit dem preziös erfundenen Haarschmuck abzuheben von den reichgeschmückten Wänden der Säle und Loggien, die das Haus umsäumten, den geschnittenen Hek-ken im Lustgarten — der Begriff des Lustwandeins entsteht wie der Begriff des Lustsitzes, eine Erfindung klug genießender Menschen.

*) E per molti anni fu di Sorte questa cosa in uso, che eziando i piü eccellenti pittori in cosi fatti lavori si esercitavano senza ver-gognarsi.

**) Von den Schätzen des Hauses Medici berichtet Philippe de Com-mines nach der Plünderung durch die Franzosen unter Karl VIII. trocken aber eindringlich.

***) Lorenzos Söhne sind Piero, der ihm ohne Glück nachfolgt, Giovanni, der unter dem Namen Leo X. Papst wurde und Giulio, der eine Prinzessin Filiberta von Savoyen heiratete und den Titel eines Herzogs von Nemours empfing. Er wird als außerordentlich liebenswürdig geschildert, ebenso Lorenzos natürlicher Sohn Ales-sandro, der Kardinal wurde und in Rom ein berühmt gastfreies Haus hielt. Lorenzos Mutter Lucrezia ist wohl die bedeutendst« Frau dieses Kreises, wunderbare Gedichte sind von ihr erhalten, die Antonio Squarcialupo, Lorenzos Lieblingsmusiker in Töne setzte. Lucrezia liebte es, Dichter anzuregen gleich ihrem Sohn, der von der Mutter viel an Talent und Anmut des Geistes geerbt haben mag. Sie soll Luigi Pulci, einen der drei Brüder Pulci, Bernardo, Luca und Luigi, die ständige Tischgenossen waren, ermuntert haben, den Morgante Maggiore zu dichten und bei Tisch Teile davon vorzulesen. Scheinbar störte sie es nicht, daß zu Anfang des Werkes Venus und Maria angerufen werden, daß Pulci den Teufel Astarot versichern läßt, auch in der Hölle gäbe es Eleganz (gentilezza), und daß Heiden wie Christen Heil erfahren könnten, indes ihre fromme Schwiegertochter Clarice doch einige Male mit dem anderen ständigen Tischgenossen und Erzieher ihrer Sohne Polizian ob seines Neoheidentums ins Treffen geriet.

Der Morgante Maggiore war ein grotesk verschnörkelter Abenteuer- und Ritterroman in Versen, spannend, wie ihn die Damen liebten. Der Zeitgeschmack verlangte noch Schilderung von Taten in Kampf und Turnier und Verständnis dafür, wenn sich auch schon etwas Skepsis und Humor beimischten, wie im Morgante. Spätgotik und Frührenaissance sind in Florenz engan-geschmiegt und einander keineswegs bewußt feindlich, bald da, bald dort findet der Übergang statt, schneller oder langsamer in dieser oder jener Geschmacksrichtung. Erst Vasari wendet sich bewußt feindlich und kritisch gegen die Gotik, ihm folgen in Wort und Tat ein Bramante, ein Raffael. Bei Leone Battista Alberti, Giovanni da San Gallo und anderen Künstlern aus Lorenzos engerem Kreis tritt solch bewußte Feindlichkeit noch nicht zutag, wiewohl sie kühne Neuerer sind. Der gotische Charakter in so mancher Dichtung aus Lorenzos Freundeskreis ist noch ausgesprochen, so in dem allerliebsten Lied*) Ben venga Maggio, das bald Lorenzo, bald Polizian zugeschrieben wurde, vielleicht aber nur die gefeilte Ausgabe eines älteren bekannten Liedchens darstellt. Darin werden die Damen aufgefordert, sich im schönen Mai ihren Rittern huldvoll zu zeigen, sie zu bekränzen, wenn sie nach alter Rittergepflogenheit ihnen zu Ehren Lanzen brechen.

Lorenzos reife Weisheit veranlaßt leicht den Geschichtsbetrachter zu der Vorstellung eines majestätischen älteren Mannes, und wir vergegenwärtigen uns kaum, daß er während seines Wirkens herzlich jung war, sechzehn Jahre bei seinen ersten diplomatischen Missionen, einundzwanzig, als ihn bei des Vaters Tod Florenz als Oberhaupt anerkannte. Ein wichtiges Staatsober’ haupt und ein berühmter Mäzen allerdings, aber auch ein minnender Jüngling und ein lanzenbrechender Ritter im gotischen Stil, der sich gerade auf diese Geschicklichkeit viel zu gute tat. Sein Sieg und seines Bruders Giuliano Sieg in einem berühmten Turnier wird in

*) Siehe Gotische Welt pag. 187.

Gedichten Pulcis und Polizians gefeiert, die beweisen, wie sehr diese mittelalterliche Art der Unterhaltung in der Frührenaissance noch beliebt und für junge Leute vornehmen Standes selbstverständlicher Sport war, ein langandauerndes Thema für Gespräch und Lied. Von Lorenzos heldischem Auftreten behauptet sein Freund Luca Pulci in den Giostra di Lorenzo: Dettonsi colpi die parvori d’Achille, und knüpfte das gotische Ritterspiel an antike Erinnerungen. Zuerst erscheint Lorenzo auf einem Pferd, das ihm Don Ferrante von Neapel als Paradepferd geschenkt, dann auf einem Streitroß, Geschenk des Herzogs Borso von Ferrara. Seine Devise heißt: Le temps revient. Unter den herrlich angetanen Preisrichtern treten auf Roberto da San Severino, Carlo Rindolfini, Tommaso Soderini, Ugolino Martelli. Pulcis noch etwas gotisch schwerfälliges Gedicht wird übertroffen durch die eleganten Verse des damals vierzehnjährigen Polizian, der Lorenzos Bruder Giuliano (der nachmals von den Pazzi ermordert wurde) als Turnierhelden feiert. Er widmete die allegorisierende und antikisierende Dichtung dem Lorenzo und rühmt, daß die Stadt unter seinem Schutz heiter und friedlich ruhe:

Fiorenza liete in pace riposa.

Lorenzos Jugend macht verständlich, daß er sich mit so großem Eifer der Karnevalsfeier annahm und derselben die Prägung seines Künstlergeistes gab. Seine Feinde, wie ein Savonarola und andere, zeichnen ihn als schlimmen Tyrannen, der lüsterne Feste gebietet, um den lustbetörten Bürgern die verlorene Freiheit in Vergessenheit zu bringen, er selbst könne wie Saul sein böses Gewissen nur durch Musik betäuben und beruhigen. In Wirklichkeit war es schon lange Sitte in Florenz, den Karneval mit Umzügen, allerlei Mummerei und Possen zu begehen, die oft in Roheit ausarteten. Lorenzo und Polizian, sein unzertrennlicher Freund, träumen als begeisterte Humanisten von den Festen der Antike, die alle Stände in Frohsinn vereinigen und die Menschen einander nahebringen für schöne Stunden künstlerischen Genusses. Florenz mit seinen reichbegabten Künstlern, seinen eleganten Dichtern und kühnen Witzbolden scheint ihnen würdig Athens Feste zu erneuern. Ähnlich wie der Schäferkönig Rene in der Provence ist Lorenzo von ganzem Herzen als Dichter und Musiker bei seinen Festen, nur bringt er auch noch jugendliches Feuer mit, seine Erfindungen für die festlichen Aufzüge entwinden sich dem gotischen Geschmack immer entschiedener und schließlich stellen seine Trionfi den Triumph der Frührenaissance dar.

Eine Miniatur zeigt vor dem Palast der Medici einen singenden Frauenreigen, zwei bekränzte Frauen knien zur Huldigung vor dem Dichter Lorenzo, der mit bescheidener Miene diese Huldigung abweist und auf Polizian zeigt, dem er wohl das Verdienst des gelungenen Festes zuschreibt. Wie in Goethes und Schillers Xenien ist in den Canzone a ballo, den oft ausgelassenen Tanzliedern der Zeit, nicht zu unterscheiden, von welchem der beiden Dichter, Polizian oder Lorenzo, die in Schalkslaune verfaßten Verse stammen. In dem merkwürdigen Werk Hypneroto machia Poliphili, geschrieben in maccharonischem Kauderwelsch, spaßhaft zwischen italienisch, griechisch und hebräisch wird einer der schönsten Aufzüge beschrieben: Ich erblickte großen Zusammenlauf merkwürdiger Personen — mit Blumengewinden, mit frommem Stampfen der Füße, mit Händeklatschen und frohlockender Miene zogen sie einher. Nymphen jeder Beschreibung umhüpfen den blühenden, mit Purpurrosen bekränzten Vertumnus, den Herbstgott, der in den Schoßfalten des Gewandes reiche Zweige barg. Er thronte auf einem grüngeschmückten Karren, den vier bockbeinige Satyre zogen, und ihm zur Seite saß seine geliebte Pomona mit wallendem Blondhaar und gekrönt von Früchten. Vor dem Karren tanzten Nymphen nach antiker Weise —*). Eingehend betrachtet Antonio Francesco Grazzini, genannt il Lasca, im Vorwort zu seiner Sammlung von Karnevalsliedern die Art, wie Lorenzos Einfluß diese ursprünglich groben und unflätigen Mummereien künstlerisch gestaltete. Anfänglich waren sie ähnlich dem deutschen Schönbartlaufen derb und monoton in ihren Witzen und auch heilige Personen waren in die Possen einbezogen. Lorenzo übersetzt dies alles in antik holdselige und sinnreiche Freudenfülle, wenn auch Munterkeit und unbefangene Sinnlichkeit ihr Recht behalten. Seine schönsten Karnevalslieder sind nicht ohne jenen Hauch von Schwermut, der Todesmahnung enthält und die ausgelassene Heiterkeit bedeutsam stilisiert.

*) Hypneroto machia Poliphili, sogno di Frate Francesco Colonna, in italiano maccheronico, misto die greco e d’ebraio gedruckt: Venetiis Mense decembri M. I. D. aedibus Aldi Manutii accuratissime. Der Bildschmuck wurde Sandro Botticelli zugeschrieben. Des Festes Beschreibung fangt also an: io vidi grande türme de insueta gente–cum fiori instrophiati festigianti cum religioso tripudio et iubilando.

Die antik kostümierten und oft antik umgetauften Menschen der Frührenaissance sind im Herzensgrund noch Christen und haben kaum die Bande gotisch feierlicher Lebensanschauung gelockert. Noch bevölkern Totentänze, Darstellungen der Hölle Kirchen und Säulengänge, gewisse grämliche Mönche drohen damit von der Kanzel in donnernden Worten. Bei den trionfi nimmt man Partei für das Leben gegen Tod und Höllenfurcht. Es heißt nicht mehr: Büße, klage, weil du morgen stirbst, sondern sei recht lebendig, lebensbewußt, weil du morgen stirbst. Mit Wort und Tat preist der jugendliche Lorenzo die Jugend, wie es nur die Griechen vor ihm zu tun verstanden, sie, die den wehmütig lächelnden Eros gebildet, der dem Thanatos ähnlich sieht.

Quant e bella giovinezza Che si fugge tutta via Chi vuol esser lieto sia Di doman non de certezza*).

Der Genuß kann nicht zur prosaischen Behäbigkeit werden, wenn diese scharfe Erinnerung an die Vergänglichkeit spornt und warnt.

*) Wie schön doch die Jugend ist!

Sie flieht schnell immer weiter,

Drum sei heute noch heiter,

Wer weiß, wie bald kommt ihre Frist.

Darum lobt il Lasca die trionfi des Karnevals, wenn sie nach Lorenzos Sinn geraten: Wenn die trionfi und Karnevalslieder gut gemeint und schön geordnet sind mit allem, was dazu gehört, mit klaren und freundlich einladenden Versen, mit heiterer und großartiger Musik, mit gut zusammenklingenden Stimmen, mit reichen Gewändern, die für die Gelegenheit geeignet und ohne Geiz zugeschnitten, wenn die dazu gehörigen Instrumente und anderen Dinge mit Meisterschaft ausgeführt und schön bemalt sind, die Pferde köstlich aufgezäumt, dies alles wirkend in der Nacht mit einer großen Anzahl von Fackeln — dann läßt sich nichts Angenehmeres und Erfreulicheres sehen noch hören. Und also sich ergießend zwischen Tag und Nacht in der ganzen Stadt, wird der Zug fast von allen gesehen und gehört, so daß er zu jedermanns Freude gereicht. Sogar die im Hause wohlbehüteten jungen Mädchen können vom Fenster aus, hinter dem Laden verborgen, so daß sie selbst nicht erblickt werden, alles mit Freuden betrachten und hören. (Man beachte, wie streng diese Gesetze der Schicklichkeit noch dauern.) Und ist das Fest vorüber und hat sich die ganze Bevölkerung daran erfreut und mit Zufriedenheit gesättigt, werden die Liederworte weitergegeben, gelesen, überall gesungen und nicht nur in Florenz herumgetragen, sondern in allen Städten Italiens, aber auch weiterhin ins Ausland verschickt und verbreitet nach Frankreich und Spanien, wo Freunde und Verwandte weilen. Diese Art Feste zu feiern wurde erfunden von Lorenzo il Magnifico — denn vor seiner Zeit war es Brauch, im Karneval mit Mummerei Madonnen darzustellen, die Männer tanzten in Weibertracht und sangen auf altertümliche Weise. Dies betrachtend, erwog der Magnifico Neuerung zu bringen in der Erfindung, er verfaßte Lieder in verschiedenem Maß und ließ sie verschieden in Tone setzen. (E questo modo di festeggiare fu trovato dal Magnifico Lorenzo de Medici — percioche prima gli uomini di quel tempo usavano il Carnevale, immascherandosi contra-farre le Madonne — e cosi travestiti ad uso di Donne Cantavano Canzoni a ballo; la quäl maniera di can-tare, considerato il Magnifico essere sempre la medesima, pensö di variare non solamente il canto, ma le inven-zionit e il modo di comporre le parole — a la musica poi fece comporre con nuove e diverse arie.)

Wie ein sonnig veranlagtes Kind sich nicht scheut vor der grimmen Rüstung des Krieges, sondern das glitzernde Panzerhemd anjauchzt und spielen mag mit dem wehenden Federbusch, so steht der Geist der Renaissance dem grimmen Leben gegenüber. So zog sein Inbegriff, Lorenzos trionfo durch die Straßen der Stadt Florenz, die so viel Greuel und Blut erblickt und künftig noch erblicken sollten, blumenstreuend und tanzend dahin. Die streng gehaltenen Frauen und Mädchen und Klosterinsassen durften ihm zujubeln, von den Fenstern und halbverschlossenen Läden aus.

Es drang das ewige Kind, die Kunst durch das Düster in die Enge, lachte empor zu den ernsten Kirchen und Palästen trotzig ihrem dämmernden Geheimnis das offene Bekenntnis zu Jugend und Schönheit zurufend.

Es erscholl ihr Gesang:

Poi che visto il tempo abbiamo Si veloce via passare Fa buon tempo a trionfare Tutti noi disposti siamo Noi vivemmo in giovinezza Come antichi onesti e gravi Hör vogliam con allegrezza Consumar questi anni pravi Poi che matti come i savi A un fin hanno tutti ad andare Fa buon tempo a trionfare. —*)

Freilich erregt solch laut betonte Lebenslust den Ingrimm der Mönche, besonders weil Lorenzo sie und ihre Trunksucht mit Spott verfolgt (in der Satire Beoni), und sie rächen sich mit Verleumdungen, die auch für die Nachfahren das Bild des großen Florentiners trübten. Seine Jugend, sein Dichtertum wäre Grund genug, ihm zu verzeihen, daß er trotz aller Staatssorgen als Festordner auftritt. Allein bei genauer Betrachtung hat Lorenzo als solcher den Wunsch eines echten Weisen, freundlich volkserzieherisch zu wirken. Er wählt Erzählungen der

*) Frei übertragen:

Da wir alle eingesehen,

Wie die Stunden schnell vergehen,

Machen wir uns gute Zeit,

Heute sind wir froh bereit.

Trotz der Jugend lebten wir

Wie die Alten strenge hier,

Ernst tind ehrbar, doch wir wollen,

Was wir in der Jugend sollen,

Froh in frohen Stunden lachen,

Da die Narren wie die Weisen

Zu demselben Ende reisen,

Gute Tage laßt uns machen.

Geschichte und Mythologie und weidet die unvermeidliche Schaulust der Menge mit erhabenen oder heiter harmlosen, lebenden bewegten Bildern, die ebenso nützlich belehrend wie unterhaltend zu wirken haben. Seine trionfi trugen erhaben allegorischen Sinn, wie auch Lorenzo als Dichter einige der größten und herrlichsten allegorischen Figuren schuf, die Eifersucht und die Hoffnung mit ihrem Gefolge von Tränen, Gestalten von wahrhaft antikem Faltenwurf.

In Lorenzos geselligem Kreis wird viel musiziert und über Musik philosophiert, denn es bereitet sich die bedeutsame Abzweigung des italienischen Musikstils vom niederländischen vor. Er zieht ausländische Meister an, die Anregung geben und empfangen, so den böhmischen Komponisten Heinrich Isaak aus Prag, der 1475—80 bei ihm weilt und seinen Kindern Musikunterricht erteilt (wie aus einem zu Oxford befindlichen Manuskript ersichtlich ist). Dieser interessante Musiker wirkt auch als Geschäftsträger Kaiser Maximilians. Er modifiziert seinen Stil in Italien ähnlich wie Albrecht Dürer den seinigen in Venedig; anmutig italienisch klingen die Lieder, die er für Lorenzo setzt: La piii bella und Fammi una grazia amore. Um das Jahr 1480 nimmt der berühmte niederländische Tonsetzer Josquin de Prez (1471—84 angestellt in der päpstlichen Kapelle) Teil an Lorenzos Gastlichkeit und glänzt durch seine humanistische Bildung wie durch musikalische Gelehrsamkeit. Seine Musik ordnet sich dem herrschenden platonischen Gedanken unter, und Lorenzo mag tiefsinniges Zwiegespräch darüber gepflogen haben, wenn er sich mit dem Meister in Saal und Garten erging. So ernst war dessen musikalisches Ideal, daß Ambros in der Geschichte der Musik ihm nachrühmt: Das ist Musik von Männern für Männer, Musik, wie sie Platon in seiner Republik haben wollte, strenge edle Schönheit, die den Geist erhebt, kräftigt, stählt, nicht in weichlich träumerisches Behagen einwiegt

Liebliche Schäferweisen wurden jedoch keineswegs verurteilt, sie erklangen zu Ehren der Damen, die das Madrigal bevorzugten. Das anfängliche Zusammenleben, dann Auseinanderstreben der Gotik und Frührenaissance tritt in der Musik wie in den andern Künsten und der mit ihr zusammenhängenden Lebensführung auf. Zur selben Zeit, als von den Niederlanden aus Frankreich, Deutschland, England und weniger durchgreifend Italien den gotischen Baustil empfangen hatten, war diesen Ländern genau in derselben Verteilung von den niederländischen Meistern der entsprechende Stil der Musik zuteil geworden, der polyphone Aufbau des gelehrten Kontrapunkts, mystisch mächtig, himmelstrebend voll Andacht, zuletzt aber in Schnörkel und Künstlichkeit entartend wie le gothique flamboyant.

Italien erkannte die Macht des niederländischen Stils für die Kirche noch lange an, befreite sich jedoch von seiner Gotik in weltlichen, der Geselligkeit gewidmeten Liedern. In diesen sucht der italienische Tonsetzer sich eigenmächtig zu zeigen, indem er den polyphonen Bau verläßt und homophoner Melodie zustrebt, aus dem ursprünglichen Mehrgesang, den Eingesang der Stimme und des Instruments loslöst, wie der Einzelne seine Sippe  zu überhöhen und sich allein geltend zu machen anfängt und wie die Architektur, wie die Malerei zur Betonung einzeln erkennbarer, führender Linien drängt*).

Als Ausgangspunkt gleichsam als Vorwand zu weltlicher Komposition wird das Schäferspiel genommen, die Volksweise, die dem Ohr melodisch schmeichelt. Besonders beliebt erscheint darin das Madrigal, ursprünglich ein Hirtenlied, die neumodische Pastorale rührt teils von den antiken Eklogen her, die man bei festlichen Gelegenheiten gern aufführte, teils von dem wirklich vorhandenen pasto-ralen Leben in Toskanas gesegneten Gefilden. Antonio da Tempo erklärt die Herkunft des Madrigals aus dem Schäferspiel. Mandriale nennt man diese Weise, weil sie mit der mandra, der Schafherde zusammenhängt. Da sie zuerst von verliebten Hirten gefunden wurde, die als einfache Leute ländliche Worte setzten und zu denselben auf ihren Sackpfeifen spielten, die modernen Dichter setzen freilich zartere und künstlichere Reime. Allein das Madrigal sollte stets in Lingua volgare abgefaßt sein, sowie mit Anklang ländlicher Art und Sprache**). Nach und nach wird das Madrigal immer ernster, neigt dem Motett zu, indem es sich dem klaren Kunstbau italienischer gedichteter Strophe anschließt, indes das eigentlich ländliche oder pseudoländliche Lied die Benennung frottole oder vilanella oder villota erhielt (von vilano = Bauer).

*) Fast scheint es endlich, daß die Italiener die Kirche den Nieder-ländern so gut wie ganz überließen und bloß die weltliche Komposition pflegten. (Ambros.)

**) Mandriale si dice quasi cosa uscita dalla mandra delle pecore. Per cid die questo modo primamente venne dai pastori inamorati, i quali siccome uomini rustici comminciavono a compilare parole grosse e quelle cantavano sulle pive loro con modo rusticano, sebbene i rimatori moderni facciano i madrigali con piü sottili e leg-giadre parole. Ma il Madrigale deve essere rimato die parole volgare, quasi con pronunzia e parlatura rusticana. (Antonio da Tempo.)

In Lorenzos Umgebung scheinen manche Dilettanten als Komponisten aufzutreten, denn Francesco Landino klagt darüber im Namen der Musik; besonders über die Entstehung unedler frottole, die in der Art heutiger Operettencouplets oder Gassenhauer populär sein mochten.

Musica son, che mi dolgo piangendo Veder gli effetti miei dolce et perfetti Lascia per frottoli vagh‘ inteletti.– Cia-scun vuol numerar musical note Compor madrial, cacce, ballate. . . .

Weinend läßt er die Musik sich beklagen, daß man ihre vollendeten zarten Schönheiten für unwürdig ausgelassene Liedchen verläßt. Jeder glaubt das Notenzählen zu verstehen und das Setzen von Madrigalen, Balladen und Jagdliedern. Die erhaltenen Weisen sind liebreich wehmütig, etwas dürftig und preziös. Anerkannter Meister der Töne ist Antonio Squarcialupo, Organist von Santa Maria del Fiore, dessen prachtvolle Liedersammlung mit den Miniaturen zeitgenössischer Komponisten von seinem Enkel dem Giovanni de Medici geschenkt wurde und sich in der Laurentinischen Bibliothek befindet. Beim Tode Squarcialupos unternahm es Lorenzo im Wettstreit mit seinen Freunden Marulla, Ficino, Poliziano, Soderini und anderen die Grabschrift für des Meisters Monument in Santa Maria del Fiore zu verfassen. Ihm wurde der Preis. Schön klang Polizianos Lob des Dahingegangenen, dessen edle Musik auch manchen Fremden nach Florenz gezogen.

Quae non diverso gens huc properabat ab orbe Ut biberet ducem carminis aure sonum.

Lorenzo widmete dem Freund auch einen italienischen Nachruf, dessen letzte Zeilen ein großes und wahrgebliebenes Wort in die Zeit warfen.

Farete insieme, o musici, lamento Sopra il vivo immortale oggio sepulto. Morte si scusa e dice: io ve l’ho tolto Per far piü lieto il ciel col su concento. — Gloria adunque 6 di noi perö siam grati, Che si dira dopo mille anni anchora Natura e quell etä fu pure amica*).

Im Rahmen der Liebhaberbühne und gesellschaftlicher Unterhaltung entstehen die ersten dramatischen Aufführungen von regelmäßigem Bau. Lorenzo verfaßte ein solches Festspiel bei Gelegenheit der Hochzeit seiner Tochter Maddalene mit Francesco Cibö, dem Sohn des Papstes Innocenz, und seine Kinder stellten es dar. Zu deren Nutz und Frommen sind wohl

*) Ihr Musiker, sprecht allesamt in Klagegesängen Über den lebend Unsterblichen, heute begraben. Entschuldigend meint selbst der Tod: Ich mußte ihn haben, Daß er den Himmel erheitert mit herrlichen Klängen.

Uns bleibt der Ruhm, unser muß Dankbarkeit bleiben, Denn man wird noch sagen nach tausend Jahren:

Die Freundschaft der Natur unsre Zeit hat erfahren.

folgende Verse gedacht, die den medizäischen Gedanken weisen Herrschertums ausdrucken:

Sappiate che chi vuol popol reggere Debbe pensare al ben universale . ..

Peró conviensi giusta vita eleggere Percha lo exemplo al popol molto vale E quel che fa il signor, fanno poi molti Che nel signor son tutti gli occhi volti*).

Ein Festspiel Polizians, Orfeo — zu Ehren des Cardinais von Mantua improvisiert und gespielt — gilt für die erste italienische Oper. Der Titelheld wurde von dem berühmten Improvisatore Baccio Cegolini gespielt, der die Gelegenheit ergriff, den Kardinal Gonzaga in Gestalt eines Hirten anzufeiern. Der Wunsch nach freundlicher Belehrung mitten in Festesfreude ging so weit, daß Lorenzo die neuen Errungenschaften der Geographie, Astronomie und Physik seinen Florentinern tanzend vorzuführen trachtete, wie er schon zu ihrem Anschauungsunterricht das Gnomon — den ersten astronomischen Meßapparat — aufgerichtet. Schöne Frauen stellten die Planeten dar und tanzten deren rhythmische Bewegung.

Dasselbe Trachten, gesellige Freude nicht leer verrauschen zu lassen, sondern mit bleibendem Gewinn zu begaben, leitet Lorenzo als Hausherrn an eigener

*) Wißt, wer das Volk will gut regieren,

Dem sei Gemeinwohl stets das Ziel.

Gerechtes Leben soll er führen,

Denn Beispiel gilb beim Volke viel.

Was der Herr tut, ahmt man nach im Land,

Aller Augen sind nach ihm gewandt

Tafel wie als Hausherrn des in einen unermeßlichen Festsaal verwandelten Florenz.

Seinem Sohn, dem jugendlichen Cardinal Giovanni (später Leo X.), schrieb er mahnend, er möge sich ja nicht durch Schmeichelei und Huldigung berücken lassen und eingedenk bleiben, er sei ein Florentiner unter Florentinern (stolz genug ein Florentiner zu sein), und sich selbst hielt er als solcher unter seinen Gästen, ohne irgend eine Zeremonie zu beanspruchen. Wie er dem Sohn schreibt, das Beste, besser als Gold, seien einige feine Dinge des Altertums und schöne Bücher, ein kleines, aber anstandsvoiies und gebildetes Gefolge sei einem großen Gefolge vorzuziehen, er möge auf Mäßigkeit bedacht sein und lieber bei sich empfangen als fremde Empfänge mitmachen und sich mit einfachen Gerichten begnügen*). So tat er selbst und verschmähte die spätgotischen Schmausereien. Man nimmt an seiner Tafel nicht nach Rang und Stand, Würde und Alter Platz, sondern je nachdem man zu Tische kömmt. So sitzt der junge Michelangelo, noch ein Knabe, manchmal obenan in der Nähe seines Gönners, indes die eigenen Söhne später erschienen und am unteren Ende Platz nahmen. Es ist jedenfalls eine große Sache, daß alle jene, die in Lorenzos Garten lernten und von ihm begünstigt waren, es zu hohem Ansehen brachten} was

*) Piü presto qualche gentilezza di cose antiche e belli libri, e piü presto famiglia accostumata e dotta che gründe, Convitar piü spesso che andare a conviti, e perb superfluemente. Usate per la vostra persona cibi grosse.

nickt also geschehen wäre, wenn der edle Herr nicht eine außerordentliche Kennerschaft besessen und sie als Gönner und Mäzen wohl geübt. Er erkannte die hohen Geister und die Begabungen *).

Nach Vasari sind die Künstler durch die besondere Beschaffenheit der Luft in Florenz angeregt, durch ihre Klarheit, Milde, Schärfe und Feinheit, die er sottigliezza nennt; diese Luft erzeuge erfindungsreiche, feine Geister, indem sie ihnen fortwährend Rost oder Plumpheit abreibt, was von Natur aus sonst nicht möglich sei. Eine merkwürdige, gewiß interessante Theorie, da tatsächlich das kleine Florenz in kurzer Zeit verschiedenste große Männer zeitigte (erano aiutati dalla sottigliezza dell aria di Firenze, la quäle produce ordi-nariamente spiriti ingegnosi e sottili, levando loro continuamente d’attorno quel poco di ruggine e grossezza, che il piü delle volte natura non puote). Was Vasari der Luftwirkung zuschrieb, kann wohl figürlich für die Luft gelten in der florentinischen Geselligkeit, sie verfeinert durch ihre lebhafte Geistigkeit und läßt keinen Rost zu. In den Klöstern San Spirito und Maria degli Angeli werden platonisch erhabene Gespräche geführt, auf und ab wandelnd in den säulenbelebten Klosterhöfen, wo Rosen den Mittelbrunnen umgeben. In Gegensatz

*) Vasari Vita del Rustici: E gran cosa ad ogni modo, die tutti colori, i quäl furono nella scuola del Giardino de Medici, e favoriti dal Magnifico Lorenzo, furono tutti eccellentissimi, la quäl cosa d’altronde non puö essere awenuta, se non dal molto, anzi infinito giudizio di quel nobilcssimo signore vero Mecenate degli nomini virtuosi; il quäle come sapeva conoscere gl’ingegni, e spiriti elevati, cosi poteva e sapeva riconoscergli e premiargli.

tritt der fanatische, alttestamentliche Ton, der im Kloster San Marco herrschte, seitdem auf Anraten des Schwärmers Pico della Mirandola Lorenzo zum Prior den Mönch Savonarola berief.

Die Gärten Lorenzos und seines Schwagers Ruccelai waren beliebtes Stelldichein der Schöngeister, wie Freilichtakademien für junge Künstler, mit denen sich Lorenzo zwanglos zu unterhalten liebte, und von den Anlagen in Carreggi schwärmt Polizian:

Tu dignos Faunis lucos, fontesque Napaeis.

Struxisti, et deceant quae modo rura Deos.

Oft wird eine besonders schöne Schale oder eine Gemme oder ein Becher von Hand zu Hand gereicht und manche Betrachtung daran geknüpft, oder Lorenzo gibt bald einen scherzhaften, bald einen träumerischen Vers zum besten. An seiner Tafelrunde pflegt man lebhaft kaustische Redewendungen, wie deren in motti e burle, einer Sammlung witziger Aussprüche der Zeit, verschiedene aufbewahrt sind, sie muten freilich wie ein Herbarium an, da das frische Grün der Gelegenheit, die Farben der Mimik, die Herzlichkeit das .Lachens fehlen.

Einer der witzigsten Köpfe war Matteo Franco, oft übte er sich mit Luigi Pulci gesprächsweise im Schaufechten, wobei es an spöttisch derben Anspielungen auf den Namen des Dichters (Floh) nicht fehlte, und obwohl Matteo und Luigi in ihren Sonetten desgleichen taten, als seien sie einander wenig gut gesinnt, blieben sie im Geheimen die besten Freunde. Allein um der Unterhaltung willen und um andere zu belustigen bissen sie aufeinander und brummten sich an, als handle es sich um erbitterte Feindseligkeit*).

Aber auch weniger harmlose Witze kamen vor, so daß dem gesammelten und gedruckten Scherzduett die Ehre widerfuhr, von der Inquisition verboten zu werden. Franco macht sich in übermütiger Laune sogar über die platonische Philosophie, das Allerheiligste des Hausherrn lustig, ohne dessen Gunst zu verlieren, vielleicht wollte er nur die Auswüchse durchhecheln und das modische Treiben, das sich damit befaßte. Einem Freund reimt Luigi Pulci zum Scherz:

Jene, die erheben so großen Disput Uber der Seele heiliges Gut,

Woher sie kommt und wohin sie drängt,

Ob sie wie der Kern im Pfirsich hängt, Ereifern sich, führen bald Platon an,

Und den gelehrten Aristoteles dann.

Sie meinen, sie können in Ruhe bleiben, Singsang und Instrumentspiel treiben

Und bedenken nicht, daß sie unbeirrt Die ganzen Köpfe total verwirrt**).

*) Et benche M. Matteo e Luigi in qucsti loro sonnetti dimonstrino esser poco amici l’uno dell altro, niente di mano nel segreto crano amidssimi. Ma per dare piacere et dilectare altri, acuna volta si mordevano e svillaneggiavano in tal modo come se proprio stati fussono nimici capitale.

**) Luigi Pulci a un suo amico per ridere:

Costor che fan si gran disputazione Dell’ anima, ond’ eil* entri o ond’ eil’ esca, O come il nocciol si stia nella pesca, Hanno studiato in su’ n’un gran mellone.

Namentlich Damen üben sich oft recht dilettantisch in Mystik, einige Pärchen nahmen die Sache mit der platonischen Philosophie so ernst, daß sie platonisch zusammenwohnend, eine merkwürdige Sodalität bildeten. Lorenzo ließ sich von geistvollem Spott nicht beirren und setzte nach wie vor in Versen platonische Fragen als Gesprächsthema auf, er entnahm Platon die Spielregel des Lebens. Oft gab er das Beispiel, wie im Gespräch attisches Salz würzend zu verwenden sei und wird deshalb von Niccolo Valori gerühmt:

Quura jocabatur, nihil hilarius Quum mordebat, nihil asperus

und von Polizian:

… Luxusque salesque

Sed lectus pelago, quo Venus orta sales?

Unter den motti, die sich zufällig von diesen Tischgesprächen erhielten, ist eine feine Antwort an Ugo Martinelli. Lorenzo hatte einen Fehler, weswegen er gern geneckt wurde, die Gewohnheit des Spätauf-stehens. Sein Gast Martinelli war einer jener Emsigen und Wichtigtuer, die mit ihrer prahlenden Geschäftigkeit ernste Arbeit hindernd umsurren. Er rühmte sich seiner geschäftserfüllten Morgenstunde und neckte Aristotele allegano, e Platone, E voglion ch’ella in pace requiesca Fra suoni, c canti, e fannoti una tresca, Che t’empie il capo di confusione.

Lorenzo ob seines Späterscheinens. Dieser erwiderte: Wer zveiß, Ugolino, ob meine Morgenträume nicht mehr bedeuten als deine Morgenarbeit. Diese Morgenträume waren wirklich sehr viel wert, sie gaben ihm die Möglichkeit, jenes Wunder zu vollbringen, das Voltaire mit den Worten anstaunte: C’etait une chose aussi admirable queloignee de nos moeurs de voir ce citoyen, qui faisait toujours le commerce, vendre d’une main les denrees du Levant, et soutenir de l’autre le fardeau de la republique.

Erlesene Medaillen, geschnittene Steine, Bronze und Marmor ermuntern zu liebevoller Hingabe, man prüft, man staunt, man liebt mit dem zartverständigen Hausherrn, der nicht müde wird, vor jedem Altar der Kunst die Knie zu beugen und mit dichterischer Sehergabe alles erläutert, so daß ihn keiner verlassen kann, ohne reich geworden zu sein. Seine Welt ist jedoch nicht nur die Welt von Pergamenten, Stein und Bronze, er ist einer der sorgsamsten Naturfreunde und Beobachter. Der gewiegte Staatsmann, der überragende Kenner aller Feinheiten des Altertums, der in verschiedenen Erdteilen mächtige Bankier, der ausgezeichnete Dichter, ist einer der verdienstvollsten Landwirte, sein Landsitz Poggio Cajano *) wird Versuchsstation zur Akklimatisierung von Tierrassen, und der Seidenbau wie die Zucht edler Pferde erfreut sich seiner Aufmerksamkeit. Gemüse, Obst, edle Hölzer verschiedener Art läßt er seine Gäste bewundern und

*) Erbaut von Giovanni San Gallo.

einer derselben feiert Lorenzos Gartenkunst und Landwirtschaft in lateinischen Versen*).

Bei elegantem Vergnügen beschäftigt sich Lorenzo sinnig mit Naturbetrachtung, wie mit humorvoller Kritik der Jagdgäste und bewahrt das Andenken an ein solches Fest in einem Gedicht über die Falkenbeize, das heiter lebendig und eigenartig die wirkliche Umwelt beschreibt, statt mit Petrarcas Redewendungen zu spielen, wie zeitgenössische Dichter pflegten. Oder als Niederschlag manch lebhaften Gesprächs in den duftenden Hainen, wo Lorenzos Lieblingssitze grüßen, erscheinen in seinen Versen neue zarte und witzige Gleichnisse, die von Tierliebe und Beobachtung zeugen, wie etwa der Vergleich des geschäftigen lastentragenden Ameisleins mit Liebhabern, die an der Bürde übergroßer Liebe schleppen.

Die Vorliebe für das Ländliche zeitigte Interesse für die toskanische Bauernsprache und Lorenzo bringt sie in Mode durch eine allerliebste Dialektdichtung La Nencia de Barberino, die beweist, wieviel Verständnis der Herr von Florenz für Herz und Sinn der Bauernschaft besaß und daß sein platonischer Glaube ihn keiner Wirklichkeit entrückte.

*) Alexandri Braccii, descriptio Hortis Laurentii Medicb. Villa suburbanis feiix quem continet arvis, Caregio notum cui bene nomen inest. Non fuit hortorum celebrb tarn gloria quondam Hespiridum, pactet fabula plura licet Quam nunc est horti Laurentii gloria nostri . . . Quid violas referam, celseminos bene olentes, Quid niveas memorem purpureasque rosas? Heic florum poteris cunctorum sumere odores, Heic si tu quaeras, omne legumen erit.

Die große Weltanschauungsfrage, die sich in dem Wort Platon oder Aristoteles zuspitzte, war schon von Cosimo zugunsten Platons entschieden worden durch Gründung der platonischen Akademie, die am vermeintlichen Todestag des Weisen besondere Feiern veranstaltete und bei den Zusammenkünften des Meisters mit einer Art religiöser Verehrung gedachte. Man nahm den 7. November an (manche nennen den 14.) und beging ihn durch ein festlich andächtiges Mahl. Es sind neun Gäste, Lorenzo, Francesco Bandini, Marsilius Ficinus, und dessen Vater, des Lorenzo Leibarzt — gebildete Ärzte spielen in der Geselligkeit der Renaissance eine besondere Rolle, die Überzeugung des universalen Zusammenhangs aller Künste und Wissenschaften erlaubt ihnen, nicht ausschließlich Fachgelehrte zu sein, manche unter ihnen sind Dichter und Philosophen — der Dichter und Commentator Dantes, Cristoforo Lan-dino, der Rhetoriker Bernardo Nuti, ferner die Humanisten Giovanni Cavalcanti, Tommaso Benci und zwei Brüder Marsuppini.

An diesem humanistischen Feiertag findet kein lauter Prinzipienstreit statt, alle erscheinen versöhnt und in andächtig gehobener Stimmung, das zierlich aufgetragene Mahl sieht diese bedeutenden Forscher auf stürmischem Gedankenmeer gleichsam im Hafen ruhend unter Gesang, Sonne in den Segeln. Sobald die Gerichte abgetragen sind, nimmt Bernardo Nuti mit Ehrfurcht den Platon zur Hand — gewiß eine köstliche Handschrift, vollendet geschrieben und geistvoll glossiert — und liest aus dieser humanistischen Bibel. Ein zartes Glück des gemeinsamen Empfindens leuchtet auf in den klugen Augen der versammelten Männer, verklärt ihre Forscherstirne und macht die Lippen mild. Platons Gastmahl ist in der Tat wieder erstanden. Hier offenbart sich die Renaissance als die eigentlich religiöse Bewegung der Zeit, wo ein edler Glaube Weisheit des Herzens und Weisheit des Geistes bildet und nährt.

Was die großen Menschen der Frührenaissance erstrebten, die zwar festen Fußes auf der Erde standen, allein ebendeshalb beherzt und entzückt zum Himmel aufblickten, war Erneuerung, Verjüngung, Besserung aller Dinge durch Wiedergeburt des Seelischen im Menschen — jene Geburt, von der Sokrates im Gastmahl spricht und zu welcher er seine Geburtshilfe anbietet wie ein gütiger Arzt, der das Leben schonen will und die Schmerzen möglichst zu mildern gedenkt. Ohne solche Geburt oder Wiedergeburt der Seele bleibt jede angestrebte Reformation nur Revolution, ein äußerer Ausbruch, der schließlich um Macht und Geld geht, Ohnmacht und Elend erntet und wie alle Revolutionen das ursprüngliche Ideal unter phantastischen Trümmern verschüttet.

Das große mystische Ideal der Renaissance erkannte und deutete sich selbst am klarsten in Lorenzos platonischer Tafelrunde. Feierlich bestimmte er als Gesetzgeber: Liebe ist ein notwendiger und wahrer Antrieb für das Gemüt zu edler Bildung, Gewissenhaftigkeit und Größe, und sie veranlaßt vor allem die Menschen zu würdigen und außerordentlichen Dingen und zur Betätigung aller Tugenden, zu denen unsere Seele angelegt ist.

Der Volksmund erzählt, allerlei böse Zeichen hätten Lorenzos Tod verkündet.

Macchiavelli erwähnt merkwürdige Lichterscheinungen über der Lorenzokirche, der Grabstätte des medi-zäischen Geschlechts, der Blitz schlug ein und von den goldenen Kugeln des Wappens fiel eine aus*). Ungeheueres Bangen befiel die Stadt seiner Liebe bei des Magnifico frühem Tod. Gerechtfertigt war dies ahnungsvolle Bangen und Grauen, denn mit Lorenzo starb der an Früchten reichste Friede des neuzeitlichen Europa, mit ihm starb der unter der Gestalt des lieblichsten Knaben, des herrlichsten, kräftigsten Jünglings aufgetretene Friede, der medizäische Friede.

*) Come della sua morte ne dovesse nascere grandissime rovine, ne mostra il cielo molti evidentissimi segni. (Macchiavelli.)

Text aus dem Buch: Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt 1450-1600 (1921), Author: Gleichen-Russwurm, Alexander, Freiher von.

Siehe auch:
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – Vorwort
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – FRÜH-RENAISSANCE
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – ZWEITER ABSCHNITT
Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt – DRITTER ABSCHNITT

Die Sonne der Renaissance : Sitten und Gebräuche der europäischen Welt