Schlagwort: Mekka

Die Rolle des Mohammedanertums in der Gegenwart

Ibn Saud, der König von Hedschas, vertritt am stärksten die Forderung nach einem unabhängigen Arabien. In seiner klug abwartenden und äußerst verschlossenen Haltung ist er den Briten seit langem ein unbehaglicher Faktor in ihrer Rechnung im Vorderen Orient.

Deutsche Kampfflugzeuge donnern über die Moscheen und heiligen Stätten des Islams in Nordafrika. Der Krieg hat sich bis auf den Boden der islamitischen Welt ausgedehnt. Hierbesitzt England seine stärksten Bastionen, aber hier tritt gegen die Briten nicht nur der deutsche Flieger und Soldat zum Kampfe an, sondern auch der Nationalismus der arabischen Völker, an deren Fahnen der Halbmond des Propheten leuchtet. Unsere Truppen haben in Bosnien und auf dem übrigen Balkan Berührung gefunden mit den Überresten der Islamiten, die von den bis vor die Tore Wiens brandenden Wellen der Türkenheere auf dem Boden des Abendlandes zurückgelassen worden sind. Verschleierte Frauen gehen durch die Straßen von Sarajevo, und vom Turm der Moscheen in Saloniki ruft der Muezzin die Gläubigen. Ist nun der Islam eine dahindämmernde Religion des Fatalismus, wie manche meinen mögen? Gibt es einen Panislamismus, eine Einheit von politischer Bedeutung? Ist es der Islam oder das Nationalgefühl, das die Völker des Orients zum Kampf um die Freiheit antreibt?

Wer die Wirklichkeit des Islams von heute verstehen will, muß ein wenig zurückgreifen in die Vergangenheit. Denn vieles ist nur aus ihr erklärlich, und zum Ursprung drängen die lebendigen Kräfte des modernen Mohammedanismus, die mit einer geistigen Erneuerung ihres Glaubens auch Anspruch auf eine neue Weltgeltung verbinden. Islam heißt „Hingabe“. Daß Mohammed lbn Abdallah diese Lehre verkündete, weiß jedes Schulkind. Aus Elementen vorhandener Religionen, so des orientalischen Christentums, der jüdischen Religion und des arabischen Heidentums, aus religiöser Verzückung und im Glauben an ein nahe bevorstehendes Weltgericht, bei dem er seine Araber für das Paradies retten wollte, gewann der Prophet in jener kargen Wüstenlandschaft bei Mekka und Medina am Ostufer des Roten Meeres seine Offenbarungen und Gesichte. Dort vernahm er seine Visionen und die Worte Gottes, die dann in die 114 Suren des Korans gegossen wurden. Das war um die Zeit zwischen 570 und 632 nach der Zeitrechnung, und seitdem sind die Städte des Hedschas allen Gläubigen heilig. Es war eine völkisch-arabische Religion, die da entstand.

Magazientexte Was geht im Islam vor?

Die erste deutsche Handelsfahrt nach Indien, 1505/06 : ein Unternehmen der Welser, Fugger und anderer Augsburger sowie Nürnberger Häuser.

Der Handelsverkehr zwischen der Mittelmeerwelt und den süd- und südostasiatischen Ursprungsländern der Gewürze und Drogen, der Perlen und edeln Steine beginnt früh. Begünstigt haben ihn einerseits die zwei großen parallelen Erdspalten, die sich, ihm die Wege weisend, in der Richtung Südost gegen Nord west vom Indischen Ozean durch den Persischen Meerbusen nach dem Quellgebiet des Euphrat und Tigris und durchs Rote Meer zur Landenge von Sues hinziehen, anderseits, insofern er Seehandel war, die atmosphärischen Erscheinungen der im Indischen Ozean zwischen Äquator und Südküsten Asiens halbjährlich wechselnden Monsunwinde, die einen ozeanischen Völkerverkehr schon zu Zeiten ermöglichten, wo die Seefahrer ihr Leben und ihre Ladung noch gebrechlichen und unbehilflichen Fahrzeugen anvertrauen mußten.

Auf welcher der zwei natürlichen Verkehrsstraßen sich im Altertum und Mittelalter jeweils der indisch-europäische Handel vorzugsweise bewegte, das hing zum großen Teil von den inneren Zuständen und politischen Machtverhältnissen der Reiche Mesopotamiens und des Nillands ab. War er bis in die hellenistische Zeit ganz überwiegend auf dem Euphratweg gegangen, so hat seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert das Vordringen der Parther ihn von dort mehr nach dem Roten Meer und dem Ptolemäerreich hinübergedrängt. Der gewaltige Siegeszug der Araber im siebenten Jahrhundert brachte beide Straßen des Weltverkehrs in deren Hände, machte sie für lange Jahrhunderte zu den Vermittlern zwischen Morgen- und Abendland. Solange nun Bagdad unter der Herrschaft der Abbasiden als erste Industrie-und Handelsstadt des Weltreichs und Sammelplatz aller wertvollen Erzeugnisse Asiens blühte, war der Weg durchs Zweistromland, wie es scheint, der belebtere, gingen die Waren Indiens von dort über Damaskus oder Haleb (Aleppo) zur syrischen Küste, durch Armenien über Trapezunt und das Schwarze Meer oder durch Kleinasien auf dem Karawanenweg nach Konstantinopel. Die Gründung der Kreuzfahrerstaaten an der syrischen Küste seit 1100 gab dem Levantehandel der Abendländer mächtige Antriebe, führte zu einem ungeahnten Aufschwung der kaufmännischen Beziehungen zwischen der östlichen und westlichen Welt. Hatten schon an der Eroberung der Hafenplätze Syriens neben den Kreuzfahrerheeren die Flotten der aufstrebenden italienischen Handelsrepubliken und ihr streitbares Bürgertum keinen geringen Anteil gehabt, so konnte hier von jetzt an unter dem Zepter stammverwandter Fürsten, inmitten einer vorwiegend romanischen Bevölkerung der venezianische, genuesische, pisanische Kaufmann, geschützt durch Vorrechte und Verleihungen, sicheres Unterkommen für seine Person und seine Waren finden, sich in einem seiner Vaterstadt vertragsmäßig zu eigen gegebenen Quartier unter landsmännischer Obrigkeit, Rechtspflege und Seelsorge sicher niederlassen und an Ort und Stelle, bald auch in den nahen Stapelplätzen des Binnenlandes, besonders Damaskus und Haleb, seinen Bedarf an allen asiatischen Waren decken. Der Untergang der syrischen Kreuzfahrerstaaten in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verschüttete eine Zeitlang diese Handelswege. Den Verkehr mit dem seit 1171 von Sultan Saladin und seinem Hause, den Ejubiden, seit 1254 von den Mameluken beherrschten Ägypten, schränkten, zumal nach dem Fall Akkons (1291), für länger päpstliche Handelsverbote ein. Inzwischen aber hatten die Reichsgründungen der Mongolen den Abendländern neue Wege für den Bezug der Erzeugnisse Indiens und Chinas eröffnet. Seit Dschingiskhans Enkel Hulagu 1258 dem Kalifat von Bagdad ein Ende gemacht und den Schwerpunkt des politischen Lebens von Vorderasien aus dem Zweistromland nach dem nördlichen Iran verlegt hatte, waren Bagdad und Basra in den Hintergrund getreten gegenüber seiner Hauptstadt Tauris (Täbris), die im 14. Jahrhundert einen großen Teil des indischeuropäischen Warenverkehrs an sich zog und einen Strom davon über Lajazzo im christlichen Kleinarmenien und über das gleichfalls christliche Cypern, den andern über Trapezunt und den Pontus oder über Asterabad am Kaspischen Meer, dann Astrachan und Tana (Asow) im Kiptschakreich der Tataren, über das genuesische Kaffa in der Krim der abendländischen Welt zuleitete.

Während all dieser Wandlungen im Völkerleben und in den staatlichen Verhältnissen der östlichen Welt und all der Verschiebungen in den nördlicheren Verkehrswegen zwischen Morgen- und Abendland lag indes auch das Rote Meer nie öde; bot es doch für den Warenzug, der aus Indien nach dem südlichen Europa ging, nicht nur den kürzesten Weg dar, sondern beschränkte auch den kostspieligen und beschwerlichen Landtransport auf das geringste mögliche iMaß. Daraus erklärt sich die Bedeutung, die Ägypten als Durchgangsland der begehrtesten Waren des Welthandels in Altertum und Mittelalter immer gehabt hat. Daß es auch in der Blütezeit Bagdads diese Bedeutung nicht verloren hatte, lehrt eine Notiz in dem zwischen 854 und 874 geschriebenen Routenbuch des arabischen Oberpostmeisters Abul Kasim Ibn Kordadbeh: danach ging einer der Wege, auf denen jüdische Großkaufleute damals ihre Welthandelsfahrten betrieben, von dem Frankenlande zu Schiff nach Farama, dem alten Pelusium, dazumal noch einer reichen und ansehnlichen Hafenstadt, von dort in fünf Tagen über die Landenge von Sues nach Kolsum, dem alten Klisma, und weiter zur See über Dschidda nach Indien, ja darüber hinaus bis China. Was sie dem Osten brachten, waren besonders Eunuchen und Sklaven, Säbel und Pelzwerk; was sie dem Westen zuführten, Gewürze, Drogen und Wohlgerüche. Eine großartige Blüte Ägyptens beginnt, nach dem Sturz der morschen Fatimiden-herrschaft, unter der kraftvollen Regierung des Sultans Saladin. Die Eroberung des seldschukischen Syrien und des Königreichs Jerusalem (1187) durch ihn selbst und der kleinen Kreuzfahrerstaaten durch sein Geschlecht vergrößerte den Machtbereich der ägyptischen Herrscher und sicherte das Nilland nach seiner stärkst-gefährdeten Seite. Als dann nach der Entthronung des letzten Ejubiden die neuen Herren des Landes, die Mameluken, um die Mitte des 13. Jahrhunderts den Mongolensturm von Syrien abgewehrt hatten, ihr Reich die Vormacht der islamitischen Welt, seine Hauptstadt Kairo, von den Kopten Babylon genannt, der Sitz des Kalifates geworden war, stieg von neuem die Bedeutung des Roten Meeres für den Weltverkehr, wurde das schon im 12. Jahrhundert wieder große und reiche Alexandrien Welthafen, über den die größeren Massen der für Europa bestimmten indischen Spezereien, besonders die mehr ins Gewicht gehenden Sorten, wie Pfeffer, ihren Weg nahmen.

Den Wechsel der Monsune hatten schon seit dem ersten Jahrhundert der römischen Kaiserzeit griechische Seefahrer zu regelmäßigen Handelsfahrten von Ägypten nach Indien benutzt: mit dem von April bis Oktober wehenden Südwestmonsun durchquerten ihre Segler in 40 Tagen den Indischen Ozean vom Bab ei Mandeb nach Malabar, und heimwärts trug sie der Nordostmonsun, der vom Oktober bis April in jenen Breiten herrscht. Der »bequemen Pendelschwingung« dieser Jahreswinde vertraute seine Schiffe auch das große See- und Handelsvolk des Indischen Ozeans im Mittelalter, die Araber, an. Das Rote Meer liegt nun freilich nicht mehr in dem Bereich der Monsune, aber es hat gleichfalls zwei wechselnde Windrichtungen, durch deren Kenntnis seine Handelsgeschichte erst verständlich wird: von Mai bis November weht, wie in seiner nördlichen Hälfte das ganze Jahr, von Sues bis zum Bab ei Mandeb der Nordwind, von da ab in dem Teil vom Bab el Mandeb bis Dschidda ein oft stürmischer Südwind. Eine Schiffahrt von Dschidda nach Norden ist für Segelfahrzeuge nur dadurch möglich, daß zu Zeiten der Nordwind sich legt und die Schiffe dann mit Benutzung des nachts einsetzenden Landwindes sich langsam in höhere Breiten und nach Sues hinaufarbeiten. Auch europäische Segelschiffe brauchten noch im vorigen Jahrhundert mindestens 30 Tage für die Fahrt vom Bab el Mandeb nach Sues, während sie südwärts die Reise in 7—8 Tagen machten. So erklärt es sich, daß in Altertum und Mittelalter die für das Abendland bestimmten indischen Waren meist nicht zu Schiffe bis nach Sues gingen, sondern in beträchtlich südlicheren afrikanischen Häfen ausgeladen, auf Kamelsrücken durch die Wüste an den Nil gebracht und von dort mit Lastkähnen nach Alexandrien verschifft wurden. Seit der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts allerdings wurde Stapelplatz und ägyptische Zollstätte für die Handelsgüter des Ostens vorwiegend der Hafen von Tor auf der Sinaihalbinsel, nicht weit vom St. Katharinenkloster; von hier gingen die Waren auf dem Karawanenweg nach Kairo und von dort weiter nach Alexandrien.

Der Welthandel von heute dient dem Massenaustausch der großen Lebensbedürfnisse der Völker, wie Kohlen und Erze, Holz und Getreide, wie die Rohstoffe der Industrie es sind; der des Altertums und Mittelalters vermochte bei der geringen Tragfähigkeit der Schiffe nur Güter zu befördern, bei denen im Verhältnis zu ihrem Werte die Frachtkosten nicht ins Gewicht fielen: er diente dem Sinnenreiz und der Üppigkeit der Großen oder der übermütigen Verschwendung des reichen Bürgertums in den großen Handelsstädten des späteren Mittelalters. Perlen und Edelsteine, kostbare Seidengewebe, Gewürze, Drogen und Wohlgerüche sind die Waren, die der indische Osten damals hauptsächlich dem Abendland lieferte, und unter ihnen hat der Pfeffer als Handelsartikel für das mittelalterliche Alexandrien nach einem Wort Oskar Pescheis verhältnismäßig dieselbe Bedeutung gehabt wie um die Mitte des 19. Jahrhunderts für Großbritannien Tee und Baumwolle, für Spanien und Cuba Zucker und Tabak zusammengenommen. Mochten von den anderen Gewürzen zu jeder Zeit gewisse Mengen über die syrischen Küstenplätze oder den Pontus dem Verbrauch des Abendlandes zugeführt werden, für den Pfeffer, den weitaus wichtigsten Artikel des Indienhandels, besaß Alexandrien nahezu das Monopol. In der Blütezeit des Mamelukenreiches, die uns hier vor allem interessiert, gingen die Waren bis zum Nilland durch ägyptische und arabische Hände; von Alexandrien nach Europa verfrachtet wurden sie alsdann durch die Handelsschiffe der im Verlauf der Kreuzzüge groß gewordenen italienischen Seestädte, besonders Genuas und Venedigs, ferner des katalanischen Barcelona und Südfrankreichs. Jede der regelmäßig hier verkehrenden fremden Nationen hatte in der Welthafenstadt ihr eigenes Quartier mit Magazinen und Märkten, ihren Konsul und ihre Konsulargerichtsbarkeit, ihren Handelsvertrag. Die Zeit von der Mitte des 13. bis zu der des 15. Jahrhunderts bedeutet einen Höhepunkt in der Geschichte Ägyptens wie in der des Indienhandels. Seine Bevölkerung muß damals wie in den Tagen des Pyramidenbaus und wie heute wieder nach Millionen gezählt haben, ihr Wohlstand blühend, das Land ein sorgsam gepflegter Garten, Kairo eine Großstadt von imponierender Ausdehnung gewesen sein. Die unvergleichlich günstige Lage des Nillandes als Durchgangsgebiet für die am meisten verlangten Waren des Welthandels ließ hohe Gewinne in die Taschen der ägyptischen Zwischenhändler fließen, leitete in die Kassen der Mamelukensultane von »Babylon« den Goldstrom der Zölle, die sie, wie es scheint, von den gleichen Waren an mehreren Stellen, zu Ende des 15. Jahrhunderts in Tor, Kairo und Alexandrien, erhoben, vielleicht auch, soweit ein Umladen der Waren in kleinere Schiffe stattfand, schon in Dschidda, das wie die »Mutter der Städte«, das heilige Mekka, seit den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts im Besitz der Mamelukensultane war, und in Rosette an der westlichen Nilmündung.

Diese Gewinne des arabisch-ägyptischen Zwischenhandels, die Zölle der Sultane und dazu oft noch Erpressung ihrer Zollbeamten, die beispielsweise statt der 10 %, welche die meistbegünstigten Nationen vom Werte der Waren vertragsmäßig bei der Ausfuhr zu zahlen hatten, deren 15 forderten, trieben die Preise der Gewürze und Drogen, bis sie in Alexandrien in die Hände der abendländischen Kaufherren gelangten, auf das Doppelte dessen, was sie in den indischen Ursprungsländern kosteten. Nun war aber von jeher — das läßt sich bereits im Altertum nachweisen — das Verlangen nach Erzeugnissen der europäischen Gewerbe in Indien gering gewesen, und was es dem Abendland lieferte,» mußte in der Hauptsache mit edeln Metallen, besonders Silbe?; sowie mit Kupfer bezahlt werden, an denen dies Land, das im Westen für das metallreichste der Welt galt, immer arm gewesen ist Das starke Abströmen der hochwertigen Metalle nach dem Osten hat schon zu Tiberius’ und Plinius’ Zeit ernste Bedenken hervorgerufen und dieser wirtschaftliche Gesichtspunkt neben den spät erst aufgegebenen Kreuzzugsabsichten der Päpste und den politischen Besorgnissen der christlichen Mittelmeerstaaten vor der muhame-danischen Großmacht am Nil bei den Blockadeplänen bestimmend mitgewirkt, die gegen das Mamelukenreich im 14. und 15. Jahrhundert wiederholt erwogen wurden. Trotzdem hat der ägyptische Handel bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts nicht nur weiter geblüht, sondern sich immer aufwärts entwickelt. Dem materiellen Geist, der mit dem Emporkommen der Demokratie und dem steigenden Wohlstand in den italienischen und deutschen Städten Einzug gehalten hatte, schienen eben die Genuß- und Luxusartikel des Ostens unentbehrlich. Dazu kam ein weiteres: die nördlicheren Wege, auf denen man eine Zeitlang beträchtliche Mengen der indischen Gewürze bezogen hatte, wurden im Lauf des 14. und 15. Jahrhunderts mehr oder minder ungangbar, ihre Stapelplätze am Meer verödeten oder wurden den abendländischen Handelsmächten verschlossen, zum mindesten die Sicherheit des Verkehrs mit ihnen stark beeinträchtigt. Lajazzo fiel 1347 in die Hände der Mameluken, womit seine kurze Handelsblüte vorüber war, und 1375 wurde der ganze kleinarmenische Christenstaat dem ägyptischen Reich einverleibt. Dem indischen Warenzug durch Persien über Tauris nach dem Kaisertum Trapezunt waren die Wirren, die gegen die Mitte des 14. Jahrhunderts zur Auflösung des von Hulagu gegründeten mongolischen Westreichs der llkhane führten, wenig günstig, und die Überflutung und Eroberung Irans durch die Mongolen- und Türkenmassen Timurs des Lahmen verschüttete, so scheint es, diesen Weg auf lange Zeit hinaus, wie seine verheerenden Einfälle in das Kiptschakreich und die Zerstörung der tatarischen Residenzstadt Sarai an der Wolga sowie Astrachans zur Verödung des vielbegangenen Karawanenweges nach Tana führten. Zum Verhängnis aber wurde für den Levantehandel gerade der zwei größten Handelsnationen des Mittelmeers, der Genuesen und Venezianer, das unaufhaltsame Vordringen der Türken auf der Balkanhalbinsel, am Pontus und im griechischen Archipel. Hatten die Byzantiner, die selber besondere Neigung für den Handel, zumal den Seehandel, nicht besaßen, der kommerziellen Energie der abendländischen Handelsnationen freie Bahn zur Betätigung und die Möglichkeit gegeben, aus dem fernen Süden und Osten Asiens die Waren des Welthandels beizuschaffen und von dem Schwarzen Meer und Konstantinopel weiterzuführen, so fehlte dem noch rohen Kriegervolk der Osmanen nicht nur der Sinn für friedliche Handelstätigkeit, ihre ständigen Eroberungskriege ließen auch die für größere kaufmännische Unternehmungen notwendige Stetigkeit der Verhältnisse nicht aufkommen und verhinderten eine regelmäßige Zufuhr von Spezereien auf dem Landweg nach den politischen Gestaden; ihre gewalttätige Barbarenart aber führte zu unaufhörlichen Zusammenstößen auch mit den abendländischen Handelsnationen, zur Zerstörung und Verödung der Hauptstätten ihrer Tätigkeit und zur Vernichtung der Freiheiten und Vorrechte, die die Voraussetzung ihrer Handelserfolge gewesen waren; die Eroberung endlich der meisten Flottenstationen, die sich in den Händen der Venezianer und Genuesen befunden hatten, und die Aufrichtung der osmanischen an Stelle der venezianischen Seeherrschaft im Ägäischen Meer, die für den abendländischen Handel viel mehr Unsicherheit als Sicherheit schuf, wies im 15. Jahrhundert den Levantehandel, soweit sein Gegenstand Erzeugnisse Indiens waren, immer ausschließlicher auf Ägypten an. Erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts setzt auch hierein dann freilich rascher kommerzieller Verfall ein, den die Anknüpfung unmittelbarer Seeverbindungen mit Indien durch die Portugiesen an seinem Ausgang nur vollendet, nicht herbeigeführt hat.

Seine Gründe lagen in den innerpolitischen Zuständen des sinkenden Reiches am Nil. Die Prätorianerwirtschaft der Mameluken, die ständigen Thron wirren, die Mißregierung der Sultane und der Steuerdruck auf die Untertanen, endlich die mit dem Verfall der staatlichen Machtmittel überhandnehmenden Räubereien der Beduinen haben das blühende Land entvölkert und zugrunde gerichtet, ln Alexandrien fand Petrus Martyr von Angleria, der 1501 als spanischer Gesandter dahin kam, überall Trümmer und Verödung, Unsicherheit und Mutlosigkeit Die Stadt, die nach seiner Schätzung 100000 Gebäude in der Zeit ihrer höchsten Blüte gehabt hatte, besaß damals nur noch etwa 4000 Feuerstellen, und Tauben nisteten in ihren Ruinen. Die einheimischen Kaufleute, von einem Sultan wie dem andern ausgeplündert und ausgepreßt lebten in ständiger Angst um Hab und Gut die den Unternehmungsgeist und die Kraft lähmte. Der Nil, einst von Schiffen belebt, von Gärten und reichen Dörfern umsäumt, war verödet der Landweg von Rosette nach Kairo durch schweifende Beduinenstämme gesperrt Der Umsatz des venezianisch-alexan-drinischen Handels, der einige Jahrzehnte vorher noch 600000 Dukaten betragen hatte, ergab mit Einschluß des syrischen Handels nur noch ein Drittel dieser Summe und war 1512 schon wieder beträchtlich weiter gesunken.

Das ist die Lage des indisch-mittelmeerischen Handels zu der Zeit als der Portugiese Vasco da Gama 1497/98 den direkten Seeweg nach den Gewürzländem ums Kap der guten Hoffnung entdeckte. Seine Auffindung war zu einer Art geschichtlicher Notwendigkeit geworden: zwei Jahrzehnte später saßen, wie seit 1453 am Bosporus und früher schon an den Dardanellen, die Osmanen als Zöllner auch am Nil und an der Landenge von Sues. Und »so wie der eiserne Griff der Türken diese wichtigen kosmischen Organe packte (die Meerengen und Ägypten), erstarb der lebendige Odem der mediterraneischen Welt, Die Lähmung trifft zuerst den Don, schleicht an den anatolischen Küsten hinab, verdammt den Pontus wieder zu seiner Ungastlichkeit, verödet Syrien, würgt das letzte Leben in Alexandrien, um das Rote Meer einer mehr als 300 jährigen Vergessenheit zu überliefern. Waren bisher die Ufer des Mittelmeers die beglänzte Hälfte des Abendlandes gewesen, so unterbricht das Zwischentreten der Osmanen gleichsam die Quelle des Lichtes, und wir beobachten bekümmert das allmähliche Erlöschen der letzten beleuchteten Gipfel, während das Leben nach der frostigen Peripherie unseres Weltteiles entweicht. Die Entdeckung neuer Welten im Westen und freier Verkehrswege nach dem tropischen Morgenlande hat allerdings den ozeanischen Ufern Europas einen neuen, ungeahnten Wert verliehen, daß aber zugleich mit der Verwitterung der kleinasiatischen und pontischen Kultur das Mittelmeer still und stiller werden mußte, das war das freiwillige Verdienst der Osmanen.«

Die erste deutsche Handelsfahrt nach Indien 1505/06

Es ist da ein Verhältnis wie zwischen den alten Kaisern von Byzanz und den Patriarchen. In der Regel war der Kaiser bei weitem der mächtigere, es kam aber doch gelegentlich vor, namentlich zur Zeit der Bilderstürmer, daß ein Patriarch den Sturz eines Herrschers herbeiführte. Noch günstiger sind die Zaren gestellt; sie stehen unbedingt über dem Prokurator des heiligen Synods, selbst wenn das eine so energische Persönlichkeit sein sollte, wie es Pobjedonoszew gewesen ist. Nur einmal in der ganzen Geschichte, das ist aber schon ein viertel Jahrtausend her, hat sich ein Vertreter der griechischen Kirche, es war der Bischof Nikon, gegen den Zaren erhoben. Bekannt ist uns ja der beständige Streit zwischen unsern Kaisern und den Päpsten. Am genauesten jedoch entspricht das Scheich-ül-Islamat dem alten Patriarchat, das dem gleichen byzantinischen Boden entsprossen ist. Nun kommt es bei derartigen Doppelgewalten sehr viel auf die Konjunktur und auf die Persönlichkeit an. Seit dem Aufsteigen des Panislamismus ist die Tendenz für das geistliche Element günstig gewesen. Die Folgen davon werden sich bald erweisen. Der Padischah wird in seiner Würde als Kalife merklich verlieren. Ohnehin ist diese Würde nicht unbestritten.

Zunächst das Kalifat. Es ist richtig, daß es keineswegs in der Absicht des Propheten und seiner nächsten Nachfolger gelegen hat, das Kalifat in nichtarabische Hände geraten zu lassen. Sie dachten einfach gar nicht an eine derartige Möglichkeit. Das prägt sich schon in dem amtlichen Ausdruck Khilafat i Arabieh aus. Auch wurde selbst in der mohammedanischen Welt es schon öfters Abd ul Hamid zum Vorwurf gemacht, daß er weder vom Stamme des Propheten — ein Anspruch, den allein in Persien gewiß zum mindesten ½ Millionen Individuen, manchmal, wie bei Hamadan, ein Drittel einer ganzen Ortsbevölkerung, erheben — noch auch von der edlen Rasse der Araber sei. Trotzdem ist das Kalifat und die Fetwa ganz gesetzmäßig auf die. Türkensultane übergegangen. Im Jahre 1517 eroberte Selim I. Ägypten. Er vernichtete die Streitmacht der Mamelucken und bemächtigte sich der Fahne des Propheten, die von den Ommajaden auf die Abbassiden, und später, nach Bagdads Zerstörung durch die Mongolen, auf die Fatimiden übergegangen war. Die Fahne, der Sandschak i Scherif, ist jetzt im Serail in Konstantinopel. Nun galt es noch für Selim, auch.die Kalifenwürde zu erhalten. Das kann nur durch freiwillige Übertragung geschehen. Es gelang ihm jedoch das schwere Kunststück. Er vermochte den letzten Fatimiden, Al-Adhid, der kein sonderlich starker Charakter war, ihm seine Würde abzutreten. Allerdings ging es nicht ohne Anwendung von verhüllten Drohungen, von sanfter Gewalt — genug, der tatkräftige Sultan erlangte, was er erstrebte. Hätte er es aber mit einem hartnäckigen Gegner zu tun gehabt, der lieber gestorben wäre, als sich seiner Würde zu entäußern, so hätte keine Versammlung von Ulemas, hätte kein Scheich ül Islam jemals Selim I. oder seinen Nachfolgern die Fetwa erteilen dürfen. Nichtsdestoweniger ist es mehrere Male vorgekommen, daß Gegenkalifen sich erhoben, so Ende der 1880er Jahre der Scheich Hamideddin, der sich dann auch 15 Jahre lang behauptete, das arabische Sandschak Assyr nach der Ermordung des Mutessarif und der Besatzung eroberte und Entwürfe auf Mekka und Medina zeigte. Ja, auch von dem heutigen Khedive Abbas heißt es, daß er um 1900 nicht nur im geheimen Hamideddin unterstützte, sondern sogar die Absicht hegte, das Kalifat dem Nilland zurückzugewinnen. Von anderer Seite wird behauptet, daß die Engländer ebenfalls mit dem Plane umgehen, das Kalifat dem Khedive zu verschaffen, um dadurch die Gravitation der islamitischen Welt nach Ägypten, statt wie bisher nach Konstantinopel zu lenken.

Die Fäden der panislamitischen Bewegung liefen im Yildiz zusammen. Abd ul Hamid hatte diese Bewegung zwar nicht erfunden, aber sie in der geschicktesten Weise benützt, um seine Zwecke zu fördern.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus

Männer; Völker und Zeiten


Eine prächtige orientalische Baumgruppe! Palmen mit Wipfeln wie gewaltige grüne Federbüsche, breitblätterige Bananenbämne, zur Rechten seltsam gestalteter Kaktus, mit seiner Plumpheit der vollendete Gegensatz gegen die schlanke Anmuth des königlichen Dattelbaumes, zur Linken Sykomoren- und Tamariskengebüseh, überklettert von Schlinggewächsen. Im Vordergründe eine Wasserschöpferin, die der Urzeit des Landes angehören könnte, dann im Schatten der Bäume eine ruhende Karawane mit Kameelen. Im Hintergründe endlich zwischen dem Grün von Gartenanlagen, dem gelhen Wüstengebirge und dem blauen Himmel das Wunderbild einer morgenländischen Grossstadt : weisse Mauern, über w elche sich weisse Kuppeln und Minarets erheben. Alles in die wärmsten Farben des Südens getaucht, übergossen mit dem Licht einer Sonne, wie sie in der alten Welt nur Afrika kennt. Das ist Kairo, wenn man sich ihm von Westen nähert.

Graurothe verwitterte Kalkfelsen, über weht von gelbem Wüstensand, links zum Hügelland ansteigend, alles Pflanzenwuehses bar, dürr und öde, dabei die Grabmonumente von Mameluckenkönigen, zierlich in ihren Formen, wie alles, was die Baukunst der Sarazenen geschaffen, aber verfallen und halb verschüttet von den Dämonen der Sandhosen und Wirbelwinde, die in dieser Wüste ihr unheimliches menschenfeindliches Spiel treiben. Weiterhin im Mittelgrund unter einer alterthümliehen Citadelle, auf deren nadelfeinen Minarets der goldene Halbmond blitzt, eine weitgedehnte arabische Stadt mit zahllosen schlanken Thürmen und Tempeln. Dahinter eine grüne Flussebene, am Horizont wieder die gelbe Wüste, aus welcher, gleich den Spitzen riesiger Krystalle, Pyramidengruppen zu Tage treten. Es ist unser zweites Bild der Chalifenstadt am Nil, Kairo von Osten gesehen. Jenes war Kairo, die Fürstin der Gartenoase des Nil, dieses ist Kairo, die Königin der arabischen Wüste.

Kairo — arabisch Masr — ist nach Constantinopel die grösste Stadt des westlichen Orients, und wenn seine Lage der von Constantinopel nicht entfernt gleichkommt, so ersetzt es für den Beschauer diesen Mangel durch grössere Schönheit, Eigenthümlichkeit und Gediegenheit seiner Bauwerke, dureli einen helleren Himmel und durch ein Leben auf den Strassen, das weit originellere Gestalten an uns vorüberfuhrt, als das der grossen Sultansstadt am Bosporus. Einwohner hat das heutige Kairo gegen 230,000, von denen sich nur einige Tausende europäisch kleiden und nur etwa 25,000 dem Christentlnune angehören. Die vornehme Welt, die höheren Beamten, die vicekönigliehe Familie sind von türkischer Abstammung. Unter den hier lebenden Franken wiegt das italienische Element vor. Vom Nil ist die Stadt etwa eine Viertelstunde entfernt. Die w üste erstreckt sich im Osten bis hart vor die Thore und giesst ihre Saudfluth bis in die östlichen Strassen hinein.

Und nun denken wir uns gleich mitten hinein in das Treiben der Gassen und Plätze hinter jenen weissen Mauern. Da ist die Esbekieh, ein weiter grüner Platz irn Westen, von Mehemed Ali aus einem Sumpf in eine schöne Promenade verwandelt. Breite Alleen von hochwipfeligen Nilakazien fassen die Atdage ein, die, immer frisch bewässert durch eine von Ochsen getriebene Wasserkunst, Gebüsche von Mimosen und Tamarisken, Blumenbeete und Lauben zeigt, und auf welche durch die Zwischenräume in den Alleen orientalische Paläste und Hotels im fränkischen Styl, anmuthig geformte Minarets und Palmen herabschauen, liier spaziert die europäische Bevölkerung der Stadt, schlürft vor den griechischen Kaffeehütten ans winzigen Tässchen köstlichen Mokka und raucht aus dem Schlangenrohr des Nargileh den aromatischen Tabak von Schiras. Auch die Orientalen lassen sich gern hier nieder, um zu rauchen und zu träumen oder sich von wandernden Geschichtenerzählern Märchen und Lieder von Antar und Bibars vordeclamiren zu lassen. Hilft dann von dem Balkon der Mueddin zum Gebet, so erheben sie sich, breiten ihren Teppich auf den Sand oder Rasen aus und entsprechen der frommen Mahnung in den von der Sitte vorgeschriebenen Stellungen: erst aufrecht, die Hände nach oben gestreckt, die Daumenspitzen an den Ohrläppchen, dann vorwärts gebeugt, die Hände auf den Knien, dann kniend, zuletzt mit der Stirn am Boden, alles in der Richtung nach Siidosten, wo Mekka mit der Kaabah, dem Allerheiligsten der moslemitisehen Welt, liegt. Sinkt dann die Sonne, so entwickelt sich der Duft der Büsche stärker, Laternen mit rothem und gelbem Licht tanzen wie Leuchtkäfer durch die Finsterniss, und in den Wipfeln der Bäume beginnen Nachtigallen zu flöten. Die Luft ist lau, der Himmel klar, und wie ein Märchen erscheint uns alles, wenn wir der Heimat gedenken, die jetzt unter der Schneedecke des W inters liegt.

Hier ferner thut sich die grosse Strasse der Muskih, des Frankenquartiers auf. Die Mehrzahl der hohen Häuser ist von europäischer Bauart, europäische Glasfenster, europäische Firmen sehen auf uns herab. Aber das dichte Mensehengedränge, das auf und ab wogt, ist fast rein morgenländisch, und der erste Tritt in eine der Seitengassen versetzt uns aus der modernen Culturwelt in die Zeit der Sarazenen zurück. Eine schmale Gasse, halb dunkel, kühl wie ein Keller, überhangen von Erkern, nimmt uns auf. Wie fremdartig uns die hohen Steinhäuser anstarren! Die Thüren sind ohne Ausnahme geschlossen, die Fenster zeigen statt der Glasscheiben filigranartiges Ilolzgitterwerk, der unterste Stock tritt uns nur als nackte Quadermauer entgegen. Jedes Haus ist eine Festung, welche die Geheimnisse des Harems verbirgt. Timt sich einmal eine der Pforten auf, so blicken wir in einen kleinen, hübsch verzierten Hof mit einem Springbrunnen, über den die Palmen und Orangenbäume eines mysteriösen Gärtchens ihre Wipfel ausbreiten.

Und so gehen wir weiter, bald gerade, bald krumm, immer im Zickzack; denn ein regelmässiger Plan, ein Strassennetz, wie in unseren modernen Städten, findet sich hier so wenig, wie in anderen Orten des Orients. Aus der einsamen Seitengasse gelangen wir wieder in eine der grossen Markt- und Verkehrsstrassen, in denen Geschäft und Handel der Stadt pulsiren. Rechts und links sind iin Erdgeschoss Nischen angebracht, in denen Handwerker arbeiten, Händler mit allerlei Wareu feilhalten, Kaffeewirthe ihren braunen Trank brauen oder Schulmeister einer Schaar kleiner Turbane ihre Lection überhören. Die eine Strasse zeigt nichts als Tschibbuk-maeher, die andere nur Blechschmiede, die dritte Sattler oder Tischler. In einer vierten treiben ehrwürdige Moslems mit Patriarchenbart, Turban und Kaftan, umgeben von zahllosen Paaren rother und gelber Schnabelschuhe die Kunst der Fussbekleidung. W ieder in einer anderen Gasse widmen sich nicht weniger würdig aussehende Gestalten mit Nadel und Scheere dem Geschäft, ihre Mitmenschen mit Hosen und Kaftanen zu versehen. Unbekümmert um die Menge, die sich im buntesten Gemisch an ihnen vorüberwälzt, nähen und hämmern, raspeln und hobeln sie weiter.

Treten wir auf einen Augenblick in eines der Kaffeehäuser, tun dieses Getümmel an uns vorüberfluthen zu lassen. Turbane von allen Farben, weisse, rotlie, grüne, letztere die Nachkommen Mohammeds bezeichnend, himmelblaue, braune, orangefarbene, schwefelgelbe Kaftane, schwarze und weiss und braun gestreifte Abajen, wie sie die Beduinen tragen, prächtig gestickte Jacken, Westen und Gürtel, rotlie und gelbe Schuhe passiren an uns vorbei. Arnauten in der faltenreichen Fustanella, im Gürtel ein ganzes Arsenal von Mordwerkzeugen, sonneverbrannte Fellahs, nichts als das blaue Baumwollenheind auf dein Leibe, Negersoldaten in weissen Jacken und eben solchen Pumphosen, katholische Mönche, griechische Popen, Kopten, am schwarzen Turban und dem Schreibzeug im Gürtel erkennbar, mischen sich drein. Eine Kameclkarawane mit Grasbündeln oder Mühlsteinen beladen, schwankt in langem Zug mitten durch das Gewühl. Eine vergoldete Kutsche, im Trabe gefahren, zwingt die Menge, sich zur Seite zu flüchten. Vor den Kutschen rennen Läufer her, um mit lautem „Guarda 1 Guarda!“ vor dem Ueberfahrenwerden zu warnen. Dazwischen schallt das

„Piglak! — Jeminak! — Schemalak!“

der Eselsbuben, deren buntgesattelte Grauthiere in der Stadt dieses Reitervolkes die Stelle der Fiaker vertreten, das dumpfe Gebrüll von Büffeln und Kameelen und das unaufhörliche Gezänk des gemeinen Volkes.

Da lässt sich einer der vielen Blinden Kairo’s von seinem Knaben durch das Gedränge führen. Hier reitet auf magerem, aber edlen Pferde ein stolzer Beduine vom Sinai vorüber. Dort erscheint mit einem ungeheuren Turban ein würdiger und wohlgenährter Graubart auf sanftgehendem Maulthier, vielleicht ein Mollah, jedenfalls ein gelehrter und frommer alter Herr. Neben Bettel-Derwischen mit seltsam geformten spitzen Mützen, langen rothgefärbten Haaren, struppigen Bärten und zerfetzten Kleidern treiben in dem murmelnden Menschenstrom prächtig gekleidete Beis und Paschas hin, gaukeln, das hohe rotlie Fcss auf die Seite gesetzt, die vielfältige schnee-Aveisse Fustanella schaukelnd, kockettc Griechenjünglinge wie Schmetterlinge von Gruppe zu Gruppe.

Wieder lässt der Geist der Stadt, der dieses Kaleidoskop vor uns dreht, ein anderes buntes Bild vor uns erscheinen. Mit seinen Messingbechern klingend, kommt vom nächsten Brunnen ein Wasserträger, um aus dem Ziegenfell-Schlauch, den er auf dem Rücken trägt, den Vorübergehenden Erquickung zu verschänken. Hinter ihm schreiten Frauen vom Volk der Dörfer draussen einher. Ein blaues Baumwollenhemd mit einem Kopftuch ist ihr einziges Kleidungsstück, das gelbe Gesicht wird unter den Augen von einem langen schmalen Schleier verhüllt, der immer von schwarzer Farbe und an den Schläfen sowie durch eine über die Stirn gehende Messingspange am Kopftuch befestigt ist. Aufrechten Ganges, die Brust stark vorgedrückt, tragen sie einen dickbauchigen alterthümlich geformten Krug auf dem Kopfe, bisweilen reitet ihnen ein nackter Sprössling auf der einen Schulter, wie einst altägyptischen Müttern, bisweilen auch tragen sie, gleichfalls nach der Sitte der Vorzeit, ein kleineres Gefäss auf der flachen über die Schulter zurückgelegten Hand. Vornehme Damen erscheinen in der Regel zu Esel und bis zur Unförmlichkeit in rosenrothe, papageigrüne oder strohgelbe Seidenkleider versteckt. Vor dem Gesicht hängt ein weisser Schleier, über Kopf und Rücken eine schwarzseidene Mantille, die, unter den Schultern mit beiden Händen zusammengehalten, den Frauen, wenn der Wind hineinblässt, das Aussehen von reitenden Luftballons gibt. Ein Sclave, gewöhnlich ein Eunuch, führt das Thier der Gebieterin am Zügel.

Die Augen flimmern von den ewig wechselnden Bildern, der Kopf summt von dem Getöse, das sie begleitet, und noch immer ist Neues zu sehen und zu hören. Schlangenbändiger produciren ihre Künste, Derwische suchen die Aufmerksamkeit der Menge durch ein abgerichtetes Kalb, das die wunderlichsten Kunststücke macht, auf sich und ihren Bettelsack zu lenken. Andere von der Zunft bieten mit Rosenöl gemischtes Trinkwasser aus, wozu sie rufen:

„Die Worte des Propheten sind kühlende Rosen!“

Mieder andere schlagen die Schellentrommel und singen dazu das Lob Allahs. Ein Bettler schreit uns zu:

„Ich bin der Gast Gottes und des Propheten!“

Ein Feigenverkäufer folgt mit dem Ruf:

„Süss wie Küsse der Houris dem Rechtgläubigen!“

Aehnlich kündigt sich der Scherbetverkäufer, wieder anders der Brotträger an. Alles summt und gurgelt, schwirrt und näselt durcheinander, accompagnirt von dem schrillen Geklingel, mit welchem die an den Ecken sitzenden Wechsler der Strasse, ihre Münze schüttelnd, auf ihre Existenz aufmerksam zu machen bemüht sind.

Nicht selten erscheint mitten in diesem brausenden Leben der Tod in Gestalt einer Lciehen-Procession mit der buntüberhangenen Bahre, auf welcher der Turban des Verblichenen liegt. Laut heulende, tücherschwingende Klageweiber folgen dem Sarge, dem die Fahnen eines Derwisch-Ordens vorangetragen werden. Bisweilen führen mitten in der Strasse Tänzerinnen nach dein Schall von Cimbel und Tamburin uralte Tänze auf, die sie mit kreischendem Gesang begleiten. Häutig auch sieht man lustige Brautzüge, mit denen in der Regel das Beschneidungsfest eines Knaben armer Eltern verbunden ist, sich durch die Strassen bewegen. Das bei Feierlichkeiten dieser Art übliche gellende Freudengeschrei der mitgehenden Frauen und das von Musikanten auf Hoboen und Trommeln ausgeführte wilde Concert lässt einen solchen Zug schon von Weitem erkennen. Voraus gehen Spassmaeher in wunderlichem Putz und Männer mit wohlriechenden Essenzen, mit denen sie die Vorüberwandelnden besprengen. Dann kommen Musikanten und hinter diesen der Barbier, der die Beschneidung vollzieht, mit seinem verzierten Spiegelschränkchen, hierauf, gewöhnlich zu Pferde, manchmal in Frauenkleider gehüllt, der betreffende Knabe, alsdann in langer Reihe die Basen und Freundinnen der Braut und zuletzt diese selbst in einem rothen Schleier oder unter einem wandelnden Zelt von gleicher Farbe.

Wir verlassen unsern Beobachtungsposten und wandern durch ein Labyrinth von dunkeln Gassen und Gässchen, um einen der Basare aufzusuchen, wo sich der Handel der Stadt concentrirt. Da ist der El Gori-Basar mit seinen Schnittwaaren, da der Chanchalil-Basar, der mit seinen prächtigen alten Thoren und Höfen die Stelle der einstigen Chalifengrüfte im Herzen der Stadt einnimmt, da treffen wir auf den Hamsaui-Basar, wo nur Christen feilhalten. Hier wieder glänzt und duftet uns der Tarbieh-Basar entgegen, wo Rosenwasser und Golddraht verkauft wird, und dort ist die Sukarieh mit ihrem Zucker und ihren getrockneten Früchten. Die Chans, welche sich in der Mitte dieser meist grossen Gebäudecomplexe erheben, sind Magazine, in denen die Waaren ans allen Ländern des Orients von Indien bis zum Sudan hin aufgespeichert werden, auch dienen sic den arabischen und türkischen Reisenden, namentlich den Mekkapilgern, als Herbergen.

Noch reicher sind die Moscheen geschmückt, denen wir bei unserem Gange durch die Strassen fast in ununterbrochener Aufeinanderfolge begegnen. Schade nur, dass die meisten statt frei zu stehen in Häuser eingeklemmt sind, und dass mehre der grössten und schönsten in Ruinen liegen! Welch ein unerschöpflicher Wechsel in der Form ihrer Minarets, die in den Kränzen ih rer Rundbaikone so prächtig schlank emporsteigen, rund oder vielkantig, in edler Verjüngung bis zum Kuppelknopf mit dem Halbmond! Wie ainnuthig schwingt sich über ihrer Portalnische das Tropfsteingewölbe, diese eigenthümlich sarazenische Kunstform! Wie zierlich ist das Gitterwerk der Fenster, wie viel Phantasie in den Rosetten und Säulcnbündeln, welche die Aussenseite der Wände zieren!

Die älteste Moschee Kairos ist die von Achmed Ihn Tulun nach dem Plan der Kaabah in Mekka erbaute. Den Mittelpunct bildet ein offener Hof, der mit Säulengängen umgeben ist, welche Spitzbogengewölbe tragen. Drei Seiten haben zwei, die vierte, welche nach Osten gekehrt ist, hat fünf Säulenreihen. Das Minaret hat ein eigenthümliches Aussehen, indem sich die Treppe aussen um dasselbe herumwindet. Die Moschee stammt, wie die kufischen Inschriften an ihren Wänden zeigen, aus dem Jahre 879 n. Chr., und wenn sie nicht so schön ist wie andere Gebäude ihrer Art, so hat sie für die Geschichte der Architektur ein hohes Interesse, indem sie zeigt, dass der Spitzbogenstyl schon zweihundert Jahre vor seiner ersten Anwendung in Europa von den Baumeistern der Araber gekannt war.

Nicht weniger interessant ist die Asher-Moschee, eine der grössten Kairos. Sie ist ebenfalls mit grossartigen Colonnden geschmückt und enthält in diesen eine Art von Universität für Theologen und Rechtsgelehrte. Trifft sie hierin mit dein einstigen Tempel zu Jerusalem zusammen, so ist sie wie alle anderen Moscheen Kairos auch in anderer Beziehung ein Seitenstück zu letzterem. Wie damals im Tempel Jehovahs, sieht man auch hier zahlreiche Käufer und Verkäufer sich durch die heiligen Räume bewegen, ja es fehlt sogar nicht an Faullenzern, die hier, die Kühle der Hallen benutzend, die Hitze des Tages verschlafen.

Die schönste aller Moscheen der Chalifenstadt am Nil ist die, welche Sultan Hassans Namen führt. Sie liegt unmittelbar unter der Citadelle am Rumelieh-Platz, dessen Zierde sie ist. Die majestätisch hohen Wände, mit denen sie die Gassen zur Seite überragt, die gewaltigen flachen Nischen in diesen Wänden, welche sechs bis sieben Fenster übereinander haben, die bis zum obersten Rande der Mauer reichende riesenhafte Portalnische, über der sich ein prächtiges Tropfengewölbe zusammenzieht, ihr aumuthig geformtes Minnret verdienen die Bewunderung jedes Freundes der Baukunst und erklären es, wenn die Sage geht, der Sultan habe dem Meister, der dieses edle Werk geschaffen, nach Vollendung des Baues die Hände abhauen lassen, damit er kein zweites, ebenso schönes errichte. Weshalb ihm der Tyrann gerade die Hände nahm, bleibt freilich unerklärt, da sich ein Bau auch ohne Hände leiten lässt.

Die Dschami Es Sultan Hassan ist um das Jahr 1360 erbaut und zeigt im Innern einen Styl, der von dem aller älteren Moscheen wesentlich abweicht. Man tritt hier ebenfalls in einen vierseitigen Hof, der ein Parallelogramm bildet und in welchen, da er oben offen ist, das Minaret herabsieht. Allein es fehlen jene die inneren Wände umsäumenden Säulengänge. Statt deren hat jede Wand eine grosse tiefe Spitzbogennische oder ein Seitenschiff, eine architektonische Form, die an die Kreuzesgestalt der christlichen Kirchen erinnert. Die nach Osten zu befindliche Colossalnische ist beträchtlich grösser als die drei anderen, sie hat eine Spannung von mehr als siebzig Fuss und enthält die Kanzel (Mimbar) und die kleine Nische, welche den Betern der Moscheen die Richtung von Mekka anzeigt (Mechrab). An den Wänden bemerkt man einige Koransprüche in sehr grossen Charakteren. In der Mitte des offenen Hofes befindet sich unter einem Kuppeltempelehen das Bassin für die Abwaschungen. Von der Wölbung der Nischen hängen zahlreiche Lampen und Laternen herab. Zu beiden Seiten des Mechrab führen Pforten in einen Raum, der das Grabmal des fürstlichen Erbauers einschliesst. Lieber demselben wölbt sich eine mächtige, jetzt leider den Einsturz drohende Holzkuppel. Der Grabstein des Sultans ist ohne alle Verzierung, durch das Gitter blickend, das ihn umgibt, gewahrt man auf ihm nur eine Abschrift des Korans und eine Almosenbüchse.

Die Steinblöcke, aus denen die Hassan-Moschee besteht, sollen von einer Pyramide stammen. Es wäre zu wünschen, dass Aegypten die Alterthümer, die es abbrach, überall so anmuthig verwendet hätte. In vielen Moscheen sind die Säulen sämmtlich geraubtes Gut, und zwar stehen sie fast immer ohne Rücksicht auf gleiches Material oder gleiche Form, Granit oder Marmor, dorischer, jonischer und korinthischer Styl durcheinander. Schlimmer aber ist, dass Hunderte der schönsten Säulen und Statuen zerschlagen worden sind, lediglich um in die Kalköfen zu wandern, wo man den Mörtel zur Erbauung von Zuckersiedereien und anderen Fabriken der Beis und Paschas bereitet.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien

Bilder aus dem Orient