Schlagwort: Morsezeichen

Von Dr. Albert Neuburger.

Es gibt Tage, denen für die Entwicklung des Menschengeschlechts eine höhere Bedeutung zukommt, als Dutzenden von jenen, die Millionen von Schülern noch nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Schweisse ihres Angesichtes auswendig lernen müssen. Diese Tage pflegen aber in den Annalen der Weltgeschichte nicht verzeichnet zu sein. Auch von demjenigen Junitage des Jahres 1922 werden diese Annalen vielleicht nichts berichten, an dem mit der Eröffnung der Betriebszentrale der „Transradio“ zu Berlin der drahtlose Weltverkehr seinen Anfang nahm. Und doch leitet dieser Tag ein neues Zeitalter auf dem Gebiete des ganzen Verkehrswesens und damit des Wirtschaftslebens der Völker sowie des kulturellen Fortschrittes ein.

Drahtloser Weltverkehr?

Ja, gab es denn dergleichen bisher nicht? Man konnte doch über die Ozeane hinweg Telegramme senden, und so mancher Leser wir sich vielleicht erinnern, vernommen zu haben, dass die Funkenzeichen der Station zu Nauen in Awanui auf Neuseeland aufgenommen wurden. Die Entfernung beläuft sich auf nicht weniger als auf 20,000 km. Der Umfang des Aequators aber beträgt 40,000 km. Da nun die elektrischen Wellen von Nauen aus nicht nur in der einen Richtung nach Awanui gelangen, sondern da sie sich von den Sendedrähten aus nach den verschiedensten Richtungen hin ausbreiten und somit nicht nur von der einen, sondern von verschiedenen und entgegengesetzten Seiten her in Awanui anlangten, so hatten sie also im vollsten Sinne des Wortes den Erdball umflutet. Damit waren also die Voraussetzungen für einen drahtlosen Weltverkehr gegeben. So sollte man meinen!

Deutsch-Amerikaner

Der Reichspräsident und die Sieger im Internationalen Telegraphistenwettstreit

1 Staatssekretär Dr. Bredow.—2. Frau Erna Bansemer-Breslau, 1. Preis im System Siemens Schnelltelegraph. 3. Meisterschafts – Preisträger Schindler-Wien. — 4. Frl. Kirndörfer-München, 2. Preis im System Siemens Schnelltelegraph. — 5. Jespen-Dänemark, 2. Preis im System Wheatstone. — 6. Reichspräsident Ehert.—7. Pasewaldt-Berlin, 1. Preis im System Radio. — 8. Kurt Müller-Berlin, 1. Preis im System Hughes. — 9. Renate Lembardo-ltalien, 2. Preis im System Hughes. — 10. Hauersley-Dänemark, 1. Preis im System Wheatstone.

 

Der grosse internationale Telegraphistenkongress in Berlin wurde durch eine Festsitzung im Reichstag offiziell eröffnet. Zu ihr hatten sich Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden, der Stadt Berlin, der elektro technischen, insbesondere der telegraphischen und funkentelegraphischen Industrie sowie zahlreiche Teilnehmer aus den verschiedensten Ländern der Erde eingefunden.

Zum Wettstreit hatten sich allein aus Deutschland 213 Teilnehmer eingefunden. Aus Italien waren 73, aus den Niederlanden 9, aus Oesterreich 10, aus Russland 8. aus der Schweiz 3, aus Spanien 3, aus Portugal 8, aus Dänemark 14, aus Ungarn 4, aus Norwegen 1 erschienen. Des weiteren waren Vertreter der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, des Freistaates Danzig u. s. w. anwesend.

Zunächst begrüsste der Reichstagspräsident Loebe die Gäste und wüuschte der Veranstaltung in Anbetracht des edlen Wettstreits der geistigen und körperlichen Betätigung den bösten Erfolg. Er wies darauf hin, dass die Telegraphisten Hilfsorgane in dem Bestreben darstellen, die Menschen zu vereinigen, stellen sie ihre Kräfte doch in den Dienst der Verständigung. Staatssekretär Dr. Bredow führte aus, dass die Mailänder Telegraphisten den Ruhm beanspruchen können, den ersten internationalen Wettstreit dieser Art veranstaltet zu haben, sie waren es, die im Jahre 1899 zur Volta-Feier in Como eingeladen hatten. Zwölf Jahre später, im August 1911 wurde anlässlich des 50jährigen Bestehens des Königreichs Italien vom Ministerium der Post und Telegraphen ein grosser Wettstreit, veranstaltet, an dem mehr als zweihundert Telegraphisten aus 17 Ländern teilnahmen. Glänzende Leistungen wurden erzielt, und die hervorragend verlaufene Veranstaltung erweckte bei allen Teilnehmern den Wunsch, die Einrichtung der internationalen Telegraphistenwettbewerbe zu einer dauernden zu machen. Seitdem sind elf Jahre vergangen, und die Welt hat ihr Antlitz von Grund auf ändern müssen, ehe es möglich war, wieder an eine internationale Veranstaltung dieser Art heranzutreten.

Deutsch-Amerikaner

Die „Schwabenland“ ist längst abfahrtbereit, der 1. Ingenieur, kurz Cbief genannt, sehnt sich geradezu danach, den Schalter für die Diesel umzulegen. Aber haben Sie schon einmal einen Seemann gesehen, der Freitags eine Ausreise vornimmt? Na also! So haben wir demnach noch einen runden Tag Landurlaub, besorgen uns noch die letzten Kleinigkeiten.

Inzwischen werden alle Bahnhöfe, alle Speicher, alle Zollstellen, alle Paketpostämter und nach einem häßlichen Gerücht auch alle Fundbüros angerufen, um zu fragen, ob da irgendwo noch eine Kiste für uns steht, wenn ja, warum, wenn nein, warum,nicht. Eine dicke Kiste aus Friedrichshafen fehlt uns nämlich immer noch. Wir haben sie auch nie gesehen. Hoffentlich haben die Packer, die darin sorgsam die dicken Mäntel verstauten, auch gleich Mottenpulver dazu gelegt.

Am Tage drauf, Sonnabend, den 17. Dezember, erfogt nun tatsächlich die Abfahrt. Die letzten Ansichtskarten, Briefe, Abschiedsküsse werden fortgegeben.. . Apropos Abschiedsküsse! Rechnen wir auf jeden der 82 Mann Besatzung nur etwa 100, so macht das Summa summarum rund 160000. Wer nachrechnet, rechnet falsch, er muß daran denken, daß dazu immer zwei gehören.

Die letzten Gäste, die das Schiff verlassen, sind die Feuerwehrmänner. Bis zu diesem Augenblick haben sie unsere nicht unerheblichen Vorräte an Benzin und Munition bewacht. Nachts wohnten sie im „Hospital“, dicht am Fallreep. Zur Stärkung haben sie dem Arzt sämtliche Mentholbonbons aus der Apotheke weggegessen. Ein Trost ist nur, daß sie bei diesen Mengen mindestens drei Tage Bauchschmerzen gekriegt haben müssen. Aber der Arzt weint, weil sie weg sind, beide, die Bonbons und die Männer. Anscheinend will er sie noch nachbehandeln.

Na, dann also los! Der Schlepper macht tttttt, und langsam bewegt sich unser 8000-Tonnen-Schiff die Elbe abwärts. Und als wir um die Ecke hei Cuxhaven kommen, wird der Kurs direkt zum Südpol genommen und bis fast 70 Grad südlicher Breite auch durchgehalten.

Die Deutsche Antarktische Expedition 1938/39 ist auf dem Wege in ihr Arbeitsgebiet.

Und sie nimmt gleich einen antarktischen Vorgeschmack mit auf die Reise. Es ist nämlich bitterkalt. Es ist saukalt noch in Hamburg. Man läuft in dicken Wintersachen herum. Dabei ist es zunächst noch nicht so schrecklich gemütlich an Bord. Auch die Gemütlichkeit muß sich erst Warmlaufen. Wir versuchen mit einigen Grogs nachzuhelfen. Das gelingt ganz gut. Dabei werden vorsichtig Erkundigungen eingezogen. Wie sieht’s denn eigentlich in der Antarktis aus ? Am meisten wird Käpt’n Kraul befragt, unser Eislotse, er hat die meiste Zeit seines Lebens im südlichen Eismeer zugebracht, er weiß genügend Bescheid und tischt uns die entzückendsten Geschichten über Pinguine, See-Elefanten und Eisberge auf.

Käpt’n Kraul! Ja, ich müßte ja eigentlich überhaupt einmal anfangen, dem verehrten Leser unsere ganze 82 Mann starke Besatzung vorzustellen. Aber man denke: 82 Mann! Und von den Namen allein hätte ja schließlich der Leser auch noch nichts, jedem einzelnen müßte ja doch noch so ein bißchen Drum und Dran erzählt werden. Das soll übrigens auch noch passieren, aber bei späterer Gelegenheit. Und dann auch nicht alle auf einen Haufen.

Zunächst herrscht nach dem Hochbetrieb der letzten Tage und Wochen bei allen ein ausgesprochenes Ruhebedürfnis. Man pusselt so ein bißchen in seinen Sachen herum, räumt die Kabine ein, auf und um und steht sich selber dauernd im Wege. Fast entschuldigt man sich, wenn man sich einen Koffer auf die Füße stellt. So eng ist es nämlich. An Platz. Das liegt aber nicht an der Kabine, sondern an den Kisten, Kasten, Koffern, drum herum oder dazwischen Hemden, Strümpfe, Eispickel, Barometer, Stühle, der Schlips, Contax, Bücher, Ventilator.

Ventilator ? Muß doch mal sehen, ob er sich dreht! S . . sss . . s . . ss! Tadellos! Ach Gott, ich wollte ja packen! Schlips dahin! Nautisches Jahrbuch hier hin . . . Übrigens wird das Nautische Jahrbuch viel sorgsamer behandelt als der Schlips, obgleich er doch — wenigstens bei mir — nur der Einzige seiner Gattung ist. Aber wie sagt Byrd ?

Wir gehen in ein Land, wo die Männer sich nicht aufzublasen brauchen wie die Hähne, weil es dort — keine Hennen gibt. Aber, um es gleich vorweg zu nehmen, als nach 117a Wochen die ersten „Hennen“ wirklich auftauchten, da hätten Sie vielleicht etwas erleben können . . . Doch davon später!

Übrigens Byrd ? Richtig, ich wollte doch noch immer etwas nach-lesen . . . und als nach 2 Stunden Barkley den Kopf zum Bulley hereinsteckt, fängt er an zu lachen: „Na, nennen Sie das einräumen?“

Aber mit Hilfe des nächsten Vormittags bin ich dann doch fertig geworden. Und nun bin ich geradezu erstaunt, wie groß die Kabine ist. Fürstlich! Die anderen Kabinen sind auch fürstlich. Mit jedem Kabinenbesitzer führt Kapitän Kottas, kurz „Der Alte“ oder „Vater“ genannt, folgendes Gespräch: „Na, sind Sie mit Ihrer Kammer zufrieden?“

„Jawohl! Sehr sogar. Sie ist ja prächtig!“

„So, das freut mich! Sie ist übrigens — (und dabei spricht er etwas leiser, als ob ein andrer es nicht hören soll) — meine allerbeste Kabine an Bord!“

Selbst Lange hat es geglaubt, obgleich er doch hätte sofort übersehen müssen, daß er, wenn er, sofern er das Bulley auf hat, wieder zu haben will, kein Schlauchboot zur Hand hat, was er später dann doch anfordert . . . genau so erzählte Lange seinen ersten Kampf mit einem verquollenen Bulley bei Windstärke 7 querab von Backbord. Wir haben ihn sehr bemitleidet. Doch auch davon an anderer Stelle!

Wir sind aber kein Luxusdampfer mit Schwimmbad und Golfplatz, wir sind ein Expeditionsschiff. Unsere Kabinen sind zunächst mal Arbeitsplätze. Auch dem Schmuckhedürfnis darf erst in zweiter oder dritter Linie gefrönt werden. An die Wände werden Land- und Seekarten gepiekt und keine Gemälde. Die Schreibtischschubladen sind keine Gefühlsremisen, sondern haben praktische Dinge zu enthalten: Bleistifte, Briefpapier, Tabak und Streichhölzer.

Es ist kalt. Draußen und drinnen. Die Heizung funktioniert noch nicht sehr tadellos. Auch die Wasserleitung geht nicht. Eingefroren! Entzückende Aussichten für die Antarktis! Der „Chief“, verantwortlich für alles, was an Bord „Maschine“ heißt, läßt sich bei keinem Essen sehen, er traut sich noch nicht. Da ist vor 2 Stunden auch noch einer der beiden Kochherde ausgefallen. Armer „Chief“! Wenn’s an den Magen geht, werden nicht nur Weiber zu Hyänen! Ich persönlich werde mich übrigens nicht an der Hinrichtung beteiligen. Ich habe vorgesorgt und lege meinen Petroleumprimus bereit. Auch ein paar Kerzen zur Beleuchtung. Wieweit ich mich im Ernstfälle aus Sympathie den 80 Lynchern anschließen werde, kann ich heute noch nicht übersehen.

Aber der „Chief“ lebt noch heute nach 11 Wochen, ist quietschvergnügt und munter, ein Zeichen, daß die Störung am Kochherd sehr bald wieder beseitigt wurde.

Gegen die Kälte von innen hilft vorläufig nur Kognak*), gegen die von außen warme Wollsachen und Pelzmützen. Also benutzen wir gleich den ersten Nachmittag und teilen warme Sachen, Wollhemden, Unterzeug, Sweater, Wollhandschuhe, Lederfäustlinge, Hosen, Schuhe, Gummistiefel, Lederjacke und Pelzmütze an die Schifisbesatzung aus. Die übrigen Mitglieder der Expedition bekamen ein Anschaffungsgeld und haben sich ihr Hab und Gut selbst besorgt.

Ehrlich gesagt, ich bin ein bißchen ängstlich. Gott! 82 Leutchen mit den Vorzügen und Schwächen von eben 82 Menschen. Ob nicht so eine Pelzmütze plötzlich Beine kriegen kann ? Es ist — zu unserer Schande sei es gesagt — im Augenblick einfach nicht möglich, so genau vorzugehen und jedes Stück abzustreichen, wie etwa beim Kommiß, oder es würde 2 Tage dauern, aber, da es kalt ist, braucht jeder die Sachen .. . also, wir geben allen Kram aus, und es ist kein Stück verlorengegangen. Käpt’n Kottas behält recht; auf See wird nicht gestohlen. Wenn es doch jemand mal versuchen sollte, wird er totgeschlagen.

Am andern Morgen werde ich um 4 Uhr geweckt. Dover in Sicht! Es ist stockdunkel, aber die Lichter scheinen herüber. Auch unser Schiff wird sicher von drüben aus gesehen. Drei Lichter, eines am Mast, ein grünes rechts, ein rotes links. Wofür man uns wohl halten mag? Uns 8oll’s gleich sein, mit 11 Seemeilen je Stunde gleiten wir aus den Ferngläsern der Hafenwache.

Der nächste Tag bringt das erste wirkliche Ereignis: die Radiosonde! Was ist eine Sonde? Ein Instrument, mit dem irgendwo hineingepiekt wird. Wenn sie der Arzt gebraucht, dann kommt Wasser oder Eiter aus einem Geschwür, beim Beamten der städtischen Gaswerke Leuchtgas aus einer kaputten Leitung unter dem Bürgersteig, und beim Meteorologen Zahlen und Kurven aus den höchsten Luftschichten.

Und weil Radio-Sonde, dann Radiotanzmusik aus Paris, denken Sie? Weit gefehlt! Aber der winzig kleine Apparat ist trotzdem ein reines Wunder. Doch ich will erzählen, wie es der Zuschauer nach und nach zu sehen bekommt.

Nähert er sich dem Achterdeck, dann fällt ihm eine aus 15 Köpfen bestehende Menschenansammlung auf, die um ein rundes Loch auf Deck von etwa 2 m Durchmesser herumstehen und die Arme wie abwehrend von sich weg halten. Alle fünfzehn. Bei der zweiten Sonde waren es nur noch zehn, bei der dritten drei, von der vierten an kam überhaupt keiner mehr. Nicht, daß sie etwa nicht mehr gebraucht wurden, aber sie batten den Spaß dran verloren. Die tägliche Radiosonde gehörte zum Frühstück, wie das Zähneputzen vorher. Kein Mensch ging mehr bin. Aber heute sind sie noch sensationslustig. Es wird laut gerufen. Der Mann, dem zugerufen wird — von allen 15 gleichzeitig —, ist imsichtbar. Es ist der Radiosonderling Lange, er ist total von einem fast 2 m dicken Ballon verdeckt. Die Rufe steigern sich. Dadurch hebt sich der leicht hin und her wackelnde Ballon, erklimmt mit seinem Riesenbuckel den Rand des Schachtes, und nun legen sich 30 Hände liebevoll auf den gelben allerbesten Para-Gummi. Innen drin ist Wasserstoff, also Zigaretten weg! Die etwaige explodierende Knallgasmenge würde ausreichen, um die doppelte Anzahl Neugieriger in die Luft zu sprengen.

Jetzt wieder Zurufe! Und wieder hebt sich der Ballon ein Stückchen höher, dann ein ganz lauter Zuruf von Lange aus dem Keller, alle Hände lassen los, und der Ballon gleitet mit mäßiger Geschwindigkeit aus dem Schacht aufwärts. Unter dem Ballon ein paar Meter glänzende Antennenlitze, dann ein kleines blitzeblankes Apparätchen, dann wieder Litze. 162 Augen verfolgen ihn, denn die gesamte Besatzung ist irgendwo auf Deck oder Brücke verteilt. Lange unten im Schacht guckt auch nach oben, aber er sieht nur blauen Himmel, den Ballon hat ein NO-Wind längst abgetrieben. Regula beobachtet seine Himmelsreise mit dem Theodoliten, um Richtung und Geschwindigkeit des „Weltenbummlers“ und damit des ihn treibenden Windes in größeren Höhen zu messen.

Langes Assistenten Krüger und Gockel haben sich inzwischen Kopfhörer umgeschnallt und verfolgen mit der Stoppuhr die merkwürdigen Zeichen, die das blitzeblanke Apparätchen in den Äther hineinfunkt. Das ist nämlich ein winzig kleiner Radiosender, stark genug, um noch aus 60 km Entfernung gehört zu werden. Und durch eine sinnreiche Einrichtung sendet dieses mit Batterie nur etwa 1 kg schwere Instrument laufend Temperatur, Luftdruck und relative Feuchtigkeit. Mit den Windangaben zusammen ergibt die Summe der meteorologischen Daten alles, was man überhaupt über Wetterverhältnisse befragen kann. Und das von Meereshöhe an bis über 20000 m hoch, d. h. weit in die Stratosphäre hinein. Die Temperaturen liegen in dieser Höhe meist bei —50 Grad.

Bei dieser ersten Radiosonde spielte sich ein spaßiges Erlebnis ab. Natürlich soll das Ereignis im Film festgehalten werden. Als besagte 15 Mann den Ballon halten, laufe ich rasch weg und hole die Kamera. Als ich zurückkomme, höre ich, der Ballon sei schon weg. Das glaube ich natürlich nicht, denke, man will mich foppen. Schließlich wird eingelenkt. Ja, ja, es war natürlich nur Scherz. Ich baue mich in entsprechender Entfernung auf. Wieder die abwehrende Armhewegung von 20 Mann — es sind inzwischen noch ein paar dazugekommen. Aber der Ballon kommt und kommt nicht. Es ist kalt. Es ist ein Opfer, so lange hier herum zu warten.

„Warum dauert es eigentlich so lange ?“ frage ich harmlos.

„Ja, nicht wahr, das ist eine Gemeinheit!“

Plötzlich, von irgendwoher der entrüstete Zuruf: Der uns so lange hier warten läßt, müßte eigentlich einen Grog bezahlen. Und lieber Leser! Wer von uns hätte nicht begeistert eingestimmt. Fast hätte ich gerufen: Zwei müßte er bezahlen! Jetzt das Kommando: Los! Und — meine erstarrten Augen sehen nicht den erwarteten großen, gelben, leuchtenden, prall gefüllten Riesenballon, sondern — ein unscheinbares klitzekleines, halb voll gepumptes Kinderballönchen, das nur man gerade über die Planken hüpft und sich fast noch in der Reling verhakt. Aber — ich muß den Grog bezahlen, denn auf mich haben die schlauen Brüder gewertet! Die Radiosonde war tatsächlich weg, und als ich es hartnäckig abstritt, hat ein Pfiffikus sofort den kleinsten Pilotballon zum Aufstieg fertig gemacht, mit dem Motto: Dem Manne kann geholfen werden! Aber zahlen soll er, fürchterlich!

Diese erste Radiosonde steigt übrigens 22000 m hoch, einige spätere kommen bis 28000 m, die wenigsten unter 20000 m. Das sind außergewöhnlich gute Resultate. Den Radiosonderling mit Gefolge werden 3 Flaschen Sekt ehrenwörtlich zugesichert, wenn eine Sonde ehrenwörtlich die 30-km-Grenze überschreitet. Bis jetzt ist dieser Fall aber noch nicht eingetreten.

Ein nachmittäglicher kurzer Schneesturm erinnert an die zukünftigen Freuden der Antarktis. Die Temperatur ist trotzdem seit Hamburg wesentlich gestiegen, sie liegt um 0 Grad herum. Selbst die Wasserleitung funktioniert, und der „Chief“, in der Hoffnung, daß dieses freudige Ereignis auf sein Konto gebucht werde, erscheint erstmalig zum Essen. Natürlich wird er freudig begrüßt — wir feiern die Feste, wie sie halt fallen —,aber er wird doch schrecklich aufgezogen. An keiner Seemannstafel gibt cs einen „Chief“, der nicht wegen jeder verrosteten Türangel, wregen jedes kaputten Lichtschalters launig „zur Rechenschaft“ gezogen wird. Gnade ihm Gott, wenn er auf den Mund gefallen ist! Der unserige spricht gar nicht so viel, aber er weiß sich herzhaft zu wehren, und lange Erfahrung gab ihm ein unendlich dickes Fell.

Unsere Tafelrunde ist überhaupt reizvoll. Da wir keinen großen gemeinsamen Speisesaal besitzen, wird in 5 oder 6 verschiedenen Messen aufgetragen. Das ist zwar nicht schön und zerreißt ein bißchen die Gemeinschaft, läßt sich aber nicht ändern. So essen vorn in der Back die Matrosen für sich, hinten die Ingenieure und Dieselbetreuer, im „Salon“ einige Schiffsoffiziere, der Expeditionsleiter, der Eislotse und die 6 Wissenschaftler. Die beiden Flugzeugführer essen in ihrer Kammer und kommen zum Nachtischessen herüber in den Salon. Dort sitzen sie mit Kapitän Kottas zusammen auf dem kleinen Sofa an der einen Stirnseite der Tafel. Schon vom zweiten Tage an muß dieses Sofa leider ihretwegen „Lästerbank“ getauft werden. Leider, leider! Es herrscht ein ungezwungener Ton, aber manchmal schüttelt sich sogar der Messevorstand mit Grausen. Seine Hauptaufgabe ist, schlechte Witze zu bestrafen. Der Sünder wird zu einer Runde Schnaps verurteilt. Man trinkt gern auf das Wohl eines solchen Sünders und beileibe nicht darauf, daß er sich etwa bessern soll.

Der zahlenmäßig am stärksten vertretene „Verein“ ist die Lufthansa. Ihre Messe ist proppenvoll. Die meisten von ihnen kennen sich schon Jahre hindurch. Das hat sein Gutes, leider auch gelegentlich sein weniger Gutes. Aber das ist nicht sehr schwerwiegend, sprudelt erst in heißen Gegenden etwas über. Hauptsache, daß sie in den Stunden, in denen es wirklich auf etwas ankommt, in wirklicher Kameradschaft zusammenstehen. Und wir andern, die wir notgedrungen etwas ferner stehen müssen, erkennen eine solche Verbundenheit auch gern an. Ein bißchen herrscht bei ihnen die Stimmung von Frontsoldaten, die in der Etappe auf Besuch sind. Aber an der Front stehen sie unbedingt ihren Mann, und das ist ja wohl das Wesentliche.

Auch manches andere hier an Bord lebt nach dem Motto: Wer angibt, hat mehr vom Leben! Aber die andern fallen dann sehr bald in launiger Weise über ihn her und verdonnern ihn in schweren Fällen zu umfangreichen Bestellungen an den Steward.

Der „Chief“ hat zwei böse Nachbarn, ausgesprochene Witzbolde; aber trotzdem er oder seine Schiflfsmaschine oft genug Zielscheibe der lästerlichsten Anspielungen ist, muß er mit uns allen Tränen lachen über die Situationskomiken, die beide meisterlich heraufzubeschwören verstehen.

Man sieht also! Langweilig geht es bei uns auf dem Schiff nicht zu!

Außerdem gibt es Schach, Ping pong und Bücher. Verzeihung! Auch Skat für die Skatbrüder. Die Schachpuppen sind übrigens stets in Gefahr, durch einen Trumpf am anderen Ende des Tisches um 30 cm hochzuhuppen. So temperamentvoll wird gespielt. Manchmal gaunern sie auch. Was dem Temperament natürlich keinen Abbruch tut! Da hat man doch neulich jemand erwischt, wie er sich stets vor den Wandspiegel setzte und wichtige Karten stets so hielt, daß sein Partner . . . na ja! Es wurde schwer geahndet.

Für geruhsame Stunden sind Bücher da. Unsere Expeditionsbibliothek besteht aus 33 Bänden. Natürlich enthält sie größtenteils Fachliteratur für die einzelnen Wissenschaftszweige. Einige Behörden und die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die überhaupt die Patentante des ganzen Unternehmens ist, haben noch leihweise einige schwer zugängliche Werke zur Verfügung gestellt. Dazu kommen Privatbücher der Teilnehmer, und sie werden auch lebhaft getauscht. Mein besonderer Stolz ist ein James Cook in der Originalausgabe von 1787. Das Buch des Mannes, der als Erster den südlichen Polarkreis am 17. Januar 1773 überschritt unter 38° 14′ Ost und ungefähr auf dem Polarkreis den ganzen Südpolkontinent umsegelte. Cook sollte unbedingt in die Antarktis mit. Und diesmal ist er sogar bis fast 70° Süd gekommen, noch dazu auf dem sonst unzugänglichen O-Meridian.

Unsere braven Mannen brauchen aber nicht bloß Nautische Jahrbücher, Logarithmentabellen und die Geologie des Gaußberges zu lesen, auch für leichte und schwere Unterhaltungsliteratur ist gesorgt. Unsere etwa 150 bändige Schiffsbibliothek hat eine ausgezeichnete Auswahl guter Romane, Wildwestgeschichten, über die man gar nicht die Nase zu rümpfen braucht, und moderne politische Bücher. Alle drei Arten werden gern gelesen, der 4. Offizier hat jeden Sonntag von 9 bis 10 Uhr Ausgabe, aber der Andrang dauert stets bis gegen 11 Uhr. Auch unsere eigentliche Expeditionsbibliothek weist 10 Romane auf, die uns der Volksverband der Bücherfreunde in Berlin freundlichst stiftete. Ihm sei auch an dieser Stelle herzlich dafür gedankt. Und dafür sei einem Herrn, der Kapitän Ritscher und mir bei einem Besuch in die Hand versprochen hat, uns so viel Schmalfilm zu leihen, daß wir jeden Sonntag Programmwechsel vornehmen könnten, gar nicht gedankt. Sein Absagebrief gelangte genau einen Tag vor Ausreise der Expedition in unsere Hände, so daß es unmöglich war, andere Filme zu besorgen. Wenn er sein Versprechen schon nicht einhalten kann, so hätte er ja auch eine Woche früher schreiben können. Mir steigt immer der Arger hoch, wenn ich an unserm tadellosen modernen Tonschmalfilmapparat vorbeigehe.Ich darf den Namen dieses Herrn hier leider nicht nennen, aber ich werde ihm ein Exemplar dieses Buches geben und diese Seite rot anstreichen!

Es wird wärmer, es wird von Tag zu Tag wärmer! Heut am 21. Dezember am Kap Finisterre vorbei. Also schon Spanien. Ein paar hundert Kilometer landeinwärts schlagen sich die Menschen kaputt, schütten Flugzeuge Fünfhundert-Kilo-Bomben auf jahrhundertealte Baudenkmale. Man wird an Fontanes Brücke am Tay erinnert: Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand! Aber das Meer, das das verratene Land umspült, weiß nichts von dem Todeskampf dort drinnen. Es läßt uns ruhig unsere Bahn ziehen. Auf dem Heck stehen unsere Flugzeuge, ohne Bomben, ohne Maschinengewehre. Und wir sind dankbar dafür, daß es noch so etwas gibt, daß dieses modernste Kriegsmittel gleichzeitig wichtigstes Mittel moderner wissenschaftlicher Forschung geworden ist.

Die Hinfahrt wird dazu benutzt, Apparate und Instrumente auszuprobieren und noch unentdeckte Kisten auszupacken. Mit Paulsen, dem Ozeanographen, und Bruns, dem Elektriker und besonderem Betreuer der Echolote, stehe ich am Atlaslot, und wir tasten probeweise den Meeresgrund ab. Auf der Seekarte vergleichen wir die gemessenen Tiefen. Es kommt gut hin, das Lot scheint gut in Ordnung zu sein. Mit der Stoppuhr kontrollieren wir die Umlaufzeiten des Meßzeigers.

1500 m läuft der Schall im Wasser je Sekunde. Genau so muß der Zeiger laufen. Kleine Abweichungen werden durch Salzgehalt und Temperatur hervorgebracht, und jede Tiefenzahl muß später erst umgerechnet werden. Wir werden etwa 6000 Zahlen mit nach Haus bringen! Viel Vergnügen!

Vielleicht ist eine Erklärung des Echolots an dieser Stelle angebracht: Die Erfindung geht auf den deutschen Ingenieur Alfred Behm in Kiel zurück. Er kam als erster auf den Gedanken, die schon früher vorhandenen und z. B. im Weltkriege sehr gebrauchten Unterwasserschallempfänger so umzubauen, daß ein Echo vom Meeresboden aufgefangen werden konnte. Es wird stets Leute geben, die sagen, das sei ja nicht mehr schlimm, wenn doch der Hauptapparat, der Unterwasserschallempfänger, schon vorhanden sei! Das ist ein Fehlschluß, liebe Leute! Hat einer von euch etwa diesen Gedanken gehabt ? Es kommt eben auf den Kerl an, der aus einem Instrument, das dazu dient, Morsezeichen von Schiff zu Schiff zu geben und zu empfangen, durch einen genialen Einfall den Apparat konstruiert, der plötzlich gestattet, Meerestiefen zu messen.

Im Prinzip ist das Echolot folgendermaßen gebaut: Auf der einen Seite des Schiffsbodens wird durch den Schlag gegen eine Glocke oder durch Explosion ein Schall erzeugt, der sich im Wasser nach allen Seiten hin fortpflanzt, u. a. auch in Richtung Meeresboden. Hier wird der Schall wie ein normales Echo an einer Bergwand zurückgeworfen und kommt wieder zum Schiff zurück. Ein Mikrophon fängt das Echo auf und leitet es sofort und direkt in ein Telephon am Ohr des Beobachters. Die abgelaufene Zeit zwischen Knall und Echo ergibt die Meerestiefe.

Ein Beispiel: Zwischen Knall und Echo vergehen 7 Sekunden. Da sich der Schall im Wasser mit 1500 m in der Sekunde fortpflanzt, außerdem hin und zurück.

Das Wichtigste: Die Messung ist genau und dauert nur 7 Sekunden. Ein Draht mit Bleigewicht, das in diesem Falle etwa 1 Zentner schwer sein muß, hängt infolge der Strömung im Wasser niemals ganz genau, außerdem dauert die ganze Prozedur mindestens 4 Stunden. Und neulich erlebten wir, daß sich der Draht bei 4127,63 m verhedderte. Der Ozeanograph ist fast gelyncht worden.

Deutsche Antarktische Expedition