Mit besonderer Berücksichtigung der Gegenwart.

Als die grossen Erdumsegler den fabelhaften Wundertieren, den Lebermeeren und Magnetbergen durch ihre kühnen Fahrten endgültig ein Ende bereitet hatten, brachten sie nicht minder merkwürdige Kunde über die neuentdeckten Länder und geschauten Völker. Zu diesen in der Heimat teils belächelten, teils übertriebenen Neuheiten zählten auch die Kannibalenvölker, deren Existenz wohl niemand bezweifelte aber auch niemand bisher fest behaupten konnte. Nur verschwommen und sagenhaft war oie Kunde über derartige Menschenfresser gewesen, von denen schon der alte Homer in der Odyssee berichtete.

Als erster Europäer kam der Holländer Abel Tasman auf seinen Fahrten nach den Fidschi-Inseln, einst dem Paradies des Kannibalismus. Seine Berichte über diesen Punkt sind aber recht mangelhaft. Erst Cooks Leibarzt, Anderson, schrieb eingehend und ausführlich über die Kannibalen Neuseelands Es soll nun in diesen Zeilen weniger eine Aufzählung oder eine blosse Berichterstattung über die betreifenden Zustände gegeben werden als vielmehr ein Versuch, mit Hilfe der vorhandenen Reiseberichte der älteren, neueren und neuesten Zeit durch wissenschaftliche Beleuchtung ein besseres Verständnis dieser merkwürdigen menschlichen Verirrung zu gewinnen.

Rührt die Sitte wohl aus der Zeit her, wo der Urmensch dem Tiere noch ganz nahe stand? Hat sie sich von damals bei den Völkern erhalten, die noch nicht zur Höhe unsrer Kultur gestiegen sind? Undenkbar, denn erstens sind unsre nächsten Verwandten im Tierreich durchweg Pflanzenfresser, und zweitens zeigen die Ursachen des Kannibalismus eine solche Ueberlegung, dass er erst in einer Zeit entstanden sein kann, wo der Mensch schon ein verhältnismässig sehr hohes Denkvermögen erklommen hatte.

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Kolonie und Heimat

Von Carl Leidecker.

Die jüngst über Sydney nach hier gelangte Nachricht von der Ermordung des Australiers Lindsay durch Eingeborene an der Südküste von Neu-Pommern (Bismarck-Archipel) ruft in mir die Erinnerung an einen Eingeborenen-Aufstand in Friedrich-Wilhelmshafen (Kaiser-Wilhelmsland) wach, der mich um Haaresbreite das Leben gekostet hätte. Doch zunächst will ich einiges über den erschlagenen Lindsay, der ein guter Bekannter von mir war, berichten und meine Vermutungen über die Gründe des Ueberfalls einflechten. Lindsay, ein noch junger Mann von etwa 35 Jahren, war eigentlich Prospektor, d. h. Goldsucher in Australien, und kam im Jahre 1902 als Angestellter der von der Neu-Guinea-Compagnie ins Leben gerufenen Hüongolf-Expedition von Sydney nach Kaiser-Wilhelmsland, ln dieser Eigenschaft begleitete er teils das Gros der Expedition nach dem Bismarck – Gebirge und dem vermutlichen Quellengebiet des Ramu, teils machte er mit einem kleinen Teil der schwarzen Träger selbständig Vorstösse ins Innere des Landes. Dabei hatte er Gelegenheit, sich mit den Eigenarten und Charaktereigenschaften der Papuas genau vertraut zu machen. Als die Expedition nach etwa 10 Monaten aufgelöst wurde, ging Lindsay nach Sydney zurück, kam jedoch zu Beginn des Jahres 1908 abermals nach Neu-Guinea und versuchte nun, als Arbeiter-Anwerber sein Brot zu verdienen; mit einem kleinen Kutter besuchte er die Küsten von Neu-Mecklenburg, Neu-Hannover und Neu-Pommern, um Eingeborene als Plantagenarbeiter zu rekrutieren und sie dann nach Herbertshöhe oder Simpsonhafen zu bringen, wo ihm die Plantagenbesitzer und hin und wieder die Regierung eine sogenannte Anwerbegebühr von Mk. 80— pro Kopf zahlten.

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Kolonie und Heimat

Die niedere Mythologie pflegt sich nicht mit einer einzigen Art der Naturpersonifizierung zu begnügen, sondern sie schafft sich noch eine zweite, davon geschiedene: zu den Elfen die Riesen.

Und nicht so sehr hat ein sittlicher Gesichtspunkt, der auf eine Scheidung von Gut und Böse Bedacht genommen hätte, diese Zweiteilung veranlaßt, sondern der Eindruck der bloß äußerlichen Größen- und Machtunterschiede der Naturgewalten. So erheben sich hinter den Elfen deren kolossale Gegenbilder, die Riesen, die dieselben Naturmächte wie jene verkörpern, aber in ihrem wilden Aufruhr, in ihrem verwüstenden Übermaß und in ihrer alles Andere überragenden Massenhaftigkeit oder gar in ihrer schrankenlosen Ausdehnung. Gewitter-, Sturm und Wolkendämonen sind auch sie wie die Elfen, aber vom allerheftigsten Temperament. Selbst die hohen starren Berge und das unabsehbare Meer werden zu Riesen, der alles hüllende und füllende Nebel, die tiefe undurchdringliche Finsternis und endlich die ewige Nacht der Unterwelt. Doch kommen einzelne Riesen auch in sanfteren Winden herbei, und im schneeweißen Gewölk strecken schöne Riesinnen ihre Glieder.

Im Norden, wo die Mythologie schon eine mittelalterliche Wissenschaft ist, wurde früh ein übrigens nur halb gelungener Versuch gemacht, das Riesengeschlecht als eine wohlgegliederte Einheit zu umspannen. Man richtete verschiedene Riesenstammbäume auf, die aber alle unvollständig und einseitig sind. In einer solchen besonders nordisch gearteten Genealogie heißt der Ahnherr einfach Fornjótr der alte Jüte, der die drei Söhne Hlér, und Kári hat Hlér Brauser, Brander oder Aegir, bei Saxo Ler oder Eyr, d. i. das Meer, haust auf der nach ihm benannten Insel Hlésey oder Lessö mitten im verrufenen Kattegat, dessen jütischer Küste große Sandbänke und dessen schwedischer viele offene, sowie tückischere verborgene Klippen vorlagern. Ihm gebar seine Gattin die Räuberin, neun Töchter, die Wellenmädchen Udr, Hrönn, Bylgja, Bára, ferner die Taucherin Dúfa, die Branderin K´ölga, die Stürmerin Hefring, die Blutlockige Blódughadda, die vom Blut der an den Klippen Zerschmetterten bespritzt ist, und die Himmelshelmige, d. h. wohl die bis zum Himmel gischende Himinglaefa. Auf Hlésey hausen nach dem Harbardslied Berserkerweiber und Wölfinnen, die Thor schlägt, weil sie alle Leute betrügen und sein Schiff schütteln. Das werden jene Wellenmädchen sein. Aegir ist sonst den Göttern ein guter Wirt; zu ihrem Festmahl bei ihm trägt das Bier sich selber auf. Fomjots zweiter Sohn Logt die Lohe hat ein unbestimmteres Gepräge als seine Gattin Glöd, die Heitere, Glänzende. Soll er nur das irdische Feuer, nicht auch die Himmelslohe, das drohende Wetterleuchten, bedeuten, wonach er auch Hálogi die Hochlohe heißt? Der dritte Sohn Kári der Rauscher, d. i. der Wind, tost hoch über dem Meer in der Schnee- und Eiswüste des norwegischen Dovrefjelds um den Sneehätta. Sein Sohn ist Jökull der Eisberg oder Frosti der Frost, dessen Sohn Snaer der Schnee, und dessen Kinder wieder Thorri, die Dürre, dann die Schneehäuferin, die Schneewirblerin und die Schneestäuberin sind. Die großartigen Züge der norwegischen Natur, das rauhe Meer und das stürmische Schneegebirge, sind hier deutlich verkörpert, vielleicht auch die an diesen Küsten so häufig bis in den Winter hineinleuchtende Gewitterscenerie. Aber die Wolkenriesinnen und die Waldriesen fehlen und manche andere.

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Mythologie der Germanen

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten.

Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert.

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Mythologie der Germanen