Schlagwort: Mohammedaner

Wie die offene Tür eine mildere Form von Eroberung, der Zollkrieg vom Kanonenkrieg ist, so ist der Nationalitätenhader eine sanftere Auflage von Bürgerkrieg und Rebellion. Noch vor wenigen Jahrzehnten suchten die Fenier mit bewaffneter Faust, mit Bomben-Attentaten im Phenix-Park und Torpedo-Angriffen auf Kriegsschiffe, das Angelsachsentum zu schwächen und Irland in die Höhe zu bringen, suchte der Karlistenkrieg, der hauptsächlich von Basken geführt wurde, mit Feuer und Schwert die Anerkennung des Prätendenten Don Carlos (gestorben 1910) durchzusetzen. Jetzt sind, mit Ausnahme der Katzbalgereien am Balkan, andere Mittel an der Tagesordnung: der Sprachenstreit, der Boykott, die parlamentarische Obstruktion, die Bildung von Einkaufsgenossenschaften; der Kampf um die Errichtung neuer Schulen und Universitäten, wie in Zilli und Innsbruck, Wien und Lemberg, wie ferner in den Vereinigten Staaten und Südafrika; der Ankauf und die Parzellierung fremdvolklicher Rittergüter, wie in Posen; die Entrechtung eines ganzen Volkes wie in Finnland, die Enteignung des Kirchengutes, wie in Armenien. Es sind das oft schon recht harte Maßregeln, auch handelt es sich materiell um keine Kleinigkeiten, eine Drittel Milliarde Mark bei unsrer Ansiedlungskommission, allein was will das bedeuten gegen die Verwüstungen der Hussitenkriege, gegen sizilianischeVespern, gegen römische Proskriptionslisten des Sulla und Octavianus. Ehedem wurde der Widerspenstige, wurde der lästige Fremde einfach erschlagen oder geknechtet oder ihm doch wenigstens sein Hab und Gut genommen:,jetzt kämpft man mit Verordnungen und mit wirtschaftlicher Übermacht. Jetzt wird sogar die Ehe ganzer Nationen friedlich gelöst. Noch vor achtzig Jahren konnten sich Belgien und Holland nicht voneinander trennen, ohne daß ein Krieg die Scheidung bekräftigte. Im Jahre 1905 hat Norwegen einfach erklärt, es wolle nicht mehr mitmachen, es wolle seinen eignen Haushalt haben, und Schweden hat das ruhig hingenommen, und hat, zum nicht geringen Verdruß seiner bäuerischen Nachbarn, noch hinzugefügt, daß es sich nicht lohne, für die Union vom Leder zu ziehen.

Wie das bürgerliche an die Stelle des Kriegsrechtes getreten ist, das wird am deutlichsten bei einer Landnahme auf kolonialem Gebiete. Auch früher gab es da Nuancen. Die Alemannen und Langobarden nahmen ein Drittel von dem eroberten Lande, die Vandalen,die Hälfte, und nur Zulu und Engländer das Ganze. Ihrer Übung gemäß entrissen auch in Amerika und Australien die Briten den Eingeborenen all ihr Eigentum an Grund und Boden. In der neuesten Zeit aber belassen sie und die anderen Weißen den Eingeborenen ihr Land, soweit dies Privateigentum ist, und bezahlen ihnen bar jeden Acker, den sie in Gebrauchnehmen. Selbst nach großen Aufständen, wiejetztdemder Herero und Hottentoten, scheint man sich nicht zu der Auffassung aufschwingen zu können, daß Rebellen ihr Recht an ihrem privaten Grund und Boden verwirkt haben. Das paßt genau zu der Tyrannei der Begriffe, die uns „der Rechtsstaat gebracht hat. Auf der einen Seite übergroße Ängstlichkeit im Schonen noch so fadenscheiniger oder verwirkter Rechtsansprüche, dafür auf der andern Seite ein Nachlassen kolonisatorischer, erobernder Kraft. Sicher, wenn man sich auf den Standpunkt der Eingeborenen stellt, dann haben diese ganz recht, ihr Land mit landesüblichen Mitteln zu verteidigen, aber dann sollte man eben nicht kolonisieren. Keine Kolonisationstätigkeit, ja überhaupt keine staatliche und staatsmannische Betätigung ist ganz von Härte, ja von Ungerechtigkeiten frei. Nicht ohne Grund sagt schon Goethe: der Handelnde ist immer gewissenlos. Aber die heroische Zeit ist auch in den Kolonien vorüber, die Zeit, da Entdecken und Erobern noch eins war, da einzelne Europäer wie Emin Pascha, Rhodes, Radschah Brooke sich unabhängige Reiche schufen, ist vorüber, und die Zeit des Einrichtens, des Nutzbarmachens ist gekommen. Vielleicht ist mit dem Hererokrieg die Iliade afrikanischer Kriege und mit dem Tibetzug die Epopee asiatischer Kriege für lange hin abgeschlossen. Höchstens Marokko kann uns noch homerische Kämpfe bringen. Ein fundamentaler Umschwung in ganz wenigen Jahren! Mit geradezu märchenhafter Schnelligkeit haben sich die Ereignisse seit 1884 vollzogen. Und nicht minder märchenhaft ist der Abstand zwischen den heroischen Zügen eines Stanley und Karl Peters von heutiger Assessoren- und Council-Verwaltung.

Auch das ist ein Kennzeichen heutiger Weltpolitik, daß die Masse in ihr viel stärker berücksichtigt werden muß, als in den Tagen der Kabinettspolitik, den Tagen der Erbfolgekriege, oder gar denen der Normannenzüge und byzantinischer Palastrevolutionen. Wichtiger als Diplomatendiners, dauernder als Bündnisse, maßgebender als alle Ministerreden ist in dem Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland die brutale Tatsache, daß wir fortwährend stark an Volkszahl zunehmen, während unsre westlichen Nachbarn sogar zurückgingen, wenn ihnen nicht eine beträchtliche Einwanderung zugute käme. Weil die überwiegende Mehrheit des französischen Volkes 1905 friedliebend gesinnt war, deshalb mußte damals Delcasse stürzen und wurde die Marokko-Konferenz angenommen. Die amerikanische Gefahr wird durch die Massenbewegung gemildert, die von den drei, vier Millionen Arbeiter, also fünfzehn Millionen Köpfe umfassenden trade-unions ausgeht; die unions und die von ihnen angezettelten Ausstände wirken dem Unternehmungsgeist des Yankeekapitals entgegen, und brechen dessen für Europa bedrohliche Übermacht. Bei der gelben Frage kommt fast weniger die Kriegstüchtigkeit der Japaner, als die ungeheure Volkszahl Ostasiens in Betracht. Auch die schwarze und braune Frage ist weniger ein Problem von Diplomatie und Krieg, als von Zu- und Abwanderung, und von der Vermehrung der Massen. Die Zulu von Natal haben sich in sechzig Jahren um das achtfache vermehrt. Wie sattsam bekannt, zeigt sich die Bedeutung der großen Menge namentlich auch bei den Heeren. Nur durch ihre gewaltige Überzahl siegten die Briten über die an Kriegstüchtigkeit weit überlegenen Buren; ja selbst 1870 und 1904 hatte der Sieger nicht nur moralische Eigeschaften, sondern meist auch die höhere Zahl auf seiner Seite. Es führt dies sogleich zu einer anderen Betrachtung. Nicht nur im Kampf der Waffen, sondern auch im Kleinkriege des Nationalitätenhaders gelangt die Masse immer mehr zur Geltung. Am deutlichsten sieht man das in Österreich. Aber auch andere Länder haben von der erbitterten Nebenbuhlerschaft verschiedener Volkheiten zu leiden. In Belgien ringen Vlamen und Wallonen um die Gleichberechtigung, in der Schweiz Deutsche, Franzosen und Italiener, in Großbritannien Schotten und Iren mit den Engländern, in Spanien Katalanen und Basken mit den Kastiliern. Es kommt dabei durchaus nicht darauf an, welches Volk absolut die größere Zahl für sich hat, sondern einzig und allein darauf, ob in einer ganz bestimmten Gegend die eine oder die andere Volkheit numerisch überwiege. Beweis: unsere Ostmarken. Die vier Millionen Slawen, die nur ein Sechszehntel der Gesamtbevölkerung des Reiches darstellen, haben, obwohl von der ganzen Macht der Reichsregierung befehdet, es doch fertig gebracht, das Deutschtum in Posen und Oberschlesien zu überflügeln und ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Unsre ganze Staatskunst ist an der Polenfrage gescheitert. Aus zwei Gründen. Einmal weil sie sich nicht dazu entscheiden konnte, den Schützern des Polentums, den Ultramontanen, das Rückgrat zu brechen, und zweitens, weil die steigende Masse der Polen und der Zeitgeist, der allzu sehr die Massen fördert, unseren Staatsmännern entgegen war. Auch in Rußland scheint, durch die gewaltigen Ereignisse der letzten Jahre wach gerüttelt, eine verhängnisvolle Nationalitätenbewegung zu beginnen. Das Zarenreich wird vielleicht durch sie zugrunde gehen. Zwar ist das herrschende Volk weitaus in der Überzahl, (102 gegen 60 Millionen) und es wird sich auch ohne Zweifel, außer vielleicht in Polen, in seinem jetzigen Besitzstände behaupten, da aber seine Herrenstellung ganz wesentlich auf den Kriegs- und Verwaltungstalenten Fremder, nämlich deutscher, polnischer und skandinavischer Beamten und Offiziere beruht, so wird, sobald einmal die Bewegung ihre dunkeln Schwingen voll entfaltet hat, es wenigstens mit der Welt macht der Russen aus sein. Dazu schwächt sie der Zwist in den eigenen Reihen; die Intellektuellen sind gegen den Tschinownik, der Bauer und jeder Arme gegen den Besitzenden, de rRaskolnik gegen die Rechtgläubigen.

Die Masse und das Massentum, die Gleichförmigkeit und die Schablone, sie haben viel zu bedeuten, aber nicht alles. Es ist viel Nüchternheit in die Welt gekommen, es ist schwerer, sowohl für schwache als auch für starke Individualitäten, Geltung zu erlangen als ehedem, schwerer als selbst noch vor zwanzig und dreißig Jahren. Der Kreis des Unbekannten, des Unerforschten und des Unerlebten, er schrumpft immer mehr ein. Nicht nur die Masse an Erfahrungen, an Beobachtungen, die sich mit jedem neuen Jahrzehnt bei uns anhäufen, auch sie drückt auf den einzelnen. Dennoch ist auch hier wahr, daß der Gehalt des Lebens immer gleich bleibt. Die hier zurückgedämmte Energie bricht dort dennoch durch und eröffnet sich neue Bahnen. Der Tyrann des Altertums, der Kondottiere der Renaissance, er wird zum boss amerikanischer Städte, zum Ol-, Kohlen- und Eisenbaron von Pitsburg, Saarbrücken und Gelsenkirchen, zum Beherrscher von Wallstreet und dem umworbenen Geber von Staatsanleihen. Und auch in der Weltpolitik sind die Überraschungen noch nicht vorüber, ist der Individualismus noch nicht erloschen. Jameson überrascht ein erstes Mal die Welt durch seinen mißglückten Freibeuterzug und ein zweites Mal durch seine Erhebung zum Premierminister. Der Sklave Rabah wird Sultan in Kando und Bagirmi. Ein Mahdi steht auf im ägyptischen Sudan und mehr als ein Heiland in Amerika. Der eingekerkerte Sträfling und Räuberhauptmann Raisuli wird Gouverneur einer Provinz. Eine Sklavin wird Kaiserin von China, und — ein nie zuvor erblicktes Schauspiel — alle Großmächte der Erde ziehen gegen sie, um sie zu stürzen, und — setzen sie nur fester auf ihren Thron. Das Flibustierwesen aber blüht auf Kuba, Luzon und in Südafrika; auf Formosa entsteht eine Räuberrepublik. Im Zarenreiche wird ein Unbekannter, Witte, allmächtig und in Weltbritannien ein Schraubenfabrikant, Chamberlain. Das mächtige britische Reich wird von einem kleinen Bauernvölkchen, dessen Zähigkeit und Kampfesmut sich im alten Ohm Paul verkörpert, in seinem Siegeslauf über die Erde aufgehalten Das mächtige Zarenreich und sein berufenster Vertreter, General Kuropatkin, wird von den verachteten Affen des Ostens gelähmt und zerschmettert; und damit auch das Satyrspiel nicht fehle, zerschellen die Wünsche der alten und der neuen Welt an einem Duodeztyrannen, einem Possendiktator, dem edlen Castro von Venezuela.

Le roi est mort — vive le roi! Auch der Strom der Weltgeschichte fließt unaufhaltsam weiter. Der Wildtobel wird zum ruhigen Gewässer, zum weiten spiegelnden See; aber dann folgt wieder Katarakt auf Katarakt. Bismarck ist tot, neue Sterne glänzen am Himmel auf. Cecil Rhodes tat sich als Gründer von Reichen in Südafrika auf; Lord Curzon, den Zar Nikolai für den bedeutendsten Staatsmann der Gegenwart erklärte, will Englands Herrschaft über ganz Südasien ausdehnen; ein Prinz Konoye suchte die untereinander hadernden Völker Ostasiens zu einen und gegen die Völker Europas mobil zu machen; Roosevelt, vom Rauhreiter zum Präsidenten emporsteigend, möchte die Yankees zu der ersten Nation der Welt erheben. Es fehlt auch der Gegenwart weder an neuen Gedanken, noch an neuen Männern, solche mit Kraft und Kühnheit auszuführen, noch endlich an erstaunlichen Wechselfällen der Geschicke und hoher Dramatik. Der größte Vorgang des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts war — ästhetisch betrachtet — der Sturz Bismarcks. Ein tiefer Fall von goldenen Stühlen; erst wie Tantalus einst Gast der Götter, aber nicht ohnmächtig wie er nach dem jähen Umschwung, sondern voll Hochsinns selbst den Olympischen trotzend. Auch die Gegenwart weiß von seltsamem Wurf der Nomen zu berichten, von den Palastrevolutionen in Peking und Belgrad, von Ministersturz in Paris und Kapstadt und Petersburg, von plötzlichen Kriegen und unerwarteten Siegen.

Auch hat gerade die Bewegung der Massen, so den Individualismus, so das Singuläre zu ersticken drohte, zu neuen überraschenden Bildungen den Anlaß gegeben. Was kann malerischer, was dramatischer sein als die dunkle Wolke der gelben Gefahr, wie sie weithin schattend am fernen Horizonte im Osten heraufsteigt? als der Panislamismus, der alle Mohammedaner der Erde zu einem großen Bund zu einen trachtet? als die jetzt anhebende Zusammenballung der Erdmächte zu einer angelsächsisch-romanischen, einer mitteleuropäischen, einer russisch-japanischen Gruppe? Hatteman einst Kreuzzüge, so richteten die sich doch nur gegen eine kleine Reihe türkischer oder arabischer Staaten, gegen nordspanische Emire, einen Bey von Tunis, einen Seldschukenkhan; jetzt aber sollen alle Anhänger des Propheten von der Guineaküste bis nach Java, von den albanischen Bergen bis nach den taifungepeitschten Gestaden des Stillen Ozeans durch die Senussi und andere Orden zu gemeinsamer Arbeit gesammelt werden: was wird das für ein Kreuzzug sein müssen, der 280 Millionen Moslime in Schranken zu halten bestimmt ist? Ebenso ist in der Rassenfrage ein weit großzügigeres Element als je früher zur Oberfläche vorgedrungen. Jetzt hat man nicht gegen die vorübergehenden Pläne eines einzigen Herrschers oder Ministers, eines Peters, eines Iwans des Schrecklichen anzukämpfen, sondern gegen 100 Millionen Russen, deren Sturmflut die deutschen Deiche zu überschwemmen droht; nicht gegen die Launen eines Georg I., eines Disraeli, sondern gegen 145 Millionen Angelsachsen, die uns den Platz an der Sonne beschränken und verkümmern. Was für großartige Neuerungen, was für unermeßliche, überraschende Ausblicke in die Zukunft! Der bewußte Kampf der ganzen weißen Rasse gegen die Gelben und Schwarzen. Dazu eine Perspektive von unheimlicher Dramatik, die sich für das Ringen von Arbeit und Kapital, von Industrie und Landwirtschaft auftut. Lauter Probleme eigenster, neuester Art für die Weltpolitik der Gegenwart und Zukunft.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
Weltkriege der Gegenwart : Blüte Nordamerikas
Weltkriege der Gegenwart : Japanisch-russischer Krieg
Weltkriege der Gegenwart : Hottentottenkrieg
Weltkriege der Gegenwart : Marokko
Weltkriege der Gegenwart : Eduard VII.
Weltkriege der Gegenwart : Bosnien
Weltkriege der Gegenwart : Persien
Weltkriege der Gegenwart : Spannung zwischen Union und Japan
Weltkriege der Gegenwart : Parlamentarismus im Orient
Weltkriege der Gegenwart : Panama
Weltkriege der Gegenwart : Tibet
Weltkriege der Gegenwart : Ein japanisches Festlandreich
Weltkriege der Gegenwart : Kiderlen
Weltkriege der Gegenwart : Mexiko
Weltkriege der Gegenwart : Agadir und Tripolis
Weltkriege der Gegenwart : Revolution in China
Deutsche Kulturbeziehungen zum Ausland
Faktoren der Gegenwart : Das monarchische Prinzip
Faktoren der Gegenwart : Kampf gegen das Papsttum
Faktoren der Gegenwart : Kriegführung
Faktoren der Gegenwart : Der Staat in der Gegenwart

Männer; Völker und Zeiten

In allen islamitischen Ländern ist die Regierung die mittlere Linie zwischen dem demokratischen Sinn der Bevölkerung und der absoluten Vollmacht des Kalifen. Der Koran predigt ja, daß alle Mohammedaner Brüder, alle einander gleich seien. In der Tat ist denn auch der Sohn einer Negerin genau so erbberechtigt, wie der Sohn ihrer begünstigteren hellhäutigen Nebenbuhlerin. Auch sind der Rassenanlage nach die meisten Träger des Islam, namentlich Türken und Araber, demokratisch. Bei den neuesten Vorgängen haben die Ulema ausdrücklich erklärt, und zwar selbst die, die in Konstantinopel bei der Gegenrevolution mitgewirkt hatten, daß der Sultan die Verfassung nicht wieder antasten dürfe, und daß jeder Muslem nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet sei, dem Sultan im Falle einer Übertretung zu widerstehen. Der Sultan ist vor allem den Bestimmungen des Koran unterworfen, sodann den Ordnungen der Multeka, einer Sammlung von Sprüchen und Entscheidungen, die Mohammed und seine ersten Nachfolger getan haben. Dagegen wird das Kanon-Nameh Suleimans des Glorreichen, eine Sammlung von Hatti-Scherifs Suleimans selbst und seiner Vorgänger, zwar sehr geachtet, ist jedoch nicht bindend. Es gibt allerdings gefällige Gesetzesinterpreten, die, z. B. von der Tatsache ausgehend, daß der Prophet nur vier legitime Frauen erlaubt, und selber doch vierzehn besessen habe, die Meinung aufstellen, dem Kalifen sei schlechterdings alles gestattet. In jedem Falle hat sich der Absolutismus so mancher Sultane tatsächlich einfach über die Bestimmungen des Korans hinwegsetzt.

Der Sultan ernennt selbst — auch beim neuesten Regime — die zwei höchsten Reichsbeamten, den Sadrazan (Sdar-azam, persisch) oder Großwesir als oberste weltliche Autorität, und den Scheich ül Islam, das Haupt der Kirche. Bei der Wahl des letztgenannten haben jedoch die Ulema, die man demnach den Kardinälen vergleichen kann, mitzuwirken. Die Ulema stellen aber zugleich die obersten Juristen und besetzen die Theologieprofessuren. Ihnen eng verbunden sind die Mufti, die Ausleger des Korans. Westliche Einflüsse in der Verwaltung enthält zuerst das Hatti-Hamayun von 1856. Dem Großwesir steht ein Kronrat oder Medschlis i Haß zur Seite.

Bekannt genug ist die Einteilung des Reiches in Vilajets, Sandschaks, Kazas und Nahiets, die einem Wali, Mutessarif, Kaimakan und Mudir unterstehen. Wali kommt, was vielleicht weniger bekannt ist, aus dem Arabischen, wo es ursprünglich „oben“ bedeutet. Dieselbe Wurzel steckt im Vilajet, wo es lautgesetzlich ebenso von Wali gebildet ist, wie Kilafyet von Kalif.

Im übrigen ist das Osmanenreich zur größeren Hälfte nur Fortsetzung des byzantinischen. Selbst der Halbmond ist ursprünglich wahrscheinlich byzantinisch.

In der Bevölkerung bildet den Hauptunterschied die Religionsangehörigkeit. Nur die Mohammedaner sind verpflichtet, ja nur sie berechtigt, Waffen zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Die Christen oder Rayah sind ohne weiteres die Untergebenen der Mohammedaner. So will es ausdrücklich der Koran. Mithin ist schon dadurch das Gesetz des Korans übertreten worden, daß später die Juli-Revolution Gleichheit aller Konfessionen bestimmte. In einem islamitischen Staate ist eine derartige Gleichheit schlechterdings nicht durchzuführen. Angenommen, das Waffentragen könnte allen Bürgern zugestanden werden, so ist schon allein das Eherecht eine Klippe, an der die Gleichheit vor den Gerichten scheitern muß. Ist doch für die Christen die Einehe gesetzlich, während für die Anhänger des Propheten die Vielehe, wenn nicht geboten, so doch vollkommen legitim ist. Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls das Gesetz des Korans von dem absolutistischen Regime und seinen Trabanten außerordentlich oft in der Vergangenheit und vielfach auch in der Gegenwart verletzt worden, insofern der Koran zwar zur Bedrückung der Ungläubigen auffordert, allein ihr Leben unter Schutz stellt. Rein praktisch war ja auch eine Ausrottung der Ungläubigen nicht durchzuführen, aus sehr begreiflichen Gründen war vielmehr deren Erhaltung im Interesse des Staates. Denn die Rayah zahlten eine Kopfsteuer, die, namentlich in den ersten Jahrhunderten der arabischen Eroberung, den Hauptstock der Staatsfinanzen bildete.

Für die islamischen Herren war es dabei stets, auch in Nordafrika und Persien, von der größten Bedeutung, daß die Christen durch ihre konfessionellen Streitigkeiten gespalten waren und noch sind. Noch im Jahre 1881 wollten die römisch-katholischen Albanesen lieber mit den Mohammedanern als mit den griechisch-unierten Montenegrinern Zusammengehen. Im Februar 1909 lehnten sich die arabischen Christen gegen die griechisch-unierten auf, und es kam in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen. Von den Nestorianern und Armeniern haben sich viele der englischen Hochkirche angeschlossen, während 1898 an 15000 Ne-storianer in das Lager der russischen Prawoslavie übergingen. Auf der islamischen Gegenseite freilich fehlt es auch nicht an Spaltungen. Die Wahabiten, deren Sekte seit rund 1720 besteht, haben so manchen Padischah arg zu schaffen gemacht. Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben verschiedene Wahabitenfürsten, darunter der berühmte Jahja, die Vilajets Asyr, El Hasa und das Nedschd von der Herrschaft des Kalifen losgerissen. Am fühlbarsten war stets die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten. In der jüngsten Zeit soll sich die Zahl der Schiiten in Mesopotamien, besonders in der Nähe von dem schiitischen Wallfahrtsort Kerbela, wesentlich vermehrt haben. Auch einige wenige Kurdenstämme sollen, wie ich bei meiner Reise durch Adherbaitschan hörte, der Schia anhängen. Genaueres ist darüber nicht zu erfahren. Andere Kurdenstämme gehören der pantheistischen Sekte der Kisilbaschi an, die im Grunde mit dem Islam ebensowenig zu tun hat, wie der Sufismus. Auch im Libanon ist eine Sekte, die sich mit den orthodoxen Satzungen des Islams in Widerspruch befindet. Nichtsdestoweniger ist aber doch die religiöse Einheit bei der mohammedanischen Bevölkerung des osmanischen Reiches viel stärker ausgeprägt als bei der christlichen.

Um so größer sind sowohl bei den Mohammedanern als auch bei den Christen die Unterschiede und Spaltungen der Volkheiten und Rassen. Im ganzen Reiche gibt es zum mindesten ein Dutzend verschiedener Rassen, als da sind: Türken, Slaven, Griechen, Albanesen, Wlachen, Armenier, Tscherkessen, Lasen und Georgier, Jyrücken, Kurden, Syrer und Araber; Juden, Zigeuner und Levantiner nicht einmal mitgerechnet. Im allgemeinen gehören die einzelnen Rassen ausschließlich ganz bestimmten Religionen, an, eine Ausnahme machen jedoch Albanesen und Araber, die sich in Islam und Christentum teilen. Von den Georgiern bemerke ich, daß im Gegensatz zu ihren christlichen Volksgenossen im Kaukasus die Engeloj Mohammedaner sind. Natürlich gibt es noch eine große Menge von Konvertiten, die teils ganz in das Türkentum aufgehen, wie einst die Janitscharen, wie noch in der Neuzeit der Magdeburger Osman Pascha und der polnische Graf Tschaikowsky, der um 1880 Wali des Libanon wurde.

Um in der Erscheinungen Flucht einigermaßen festen Boden zu gewinnen, wird ein Überblick über die Kopfzahl der einzelnen Nationen von Nutzen sein. Allerdings muß man eine Unsicherheit in der Statistik mit in Kauf nehmen, an der außer Japan alle orientalischen Staaten kranken. Sie erklärt sich durch den Chauvinismus der Bewohner, die gern ihre Kopfzahl viel zu hoch angeben, so daß bei Schätzungen zwischen ihnen und ihren Gegnern Unterschiede von ungefähr 1000% Vorkommen; so schätzensich dieSerben von Mazedonienselbstauf zwei Millionen ein, während die Bulgaren sie nur auf zweihunderttausend berechnen. Da würde die Wahrheit nicht einmal in der Mitte liegen, sondern man muß eine weit geringere Zahl als richtig erkennen. Zu diesen Schwierigkeiten allen gesellt sich noch für die Statistik die sehr beträchtliche Einwanderung, die seit 1855, und stärker seit 1877 stattfand. Im Jahre 1902 haben sich die Mohammedaner Anatoliens laut einer Schätzung des Obersten von Diest seit dem russisch-türkischen Kriege fast verdoppelt, und von der Goltz Pascha erzählt uns von ganzen osmanischen Dörfern, die er zu seinem Erstaunen im Östlichen Mazedonien vorfand, ohne daß sie auf den Karten irgendwo verzeichnet gewesen wären. Die Geometer, meist christlichen Glaubens, hatten es eben nicht für nötig gefunden, die große Zahl der Mohammedaner noch besonders hervorzuheben. Der Zensus aber hängt, wie überall, mit dem Steuersystem zusammen, und so erklärt es sich, warum sich viele der Statistik entziehen. Auf Grund dieser vielen Mißstände ist es ziemlich schwierig, auch nur annähernd zuverlässige Zahlen anzugeben. Doch sei folgende Aufstellung versucht.

Hübner-Juraschek nimmt nur 24 Millionen an. Ebenso das Statesmans Yearbook. Beide nach den offiziellen Schätzungen. Nicht nur in der Hauptzahl, auch in den Zugehörigkeiten der Einzelzahlen herrscht, wie schon angedeutet, viel Unstimmigkeit. So beanspruchen namentlich die Hellenen die griechisch redenden Albanesen und Wlachen für sich, was deren jüngst erwachter Nationalismus aber nicht bestätigen will.

Ein Hauptproblem türkischer Politik bildet der Nationalitätenkampf. Araber undTürken hassen sich gegenseitig, wie jüngst wieder zwei vortreffliche Kenner, Hartmann und der Graf Mülinen, betont haben. Der Türke sieht mit Verachtung auf die ungeleckten Kurden herab. Der Albanese geht oft mit dem Türken, aber er fühlt sich doch sehr deutlich und sehr bestimmt als ein ganz anderer Mensch. Daß weder Kurden und Armenier noch Bulgaren und Serben und Griechen an einem Strange ziehen, ist bekannt genug. Der beständige Wechsel der Gruppierungen der Volks- und Bandenbündnisse, der in den letzten zehn Jahren Platz gegriffen hat, könnte einem Spezialisten der Variations und Permutationsrechnung ein gutes Material abgeben. Die Griechen waren vor allem und seit Jahrhunderten gegen die Slaven. Dann beehrten sie, besonders seit den Albanisierungs-bestrebungen des großen Ali Pascha Tepelenli die Albanesen mit ihrer Feindschaft; im Anfang des 20. Jahrhunderts entflammten sie plötzlich in heller Wut gegen die Rumänen und Wlachen, sie gingen sogar, trotz 1897, wieder mit den Türken. Dieses Paradigma kann man ähnlich auf Albanesen und Kurden und ütti quanti anwenden.

Am wichtigsten ist die Arabische und die Albanische Frage. Es war schon von den Bestrebungen arabischer Kreise die Rede, kraft deren das Kalifat auf einen Araber übertragen werden sollte. Die Anschauungen und Bemühungen der Senussi und verwandter Orden gehen denen der jetzigen Reformer, der verächtlich Pariser oder Ferengy-Türken genannten, entgegen. Andererseits haben jene eifrigen Verteidigerder koranischen Weltanschauung doch auch westliche Gedanken aufgenommen. In Ägypten haben sich mohammedanische Freimaurerorden aufgetan, und stehen mit englischen, politisch stark gefärbten Freimaurern in reger Verbindung. Der scheinbare Widerspruch solcher Bestrebungen spiegelt sich in dem Widerspruche englischer Politik. Denn die Liberalen haben sich seit der Zeit Gladstones, wenigstens theoretisch, stets für die unterdrückten und nach Emanzipation ringenden Völker erwärmt, während sie doch gleichzeitig die britischen Interessen wahrnahmen und sich daher manchmal gerade gegen jene Emanzipationsgelüste stellten. Das hat man in den Tagen Cannings und Palmerstons wie auch 1882 bei der Beschießung Alexandrias gesehen. Und wollten die Liberalen nicht, so wurden sie eben von den Konservativen, den Unionists, abgelöst, die sich nicht an etwaige Abmachungen ihrer Vorgänger im Amte hielten. Die Arabische Frage greift selbst bis nach Persien und nach Marokko hinüber. Eine persische Provinz, Chuzistan, ist zur größeren Hälfte von Beduinen bewohnt, und wie sehr die arabisch-panislamitische Agitation in Nordafrika den Franzosen zu schaffen machte, ist ja genugsam bekannt.

Zwar nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, aber in ihren inneren Gegensätzen und ihren äußeren Ausstrahlungen nicht minder verwickelt, ist die Albanische Frage. Lediglich um ihre Nationalität zu retten, sind einstens viele Albanesen zum Islam übergegangen. Ihr Volkstum stand ihnen höher als die Religion. In der Gegenwart hat dies Gefühl einen weiteren Schritt gezeitigt. Christen und Mohammedaner haben sich zusammengeschlossen. Das geschah schon 1879. Dann griffen wieder Stammesfehden Platz. Neuerdings aber wurde ein allalbanischer Kongreß abgehalten, der im November 1908 zu Monastir zusammentrat. Die Albanesen wollen weder ein Vorrücken der Griechen noch ein Übergewicht italienischen Einflusses. Sie bekämpfen offen eine Vormacht der Türken und halten sich sehr reserviert gegenüber dem Gedanken einer Annäherung an Österreich. Am liebsten möchten sie die Autonomie. Da sie sehr wohl wissen, daß sie sich mit ihrer geringen Zahl im Wechselspiel der Großmächte nicht allein behaupten können, so erkennen sie die Notwendigkeit eines Schutzes an. Als Suzerän wäre ihnen der Herrscher am liebsten, der ihnen am meisten Freiheit im Innern gewährte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
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Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
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Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches

Männer; Völker und Zeiten

England trieb eine gigantische Politik. Während es doch in Asien alle Hände voll hatte, ging es gleichzeitig in Ägypten und in Südafrika vor. Es hatte sich davon überzeugt, daß die Burenstaaten, die es einst halbverächtlich freigegeben, weil dort anscheinend zu wenig zu holen war, eine größere Anstrengung lohnen würden, ln der Gegend des heutigen Kimberley waren Diamanten gefunden worden. Das gab den Engländern den Anlaß, diese Gegend—sie heißt Westgriqualand — der Kapkolonie einzuverleiben. Das war wider alles Recht, denn das Land gehörte dem Oranje-Freistaat. Viele Jahre später wurde dieses Recht auch anerkannt, und die Buren erhielten als Entschädigung 5/4 Millionen Mark. Was will aber das bedeuten gegen die 80 bis 90 Millionen Mark, die in manchen Jahren allein die Diamanten, von landwirtschaftlichen und anderen Betrieben ganz abgesehen in Griquaiand den Engländern einbrachten? Nicht nur wegen seiner Edelsteine, sondern auch seiner strategischen Lage halber ist Griqualand sehr wichtig. Es bildet die Brücke von der Kapkolonie nach Norden. Es gab den Engländern die Möglichkeit, den Wunsch eines südnördlichen Uberlandreiches zu verwirklichen. Denn schon ertönte der Ruf, zum erstenmale 1873: Vom Kap bis Kairo ganz Afrika britisch! Das Haupthindernis auf dem Wege vom Kap bis zum Sambesi, also auf einem Drittel der Gesamtstrecke, waren die Buren. Es galt daher, diesen Stein des Anstoßes zu beseitigen. Die Weltlage war günstig. Durch den russisch-türkischen Krieg war die Aufmerksamkeit Europas vollständig in Anspruch genommen. Da holten die Briten zum Schlage aus und besetzten das Transvaal. Dazu waren nur sehr wenig Soldaten nötig, weil man eben auf der Seite der Buren gar nicht darauf vorbereitet war. Die Transvaaler unterwarfen sich und ballten die Faust im Sacke. Allein in der Stille stachelte das Triumvirat Krüger — Joubert — Pretorius zu einer Verschwörung und Erhebung gegen die Fremdherrschaft auf. Ende 1880 erkämpften sich die Buren des Transvaals ihre Unabhängigkeit zurück und krönten im Februar 1881 ihre Erfolge durch den Sieg von Majuba. Gladstone, der nach Disraeli Premierminister geworden, gewährte den Transvaalern ziemlich günstige Bedingungen, aber setzte es durch, daß wenigstens ein Schatte von britischer Oberhoheit noch weiterhin anerkannt wurde. Bald aber rührte sich die englische Ausdehnungslust aufs neue. Obwohl die englische Regierung 1856 im Sandflußvertrage sich ausdrücklich verpflichtet hatte, keine Erweiterungen im Norden des Transvaals zu machen, brachte sie dennoch Maschonaland unter ihre Herrschaft. Nun blieb als einzige Möglichkeit, Zugangzu dem Meere zu gewinnen, nur noch der Weg nach Osten für die Transvaaler frei. Sie hatten bald nach dem Sandflußvertrage sich am Mafuta festgesetztund beanspruchten Delagoabai, wohin jener mit Flachboten schiffbare Strom sich ergießt. Die Portugiesen hatten jedoch mit Erfolg Einspruch erhoben. Darauf gründeten einige Transvaaler die „Nieuwe Republik“ im Südosten der Südafrikanischen Republik, verleibten nach vier Jahren den kleinen Freistaat dem größeren ein und machten sich daran, Amatongaland zu besetzen, das der Zulukönig Dingaan einst dem Burenführer Retief abgetreten hatte. Die Buren waren auf dem besten Wege, da sie zugleich einige Niederlassungen fern im Westen, bei Upingtonia und in dem portugiesischen Gebiete von Angola begründet hatten, ein burisches Transkontinentalreich von Meer zu Meer zu errichten und so einen Querriegel vor die britischen Besitzungen zu legen. Außerdem kam ihnen Deutschland zu Hilfe.

Gladstone aber konnte den südafrikanischen Angelegenheiten nicht mehr seine volle Aufmerksamkeit zuwenden, denn er war anderweitig beschäftigt. Er veranlaßte die Beschießung von Alexandrien und die Besetzung Kairos 1882. Das war der Anfang der britischen Herrschaft am Nil. Die Engländer versprachen zwar, Ägypten wieder zu verlassen, sobald die Ruhe wieder hergestellt würde, aber bis zum heutigen Tage sind sie in Ägypten geblieben, obwohl dort seit langer Zeit keine Wirren mehr zu beobachten sind. Ganz leicht ist freilich den Briten die Aufgabe nicht geworden. Sie hatten nicht nur eine Erhebung der Ägypter selbst unter Arabi niederzuschlagen, sondern sie mußten auch fortwährend Truppen nach dem Nil schicken, um einen Heiland der Mohammedaner, einen Mahdi zu bekämpfen, Abdallah, der mit den speerbewaffneten Scharen seiner Anhänger den ganzen Ostsudan überrannte. Nicht genug damit, geriet England, wo Salisbury auf Gladstone folgte, durch den afghanischen Streit in Not. In Rußland war man zu einem Waffengang bereit und die Franzosen wollten den Russen gegen England helfen. So war mithin die Machtstellung Englands in Mittelasien, in Nordostafrika, in Südafrika und, durch die Möglichkeit einer Mitwirkung der französischen Flotte, auch in Europa bedroht.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
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Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
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Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund

Männer; Völker und Zeiten

Bei den Holländern ist der erschütternde Freiheitskampf gegen die Spanier zur Triebfeder einer gewaltigen, den Erdkreis umspannenden Kolonialpolitik und zur Grundlage höchster Handels- und Kunstblüte geworden. Während die Flur von Lüttich und Brabant noch vom Blute der Schlachten gerötet war, die heimische Heeremit den Söldnern des genialen Alexander Farnese ausgefochten, segelten holländische Geschwader über das Weltmeer, schauten aus nach dem ihnen zufallenden Teil an den Schätzen Indiens und suchten in dreifach wiederholtem Anlaufe überSpitzbergen die nordöstliche Durchfahrt nach Ostasien zu erzwingen. Sie entdeckten Neuholland und gründeten Faktoreien in Westafrika und Madagaskar; die westindische Kompanie gewann ausgedehnte Gebiete in Mittel- und Südamerika. Bald danach ward Neu-Amsterdam, das spätere Neu-York, angelegt, und am Cap der Guten Hoffnung entstand eine dauernde Niederlassung. Vielfach half ihnen dabei deutsche Faust und deutscher Geist, wie denn der Begründer und erste Statthalter Neu-Amsterdams ein Deutscher war (Minnewit aus Wesel) und die ersten Soldaten von Kapstadt zu unseren Volksgenossen gehörten. Auch nach Batavia und Formosa sind im Solde der Niederländer Deutsche gekommen, und der hervorragendste Arzt und Wissenschafter, den sie je in ihrem Kolonialdienst gehabt, der große Erforscher Japans, Siebold, entstammte gleichfalls deutschen Gauen. Er war ein Würzburger.

Das Hauptziel der Holländer war wie bei Columbus und Magelhans das ferne Indien ; alle anderen Länder kamen ihnen erst in zweiter Linie. Bloß um Südostasien zu erreichen, überwinterte 1595 Barends in Spitzbergen und umsegelte im gleichen Jahre Houtman das Kap der Guten Hoffnung. Bis 1580 waren den Holländern die ostindischen Waren in Lissabon vermittelt worden; als dies aber den Spaniern in die Hände fiel, wurden sie vom asiatischen Handel ausgeschlossen. Da leistete ihnen der Lotse Linschoten, der mit den Portugiesen mehrere Indienfahrten gemacht und Schriften und Karten über Süd- und Ostasien, darunter Formosa, veröffentlicht hatte, unschätzbare Dienste. Mit seiner Hilfe gelangte der Kommodore Cornelius Houtman über das Kap nach Bantam und Java. Die Ostindische Gesellschaft tat sich sodann 1602 in Amsterdam auf. Schon das Jahr darnach bombardierten die Holländer Makao. Wieder ein Jahr später schickten sie einen Gesandten nach Peking. Zugleich machte Van Warwijk einen neuen Anschlag auf Makao, ward jedoch vom Taifun nach den Pescadoren verschlagen. Im Jahre 1605 wurde Amboina, die Molukkeninsel, erobert und die Portugiesen in Tidor (in derselben Gegend) angegriffen. Friede wird zwar 1609 zwischen Spanien und den Generalstaaten geschlossen, allein in Inselasien dauert der Krieg ruhig fort. Batavia wird 1619 gegründet. Im nächsten Jahre schon wird der dortige Gouverneur von seinen Auftraggebern im Haag auf die Wichtigkeit von Lequeo pequeno (Liukiu) aufmerksam gemacht. Mit zweitausend Mann erscheinen die Holländer 1622 vor Makao, werden aber nach hartnäckigem Ringen von Portugiesen und Chinesen zurückgeschlagen. Im selben Jahre reißen sie die chinesischen Pescadoren an sich, die sie indes 1624 wieder verlassen, um sich in Formosa anzusiedeln.

Es war eine wild erregte Zeit, reich an Grausamkeiten und Heldentaten. Jedermanns Hand wider jedermann. Inselasien und namentlich die chinesischen Gewässer glichen im 17. Jahrh. dem Mittelländischen Meer zur Hohenstaufenzeit, als Araber, Berber und Tataren, Griechen, Slawen und Normannen, Venetianer, Genuesen und Katalanen die südeuropäischen und kleinasiatischen Küsten mit Brand und Mord verheerten, aber auch blühende Kolonien schufen. Die bunte Mannigfaltigkeit der Seezüge, verwickelter Unterhandlungen, plötzlicher Überfälle, schwankender und leicht ins Gegenteil umschlagender Bündnisse in Südostasien, dazu die Absichten der zivilisierten Mächte, fortwährend gekreuzt und zerstört durch die Einfälle von Halbwilden und Piraten: dies farbenprächtige, ewig wechselnde, von der Tragik der Leidenschaft erfüllte Bild, ist in seinem kaleidoskopisch raschen Umschwünge geradezu sinnverwirrend.

Als Katholiken hielten die Portugiesen und Spanier, die etwa ein Jahrhundert lang überwiegend das europäische Element im äußersten Osten vertraten, noch einigermaßen zusammen, obwohl es zwischen ihren Händlern und Missionaren nicht an Eifersüchteleien fehlte. Gegen die Katholiken waren zuerst die Nieder- und Engländer verbündet, jedoch nach kürzester Frist machten die holländischen Kapitäne sich kein Gewissen mehr daraus, auch englische Schiffe zu kapern. Die Chinesen hielten sich am liebsten alle Barbaren des Westens vom Leibe, doch sahen sie sich durch die überhandnehmende Plage der Seeräuberei genötigt, zeitweilig mit den Westmächten in ein Bündnis zu treten. So kam es, daß die Chinesen bald alle Portugiesen in Amoy und Futschau niedermetzelten, bald ihnen gegen die Holländer halfen, bald mit beiden vereint gegen die Piraten kämpften. Am besten standen sie noch mit den Spaniern. Die Japaner dagegen kreuzten mehrfach die Klingen mit den Spaniern in blutigen Seegefechten, kamen aber mit den ihnen gegenüber demütig nachgiebigen Holländern leidlich aus. Gegen das offizielle China waren die Japaner friedlich gesinnt; mit chinesischen Seeräubern machten sie, wenn es gerade paßte, gemeinsame Sache. Weiter ward durch die Mohammedaner, deren Macht während des 16. Jahrh. im Sudan, in Indien, in Tibet, im fernen Osten einen gewaltigen Aufschwung erfahren hatte, ganz Inselasien in immer bedrohlicherem Maße heimgesucht. Die Vizekönige von Manila wußten sich der zum Islam bekehrten Malayen, die von Borneo, den Suluinseln, von Mindanao und den Molukken anstürmten und als wagehalsige Wikinger die Küsten Luzons brandschatzten, häufig kaum mehr noch zu erwehren, wie denn ihr Kampf mit den Mohammedanern bis in die jüngste Gegenwart fortdauerte. Auf dem südostasiatischen Festland aber war auch alles in Gärung, seit der entsetzliche Brancinoco und sein Sejanus, der Portugiese Soares, über Berge von Leichen steigend und durch Ströme von Blut watend, 1540 Pegu erobert und Brancinocos Nachfolger gegen die annamesische Grenze vordrangen. Gegen 1650 aber ward der Norden des Festlands durch die einbrechende Mandschurenflut von Grund aus aufgewühlt, 1662 setzten sich die Briten in Bombay fest, und am Ende des 17. Jahrhunderts erschienen dann auch noch die Franzosen, die in der Frühzeit Ludwigs XIV. einen Vertrag mit Siam abschlossen und ihre Jesuiten bis nach Peking beförderten. Wenn aber je einmal das Leben zu einförmig zu werden drohte, da kam ein beutelustiger Korsar und brachte Abwechslung. Portugiesen, Engländer und Japaner hatten es in dem ostasiatischen Seeraubsport zu erklecklicher Übung gebracht, aber allen weit voran waren ruchbar die Chinesen. Seit Jahrtausenden bis zur Gegenwart sind die Chinesen als „Wölfe der Meere“ groß und furchtbar gewesen, allein nie hat die rücksichtslose, unmenschlich grausame Gilde chinesischer Piraten eine solche Tätigkeit entfaltet als im 16. und 17. Jahrhundert. Wie morgens am gewitterschwangeren Himmel die Sonne blutrot aufsteigt, so ward der neue Tag, den die Europäer über Asien bringen sollten, durch verheerenden Krieg zu Wasser und zu Lande eingeleitet.

Um die chinesische Regierung zu einem Handelsvertrag zu zwingen, besetzte der holländische Admiral Reyerß 1622 die Pescadoren, wo er auf der Insel Pehu umfangreiche Befestigungen anlegte. Zum Bau wurden 1500 Chinesen, die man dort ergriffen, verwandt. Dies zeigt, daß seit 1564, als der erste Mandarin nach dem Archipel geschickt wurde, die Chinesen in beträchtlichen Massen nach den Pescadoren geströmt waren. Die dem Auge so völlig wüst und unfruchtbar erscheinende Inselgruppe, die fast keinen Baum, keinen Strauch, kaum Gräser und Moose hegt, ist eben durch ihren unglaublichen Fischreichtum, ihr ausgezeichnetes Trinkwasser und die malariafreie, bloß von Tei-funen gestörte Luft sehr wohl geeignet, eine größere Menschenmenge zu ernähren, wie denn gegenwärtig ihre Bevölkerung 20000 Seelen zählt. Den Chinesen war der holländische Handstreich außerordentlich peinlich, und sie gaben sich die erdenklichste Mühe, die „rothaarigen Barbaren“ zum Rückzuge zu bewegen. Den Holländern dagegen gefiel der neue Stützpunkt, zumal sie dadurch die zwischen Amoy und Manila verkehrenden spanischen und die Makao mit Nagasaki verbindenden portugiesischen Schiffe bequem abfangen konnten. Nach längerem, teils durch Fehden, teils durch Verhandlungen ausgefülltem Aufenthalt schickte Reyerß Ende 1623 vier Schiffe nach Tschin-tschau, um ein Abkommen mit den Chinesen zu treffen. Die Botschafter wurden von den Mandarinen freundlich bewirtet, aber während der Bewirtung versuchten.die verräterischen Chinesen, durch Brander und angezündete Olschiffe das holländische Geschwader zu vernichten. Ein Fahrzeug ward auch versenkt, aber die drei andern zerstörten alle Dschunken, die ihnen in den Wurf kamen, und kehrten nach den Pescadoren zurück.

Trotzdem ließen sich, namentlich der Schwierigkeiten im Beschaffen der Lebensmittel halber, die Holländer bald danach dazu bewegen, auf das Anerbieten der Chinesen einzugehen, nämlich die Pescadoren zu räumen, dafür das herrenlose Formosa zu besetzen und Handelserlaubnis in China zu erlangen. Im Spätsommer 1624 zerstörten sie wieder ihre Festungswerke und führten die Baustoffe nach Formosa. Die 217 Kuli, die von den durch Mißhandlungen und harte Arbeit zermalmten 1500 übrig geblieben, wurden nach Batavia verschifft. Von diesen 217 kamen etwas über die Hälfte, nämlich 137, an ihren Bestimmungsort, also ein besserer Prozentsatz als der, den zuweilen deutsche Auswanderer in britischen Seglern des 18. Jahrhunderts erreichten, insofern gelegentlich bloß 1/3 oder 1/5 der hunger- und krankheitgequälten Auswanderer in Philadelphia anlangten. Die Mandarine richteten sich wieder auf den Pescadoren häuslich ein, und bis März 1895 verblieb die Gruppe im Besitz der Chinesen.

Die Ostindische Gesellschaft ging gleich tüchtig ins Zeug. Steuern sollten ausgeschrieben, hohe Zölle erhoben und die Untertanen durch Kanonen und Zwingburg im Zaum gehalten und ja nicht zaghaft angefaßt werden. Auch ward sofort Anstaltgetroffen, das Evangelium unter den Wilden zu verbreiten. Die Chinesen fügten sich auf Formosa gutwillig der neuen Regierung, die nur über 900 Soldaten gewöhnlich verfügte; bloß die Japaner machten Schwierigkeiten die aber nach 1628 wegfielen, so daß von da bis 1661 die Holländer sich als alleinige Herren auf der ganzen Südhälfte Formosas fühlen konnten. Das Regiment der Holländer war im ganzen wohltuend und in Formosa, vielleicht wegen der unsicheren Stellung der holländischen Macht, besonders milde, so daß die Eingeborenen derselben noch zwei Jahrhunderte lang bis zur Gegenwart eine fast an den Mythus grenzende dankbare Erinnerung bewahren. Wie auf den Molukken die Nelkenbauer, die wegen der aus kalter Gewinnsucht hervorgegangenen Zerstörung ihrer Gewürzstücke sich erhoben, gehenkt, gepfählt und verbrannt wurden, so kamen ähnliche Strafen auch gegen formosanische Patrioten, die gegen die Fremdherrschaft sich empörten, ein oder zweimal in Anwendung, doch im allgemeinen war das Verhältnis der Gewalthaber zu den Untertanen recht erträglich, eine der Zeit und den Verhältnissen angepaßte Vereinigung von Gerechtigkeit und Härte. Wenn bei den teilweise hochgebildeten Javanern das zweite Element patriarchalischer Verwaltung, die Härte, oft starken Anstoß gab und gibt, wie denn noch in neuerer Zeit das niederländische Regiment in Inselasien durch einen Niederländer, den großen Dichter „Multatuli“, aufs schärfste verurteilt wurde, so war das Auftreten der zivilisierenden Europäer gegen die rohen Insulaner von Formosa, Sumatra und Borneo das einzig mögliche. Immerhin kann jedoch darüber kein Zweifel bleiben, daß Herrschaft und Handel den Holländern in erster Linie stand, Religion und Mission nur in zweiter.

Da der Hunger beim Essen kommt, so trachteten die mit ihrem schönen Java und Südformosa ungemein zufriedenen Holländer nach mehr. Es gelüstete sie nach Zeilon und den nordformosanischen Besitzungen der Spanier, deren sinkende Macht zum Angriff einlud.

1642 forderte der Statthalter von Taiwan, Traudenius, in höflichem, ja freundschaftlichem Schreiben den spanischen Befehlshaber von Kilung zur Übergabe seiner Forts auf. Portilio antwortete als stolzer Spanier: Manche Schlachten habe ich gesehen in Flandern und sonst; nicht ist es kastilianische Sitte, sich feig zu übergeben. Versucht uns zu werfen, wenn ihr könnt. Ich empfehle Euch Gottes Schutze. — In rauher, leidenschaftverworrener Zeit ist dieser ritterliche Briefwechsel ein schönes Denkmal edlen Hochsinns, der für beide beteiligte Nationen ehrenvoll Zeugnis ablegt. Portilio aber erlag.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
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Punische Kriege
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Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
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Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer

Männer; Völker und Zeiten