Schlagwort: Memelkonvention

Zankapfel und Brücke zwischen Deutschen und Litauern

Die Memel -Problemantik zeigt, wie nah Deutschland historisch und geographisch Litauen ist. In den Jahrzehnten des Eisernen Vorhanges haben wir Deutschen nicht nur verlernt, auf einer stummen Karte ohne längeres Nachenkcn die baltischen Staaten einzuordnen, sondern wir haben zugleich alte deutsche Kulturlandschaften und Städte aus unserem Gedächtnis getilgt, die uns einst mit dem Baltikum eng verbanden. Memel gehört dazu. Nationalistische Literatur,die an die alte imperiale Tradition anknüpfen wollte, forderten nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur das Memelland, sondern auch das nördliche Ostpreußen bis dicht an die Hauptstadt Königsberg. Mindestens aber der äußerste Norden der Provinz jenseits der Memel sollte angegliedert werden. Das verlangten auch pragmatischere Naturen – denn die Stadt Memel mit ihrem Hafen bot dem nahezu küstenlosen Litauen einen idealen Zugang zur Ostsee. Historische Ansprüche konnte Litauen weder auf Nord-Ostpreußen noch auf das Memelland anmelden. Zwar gab es vor allem im nordostpreußischen Gumbinnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen beträchtlichen litauischen Bevölkerungsanteil, der sich aus Zuwanderern nach der Pest itn 18. Jahrhundert rekrutierte. Später aber sank der litauische Anteil wieder. Betrug er 1858 noch 8,7 Prozent der Gesamtbevölkerung Ostpreußens, waren es 1910 nur noch 4,4 Prozent.

Im Memelgebiet hatten ursprünglich nicht Litauer, sondern lettische Kuren gesiedelt. Die Stadt Memel, 1252 von Livländischen Schwertbrüderorden gegründet und somit drei Jahre älter als Königsberg, gehörte mitsamt den umliegenden Gebieten über 700 Jahre zum Ordensstaat und späteren Herzogtum Preußen. Anders als im übrigen nördlichen Ostpreußen lebte im Memelland eine starke litauische Volksgruppe, die dort seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts seßhaft geworden war.

Die Volkszählung von 1910, die letzte vor dem Krieg, ergab ein sehr ausgewogenes Verhältnis (50,7 Prozent mit deutscher und 47,9 Prozent mit litauischer Muttersprache), das durch eine Nachkriegserhebung der Franzosen nahezu exakt bestätigt wurde. Dennoch wäre eine Volksabstimmung höchstwahrscheinlich deutlich gegen Litauen ausgefallen: Ein Großteil der Litauer tendierte zum Deutschtum. Bei einer 1921 vom französischen Gouverneur des Memelgebietes durchgeführten Umfrage unter Eltern litauischer Schüler gaben lediglich 5,5 Prozent an, ihre Kinder sollten Lese- und Schreibuntcrricht in ihrer Muttersprache erhalten, die anderen bevorzugten Deutsch. Entsprechend fielen auch spätere Landtagswahlen aus: 1925,1926 und 1927 erreichten deutsche Parteien 91 bzw. 80,2 bzw. 76,7 Prozent, litauische Parteien dagegen nur 6 bzw. 14,6 bzw. 13,3 Prozent.

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