Schlagwort: Menschenfleisch

Mit besonderer Berücksichtigung der Gegenwart.

„Ihr Betragen gegen die Feinde ist unmenschlich, noch lebend fallen sie über sie her, schneiden sie in Stücken, rösten und verzehren sie. Und doch sind sie gegen Verwandte und Freunde von zärtlichem Gefühl, ihre Religion ist erhaben, ihre Kosmogonie gut, ihre Mythologie edel, ihre Gesänge sind poesievoll. Trotzdem sind sie Kannibalen.“

Als die grossen Erdumsegler den fabelhaften Wundertieren, den Lebermeeren und Magnetbergen durch ihre kühnen Fahrten endgültig ein Ende bereitet hatten, brachten sie nicht minder merkwürdige Kunde über die neuentdeckten Länder und geschauten Völker. Zu diesen in der Heimat teils belächelten, teils übertriebenen Neuheiten zählten auch die Kannibalenvölker, deren Existenz wohl niemand bezweifelte aber auch niemand bisher fest behaupten konnte. Nur verschwommen und sagenhaft war oie Kunde über derartige Menschenfresser gewesen, von denen schon der alte Homer in der Odyssee berichtete.

Als erster Europäer kam der Holländer Abel Tasman auf seinen Fahrten nach den Fidschi-Inseln, einst dem Paradies des Kannibalismus. Seine Berichte über diesen Punkt sind aber recht mangelhaft. Erst Cooks Leibarzt, Anderson, schrieb eingehend und ausführlich über die Kannibalen Neuseelands. Es soll nun in diesen Zeilen weniger eine Aufzählung oder eine blosse Berichterstattung über die betreifenden Zustände gegeben werden als vielmehr ein Versuch, mit Hilfe der vorhandenen Reiseberichte der älteren, neueren und neuesten Zeit durch wissenschaftliche Beleuchtung ein besseres Verständnis dieser merkwürdigen menschlichen Verirrung zu gewinnen.

Rührt die Sitte wohl aus der Zeit her, wo der Urmensch dem Tiere noch ganz nahe stand? Hat sie sich von damals bei den Völkern erhalten, die noch nicht zur Höhe unsrer Kultur gestiegen sind? Undenkbar, denn erstens sind unsre nächsten Verwandten im Tierreich durchweg Pflanzenfresser, und zweitens zeigen die Ursachen des Kannibalismus eine solche Ueberlegung, dass er erst in einer Zeit entstanden sein kann, wo der Mensch schon ein verhältnismässig sehr hohes Denkvermögen erklommen hatte.

Bei den Jäger- und Fischervölkern steht der im höchsten Ansehn, der sich seiner Feinde am besten erwehrt, und wer recht viele von ihnen erschlagen hat, der wird etwa so geehrt wie bei uns jemand, der sich eine hohe gesellschaftliche Stellung erworben hat. Dann ging man einen Schritt weiter. Der erschlagene Feind lag vor dem Naturmenschen. Seine religiösen Vorstellungen waren ein Gebäude von Animismus und Fetischismus, und er musste unbedingt auf den Gedanken kommen: wenn du den Kerl auffrisst, so nimmst du zugleich seine Stärke und alle seine Eigenschaften in dich auf. Von derselben Vorstellung geht der ostafrikanische Neger aus, wenn er vom erlegten Löwen ein Stück vom Herzen, um stark zu werden, vom Auge, um gutes Sehvermögen zu erlangen, und vom Kugeleinschlag isst, um fortan dieselbe Treffsicherheit zu haben.

Diese Erklärung wird von allen Ethnographen anerkannt. Zur zweiten, folgenden Erklärung können wir Beispiele heranholen, die uns allen sehr bekannt sind. Jede Horde, jeder Stamm opferte seinen Spezialgottheiten Früchte oder Tiere. Musste da nicht ein kriegerisches Volk, das aus allen Kämpfen mit den Nachbarn siegreich hervorging, sich sagen: unserm Helfer ist das Beste gut genug! Ergo bringen wir ihm das Beste, nämlich Menschen. Die Speisegesetze ergaben sich dann schon, die werden findige Zauberer schon ausgetüftelt haben.

Agamemnons Tochter Iphigenia sollte den Göttern geopfert werden. Damals standen die Griechen im Bronzezeitalter, waren aber ihren manuellen und technischen Fertigkeiten geistig weit voraus geeilt. Und wenn auch diese Erzählung sagenhaft ist, die uns Homer erzählt, so hat sie doch einen wahren Kern, der in die uralten Veihältnisse zurückreicht, in der Menschenopfer etwas Alltägliches waren. Es sieht ja fest, dass alle indogermanischen Völker Menschenopfer dargebracht haben, die bei den Germanen sogar bis in die Römerzeit hinein üblich waren. Die Semiten kannten sie ebenfalls. Abraham opferte seinen Sohn Isaak. Und die Beschncidung gilt allgemein als das letzte Ueberbleibsel dieser Menschenopfer. Hierher gehören auch die sagenhaften Erzählungen aus dem Mittelalter, Kinder in Brücken oder Schlossmauern einzuschliessen.

Diese kleine Abschweifung zum besseren Verständnis. Der Kulturmensch hat also die Eierschalen seiner Geburt aus dem Naturzustände nicht ganz verloren. Es gibt für den Kannibalismus noch einige weitere Erklärungen, doch folgen diese später. Hier wollen wir die gegebenen Berichte erst einmal auf das Gesagte hin anschcn.

Anderson, Cooks Begleiter und Arzt, schreibt über die Tahitier, sie lägen mit ihren Nachbarn in ewigen Kriegen. Die Erschlagenen würden gleich verzehrt oder heimgeschleppt und geschlachtet unter Abscheulichkeiten, die sich kaum beschreiben Hessen. Cook selbst sagt, dass sie vor dem Angriff auf ein benachbartes Dorf einen Schlachtgesang anstimmen, wobei sie sich bis zur Raserei begeistern.

„Ihr Betragen gegen die Feinde ist unmenschlich, noch lebend fallen sie über sie her, schneiden sie in Stücken, rösten und verzehren sie. Und doch sind sie gegen Verwandte und Freunde von zärtlichem Gefühl, ihre Religion ist erhaben, ihre Kosmogonie gut, ihre Mythologie edel, ihre Gesänge sind poesievoll. Trotzdem sind sie Kannibalen.“

Nach seiner Angabe entstehen diese ewigen Fehden aus Blutrache, die zwischen einzelnen schwebt. Die Schädel und Knochen benutzen sie als Amulette. Hier ist also wohl der Kannibalismus aus einem Rachegefühl entstanden. Man will den Feind beseitigen und sich für immer dienstbar machen. Uebrigens sind die Menschenfresser Cooks die heutigen Maori, echte Polynesier vom malaiopolynesischen Stamm, ausgehend aus Südostasien über den ganzen Stillen Ozean.

Cook hatte auf seiner drittten Reise nach dem Archipel Gelegenheit, sich mit Anderson und dem Maler Weber, einem Schweizer, ein Kannibalenfest auf Tahiti anzusehen. Sie erhielten die Erlaubnis, zum Marai, zum Tempel zu treten, wo alles versammelt war. Die Priester beteten, bedeckten das liegende Opfer mit Kokosblältern, rissen ihm einige Haare aus, stachen ihn das linke Auge aus, reichten es dem Könige, der die Pantomime des Essens machte, es aber den Priestern zurückgab, schlugen den Gefangenen tot und begruben ihn. Dann beteten alle, der Tote
solle ihr Fürsprecher im Himmel sein. Dies ist sicherlich der interessanteste Zug. Später wurde die Leiche ausgegraben und verzehrt. Die Feier heisst Pur-Erich, das Opfer selbst Tata-Tabu, dem Gott geheiligt. Cook sah im Tempel 43 Schädel, die vor wenigen Tagen aufgehängt waren. Hier ist der Kannibalismus aus Religiosität entstanden.

Die nächste Urkunde verdanken wir dem Franzosen Dumont d’Urville vom Jahre 1827. Seine Berichte beruhen aber meist auf Aussagen andrer. Dagegen wurde ein junger Matrose, John Jackson, durch merkwürdige Umstände gezwungen, jahrelang unter den Südseeinsulanern zu leben. Ihm verdanken wir die wertvollsten Berichte. Er nahm selbst teil an Ueberfällen auf benachbarte Dörfer. Nach ihm wurden die Körper mit Zinnober bemalt, von einem eigens dazu bestimmten Fleischzerleger, Tafatamata, mit Muscheln zerteilt und aut Steinen geröstet. Der Häuptling bekam stets die Nasen. Auch wurden die Körper öfters mit Yams-Wurzeln zusammen gekocht. Den Göttern wurden einmal allein zehn. Gefangene geschlachtet. Der Rest wurde gemästet und für später aufgehoben.

Jene Inseln um Australien haben die wildesten Orgien gesehen, die der Kannibalismus je hervorgebracht hat. Eltern frassen ihre Kinder, Brüder ihre Schwestern. Fast immer liegt das Motiv zugrunde, sich die körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Person anzueignen. Bei Ueberfällen auf Dörfer wurden die Gefangenen aus obigem Grunde und aus Rachsucht verzehrt. Von einem Häuptling wird erzählt, dass er eines Tags eine seiner Frauen auffrass, weil sie ihn geärgert hatte.

Ein ganz merkwürdiges Motiv des Kannibalismus ist die Liebe. Jones, der Geometer in Südaustralien in den siebziger Jahren war, berichtet eingehend vom „Schmaus der Liebe“. Er erwähnt das Volk der Yuloogoundies. Stirbt hier eine Frau oder ein Mädchen, so versammeln sich die Männer und Jünglinge, zerlegen den Körper, und diejenigen, die eine besondere Zuneigung zu dem weiblichen Wesen gehabt haben, bekommen bestimmte Teile. Dieser „Schmaus der Liebe“ kam nach Schneider noch bei den Sandwichinsulanern, den alten Tibetanern und Kalmücken vor.

Bis um 1800 war der Kannibalismus in Australien und Ozeanien eiwas Alltägliches. Man sollte meinen, dass durch die Besitzergreifung seitens europäischer Völker und die Mission die Menschenfresserei vollkommen ausgerottet sei. Dem ist aber nicht so. Sehen wir uns einmal die dortigen Verhältnisse der letzten Jahrzehnte und der Gegenwart an.

Im Auftrage der holländischen Regierung erforschte der dänische Maler Karl Bock den Südosten Borneos. Seine Schilderungen gelten für heute. Mit dem Häuptling Siban Mobang der Tring-Dajaks hatte er eingehende Unterredungen. Kurz vorher hatte dieser 70 Opfer geschlachtet und deren Gehirne und Hände verspeist. Aber es gibt nicht jeden Tag Menschenfleisch, sondern nur bei Kopfjagden.

Die Kopfjagden oder die Koppensnellen, wie sie die Holländer nennen, sind eine schreckliche Landplage und religiöser Natur. Bei jedem Fest müssen feindliche Köpfe da sein, denn ohne sie ist ein Fest undenkbar. Kein Jüngling darf heiraten, bevor er nicht seiner Liebsten eine Anzahl Köpfe vor die Füsse gelegt, und sich als Orang brani, als tapferer Mann, gezeigt hat. (Karl Bock: „Unter den Kannibalen Borneos“.) Kein Kind kann einen Namen erhalten, bevor nicht feindliche Köpfe herbeigeschafft sind. Stirbt ein Radschah, so müssen soundsoviele Köpfe abgeschnitten werden, die ihm im Jenseits dienen.

Die Kopfjagden gehen nun folgendermassen vor sich. Ist das Bedürfnis nach neuen Köpfen vorhanden, so wird eine Expedition nach einem benachbarten Dorfe unternommen. Grosse Tänze werden abgehalten, bei denen sich die Dajaks bis zur Raserei begeistern. Endlich wird der Ueberfall ausgeführt. Was da ist, wird niedergeschlagen oder fortgeschleppt. Daheim beginnt das Tiwah, das Totenfest, das oft acht Tage währt und an dem bis zu 40 Feinde sich langsam verbluten. „Bai, bai!“ (Gut, gut!) sagte der Häuptling zu Karl Bock, indem er dabei auf die Handflächen und die Knie zeigte als die Leckerbissen. Die Köpfe werden dann als Trophäen aufgestellt und sind der grösste Stolz des Dorfes.

Auch die Baitak auf Sumatra sind bis heute Kannibalen. Der beste Kenner Sumatras ist Brenner („Besuch bei den Kannibalen Sumatras“). Nach ihm findet sich Kannibalismus noch in Toba, Timor, Raja, Pak-Pak; also bei allen Battak. Junghuhn erzählt, dass das Opfer an einen Pfahl gebunden wird. Der Häuptling tritt mit einem Messer vor, hält Ansprachen und entfacht den Blutdurst so, dass alle sich wie Bestien gebärden. Der Häuptling darf sich das erste Stück abschneiden, meist die innere Seite des Unterarmes oder die Wangen, falls sie fett sind, jubelt und trinkt das Blut. Dann stürzen alle auf das Opfer, jeder reisst sich ein Stück ab und röstet es. Junghuhn bemerkt, dass Frauen hier nie Menschenfleisch essen, die Männer auch nur ausserhalb ihres Hauses. Der Häuptling erzählte ihm, sie hätten vor wenigen Tagen elf Chinesen gebraten.

Brenner erzählt vom Battakhäuptling Si Gallak, er habe eine Beteldose gehabt, die mit den Zähnen eines ehemaligen, nun aufgefressenen Feindes besetzt war. So oft er sie öffnete, schlug er auf die Zähne, als ob er seinem Feind damit einen Backenstreich versetzte, um ihn noch nach dem Tode zu kränken. Später wurde Si (Jallak aber selber geschlachtet, teils geröstet, teils mit Pfeffer und Salz gekocht. Dabei wurde seine Lieblingsfrau ebenfalls aufgefressen, ihre Zähne kamen auf eine andere Sirihkalkdose.

Als letzte stichhaltige Erklärung wird von einigen Ethnographen der Mangel an Wild auf den Südseeinseln angegeben. Die fortdauernde Pflanzenkost habe bei diesen Völkern einen wahren Heisshunger nach Fleisch hervorgerufen, der, weil nichts andres vorhanden, eben mit Menschenfleisch gestillt würde (Platz: „Völker der Erde“). Ratzel gibt dem Fleischmangel sehr viel Anteil an der Anthropophagie. Sievers sagt, der Mangel an Wild allein könne die Liebhaberei nicht erklären, vielmehr seien Hass und Aberglauben in erster Linie die Motive. Nach ihm werden in Queensland die Lenden als Leckerbissen angesehen, Kopf und Eingeweide dagegen verschmäht. Mischlinge isst man gern, Weisse sollen salzig und unangenehm schmecken, am beliebteren sind die von Reis und Pflanzenkost lebenden Chinesen. Auf dem Bismarckarchipel wird ein schwunghafter Handel mit Fleisch nach auswärts betrieben. Eine Leiche kostet dort 50 bis 80 Faden Diwarra. Als beste Stücken gelten hier Seiten, Finger und Brüste der Frauen. Auf den Neuen Hebriden kommt Kannibalismus nur noch im Innern vor, die Küstenbewohner essen Fische. Bei den Ostmelanesiern ist die Sitte noch allgemein. Die Stücke werden geröstet oder die ganze Leiche wird sitzend gebacken.

Am wildesten war der Kannibalismus von jeher auf den Fidschi-Inseln. Der Häuptling Ra-undre-undre hatte seiner eigenen Aussage nach 872 Menschen verspeist, niemand hatte an seinen Mahlzeiten teilgenommen. Gefragt, warum er’s ässe, erwiderte er:

„Ihr habt gesalzenes Rindfleisch, wir dagegen haben keins und müssen deshalb Menschenfleisch essen.“

Auf den Fidschi-Inseln wurden besondere Pflanzen angebaut, die nur zum Menschenfleisch gegessen werden durften. Auch gab es heilige Schalen und Gabeln, die sonst nie benutzt wurden und tabu waren. Gefangene wurden in regelrechten Kolonien angesiedelt, um für später Fleisch zu haben. Fehlten diese, so wurden oft Niedriggestellte geschlachtet. Beim Zerlegen wurden heilige Lieder gesungen. Auch auf den Marquesas-Inseln und auf Paumotu wurden dabei religiöse Zeremonien vorgenommen. Zum Schmaus wurde Kava getrunken.

Man darf nicht übersehen, dass viele Völker das Menschenfleisch allem andern vorziehen, weil es ihnen am besten schmeckt. Bei den Irokesen fragt in einer Sage Manitu den Jäger, warum er Menschen ässe, worauf dieser entgegnet, weil sie besser schmeckten als Büffel und andere Tiere.

Dass auf den Inseln der Südsee der Kannibalismus noch sehr verbreitet ist, verbreiteter, als man sich gewöhnlich vorstellt, bestätigt auch der italienische Marinearzt Baccari, der kürzlich die Berichte über seine von der Regierung ausgehende Reise veröffentlichte. Besonders hat er Beobachtungen über die Menschenfresserei gemacht. Danach sind die Verhältnisse noch so wie zu Cooks Zeiten: unter den nichtigsten Vorwänden werden Kriege von Dorf zu Dorf geführt, nur, um Fleisch zu machen. Auch er schreibt, dass die Weissen fade schmecken sollen, doch wird von ihnen Suppe gekocht, um sich den Mut und die Geistesgaben der Europäer anzueignen.

Wie viele Menschen dort hinten wohl schon geschlachtet worden sind? Das ist unübersehbar und wird in früheren Jahren sicherlich in die Hunderttausende gegangen sein. Tatsächlich sind dadurch grosse Stämme gänzlich vernichtet, andere sind schwach und können nur noch wenige Jahre existieren.

Nächst den Südseeinseln und Australien ist die Anthropophagie in Afrika am verbreiteisten gewesen. Aber hier ist diese Liebhaberei bis auf wenige Völker ausgerottet. Für das wildreiche Afrika kann natürlich die Erklärung aus dem Fleischmangel heraus nicht herangezogen werden. Hass und Aberglaube sind hier die stichhaltigsten Beweggründe. Man will die Kraft des Feindes der eigenen addieren. Nach Livingstone endet ein Streit zwischen zwei Gatten am Lualaba-Fluss gewöhnlich damit, dass der Herr Gemahl seine Frau Gemahlin einfach auffrisst.

All die grossen Afrikaforscher haben über den Kannibalismus weitgehende Erkundigungen eingezogen. Junker sagt von den Monbuttu, dass ein Begräbnis bei ihnen überhaupt nicht vorkomme, da selbst die Leichen verzehrt würden Blutsverwandte verkaufen sie. Zum Mahle wird eine Mehlspeise, Lugma, gegessen. Auch zum Tode Verurteilte werden einfach gebraten. Von ihrem gefürchteten und berüchtigten König Munsa sagt er, ihm sei täglich ein neugeborenes Kind als Speise vorgesetzt worden. Casati hat die Angaben Junkers im wesentlichen durch seine eigenen Beobachtungen bestätigt. Kannibalvölker sind ferner noch die Zwergstämme der Walesse. Nach Stanley sollen im Innern Westafrikas ebenfalls Menschenfresser Vorkommen. Besondere Namen gibt er aber nicht an.

Menschenopfer sind natürlich in allen Teilen Afrikas etwas ganz Alltägliches gewesen, bei einzelnen Völkern sind sie es heute noch. Nach Thomson bekommt der tote Häuptling der Walungu vier Frauen mit ins Grab. Bei andern Stämmen werden auch Männer lebendig miteingegraben. So berichtet der verstorbene Baumann, der mit dem Leipziger Geographen Hans Meyer in die Gefangenschaft Buschiris geriet, er habe auf einer Expedition am Kongo einen Häuptlingssohn angetroffen, der einen Gefangenen machen wollte, der beim Tode seines Vaters mit sterben sollte. Es waren zwar zu Hause schon lange vier dazu bestimmt, aber einer davon war ein guter Freund des Häuptlingssohnes, der so einen Ersatzmann suchte. In Dahome wurden in den siebziger Jahren noch 500 Menschen jährlich geopfert, ob den Göttern oder dem Zorne des Häuptlings, mag dahingestellt sein. Das grösste Kannibalenvolk Afrikas waren und sind noch heute die Niam-Niam. Dies Wort, das der Dinkasprache entnommen ist, drückt geradezu die Menschenfresserei des Stammes aus (Allesfresser). Schweinfurth sagt, sie berauschten sich förmlich am Fett. Im Kriege verzehren sie jedes Alter, die Zähne werden in Ketten um den Hals gehängt. Schweinfurth schenkte der Sammlung der Berliner Anatomie einige Schädel, die beim Mahle gekocht waren. Eines Tages gebar eine Sklavin auf dem Transporte, und das Kind konnte nicht mitgenommen werden. Da machten die Niam-Niam oder Sandeh kurzen Prozess und steckten das Neugeborene in den Kochtopf.

Einige Stämme der Süd- und nordamerikanischen Indianer sind ebenfalls in ausgedehntem Masse Anthropophagen gewesen. Schon 1556 berichtet Hans Stade, dass die Tupinikins und Tupinambas, zu denen er verschlagen worden war, Gefangene auffrassen. Das Opfer wurde zerschnitten, bemalt und gekocht, Arme und Beine erhielten die Weiber. Zum Schmaus wurden Getränke aus Mandiokwurzeln verbraucht. Die brasilischen Indianer sind von fast allen früheren Reisenden für ausgemachte Kannibalen gehalten worden. Meist mit Unrecht. Von den Tupis, Tapugas und einigen Stämmen der Botokuden steht es fest, dass sie Anthropophagen waren.

Bei den Quakalt auf den Vancouver-Inseln durften nur die heiligen, eingeweihten Glieder der Hametzen Menschenfleisch gemessen. Sie tranken bei den Geheimversammlungen auch das Blut aus den Adern. Bei den Tlinkit wurden Sklaven geschlachtet. Auch die alter Mexikaner opferten ganze Hekatomben von Menschen und hielten darauf grosse Schmausereien ab.

Der Leser hat wohl gesehen, dass der Kannibalismus durchaus nicht etwa auf Unmoral aufgebaut ist. Der Europäer ist fast immer geneigt, sofort den Stab über derartige Völker zu brechen. Gewiss ist die Sitte eine ganz abscheuliche, aber eine von vornherein bestimmte Moral gibt es überhaupt nicht, an der sich die einzelnen Kulturen messen lassen. Die Sitte ist eben von alters her geheiligt, und niemandem kommt die Verwerflichkeit eines solchen Gebrauches zum Bewusstsein. Und wie schon oben kurz angedeutet war, haben wir ja selbst eine ganze Anzahl von Sagen und Erzählungen, die noch deutlich an unsere eigene Vergangenheit zurückerinnern. Der grösste Teil jener Völker befindet sich noch im Steinzeitalter. Und als bei uns die letzte Hexe zu Ehren Gottes geopfert wurde (1796), waren wir schon etliche Jahrtausende aus dieser vorgeschichtlichen Menschheitsperiode heraus.

Kolonie und Heimat

Von Carl Leidecker.

Die jüngst über Sydney nach hier gelangte Nachricht von der Ermordung des Australiers Lindsay durch Eingeborene an der Südküste von Neu-Pommern (Bismarck-Archipel) ruft in mir die Erinnerung an einen Eingeborenen-Aufstand in Friedrich-Wilhelmshafen (Kaiser-Wilhelmsland) wach, der mich um Haaresbreite das Leben gekostet hätte. Doch zunächst will ich einiges über den erschlagenen Lindsay, der ein guter Bekannter von mir war, berichten und meine Vermutungen über die Gründe des Ueberfalls einflechten. Lindsay, ein noch junger Mann von etwa 35 Jahren, war eigentlich Prospektor, d. h. Goldsucher in Australien, und kam im Jahre 1902 als Angestellter der von der Neu-Guinea-Compagnie ins Leben gerufenen Hüongolf-Expedition von Sydney nach Kaiser-Wilhelmsland, ln dieser Eigenschaft begleitete er teils das Gros der Expedition nach dem Bismarck – Gebirge und dem vermutlichen Quellengebiet des Ramu, teils machte er mit einem kleinen Teil der schwarzen Träger selbständig Vorstösse ins Innere des Landes. Dabei hatte er Gelegenheit, sich mit den Eigenarten und Charaktereigenschaften der Papuas genau vertraut zu machen. Als die Expedition nach etwa 10 Monaten aufgelöst wurde, ging Lindsay nach Sydney zurück, kam jedoch zu Beginn des Jahres 1908 abermals nach Neu-Guinea und versuchte nun, als Arbeiter-Anwerber sein Brot zu verdienen; mit einem kleinen Kutter besuchte er die Küsten von Neu-Mecklenburg, Neu-Hannover und Neu-Pommern, um Eingeborene als Plantagenarbeiter zu rekrutieren und sie dann nach Herbertshöhe oder Simpsonhafen zu bringen, wo ihm die Plantagenbesitzer und hin und wieder die Regierung eine sogenannte Anwerbegebühr von Mk. 80— pro Kopf zahlten.

Kolonie und Heimat

Die niedere Mythologie pflegt sich nicht mit einer einzigen Art der Naturpersonifizierung zu begnügen, sondern sie schafft sich noch eine zweite, davon geschiedene: zu den Elfen die Riesen.

Und nicht so sehr hat ein sittlicher Gesichtspunkt, der auf eine Scheidung von Gut und Böse Bedacht genommen hätte, diese Zweiteilung veranlaßt, sondern der Eindruck der bloß äußerlichen Größen- und Machtunterschiede der Naturgewalten. So erheben sich hinter den Elfen deren kolossale Gegenbilder, die Riesen, die dieselben Naturmächte wie jene verkörpern, aber in ihrem wilden Aufruhr, in ihrem verwüstenden Übermaß und in ihrer alles Andere überragenden Massenhaftigkeit oder gar in ihrer schrankenlosen Ausdehnung. Gewitter-, Sturm und Wolkendämonen sind auch sie wie die Elfen, aber vom allerheftigsten Temperament. Selbst die hohen starren Berge und das unabsehbare Meer werden zu Riesen, der alles hüllende und füllende Nebel, die tiefe undurchdringliche Finsternis und endlich die ewige Nacht der Unterwelt. Doch kommen einzelne Riesen auch in sanfteren Winden herbei, und im schneeweißen Gewölk strecken schöne Riesinnen ihre Glieder.

Im Norden, wo die Mythologie schon eine mittelalterliche Wissenschaft ist, wurde früh ein übrigens nur halb gelungener Versuch gemacht, das Riesengeschlecht als eine wohlgegliederte Einheit zu umspannen. Man richtete verschiedene Riesenstammbäume auf, die aber alle unvollständig und einseitig sind. In einer solchen besonders nordisch gearteten Genealogie heißt der Ahnherr einfach Fornjótr der alte Jüte, der die drei Söhne Hlér, und Kári hat Hlér Brauser, Brander oder Aegir, bei Saxo Ler oder Eyr, d. i. das Meer, haust auf der nach ihm benannten Insel Hlésey oder Lessö mitten im verrufenen Kattegat, dessen jütischer Küste große Sandbänke und dessen schwedischer viele offene, sowie tückischere verborgene Klippen vorlagern. Ihm gebar seine Gattin die Räuberin, neun Töchter, die Wellenmädchen Udr, Hrönn, Bylgja, Bára, ferner die Taucherin Dúfa, die Branderin K´ölga, die Stürmerin Hefring, die Blutlockige Blódughadda, die vom Blut der an den Klippen Zerschmetterten bespritzt ist, und die Himmelshelmige, d. h. wohl die bis zum Himmel gischende Himinglaefa. Auf Hlésey hausen nach dem Harbardslied Berserkerweiber und Wölfinnen, die Thor schlägt, weil sie alle Leute betrügen und sein Schiff schütteln. Das werden jene Wellenmädchen sein. Aegir ist sonst den Göttern ein guter Wirt; zu ihrem Festmahl bei ihm trägt das Bier sich selber auf. Fomjots zweiter Sohn Logt die Lohe hat ein unbestimmteres Gepräge als seine Gattin Glöd, die Heitere, Glänzende. Soll er nur das irdische Feuer, nicht auch die Himmelslohe, das drohende Wetterleuchten, bedeuten, wonach er auch Hálogi die Hochlohe heißt? Der dritte Sohn Kári der Rauscher, d. i. der Wind, tost hoch über dem Meer in der Schnee- und Eiswüste des norwegischen Dovrefjelds um den Sneehätta. Sein Sohn ist Jökull der Eisberg oder Frosti der Frost, dessen Sohn Snaer der Schnee, und dessen Kinder wieder Thorri, die Dürre, dann die Schneehäuferin, die Schneewirblerin und die Schneestäuberin sind. Die großartigen Züge der norwegischen Natur, das rauhe Meer und das stürmische Schneegebirge, sind hier deutlich verkörpert, vielleicht auch die an diesen Küsten so häufig bis in den Winter hineinleuchtende Gewitterscenerie. Aber die Wolkenriesinnen und die Waldriesen fehlen und manche andere.

Mythologie der Germanen

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten.

Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert.

Mythologie der Germanen