Schlagwort: Mesopotamien

Kann man die Geschichtlichkeit der Sintflut beweisen? Soweit ein vorgeschichtliches Naturereignis mit den Methoden und Ergebnissen einer Ausgrabung bewiesen werden kann, ist es geschehen. Leonard Woolley, der Ausgräber von Ur am unteren Euphrat, hat durch die Feststellung einer 2,5 m starken Tonschicht, die in beträchtlicher Tiefe die Kulturschichten unterbrach, eine Flutkatastrophe von einzigartiger Mächtigkeit einwandfrei nachgewiesen. Daß diese Flut mit der biblischen Sintflut identisch ist, kann kaum ernstem Zweifel unterliegen. Die Überlieferung einer solchen Flut ist ja nicht biblisch, sondern sumerisch und wurde im babylonischen Gilgamesch-Epos dichterisch verarbeitet, wo Utnapischti seinem, das ewige Leben suchenden Urenkel Gilgamesch die Geschichte seiner Errettung von der Flut erzählt, und zwar in fast völliger Übereinstimmung mit der späteren biblischen Fassung. Wenn wir die heutige Entfernung von Ur vom Persischen Golf in Betracht ziehen, erscheint die Möglichkeit einer großen Flut, die ohne Mitwirkung der See undenkbar ist, freilich fabulos. Wenn wir jedoch den unablässigen Landzuwachs des babylonischen Alluvialgebietes in Betracht ziehen und erfahren, daß das Meer um 400 n. d. Zw. noch bis Kuma reichte, wo heute Euphrat und Tigris sich vereinigen, und daß um 2000 v. d. Zw. die beiden Ströme noch weit voneinander getrennt in den Golf mündeten, dann erscheint Ur ganz nahe an die Meeresküste herangerückt und mußte natürlich in eine Flutkatastrophe mit einbezogen werden.

Das Tal des Euphrat war damals noch ein Sumpf, aus dem immer mehr Inseln trockenen Alluvialbodens auftauchten, der mit seiner überwältigenden Fruchtbarkeit die an harte Feldarbeit auf dem unwirtlichen Boden des nahen arabischen Plateaus oder des mittleren Euphrattals gewohnten Bauern magnetisch anzog. Die alljährlichen Überschwemmungen, die das Land weithin in eine einzige Wasserfläche verwandelten, zwangen die Siedler mehr als irgendwo anders auf Erden zum Zusammenschluß in Städten, die im Laufe der Jahrhunderte, da Schlammziegelhütten kurzlebig sind und grundsätzlich von jeder Generation erneuert zu werden pflegen, immer höher über das Alluvialland emporwuchsen, die sich aber von ihrer Gründung an durch drei bis fünf Meter starke Rohziegelmauern vor dem Hochwasser schützen konnten. Daraus erklärt sich, daß Ur und andere Städte des Schwemmlandes sogar die Große Flut überlebten.

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Ich hatte in diesem Frühling auf einer Reise in Nord-Syrien und im oberen Mesopotamien, die gerade mit dem beginn der Bauarbeiten auf dem neuen Abschnitt bei Aleppo zusammenfiel, Gelegenheit, wieder ein Stück der für Deutschland und die internationale Politik so wichtigen Bagdadbahnfrage an Ort und Stelle zu studieren. Nach zwei Richtungen hin war eine Aenderung gegen die Zeit vor zehn Jahren, als ich zum letzten Male am Euphrat war, nicht zu verkennen. Das erste ist, dass die Bebauung des Bodens quantitativ zugenommen hat. Nicht nur um Aleppo und von dort gegen den Euphrat, sondern auch in der eigentlichen mesopotamischen „Steppe“, südlich von Urfa, in der Gegend von Haran, sind neue Dörfer entstanden, und der Pflug furcht wieder Land, das seit einem Jahrtausend oder länger wüst gelegen hat. Noch ist natürlich nicht die Rede davon, dass ein nennenswerter Teil des alten, mindestens seit der Mongolenzeit brachliegenden, obermesopotamischen Kulturlandes wieder bevölkert wird, aber man kann sich doch schon eine Vorstellung davon machen, wie die Entwicklung hier sein wird, sobald erst die Schienen selbst das Land durchziehen. Bis kurz vor dem Ende des alten Regimes herrschte in Mesopotamien förmlicher Kriegszustand durch die Kämpfe des kurdisch-arabischen Häuptlings Ibrahim von Veranscheher mit seinen Nachbarn. Ibrahim war auf seine Art ein bedeutender Mann; er hatte nicht weniger im Sinn als sich in Mesopotamien eine eigene Herrschaft zu gründen, wenn auch als Vasall des Sultans, ähnlich vielleicht wie einst Muhammed Ali in Aegypten.

Die Bagdadbahn Kolonie und Heimat