Schlagwort: Meister Eckhart

I. Abschnitt. Bild

MITTELALTERLICKE MÖNCHE und Prediger; strenge, eckige Gestalten in gegürteter Kutte, mit abgezehrten Asketenhänden, Händen von geißelnden Peinigern und gepeinigten Duldern; Händen, die mit knöchernen Fingern das Ungreifbare zu greifen suchen, die sich dem Unendlichen zudehnen, die ,,nach Gott tasten in seiner Tiefe“. Fleischlose, knochige Gesichter mit tiefliegenden, gerötet brennenden Augen, in denen des Leibes Zerrüttung und Verwüstung mit grauer Flamme leuchtet; Profile, wie in Holz geschnitten. —

Unirdisch, weitabgewandt, ins Ewige blickend und doch harte, erdstarke, wirkende Männer, sprach-gewaltige, hinreißende Redner, denen das Volk zuläuft, denen es sich unterwirft. Auf rauher Sandale schreiten sie einsame Wege, flüchtenden Gedanken und Gefühlen nach, in die eintauchend sie sich mit Gott geeint glauben, die sich aber immer wieder von ihnen lösen und dornige Pfade voranschweben. Mit Stachelgeißeln peitschen sie sich aus jeder noch so armseligen Behaglichkeit, treiben sie sich den Intuitionen nach, bis die tiefste unerschütterlichste Seelenruhe, wie die Blüte all ihrer Schmerzen und Leiden, ihnen gegeben wird und sie in völliger Gelöstheit vom Irdischen, in ,,aller Bilde Bildlosigkeit“ dem nahenden Gotte offen sind. —

Aus dem Wandern in den weiten Räumen des Ich, aus der Versunkenheit ins Innerste, Einsamste, die oft so tief wird, daß das Leben des Leibes zu erlöschen scheint, tauchen sie dann plötzlich beirrten, wie noch geblendeten Blicks auf, starren, zürnenden und liebenden Gottes voll, in das Leben, das sie sündig wähnen, und predigen, ringen nach Ausdruck für das Unsagbare, dessen blassender Abglanz sie noch erfüllt, für das flutende, auf sie einstürzende innere Licht, das sie nicht mehr begreifen. Dann sind ihre Worte klingend und stark, breitbeschwingt, voll des träum- und gedanken – genährten Lebens, von dem ihr Herz noch zittert. Und es ist, als kehrten diese Worte, wenn sie die staunende, niedergeworfene Menge überflogen haben, zu dem mystischen Prediger zurück und heim in sein Herz, indessen schweigende, erschütterte, an ihrem Leben irregewordene Menschen die gotterfüllte Kirche verlassen. —

Deutsche Mystiker

1. Johann von Sterngassen.

Durch Pfeiffer und W. Wackernagel sind vornehmlich aus Handschriften von Basel (B. XI, 10 und B. IX, 15) und Einsiedeln (N. 278) mehrere Predigten und kleinere Stücke veröffentlicht worden, welche in den Handschriften einem „von Sterngassen“ zugeschrieben sind. Nur zweimal steht „Johann von Sterngassen“. Alle diese Stücke erweisen sieh bis auf eines, das, wie ich nachgewiesen, dem Meister Eckhart zuzuschreiben ist, nach Stil und Inhalt als demselben Verfasser angehörig.

In der Predigt Formans me wird das vorzeitliche, zeitliche und nachzeitliche Sein der Seele besprochen. Im vorzeitlichen Sein sind wir Formen im göttlichen Wesen, im zeitlichen soll Gott die Form unseres Wesens werden, im nachzeitlichen wird wohl eine wesentliche Vereinigung mit Gott, aber „an der Schaumig, nicht an der Wesung“ sein. Die Bedingung hiefür ist das sich entschlagen von allen creatürlichen Bildern; denn so wenig als Gott und der Teufel sich vereinen, so unmöglich ist es, dass Gott mit der Seele sich vereine, die mit natürlichen Bildern behaftet ist. Dass wir uns von diesen Bildern nicht lauter und abgeschieden halten, das ist der Grund, warum wir des ohne Unterlass in uns sprechenden Wortes der Gottheit nicht gewahr werden. Denn so hoch ist der Adel der Seele, dass in etlichen Punkten der Unterschied zwischen ihr und Gott kaum zu finden ist. Der Grund, warum sie dennoch ein so kräftig Wort nicht zu sprechen vermag wie der himmlische Vater, scheint darin zu liegen, dass sie nicht gleich dem ewigen Sohne in ihrem Wesen im Vater geblieben ist.

Die Predigt In omnibus requiem quaesivi, welche in E 278 mit „Johann von Sterngassen“ überschrieben ist, geht von dem Gedanken aus, dass die Seele nur Ruhe finde in dem Nicht der Gottheit. Im Verlaufe der Predigt finden sich die Begründungen. Die Seele ist „gottformig“ (nicht Gott förmlich, wie der Text bei Wackernagel hat), d. h. sie ist Gottes Bild.

„Wie ein jeglich Ding ist an seinem Wesen, darnach wirket es. Meine Seele ist gottformig an ihrem Wesen, davon ist sie all vermögend. Alles das Gott wirken mag, das mag sie leiden“.

Sodann begründet er seinen Satz mit dem Ursprung der Seele aus Gott:

„Ein jeglich Ding ruhet in der Statt, ans der es geboren ist. Die Statt, aus der ich geboren bin, das ist die Gottheit. — Wirf den Vogel in das Wasser, er ertrinket; wirf den Fisch in die Luft, er verdirbt. Der Fisch ist in dem Wasser geboren, Wasser ist seine Natur. Bist du aus Gott geboren, willst du leben ausser Gott, wahrlich du stirbst. — Es ruhen verständige Creaturen nirgends denn an ihrem Wirken. Was ist das Ziel meines Wirkens? das in Gott ist ein Wirken, das soll in mir sein ein Leiden; das an Gott ist ein Sprechen, das soll in mir sein ein Hören, das an Gott ist ein Bilden, das soll in mir sein ein Schauen“.

Die Predigt Maria Magdalena etc (Maria von Bethanien, die Schwester der Martha, ist gemeint) erweist sich schon durch die Gleichartigkeit ihres Anfangs und Schlusses mit den letzten Sätzen der vorigen Predigt als demselben Verfasser angehörig. Christi Wort „Eins ist noth“ wird dahin erklärt: „das ist schauen, niessen und leiden Gott. — Aller Creaturen Wesen liegt an ihrem Wirken. Unser Wirken ist das ewige Wort hören“. Und der Schluss: „Gott du sollst sprechen, ich soll hören; du sollst wirken, ich soll leiden; du sollst bilden in dem ewigen Worte und ich soll schauen“. Die Predigt bewegt sich in der Darlegung dieses Unterschiedes. Gottes Wesen ist sein Wirken, sein Wirken sein Sprechen; unser Wesen und Wirken ist das ewige Wort hören. Bedingung hiefiir ist: Soll ich das ewige Wort hören, so müssen alle Dinge in mir schweigen, so muss ich schweigen, so muss das ewige Wort in ihm selber schweigen (d. h. mit der Dreiheit der Personen muss ich in das Wesen der Gottheit, in das Nicht mich versenken).

Mit der Predigt Formans me berührt sich die Predigt über die Frage: wer Gott sei? Alle Creaturen fragen mich : wer Gott sei? da ging ich in mich selber und fand, dass alle Creatur eine zergängliche Eitelkeit an sich selber ist und dass alle Creatur eine unbresthafte Wonne in der Gottheit ist, und befand, dass das Licht des göttlichen Ant-litzes in mir geformet war (s. o. das vorzeitliche und zeitliche Wesen der Seele). Da kam in mich ein mich in dir vergessen und meine Vernunft ward in dich gegeistet — da kam in mich ein Schauen deiner Ewigkeit und ein Befinden deiner Seligkeit und ich fand mich allein an dir verstarret. Ich fand mich mit dir das Wesen wesend und das Wort sprechend und den Geist geistend; und der Vater war in meiner Seele allmächtig und der Sohn allwissend und der heilige Geist allminnend.

Der Spruch Sterngassen’s von den 21 Stücken/die Maria an sich hatte, als der Engel zu ihr kam, beschreibt ihren Zustand, wie ihn die vorige Predigt von dem in die Gottheit Versenkten schildert. Dort heisst es:

„Mein Geist ward entmittelt, und meine Vernunft ward in dich gegeistet — und fand mich allein an dir verstarret“,

und hier:

„Sie war allen Creaturen entminnet und war alleine Gott geminnet. Sie war allen Creaturen gefreiet, und war allein an Gott verstarret. Ihr Geist war mit dem Geiste Gottes vergeistet“.

Mit dem ebenangeführten Stücke der Form nach verwandt ist das gleichfalls mit Johann von Sterngassen bezeiclmete Stück in DIX, 15 (bei Wackernagel, Altd. Lesebuch): „Wer will, dass ihm zuweilen sei, als unserem Herrgott allewege ist, der soll haben diese 7 Stücke an ihm etc. Es zeigt sich hier gleichfalls jener Parallelismus in den Sätzen, wie wir ihn in den übrigen bloss mit „Sterngassen“ bezeichneten Predigten finden. Derselbe tritt in den drei ersten der 7 Stücke auf deutlichste hervor: das eine ist, dass er mit Gott nicht minne; das andere, dass er aus (ausser) Gott nicht suche; das dritte, dass er an (ohne) Gott nicht meine. Hier ist zugleich das Spiel, das mit dem Worte „nicht“ getrieben wird, und das, so ferne es als „Nicht“ das Wesen der Gottheit bezeichnet, der Gegenstand alles Meinens, Min-nens und Suchens sein soll — zu vergleichen mit dem Eingang der Predigt: Jn Omnibus requiem quaesivi.

„Ich habe an allen Dingen Ruhe gesucht und habe an Nichte Ruhe gefunden. Nun spricht sie: ich habe an nichte Ruhe gefunden denn an Nichte. Das Nichte, an dem die Seele Ruhe findet, das ist blosse Gottheit“.

Die Sprüche von ihm, welche nach einer Berliner Handschrift Pfeiffer in der Germania hat abdrucken lassen, sind da gleichfalls nur einem Sterngassen ohne Vornamen zugeschrieben. Aber dass sic dem Johann angehören, zeigt sich bei einigen derselben unverkennbar. So heisst es da:

„Er sprach auch: Ein jeglicher Geist ist gestellt in drei Wege also: zum ersten Male: keine Statt mag ihn beschliessen. Zum andern Male: keine Zeit mag ihn gemessen. Zum dritten Male: keine Creatur mag ihn bezwingen“.

Wie hier der Parallelismus, so führt bei andern die Leichtigkeit, das launige Spielen mit der Rede auf Johann.
„Er sprach auch: Wer ein guter Mensch ist oder will sein oder will anfangen zu sein ein guter Mensch, der muss dieser dreier Dinge eines haben oder zwei oder alle drei. Es sind Dicta aus Predigten Sterngassen’s, die der Zusammensteller aufgeschrieben hat. Da derselbe nur wenig Urtheil hatte, so ist ein guter Tlieil des Aufgezeichneten nebensächlich und untergeordnet. Johann von Sterngassen muss ein Redner von hinnehmender Gewalt gewesen sein. Schon die Form seiner Rede, die in ihrer Eigen-thümlichkeit sich in allen angeführten Stücken gleichmässig geltend macht, hat etwas sehr anmuthendes. Ein angenehmer Rythmus waltet in ihr; er reiht gerne Sätze in ganz parallelen Formen aneinander und liebt es die Schlussworte auch im Klange gleich zu stimmen; oder er lässt diesen Parallelismus in knappen, glücklichen Antithesen walten.

Im Beginn der Predigt Formans me sagt er:

„Er hat uns geformet an ihm und mit ihm. Er hat uns geformet an ihm. Wie er uns ge-formet hat, das sollt ihr merken. Wir sind ein Licht in seiner Lauterkeit und ein Wort in seiner Verständigkeit und ein Leben in seiner Innigkeit. Also hat er uns geformet an ihm vor der Zeit. Zu dem anderen Male, was wir nun sind in der Zeit: in uns ist eine Lauterkeit, in die ohne Unterlass leuchtend ist das Licht der Gottheit; in uns ist eine Verständigkeit, in die ohne Unterlass sprechend ist das Wort der Dreifaltigkeit; und in uns ist eine Innigkeit, in die ohne Unterlass wirkend ist das Leben der Ewigkeit.“

Viele Sätze zeigen die kurze, geschlossene, prägnante Form der Sentenz und tragen so die Sicherheit des Sprechenden auf die Zuhörer über.

„Nichts mag mich satt machen, sagt er in der Predigt In Omnibus requiem quaesivi, als was mich voll mag machen. Dem gotthungrigen Menschen schmecket nichts als blosse Gottheit. Wäre ich Gottes voll, nichts achtet ich aller der Welt. Wer dieser Welt achtet, das ist ein Zeichen, dass er sich selbst hat verachtet. Wer sein selbst achtet, der hat aller Dinge verachtet. Der ruhet, der aller Bewegung ist beraubet. Wäre eine Creatur zumal unbeweglich, die wäre Gott. Gott ist darum Gott, dass er unbeweglich ist. Ist eine Creatur deine Ruhe, die ist dein Gott.“

In dem einen und andern Stücke merkt man, dass hier nur Auszüge gegeben sind, die wichtigsten Gedanken stehen gedrängt beisammen. Aber auch so zeigt sich die Lebendigkeit und Frische des Redners, und in der Aufeinanderfolge der Sätze der logische Gang und die schliessende Kraft, die in seiner Rede gewaltet hat. Er ist ein klarer Denker, der mit Sicherheit die Hörer zu dem Ziele führt, wo er sie haben will. Der Ernst, die Kraft und die Lebhaftigkeit, mit der er sich selbst dabei unmittelbar einsetzt, unterstützen ihn hierin.

„Wie kommt es aber, so fragt er seine Zuhörer, dass ich von Gott mehr weiss denn ihr? Es ist nicht das schuld, dass ich der Bücher mehr kenne; der Künste Hilfe ist gar klein. Es ist das schuld, dass ihr euch nicht so fleissig aller Dinge ledig, bloss und abgeschieden habt als ich es habe. Hättet ihr euch aller Dinge so unwissend und abgängig gehalten als ich habe, ihr wüsstet so viel als ich und leicht mehr.“ Er lässt die Zuhörer theilnehmen an dem was ihm augenblicklich, besonders in seinen Studien beschäftigt: „Seht, wolltet ihr mir um Gott helfen werben, dass er mich in einer Sache behüte, in der ich viel gearbeitet habe. Und wisset, dass ich meine Sinne viel damit beschäftigt habe und noch so sehr damit bekümmert bin, dass ich es niemand sagen darf. Und ich dürfte es auch euch nicht wohl sagen; doch zwinget mich die Minne gegen euch und der Gedanke, dass ich euer (eueres Gebets) gemessen möchte.“

Und nun bringt er die Frage, die ihn beschäftigt. Es ist die bereits erwähnte, wie es komme, dass die Seele bei ihrer so grossen Gleichartigkeit mit Gott ein so kräftig Wort nicht sprechen möge wie der himmlische Vater.

Durch dieses Hervortreten der eigenen Persönlichkeit, durch die Art, wie er die Zuhörer zu Theilnehmern seiner eigenen Arbeit zu machen sucht, durch die Lebhaftigkeit, mit der er fragt, erinnert er nicht minder an Eckhart, wie durch den Inhalt seiner Lehre. Aber er ist nichts weniger als ein blosser Nachahmer. Wir fühlen überall die Selbständigkeit seiner Natur hindurch. Seine Lehren sind die Eckhart’s in dessen Strassburger Zeit. An Vielseitigkeit der Speculation und Tiefe steht er hinter dem Meister zurück; auch führt ihn die Leichtigkeit, mit der er die Sprache handhabt, hie und da vielleicht in’s Spielende. Bei Sterngassen ist überhaupt auf die Form der Retle, auf Ordnung und Gliederung mehr Bedacht genommen. Er steht eben nicht mehr im Drange des Schaffens, sondern verwendet Resultate, welche zumeist schon durch den Meister errungen sind.

Da bei der Gleichartigkeit der besprochenen Stücke kein Zweifel über die Identität des Verfassers sein kann, und bei zweien der volle Name Johann von Sterngassen genannt ist, so können wir nun mit Sicherheit, was in verschiedenen Aufzeichnungen von Schriftstellern des Dominikanerordens über ihren Ordensbruder Johann von Sterngassen bemerkt ist, auf unseren Verfasser übertragen.

Ueber die Heimath Johann’s berichtet keiner von ihnen. Hermann von Fritslar bringt in seinem Heiligenleben die Predigt eines Gerhard von Sterngassen,1 die dieser auf dem Predigerhofe zu Cöln gehalten hatte. Es gab in Cöln eine Sterngasse. Rieger vermuthet deshalb in Cöln die Heimath seines Geschlechts. Verstärkt wird diese Vemuthung dadurch, dass ein dritter Sterngassen, Hermann, sich unter den Cölner Dominikanern findet, welche im eckhartischen Process 1327 den Protest des Nikolaus von Strassburg unterzeichnet haben.

Steill lässt ihn aus adeligem Geschlechte stammen, und Johann Meyer von Basel nennt ihn zu den Jahren 1318—23 und bezeichnet ihn als vortrefflichen Prediger des Wortes Gottes. Das Lob ist, wie wir selbst sehen können, begründet. Die Zeitangabe erhält ihre Bestätigung durch die eine der Baseler Handschriften, in welcher der Theil, der den Spruch Johann’s enthält, wie ich nachgewiesen habe, von einem unmittelbaren Schüler Eckhart’s herrührt. Johann Meyer führt ihn unter den Doctoren der Theologie aus seinem Orden an. Dass er für einen Gelehrten angesehen wurde, deutet er selbst an, wie wir sahen, nur mit der Bemerkung, dass der Bücher Hilfe gar kleine sei, um zum beseligenden Schauen Gottes zu gelangen. Nach der Einsiedler Handschrift war der Schreiber, welcher die Predigt Formans me hörte und zuerst niederschrieb, beunruhigt wegen des pantheisti-schen Charakters, den diese Predigt zu tragen schien. Ein anderer, wohl der, von dem die Einsiedler Sammlung herrührt, und der die Predigt gleichfalls gehört hatte, erklärt diese Auffassung für ein Missver-ständniss und sucht den Meister zu vertheidigen. Er sei, sagt der Ver-theidiger, kein einfältiger Pfaffe gewesen und habe den Geboten der Wissenschaft gemäss sich so hohe Probleme gestellt. Nach einer Stuttgarter Handschrift war „der von Sterngassen“ Lesemeister der Prediger oder Dominikaner zu Strassburg. Da diese Bemerkung bei einer Predigt steht, die sich auch in B XI, 10 findet, und bei der kein Zweifel ist, dass sie Johann von Sterngassen zum Verfasser hat, so ist damit für ihn auch eine Stätte seiner Wirksamkeit ermittelt. Führt ja schon die Bemerkung des Baseler Chronisten, dass Sterngassen Doctor der Theologie gewesen sei, und das Verzeichniss seiner Schriften, welches Antonius Senensis gibt, auf eine Lehrthätigkeit desselben an einer höheren Schule. Auf Strassburg weist auch eine Stelle der Sprüche, welche in der Germania mitgetheüt sind. Pfeiffer hat da den sinnlosen Text:

„Er Seite auch aber an einer andern bredigen (von) sancte Nyclawese zuo denhunden und sprach“ etc. Es muss heissen: („zuo) sancte Nyclawese zuo den unden.“

St. Nikolaus in den Unden hiess ein Dominikanerinnenkloster in Strassburg, jenes Kloster, wo Tauler’s Schwester Nonne war, bei der er starb (S. Schmidt, Tauler 62). Da Sterngassen auch in den Sprüchen der Germania mehrmals als Lesemeister bezeichnet ist, so erhält die Stuttgarter Nachricht durch die zuletzt angeführte Stelle eine Bekräftigung. Antonius Senensis nennt ihn einen Mann, der wegen seiner Erkenntniss und seiner ausgezeichneten Schriften berühmt gewesen sei. Von seinen Schriften führt er an einen Commentar zu den vier Büchern der Sentenzen, zu dem Buch der Weisheit und zum Psalter, Quaesüones in totarn philosophiam naturalem, in librum de bona fortuna, Predigten de tempore et de sanctis;1 dabei bemerkt er, dass er noch vieles andere geschrieben habe.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Königsberger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Das Heiligenleben von Hermann von Fritslar.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Pergamentblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Schule Eckhart’s.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter

Die Königsberger Handschrift.

Joseph Haupt hat in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie Bd. 76 eine Wiener Handschrift besprochen, welche eine Sammlung von Predigten über die Evangelien und Episteln von Advent bis Ostern enthält, und von der er nachweist, dass sie die Quelle für eine Anzahl von Predigten im Heiligenleben des Hermann von Fritslar sei. Er setzt die Handschrift in die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sie ist aus Papier und Pergament gemischt. Die Predigten über die Heiligentage finden sich bei ihr nicht.

Wir haben auf unserer Münchner Staatsbibliothek die gleiche Sammlung in einer Rebdorfer Handschrift (Cgm. 222. fol. membr.); sie reicht nicht weiter als die Wiener Handschrift, wiewohl sie nicht unmittelbar von ihr abstammt.

Eine dritte Handschrift befindet sich auf der Univ.-Bibliothek zu Königsberg. J. Haupt machte auf sie aufmerksam. Er erkannte aus einer Notiz Steffenhagen’s im 13. Bande der Zeitschrift f. d. A., dass sie dieselbe Sammlung enthalte wie die Wiener Handschrift, aber vollständiger, nämlich auch den ganzen Sommertheil. Er hielt es für möglich, dass diese Handschrift auch die Predigten über das Leben der Heiligen enthalte; dies ist jedoch nicht der Fall. Dagegen ist gerade der Sommertheil der Predigten von grosser Wichtigkeit, da wir aus ihm den Hersteller der Sammlung ermitteln und zugleich eine Reihe weiterer Aufschlüsse über einzelne auf die Geschichte der Mystik bezügliche Thatsachen und Persönlichkeiten gewinnen können. Ich gebe, ehe ich in die nähere Untersuchung eingehe, zuerst einige äussere Notizen. Der Handschrift fehlen am Anfang und Ende einige Blätter. Auch sonst ist hie und da ein Blatt verloren gegangen. Sie beginnt mit dem Schluss der vierten Predigt der Wiener Handschrift, nämlich mit der siebenten der bei Haupt abgedruckten theosophischen Fragen über die Geburt des ewigen Worts in der Seele, und endet mit einer Predigt über 2 Cor. 5. Die Sammlung ist keine vollständige in dem Sinne, dass auch für alle Perikopen der Woche Predigten gegeben wären. Sie stimmt im Wintertheile mit der Wiener und Münchner Handschrift überein, nur hat sie hie und da einige Kürzungen und Auslassungen. Schon im Wintertheile kommt es vor, dass Predigten das Evangelium und die Epistel nacheinander auslegen, mit keinem anderen Uebergange als etwa: Ich nehme das Evangelium, das man an dem Sonntag liest. Sehr häufig wird diese Verbindung im Somnier-theile bis zu der 7. Pfingstwoche. Von da an folgen die Predigten über die Sonntagsevangelien unmittelbar auf einander bis zum 24. Sonntage, und dann erst Epistelpredigten für die Zeit von der ersten Pfingstwoche an.

Ich nehme für meine Untersuchung die Predigt am Abend vor Himmelfahrt (f. 86d) zum Ausgangspunkt. Den Anfang dieser Predigt macht die Auslegung der zwei ersten Verse des Evangeliums Joh. 17, 1—11. Es ist der Anfang des in dem 17. Capitel enthaltenen hohepriesterlichen Gebets des Herrn. Der Text wird Satz für Satz ausgelegt. Meist steht das Wort „Text“ voran, dann folgen einige Textworte, dann die kurze Auslegung, eingeleitet mit dem Worten: „Glossa“ oder „das meint“, „das ist“, oder „man fraget“ etc. Dabei werden öfter verschiedene Auslegungen nebeneinandergestellt mit den Worten: „ein anderer Sinn ist“, „eine andere Glossa spricht“. Die Auslegung geht bis zum Schlüsse des 2. Verses, dann folgt die Bemerkung: „das hy czu gehört, steht uf den palm abent“. Der Schreiber ist also darüber, eine Sammlung von Predigten nach der Sonntagsreihe zusammenzustellen. Dass der Zusammensteller und nicht ein späterer Abschreiber diesen Rückweis auf den Palmabend gemacht habe, zeigen die folgenden Worte: „danach wil ich das Evangelium nemen von der mittewoche, vnd von dem vritage und von dem pfingst abent“. Der Vergleich mit diesen drei Predigten in der Woche vor Pfingsten zeigt zugleich mit Sicherheit, dass der Zusammensteller auch der Verfasser dieser Predigten ist. Die Mittwochspredigt legt zuerst die Epistel aus, und zwar in ganz gleicher charakteristischer Behandlungsweise wie die Predigt am Himmelfahrtsabend, und dann folgt der Uebergang zum Evangelium: „Nu kere ich mich zu dem evan-gelium das ich vor gelassen habe“. Die Auslegung knüpft in der That genau da an, wo die Predigt am Himmelfahrtsabend aufgehört hat, bei Job. 17, 3. Auch die 2. und 3. Predigt der bezeichneten Woche erweisen sich als Fortsetzungen der Auslegung von Joh. 17, und enthalten Rückbeziehungen: „Nu ge ich wider in das evangelium, das da ein gebete ist“ etc. Auch ist die Methode der Behandlung in ihnen die gleiche. Die Predigt am Pfingstabend verweist uns aber wieder auf die Mittwochspredigt der Pfingstwoche, die sich dann auch als Fortsetzung und Abschluss der Predigten über Joh. 17 zu erkennen gibt.

So haben wir nun unzweifelhaft  Predigten desselben Verfassers, der sich zugleich als der Hersteller der Sammlung erweist. Denn dass derselbe Sammler das Werk wenigstens bis zu der Predigt des letzten Evangeliums des Kirchenjahrs geführt habe, ergibt sich aus der Predigt am 3. Freitag nach Pfingsten, welche in Betreff des Evangeliums von der Erweckung des Töchterleins Jairi auf die Predigt am 24. Sonntag nach der Pfingsoctave verweist, wo die Auslegung darüber sich finde: „wiltu dise gl ose suchen di vindistu uf di leczte dominike von dem iare in disem buche“. Und diese Predigt bringt in der That die Auslegung. Wir werden nachher noch ein weiteres Zeugniss finden, aus welchem hervorgeht, dass der Verfasser der 6 besprochenen Predigten aus der Pfingstzeit auch den ganzen Wintertheil zusammengestellt hat.

Mit dem, was bis jetzt ermittelt ist, haben wir das Notlüge, um die Fragen, zu denen dies Sammelwerk Anlass gibt, zu erledigen.

Wir fragen zuerst nach der Person des Sammlers. Hier gibt uns die Predigt am Himmelfahrtsabend, von der wir ausgingen, die Handhabe. Nachdem diese Predigt, wie wir gesehen, die Auslegung über das Evangelium Job. 17 mit v. 2 abgebrochen und für Ergänzungen zu dieser Auslegung auf den Palmabend verwiesen und zugleich angekündigt hat, dass das Evangelium in drei nächstfolgenden Tagen vor Pfingsten noch weiter ausgelegt werden soll, sagt der Verfasser, er wolle aus diesem Evangelium (für heute) ein Wort zu besonderer Auslegung herausnehmen: rNv neme ich eyn wort vz dem evangelio, das sente Johannes beschribit, do von ich vor gesprochin hab. vnse herre spricht in dem evangelio: das ist das ewige lebin das man dich bekenne eynen waren got etc. Dy meyster krigen vnder enander wedir ewige selikeit me lege an den werkin der Vernunft adir an den werkin des willen adir in beydin glich“. Die jetzt folgende Predigt steht nun auch von Wort zu Wort in der Oxforder Handschrift, und hat da folgende Ueberschrift: ,,Hec est vita etema etc. In diser predigade disputirt Bruder Gisilher von Slatheim, der lesimeister was zu Kolne vnd zu ertforte wider die barfuzin vnd beweisit daz diz werc der fornuft edelir ist dan diz werc dez willin in dem ewigin lebine vnd brichit di bant der barfuzin in argu0Ä? meisterliche“. Mit der Aufschrift Giseier enthält diese Predigt auch eine Einsiedler-Handschrift.1 Die Zuverlässigkeit der Angaben der Oxforder Handschrift unterliegt

1) Veröffentl. durch Pfeiffer in Haupt, Zeitschr. f. d. A. VIII, 211 ff.

keinem Zweifel. Sie bringt 5 Predigten Giseler’s an verschiedenen Orten, jede mit dem Namen des Verfassers, und eine Vergleichung ergibt, dass sie demselben Verfasser angehören. Der Sammler der Predigten der Oxforder Handschrift ist überdies mit regem Interesse gerade an dem Kampfe betheiligt, welcher von Giseier gegen die Barfiisser geführt wird, wie wir aus andern seiner Bemerkungen ersehen. Dazu kommt nun auch noch die Bestätigung durch die von der Oxforder unabhängige Einsiedler Handschrift.

Wir hätten somit den Hersteller der wichtigen Predigtsammlung der Königsberger Handschrift in der Person des Giseier von Slatheim gefunden. Er war Lesemeister zu Cöln und Erfurt und zwar, wie eine Bemerkung des Herstellers der Oxforder Predigthandschrift im Verlauf der angeführten Predigt selbst ergibt, Lesemeister der Dominikaner.

Und er hat die obenangeführten sechs Predigten der Pfingstzeit zunächst an seine Conventbrüder gehalten, wie dies schon die Mittwochspredigt der Pfingstwoche andeutet, wo er über die Worte: ich bitte auch für die, die durch ihr (der Apostel) Wort an mich glauben werden, sagt: vnd bat auch vor di lute die von uns gelerit soldin werdin. Noch deutlicher aber geht dies aus der Art hervor, wie er in den bezeichnten Predigten seine Zuhörer an andere Prediger erinnert, die sie gehört hätten.

Die Namen jener Prediger, die er hier anführt, sind von Wichtigkeit, weil sie eine nähere Bestimmung der Zeit und der Stadt, wo die Predigtsammlung entstanden ist, ermöglichen. Die Stellen, in welchen er auf Prediger hinweist, sind folgende:

1. Predigt am Himmelfahrtsabend: „so wil ich etwas sprechin vz disem ewangelio. wen ir habit wol gehört meistir Heinrich vnd raeistir vriborc vnd von meistir Dytriche vnd meistir Echart vnd den von Muncze vnd bruder Johan vnd bruder Petir vnd meistir Heidinrich — uf dis ewangelium was bedutit. Nu neme ich eyn wort vz dem ewangelio, das sente Johannes beschribt do von ich vor gesprochin hab“ etc. Folgt nun die besprochene Predigt Giseler’s über die Frage von dem Vorzug der Vernunft etc.

2. Predigt am Mittwoch vor Pfingsten. Nachdem 9 Fragen über das schauende Leben gestellt sind, heisst es: Ir habit wol gehört was brudir Herman von dem Tummen (Cummen?) hy von gesait hat vnd der von Kyrberk vnd brudir Andres.

3. Predigt am Freitag vor Pfingsten. Nach der Auslegung des Verses Joh. 17,11 schliesst die Predigt: Ir habt gehört czu capetil bruder Heynrich vnd den jungen Echart vnd den von dryforden. Nu nemet dise 1er czu jenir vnd bittet got für mich. Amen“.

4. Predigt am Pfingstabend. Nachdem Giseier mit den Worten „nu ge ich wedir in das ewangelium des hoin gebetis vnsers herren Jesu Christi“ die in der vorigen Predigt bei Joh. 17, 12 abgebrochene Textauslegung fortzusetzen begonnen und von der ewigen Erwählung gesprochen bis zu der Frage: „man vregit ouch ab di irweltin mogin verlorn werdin vnd di dirweltin mogin behaldin werdin?“ heisst es: „Magister Johannes, vnd der von Erich vnd der von Sprewenberc habin hy von wol gesprochin, das vf dise irwelunge nymant buwen sal sunder uf heilikeit vnd uf tugint vnd uf vnsin gloubin. Behalde wir dis, so syn wir irwelit“.

5. Predigt am Mittwoch in der Pfingstwoche. Nacli den Worten „vnse mynunge di wirt alleine volbracht in dem ewigen lebin alleine“ heisst es: Brudir Jordan vnd meystir Herman vnd meystir Heynrich wol gesprochin han, abir meystir Heynrich von vrymar hat allirbest hy von gesprochin, wen her sprach: das ewige wort hatte dry eyginschaft di is nymande gegebin mochte noch gemyne: das bestenden uf ym selbir, vnd das is einen orsprunc ir kennet sundir mittil, vnd das is sundir czuval, vnd dis ist eyginir dem ewigen Worte alleine vor allin creaturen. Wir mögen wol mit gote vereint werdin. darumme hüte sich allis menschlich — vnd wisse was he halde und was he spreche“.

Giseier beruft sich in den drei ersten der angeführten Predigten auf Predigten von Meistern, die seine Zuhörer, d. i. seine Ordensbrüder gehört hätten. Meinte Giseier, sie hätten durch ihn die Auslegungen dieser Meister gehört, so würde dem die 2. und 3. Predigt widerstreben, denn in der 2. müssten sich solche Mittheilungen finden und in der dritten lässt der Satz „Ir habt gehört czu capetil“ nicht an solche Auslegung denken. Demnach werden Giseler’s Zuhörer auch die in der ersten Predigt angeführten Meister und Prediger selbst gehört haben.

Wo soll dies nun aber geschehen sein? Auswärts oder in der Stadt wo sie sind? Wenn auswärts, so müsste man an eine Schule denken, die alle durchgemacht hätten und an der die obengenannten zugleich gelehrt und gepredigt und den betreffenden Abschnitt ausgelegt hätten. Eine solche Schule, an der fünf Meister gelehrt und gepredigt hätten, und zwar Meister wie Eckhart und der von Freiburg, könnte nur eine höhere Schule sein, wie etwa Cöln, wo das Studium generale des Ordens war, oder Strassburg und Erfurt, in welch letzterer Stadt wahrscheinlich auch wie in Strassburg ein Studium pro-vinciale des Ordens sich befand. Allein die wenigsten von Giseler’s Zuhörern hatten wohl das Studium generale besucht (vgl. m. Vorarbeiten etc. S. 8) und die wenigsten das Studium provincialc gleichzeitig. Giseier müsste also Zuhörer im Auge haben, die im Kloster zu Cöln oder zu Strassburg oder Erfurt nicht als Studirende, sondern als ständige Conventualen des Ordens lebten, und da Gelegenheit hatten, auch die Predigten der obengenannten Meister zu hören. Giseier war selbst Lesemeister zu Cöln. Auch Eckhart und Theodorich von Freiburg hatten dort das gleiche Amt. Allein auch wenn wir annehmen, dass die Zuhörerschaft Giseler’s am Studium generale zu Cöln sich befand, so müsste doch ein besonderer Anlass gewesen sein, der nicht weniger als 9 Redner auf Kanzel oder Katheder führte, um über das 17. Capitel des Johannes zu belehren. Das Natürlichste ist, an ein Capitel zu denken, das eine grosse Anzahl von Ordensgliedern in eine Stadt zusammenführte. Ein Generalcapitel könnte das nun nicht gewesen sein.

Denn da Eckhart als Meister angeführt ist, so können wir mit unseren Predigten nicht vor das Jahr 1302 zurückgehen, und da Hermann von Fritslar im J. 1343 unsere Predigtsammlung benützt, nicht über das letztgenannte Jahr hinaus. Innerhalb dieses Zeitraums aber fand weder zu Cöln noch zu Erfurt ein Generalcapitel statt (das für 1330 nach Cöln angesagte konnte dort wegen der Feindschaft der Bürger gegen die Dominikaner nicht statt finden und wurde in Trier abgehalten). Zu Cöln oder Erfurt aber müsste das Generalcapitel gehalten worden sein, da Giseier vor einer Zuhörerschaft predigt, der er auf längere Zeit angehört als die Zeit eines General- oder Provinzial-capitels währte. Wir wissen aber aus der Oxforder Handschrift, dass er Lesemeister zu Cöln und Erfurt war, und schliessen zugleich aus den Predigten selbst sowie aus den Bemerkungen des Sammlers, dass er diese Predigten müsse in der Zeit seines Lectoramts gehalten haben, da sie nicht nur einen in Disputationen geübten Mann voraussetzen, sondern weil auch bei jeder derselben dem Namen auch „Lektor“ oder „Lesemeister“ von dem Sammler beigefügt ist. Auf ein Capitel weist uns aber auch die 3. Predigt selbst hin, wenn Giseier da zu seinen Conventbrüdern sagt: „Ir gehabt gehört czu capetil bruder Heynrich vnd den jungen Echart vnd den von Driforten.“ Denn dass nicht die Versammlung des einzelnen Convents unter Capitel gemeint sein werde, erhellt schon daraus, dass Giseier zu einer solchen gewöhnlichen Versammlung der Conventsbrüder eben redet, so dass also die Beifügung eine andersartige Versammlung gemeint wissen will. Auch deutet der Hinweis auf eine grössere Zahl von Predigern eine ausserordentliche Zusammenkunft an. Nun ist in Cöln, das zur Ordensprovinz Deutschland gehörte, innerhalb des obengenannten Zeitraums auch kein Pro-vinzialcapitel gehalten worden. Wohl aber fanden in Erfurt, das zur Provinz Sachsen zählte, in den Jahren 1303 und 1325 Provinzialcapitel statt. Auf dem ersten wurde Meister Eckhart, auf dem zweiten Heinrich von Lübeck zum Provinzialprior Sachsens erwählt.

Nun führen uns mehrere der angeführten Namen von selbst auf die Ordensprovinz Sachsen. Von Meister Eckhart wissen wir, dass er früher Prior zu Erfurt war, dann dass er 1303—1311 das Provinzialat von Sachsen bekleidete. War Erfurt sein Heimathkloster, wie ich im 1. Theil als wahrscheinlich nachwies, dann gehörte er für immer, auch wenn er in den Schulen zu Strassburg und in den Jahren nach 1320 am Studium generale zu Cöln lehrte, der Ordensprovinz Sachsen zu, so dass eine Betheiligung am Provinzialcapitel zu Erfurt im J. 1325 wahrscheinlich ist. Auch von dem jungen Eckhart, der in der dritten Predigt als Prediger genannt ist, wissen wir mit Bestimmtheit, dass er der Provinz Sachsen angehörte. Er starb 1337 als Definitor dieser Provinz auf der Rückkehr von dem Generalcapitel zu Valenciennes. Meister Heinrich, der in der l.und 5. Predigt genannt und vielleicht in der 3. Predigt gemeint ist (Bruder Heinrich), würde dann Heinrich von Lübeck sein, der eben damals am 13. September 1325 zu Erfurt zum Provinzial Sachsens von dem Capitel gewählt wurde, und der, wie wir aus Quetif und Echart wissen, Lesemeister war. Meister Dietrich könnte dann jener Theodorich von Sachsen sein’, der von dem Generalcapitel des Jahres 1311 nach Paris geschickt wurde um da Magister zu werden. Auch die Namen Sprewnberg (Stadt Spremberg im Branden-burgischen, Dorf Spremberg in Sachsen) und Frimar (Dorf im Gothai-schen), Driforte (Treffurt in Thüringen) deuten auf die Provinz Sachsen hin. Ob unter Meister Vriborc unser im 1. Theil besprochener Theodorich von Freiburg zu verstehen sei, darüber lässt sich nichts mit Bestimmtheit sagen. Dass „er in ziemlich gleichem Alter mit Eckhart stand, habe ich als wahrscheinlich erwiesen. Ist er der 1320 mit Eckhart in Untersuchung gezogene Dietrich von St. Martin, dann ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass er, wie Eckhart nach Cöln, so er an eine Schule in Sachsen versetzt worden sei. Dass er nur Meister Vriburg, nicht Meister Dietrich genannt wird, spräche für diese Annahme. Man nannte ihn nur mit dem 2. Namen, um eine Verwechslung mit dem gleich nach ihm genannten Meister Dietrich (s. o.) zu verhüten.

Nimmt man das Resultat der letzten Erörterung als ein wahrscheinliches an, dann sind die 5 Predigten Giseler’s in der Piingstzeit 1326, in dem nächsten Jahre nach dem Capitel, das im September 1325 zu Erfurt stattfand, gehalten worden, als die Erinnerungen an die Prediger, welche bei jenem Capitel auftraten und denen als Thema für ihre Predigten oder als Ausgangspunkt für ihre Disputationen Joh. 17 gegeben worden war, noch im frischen Gedächtnisse war. Der in der 5. Predigt genannte Meister Heinrich von Vrimar gehörte indes nicht dem Orden der Dominikaner, sondern dem der Augustiner Eremiten an. Er stammte aus Frimar in Thüringen, war längere Zeit Provinzial der Thüringisch-Sächsischen Provinz und wurde auf dem Generalcapitel der Augustiner zu Rimini im J. 1318 zum Examinator der auf den Schulen in Deutschland promovirenden Augustiner ernannt.

Mag man nun auch das Jahr 1326 nur als ein wahrscheinliches in Betreif der Entstehung jener fünf Predigten annehmen, gewiss wird es immerhin bleiben, dass sie vor dem Jahre 1337 gehalten sind, da in der 3. Predigt der junge Eckhart, der in dem genannten Jahre starb, als ein noch lebender bezeichnet ist.

Und mag mau auch das als nur walirscheinlich betrachten, dass Giseier jene 5 Predigten in Erfurt hielt, so wird man doch mit voller Sicherheit sagen können, dass er die Sammlung der Predigten selbst, wie sie in der Königsberger Handschrift vorliegt, in Erfurt vorgenommen hat.

Für’s erste deutet schon die Königsberger Handschrift an, dass ihr Original in Thüringen müsse entstanden sein. Die Handschrift des Heiligenlebens des Hermann von Fritslar, das, wie wir sehen werden, in Erfurt entstanden ist, die Sammlung der Oxforder Handschrift, die gleichfalls ihre Heimath in Erfurt hat, und unsere Königsberger Handschrift begegnen sich in den gleichen Eigentümlichkeiten der Sprache. Wie im Heiligenleben und der Oxforder Handschrift so lesen wir in der Königsberger a für o in: ab, sal; e für i in: en (ihnen); i für ie in: di, wi; i für e in: vregit, irwiltin, mogin, behaldin, meistir, godis; o für e in: foiiorin, fornnft; o für u in: orsprunc, u für ö in: du; s für sch in: menslich etc. Auch schliesst unsere Handschrift Oberdeutschland und die Rheinlande als Entstehungsort der Sammlung aus, wenn sie in der Aufschrift zur Predigt am Vorabend des Epiphanienfestes diesen Abend als den zwölften Abend bezeichnet und dazu bemerkt „in andern landin heisit is der oberste abint vmme di grosin dinc, di also hüte gesehen sint an den dry königen.“ Ein sicherer Schluss aber lässt sich aus der dieser Predigt zunächst folgenden Predigt ziehen. Dieselbe gibt sich als eine Predigt Giseler’s selbst zu erkennen. Dies zeigt sich nicht bloss in der oben bezeichneten Weise der formalen Behandlung des Textes, nicht bloss in dem Inhalt, der gleich anfangs die mystische Frage von der Geburt Gottes in der Seele berührt, sondern auch in wörtlichen Beziehungen zu einer durch das Zeugniss der Oxforder Handschrift gesicherten Predigt Giseler’s. Hier sagt Giseler in einer Predigt über denselben Text von den Königen: „Du si quamin zu iernsalem vnd vregiten wo he were — du si mensliche troist suchtin vnd rait, du forlorin si gotlichin troist. zu liant du si von menslichime troiste lizin, du fundin si gotlichin troiste, wan si fanden den sterrin“. Und in unserer Predigt heisst es: „Wissit da si czoiten czu Jerusalem, do vergink en der Stern, das waz dorumme, wen si menschlichin rat suchtin vnd menschliche anewisunge, so wart von en genomen gotlich rat vnd gotliche anebewisunge.“ Stellt sich somit die Predigt in der Sammlung als eine Predigt Giseler’s heraus, dann liefert der Schluss dieser Predigt den Beweis, dass er sie nicht in Cöln gehalten hat, da sie dieser Stadt so gedenkt, dass man sieht, dass sie nicht der Ort der Predigt selbst sein könne. Sie sagt nämlich von den Leichnamen der Könige: „vnd wi si von Meylan quommen czu Kollin, do si noch legin, des in sag ich nv nicht.“ Da Giseler erst Lesemeister zu Cöln, dann zu Erfurt war, so weist uns hiemit auch diese Predigt auf letztere Stadt als die Heimath der Sammlung hin.

Giseler kann seine Sammlung nicht nach 1337 gemacht haben, da die besprochenen fünf Predigten der Pfingstzeit, wie wir sahen, zur Zeit der Sammlung selbst verfasst worden sind, und die dritte derselben den jungen Eckhart als noch lebend voraussetzt. Er kann sie aber auch nicht wohl vor 1323 gemacht haben, da er eine Predigt mit aufnimmt, die den Ausbruch des Streites des Franziskanerordens mit dem Papst Johann XXH über die Frage von der Armnth Christi voraussetzt. Erst von dem genannten Jahre an richtet sich die Polemik der Franziskaner gegen den Papst selbst. In der Freitagspredigt der 2. Woche nach Ostern wird die Polemik des Minoriten-Lesemeisters Heinrich von Cie van (wohl schwerlich verschrieben für Ceva; Cleben im Merseburgischen?) gegen die ketzerische Lehre von der Armuth Christi gutgeheissen und am Schluss gesagt: „vil rede mochte man be-wisin das Christus eyn luter arm mensche wart. Ir ist abir nicht not, wen dat di heilige cristinheit heldit, dy nicht irren mac, des lialde ich. Ouch wen ich weide vngerne sprechin wedir den pabist (odir wedir di cristinheit — letzteres, wie ich vermuthe, Zusatz des späteren Abschreibers), sondir ich gan obil den di ermute lerin soldin, das si is valschlichin widirsprechin.“

Giseier hat eine grössere Zahl von Predigten anderer Verfasser in seine Sammlung mit aufgenommen, die an Werth sehr verschieden sind, und durch Stil und Weise der Behandlung sich unschwer von seinen eigenen unterscheiden lassen. Er hat die Verfasser nicht genannt, aber die Mittwochspredigt in der 4. Adventswoche über Phil. 4, 4 und die Predigt am 3. Sonntag nach Ostern Job. 16,17 sind z. B. von Eckhart (bei Pfeiffer Pr. 27 und 41; letztere auch in der Oxforder Handschrift) und die Freitagspredigt ln der 4. Adventswoche gleichfalls Jiber Phil. 4, 4 von Hane dem Karmeliten (sie findet sich mit dieser Aufschrift in der Oxforder Handschrift). Da interessirt es uns nun, zu wissen, ob der Verfasser der neun Fragen von der Geburt des ewigen Worts in der Seele, welche Haupt in seiner Abhandlung über die Wiener Handschrift hat abdrucken lassen, Giseier oder ein anderer sei?

Die neun Fragen werden in der Mittwochspredigt der 1. Adventswoche am Schlüsse der Auslegung der Epistel gestellt und von der Epistel hinweg ganz unvermittelt eingeführt mit den Worten: „das ist alles war, das calder lute vnd grober itzunt me ist, wenn ir ie ward, das enwil ich nicht ansehen, sunder ich will ein collacio haben in diesem aduent von acht vragen (so W. und M., es muss aber neun heissen, wie aus der Aufzälüung der Fragen selbst hervorgeht). Die Antworten auf diese Fragen finden sich in den folgenden Predigten: auf die zweite in der nächstfolgenden Predigt vom Freitag (nachK., nicht am Schlüsse der Predigtzum 1. Adventsonntag, wieHaupt hat, daja die Fragen erst in der Mittwochspredigt gestellt sind); auf die erste in der Mittwochspredigt der 2. Adventswoche, auf die dritte in der Freitagspredigt derselben Woche (nach K., nicht Mittwoch, wie Haupt hat); auf die vierte, fünfte und sechste in der Mittwochspredigt der 3. Adventswoche, auf die siebente Frage (von Haupt nicht nacligewiesen) in der Predigt zur anderen Messe des Christtages, auf die achte und neunte Frage am Schlüsse der Predigt am 18. Tage nacli Weihnachten.

Die 2. Predigt am Epiphaniasfest, welche, wie wir sahen, von Giseier selbst herrührt, behandelt gleichfalls die Geburt des ewigen Worts in der Seele: „Do Jliesus wart geborn in der judin lant etc. daz ist wen daz ewige Wort geborn wirt in dem wesin der sele, so kerin alle di vzern creften von irdichin dingin vnd han nymer beheglichkeit an yn, vnd die obersten crefte kerin alle in gotliche beschouwnge–

aber dese dry konige wustin daz lant do jhesus ynne geborn waz, diz meint: alle di crefte der sele vzerlich vnd ynnerlich di gewustin wol daz cristus geborn ist, abir in welchir craft cristus aller eygenste geborn sy, des in wissin si nicht, wen Jherusalem waz eyn henbtstat in dem lande iude, do gedachten di konige, daz si do vregin soldin vnd daz si allir beste da berichtit mochten werdin: vnd daz gemute der sele daz ist di eyne heubtstat in der sele, daz sal der mensche vragin, ab jhesus dinne geborn si? wren daz hat gotliche gedanken vnd gotliche begerunge vnd gotliche vreude, so jhesus ist dynne geborn.“ Da ergibt nun der Schluss dieser Stelle eine unläugbare Beziehung auf die Antwort zur vierten Frage: „Nu ist eyn vrage in welchir stat der sele wirt daz ewuge wort geborn? — di virden sprechin in verborgenkeit des ge-mutis, wen also dicke alz der mensche inphet eynen gutin gedankin von der menschheit vnsis lierren adir von dem ewigen wmrte adir enphindet eynir newen lust von gote adir verstet eyne newe warheit, also dicke wirt daz ewige wort in der sele geborn.“

Und mit dem Anfang der aus Giseler’s Predigt angeführten Stelle steht gleichfalls in deutlicher Beziehung die Fortsetzung der eben berührten Antwort auf die vierte Frage: „Dy fünften sprechin, vnd mit den bald iclis, is werde geborn in dem allir ynnersten des wesins vnd dis werden gewar alle crefte der sele. Wy heldit sich der licham der czu? he ist in eyner stille me (rue?) das he keyne bewregunge mak habin siner ledir (Glieder), wen di obersten crefte habin di nidirsten in geholt, vnd daz wresin der sele hat di oberste crefte in geholt, vnd stet allis in eyner stillen ruwTe vnd denne wirt daz ewige wort geborn gliclilich in geiste vnd in libe.“

Aber nicht bloss die sachliche Uebereinstimmung, sondern auch die Vergleichung äusserlicher Merkmale führt darauf, dass Giseier der Verfasser der neun Fragen sei. Wir haben oben einige der formalen Eigenthümlichkeiten in Giseler’s Predigten hervorgehoben: die dem Texte Satz für Satz folgende Auslegung, die ihm gewohnten Formen, Text und Auslegung einzuleiten, die Art, wie er mit einem Satze wie „Nu ge ich in das evangelium“ ohne weiteres von der Auslegung der Epistel in die des Evangeliums übergeht. Den ganz gleichen Charakter haben auch die Predigten der neun Fragen. „Nu neme ich der fragen eine“, so schliesst er ohne alle Vermittelung seine Antworten auf die neun Fragen in den verschiedenen Predigten an die dortigen Ausführungen an, und ebenso trägt die Art der Textbehandlung in diesen Predigten den angegebenen Charakter. Auch die Weise, eine Reihe von Fragen zu stellen, ohne dass der Text direkt dazu veranlasste, oder Fragen zu stellen und für die Beantwortung auf andere Predigten zu verweisen, findet sich wie in den Predigten der neun Fragen in den Predigten Giseler’s. In der Mittwochspredigt vor Pfingsten spricht er von der christlichen Wachsamkeit und bezeichnet unter andern den als wachend, der seine Kräfte richte in ein schauendes Leben. Daran knüpft er neun Fragen von dem schauenden Leben und sagt am Schlüsse: „Ir habit wol gehorit was brudir Herman von dem Tum-men hy von gesait hat“ etc., und ohne eine weitere Antwort auf die Fragen gegeben zu haben, geht er zur Auslegung der anderen Textesworte weiter. In der Predigt am Mittwoch vor Fronleichnam, die gleichfalls von Giseier ist, schliesst er, ganz wie in der Predigt wo die neun Fragen von der Geburt des ewigen Worts in der Seele gestellt werden, mit fünf Fragen von der Geburt des ewigen Worts durch den Vater und sagt: „von disin obirvernunftigin vragin wil ich sprechin vnd wil si berichtin an eyner andern stat“.

So kann kein Zweifel sein, dass Giseier auch der Verf. derneun Fragen und der Predigten ist, in welchen sie gestellt und beantwortet werden.

Mancher werthvolle Aufschluss ist mit den bisherigen Erörterungen gewonnen. Die Thatsache, dass die Predigtsammlung der Königsberger Handschrift zwischen 1323 und 1337 zu Erfurt entstanden ist und Giseier von Slatheim zum Urheber hat, lässt uns wie die Zeit Giseler’s selbst, so nun auch die Hane’s des Karmeliten und Albrecht’s von Dri-forte, der in der 3. der besprochenen Predigten der Pfingstzeit angeführt ist, bestimmen. Sie zeigt uns ferner, in welchem Masse die Schule Eckhart’s in Thüringen die Lehren ihres Meisters vertritt; sie lässt uns mit der Oxforder Handschrift und dem Heiligenleben des Hermann von Fritslar in Erfurt einen Brennpunkt der neuen theologischen Richtung erkennen und liefert zugleich ein sehr reichhaltiges Material zur mystischen Theologie.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Albrecht der Lesemeister.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Lehre der neueren Schule.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Oxforder Handschrift.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Die Blume der Schauung.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter

1. Quellen: Baseler und Strassburger Handschriften. Oxforder Handschrift. Blume der Schauung. Königsberger Handschrift. Heiligenleben des Hermann von Fritslar. Pergameutblätter in Haupt und Hoffmann’s altdeutschen Blättern. Berliner Handschrift Nr. 191.

Baseler Handschriften B XI, 10 und B IX, 15 und Strassburger Handschrift A. 98.

Die meisten Handschriften des 14. oder 15. Jahrhunderts, in welchen eckhartische Predigten oder Tractate gesammelt sind, bringen auch Stücke von andern Verfassern, welche in Eckhart’s Geiste predigten und schrieben. So die beiden Baseler Handschriften B XI, 10 und B IX, 15, die beiden Einsiedler Handschriften 277 und 278, die beiden Strassburger A 98 und F 145, die Oxforder Handschrift Laud. 479, die Nürnberger Handschrift C VI, 46 h. und andere. Aber die Handschriften sind mit ihren Angaben von Verfassernamen nicht alle von gleichem Werthe. Von B XI, 10 habe ich im 1. Theile und anderwärts dargethan, wie wenig zuverlässig ihre Aufschriften sind. Ich wies gegen Pfeiffer nach, dass einzelne Stücke, die sie dem Kraft von Boyberg, dem von Sterngassen, dem Franke von Cöln zuschreibt, dem Meister Eckhart angehören. Meine Nachweise sind seitdem durch weitere gewichtige Zeugnisse bestätigt worden. Zu dem Zeugnisse der Strassburger Handschrift F 145, dass der dem Franke von Cöln zugeschriebene Tractat dem Eckhart gehöre, kommt nun das indirecte Zeugniss der nachher zu besprechenden Oxforder Handschrift hinzu, welche eine Anzahl von Predigten Franke’s enthält, die nach Stil und Auffassung zeigen, dass dieser Autor lange nicht die Bedeutung hat, welche dem Autor jenes von B XI, 10 dem Franke zugeschriebenen Tractats beizumessen ist. Wir werden die Predigten Franke’s im Anhang mittheilen. Dass B XI, 10 auch zwei weitere Predigten Eckhart’s fälschlich mit Namen seiner Schüler bezeichne, erwies ich aus inneren Gründen und aus einer andern Baseler Handschrift B IX, 15, deren Werth vor B XI, 10 ich zu begründen suchte. Auch liiefür bringt nun die Oxforder Handschrift weitere Rechtfertigung. Sie bestätigt, dass nicht Kraft von Boyberg sondern Eckhart der Verfasser der Predigt von dem höchsten Gute sei. Ich wies nach, dass der Sammler der Predigtstücke von IX, 15 ein Schüler Eckhart’s sei. Damit werden wir für die in IX, 15 gegebene Sammlung, die sehr wahrscheinlich die Originalhandschrift selbst ist, bis auf die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückgeführt. Eine Vergleichung der Schriftweise von IX, 15 mit XI, 10 stimmt mit meinem Nachweise zusammen; denn der Charakter der Schrift von IX, 15 ist ein entschieden älterer. Nun aber gehört auch XI, 10 noch dem 14. Jahrhundert an. Dürfen wir aber die Sammlung von B IX, 15 der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts zuschreiben, so ist für die darin vorkommenden Prediger Johann von Sterngassen, für den von Laufen und von Sax eine ungefähre Zeitgrenze gewonnen.

Pfeiffer hat für seine Ausgabe von Eckhart’s Predigten die Handschrift A 98 der früheren Stadtbibliothek zu Strassburg benützt, welche einst den dortigen Johannitern gehört hatte und aus dem 14. Jahrhundert stammte. Diese von mir selbst noch eingesehene Handschrift war von verschiedenen Händen geschrieben. Die Stücke der einen Hand (St. 2—27) enthielten nur Eckhartisches, die der andern (St. 28 —45) bildeten eine Sammlung von Stücken Eckhart’s, Sterngassen’s und anderer. Diese letztere Sammlung (wie sehr wahrscheinlich auch die erste) rührt von einem Schüler Eckhart’s her. In einer der Predigten (der 17. bei Pfeiffer) gibt sich der Sammler mit den Worten: „Und das spricht unser Meister“ als einen Schüler Eckhart’s zu erkennen. Ich habe im 1. Theile S. 310 die Merkmale zusammengestellt, aus denen ersichtlich wird, dass die hier aufgeschriebenen Predigten Eckhart’s der Zeit seines Aufenthalts in Strassburg angehören. Da ist es nun für die Zeitbestimmung von Werth, dass mehrere mystische Gedichte von beachtenswerthem Inhalte, die wir später besprechen werden, in diese zweite Sammlung aufgenommen sind. Das 45. Stück derselben war die Tochter von Sion in ihrer kürzeren Fassung, nach welcher sie fälschlich dem Mönch von Heilsbronn zugeschrieben worden ist.

Text aus dem Buch: Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Unterschiede der älteren und neueren Mystik
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Prediger der St. Georger Handschrift.
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Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Der Mönch von Heilsbronn.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Allegorie: Der Minnebaum. Der Baumgarten. Der Palmbaum.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Gedichte.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Nikolaus von Strassburg.
Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter – Namenlose Stücke.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter