Verzeichnis der 93 Abbildungen unten.

Die Zeiten, in denen griechisch-römische Kultur als höchstes Ideal und als einziges oder doch vornehmstes Bildungsmittel erschien, sind vorüber; die Gegenwart hat es gelernt, auf eignen füßen zu stehen. Wenn wir aber auch von antikem Wesen nicht mehr direkt abhängig sind, so werden wir uns doch hütten müssen, die Beschäftigung mit dem Altertume überhaupt als antiquiert und unnütz zu erklären.

Antike Kunst bietet bietet so viel herrliches und Großes, antike Technik so viel Herrliches und Großes, antike Technik so viel erstaunlich Durchdachtes, antikes Privatleben so viel liebenswürdiges Anheimelndes, daß wir der alten Kultur nie den Rücken wenden dürfen. Wir haben aufgehört, direkt praktisch von Griechen und Römern zu lernen – wenigstens bis zu einem gewissen Grade; wenn wir sie näher kennen lernen, sie zu lieben. Recht wenigen freilich, ist eine solch eingehende Beschäftigung mit dem Altertume möglich; allen denen aber, die der antiken Welt nicht durch eigne Studien nahe stehen, soll hier, soweit es auf engen Raume möglich war, ein Bild jener Kultur gegeben werden, der nicht nur unser deutsches Volk, sondern ganz Europa und die ganze europäische Welt ihre Bildung verdankt.



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Abbildungen Kunstartikel











































































Abbildungen Deutsche Heldensagen in Bild

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten. Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert. Denn es ist ein durchgreifendes Gesetz der Psychologie, daß eine Vorstellung je älter, desto unverwüstlicher ist. Die Götterwelt, das Letzte und Schönste des Heidentums, ist längst vor den Augen des Volkes versunken. Für zerstäubt in nichts gilt auch schon lange wenigstens der Mehrheit das Elfenwesen; die Gespenster aber leben in der Einbildung gar vieler noch heute fort und feiern sogar Triumphe in gebildeten Spiritistenkreisen. Fast möchte man sagen, der Same des Gespensterglaubens rege sich in uns Allen, wo die Nähe einer Leiche und das tiefe Dunkel der Nacht in einem Sterbezimmer, auf einem Friedhof, an einer Mordstätte sich vereinen, oder auch sogar mitten im hellerleuchteten vollen Theater, wenn ein wirklicher Dichter an ihn appelliert. „Auch kommt es nur“, sagt Lessing in seiner Dramaturgie,

„auf die Kunst des Dichters an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den Gründen für die Wirklichkeit von Gespenstern in der Geschwindigkeit den Schwung zu geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir im gemeinen Leben glauben, was wir wollen, im Theater müssen wir glauben, was Er will. Vor dem Gespenste in Shakespeares Hamlet richten sich die Haare zu Berge, sie mögen ein gläubiges oder ein imgläubiges Gehirn bedecken“.

Wenn es uns rührt und erhebt, daß schon die Urmenschen hinter dem Tode ein Leben witterten und der erbarmungslosen Tatsache des Sterbens ein durch den Tod ununterdrückbares Leben entgegenstellten, so erfüllt es uns fast mit Scham, oder soll ich lieber sagen, mit Demut, daß ihre tiefsten Geheimnisse auch noch die unsrigen sind: Leben, Tod, Seele. Gerade darum haben diese der ältesten Religion den Boden aufgewühlt, sie sind die starken Pflugscharen noch unsers Glaubens.

Um den Begriff der Seele oder des Geistes dreht sich dieser alte Mythenkreis. Dieser Begriff ist ursprünglich keine Abstraktion, herausgezogen etwa aus der zusammenfassenden Beobachtung der vielen Einzelerregungen des eigenen Inneren, er ist auch nicht das Produkt der Sehnsucht nach einem höheren, freieren Dasein. Er ist dem schmerzlichen Anblick der seltsamen, wechselnden Wandelungen, die der Sterbende in seinen letzten Stunden durchmacht, abgerungen. Da wird der Atem immer schwerer und langsamer, um dann plötzlich still zu stehen, das Auge bricht und starrt unheimlich, Wärme und Farbe verlassen den Leib, kalt, bleich, steif und lautlos liegt er da, wie ein Stein. Nach unsrer gegenwärtigen Gemeinauffassung ist mit diesen Vorgängen das physische Leben und gleichzeitig mit ihm, aber losgelöst von ihm, das psychische Leben, die Seele, entflohen. Jenes besteht überhaupt nicht mehr und läßt den Leib als tote Masse zurück, die Seele aber lebt für sich in einer anderen Welt unvergänglich weiter. Eine alte weitverbreitete und auch germanische Auffassung war eine ganz andre. Nicht nur gleichzeitig mit, sondern in dem physischen Leben, in dem Atem, der Bewegung, der Wärme und Farbe entwich die Seele. Das physische Leben selber war ein Wesen, das im Tode sich löste, so daß es gleichsam zweimal da war, neben seinem lebendigen Ich ein im Tode erst frei werdendes andres Ich beherbergte. Dieses letzte, das im Kopfe wohnt, ging beim Sterben als ein Bewegliches, ein Hauch, ein Wind, ein Nebel, ein Licht oder gar als ein Tierchen aus dem Munde davon. Die Seele blieb also ein körperliches, wenn auch ein verflüchtigtes oder zusammengeschrumpftes Wesen. Sie hielt sich auch möglichst dicht an den verlassenen Leib, wohnte bei ihm im Grabe oder in dessen Nähe, oder auch in dem von ihm verlassenen Hause, oder in benachbarten Bäumen und Hügeln. Sie war auch nicht unvergänglich, sondern starb mit dem Zerfall der Leiche, zu der sie gehörte, oder welkte mit der Erinnerung der Überlebenden an den Toten auf immer dahin. Dazu stimmt, daß in den dänischen Steingräbern die Knochen der älteren Leichen bei Seite geschoben und über einander aufgestapelt wurden, um Platz für die neu beigesetzten Gerippe zu gewinnen. Viele neue Gräber sind auf fränkischen und merovingischen Gräberfeldern in und quer durch ältere gelegt.

Die Seele ist nach der germanischen Anschauung vor allem das Bewegliche. Denn die beiden Wörter Seele, gotisch saiwala, und See, gotisch saiws sind beide derselben Wurzel entsprungen, die etwas Bewegliches bezeichnet haben muß. Der Begriff einer noch heftigeren Beweglichkeit möchte im Worte Geist stecken, was besonders die nordischen Worte geisa = brausend einherfahren, wüten, geistr = heftig, feurig, geist = brausend, schnell verraten. Die deutsche Sage erzählt wiederholt von brausenden Geistern. Aus einer Wurzel an = hauchen entwickelte sich das indische anas Hauch, anilas Wind, das griechische anemos Wind, das lateinische anima Wind und Seele, vergleichbar dem griechischen Psyche Hauch und Seele. Zur Wurzel an gehört das althochdeutsche unst = Wind, Sturm und möglicherweise auch das althochdeutsche ano, unser Ahne, das ursprünglich einen, der ausgehaucht hat, einen Verstorbenen und darnach den Vorfahren bezeichnet hätte. Auch das gothische us-anan bedeutet aushauchen und das aus derselben Wurzel erwachsene nordische Seele, Leben, andi Geist und ör-endr todt, eigentlich ausgehaucht.

Noch sicherer als die Sprache bezeugt der Volksglaube die Windnatur der Seele. Die plötzlich gewaltsam ausgepreßte oder auch die beim Tode imruhige Seele fährt folgerichtig nicht als Wind, sondern als Sturm davon. Darum heißt es noch durch ganz Deutschland, daß sich ein Sturm erhebe, wenn sich jemand erhängt, und sich erst nach dessen Bestattung lege.

„Welcher Lump mag sich nun wieder erhängt haben!“

sagt man am Lechrain bei plötzlich losbrechendem Sturm. So sauste einmal an Hans Sachs im Walde bei Osnabrück das wütende Heer der kleinen Diebe vorbei, das aus lauter Erhängten bestand, und darunter ein erst desselbigen Tags Gehenkter, mit dem er sich in ein Gespräch einließ, fuhr dahin „als ein scharpfer Wind“. In Schwaben fahren auch die im Rausch Gestorbenen mit dem Muetisheer d. h. dem stürmischen wilden Heer. Von den Geistern Verstorbener heißt es in England, daß sie Hindernisse auf ihrem Wege umwerfen wie „a furious whirlwind“.

Rührend ist, daß eine im Kindbett und noch dazu ohne Beichte, also mit doppelt unruhiger Seele gestorbene Frau im Wirbelwind dahinfliegt. Dagegen wenn ein Mensch ruhig verscheidet, bewegt sich nach Schweizer Glauben die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen. In Devonshire kann ein Verschluß im Hause das Sterben eines Kranken verzögern, und so öffnet man in Bayern wohl das Fenster oder deckt einige Dachschindeln ab, um einem Menschen das Sterben zu erleichtern. Gemeindeutscher Brauch, der sich noch an zahllosen Orten erhalten hat, war es, beim Eintreten des Todes ein oder mehrere Fenster, die Türe, die Luke oder gar die „Dachblatte“ zu öffnen, daß die Seele bequem hinwegfliegen könne. Man jagt sie sogar bisweilen durch Wehen mit Tüchern hinaus und ruft ihr nach „Geh hin und pfludere“ d. h. flattere. Hat das Dach im Aargau keine „Heiterlöcher“ d. h. Luftlöcher, so sucht die Seele des verstorbenen Hausbewohners gewaltsam Einlaß, indem sie es mit Sturm abdeckt. Darum muß in einigen Orten der Schweiz immer ein Fenster oder eine Stelle des Dachs offen bleiben, damit der „Geist“ aus- und eingehen könne. Im Unterinntal fahren noch heute die armen Seelen im sogenannten Allerseelenwind und anderswo in Deutschland nach älterem, schon von Geiler v. Keisersperg um 1500 bezeugten Glauben alle eines gewaltsamen Todes Gestorbene oder vor der Taufe gestorbene Kinder im wütenden Heer oder in der wilden Jagd, namentlich während der Zwölften, der zwölf heiligen Nächte der Jahreswende. Dieser Jagdzug der Seelen hat im höheren Norden im Geisterzuge der norwegischen Aaskereia, Oskerei, die ebenfalls in den Jul-nächten durch die Dörfer und Häuser tobt, noch den niedrigeren rein dämonischen Charakter bewahrt. Sie hat keine Gottheit an ihrer Spitze, die doch in Deutschland und Dänemark den Zug führt: nämlich Wodan oder auch Bertha oder Holda. In dieser Verbindung mit der Gottheit erreicht die Vorstellung vom Windseelenzuge ihren höchsten mythologischen Ausdruck. Ähnliche Stadien durchläuft der griechische Seelenglaube: in der Odyssee werden die dicht vor ihrer Hochzeit gestorbenen Töchter des Pandareos durch Stürme hinweggeführt, offenbar ursprünglich ihre, über ihr Los zürnenden windförmigen Seelen. Ein paar Verse weiter heißen diese Stürme schon Harpyien, sind also dahin raffende Winddämonen geworden. Später sausen vor ihrer Hochzeit verstorbene Mädchen im Heer der Jagdgöttin Artemis oder in dem ganz jagdartig dargestellten, von Hunden umbellten Schwarm der Hekate. In Indien fahren die Bhütas, die Seelen von Bösewichtern, im Gefolge des Sturmgottes Rudra durch die Luft. Selbst in den höchsten Mythen von der Windseele berühren sich also die verschiedenen indogermanischen Völker.

Verdichtet sich der Hauch, so wird er zum Nebel, Dunst, Rauch oder gar zur Wolke. Schon bei Homer geht die Seele als Rauch oder Schatten dahin. Nach dem neueren germanischen Aberglauben schwebt in Tirol die Seele eines Tugendhaften als weißes Wölkchen aus dem Munde. Wo man ihr im schlesischen Dyhemfurth beim Sterbefall nicht das Fenster öffnete, sah man sie am nächsten Morgen als Rauchwölkchen an der Zimmerdecke. In Ostpreußen können manche den Gestorbenen noch vierzig Tage nach dem Tode als eine nebelartige Gestalt erkennen. Und nicht nur im Tode, sondern auch im Traume des todähnlichen Schlafs wird jenes andere Ich, die Seele, lebendig und kann durch den atmenden Mund herausspazieren, um am Schluß des Traumes wieder zum Körper des Schläfers zurückzukehren. Diese Traumseele entschlüpft als Dunst dem Munde eines Schlafenden nach hessischer wie Oldenburger Sage; nach dieser kehrt sie zurück und mit ihr das Leben, nach jener bleibt sie aus und der Tod erfolgt. Diese Sage lebt voll ausgebildet in Island weiter und war schon vor mehr als einem Jahrtausend bekannt. Nur güt, was man in Island von einem bläulichen Dunst erzählt, im altfränkischen Bericht von einem Tierlein. Der gute Frankenkönig Gunthram, der um 600 lebte, war einmal auf der Jagd im Schoß eines Dieners eingeschlafen. Da schlich aus seinem Munde ein Tierlein in Schlangenweise hervor und wollte gern über den nahen Bach. Der Diener legte sein Schwert hinüber, auf dem das Tierlein das Wasser überschritt. Drüben schlüpfte es in einen Berg und lief nach einigen Stunden wieder über die Schwertbrücke in den Mund des Königs zurück. Erwacht aber erzählte dieser, er wäre im Traum über die eiserne Brücke eines großen Flusses gegangen und hätte in der Höhle des drüben gelegenen Berges einen unsäglich reichen Schatz gefunden.

Bevor wir aber die vielerlei Seelentierchen näher betrachten, müssen wir des Lichts oder Feuers als Seelenformen gedenken. Die Seele läßt den toten Leib kalt zurück oder, wie es Freidank derber ausdrückt: „die Seele fährt von mir wie ein Blaas (Hauch, Windlicht) und läßt mich liegen wie ein Aas.“ Wenn über dem Schlafenden oder am Dach eines Hauses ein Flämmchen schwebt, ein Licht von selbst erlischt oder eine Sternschnuppe in der Richtung eines Hauses fällt, so kommt nach deutschem Aberglauben der Tod, und der Sterbende „verzeigt sich“ gern Abwesenden durch einen plötzlichen Lichtschein. Die Seele macht sich dann gleichsam zeitig davon und kündet dadurch die Nähe des Todes des bereits von ihr verlassenen Leibes an. Das „Totenlicht“ setzte sich schon im Mittelalter an Haar und Kleidung der Nordleute, wenn sie sterben sollten. Manche altnordische Gräber umgab ein Feuer; nach der Hervarar-saga zeigten sich Angantyr und seine Brüder nachts als Flammen auf ihren Gräbern, und noch heute erscheinen isländische Gespenster vom „Totenfeuer“ ümleuchtet. In Deutschland flattert der Irrwisch, das Irrlicht, der Brünnlig, Pütz- und Wiesenhüpfer, in England der Willy with the wisp (Wisch), in Dänemark der blaas- oder lygtemand, der Feuer- oder Lichtmann, in Schweden der eidgast der Feuergeist über Sümpfen, feuchten Wiesen oder Feldrainen. Im Aargau gibt es Irrlichter beiderlei Geschlechts, Füerstein-mannli wie Zunselwibli. Das sind die Seelen derer, die wie die noch ungetauften Kinder, die Erhängten, die Ertrunkenen, vor der Zeit das liebe Leben eingebüßt, oder solcher, die ihr Leben mit einer beunruhigenden Tat beschlossen hatten und nun die Stätte derselben wieder aufsuchen, z. B. Grenzsteinverrücker und unehrliche Landmesser, die dann den Grenzstein auf der Schulter tragen müssen, oder Geizhälse, die irgendwo ihr Geld verscharrt hatten. Auch irrlichtem die von den Tirolern erschossenen und zerschmetterten Franzosen bei Mittenwald im Herbst auf ihren in fremder Erde bereiteten Gräbern umher. Die irrlichtemden Landmesser schlagen im Badischen wohl mit glühenden Meßstangen auf einander los, und bis ins Hochgebirge hinein, auf dem Streitgampen unter dem Pazinkopf in Tirol, befehden sich die feurigen Pütze. Reizbar ohrfeigt der Irrwisch den Wanderer, der ihn neckt, führt ihn irre, springt ihm auf den Rücken, zündet ihm das Haus an und bedroht sogar sein Leben. Seltener leuchtet er ihm dienstfertig heim. Wie andere Seelen fahren auch die Irrwische mit der wilden Jagd um.

Die flüchtige Seele als Vogel aufzufassen, lag nahe. Die indischen Ahnen, die Pitaras, fliegen in Vogelgestalt umher, weshalb beim Totenopfer den Vögeln ein Kuchen gegeben wurde. Den Griechen zeigte sich die Seele bei der Totenbeschwörung als Uhu oder Fledermaus. Germanische Seelen von Ermordeten und Selbstmördern fliegen als Raben und Krähen umher, diejenigen unschuldig Getöteter als weiße Tauben und Schwäne. Doch scheinen die Taubenfiguren bei Paulus Diaconus, die bei Pavia von Grabstangen nach der Richtung schauten, wo der in der Fremde gestorbene Langobarde seine Ruhestatt hatte, nicht die Toten, sondern deren klagende Verwandte zu bedeuten. In Westfalen sagt man Mädchen, die nicht heiraten:

„Ihr sollt die Kibitze heiraten,“

und auf dem wilden Gieritz(Kibitz)moos an der Aare in der Schweiz werden die alten Jungfern wirklich zu Kibitzen. In Schweden heißt der Schmetterling „Altweiberseele“, und in Deutschland sagt man, daß man vor der Geburt mit den „Feifaltem“ d. h. Schmetterlingen fliege. Auch in den Motten, Bienen, Käfern und sonstigem fliegenden Getier stecken Seelen, auch in der Hausgrille.

Aber andre Hausgenossen spielten unter den Seelentieren eine viel bedeutendere Rolle, die unschädliche Ringelnatter, die Maus, das Wiesel und die Kröte. Der Wohnung der Menschen zugetan, leise aus der Erde kriechend oder huschend und wieder still und plötzlich dann verschwindend, erschienen sie wie geheimnißvoll in ihrem alten Heim fortlebende Seelen der Verstorbenen, deren Leiber früher in dessen unmittelbarer Nähe oder sogar in dessen Innerem bestattet wurden. Wir blicken in den dunkelsten Winkel indogermanischer Hausreligion mit all ihrer Heimlichkeit und Unheimlichkeit, wie sie durch zahllose neuere, aber auch viele ältere nicht nur germanische, sondern auch andere indogermanische Zeugnisse enthüllt wird.

Früh wird auf attischen Grabdenkmälern und spartanischen Votivreliefs eine Schlange dargestellt, die als Opfergaben Honig und Brei zu sich nimmt, also nicht Schlangen-, sondern Menschennahrung. Verschiedene Seelenformen, Flügel wesen und Schlangen wesen, vereinigt die Darstellung einer Totenklage auf einem attischen Gefäß: am oder im Grabhügel flattern beschwingte Menschenfigürchen über einer Schlange, der Seele des Verstorbenen, von dem die Inschrift spricht. In Theophrasts Charakteren 16 errichtet der Abergläubische an dem Ort seines Hauses, wo er eine heilige Schlange gesehen, sofort ein Heroon, ein Ahnenheiligtum. Am Grabe des Heros wurde häufig eine Schlange als dessen dämonische Erscheinung gehegt. Wie er, hütet diese „Haushüterschlange“ Tempel, Haus und Grab; beleidigt aber bringt er, wie sie, Verderben. Nach dem neugriechischen Volksglauben lebt im Grunde jedes Hauses eine Schlange als Hausherr oder Hausherrin. Ihr Erscheinen im Innern desselben bedeutet Glück, besonders die unerwartete Rückkehr des Hausherrn. Verscheucht oder beleidigt zieht sie Unheil herab; man steckt Brot in ihr Erdloch und schmeichelt ihr mit dem Gruße: „Schönes Dingel!“ — Die Römer weihten ihrem Genius einen von einer Schlange umwundenen Altar und hielten im Schlafzimmer ein paar Schlangen, die für die Genien des Hausherrn und der Hausfrau galten, und zwar in so vielen Häusern, daß Plinius besorgte, die Schlangenbrut würde in Rom den Menschen noch über den Kopf wachsen, wenn ihr nicht die Feuersbrünste Einhalt täten. Starb eine solche Schlange, so galt das als böses Vorzeichen dem Vater der Gracchen, wie dem Kaiser Tiberius. Umwand eine Schlange fest das Haupt eines Schlafenden, das war den Römern ein gutes Vorzeichen; die Seele dachte nicht daran sich abzulösen. Die Schlangen aber, die Pompejus beim Verlassen seines Schiffes in Dyrrhachium erblickte, bedeuteten seinen nahen Untergang; als Seelen, die schon ihn und die Seinigen aufgegeben hatten. — In Litthauen hatte jeder Familienvater im warmen Winkel eine Schlange, der er Speise auf Heu darbrachte.

Die Ringelnatter heißt bei den Germanen Hausschlange, Hausotter, Hausunk, Hauswurm, schwedisch gärds- oder lyckoorm, Hof- oder Glücksschlange. Das altschwedische Erbauungsbuch, der Seelentrost, verbot schon tun 1400 den tief gewurzelten Glauben an Tomptorma d. h. Hausschlangen. Aber von Siebenbürgen und der Schweiz bis nach Skandinavien wurde diese da und dort noch neuerlich trotz ihres nicht angenehmen Geruchs im Stalle oder auch unter den Stubendielen gern geduldet und ihr im Herdwinkel wie in Griechenland eine für Schlangen ungeeignete offenbare Ahnenopferspende, nämlich Semmelmilch, vorgesetzt. Am Lechrain hielt noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts jedes Haus eine Hausotter, deren Geräusch den Tod eines Hausbewohners anzeigte. Auf den Betten, wenn sie gesonnt wurden, in der Küche und auf dem Rande des Brunnentrogs konnte man sie liegen sehen. Im Fricktaler Dorfe Mägden in der Schweiz vermutete man noch um dieselbe Zeit fast in jedem Keller eine Hausschlange, die sich nur bei außergewöhnlichen Fällen sehen ließ und durch ihr Geräusch, wie am Lechrain, einen Trauerfall der Familie anzeigte. Manchmal hatte ein Haus, ganz wie das römische, ihrer zwei, die mit Hausvater und Hausmutter lebten und starben. In Mittelschlesien wird die von niemand gesehene, in den Grund des Hauses sich einwühlende Hausotter für einen Schutzgeist angesehen. Doch in der ,Tunkelstunde‘ kommt die schlesische ,Otterkönigin‘, die Ahnfrau, gern einmal aus der Mauer herftir. Als der Hofbauer des sogenannten Schlangenhofes im badischen Schappacher Tal starb, starb auch der Schlangenkönig mit all den anderen Schlangen des Hofes, und von diesem wich seitdem der Segen. In der Liederedda gräbt sich die über den Tod ihres Sohnes Atli trauernde Mutter offenbar als Natter dem Gunnar rächend ins Herz. Gleich der Seele liegt auch die Hausotter gern unter der Türschwelle, auf der man wegen dieses Tieres in Bayern und im Voigtland allen Lärm, z. B. Holzspalten, möglichst vermeidet. Wie in Rom bedeutet das Erscheinen der männlichen Hausschlange im Spreewald den Tod des Vaters und der Mutter. Ja in einigen böhmischen Familien gab es ganze Schlangenfamilien, von der jedes Glied ein Glied der Hausbewohnerschaft vertrat, so daß, was einer der Schlangen geschah, auch dem entsprechenden Familiengliede widerfuhr. Mögen wir auch die beiden letzten Nachrichten den Slaven verdanken, die wie die Litthauer einen reichen Seelenschlangenkultus hatten, dieselben oder ähnliche Vorstellungen waren jedenfalls auch germanisch, z. B. nähert sich eine Schlange dem Hause, so bedeutet das nach norwegischem Glauben Glück, kriecht sie dagegen über die Straße, Unglück, wie in Rom. Wer im Bayreuthischen ein Erdhuhn oder eine Hausotter beschädigt oder sieht, muß selbigen Jahres sterben. Im innigsten Verhältnis steht dies Seelentier zum Kinde: Kinder werden wohl mit einer Schlange um den Hals geboren, wie in Rom. Die Hausschlange spielt in der Sage gern mit dem Kind des Hauses, teilt mit ihm Speise und Trank, schläft mit ihm in der Wiege und gibt ihm Gedeihen. Als aber einst das Kind, das mit ihr aus einem gemeinsamen Napf Milch und Brocken aß, sie schlug und ärgerlich rief: „Iß auch Brocken!“, da siechte es schnell dahin. Seine eigene Seele war getroffen. Die Schlange verwandelt sich also aus der Seele des lebenden und des verstorbenen Menschen zu einem Schutzgeist der Mitlebenden und der Überlebenden, zu einem Schutzgeist des Hauses. Sie wird die schützende ,Muhme‘ der ganzen Familie, wie auch das Wiesel und die Kröte. Um 1400 erzählt Nikolaus von Dinkelsbühl von der Muma, daß sie die Häuser besuche und aus offenen Gefäßen esse oder trinke, die dann die Leute alsbald wieder nachfüllten, denn sonst käme Unglück übers Haus. Mit der Muhme wird die Hausotter gemeint sein, der man ja noch viel später einen Milchnapf hinsetzte. Das Wiesel heißt gemütlich nicht nur Mühmlein, sondern in Spanien auch comadreja Gevatterin, Hebämmelein. Wie der Neugrieche die Hausschlange als „schönes Dingel“ begrüßt, so nennt der Oberbayer sein Hauswiesel „Schöntierlein oder Froie“. In andern deutschen Gegenden heißt es das Jüngferchen, bei den Griechen des Mittelalters „Bräutlein“. Obgleich es den Griechen und Römern ein bekanntes Haustier war, das etwa unsre Katze vertrat, erregte doch sein plötzliches Erscheinen bei einem außergewöhnlichen Unternehmen oder an ungewöhnlicher Stelle Furcht vor Unglück oder Tod. In Athen löste sich die Volksversammlung, in der es sich zeigte, auf; ließ es sich auf dem .Dach blicken, so war das ein böses Zeichen wie das Flämmchen auf dem Dach in Deutschland. Kommt ein Wiesel mehrmals nach einander in die Nähe derselben Wohnung, so beruft es jemand daraus ab. So gilt auch seine Vertreterin, die Katze, für einen Hausgeist. Im Aargau

„stirbt die schwarze Hauskatze ihrem Herrn vor“.

Wieseln oder schwarzen Katzen begegnen, ist im Lechrain und anderswo ein böser Angang. Bläst ein Wiesel den Menschen an, nachdem es die Springwurzel gefressen, so muß er nach Tiroler Glauben sterben. Ob die Kröten auch jenen andern Indogermanen für Seelentiere galten, ist mir nicht bekannt. Doch wagen die toskanischen Bauern eine Kröte nicht zu töten, weil so oft ein Mensch darin verwandelt ist, und in Sicilien füttert man Kröten im Hause mit Brot und Wein, weil diese „mächtigen Feen“ oder „unbegriffenen Genien“ Glück bringen. Die Germanen sahen in ihnen arme Seelen, namentlich in den Ostalpen. Aber auch im Badischen ächzt der Geist eines Wirtes als Kröte unter dem Ofen oder auch der eines Geizhalses auf dem mit ihm vergrabenen Geldsack. In Tirol darf man Kröten am Allerseelentage nicht töten, „weil arme Seelen darin sind“, wie sie denn auch an den Quatembertagen gleich armen Seelen zu Kapellen wallfahrten. Wie die römischen Laren oder Ahnengeister in Genien und sogar in Penaten Vorratsgeister übergehen, so hießen die Kröten in Schweden „bolvaetter“ Hausschutzgeister, im Aargau aber „Nahrungshunde“. Diese hielten im Keller die Lebensmittel in gutem Zustand und wurden mit Milch gepflegt. Mißhandelt bringen sie in Skandinavien Unglück und Alpdruck. Dagegen fing man sie am Lechrain wie die Wiesel im Frauendreißigst (15. Aug. bis 13. Sept.), spießte sie und opferte sie in Kirchen. „Mäusen pfeifen“ heißt „den Seelen ein Zeichen geben“. So pfiff ein schlecht behandeltes Bergmännchen Mäuse und Kinder in den Tannenberg bei Lorsch, der Hameler Rattenfänger Ratten und Kinder in den Koppelberg. Ein Windgeist pfeift den Kindern und ihren Seelen voran. Die von Hatto von Mainz in einer Scheune verbrannten Armen wimmeln als Mäuse aus dem Feuer hervor und verfolgen ihn bis zum Mäuseturm bei Bingen, wo sie ihn auffressen. Eine Mausheilige war die hl. Gertrud, die im krainischen Bauernkalender und im Gertrudenbüchlein als Spinnerin dargestellt wird, an deren Rocken Mäuse und Ratten hinauflaufen, offenbar Seelen, denn man nahm an, daß die Seelen in der ersten Nacht nach dem Tode bei dieser Heiligen herbergten. Der Sinn dieses Tiermythus ist jetzt klar. Auf ihrer Suche nach Seelenbildern stellte die Phantasie einen überraschenden Zusammenhang zwischen Tier und Mensch, einem kleinen Haustier und dem Edelsten, was er hat, seiner Seele her. Schon von den Indogermanen wurden jene der menschlichen Wohnung anhänglichen Erdtiere als Seelen der Toten des Hauses gedacht. Sie gehörten zum Ingesinde als einflußreiche Ahnengeister, mit deren Wohl  und Wehe das der Nachlebenden auf das innigste verknüpft war. Daher die freundliche Pflege und die Furcht, sie zu verletzen oder gar zu töten. So erhob sich das Tierlein mehr und mehr zum Heros, Genius, Schutzgeist der Person und des Hauses. Aus dieser und ähnlichen Seelenvorstellungen erwuchs der namentlich im Norden so reich ausgebildete Glaube an die Folge- und Schutzgeister (siehe unten). Aber die Verwandlungsfähigkeit der Seele ist eine viel mannigfaltigere. Mochte sich der gemeine Mann mit einem Weiterleben als Haustierchen begnügen, so verlangte die Seele des Vornehmen für ihr öffentliches Auftreten vornehmere Tierformen. In Griechenland zeigte sich der wieder erwartete Ahnherr, der Heros, hier und dort in Wolfsgestalt, in eben dieser oder in Bärengestalt die Fylgja oder der Schutzgeist tapferer Nordleute. Während der kühne Bjarki noch schlummert, kämpft seine Fylgja schon vor seinem Zelte draußen in der Schlacht als Bär, um zu verschwinden, sobald er auf gewacht heraustritt. Die Traumseelen in Tierform schweben dann auch in die Träume Anderer, in denen das Schicksal ahnungsvoll auf steigt. Kriemhild träumt von ihrem Falken (Siegfried), daß ihn zwei Adler erkrallten (Hagen und Günther), und ähnlich sieht im Anfang der Gunnlaugssaga der träumende Thorstein auf dem Hausfirst einen schönen Schwan (Helga) sitzen, um den zwei Adler (Gunnlaug und Hrafn) kämpfen, bis sie beide im Streit tot herabfallen. Mit einem Falken aber (ihm selber) flieht endlich der Schwan davon. Öfter stürzen im Traum Scharen von Wölfen und Eisbären heran, welche Landesfeinde bedeuten. Andere Verstorbene nehmen je nach ihrem Charakter oder ihrer Lebenslage diese oder jene größere Tierform an. Den Bewohnern der Färöer und Rügens sind die ins Wasser sich werfenden rundköpfigen Seehunde Menschen, die sich ertränkt haben. Auf den Färöern kriechen sie in der Epiphaniasnacht mit ihren Menschenleibern aus dem Balg, um sich mit Tanz und Spiel in den Klippenhöhlen zu ergötzen. Nach dänischem Glauben legt der Seehund jeden neunten Tag seine Haut ab und wird ein Mensch. Auf der Tiroler Alm müssen Hirten, die ihr Vieh mißhandelten, nach ihrem Tode als Stiere, Säue, Hunde umgehen. Beim weinreichen Dorfe Oberflachs poltert das Gespenst eines unredlichen Trottenmeisters, das Trottentier, im Hause herum. Und viele Dorftiere, die abends in der Nähe der Dörfer dem Wandrer aufhocken und ihn irreführen in Kälber-, Hunde- und Schweinegestalt, sind die Seelen von Übeltätern, haben aber oft den Charakter von Wettergeistern. Auch lebendige Menschen können sich in Tiere verwandeln durch Zauberei. Die Königstöchter des eddischen Wielandsliedes machen sich zu Schwanjungfrauen, und der Iarl Franmar in dem einen Helgeliede nimmt Adlersgestalt an. Die bekannteste und schlimmste Tierform aber ist der Wolf. Er heißt althochdeutsch Weriwolf, bei Berthold von Regensburg werwolf, in England im Norden vargulfr (Verbrecherwolf), varulf. Noch heute sprechen wir vom Werwolf. Man schwankt, ob man den Werwolf als Mannwolf aus ags. ahd. Mann oder als Kleidwolf, Wolfsfellbekleideten aus ags. were, ahd. weri erklären soll. Für die erste Deutung spricht der griechische Werwolfsname: lykanthropos, Wolfsmensch, der bretonische denbleiz Mannwolf und vor allem der inselschwedische folkwarg Menschenwolf, ja auch der entlegenere, aber in seinem Wesen gleichartige indische „Menschentiger“. Die zweite Deutung empfehlen die altnordischen Ausdrücke ulfshamr Wolfskleid als Hülle des vargulfr und ulfhedinn wolfsbekleidet, das im ahd. Eigennamen Wolfhetan wiederkehrt. Auch der westfälisch-hessische Werwolfsname Böxenwolf d. h. Hosenwolf, wohl ein Wolf, der eigentlich Hosen trägt, spricht dafür. In Italien galt das allgemeine Wort Versipellis der Fell Wechsler, altnordisch hamrammr, der sein Kleid, sein Äußeres zu wechseln vermag. Das erste Zeugnis für Deutschland bringt Bonifacius im 8. Jahrhundert bei, wo er in einem Sermon verbietet, an Hexen und „ficti lupi“ d. h. fingierte Wölfe zu glauben; ausführlicher bekämpft Burkhard von Worms, wie es scheint, denselben Glauben an die sogenannten Parzen oder drei Schwestern, die einem Neugeborenen die Gabe verleihen könnten, sich jederzeit in einen Werwolf zu verwandeln. In einigen Familien galt diese Eigenschaft für erblich: ein gewisser Ulfhedinn hat einen Vater Ulfhamr und vielleicht noch einen Großvater Ulfhamr. Aber die nordische Sage von jenem geschilderten, selber so werwölfisch gesinnten größten Skalden, Egil Skallagrimsson, verbreitet noch mehr Licht über die unheimliche Art eines solchen Tiermenschen. Es ist des Dichters eigener Großvater Ulf, der vom ersten Morgengrauen an seine Wirtschaft mit kluger Tatkraft fördert und unablässig seine Knechte zur Arbeit antreibt. Abends aber kann ihn niemand zum Sprechen bringen, er wird in sich gekehrt und schlaftrunken. Nun zeigt er sich im Dunkel seines einsamen Lagers als hamrammr, er nimmt eine andere Gestalt an. Sein Arbeitsdrang erwacht von neuem, schlägt aber nun eine andre, furchtbare Richtung ein. Als Wolf fällt er mit unwiderstehlicher Stärke und Wildheit die Menschen draußen in der Nacht an. Ist die Wut gewichen, so liegt er andern Morgens tief erschöpft im Bette. Man nannte ihn von dieser abendlichen Vertierung Kveldülfr den Abendwolf. In der Wölsungensage legen zwei mit dicken Goldringen versehene Männer auf neun Tage Wolfsfelle an, um aus ihnen am 10. Tage herauszuschlüpfen und sie vor dem Schlaf an die Wand zu hängen. So finden Sigurds Vater Sigmund und Stiefbruder Sinfjötli diese Felle, ziehen sie über und fahren dann unter Geheul im Walde umher,

„mit Wölfen schwelgend und mit eisigem Atem Wunden saugend“.

Statt neun Tage muß der Werwolfsmensch nach pommerschen Sagen drei, sieben oder neun Jahre im Wolfsleib beharren. Sieben Jahre dauert diese Verwandlung in der Normandie, in Irland und Armenien. Nach deutschem Werwolfsglauben, der noch immer nicht im Norden und Osten (Hinterpommem), auch da, wo längst die Wölfe ausgestorben sind, erloschen ist, müssen namentlich die in den Zwölfnächten, zwischen Weihnacht und dem heiligen Dreikönigstage, geborenen Kinder Werwölfe werden. Die Kunst der Werwolfsverwandlung können auch, wie uns Burkhard von Worms soeben gelehrt hat, die Schicksalsweiber den Neugeborenen geben. Nach deutschem Aberglauben wird der siebente Sohn eines Ehepaares ein Werwolf, nach dänischem bringt die Frau, die sich behufs leichter Geburt eines Zaubers bedient, Knaben zur Welt, welche Werwölfe, oder Mädchen, welche Nachtmahren werden. Kenntlich im Norden sind die Menschen, die sich in Werwölfe verwandeln, an zusammengewachsenen Augenbrauen. Zum Werwolf kann sich derjenige selber machen, der einen aus Wolfsleder oder Menschenhaut verfertigten Wolfsgürtel um den Leib schnallt. Er geht nachts aus, um Menschen zu zerfleischen und Vieh zu verschlingen, der Böxenwolf springt den Leuten auf den Rücken. Die Nennung seines Taufnamens, oder ein Wurf von Stahl und Eisen über ihn weg, westfäl. Blankmaken genannt, oder eine gegen ihn gerichtete Degenspitze oder eine Verwundung entzaubert ihn. Doch wirkt die Verletzung oft nicht sofort, aber sie verrät ihn dann später, indem auch der wieder Mensch gewordene Körper an der entsprechenden Stelle die Wunde trägt. Eine Wolfsfalle, in die man drei Kreuze vom Holz von einem Osterfeuer steckt, fängt ihn. Verfolgt wird er wohl schon wieder zwar als Mensch im Bette angetroffen, aber noch hängt der Wolfsschwanz heraus. In Schleswigholstein galt er auch wohl als „gefroren“ d. h. unverwundbar. Im 16. Jahrhundert bis ins 17. hinein blühten die Werwolfsprozesse namentlich in Nord- und Mittelfrankreich, aber auch in Deutschland. Noch 1589 wurde in Köln Peter Stube, der Werwolf von Epprath, hingerichtet, weil er bekannte, in Wolfsgestalt 13 Kinder zerrissen und ihnen das Gehirn aus dem Kopf gefressen zu haben. 1610 wurden in Lüttich zwei Werwölfe wegen gleicher Untaten hingerichtet. Dieser allen europäischen Indogermanen und auch den indogermanischen Armeniern gemeinsame, dagegen bei den Persern und Indern nicht nachweisbare Glaube reicht hoch über die ältesten germanischen Zeugnisse in die Vorzeit hinauf. Schon das alte Griechenland kannte die Werwolfskrankheit, sie spielt schon in die Sage von dem altertümlichen Kultus des Zeus Lykaios hinein. Wer diesem Gotte auf dem hohen arkadischen Berge Lykaion ein Kind opferte, wurde zur Strafe in einen Wolf verwandelt. Enthielt er sich aber neun Jahre des Menschenfleisches, so nahm er im zehnten wieder Menschengestalt an, was an die neuntägige, beziehungsweise neunjährige Werwolfszeit bei den Germanen erinnert. Ferner stimmt zum deutschen Glauben, daß der neugriechische struppige, krallenbewehrte Kalikant-sare oder Werwolf, der wie der westfälische Böxenwolf jedem Begegnenden aufhockt und das Gesicht zerfleischt, ebenfalls in den Zwölfnächten geboren wird. Diese Zeit ist auch seine eigentliche Raubzeit, wie die der livländischen und polnischen Werwölfe. Während der russischen und rusinischen Weihnachtsfeier rennen in Wolfspelze Vermummte umher und peinigen in Haus und Hof, wen sie erhaschen, und auch in Deutschland gab es Leute, die sich in der Weihnachtszeit in Wölfe verwandelten. Der germanische Norden brachte noch eine eigentümliche Abart dieser halb wirklichen, halb eingebildeten Ver-tierung des Menschen hervor, den Berserkergang d. h. die Berserkerwut. Die Vertierung nahm nämlich in der Wikingerzeit, in der so viele Nordleute ihre Sache auf Raub und Mord und Krieg stellten, einen militärischen Charakter an. Die Berserker d. h. Bärenkleider waren Soldaten, die statt des Panzers ein Bärenfell trugen. Angesichts des Feindes überkam sie eine unsinnige Kampfeswut, die ihnen ungewöhnliche Stärke und außerdem Empfindungslosigkeit gegen allen Schmerz verlieh. Sie scheuten weder Eisen, noch Feuer, zerbissen den Rand ihrer Schilde, stürzten sich mit geschwungenen Schwertern gleich Wölfen heulend in die Schlacht und hieben, was ihnen in den Weg kam, Menschen oder Bäume, nieder. Nach einem solchen Ausbruch fielen sie, wie nach einer schweren Krankheit, in tiefe Erschöpfung. Wie aus dem Krieg, machten sie aus dieser Wut ein Gewerbe und verdangen sich bandenweise dem Könige, der am meisten bot. Die zwölf Berserker des sagenhaften Dänenkönigs Hrolf Kraki kämpften bald an der sächsischen Grenze, bald auf dem Eise des schwedischen Waenersees. Noch Harald Schönhaar um 900 hatte Berserker, die über ihren Panzern Wolfspelze trugen, in seinem Dienst, und sein Skalde Thorbjöm Hornklofi feierte diese brüllenden Helden samt dem Hofnarren und dem Lieblingshunde des Königs. Aber obgleich sie sich oft als Schützlinge Odins ausgaben, wurden sie von den übrigen „Kämpen“ mit Mißgunst oder gar mit Verachtung angesehen. So verrauchte die alte wilde Leidenschaft in einer anmaßlichen gewinnsüchtigen Schauspielerei, und was einst vielleicht mehr eine Plage der Ergriffenen gewesen war, wurde nun zu einer schlimmeren Plage ordentlicher Leute. Darum straften die Isländer mit Recht den Berserkergang mit Friedloslegung, wenn aucht nicht mit völliger. Deute ich eine Stelle im Paulus Diakonus 1, 11 richtig, so hätten Südgermanen schon Jahrhunderte vor der nordischen Wikingerzeit solche Krieger gekannt. Als nämlich die Langobarden auf ihrer Wanderung nach Süden auf die Assipiter stießen und die große Zahl dieser ihrer Feinde und ihre eigne geringe sahen, da sprengten sie listig aus, sie führten Hundsköpfe im Lager bei sich d. h. ungeheure Menschen mit Hundsköpfen, die nach Menschenblut dürsteten und, wenn sie keinen Feind erreichen könnten, ihr eigenes tränken. Der aus der gelehrten Literatur des Plinius und Solinus bekannte Name der Kynokephalen, eines fabelhaften hundsköpfigen Volkes, ist an die Stelle der in Wolfs- oder Bärenfell gekleideten langobardischen Vorkämpfer getreten. Im bayrischen oder Tiroler Raufer, der, wenn er keinen Gegner findet, wie ein Stier den Rasen ausrauft, lebt die alte Kampfeswut fort. Auf diese Nachtseiten menschlichen Geisteslebens fällt vom Seelenglauben her einiges Licht. Denn der eingebildete Wechsel der Hülle oder des Überwurfs, das alt nordische „hamskiptast“, woran das deutsche „Ausderhautfahren“ anklingt, deckt sich im wesentlichen mit der griechischen Ekstasis, dem Austritt nämlich der Seele aus dem Körper. Verläßt die Seele diesen im Tode dauernd, im Traume oder auch in der Ohnmacht vorübergehend, so macht sie sich auch in der Verzückung frei von ihm oder wird vielmehr seine Herrin. Sie reißt ihn mit sich in ihr neues fremdartiges Treiben hinüber. Der tief eingewurzelte Wahn, daß bei Tod und Traum die Seele eines kampflustigen Mannes als Kampftier, Wolf oder Bär, zum Vorschein komme, mochte im aufregenden Dunkel des Abends einen ruhelos tätigen Mann dazu aufstacheln, sich selber in ein solches Tier verwandelt zu fühlen. Er mochte seinen Sinnen und Gliedern eine melancholische Wildheit aufzwängen, wie sie den Wolf zu erfüllen schien, wenn er in der Stille der Nacht einsam die Herde würgte. Von demselben Wahn beherrscht konnten Leute das nächtliche Treiben ihres rücksichtlos rührigen Herrn leicht nach dieser Richtung hin deuten und seine etwaigen Erzählungen für wahr halten. Bis wie weit die Wirklichkeit dem Glauben entsprach? Man behauptet, den Werwolf könne man morgens mit bleichem Gesicht und Blut im Bart heimkehren sehen. Hieß doch auch der Verbannte, der wegen Friedensbruchs aus der menschlichen Gesellschaft Gestoßene, schon bei den Goten und den salischen Franken ein Warg, ein Wolf, oder ein Waldgänger, der im dunklen Wald ein Wolfsleben führte, ein Wolfshaupt, ags. wulfes heäfod, trug und überall auch im Heiligtum als „vargr i veum“, Wolf im Tempel, gehetzt wurde, gehetzt, so weit der Himmel sich wölbt und Menschen wohnen. Denn Bär und Wolf sind nach dem altnordischen Gesetz, wie nach dem Sachsenspiegel überall, selbst im Bannforst, friedlos. Die Werwölfe trieben in der dunkelsten Zeit des Jahres, in den Zwölf nächten, ihr Unwesen oder waren in dieser Zeit geboren. Legt ein Werwolf am 9. Tage oder auch erst im 3., 7. oder 9. Jahre sein Fell ab, so hängt das wieder mit dem Seelenglauben zusammen. Soeben ist mit geteilt worden, daß der in einen Seehund verwandelte Ertrunkene jeden neunten Tag seine Haut abstreife, um wieder Mensch zu werden, und überhaupt pflegt der Verstorbene, insbesondere der vorzeitig Verstorbene, am neunten Tag nach seinem Tode in Deutschland wie in Altgriechenland wiederzuerscheinen, wann nämlich die Zeit der ersten Versöhnungsopfer für die Toten abläuft. In Pommern heißen solche Wiedergänger Neuntöter, weil ihr werwölfisches Treiben neun Jahre dauert, ein Zeitraum, den in Griechenland die Selbstverbannung, das Wolfsleben, nach einem Morde erheischte. Ja der aus dem Grab gestiegene Wiedergänger geht mm geradezu als Werwolf um, wie im Jahre 1685 der verstorbne Bürgermeister von Ansbach. Die umgehende Leiche also nimmt nun wirklich die Gestalt des zauberisch verwandelten lebenden Menschen an. In Pommern namentlich werden nicht zur Rechenschaft gezogene Verbrecher nach ihrem Tode Werwölfe, die sich von Menschenfleisch nähren, sowie in der Normandie die Leichen Verdammter in Werwolfsgestalt Sarg und Hügel durchbrechen. Der englische König Johann ohne Land soll nach seinem Tode ebenfalls als Werwolf umgegangen sein. Wenn nun außerdem in Danziger Sagen dieser Gräberwerwolf zum Vampyr wird, so erkennt man wiederum, in wie alten Geleisen dieser düstre Glaube fährt. Denn der griechische Heros kehrt auch in Wolfsgestalt wieder und verübt Vampyrtaten. Auffallend erzählt die inselschwedische Sage, daß die Wölfe die Wiedergänger zerreißen, wo sie dieselben nur finden. Als ob sie in ihnen Nebenbuhler witterten. Die Berserkerwut aber gleicht mehr jener Ekstase der Bacchantinnen, die in der nächtlichen Feier des thrakischen Gottes Dionysos durch heftige Wirbeltänze zur Raserei gesteigert wurde. Mit geschwungnen Dolchen oder Thyrsosstäben, Schlangen würgend und zerreißend, trugen sie Feuer auf ihrem Lockenhaupt, ohne dessen Brand oder eine andere Wunde zu empfinden, und zerrissen mit ihren Zähnen das blutige Fleisch der Opfertiere, bis auch sie erschöpft zusammenbrachen. Hier haben wir die weibliche, griechische, dort die männliche, nordische Form der Ekstase; der wilde Tanz ist hier, der wilde Kampf dort die Triebfeder der Raserei. Von dieser Episode aus dem Seelentaumel Lebendiger rufen uns nun die Seelen der Toten wieder zu sich zurück. Denn außer dem Reiche der Lüfte und dem der Tiere sucht die Seele sich auch noch die gleichsam mitteninne liegende Pflanzenwelt dienstbar zu machen, diese jedoch nur mit halbem Erfolg. Die Bäume und Büsche, die um die Wohnung wuchsen, gehörten zwar auch, fast wie die Haus- und die besprochenen Seelentiere, mit zur Familie. Aber auf einen Fleck gebannt, zeigten sie doch kein ausreichendes Maß der Lebendigkeit, daß auch sie für wirkliche, vollgiltige Seelenverkörperungen gelten konnten. Um so besser eignete sich ihr dichtes, bald stummes, bald leise flüsterndes oder laut rauschendes Laub zum Aufenthalt der Seelen, namentlich solcher Verstorbener, die von ihrer heimlichen grünen Warte herab das Wohl der hinterbliebenen Ihrigen wachsam behüteten. Am längsten hat sich diese gewiss einst gemeingermanische Vorstellung im schwedisch-norwegischen Värd-oder Boträd Wacht- oder Hausbaum erhalten. Wir erinnern uns des Word, wie er als Schlange oder auch als Licht oder als des Menschen Scheinbild, also immer als Seele, sich offenbart, und der Boträd wird auch geradezu der Baum der Tomtegubber, der Gehöftsahnen, genannt, die im altschwedischen ,Seelentrost‘ sogar (tadelnd) Tomtegudha d. h. Gehöftsgötter heißen. Ein solcher Baum wurde durch Opfer und Gebet geehrt und von Schwangeren in ihrer Not umklammert, nicht weil er selber eine Seele oder ein Gott, sondern weil er der Sitz einer Ahnenseele, eines Schutzgeistes des Hauses, war. Darum leiteten manche schwedische Familien von einem solchen Baum ihren Namen ab, unter andern von einer dreistämmigen Hoflinde die drei Familien Lindelius, Tiliander (d. i. Lindemann) und die weltberühmte des Linnaeus oder Linn6. Aber der Glaube an eine eigentliche Verwandlung der Seele in einen Baum oder eine Blume, den Koberstein für altindogermanisch hält, scheint ein später zarter Seitenschößling des markigen Wiedergängerglaubens zu sein. Hin und wieder hört man z. B. von drei verfluchten und vom Blitz erschlagenen Jungfern, deren Seelen in drei große Bäume fuhren. Nach vielen Volksliedern und Ortssagen sprießen die Seelen Ermordeter oder unschuldig Gerichteter oder jung gestorbener Liebender aus dem Grabe oder dem hinströmenden Blut als weiße Lilien, rote Rosen, Myrthen und Epheu, ja als Eichen und Ebereschen hervor. Ruhen zwei Liebende darunter, so neigen und verzweigen sich die Gewächse, ,wär’n gern einander nah‘. In der englischen Ballade von Margret und William klettern die Rosenranken aus ihrer Brust sogar bis zur Turmspitze der Kirche, in der sie begraben liegen, empor und verschlingen sich hier in einen Liebesknoten.

„Das Gemüt vermag es nicht zu tragen, daß zwei jugendliche Wesen, deren Dasein soeben eines in dem andern erst erfüllt und vollendet werden sollte, so auf einmal auseinandergerissen oder beide zugleich der Zeitlichkeit entrückt sein könnten. Es ruft die Phantasie zu Hilfe, daß sie aus dem Tode ein neues Leben hervorgehen lasse, in dem sich das alte fortsetze, an das sich das Gemüt sinnlich halten, das es anschauen könne“.

Man könnte auch in den Grabesblumen gewaltsam oder unschuldig Getöteter ununterdrück-bare Zeugen der Unschuld sehen, die das von einer späteren Naturauffassung Tieren und Pflanzen beigelegte Mitgefühl unwiderstehlich aus der Unglücksstätte hervorgetrieben hätte. So wächst denn auch hinwiederum an solchem Ort kein Gras, und eine Fichte bleibt dort stets klein und dürr. Trostlose Trauer hängt darüber wie eine ewige Strafe. Aus dem Munde eines in der Schlacht gefallenen Königs wächst eine hohe Eiche, aus dem Grabe eines Selbstmörders ein Dornbusch oder eine Distel. Unter den alten Hagebuttensträuchem der nordfriesischen Gräber hausen Wiedergänger. Alle bisher besprochenen Seelenformen überbot an tiefer Gemütswirkung und poetischer Triebkraft weitaus die Erscheinung der Seele in Menschengestalt. Aus dem Traumbild oder auch dem wachen Phantasiebild, wie es im gram oder schreckerschütterten Gemüte der Überlebenden nach dem Tode eines verehrten, geliebten oder eines gefürchteten, gehaßten Angehörigen aufzusteigen pflegt, wurde ein mit voller Lebensgröße des Verstorbenen ausgestatteter Geist. Zuweilen schwebt er nur als ein Schatten vorüber wie der Geist von Hamlets Vater. Öfter aber ist der Wiederkehrende von Grabesdunst umwittert, entstellt oder verklärt, abgeblaßt oder gedunkelt, zuweilen ins Riesenhafte ausgereckt. Bald schwebt er still und flüchtig herbei, bald tritt er mit festem Fleisch und Bein in seiner leibhaftigen Gebärde und mit seiner Gemütsart mitten unter die Menschen, namentlich nach nordischer Sage mit übermenschlicher Höllenkraft ausgerüstet. In ihm, dem meist furchtbaren Heimsucher, aber auch wohl dem Helfer und Tröster der Überlebenden, dem phantastischen Wiedergänger, hat der Seelenmythus seinen höchsten, gleichsam klassischen Typus geschaffen und zugleich eins der wertvollsten Zeugnisse urältester Menschenkunde hinterlassen. Der an die Elemente, Tiere und Pflanzen geknüpfte Seelenglaube hatte entweder einen unbestimmten oder doch einen überwiegend ruhigen idyllischen Charakter, der Wiedergängerglaube legt wie kaum ein andrer das innerste Wurzelwerk der ältesten menschlichen Seele bloß. Aus ihm strömt eine leichenduftige und doch zum Leben drängende Poesie hervor, welche die ganze Tonleiter menschlicher Gefühle von der jämmerlichsten Gespensterangst durch die heißesten Gewissensqualen und die ergreifendsten Muttersorgen hindurch bis zu dem andachtsvollen Schauer durchläuft, den auch wir vor einer überirdischen Geistermacht empfinden. Der Ursprung dieses wilden, lebenssehnsüchtigen Glaubens, der doch auch ausnahmsweise so innig und zart sein kann, liegt in jener fernen Steinzeit, wo man die Toten, ihre ganzen Leiber, begrub, nicht in der späteren Zeit des Leichenbrandes, der nur ein paar Knochen in einem Häufchen Asche zurückließ. Er liegt in jener Zeit roher Gewalttat, Blutrache und Selbsthilfe, in der der Mörder nach seiner Untat zwar Gewissensangst nicht empfinden mochte, wohl aber das verwandte unbezwingbare Gefühl, daß der Gemordete ein Recht auf Vergeltung habe und zuraal, wenn dieser keine rächenden Erben besaß, als Ungesühnter sich selber zu blutiger Sühne erheben müsse. Denn seine ergrimmte Seele lebte und vermochte den begrabenen Leib zu vorübergehendem Nachleben mit sich fortzureißen, wie die Werwolfsseele den lebendigen in die ihr entsprechende Gestalt zwang. Aber nicht nur Ermordete kamen wieder, sondern alle, die im Leben oder im Tode nicht ihr Recht bekommen hatten, die, vor der Zeit gestorben, vom Leben nicht lassen wollten, oder die ungenügend bestattet waren. Wiederum liegt uns in der Wiederkehr solcher Toten ein indogermanisches Glaubensstück vor. Schon im alten Indien plagten Wiedergänger ihre Hinterbliebenen und fuhren die Seelen ungeborener Kinder als Blutsauger um. Die Preta d. h. die Hingegangenen irrten zunächst hungernd auf Erden umher, bis sie durch ein besonderes Opfer zu den Pitaras oder Ahnen ins Jenseits geführt waren. Die Pitaras aber schützten oder straften ihre Nachkommen, je nachdem sie geehrt oder vernachlässigt wurden. Ein aus Kummer über die Untreue seiner Frau gestorbener Mann kommt jede Nacht, sie zu peinigen. Doch man verwarf den Glauben, daß Hausväter nach ihrem Tode als Dämonen ihre Gräber auf suchten. Für das Kastenwesen ist dieser alte Glaube verwertet, wenn im Mahabharata die Brahmanenhasser nach dem Tode zu Unholden werden. — Die Perser dachten offenbar ähnlich. Denn Xenophon scheint ihren Glauben richtig aufgefaßt zu haben, wenn er den sterbenden König Kyros daran erinnern läßt, daß die Seelen derer, die Unrecht erlitten, den Mördern Schrecken einflößten. In Griechenland spielte der Glaube an die Wiederkehr der Toten in verschiedenen Farben. In der Ilias fleht die Seele des Patroklos, in Euripides’ Hekuba der Schatten des ermordeten Polydoros um Bestattung, beide, weil sie Ruhe finden möchten. Nach Hesiod werden die Menschen des ältesten, goldenen Geschlechts nach ihrem Tode Dämonen auf der Erde, Wächter der Menschen, die ,in Nebel gehüllt‘ d. h. unsichtbar Recht und Unrecht beobachten. Plato gab, wenn er auch etwas von seiner Philosophie hineinvernünftelte, doch deutlicher den volkstümlichen Grund der Unruhe gewisser Toten an. Seelen, die ihre Sinnlichkeit nicht ablegen, meint er, umschweben längere Zeit ihre Gräber, da die sinnliche Leidenschaft die Seele wie mit einem Nagel an den Körper hefte und sie selber fast körperlich mache. Der Gemeinglaube aber kannte zwei große Klassen von Wiedergängem, nämlich die Aoroi, die vor der Zeit Gestorbenen, und die nach dem Tode Vernachlässigten. Zu jenen gehören die eines gewaltsamen Todes, sowie die kinderlos oder unverheiratet Gestorbenen, zu diesen die Unbestatteten, auch die ohne die gebührlichen Totenopfer Gelassenen. Was ihnen lebend oder tot entzogen wurde, suchen ihre Seelen einzubringen, indem sie entweder einzeln als rachgierige Irrgeister Alastores umgehen oder scharenweise im Heer der Hekate beängstigend einherziehen. Namentlich die Heroen mit ihrem reizbaren Ehrgefühl machen gefürchtete Angriffe auf ihre Beleidiger. Sie quälen mit vampyrartigem Alpdruck, stürzen ganze Familien ins Verderben, erwürgen jeden, der ihnen begegnet, und verhängen sogar über weite Landschaften Dürre und Seuche. Darum spielen sie im Zauberwesen einst wie heute eine bedeutsame Rolle. Aus dem Grabe trieb es noch die widerwillig zum Christentum bekehrte „Braut von Korinth“, den ihr genommenen heidnischen Bräutigam zu umarmen und seines Herzens Blut zu saugen. Der neue Glaube vermochte nicht diesen mächtigen Zug nach Vergeltung und Befriedigung zu ersticken : die Manes, die Ahnen, auch noch christlicher Römer wurden durch Rachsucht oder Mitleid auf die Oberwelt zurückgeführt. Bei allen Germanen hieß oder heißt dieses Wesen der Wiedergänger, französisch reve, oder allgemeiner Gespenst, Draugr, Trugbild, mundartlich , Nachsehr er, Neuntöter. Sein Tun ist der Wiedergang, der Nachspuk, das Umgehen. Groß ist die Schar der germanischen Wiedergänger: Ermordete, Ertrunkene, Verhungerte, Liebende, Kindbetterinnen und diejenigen, die in ihrer Sterbestunde nicht den Beistand ihrer Söhne oder nicht ein ehrliches Begräbnis gefunden haben; aber auch solche, denen noch im erkalteten Herzen der Gedanke an ihre Untat oder auch die Sorge um Hab und Gut brennt, oder denen ein Gelübde oder auch die Lust am Saus und Braus der Jagd keine Ruhe läßt, oder Kinder, die hilflos oder, wie man später sagte, ungetauft dahingerafft sind. Nach diesen ihren verschiedenen wirklichen Schicksalen gestaltete sich das Nachschicksal, das Schein- und Trugleben des Wiedergängers, das ihn rächen, sühnen, trösten, befriedigen, schadlos halten soll, sehr verschieden. Und so bekommt jeder dieser so schroff abgerissenen Lebensläufe ein meist unheimliches, zuweilen aber unsäglich rührendes Nachspiel; der schrille Schlußakkord ihres Lebens klingt noch einmal dumpf wider. Die ältesten Wiedergänger scheinen die Seelen von Ermordeten und Mördern gewesen zu sein, von denen der eine den andern zum Bruch der Grabesruhe aufregt. Schon die bloße Nähe des Mörders, des „Mortmeilen“, macht das starre Blut des auf der Bahre liegenden Erschlagenen fließen. Als Hagen an Siegfrieds Bahre trat, „flössen die Wunden sehr“. Als Richard Löwenherz sich der Leiche seines königlichen Vaters näherte, da brach aus dessen Nase das Blut hervor, als ob es zu Gott über den schreien wollte, der für die Ursache seines Todes gehalten wurde. Im Jahr 1503 troff das Blut einer aufgegrabenen Baslerin durch die Bahre, als ihr Mann ihre Ermordung abschwören wollte. Der schon indische Glaube an dieses in Mitteleuropa freilich erst in den französischen Artusromanen des 12. Jahrhunderts bezeugte Bahrgericht scheint im badischen Volke selbst heute noch nicht ganz erloschen. — Ermordete und andere Verunglückte müssen nach ostdeutschem Glauben so lange umgehen, als sie noch hätten leben können. Nach altnordischem Gesetz begrub man mit Tod gestrafte Verbrecher auf der Flutgrenze, als ob das wiederkehrende Wasser seine Wiederkehr hindern solle. Die Bedeckung, das Hüllen „hylja“ der Leiche, wurde später im Norden gesetzliche Pflicht eines jeden, der den Leichnam fand; sogar der Mörder hatte sie an seinem erschlagenen Gegner zu erfüllen. Unterließ er sie, so wurde er eben deswegen geächtet und fühlte sich selber der Rache des wiederkehrenden Gemordeten mm aus doppeltem Grunde preisgegeben. Nach dem angelsächsischen Gesetz soll der Mörder dem Getöteten nichts nehmen, sondern ihn auf den Schild legen, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten gerichtet. Mit solcher Strenge wahrte das bajuwarische Volksrecht die Unverletzlichkeit der Toten, daß selbst derjenige, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit dem Pfeil verwundete, in Todesstrafe verfiel. — Unter den Mördern sind vorzugsweise die Selbstmörder zur Wiederkehr geneigt; sie müssen fort und fort nach dem Ort ihrer Entleibung hinwandeln, der für so unheimlich gilt, daß man dort nicht ruhig sterben kann. Nach altschwedischem Gesetz sind sie zu verbrennen, damit sie nicht nach ihrem Tode andres ehrliches Volk heimsuchen. Geschwächt kommt der Wiederkehrsgedanke zu neuerem Ausdruck, wenn die Hand des Vatermörders, ja des Kindes, das nach den Eltern geschlagen hat, sowie die des Meineidigen, Diebes, Baumfrevlers sich aus dem Grab emporstreckt. — Ertrunkene wollen ihr Teil am Totenmahl: so tritt der ertrunkene Isländer Thorodd noch naß mit seinen Unglücksgefährten neun Tage nach seinem Untergang in die Halle, wo man bereits zu seinem Totengedächtnis das Erbbier trinkt. So behält auch in Schwaben das Wasser den Ertrunkenen neun Tage, um ihn dann wieder auszuwerfen. In Steiermark wandelt der Ertrunkene so lange in der Nähe seiner Unglücksstätte, bis er einen verlockt hat, ebenfalls zu ertrinken. — Furchtbar rächen sich die nicht gebührlich Bestatteten. Nach der altisländischen Eyrbyggjasaga schieden eines Abends der herrische Thorolf und sein Sohn in Groll von einander. Heimgekommen setzte sich der Alte in seinen Stuhl, sagte nichts, aß nichts; seine Leute gingen schlafen. Als sie andern Morgens wieder eintraten, sitzt Thorolf noch immer da — tot! Als der herbeigerufene Sohn bemerkt, wie das Gesinde über den auf dem Antlitz des Toten lagernden Unmut erschrocken ist, nähert er sich dem Stuhle von hinten, zieht den schweren Greis rückwärts auf seine Schultern und schlägt seinen Mantel um dessen unversöhntes Haupt. Darauf läßt er die Wand durchbrechen, und durch das Loch, das dann wieder geschlossen wird, schleift er ihn ins Freie. Wozu das alles? Zu der germanischen Totenbesorgung, den nordischen „näbjargir Totenhilfen“, wie zu den griechischen gehörte es, gleich nach dem Eintritt des Todes dem Verstorbenen die Augen zuzudrücken, wie es scheint, damit nicht der unheimlich gebrochene Blick als „böser Blick“ Unheil stifte. In Deutschland belegte man noch dazu Augen und Mund mit einem Sternchen oder Geldstück, das ursprünglich ebensowenig wie die griechische Beigabe des Naulon oder Fährgelds für einen unterirdischen Fergen bestimmt, sondern eine Geldabfindung für den Toten war. Dem gefürchteten Verstorbenen zog man in anderen altnordischen Sagen auch eine Haut über den Kopf. Ähnlich wie den Thorolf im Norden, schleifte man in Deutschland einen toten Missetäter unter der Schwelle hindurch, damit er den Heimweg nicht fände, ja noch heute wird hie und da aus demselben Grunde die Leiche nicht durch die Türe, sondern durch das Fenster hinausgebracht. Aus Furcht vor der Wiederkehr bricht man auch im fernen Indonesien eine Öffnung durch die Mauer. Aber den vernachlässigten Thorolf bezwangen alle solche Vorsichtsmaßregeln nicht; nach Sonnenuntergang tobte er furchtbar unter Mensch und Vieh und verwüstete selbst den Acker, bis er umgebettet und sein neues Grab hoch umzäunt wurde. Viele brechen ihren eigenen Grabesfrieden aus unstillbarer Kampfbegier, Waidlust, Habgier und aus Geiz. Gleich den marathonischen Kämpfern erheben sich die Gefallenen der katalaunischen Schlacht zu neuem Waffengange. Hilde, Högnis Tochter, weckt auf der Insel Haey durch Zauber die samt ihren Waffen zu Stein gewordenen Erschlagenen wieder auf, und so sollen sie immer wieder kämpfen bis zur Götterdämmerung. Nach einer deutschen Sage sprangen einmal Tote aus den Gräbern den Ihrigen bei, als diese schon unterliegen wollten. Leidenschaftliche Jäger, später namentlich solche, die ruchlos den Feiertagsfrieden nicht geachtet haben, gesellen sich als Wiedergänger der wilden Jagd bei. Leidenschaftliche Hauswirte kommen wieder. Der Isländer Vigahrapp ließ sich dicht unter der Küchentür stehend begraben, um von dort aus nach seinem Tode die Wirtschaft bequemer überwachen zu können. Weil ihm aber die Knechte nicht genügten, quälte und tötete er sie voll Zorns, ja er verödete dann seine ergibigen Äcker, Lachs- und Seehundweiden. Darum grub man ihn wieder aus, verbrannte ihn und streute seine Asche ins Meer. Milder als der Isländer verfuhr der Geist eines oberschwäbischen Bauern, der seiner Kinder wegen gern nach Scheuer und Stall schaute und jeweils den saumseligen Knechten eine „Humse“ Ohrfeige versetzte. Fridthiofs Vater will dem Grabe seines Königs gegenüber am Strande begraben sein, daß sie sich bequem über den Fjord hinüber zurufen können, wenn Wichtiges bevorsteht. — Endlich haben Geizhälse, Wucherer, Betrüger, Wortbrüchige, ja in Norwegen selbst Trunkenbolde und Spötter keinen Grabesfrieden, sondern gehen um. Zumal in den langen Winternächten um Weihnachten. Da läßt sich der gottlose Fastenverweigerer anfangs undeutlich sehen. Die Kühe, die ihn erblicken, werden wild und stoßen einander, die Menschen verlieren den Verstand, mit zerbrochenen Knochen findet man sie am andern Morgen. Und selbst der furchtloseste aller Menschen, Grettir, ist einer Ohnmacht nahe, als er den von ihm besiegten Wiedergänger bei seinem Fall seine grauen Augen starr auf den Mond richten sieht. Um ihn dann unschädlich zu machen, wird sein abgeschlagener Kopf gegen seinen Hintern gesetzt und auf „kalten Kohlen“ verbrannt. Mit versöhnendem Glanz leuchtet in dieses Reich düsterer Vorstellungen die Liebe hinein, die Brautpaars-, die Gatten- und die Mutterliebe. Die Mitglieder eines eng verbundenen Menschenpaars treibt es zu einander, aus dem Leben zum Tode, aus dem Tode zum Leben, mit unwiderstehlicher Sehnsucht, mit unverbrüchlicher Treue. Der Wiedergängerglaube verklärt sich zu imvergänglicher Poesie. Im zweiten Eddaliede von Helgi, dem Hundingstöter, nimmt Odin den gefallenen Helden in Walhall auf. Aber es wird ihm eine „Heimfahrt“ erlaubt, und die Magd seiner Witwe Sigrun sieht ihn mit stattlichem Gefolge zu seinem Grabhügel reiten und berichtet der Herrin, das Grab Helgis sei offen, der Fürst sei gekommen und bitte sie, das Bluten seiner Wunden zu stillen. So ging denn Sigrun ins Grab zu Helgi und sprach:

„Nun will ich küssen dich leblosen König, Bevor du die blutige Brünne abwirfst. Dein Haar ist, mein Helgi, von Reif durchdrungen, Ganz bist du von Leichentau bespritzt.“

Darauf er:

„Du allein verschuldest, Sigrun von Sefafjöll, Daß Helgi mit Leidestau benetzt ist. Du weinst, Goldgeschmückte, grimme Zähren, Du Sonnenhelle, eh’ schlafen du gehst. Jede fällt blutig auf die Brust des Helden, Naßkalt, tiefdringend, kummerschwer.“

Und nun trinken sie zusammen im Hügel köstlichen Trunk, und selig ruht sie die Nacht dem Toten im Arme, bis es Zeit für ihn ist, auf fahlem Rosse die morgenroten Himmelswege zu reiten. Es war ein alter, mm den alten Weibern überlassener Glaube — so heißt es in einem Prosazusatz zum Gedicht —, daß die Beiden wiedergeboren seien, er als ein anderer Helgi und sie als Kara. Es ist der höchste Schluß des Wiedergängertums, der auch noch hie und da im Norden gezogen wird: die Wiedergängerseele kommt nicht zu einem bloß scheinbaren, sondern zu einem vollen neuen Leben wieder. Und zwar kann sie auch nach dem Prosazusatz in einer andern Person wiedergeboren werden, sich also auf die Seelenwanderschaft begeben. Denn auch die Seelenwanderung war dem Norden nicht ganz fremd. Das Gedicht aber gibt der alten einfachen Wiedergängersage, die offenbar an das irdische Grab als alleinigen Wohnsitz des Toten gebunden war, ebenfalls eine andre neue Wendung. Sie spielt sich nun, der Einheitlichkeit des Schauplatzes beraubt, auf dem prunkvolleren Hintergrund des später erfundenen Totenreiches, der Walhalla, ab. Das germanische Volkslied aber bewahrt überall die ältere einfachere und wohl ergreifendere Fassung. Der dänische Ritter Aage kehrt aus dem schwarzen Grund zu seiner herzwunden Braut Else zurück die ihn fragt, wie es in seinem Grabe sei, indem sie unter Tränen seine welken Haare kämmt. Er antwortet:

„Jedesmal daß du dich freuest, Und dir ist froh dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Mit Rosenblättern rot: Jedesmal daß du voll Sorgen Und dir ist schwer dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Ganz mit geronnenem Blut.“

So folgt sie dem wieder Versinkenden in den schwarzen Grund, sowie in Schottland Margarete, bis an die Kniee geschürzt, dem Geist ihres Wilhelm durch die lange Wintemacht nacheilt, bis der Hahn kräht und er verschwindet im Nebel und läßt sie ganz allein. Da bricht ihr holder Leib tot zusammen. Und mm steigt vor uns jenes unvergleichliche Stimmungsbild des deutschen Volksliedes auf, aus dem Bürgers Lenore hervorgegangen ist: Der Mond scheint so helle, Die Toten reiten schnelle. „Feins Liebchen, graut dir nicht?“ Im Volkslied des mährischen Kuhländchens nässen die Tränen der Witwe das Hemde des Eheherrn im Grabe so sehr, daß sie, wie sie davon hört, hineindringt, um immer bei ihm zu bleiben. Umgekehrt kommt in Pommern die heißgeliebte Frau allnächtlich aus ihrem Grabe ans Bett ihres Gatten, um ihm freundlich zuzusprechen, bis er eines Morgens auf ihrem Grabe gefunden wird, lang ausgestreckt, als ob er das Gras hätte küssen und mit seinen Armen umfangen wollen. Milder und behaglicher äußerte der Iarl Thorgnyr seine Anhänglichkeit an die verstorbene Gattin, wenn er gern auf ihrem nah bei der Wohnung gelegenen großen Grabhügel bei guter Mahlzeit saß, Rat erteilte und den Spielen zusah. Wie leidenschaftlich tanzt dagegen die tote Braut im Aargau auf dem Kreuzweg so lange fort, bis ihr der Bräutigam nachstirbt! Man mag sie im Wirbelwind, der die Kreuzwege liebt und Windsbraut heißt, zu sehen geglaubt haben. Alt ist auch die rührende Geschichte von der Wiederkehr der im Kindbett verstorbenen Mutter zu ihrem hinterbliebenen Kinde. Wochenlang kommt sie in jeder Mitternacht mit leisen Tritten, das Licht verlischt, und bald hört man das Kind an ihrer Brust begierig saugen, oder sie kocht ein Müslein und wäscht die Windeln. Sie wiegt und singt es ein, bei ihm wachend bis zum ersten Hahnschrei. In Oberelsaß tränkt die Mutter Gottes, auf die die Mutterpflichten übertragen sind, in stillen Nächten gütig das mutterlose Kindlein am Milchbrunnen. Dann lächelt es am Morgen in der Wiege mit seinem Milchbärtchen. In Schlesien bereitet man solcher Kindbetterin das Bett. Wo man aber ihre Wiederkehr nicht wünscht, breitet man die Windeln ihres Kindes, mit Steinen beschwert, über ihr Grab. So bleibt sie dort. Grausam hielt man zu Burchards Zeit, um das Jahr 1000, eine samt ihrem Kinde in den Wochen gestorbene Frau fern; man heftete beide mit einem Pfahl im Grabe fest. Auch ein imgetauft gestorbenes Kind durchbohrten Weiber mit einem Pfahl, damit es sich nicht aus dem Grabe erhöbe und Schaden anrichte. Nach der neueren Sage tritt das Kind in seinem Totenhemdchen vor der weinenden Mutter Bett und fleht:

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Leichenpfählungen trafen nach Saxo Grammatikus auch den blutsaugenden Wiedergänger Asvit und sollen noch in neuerer Zeit in Pommern tote Kindbetterinnen und ungetaufte Kinder getroffen haben. Oder man trennte des Wiedergängers Kopf ab oder durchschlug ihm die Sohlen. Oder man grub ihn, wie Thorolf und Vigahrapp, wieder aus und verbrannte ihn. Erklärt sich daraus, daß so manchen Toten Kopf, Hände und Füße, abgeschnitten und verbrannt, neben den übrigen Gliedern beerdigt wurden und in andern Gräbern wiederum nur der Schädel vorhanden war? Das waren übrigens nicht besonders germanische Maßregeln, sondern z. B. die Griechen ergriffen gleich erbarmungslose. Die Inder legten der Leiche nur eine Fußfessel an, um sie an der Wiederkehr zu hindern. In Altgriechenland aber schnitt der Mörder wohl dem Erschlagenen einzelne Glieder ab, um ihn zu schwächen, und hängte sie sich um den Nacken. In Neugriechenland nagelte man die Hände und die Füße des Wiedergängers fest, oder man riß ihm das Herz aus, zerstückelte und verbrannte es, oder man verbrannte den ganzen Körper. Den Wiedergänger unschädlich zu machen, beabsichtigt auch der uralte weltweite Brauch, Steine auf eine Mordstätte zu werfen. Zauberer, Räuber, Geächtete, selbst noch nicht ganz tote, steinigten die Nordleute, tun sie von weiterer Untat abzuhalten, und warfen noch später beim Vorübergehen Steine auf solche Haufen in demselben Sinne. In Schweden fürchtete man andernfalls von dem Erschlagenen irregeführt zu werden. Nach oldenburgischem und voigtländischem Glauben schafft am besten eine tiefe Einsenkung der Leiche oder eine feste Rasendecke der armen Seele Ruhe. Ein geistigeres Mittel war die Beschwörung, mit der man in England Wiedergänger feierlich in die See und in Deutschland später ein Geistlicher in den Wald oder auf einen hohen Berg z. B. den Feldberg bannte. Aber nicht nur gegenüber den zur Wiederkehr durch ihr Schicksal bestimmten Toten, sondern auch gegenüber den unter gewöhnlichen Umständen Verstorbenen und gebührend Begrabenen überwog die Furcht oder doch die Vorsicht die hingebende Verehrung, die sich erst später und auch dann nur vorzugsweise unter den höheren Ständen breitere Bahn machte. Hingen doch auch die gutmütigen und ungekränkten Sterbenden so fest am Leben, daß ihnen schon jedes Bedauern der Anwesenden das Sterben schwer machte. Die Furcht war der Grundzug der altgermanischen Totenbehandlung, wovon Burchard von Worms ums Jahr 1000 das erste vollere Zeugnis ablegt.

Er erwähnt nicht nur jene schauerlichen Pfählungen von Mutter und Kind, sondern auch lustige Leichenwachen, Körnerverbrennen und Kammklappem im Sterbehause, Aufsetzen des Sarges auf die Mitte eines auseinander gezogenen Wagens, Schütten von Wasser unter die Totenbahre und anderes. Aber auch die Volksüberlieferung ist hier besonders reich und fest. Durch ganz Deutschland und auch im Norden wurde der Seele des Verstorbenen alsbald das Fenster zu freiem Davonflug geöffnet, wo sie nicht etwa leicht von der freien Diele aus durch ein Loch im Dache oder den Schornstein entkommen konnte. Jeder Topf wurde umgekehrt, daß sie unterwegs nicht unterschlüpfe, das Geschirr des Toten zerschlagen, daß es ihn nicht festhalte. Nichts im Hause durfte rundum gehen, kein Spinn-, noch Wagenrad, etwa tun ihn nicht aufzuregen. Andererseits wurde alle Frucht gerüttelt, Wein und Bier geschüttelt, damit das nicht abstände, alles Vieh im Stalle aufgejagt und diesem, wie auch den Bienen, ja selbst den Bäumen der Tod angesagt und alle Schlafenden im Sterbehause geweckt, damit sie nicht mitstürben. So lange der Tote auf seinem Bett oder auf Stroh oder auf einem Brett im Hause lag, mußte er durch die Leichenwache nicht nur behütet, sondern auch ergötzt werden. Sie dauerte schon im Nibelungenlied drei Tage und drei, jetzt meistens zwei Nächte, ln guter Laune sollte er von den Lebenden scheiden, auch vielleicht derbe Scherze ihr Grausen betäuben. Singen und Lachen, Tanz und Vermummung bei Leichenwachen hatten im 10. und 11. Jahrhundert Regino von Prüm und Burchard von Worms zu verdammen, und im 13. sah sich das alte Stadtrecht von Zwolle genötigt, die Zahl der Wächter auf zwölf Männer und nur vier Frauen zu beschränken. Die Kurfürsten von Köln wiederholten im 18. Jahrhundert ihre scharfen Verbote gegen die Gelage und unzüchtigen Spiele der Leichenwachen, die man noch neuerdings im westfälischen Sauerlande untersagte wegen ihrer Stelldichein und tollen Pfänderspiele. In Tirol und im Schwarzwald beten die Wächter meistens, aber sie spielen und trinken auch dazwischen und erzählen sich lustige Geschichten. Auch in Skandinavien dauern die Leichenwachen fort. Daß in dem Hause, wo ein Toter lag, nach Burchard Korn verbrannt wurde, scheint auch germanisch, wenigstens werden noch in Westfriesland, freilich mit Bezugnahme auf die Dreieinigkeit, drei Handvoll Gerstenkörner um den Toten ausgestreut, in deutschen Sagen wird Korn auf die Gräber geworfen, und man hat auch im Innern derselben Korn gefunden. Burchard verbietet ferner den Frauen, ihre Weberkämme über der Leiche zusammenzuschlagen, was wohl die Seele verscheuchen sollte wie jenes Wehen mit Tüchern. Die Leiche darf noch an vielen Orten in Deutschland, Holland und Schweden nur so aus dem Bett oder dem Hause getragen werden, daß ihre Füße in der Richtung der Tür bleiben; so wird sie den Rückweg nicht finden. So lag schon Patroklos’ Leichnam mit dem Gesicht der Zelttüre zugewandt. Nach Burchard goß man, wenn die Leiche aufgehoben wurde, schweigend Wasser unter die Bahre, wie man dem Sarge heute in einzelnen Gegenden Wasser, hie und da auch Mehl, Asche, Feuer nachwirft, sogar dreimal. Oder man stellte, namentlich in Niederdeutschland und Ostholland, eine Schüssel Wasser unter oder an das Bett. Daraus hat sich auch wohl ein Seelenbad entwickelt, das man dem Toten ans Fenster setzt. Auch wird die Stube hinter der Leiche ausgefegt oder auf die Schwelle zur Abwehr ein Besen oder Stahl oder eine Axt gelegt. Die Leiche darf nicht höher als kniehoch in Westfriesland gehoben werden, nach Burchard aus Gesundheitsrücksichten. In Holland setzt man die Leiche noch hie und da auf einen sogen. ,Lank wagen*, der aus zwei durch einen langen Wagenbaumverbundenen Rädergestellen besteht; einen solchen auseinander geteilten Leichenwagen kennt auch Burchard. Das Reve- oder Leichenstroh ließ man bis vor kurzem in Westfalen auf dem Leichen weg, in Österreich auf dem Acker des Verstorbenen, in Holland auf einen Kreuzweg fallen und verbrannte es auch wohl vor dem Begräbnisplatz. So wurde die letzte Verbindung zwischen dem Toten und seinem Hause verweht und zerstört. Ausschließlich nur mit Leichen befahren wurde auch in Bayern der Toten weg, in Holland der Lijk-, Nood- oder Reeweg. Dem Toten gebührt die Totenklage, über die schon Tacitus in scharf zugespitzten Antithesen sich äußert.

„Die Deutschen legen das Jammern über den Tod schnell, den Schmerz langsam ab. Doch gilt bei den Frauen die Klage für ehrenvoll, bei den Männern die treue Erinnerung.“

Freilich übermäßige Klage stört die Totenruhe. Aber Klagen wurden angestimmt bei der Bestattung der Westgotenkönige Alarich und Theoderich und des Langobardenkönigs Alboin, und Beowulfs Grabhügel umritten zwölf Edelinge und priesen trauernd der Männer mildesten. Der Indiculus des 8. Jahrhunderts bekämpfte die „dadsisas“ die Totenklagen, die im 10. Regino von Prüm „Teufelsgesänge“ schimpfte. Man könnte fremden Einfluß vermuten, wenn bei den Deutschen in Siebenbürgen, Ungarn und Krain eigens bestellte Klageweiber ihre Weisen beim Begräbnis absingen. Aber im elsässischen Münstertal stürzen wohl noch nach einem Todesfall sofort laut schluchzende Weiber ins Sterbehaus, sowie bei Mülheim a. d. Ruhr noch kürzlich Frauen aus der Totenklage ein Gewerbe machten. In Schlesien aber darf man keine Träne auf die Leiche fallen lassen, weil sonst ihre Ruhe gestört oder der Weinende ihr nachgezogen wird. Weitaus die ältesten Zeugnisse für den Seelenglauben, ja für den Glauben der Germanen überhaupt liefert die Totenbestattung. Die Anlage, die Bauart und der Inhalt der Gräber geben mannigfachen Aufschluß über die Sinnes weise der näheren und der fernsten Vorzeit. Freilich sind aus der ältesten Steinzeit, in der die Menschen sich mit plumpen, grob zugehauenen Werkzeugen aus Feuerstein behalfen, Gräber nicht mit Sicherheit nachweisbar, vollends nicht germanische; die Leichen scheinen damals ohne besondere Bräuche nachlässig verscharrt worden zu sein. Mit der jüngeren Steinzeit aber begann eine sorgsame Beerdigung des Körpers, die nach vielen Jahrhunderten ihres Bestandes der Leichenverbrennung wich, um diese dann wieder überall zu verdrängen, so daß der Leichenbrand in dieser mehrtausendjährigen Geschichte gleichsam nur eine Episode bildet. Auch scheint er bei einigen Stämmen der Germanen nicht recht emporgekommen zu sein, wenigstens nicht bei den niederen Ständen. In der jüngeren Steinzeit baute man aus Steinen dem Toten zuerst kleinere Stuben, erweiterte sie dann zu den großen Riesenstuben oder Hünenbetten und ging dann mit Beginn der Bronzezeit, etwa seit 1500 v. Chr., zu der Steinkistenform über, einem bloßen Sarge. Meistens im norddeutschen oder dänischen Flachlande gelegen, wurden diese Steinhäuser aus mtihsamst zusammengeschleppten Findlingsblöcken hergestellt. Nichts kann den schwermütigen Reiz der Heide oder der Waldeinsamkeit mehr erhöhen als ein Hünengrab, dessen Felssteinmauem, halb oder ganz mit Erde bedeckt, von einem weiteren Steinkreise wie ein Heiligtum umzäunt sind. Dennoch war dieses ursprünglich wohl weniger ein eigentliches, der Andacht geweihtes Denkmal, als vielmehr ein festes Haus, das die Toten schützen, aber auch einschließen und von der Wiederkehr zu den Lebenden zurückhalten sollte. Die Gerippe liegen oder hocken in den geräumigeren Gräbern in größerer oder kleinerer Gemeinschaft, neben sich hochhalsige Krüge, trefflich geschliffene Steinbeile und oft auch schon gebrauchtes, ziemlich wertloses Gerät. Brandreste in den Kammern scheinen darauf hinzuweisen, daß man die Toten von Zeit zu Zeit durch Feuer erwärmte, um ihnen ihre dunkle Wohnstatt möglichst behaglich zu machen. Man dachte sich also die Toten noch fortlebend, doch nur eine Weile fortlebend. Denn wenn Gerippe später Verstorbener hineingelegt wurden, so wurden die älteren bei Seite geschafft und unordentlich aufeinander gestapelt. Nach dem Schädelbefund waren sie Germanen. Diese ältesten Germanengräber bedecken den nördlichsten Teil eines ungeheuren bogenförmigen Steingräberstreifens, der von Indien bis nach Spanien und von da durch Westeuropa bis an die Weichsel und nach Schweden reicht. Man vermutet, daß die im Morgenland üblichen einfachen Felsengräber die Vorbilder dieser zwar künstlicheren, aber immerhin noch einfacheren Steingräber gewesen seien, die in den ägyptischen Pyramiden und den mykenischen Kuppelgräbern ihre höchste Kunstform gefunden hätten. Wie dem sei, jedenfalls ist der Glaube an jene sehr bedingte Unsterblichkeit mit der von Volk zu Volk getragenen alten Kulturmitteilung der Steingräber nicht so fest verknüpft, daß er nicht auch schon vorher hätte gewonnen werden können. Doch mag er in dieser eingeführten fremden Grabform eine neue Stütze gefunden haben. Noch bis in die ältere Bronzezeit hinein, in der die Steingeräte den Bronzegeräten wichen, bis etwa zum Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends, wurden die Leichen unverbrannt in Steingemächern oder nun auch in Steinsärgen beigesetzt. Nicht lange vor der jüngeren Bronzezeit aber, die im Norden etwa mit dem 8. Jahrhundert v. Chr. anhob, wurde der ebenfalls aus dem Orient herübergebrachte Leichenbrand bei den Germanen üblich. Er scheint aus einem Umschwung des Glaubens hervorgegangen zu sein. Wollte man die Seele vom toten Leibe entschiedener loslösen und aus der dumpfen Grabesruhe befreien, ihr einen anderen lichteren Raum zum Weiterleben schaffen? Nach der ältesten indischen Urkunde, dem Rigveda, gibt es unverbrannte und verbrannte Ahnen. Für den imverbrannten wird bei der Totenfeier gebetet:

„Spring auf, o Erde, presse dich nicht nieder. Umhüll ihn, Erde, wie den Sohn die Mutter hüllt in ihr Gewand“ (10, 18, 11).

Dagegen führt die Seele des Verbrannten auf dem Feuer leicht wie auf einem Wagen ins Reich des Totengottes Iama und vereint sich mit ihm und den Ahnen, mit neuem Leibe glänzend (10, 14, 8). Nach der Ilias 7, 410 werden die Toten erst durch ihre Verbrennung besänftigt, nach der Odyssee 11, 222 vernichtet das Totenfeuer die Sehnen, die Fleisch und Gebein Zusammenhalten, die Seele aber fliegt frei davon. Von Kleinasien, wo die homerische Dichtung entstand, kam der Leichenbrand erst im 7. Jahrhundert nach Attika, und die römischen Zwölftafeln des 5. Jahrhunderts kannten beides, das Beerdigen und das Verbrennen. Die Germanen legten die verbrannten Gebeine in einem Tongefäß in einem kleinen von Steinen umgebenen Raum oder auch in einer Holzkiste oder auch ohne Behälter in der Erde nieder. Aber dann wurde nach altem Brauche, wie früher über den unverbrannten Gerippen, auch über den verbrannten ein Hügel gewölbt. Weit jünger als die germanischen Aschenurnen der jüngeren Bronzezeit ist das älteste literarische Zeugnis, das des Tacitus:

„die Leichen berühmter Männer werden auf bestimmten Holzarten samt ihren Waffen und auch wohl ihrem Rosse verbrannt.“

Aber gerade bei den westdeutschen Stämmen, die Tacitus am genauesten kennt, ist dieser Brauch schon vor dem 5. Jahrhundert wieder erloschen. Das salische Gesetz spricht nur von Beerdigung. Nicht einmal die deutsche Heldensage, die doch in der Völkerwanderung wurzelt, weiß von Verbrennung, und auch in den Geschichts- und Rechtsbüchern der Burgunder, Bayern, Langobarden und Goten fehlt jeder Hinweis darauf. Im Gegenteil, die großen historischen bekannten Leichenfeiern sind Beerdigungen: die Westgoten senkten ihren König Alarich mit vielen Schätzen in das trocken gelegte Busentobett und beerdigten hernach ihren greisen König Theoderich in vollem Waffenschmuck angesichts des feindlichen Heers auf dem katalaunischen Schlachtfeld. Der Frankenkönig Childerich (gestorben481) und der Langobarden könig Alboin wurden in voller Wehr beerdigt, der erste sogar mit seinem Rosse. Noch Kaiser Otto III soll Karl den Großen in der Domgruft zu Aachen in voller Kaiserpracht thronend gesehen haben. Nur die Sachsen hielten am Leichenbrand zäher fest, nicht nur in der Poesie. Beowulfs „Beinhaus“ wird auf einem mit Waffen behängten Scheiterhaufen verbrannt, so daß der Rauch über das nahe Meer hinzieht, und dann die Brandstätte mit einem hohen breiten Hügel, einer „den Seefahrern weithin sichtbaren Burg“, zugedeckt, und noch Karl der Große setzte auf den Leichenbrand und solche Hügelbestattung der Sachsen Todesstrafe. Die westlichen Nordleute gaben, wie die Gräberfunde lehren, schon seit der Völkerwanderungszeit das Brennen nach und nach wieder auf, so daß z. B. auf der seit etwa 900 n. Chr. besiedelten Insel Island keine Spur mehr davon zu finden ist. Die östlichen Nordgermanen blieben beim alten Brauch noch im 10. Jahrhundert. Aber auch in der Sage und Dichtung der Norweger und Isländer wurden noch viele Jahrhunderte nach dem Aussterben der Sitte Scheiterhaufen für die gefallenen Helden angezündet, offenbar, um ein so altes malerisches Motiv nicht zu verlieren. Der Deutsche Siegfried, der nach seiner heimischen Sage beerdigt wird, verbrennt in der nordischen auf einem Holzstoß, und mit ihm verbrennen seine Brynhild, Knechte und Mägde, zwei Hunde und zwei Habichte, ein stattliches Gefolge, damit dem zum Totenreich voranziehenden Fürsten die hinter ihm zuschlagende Tür der Hel nicht auf die Fersen fallen könne. Aber die nordische Überlieferung schwankt auch in ihren Berichten von der Bestattung echt nordischer Götter und Helden. Nach dem Dänen Saxo erhielt Balder ein königliches Begräbnis, nach der isländischen Prosaedda aber einen großartigen Leichenbrand auf einem auf das Land gezogenen Schiffe. Als er hinaufgetragen wurde, brach seiner Gattin Nanna das Herz. Mitverbrannt wurde sein Roß in vollem Reitzeug, das Schiff wurde auf das Meer gestoßen. Auch der verstorbene Dänenkönig Harald Hilditönn wurde nach Saxo mit Roß, Wagen und Waffen auf einem Schiffshinterteil verbrannt und seine Urne in Lethra beigesetzt, dagegen ließ nach andrer Sage König Hring die Leiche Haralds, gewaschen und ausgerüstet, auf einem Wagen in den aufgeworfenen Hügel führen, das Roß töten und seinen eigenen Sattel zu dem Toten legen, damit dieser nach eigener Wahl nach Walhall reiten oder fahren könne. Waffen und Ringe warfen Hrings Krieger hinein. Die Schweden wollten den toten Frey nicht verbrennen, sondern begruben ihn, um ihrem Lande seine Gaben, gute Zeit und Frieden, zu erhalten. Nach den nordischen wie deutschen Gräberfunden wurden in dem Brennalter der Bronzezeit nicht Waffen und anderes Kriegs- oder Jagdzeug, sondern nach der Mode des klassischen Altertums vollständige Speise- und Trinkgeschirre in den Grabhügel gelegt. Die Herkunft dieser charakteristischen Beigaben aus dem Süden bezeugt am deutlichsten die häufige ungermanische Verzierung der Gefäße mit Mäanderbändem. Man suchte dem Verstorbenen das Dasein nach dem Tode möglichst genußreich zu gestalten. In jenen meist späteren Bestattungsberichten sind also die Bräuche verschiedener Zeitalter, das Brennen der Bronzezeit und die kriegerische Ausstattung der jüngeren Wikingerzeit, durcheinander geworfen. Tacitus zwar fand nach seiner obigen Aussage schon im Brennalter die Beigaben von Waffen und Roß vor, im Norden aber drang erst in der Wikingerzeit der neue kriegerische Geist in die Gräber, die Leichen wurden erst damals für ein weiteres Kampfleben, für Walhall ausgerüstet. Und die Ynglingasage verheißt jedem in Walhall den Besitz alles dessen, was auf seinen Scheiterhaufen gelegt ist. So fand man in den Bomholmer Gräbern, die der jüngeren Eisenzeit angehören, volle Waffenrüstung, auch Messer, Schere und Wetzstein und wiederum des Toten Reitpferd und Hund, einen Hund von großer, dänischer Rasse. So bargen die Grabhügel über verbrannten wie imverbrannten Leichen allerhand Schätze, die die Lebenden oft zum Nachgraben reizten, zum „Haugbrot“ oder Hügelbruch. Wer an der langen norwegischen Küste hinsegelte, sah ihrer viele, und die Schiffer verkürzten sich gern die Zeit mit Geschichten von ihren Insassen. Dafür dankbar trat einmal einer von ihnen, der tote König Vatnar, aus seinem Grabe, um dem Erzähler im Traume zu erscheinen und ihm zu sagen:

„Du hast meine Sage erzählt; nun will ich dich belohnen. Suche nach Gütern in meinem Grabe, und du wirst noch etwas finden.“

Er suchte und fand viel. Eigenartig germanisch, wenigstens nordgermanisch, ist die Ausstattung des Toten mit einem Schiff, das bald unversehrt mit ihm aufs Meer gestoßen oder beerdigt, bald brennend mit ihm aufs Meer gelassen oder verbrannt mit ihm gleichfalls mit Erde zugedeckt wurde. Wie oben bemerkt, wurde Balder auf brennendem Schiff den Wogen übergeben, Harald Hilditönn aber auf einem Schiffshinter-teüe verbrannt und dann mit einem Erdhügel bedeckt. Den Stammvater der dänischen Könige, Skyld, legten nach dem Beowulf gedieht seine Leute nach seinem Tode reichgeschmückt beim Maste in den Schoß eines Schiffes, befestigten ein goldnes Banner hoch über seinem Haupt und schoben das Fahrzeug ins Meer hinaus auf eine ungewisse Fahrt. Die Völkerwanderung scheint die Schiffsbestattung tief ins Binnenland gebracht zu haben: im 15. Jahrhundert fand man im Berner Oberland ein Totenschiff mit vielen Gerippen tief in der Erde. Aber die wichtigsten zwei Zeugnisse, ein antiquarisches und ein historisches, sind noch nicht gegeben. Vor einiger Zeit ist ein mit Erde bedecktes Schiffsgrab, das etwa aus dem Jahre 900 n. Chr. stammt, bei Gokstad in Norwegen gefunden worden; es barg ein mit einem Mast und 32 Rudern versehenes Schiff, dessen Bord mit Schildern behängt war, und dem darin liegenden unverbrannten Toten waren Pferde und Hunde beigegeben. Andere solcher Schiffsgräber sind außer in Norwegen noch in Schweden, aber nicht in Dänemark gefunden worden. Aber um dieselbe Zeit berichtet der Araber Ibn Fadlän von Schiffsbestattungen der skandinavischen Russen, d. h. der östlichen Nordgermanen, die den russischen Staat gründeten. Er traf ihre Kaufleute in den Jahren 921 und 922 unter den Wolga-Bulgaren. Einen Armen legen sie nach seinem Tode in ein eigens dafür gebautes kleines Schiff und verbrennen es. Beim Tode eines Reichen aber teilen sie seine Habe in drei Teile, von denen der eine der Familie zufällt, der zweite für die Ausstattung des Toten verwendet wird, während sie für den dritten berauschende Getränke kaufen, um es an dem Tage zu trinken, an dem ein Mädchen (die Lieblingskebse?) sich dem Tode preisgibt und mit dem Herrn verbrannt wird. Denn sie ziehen ein Schiff auf das Land und legen darin den prächtig gekleideten Toten auf eine mit Tüchern und Kopfkissen bedeckte Ruhebank. Dann bringen sie ihm berauschendes Getränk, Früchte, Basilienkraut, Brot, Fleisch und Zwiebeln, auch seine Waffen.

Dann werfen sie das Fleisch eines in zwei Teile zerschnittenen Hundes und zweier müde gehetzter und zerstückelter Pferde ins Schiff, endlich einen geschlachteten Hahn und ein Huhn. Das Schiff wird mit seinem Inhalt verbrannt und ein Hügel darüber aufgeworfen. Fast durch ein Jahrtausend kann man als stets wiederkehrende Grabbeigaben Waffen, Pferd und Hund verfolgen; ein kampf- und jagdfrohes Geschlecht ruht zwischen ihnen. Je nach der Mode der Zeit, dem Stande, dem Vermögen und vielleicht auch je nach dem Charakter des Verstorbenen wurden zu seiner Rüstung noch Schmucksachen, Hausrat, Nahrungsmittel und Amulette hinzugefügt. Von letzteren z. B. enthielt ein schönes seeländisches Grabgefäß aus Bronze ausser einem Pferdezahn und Ebereschenzweig Reste eines Vogels, eines Wiesels, einer Natter, als ob diese uns schon (S. 76) bekannten Seelentiere dazu ausersehen wären, das Seelenleben des Toten zu schützen und zu fristen. Die seefahrenden Nordleute brachten das Schiff hinzu, das auch in ihrem Götterkultus und in ihrer Kunst eine viel wichtigere Rolle spielte als bei den Binnenlandsbewohnem. In einem jütischen Sandhügel der jüngeren Bronzezeit fand man, in einem Tongefäß in einander gesteckt, etwa 100 kleine Goldboote, die wahrscheinlich Votivgaben für die Götter waren, und viele südskandinavische Felsenzeichnungen derselben Zeit zeigen uns neben bewaffneten Männern und Wagen mit Pferden am häufigsten Schiffe mit hohen „Hörnern“ oder Steven, oft zu ganzen Flotten vereint. Später, in der jüngeren Eisenzeit, verwendete man das Schiff auch für den Totenkultus. Man richtete namentlich in Dänemark zahlreiche Schiffssteinsetzungen auf, zwei schwach um das Grab ausgebogene Steinreihen. Tiefer griff, wie wir gesehen, die eigentliche Schiffsbestattung ein. Das Schiff war wahrscheinlich nicht nur dazu bestimmt, dem Verstorbenen in einer anderen Welt zu dienen, sondern ihn auch sicher über etwaige hemmende Gewässer dahin zu geleiten, gerade wie auch das mitbegrabene oder mitverbrannte Pferd oder dessen Stellvertreter, das Rind. Die Reise nach Walhall mochte Harald Hilditönn zu Wagen oder Roß machen (S. 110), und die auf jütischen Leichen gefundenen Kuhhäute sollten ihnen die Hilfe der geopferten Tiere sichern. In christlicher Zeit, zuerst nach einer St. Galler Urkunde von 806, fiel auf germanischem, wie keltischem Boden das dem Sarge voranschreitende oder nachfolgende Rind oder Pferd der Kirche statt dem Grabe zu, um dem Seelenheil des Toten zu dienen. Man gedenke dabei des indischen Bestattungsgebrauches, den Schwanz einer Kuh, mit deren Fell der Tote Glied für Glied belegt wurde, ihm in die Hand zu geben, damit er auf schwindelndem Wege nicht falle. Noch heute führt man dort an das Lager des Sterbenden eine reich geschmückte Kuh, damit dieser sie beim Schwanz ergreife und sicher zur anderen Welt hinübergeführt werde. Merkwürdigerweise haben alte Leute in Mecklenburg gehört, daß kurz vor dem Abscheiden eines Familienmitglieds ein Stück Vieh ins Zimmer gebracht worden sei, damit der Sterbende seine Seele in dasselbe hineinhauche. Die deutschen Redensarten: ,die schwarze Kuh drückt ihn oder ,hat ihn getreten bedeuten so viel als: ,er ist todkrank‘  oder ,er ist gestorben‘ . Das norwegische Gedicht Draumakvaedi preist den glücklich, der in dieser Welt den Armen eine   Kuh gibt, er braucht nicht schwindlig auf der Gjallarbru, der Totenbrücke, zu gehen. Und auch den preist es glücklich, der in dieser Welt den Armen Schuhe gibt, er braucht nicht barfuß die Domenheide zum Totenreich zu durchwandern. Der Holsteiner Godeskalk sieht auf seiner um 1190 unternommenen visionären Reise zuerst eine breite Linde, die über und über mit Schuhen behängen war, die denjenigen, die im Leben barmherzig gewesen, gereicht wurden, um darnach eine , weite Domenheide zu durchschreiten. Diese Jenseitsschuhe sind nach dem Volksglauben von Yorkshire dieselben, die man im Leben Armen geschenkt hat. So wurde denn auch dieses wichtigen Reisebedarfs bei der Bestattung nicht vergessen. Es war im Norden Sitte, den Toten Helschuhe zu binden, in denen sie nach Walhall gehen konnten. Auch in Deutschland wurden sie mit Totenschuhen versorgt, um unverletzt über die spitzen Steine und durch die Domen der Unterwelt schreiten zu können. Nach einem rührenden, noch nicht völlig erloschenen deutschen Volksbrauch bedenkt man die im Kindsbett Verstorbene mit Schuhen, damit sie zu ihrem zurückgelassenen Kind kommen und es säugen könne. Statt Schuhe den Toten ins Grab zu geben, spendete man sie in christlicher Zeit den Armen als Gottesschuhe, Hedwigssohlen, oder auch in Gebildbrote für die Armen verwandelt.

Diese oft reiche, oft ärmliche Aussteuer der Toten war gewohnheitsrechtlich genau bemessen. Ein Drittel der Habe jenes russischen Nordmanns an der Wolga wurde dazu verbraucht, dem Toten Kleider zuzuschneiden. Aus diesem für die Totenbestattung bestimmten Drittel wahrscheinlich nur der fahrenden Habe wurde nach der Christianisierung in England, Frankreich und Deutschland the deads pari, la partie au der Tote nteilt oder Seelschats, Seelgerät, Seelteil, ursprünglich ebenfalls ein Drittel der fahrenden Habe, das aber nun der Kirche oder den Armen zufiel, nicht im Grab erstarb. Daher erklärt sich auch, daß der Seelschatz noch bei offenem Grabe geleistet und daß die altheidnischen Beigaben des toten Kriegers, Waffen und Streitroß, der christlichen Kirche zugewendet wurden. Doch kehrte man sich schon in der Heidenzeit nicht immer an solche strenge Teilungsvorschriften: in der Vatnsdaelasaga wird alles, was der Held im Krieg erobert hatte, nicht vererbt, sondern als sein eigenstes Eigen mit ins Grab gesenkt.

Der höchsten Totenbeigabe ist noch nicht gedacht, des mit dem Toten im Leben eng verbundenen Menschen. Die Gefolgsleute eines deutschen Fürsten verschmähten es nach Tacitus, ihren in der Schlacht gefallenen Herrn zu überleben. Sie mögen mit ihm ein gemeinsames Grab gefunden haben. Nanna folgt ihrem Gatten, Brynhild mit Knechten und Mägden ihrem Geliebten auf den Scheiterhaufen, aber dies scheint reine Poesie, der die Wirklichkeit nicht entsprach. Blutsbrüder schwuren sich nach Saxo gegenseitig zu, daß nach dem Tode des einen der andere sich begraben lasse. Auch sitzt nach einer anderen Erzählung der Überlebende wohl bei dem Verstorbenen drei Nächte im Hügel.

Reste der Sitte, dem Toten allerhand Sachen zu weiterem Gebrauch mit in den Sarg zu legen, bestehen im Widerspruch mit der christlichen Lehre bei allen germanischen Stämmen bis auf den heutigen Tag.

Nicht nur durch solche einmalige Liebesgaben, sondern auch durch wiederkehrende Totenopfer wurde für Nahrung und Ehrung des Verstorbenen gesorgt. Die Stiere und Böcke, die die Deutschen nach Papst Zacharias’ Angabe um 748 den Göttern beim Totenopfer schlachteten, galten wohl eigentlich nicht den Göttern, sondern den Toten. Papst Gregor III. im Jahr 739 und kurz darauf der erste Artikel des Indiculus und später Burkhard von Worms bekämpften diese deutschen Opfer, durch die manche Tote ebenso wie Kirchenheilige gefeiert wurden. Im Norden wenigstens opferte man dem König Olaf Geirstadaalf um Fruchtbarkeit an seiner Grabstätte wie einem Alf d. h. Halbgott, und man verteilte die Gebeine Halfdans des Schwarzen gerade wie die Reliquien eines griechischen Heros oder eines christlichen Heiligen, damit sie mehreren Landschaften zum Schutz und Segen gereichten. Nach Rimberts Leben des H. Ansgar erhoben die Schweden ihren König Erich sogar unter die Götter, bauten ihm einen Tempel und opferten ihm darin. Schon die Brandstätten der mykenischen Kuppelgräber und der germanisehen Riesenstuben, welche unverbrannte Leichen bergen, scheinen Opferstellen gewesen zu sein. Kunstloser angelegte Gruben auf Grabfeldem der Merowingerzeit sind mit Asche, Kohlen, Gefäßscherben und Tierknochen angefüllt zum Beweise, daß in ihnen die den Toten dargebrachten und auf den Gräbern genossenen Mahlzeiten zubereitet wurden. Da der altgermanische Opferhof häufig zum Gerichts- und Versammlungsplatz diente, so erklärt sich, warum man noch im Mittelalter auf großen Grabhügeln, als auf früheren Totenopferstätten, Gerichte und Versammlungen abhielt; so auf dem Gunzenlö bei Augsburg und dem Birtinlö bei Rottenburg am Neckar. Bei dem schifförmigen Grab von Blomsholm in Südschweden steht ein „dömhringr“ ein Gerichtssteinring mit einem mächtigen (Opfer ?)stein in der Mitte. Die Totenopfer wurden später von den heidnischen Friedhöfen auf die christlichen übertragen, und mit ihnen drangen Gelage, Gesänge und Tänze sogar in die Kirche, namentlich in deren Vorraum, das „Paradies“. Im Jahr 1348 wurden diese Lustbarkeiten auf den Gräbern am Niederrhein unterdrückt; noch 1638 hielt in England die Kirchenbehörde darnach Umfrage.

Einflußreicher als die Übertragung der Totenopfer von heidnischen Gräbern auf christliche war ihre schon früh aus praktischen Gründen vorgenommene Verlegung vom Grabe ins Sterbehaus. Hier wurde das Leichenmahl gehalten, seltener vor dem Hinaustragen der Leiche, meistens nach der Beerdigung. Es ist das niederdeutsche Ostelbier oder Riieaten Reu-, Traueressen, das nord- und mitteldeutsche Fell-, Haut-, Bastversaufen oder das Sachsenhäuser Totenvertanzen, das bayrische Eindaichteln, das gemeinhochdeutsche Totenvertrinken. Die englischen „minnying days“ Gedächtnistage, das jütische ,der seligen Leiche Heil trinken‘ und das altnordische ,drekka erfl‘ das Erbe trinken oder ,erfiöl‘ Erbbier weisen schon auf einen höheren Sinn.

Im Norden wurde die Erbteilung am Begräbnistage oder am 7. oder am 30. Tage nach dem Tode, oft aber auch wegen der gewaltigen Entfernungen erst am Jahrestage des Begräbnismahls vorgenommen. Dann strömten wie zum Julgelage oder zum Thing von nah und fern die Gäste zu der Feier herbei, die drei Nächte dauerte. Die nächsten Verwandten aber, z. B. die Söhne Hjaltis, gingen zu ihres Vaters Erbgelage so schön gekleidet, daß die Leute glaubten, die Äsen kämen. Am ersten Abend saß der Erbe auf einer Stufe des Hochsitzes, den man für den anwesend gedachten Ehrengast, den Geist des Verstorbenen, frei hielt Dann aber nach einem Minnetrunk auf diesen und die Götter, mit dem er vom Toten freundlich Abschied nahm, bestieg er den leeren Hochstuhl und nahm damit sein Erbe in Besitz. Dann wurde ein Preisgedicht auf den Toten vorgetragen. Diese Teilnahme des Toten an seinem eigenen Gedächtnismahl tritt bei den einfacheren deutschen Leichen-schmäusen zurück. Doch verweilte noch nach neuerer Aussage in Ostpreußen der „Geist“ während dieses Mahls hinter einem breiten Handtuch, womit der Sarg in die Tiefe gesenkt war, oder er setzte sich ungesehen mit zu Tische, an den man ihm Stuhl, Licht, Speise und Trank hingestellt hatte. Erst mit den Gästen entfernt sich auch er. Dieser Stuhl war auch in Schlesien gebräuchlich. In Oldenburg kehrte der Tote drei, im Voigtland neun Tage nach seinem Tode zum Hause zurück, wahrscheinlich um sich wie der ertrunkene Therodd (S. 96) seinen Anteil am Totenmahl zu sichern.

Ein kleiner Zug ist noch bezeichnend, weil er ähnlich im alten Griechenland wiederkehrt. Die Verstorbenen haben namentlich Anspruch auf das Haus- oder Heimbrot. Wenn jemand in Tirol Brosamen auf die Erde fallen läßt, so sagt er:

„Arme Seelen, rappet, daß ’s der Tuifel nit dertappet“,

und wenn er Brosamen ins Feuer wirft, so kommen sie armen Seelen zu. Auch in Griechenland gehörten vom Tisch gefallene Brosamen den Verstorbenen, den Heroen.

Wieder stoßen wir hier auf einen den Indogermanen gemeinsamen eigentümlichen Festbrauch. In Indien stimmten die verschiedenen Provinzen in der Wahl und Zahl der Totengedächtnistage nicht immer genau überein. Aber der 1.,3., 7., 9. nach dem Tode springen als die beliebtesten Tage der Wasserspenden an den Verstorbenen und der 30. als ein Haupttotenopfertag deutlich heraus. Am dritten, später am 10. (9.?) Tage lud der Erbe den Verstorbenen zum Kloßopfer ein und trat damit seine Erbschaft an. Die Seele der toten Perser blieb bei ihrem Leibe noch drei Tage bis zum Schaf- oder Ziegenmahl, und während neun Tage durfte kein Feuer im Hause brennen. Am 30. Tag war das Totenopfer. Nachdem die Griechen am 3. Tage das Grabesopfer der Trita dargebracht hatten, nahmen sie das Perideipnon, das Rundmahl, ein, wobei in die Runde getrunken und der Verstorbene, der für den Wirt galt, gepriesen wurde. Auch noch am 9. oder 10. Tage setzte man Speisen, die Ennata oder Neunten, aufs Grab und schloß in Athen am 30. die Trauerzeit. Die Römer reichten dem Toten am 3. oder 7. Tage das Silicernium, Schweigemahl, am Grabe und feierten am 8. und 9. Tag in großer Stille daheim das Novemdiale, das Neuntagsopfer. Älter war wahrscheinlich die Circumpotatio, der Rundtrunk, den das Zwölftafelgesetz verbot. Doch der Grundsatz blieb: „Keine Erbschaft ohne Totenopfer“. Beide klassischen Völker brachten auch ein Jahrestotenopfer. Die littauische Totenfeier endet mit dem 9. Tag.

Diese heidnischen Festsetzungen eignete sich, auf biblische Stellen gestützt, auch die Kirche für ihre Seelmessen an, und so sind auch im deutschen Mittelalter der 3., der 7. und der 30. oder 40. Tag durch feierliche Seelgottesdienste ausgezeichnet. Und manche Geistliche hatten die Neigung, diese Totenfeste nicht nur in christlichem, sondern auch in heidnischem Stil mitzufeiern, so daß die Wormser Synode von 868 den Priestern verbieten mußte, an den Totengedächtnistagen des 3., 7., 30. oder am Jahresgedächt-nis sich zu berauschen, zu Ehren der Heiligen zu beten und der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich garstige Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und Maskenspiele, talamascae, vorführen zu lassen. Noch im Scherzgedicht vom Frankfurter Borgerkapitän trinkt man beim Leichenmahl des ,Gestorbenen Gesundheit’.

Nicht nur eine Privatfeier des Einzeltoten, sondern auch eine umfassendere gemeinsame Feier mehrerer Toten eines Geschlechts oder einer ganzen Gemeinde kannte bereits das indogermanische Altertum. Drei Generationen Ahnen bis zum Urgroßvater wurden geehrt; „einen vierten Ahnen gibt es nicht“ sagte ein indisches Gesetzbuch. Später opferte man den Ahnen bis ins zwölfte Glied hinauf und empfahl endlich auch dringlich die Ehrung der verstorbenen Mütter. Ahnenopfer brachte auf der Hochzeit das junge Paar, wenn es zum Zeichen der Fruchtbarkeit mit Reis bestreut war, und wenn die Braut sich dem häuslichen Feuer und den Ahnen verneigte. Die indischen Hausregeln setzten für die allgemeinen Haupttotenfeste den Nachmittag der zweiten Monatshälfte am Ende und am Anfang des Winters an. Nachdem die herangekommenen Ahnen mit Speis und Trank gestärkt waren, wurden sie entlassen mit den Worten „Nun gehet fort, ihr Väter, auf euren tiefen alten Pfaden“, und wurden auch wohl bis zur Dorfgrenze begleitet. — Die Perser spendeten zu Ende Februar den Ahnen und den Armen ein Mahl. — Auch die Griechen opferten den Toten gegen Abend an den drei letzten Monatstagen im Frühling, wie im Herbst. Auch sie vertrieben bei der Darreichung ihrer Gaben die Seelen mit den Worten: „Aus der Türe, ihr Seelen“. In Attika beteten die Neuvermählten, die auch mit Früchten überschüttet wurden, zu den Dritt-vätem um Kindersegen. — Die Römer öffneten beim Eintritt des Bräutigams ins Haus, der dabei Nüsse ausstreute, die Schreine, in denen die Ahnenbilder standen. Auch sie feierten im Frühling wie im Herbst ein Totenfest, vorzugsweise gegen Ende des Tags und Monats. Im Mai entließ man die Lemuren, die unruhig tungehenden Verstorbenen, nach einem Bohnenopfer mit dem neunmaligen Rufe: „Geht hinaus, ihr Ahnen.“

In denselben Bahnen bewegte sich die Seelenfeier der heidnischen Germanen und verließ sie auch nicht nach der Bekehrung. Auch sie schoben sie gern auf das Ende eines Zeitabschnitts. In der Oberpfalz und am Rhein kommen die armen Seelen jeden Samstag aus dem Fegfeuer in ihr Haus, und an diesem Tage wird ihnen im Zillertal ein Stück Butter auf den Dreifuß des Herdes gelegt, um ihre Brandwunden zu salben. In Tirol und Böhmen bleiben sie vom Mittag- oder Abendläuten des Allerheiligentags bis zum Morgenläuten des folgenden Allerseelentags. Am Schluß der Ernte, im Herbst, feierten die Marsen beim Tempel der Tanfana ein großes Erntefest, an dem als Teilnehmer wahrscheinlich auch die Toten gedacht wurden. Denn zu derselben Zeit ehrten die Sachsen nach ihrem Sieg bei Scheidungen im Jahre 531 drei Tage lang ihre Toten, offenbar nach älterer Sitte. Die Kirche verlegte auf den 29. September das Fest ihres Seelenpatrons St. Michael, und in der damit verknüpften Festzeit, der Meinweke, oder ,Gemeinen‘ , wurden täglich Seelmessen gelesen. Im Norden trank man auf dem Herbstfest zu Ehren der Götter und der Verstorbenen einen Gedächtnistrunk, der später die Mikjalsminni hieß, und Michaelis Kirchwreih ist nach oberbayrischer Anschauung in Himmel und auf Erden, d. h. wird von den Verstorbenen im Himmel, deren Minne getrunken wird, wie von den überlebenden Freunden auf Erden gefeiert. Odilo von Clugny setzte im 10. Jahrhundert diesen allgemeinen Seelenkult in Novembersanfang. Besonders in Tirol ist der neue christliche Kult mit altheidnischen Bräuchen stark verschmolzen. Wie man vor Jahrtausenden den Toten in ihren kalten Steingräbern Feuer anmachte (S. 106), heizt man hier noch für die Allerseelennacht ein, damit die armen Seelen sich wärmen können, stellt Krapfen oder besonders geformte Kuchen für sie auf den Tisch, auch Milch. In Schweden empfängt man die Verstorbenen erst am Julabend in möglichster Stille in gewärmter Badstube, überläßt ihnen den Hochsitz und erquickt sie mit Julspeise. In Norwegen räumt man ihnen am Julabend die Betten ein.

Auch die bei jenen vier indogermanischen Völkern bemerkte Frühlingsfeier der Toten fehlte den Germanen nicht, insbesondere nicht der bezeichnende Zug, die Verabschiedung der Seelen, wenn er auch verdeckt erscheint. Schon die zweite Synode von Tours 567 mißbilligt diejenigen, die an der Stuhlfeier Petri den Toten Speisen opfern und nach der Messe daheim sich heidnischen Mißbräuchen hingeben. Man muß bedenken, daß dieses Fest in der römischen Kirche bis mindestens ins 12. Jahrhundert ausschließlich an dem altrömischen Totentag, dem 22. Februar, den sogenannten Caristia begangen wurde. Lorichius tadelte noch im 16. Jahrhundert den heidnischen Unfug in Schwaben, Fleischspeisen am ersten Fastensonntag, also um dieselbe Zeit, durch die ganze Nacht für die Seelen bereit zu halten. Dann kochte man auch im Odenwald und am Niederrhein leckere Speisen für die lieben Englein d. h. Seelen und ließ sie bei offenem Fenster über Nacht auf dem Tisch stehen. Um dieselbe Jahreszeit, in den Anthesterien, rief man in Athen nach der Seelenbewirtung: „Aus der Tür hinaus, ihr Seelen!“, und die Inder und Römer kannten ähnliche Verabschiedungen der Seelen (S. 19). Derselbe Ruf scheint versteckt in der bis in unsere Tage hineinreichenden Petri Stuhlfeier Westfalens und der badischen Ortenau, die zwar jene bereits von der Wormser Synode bekämpfte Totenspeisung auf gegeben hat, aber auch auf eine Vertreibung, wie die athenische Feier, gerichtet ist. Mit lautem „Herausruf“ und Hämmern an die Pforten werden Kröten, Schlangen, Mäuse und Motten, die wir alle als Seelentiere kennen, aus der Türe hinausgejagt. Und wiederum ist es doch nur eine Verschleierung des seelischen Inhalts dieser alten Bräuche, wenn Schwaben, Bayern und Franken am etwas späteren Frühlingsfest des Laetaretags: „Daraus, daraus, Tod naus, Tod naus“ singen.

Die Kirche hat endlich auch den schönen Familienzug der Ahnenbegrüßung durch das Brautpaar, den wir in Indien, Griechenland und Rom fanden, nicht ausmerzen können oder wollen. In der schwedischen Landschaft Wärend trinkt der Bräutigam auf das Wohl seiner verstorbenen Voreltern und seiner Schwiegervoreltem. Am Lechrain, in Oberschwaben, Baden und um Saarlouis geht das Paar vor oder nach der Trauung mit den Freunden an die erblichen Grabstätten, um dort zu beten. Dies Betreten der Gräber nannte man bei Saarlouis „zu Gaste laden“. Das Gebet zu den Ahnen mag auch hier vorzugsweise auf Kindersegen gerichtet gewesen sein, wie bei jenen andern Völkern, wenigstens kommt die dort damit verbundene Beschüttung mit Früchten auch in Deutschland in demselben Abschnitt des Festverlaufes vor. Wenn das junge Paar aus der Kirche trat, überreichte man ihm in der Zwickauer Gegend Getreideähren, in Oberelsaß und in Mecklenburg aber begoß man es mit Korn oder Leinsamen. Nicht nur bei der Eheschließung, sondern auch bei andern wichtigen Entschlüssen suchte man die Stätten der Ahnen auf. So forderte der mächtige Gode Snorri einen ratsbedürftigen Freund auf, mit ihm hinauf aufs Helgafell, den heiligen Berg seiner Vorfahren, zu gehen, denn die dort geratenen Ratschläge seien gewöhnlich nützlich gewesen. Offenbar, weil die Toten für Schutzgeister der Familie galten.

Wie sich der Totenkultus aus dem engeren Geschlechtsverbande zu einer umfassenderen Geltung emporarbeitete, lehrt am deutlichsten die germanische namentlich im Norden, wo sich diese Art der Genossenschaft, gleich dem für ihre Hauptfeier maßgebenden Erbmahl, in der altertümlichsten und vollsten Form erhalten hat. Die nordische Gilde war eine nicht auf Blutsverwandtschaft, sondern auf einen feierlich beschworenen Bund gegründete Brüderschaft, deren Mitglieder in ältester Zeit die der Sippe zustehende Pflicht übernahmen, den Totschlag eines Mitglieds zu rächen, oder das Wergeid dafür zu empfangen und den Kultus des Toten zu besorgen. Sie führte ihren Namen von dem aus gemeinsamen Beisteuern, Geldern, bestrittenen regelmäßig wiederkehrenden Opfergelage, altnordisch gildi, altsächsisch geldy angelsächsisch gild, das ursprünglich dem Verstorbenen von der Genossenschaft verrichtet wurde. Der Erbe fügte bei diesem Mahl der Minne des Vaters die Minne der Götter, in christlicher Zeit aber Gottes, Christi und seiner Heiligen bei, die nach der Sage der Bischof Martin von Tours in einem Traum dem König Olaf Tryggvason statt der Götter beim Minnetrunk anzurufen geboten hatte. So trank denn auch z. B. König Svein als Erbe die Minne seines Vaters, des großen Knut, mit dem Gelübde, den Angelsachsen König Äthelred zu töten, dann die Minne Christi und endlich die des heiligen Michael. Der Totenminnetrunk wurde in den christlichen Gilden, z. B. den schwedischen, durch ein Gebet aller Brüder und später auch Schwestern für das Seelenheil der verstorbenen Mitglieder verdrängt, dann folgte aber der Rundtrunk auf das Gedächtnis Gottes im Himmel, der Dreieinigkeit oder des Schutzheiligen Erich oder Olaf oder aller Heiligen. Der altheidnische mit Blutrache und Totenverehrung verquickte Seelendienst mag vorzugsweise Karl den Großen im Jahr 779 bewogen haben, den sächsischen Gildebrüdem die gegenseitige Eidleistung zu verbieten und ihnen nur bei Feuers- und Wassersnot gegenseitige Hilfe zu gestatten.

Man verkehrte aber mit den Toten nicht nur durch Opfer, sondern auch durch , eine uralte Kultart, die gerade in diesem Verkehr ihre starke Stammwurzel hatte. Die Toten, an Alter den Lebenden überlegen und in andre Kreise entrückt, wußten mehr als die Hinterbliebenen. Schon die Sterbenden vermochten in die Zukunft zu schauen, wie der todeswunde Sigmund den Ruhm seines noch ungeborenen Sohnes Sigurd voraussagte, und dieser scheute sich, dem von ihm erlegten Drachen Fafnir seinen Namen zu nennen, aus Furcht vor des Sterbenden Fluch. Dem Verstorbenen vollends traute man übermenschliche Fähigkeiten zu und suchte sich in Zweifeln und Nöten seines Rats und Beistandes zu versichern. Man ging an sein Grab und weckte ihn durch feierliche Rufe, Beschwörungen und Runensprüche, die Hellirunen d. h. Unterweltsrunen. Als Sacrileg bekämpfte solches Toten wecken und befragen schon der fränkische Indiculus im 8. Jahrhundert bei den Sachsen. Swipdag rief vor seiner Brautfahrt seine Mutter Groa, ihn aus dem Grabe mit ihrer Zukunftskunde in Zaubersprüchen zu beraten. Hervör erwirkte durch ihren Weckruf, daß ihr toter Vater Angantyr ihr das fluchbeladene Schwert Tyrfing aus seinem Grabhügel warf. Wie im 12. Jahrhundert ein Norweger auf den Orkneys auf die Gräber ging, um von den Toten Ratschläge und Kunde verborgener Dinge zu empfangen, so legten in Deutschland „weise Leute“ noch vor kurzem den Toten nachts auf dem Friedhof Fragen über die Zukunft vor. Auch ging der alte Nordmann wohl zum Galgen, um mit dem vom eddischen Havamal überlieferten Runenspruch den daran schwebenden Leichnam zum Gehen und Sprechen zu bringen. Die Völur oder Seherinnen aber setzten sich nachts draußen auf das Feld, wo viele Geister schwärmten, und holten sich von ihnen ihre Weisheit (siehe unten). Also auch die Weissagung stammt aus dem Bereiche des Seelenkultus, und selbst der oberste Gott bedarf ihrer Hilfe. Durch Balders böse Träume erschreckt, ritt Odin zur Hel hinab und zwang durch seinen Leichenzauber eine längst tote Wölwa, auf die schon viel Schnee und Regen gefallen war, zur Auskunft über der Götter Schicksal.

Wie die christlichen Gräber unter dem Zeichen des Kreuzes oder auch unter einer frommen Inschrift stehen, so wurden die nordischen Grabsteine und Urnen nicht nur durch eingeritzte Hammerfiguren und Hakenkreuze, Thors Blitzwaffen, sondern auch noch deutlicher durch Runeninschriften wie: „Thor, weihe dieses Grab!“ geschützt. Im Bronzezeitalter aber stellte man im Norden große inschriftlose Steine bei und zuweilen in dem Grabe auf, die sogenannten Bautasteine, wahrscheinlich ursprünglich, um den Toten darin festzuhalten. Doch wurden diese Steine später durch Runen zu Gedenksteinen umgebildet. Dem Bautastein innerlich verwandt scheint die Heersäule (Haristado) oder der Stappel des Salischen Gesetzes, der ins Grab eingelassen wurde, und ziemlich klar liegt die Geschichte des bayrisch – alemannischen Toten-, Leichen-oder Rebretts vor. Man legte den Verstorbenen gleich nach dem Tode auf ein Brett, brachte ihn auf diesem zum Grabe, ließ ihn in die offene Erde hinabgleiten und legte das Brett über ihn. Dies letzte bezeugt das bajuwarische Gesetz. Auf der Züricher Landschaft und in der Ramsau ließ man noch später die Leiche vom Brette hinab, nahm dieses aber mit, um es als Gedenkladen über einen Bach zu legen oder am Wege aufzurichten. Noch später richtete in Bayern der Tischler zuerst das Brett, dann den Sarg und das einfache Holzkreuz. Das Brett wird noch im Salzburgischen beim Leichenzuge mitgetragen und bei der „Totenrast“, am ersten Feldkreuz oder alten Baum, woran ein Heiligenbild hing, unter kurzem Gebete niedergelegt. Oder es wird im Pinzgau nach der Heimkehr vom Begräbnis an der Scheune der Familie des Verstorbenen wagerecht befestigt oder senkrecht in die Erde gepflanzt. Sie sollen den, der über diese Rebretter oder Gedenkläden schreitet oder an ihnen vorbeigeht, zum Gebete für die arme Seele mahnen. Mitten in der freien stillen Natur oft in größerer Anzahl aufgerichtet, ergreifen sie als eigenartige Totengedächtnismäler einer anderen Welt mächtig das Gemüt, wie jene hohen unbehauenen Bautasteine, die in Schweden und Bornholm meistens auch in größerer Anzahl beisammenstehen.

Das bunte Wirrsal aller dieser oft widerspruchsvoller Vorstellungen und Bräuche indogermanischer Völker durchzieht wie ein roter Faden ein Urgefühl, ein Grundgedanke: die Seele ist ein nach dem Tode mehr oder minder sinnlich fortlebendes, wenn auch nur einige Zeit, etwa drei Menschenalter, nicht ewig fortlebendes Wesen. Sie fährt als Wind dahin, wohnt als Tier im Hause, streift in Wolfsgestalt umher oder kehrt als Wiedergänger in Menschengestalt zurück. Sie kann sich zu einem Heros, zu einem Rache- oder Schutzgeist steigern, wie wir noch hören werden. Sie kann mächtig auf das Dasein der Hinterbliebenen ein wirken. Weil sie reizbar ist, wird sie meistens abgewehrt oder zu versöhnen gesucht, doch macht sich später auch liebevolle Verehrung bemerkbar. Zumal am 3. Tage nach dem Tode, ferner am 9. (10.), später am 7., dann am 30. und endlich am Jahrestage des Todes verlangt die Seele ihr Opfer, die Seelengesamtheit im Herbst und im Frühling, wenn, wie es scheint, ihre Lebensweise mit der Jahreszeit sich ändert. Ein fleißiger Verkehr entsteht zwischen den Lebenden und den Toten und unterhält, wie z. ß. namentlich beim Gebet zu den Ahnen auf der Hochzeit, einen festen Familienzusammenhang. So ist auch vielfach noch der Aufenthalt der Seele das Haus, das sie als lebendiger Mensch bewohnte, oder doch die Umgebung desselben, das nahe Grab oder ein benachbarter Berg. Noch Snorres Vorfahren nimmt der heilige Fels Helgafell auf, und Holger Danske, Siegfried und die drei Grütlimänner gehen in den Berg. Doch bewohnen die Seelen auch abgelegene Heiden- und Waldhügel oder fahren unruhig in nebelnder oder sausender Luft einher. Wie es keine ewige Fortdauer, gibt es auch kein eigentliches Jenseits für sie. Doch besteht schon früh ein Vergeltungsglaube. Das ist der Urglaube der indogermanischen Völker, der zwar durch den Elfen- und den Götterglauben erweitert und veredelt wird, aber trotz aller Poesie und Philosophie und selbst trotz der Bekehrung zum Christentum noch immer wie ein Bleigewicht an den höheren Unsterblichkeitsvorstellungen unseres Volkes hängt.

Der Seelenglaube hat auf die anderen Gebiete der heidnischen Religion einen starken Einfluß geübt. Die Seele als Wind z. B. griff vielfach in den Kreis der Winddämonen und der Windgötter hinüber. Die Seele als Tier, das vor dem Todesmoment erscheint, und als Wiedergänger mußte den Glauben an besondere Schutz- oder Rachegeister wecken oder stärken. Vereinigte sich die Seele schon im Winde mit den Dämonen und Göttern, so lag es nahe, sie auch in deren Rast- und Wohnörter einzuführen und diese zu Höllen und Paradiesen zu gestalten. Die alten Totenopferzeiten und -bräuche wurden zum Teil auch den Naturgeistem und den Göttern zugewendet. Der Seelenglaube wurde eine Vorschule gar mancher höherer Mythenbildungen und Kultusformen. Diese sind weiten, teilweise später angelegten Schonungen vergleichbar, die im Schutze eines älteren Waldes aufwuchsen, um endlich hoch über jenen emporzuschießen. Wir betrachten nun diese anderen Bestände.

Text aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Verfasser Meyer, Elard Hugo.

Siehe auch Deutsche Mythologie:

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Mythologie der Germanen

Der Baumkultus der Germanen und Ihrer Nachbarstämme

Mythologische Untersuchungen

Kapitel II.

Kapitelgliederung:
§ 1.   Uebersicht
§ 2.   Holz- und Moosfräulein
§ 3.   Wildleute in Böhmen
§ 4.   Wildleute in Hessen, Rheinland, Baden.
§ 5.   Wildleute in Tirol: Fanggen.
§ 6.   Wildleute in Graubünden: Waldfänken.
§ 7.   Wildleute in Tirol: Selige Fräulein
§ 8.   Wildleute: die rauhe Else der Wolfdietrichssage
§ 9.   Wilde Leute: Norggen
§ 10. Wilde Leute: Bilmon, Salvadegh, Salvanel in Wälsch-Tirol
§ 11.  Freibäume
§ 12.  Wildleute: Delle Vivane, Enguane
§ 13.  Wilde Leute der keltischen Sage
§ 14.  Dames vertes
§ 15.  Wildfrauen in Steiermark
§ 16.  St. Walpurgis
§ 17.  Weiße Weiber, Ellepiger, Meerfrauen
§ 18.  Die schwedischen Waldgeister
§19.  Die russischen Waldgeister
§20.  Peruanische und brasilianische Waldgeister
§21.  Rückblicke und Ergebnisse

§ 1. Uebersicht.

Der Erörterung der Baumseele lassen wir die Besprechung der Waldgeister folgen. War der einzelne Baum beseelt, so mußte man sich den Wald von einer Vielheit dämonischer Wesen erfüllt denken. Dieselben erscheinen jedoch nicht mehr als die immanenten Psychen der Baumleiber, sondern als selbständige freiwaltende Persönlichkeiten, deren Leben an dasjenige der Bäume gebunden ist, und deren Verrichtungen zum Teile aus der Vorstellung des anthropomorphisierten Baumes geflossen sind, die aber gemeinhin außerhalb der Bäume wohnen und handeln. Man könnte es gewissermaßen als ein abgekürztes Verfahren von Seiten der Phantasie bezeichnen, wird es aber natürlich finden, wenn schon einige wenige dieser Baumgeister ausreicheu, um collectivisch den ganzen Wald zu vertreten, und wenn in die Vorstellung und den Glauben, die man von ihnen hegt, Züge übergehen, welche in plastischer Anschaulichkeit den Eindruck verkörpern, den nicht sowol der einzelne Baum als die Gesammtheit der Bäume mit ihren Lebensäußerungeu auf die menschliche Seele ausübt. So gelten nicht allein die mannigfachen Stimmen und Töne, die im Walde laut werden, sondern auch die Bewegungen der Aeste für Anzeichen von dem Dasein der Waldgeister, für Formen ihrer Lebenstätigkeit. Was wir oben S. 42 wahrnahmen, bestätigt sich hier; im Rauschen der Blätter, im Sausen und Brausen der erregten Luft macht sich die Baumseele, die Seele des Waldes selbst bemerkbar, es schweben die Waldgenien im Wirbelwinde und Sturme dahin und ziehen als Jäger oder Gejagte in der wilden Jagd einher.

Der grüne Wald ist die großartigste, üppigste und augenfälligste Entfaltung von Pflanzenwuchs; deshalb wird der Waldgeist, indem er in abermaliger Begriffserweiterung generellen Character annimmt, zum Dämon der Vegetation; so daß er sogar in dem Leben der Kulturpflanzen waltend, Korn und Flachs hervorbringend gedacht wurde. Und sei es nun, daß von hier aus eine Uebertragung stattfand, oder daß aus dem Pflanzenwuchs in Feld und Alpenwiese sich ganz gleichmäßig ebenfalls die Gestalten von Vegetationsdämonen entwickelten, genug auch außerhalb der Wälder keimt der Volksglaube Berg- und Feldgeister, welche mit geringer Abweichung den geisterhaften Waldleuten zum Verwechseln ähnlich sehen. Der gemütliche und geistige Reflex localer Naturverhältnisse allein scheint alle diese Wesen durch individuelle Besonderheiten unterschieden zu haben. Die Holz- und Moosleute in Mitteldeutschland, Franken und Baiern, die wilden Leute in der Eifel, Hessen, Salzburg, Tirol, die Waldfrauen und Waldmänner in Böhmen, die Tiroler Fanggen, Fänken, Nörgel und selige Fräulein, die romanischen Orken, Enguane, Dialen, die dänischen Ellekoner, die schwedischen Skogsnufvar, endlich die russischen Ljeschie bilden auf diese Weise eine einzige Sippe mythischer Gestalten. Es wird unsere Aufgabe sein, im Folgenden die Zusammengehörigkeit dieser Gestalten darzutun, um zugleich an ihnen die characteristischen Eigentümlichkeiten in Eigenschaften und Verrichtungen zu beobachten und uns zum Bewußtsein zu bringen, welche die Tradition diesen Wald- und Feldgeistern zuschreibt. Etwas ausführlicher werden wir in dieser Auseinandersetzung bei einigen Sagen verweilen müssen, denen wir später im grauen Altertume bei Faunen, Satyrn, Panen und Silenen wiederbegegnen und einen wesentlichen Beitrag zum Verständniß der Natur dieser Wesen verdanken werden.

Wir beginnen mit einem an eine Volkssage oder Volksvorstellung angelehnten altnorwegischen Sinnspruck, der wirksamer den nämlichen Gedanken ausdrückt, wie unser Sprichwort

„Kleider machen Leute“.

Das nordische Epigramm lautet:

„Meine Kleider gab ich auf dem Felde zweien Baummännern. Sie dünkten sich Helden, als sie Gewande hatten; der Schmähung ausgesetzt ist der nackende Mann“.1

Der einsame laub- und rindenlose Baum ist hier deutlich zu einem freibeweglichen koboldartigen Wesen geavorden; wie denn von hilfreichen Zwergen,

Hausgeistern und Kobolden in Deutschland vielfach die Sage vorkommt, daß man zum Lohn ihrer Dienste und aus Mitleid mit ihrer Nacktheit ihnen Kleider schenkt; sobald sie das sehen, dünken sie sich zu vornehm zu arbeiten und verschwinden. Diesen aus der Baumseele hervorgegangenen nordischen Baummäunern stehen deutsche Waldgeister ganz parallel.

§ 2. Holz- und Moosfräulein.

Wolbekannt ist in Mitteldeutschland eine Klasse geisterhafter Wesen,1 welche im Riesengebirge als Rüttelweiber, im Böbmenwalde und in der Oberpfalz als Holzfräulein, Waldfräulein, Waldweiblein, im Orlagan und Harz als Moosweiblein, Holzweihel, um Halle als Lohjungfern, (von loch = lucus Gebüsch) bekannt sind und denen sich entsprechende männliche Gestalten Waldmännlein, Moosmännlein zugesellen.2 Die letzteren sind seltener, als die Moosweibchen und ganz in Grün gekleidet. In der Gegend von Saalfeld bilden Handwerker, besonders Drechsler diese Wesen als Püppchen nach und

stellen sie zum Verkauf; zumal zu Weihnachten stellt man in Reichenbach noch kleine Moosmänner auf den Tisch. Als Oberhaupt der Moosfräulein wird an der Saale die Buschgroßmutter genannt. Die Moosleute beiderlei Geschlechts haben einen behaarten Körper, jedoch ein altes runzeliges Gesicht, das an mehreren Stellen gleich alten Baumstämmen ganz mit Moos bewachsen ist. Eine Oberpfälzer Sage sagt, das Holzfralerl sah ganz moosig aus. wie Wickelwerg, klein und ohne bestimmte Gestalt: eine Harzer aus Wildemann beschreibt die Moosweiblein als ganz in Moos gekleidet, das sie wie eine Decke oder ein Fell umgab.1

Ihr Leben ist an das Leben der Waldbäume gebunden. So oft ein Mensch ein Bäumchen auf dem Stamme driebt. d. h. so lange umdreht, bis Rinde und Bast abspringeu, muß eines von den Waldleuten sterben. Es ist mithin der Trieb der Selbsterhaltung, der sie veranlaßt den Menschen, mit welchen sie Zusammenkommen, als gute Lehre einzuschärfen: „Schäl’ keinen Baum“,2 oder „Reiß nicht aus einen

fruchtbaren Baum.” 1 Unter dem fruchtbaren Baum ist hier noch ganz altertümlich nicht der Obstbaum zu verstehen, sondern der Waldbaum, welcher Eckern (d. h. Frucht, goth. akran2) trägt, Eiche oder Buche. Das Verbot des Baumschälens gewinnt durch die vorhin besprochenen Strafen ebensowol einen tiefen und realen Hintergrund, als es unserer Auseinandersetzung darüber zur Bestätigung gereicht. Wenn es zuweilen heißt, daß die Holzfräulein lange gelbe Haare haben,3 so darf vergleichsweise darauf hingewiesen werden, daß in dichterischer Sprache nicht selten das Laub der Bäume als deren Haar bezeichnet wird.1

Lassen diese Angaben noch die Ansicht durchblicken, als wenn die Waldleute den Bäumen des Waldes als deren Elementargeister immanent seien, so zeigen andere Aussagen sie in freier Tätigkeit, so jedoch, daß noch mehr als ein Characterzug eine fortwährende Erinnerung an ihr Baumleben bewahrt. Sie wohnen in hohlen Bäumen, nach andern in Mooshütten, betten ihre Kinder auf Moos oder in Wiegen von Baumrinde, schenken grünes Laub, das sich in Gold verwandelt, und spinnen das zarte Miesmoos, das oft viele Schuhe lang von einem Baume zum andern gleich einem Seile hängt. Denn davon haben sie ihr Gewand. Daher sollen sie auch wunderbare nie endende Garnknäuel an ihre Lieblinge vergaben.5 Anderes Tun von ihrer Seite characterisiert sie — wie es scheint — als Genien eines größeren Vegetationsgebiets oder der Vegetation überhaupt

Denn wie anders wäre der Zug: zu deuten, daß man z. B. in der Oberpfalz beim Leinsäen einige Körner für das Holzfräulein in die Büsche des nahen Waldes warf? War die Leinsaat aufgegangen, so verfertigte man bei Gelegenheit des Jätens aus den Restchen von Flachsstengeln ein Hüttehen und rief:

Hulzfral! dan is daú Dal!
Gib an Flachs an kräftiuga Flaug,
Nau hob i un du gnaug.1

Auch bei der Ernte läßt man im Frankenwalde drei Hände voll Flachs für die Holzweibel auf dem Felde liegen.2 Zu Neuenhammer in der Oberpfalz bindet man beim Ausraufen des Flachses vom Felde 5—6 Halme, die man stehen läßt, oben in einen Knoten zusammen, damit das Hulzfral sich darunter setze und Schutz finde.

Auch kleidet sich das Hulzfral in Flachshalme.3 Man traf einst ein solches zur Erntezeit ganz in Flachshalme eingewickelt auf einem Baumstumpf im Wahle sitzen; Erntearbeiter nahmen es mit nach Hause. Es sprach eine unverständliche Sprache und winselte so lange, bis man es wieder an seinen Ort brachte.4

Jener Flachsbüschel, welcher vielfach (z. B. Pilsen in Böhmen) auf dem Acker stehen bleibt,5 wird mitunter z. B. Küps bei Kronach in Oberfranken) in Gestalt eines Zopfes geflochten und jubelnd umtanzt, wobei die jungen Leute rufen:

Holzfrala, Holzfrala!
Flecht ich dir a Zöpfla
Auf dei nackets Köpfla.8

Panzer bringt aus dem Coburgischen eine Variante bei, welche besagt, daß man schamhaft bemüht sei, dem durch das Abernten des Flachsfeldes entblößten Mutterschoße der Holzfrau eine Hülle zu bereiten.7 Aber nicht allein bei der Flachsernte,

auch bei der Heu- und Kornernte bedenkt fromme Einfalt die Holzweibchen. Im Amte Sonneberg bei Meiningen, überhaupt im Meininger Oberland, bei Calmbach in Oberfrankeu u.s.w.1 läßt man, wenn das Grummet eingefahren wird, ein kleines Häufchen Heu auf der Wiese liegen und sagt, das gehöre den Holzfräulein oder dem Hulzfräle für den gebrachten Segen. Endlich ist aus dem Böhmenvahle, der Oberpfalz und Oberfrankeu auch die Sitte bezeugt, auf dem Fruchtacker einige reife Aehren der Ernte, einen Büschel, als dem Holzfräulein, der Holzfrau, dem Waldfräulein zugehörig stehen zu lassen,1 dann soll man im nächsten Jahre desto mehr Segen in seine Kornscheuern einheimsen. Und nicht minder bleibt zu Guttenberg B. A. Stadtsteinach in Oberfranken auf jedem Obstbaum etwas von der Frucht für das Holzfräulein hangen.3

Deutlich erkennt man in diesen Gebräuchen die folgenden Anschauungen: Wie wir oben dieselben Geister bald den Baum, bald niedere Pflanzen bewohnen, von ihnen ausgehen und zu ihnen zurückkehren sahen, so zeigt das nämliche Wesen, welches in der Vegetation des Waldes wirksam ist, sich auch in dem Leben des Korn- und Flachsfeldes und der Graswiese regsam. Es lebt in ihnen und lebt ihr Leben mit. Daher sind die Flachshalme die Hülle seines Leibes, darum entblößt ihm das Ausraufen der Halme Kopf und Schoß. Aber danebenher läuft wieder die andere Wendung dieser Vorstellung, daß es im Fehle wohne und den Halmen guten Schutz zum Wachstum gebe. Daher bereitet ihm fromme Sorgfalt ein Hüttchen. Man darf

alle diese Bilder und mythischen Vergleiche nicht bis ins Einzelne ausmalen; zu ihrem Wesen gehört eine reizvolle Unbestimmtheit. Der geistige Eindruck, den die Natur macht, hat sich in ihnen zu lebendigen Gestalten verkörpert, welche einzelne Züge der bildlich augeschauten Notwendigkeit entlehnen, mit den übrigen aber durch eine freie Schöpfung der ergänzenden Phantasie beschenkt sind. Die einmal gewordene Gestalt lebt, da sie im Volksglauben eine erträumte Realität besitzt, weiter und entwickelt, verändert sich in den Köpfen der Gläubigen. Es kann uns daher nicht auffallend sein, neben den dargelegten Anschauungen der andern Auffassung zu begegnen, daß das Holzweibchen Eigentümerin des Flachses, Getreides, Grases sei und deshalb ihm wenigstens ein Anteil, ein Büschel, eine Handvoll gelassen werden müsse, während der Mensch das Uebrige in seinem Nutzen verwendet. Ueber diese in analogen Erntegebräuchen vielfach hervortretende Meinung verweise ich einstweilen auf Konidämonen.

Mehrfach wird erzählt, daß die Holzfräulein mit Menschen Verbindungen schlossen.1 Das ist vielleicht ein Reflex des tiefen unwiderstehlichen Eindrucks, den die Waldnatur auf das Gemüt ausübt. Auf einer jüngeren Entwickelungsstufe zeigt sich der Glaube an die Moosweibchen (Holzfräulein) in der Angabe, daß sie zur Erntezeit aus ihrem Walde herauskommen, um die Mähenden zu necken oder beim Heumachen allerlei Mutwillen zu treiben, oder um den Menschen beim Heuen und Kornschneiden als rüstige Arbeiter zu helfen.2 Dachte man sich ehedem einmal die Gaben der Ernte als ihr Werk, so war es ein Schritt zu der Annahme, daß sie auch der Erntearbeit Segen verliehen und so mochte sich die Vorstellung von persönlicher Mithilfe dabei her-

vorbilden. Immerhin kann dieser Zug trotz relativ jungem Alters in sehr frühe Zeit hinaufreichen. Ihm schließt sich aber eine ganze Reihe von andern Erzählungen an, nach welchen unsere Waldleutchen in den Dienst der Bauern treten, fleißig das Vieh im Stalle besorgen und füttern, auf der Mühle mahlen und Brod backen,1 wogegen man ihnen die Ueberbleibsel der Mahlzeiten hinstellt. So lange sie im Hause weilen, ist Glück und Segen bei den Bewohnern. Man darf sie aber nicht mit einem neuen Kleide für die nur ärmlich und dürftig verhüllte oder ganz unbedeckte Blöße ihres haarigen Leibes beschenken, denn dann verschwinden sie augenblicklich.2 Ebenso verschwinden

sie, wenn man in ihrer Gegenwart einen Fluch ausstößt. Alle diese Züge, die Pflege der Haustiere, die Mitarbeit hei den häuslichen Verrichtungen, das Verschwinden bei Empfang eines neuen Gewandes und die Entgegennahme von Speiseresten als tägliches Opfer sind Züge, welche in deutscher Sage allen Kobolden und Hausgeistern gemein sind. Wir entnehmen aus dieser Tatsache einstweilen nichts anderes, als die unbestreitbare Wahrheit, daß auch die Waldfrauen (Moosweibchen, Holzfräulein, Holzmännlein u. s. w.) in Hausgeister übergehen, wie der Baumgeist. Auf die Kräuter des Waldes verstehen sich diese Wesen gut und helfen damit den Menschen bei Krankheiten. Zur Zeit der Pest kamen die Holzfräulein aus dem Walde und riefen:

Eßt Bimellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an. Und einem Tagelöhnerweibe hilft eine Waldfrau in der Kindesnot mit der schönen blauen Blume Nimmerweh.1 Auch die Moosweiblein von Wildemann teilten Wanderern Wurzeln und Kräuter zur Nahrung und Gesundheit mit.2 Nicht minder lehrt das Moderwitzer Moosweiblein Heilmittel gegen Krankheiten der Schafe.3

Aus diesen

Beispielen geht hervor, daß die Moosleute und Holzfräulein als krankheitabwehrende, gesundheitverleihende Wesen gedacht wurden. Im Verein mit dem Glauben an deren Rolle als segenbringende Hausgeister geht dieser Zug — wie später klar werden wird — auf die Grundvorstellung zurück, daß sie Geister des Wachstums seien, mithin auf die nämliche Anschauung, welche sie auch im Leben des Ackers wirksam sein ließ.

Der Glaube von den Holzfräulein nimmt jedoch vermöge des ob. S. 39 entwickelten Gedankenprozesses zuweilen die Wenduug, daß diese Genien für arme Seelen erklärt werden. Auf diese Eigenschaft bezieht sich der Brauch, für die Holzfräulein die bei den Mahlzeiten übrig gebliebenen Brosamen in den Ofen zu werfen, die beim Herausschöpfen am Rande der Schüssel hangen gebliebenen Tropfen, das am Kübelreifen sitzen gebliebene Mehl ihnen zuzueignen.1 Wenigstens die erstere Sitte ist ein auch sonst in Norddeutschland wie in Süddeutschland den armen Seelen dargebrachtes Opfer.2

Der Moosweibchen und zugleich der armen Seelen erbitterte Feinde sind die Geister der wilden Jagd, in der Oberpfalz auch die Holzhetzer genannt. Dieselben fahren bekanntlich im Sturmwinde und Ungewitter durch die Wipfel des Waldes daher. Prätorius zeichnete vor 200 Jahren aus der Umgegend von Saalfeld die Sage auf, wie der wilde Jäger unsichtbar mit seinen Hunden die Moosleute jagte. Der Schall seines Hornes und das Gebell der Hunde war weithin hörbar. Ein Bauer, dem sein Vorwitz eingab, in den Jägerruf einzustimmen, fand am andern Morgen an seinem Pferdestall das Viertel eines grünen Moosweibchens aufgehängt.3 So jagt schon der Sturmriese Vásolt nach dem Eckenlied ein wildes Fräulein im Walde4, in Schlesien der Nachtjäger die mit Moos bekleideten Rüttelweiber.5 Um Halle hetzt der wilde Jäger, der ohne Kopf auf seinem Schimmel durch die Luft fährt, mit vielen Hunden die Lohjungfern; im Voigtlande,

Orlagan, Franken und Oberpfalz jagt der wilde Jäger die Holzweibchen oder Holzfräulein und ihre Männchen. Bald fällt der halbe Leib eines dieser Wesen, bald ein Fuß, mit grünem Schuh bekleidet, dem naehrufenden Spötter gleichsam als sein Jagdanteil aus den Wolken herab.1 Nur dann haben die kleinen Waldleute Ruhe, wenn sie sich auf einen Baumstumpf retten können, auf welchen der Holzhauer, während der Baum fiel, „bevor er im Sturz mit der Spitze den Erdboden erreichte“ oder „während der Zeit, daß der Schall des fallenden Baumes noch hörbar war, mit scharfer Axt drei Kreuze in einem Zwickel oder keilförmigen Dreieck einhieb. Deshalb unterlassen die Holzhauer es selten in der angegebenen Weise die Stöcke zu kreuzen, und man sah deren in der ersten Hälfte des Jahrhunderts noch viele in den Wäldern; Börner erwähnt namentlich die Waldungen des Saalufers, vornehmlich bei Hungers- oder Hunnenburg; Schwanthaler sah dasselbe in den Nadel Waldungen bei Bamberg. Es müssen aber jedesmal 2 Arbeiter dabei beschäftigt sein, weil einer es nicht so schnell fertig bringt. Durch jeden so gekreuzten Stock soll ein Holzweibel erlöst werden. Es setzt sich darauf, und dann kann ihm die wilde Jagd nichts anhaben; 2 nach andern werden die Holzfräulein durch drei Kreuze auf den Stöcken unschädlich,3 nach noch andern können sie dann ihre Wohnung, die sie bis dahin im Baume gehabt hatten, behalten.4 Um den Holzweibeln vor ihrem Feinde noch mehr Schutz zu bieten, sind „über Mittag“ auch auf allen Ackergerätschaften (Eggen und Pflügen) dergleichen Kreuze angebracht worden.5 Auch zwischen den beim Schluß der Ernte auf dem Acker stehen gelassenen Flachshalmen sucht und findet die Holzfrau Sicherung

vor dem wilden Jäger.1 Waldmännlein und Waldweiblein vergelten den Holzhackern ihren Liebesdienst damit, daß sie dieselben zur Nachtzeit ohne Irrgang aus dem Forste geleiten, auch manchmal abgeworfene Hirsch- und Rehgeweihe finden lassen.2 Es scheint mir unverkennbar, daß die Bekreuzung der Baumstümpfe — selbst wenn sie etwa ursprünglich den nüchternen praktischen Zweck gehabt haben sollte, die abgehauenen Stämme als rechtmäßig nach Anweisung durch den Bannwart gefällte zu bezeichnen — nur deswegen in der kurzen Zeit geschehen sollte, während der Baum fällt, damit die Baumseele nicht entweiche, sondern noch rechtzeitig der geöftnete Baumleib durch ein magisches Siegel gleichsam wieder geschlossen und zugleich gegen Eindringlinge von außen her geschützt werde. Nach vorhin mitgeteilten Sagen soll man ja den vom Tomtegubbe bewohnten Baum nie ganz umhauen; der Elf stirbt, wenn der Baum mit den Wurzeln ansgerissen wird; unter Umständen lebt der Dämon also auch noch im Baumstumpfe fort. Es ist mithin wol begreiflich, weshalb im bekreuzten Stocke (truncus) die Moosleute ihre Wohnung behalten können. Die wilde Jagd ist eine Personification des baumerschütternden Sturmwindes.

Wie nun der estnische Baumelf vor dem Gewitter erschreckt in die tiefsten Wurzeln zurückweicht, ist auch der Sturm, der manchen Stamm darniederstreckt, den Baumgeistern gefährlich und veranlaßt sie, sich in ihre Pflanzenhülle znrückzuziehen. Der unberührte Baumstamm ist keinen Augenblick davor sicher, der Wut des Sturmriesen zum Opfer zu fallen, aber dem abgehauenen Baumstumpf kann derselbe nichts mehr anhaben. Dieses muß der anfängliche Gedankenkreis sein, aus welchem nach mehrfachen Mittelgliedern die Vorstellung erwachsen ist, daß die Moos- und Holzleute auf bekreuzten Stücken vor dem Wilden Jäger Schutz fänden, und von da aus vollzog sich in Folge der Identifizierung der Holzfrau mit dem Getreidedämon die weitere Uebertragung des Schutzortes auf Ackergerätschaften, während das Flüchten in die letzten Flachshalme wol nur wiederum besagt, daß der Genius der Pflanze sich beim Sturm in seine eigene Haut zurückziehe, wie die Schnecke in ihr Häuschen.

1) Schünwerth II, 360.
2) Pau2er II, 70, 93.

Doch es erübrigt die Holzleute noch von einer neuen Seite kennen zu lernen. Einem Waldweibchen war der Schiebkarren gebrochen. Sie bat einen Vorübergehenden ihr denselben auszubessern. Während dies geschah, steckte sie ihrem Helfer eifrig die herabfallenden Spähne in die Tasche. Der warf sie verächtlich heraus, einige wenige aber, welche er nicht beachtet, hatten sich am andern Tage in harte Taler verwandelt.1 Die nämliche Sage erzählt man in allen wesentlichen Stücken übereinstimmend von Frau Gauden (Góde), Holla und Perchta, sie lassen sich ihr zerbrochenes Gefährt (Wagen oder Pflug) zimmern, oder einen Pfahl zuspitzen, oder arbeiten selbst daran, so daß die Späne fliegen. Diese herabfallendeu Splitter werden schieres rotes Gold.2 Góde, Holla und Perchta fahren im Sturme daher. Während aber die Waldleute nach den vorhin angeführten Sagen der wilden Jagd als Jagdobject dienen, sind diese mythischen Frauen solche Wesen, welche in übereinstimmenden Ueberlieferungen als Anführerinnen der wilden Jagd an der Spitze derselben auftreten und ein gespenstiges Wild verfolgen, auch wol Menschenfuß und Menschenlende dem Spötter aus den Wolken zuwerfen. 3 Auf im Sturme waltende Wesen paßt — wie es scheint — sehr wol die Deutung, welche W. Schwartz den goldenen Spänen des zerbrochenen Gefährtes gegeben hat, indem er an die Aehnlichkeit des rollenden Donners mit dem Getöse rollender Wagen und an jene ditmarsische Auffassung des Gewitters erinnerte, wonach der „Alte da oben im Himmel wieder einmal fährt und mit der Axt an die Kader schlägt“.4 Danach wären also jene Sagen der Niederschlag eines großartigen Naturbildes. Im tobenden Gewittersturm wird der zerbrochene Wagen der wilden Jägerin verkeilt, und die

goldgelben Bltze sind die herabfallenden Späne.1 Sei nun diese Deutung richtig oder nicht, jedenfalls nötigt uns die Uebereinstimmung der beigebrachten Ueberlieferungen mit der Sage vom Schubkärrchen des Moosweibleins entweder in letzterer eine nur fälschliche Uebertragung eines ursprünglich fremden Mythenzuges anzunehmen, oder znzugestehen, daß auch die Moosweibchen im Sturme durch die Luft fahrend gedacht wurden. Dabei kann es uns zunächst ganz gleichgütig sein, ob sie als Jagdobject dienen, oder selbst als Jägerinnen auftreten, falls in der Tat die fliegenden Späne nur ein bildlicher Ausdruck für gewisse Vorgänge beim Gewittersturme sind. Nun haben wir nicht allein schon oben S. 12 gesehen, daß Geister, welche man im Baume hausend, dem Baum einwohnend sich vorstellte, gleichwol auch im Sturme daherzogen, sondern es giebt auch sonst noch Spuren, welche verraten, daß man im Winde die Umfahrt der Waldfrauen vernahm. In Westfalen sagt man beim Wirbelwinde „da fliegen die Buschjungfern.“2 Die Leute um Warnsdorf im nördlichen Böhmen glauben fest an das Dasein des Buschweibchens; es erscheint als steinaltes Mütterchen, mit schneeweißen wild herabhängenden Haaren und moosbewachsenen Füßen, auf einen Knotenstock gestützt, und beschenkt mit gelben Blättern, die zu Gold werden.

Wenn im Frühlinge und Herbste zerrissenes Nebelgewölk vom Gebirge aufsteigt, wenn „der Wald raucht“, so pflegt man zu sagen „das Buschweibchen kocht.“

Jene Nebelstreifen werden als der Hauch von seinem Heerde bezeichnet. Naht im April ein Hagelschauer, so ruft man „das Buschweibchen steigt über das Gebirge.“3

§ 3. Wildleute in Böhmen.

Bei den Czechen entsprechen unsern Waldweibern die lesni panny Waldjungfern oder divé zeny wilde Weiber; sie lieben Musik (das Sturmlied)1 und Tanz (den drehenden Wirbel des Wirbelwindes), der von ihnen bei einem heftigen Sturme mit der ausgelassensten

Wildheit in der Luft ausgeführt wird.1 Ihnen stehen Waldmänner zur Seite lesni muzove, welche Mädchen rauben und sie zwingen mit ihnen in Ehe zu leben.2 Ein tanzlustiges Mädchen hütete in einem Birkenwalde die Ziegen und spann dabei Flachs. Mittags erschien so die Waldfrau in weißem Gewände, dünn wie Spinngewebe, mit einem Kranze von Waldblumen in den bis zum Gürtel hinabfließenden Goldlocken. Sie erfaßte das Mädchen und tanzte mit ihr bis Sonnenuntergang schön und so leicht, daß sich das Gras unter ihren Fußen nicht bog, wozu die Vögel lieblich sangen. So geschah es drei Tage hinter einander. Um die Versäumniß zu ersetzen, spann die Waldfrau dem Mädchen den Rocken voll und gab dem Garne die Eigenschaft nicht abzunehmen, so lange man auch weifte, und sie füllte ihm die Taschen mit Birkenlaub, das sich in Gold verwandelte (die nämlichen Züge begegneten uns o. S. 76 bei den Moosweibchen). Wäre das Mädchen aber ein Knabe gewesen, so hätte die Waldfrau ihn zu Tode getanzt oder zu Tode gekitzelt.3

§ 4. Wildleute in Hessen, Rheinland, Baden.

In Hessen entsprechen den Waldfrauen und Waldmännern, nur ins Riesenhafte übersetzt, die wilden Leute, welche im Walde zwischen den Basaltfelsen an der Kinzig ihr Wesen treiben. Die gewaltigen Steinmassen, welche im Bernhardswalde bei Schlüchtern niederstarren, heißen nach ihnen wilde Häuser. Schon vor dem 11. Jahrhundert nennt eine hessische Urkunde bei Dronke, Traditiones Fuldenses p. 544 in jener Gegend einen Ort „wilderó wíbó hús“ „ad domum wilderó wíbó.“ Vgl. Roth, Kl. Beiträge zur Sprach-, Orts- und Namensforsclnmg 1850. I, 231. Landau, Gau Wetareiba. 1855. S. 128 in der Nähe von Salmünster, wo mehrere Wildfrauenhäuser vorkommen. Förstemann, Altd. Namenb. II. 1534. Die wilden Männer sind am vergnügtesten, wenn der Sturmwind tobt und der Blitz aus den Wolken fährt. Dann gehen sie hoch oben über die Berge und rütteln

an den Wipfeln der Bäume; aber sie freuen sich auch, wenn die Aronspflanze gedeihlich emporwächst, und wenn sie zwischen den Schachtelhalmen dahergehen können. Ihre großen schönen Frauen steigen in den Mondnächten in die Lüfte, ihre Kinder schützen die Kinder der Menschen, wenn sie im Walde Beeren suchen.1 Auf dem Hohenberg in Hessen sieht man die Spuren, wo sie saßen und wo sie Hände und Füsse liegen hatten. Ihre Kleidung ist grün und rauh, gleichsam zottig, ihr Haar lang und aufgelöst. Das giebt ihrem Aussehen etwas schauerlich Wildes, so daß sich jedermann vor ihnen fürchtet. Dabei sind sie ganz zutraulich gegen die Menschen, raten und helfen ihnen, wo sie nur können. Oft werden sie von den rohen Bauern verfolgt, auch gefangen, aber sie rächen sich nie.

In einer Höhle am Rodenstein wohnten zwei wilde Weiber. Die eine war sehr schön. In sie verliebte sich ein Jäger und sie gebar ihm bald ein Kind. Sie sind in die Zukunft eingeweiht. Wenn in der Gegend von Fulda jemand sterben sollte, dann kam eines aus dem Wildfrauenloch heraus und zeigte sich wehklagend in der Kälte des Sterbehauses. Auch die Kunde der geheimen Naturkräfte wohnt ihnen bei. Sie wissen, wozu die wilden weißen Haiden und die wilden weißen Selben (Salbei) gut sind; und wenn die Bauern das wüßten, würden sie mit silbernen Karsten hacken.2

In der Eifel wohnten die wilden Frauen ebenfalls in Felsgrotten, die das vulkanische Gestein gebildet hat. Dergleichen Grotten heißen zuweilen „das Wildfräuleinhaus.“ Darin saßen sie und boten jedem ihre Brüste, die sie über die Schulter warfen, zum Trinken dar.3

Auch im Badischen haben wilde Leute im Wildeleutloch in einer Höhle des Eichelberges bei Oberflockenbach gewohnt, sie waren ganz haarig und fast unbekleidet. Sie halfen den Einwohnern der benachbarten Dörfer hei den Feldgeschäften, gradeso wie die Holzfräulein. Der Felsen über ihrer Höhle hieß Wildeleutstein, und auf ihm befand sich ein Trog, aus dem sie zu essen pflegten, die Wildeleutschüssel genannt.4

§ 5. Wildleute in Tirol: Fanggen.

In den Alpenländern haben sich die wilden Leute in verschiedene Gestalten gespalten. Als riesige Waldgeister erscheinen die Wildfrauen im Patznaum-, Stanzer- und Oberinnthale in Tirol unter dem Namen Fanggen (Sing. Fangga, Fanggin) Wildfanggen, wilde Weiber; ungeheure Gestalten, am ganzen Körper behaart und beborstet; ihr Antlitz ist verzerrt, ihr Mund ist von einem Ohre zum andern gezogen. Ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart (lichen barbatus) und reicht rauh und struppig über den Rücken. Ihre Stimme ist rauhe Mannesstimme, ihre dunklen Augen sprühen zu Zeiten Blitze. Joppen von Baumrinden und Schürzen von Wildkatzenpelzen bilden ihre Kleidung. Sie leben in Gesellschaft in Wäldern, vorzüglich nannte man als ihren Aufenthalt einen großen Urwald im Urgthal zwischen Landeck und Ladis und einen andern Urwald, den „Bannwald“ (vgl. o. S. 39) am Pillerberg im Oberinnthal.

Die in ein und demselben Walde hausenden Fanggen waren an diesen Wald gebunden; wurde der Wald geschlagen, so schwanden sie; starb ein Baum, oder wurde er gefällt, von dem eine Fangga den Namen trug, so war auch ihr Dasein dahin. Sie hatten nämlich noch jede ihren besonderen Namen als Hochrinta (hohe Rinde) Stutzforche (Stutzföhre) Rohrinta (Rauhrinde) Stutzemutze (Stutzkatze). Der im Sturm den Wald durchfahrende Riese, der wilde Mann, wird als Gemahl der Fangga genannt.1 Gleich ihm hat sie menschenfresserische Neigungen. Wenn die Fangga im Walde von Naßereit, welche von der Größe eines mittelmäßigen Baumes war, kleine Buben zu fassen bekam, so schnupfte sie dieselben wie Schnupftaback in ihre Nase oder rieb sie an alten dürren Bäumen, die von stechenden Aesten starrten, bis sie zu Staub geraspelt waren.2 Wer erkennt in diesem Zuge nicht jenes Zutodekitzeln wieder, das von der böhmischen Waldfrau ausgesagt wurde, mithin eine Naturauffassung des Wirbelwindes? (s. o. S. 87). Andererseits sind die Fanggen unverkennbar eine Belebung der mächtigen Bäume des Urwaldes im Hochgebirge, und ihre Grausamkeit ist Ausdruck des furchtbaren und ungeheuerlichen Eindrucks, den diese gewaltige Waldnatur auf das

1) Alpenburg, Mythen und Sagen Tirols S. 51. 52.
2) Alpenburg a. a. 0. 52.

Gemüt macht.1 So bestätigt es sich auch in diesem Falle, daß die Baumgeister als Verkörperungen von meteorischen Erscheinungen oder wenigstens als in diesen einen Teil ihrer Lebensäußerungen betätigend gedacht wurden. Doch auch noch andere uns schon bekannte Wahrnehmungen erhärtet die Fanggensage durch neue Beläge. Auch die Fanggen spielen die Rolle von Hausgeistern. Wie die Holzweibchen (o. S. 80) treten sie freiwillig bei Menschen in Dienst und arbeiten für diese, bis plötzlich das Bekanntwerden ihrer Herkunft und ihres Namens sie verschwinden macht. Eine für unsere weitere Untersuchungen wichtige Sage, die darauf Bezug hat wollen wir mitteilen.

Bei einem Bauer zu Flies stand eine unbekannte Dirne im Dienst, welche riesenstark war und mehr arbeitete, als zehn andere zusammen, aber nichts vom Christentum wußte und wollte. Es war ein Fanggenmädchen. Einst kam der Bauer vom Imstermarkt über den Pillerberg nach Hause. Wie er nun durch den Bannwald kommt, die Joche der verkauften Oechslein über die Schulter gehängt, hört er mit einmal aus der Mitte des Waldes eine unbekannte sehr laute Stimme: Jochträger, Jochträger, sag’ der Stutzkatze (Stutzamutza), die Hochrinde (Hoachrinta) sei todt. Drauf wird alles wieder still. Von Angstschweiß triefend kommt der Bauer nach Hause und erzählt das im Bannwalde erlebte Abenteuer seiner Frau und der Dirne, die gerade beim Mußessen sitzen. Als er die Worte erwähnt: „Sag’ der Stutzkatze, die Hochrinde sei todt“, springt die Magd mit dem hellen Geschrei „die Mutter! die Mutter!“ empor, läßt alles stehn und liegen und läuft dem Bannwalde zu. Niemals wurde sie mehr gesehen; aber bald verbreitete sich die Nachricht, daß Stutzkatze nun im Walde hause und das Geschäft ihrer Mutter, Kinder stehlen und fressen, fleißig fortsetze.2 Mit

unwesentlichen Varianten ist diese Erzählung in Bezug auf Fanggen und verwandte Wesen, Holzweibchen und Buschnännchen, Salige Fräulein, Nörkel, Zwerge, katzengestaltige oder bockgestaltige Kobolde weit, bis in den Norden verbreitet.1 Mit

einiger Sicherheit ist daraus zu schließen, daß sie in dem Wesen der Wald- resp. Erdgeister begründet sei.1

§ 6. Wildleute in Graubünden: Waldfänken.

Den Tiroler Fanggen entsprechen die Graubünder Waldfänken, die besonders in den deutschen Tälern, im Prätigän, Schalfik, Churwaldental und Savien bekannt sind. Sie werden nicht ganz so unhold geschildert, als die Tiroler Fanggen und treten öfter paarweise auf. Auch den Waldfänken mißt die Sage gewaltige Stärke, Körpergewandtheit, daneben Witz, genaue Wetter- und Kräuterkenntuisse und den Besitz von Geheimnissen der Viehzucht bei. Ihre Weiher, welche häufig auch Waldmutern (Waldmütter) genannt werden, sind in umgeworfene Felle gekleidet, die männlichen Waldfänken, oder „wilden Männer,“ über und über am ganzen Körper behaart und mit Eichenlaub bekränzt. Ihre Behausung ist der Wald. Auch sie tragen einzelne Personennamen (weibl. Rúchrinden u. s. w., männl. Giki, Gäki u. s. w.) In den beiden Vorarlbergischen Tälern Montavon und Klostertal endlich heißen die männlichen Wesen Fenggen und unter ihnen begegnen wieder weibliche Eigennamen wie Jochrmpla, Jochringgla, Muggastutz, Rohrinda, männliche wie Urhans. Sie werden zwar auch häufig als riesige Wildmänner und Wildfrauen,

beschrieben, am ganzen Körper mit struppigen Haaren bedeckt, so daß nur an den Wangen die Fleischfarbe kümmerlich durchschimmerte, oft aber schreibt man ihnen — wie zuweilen schon den Waldfänken in Graubünden — zwerghaften Wuchs zu und sie gehen dann ganz in Zwerge und Hausgeister über, so zwar, daß sie nun zwar in Höhlen und Felslöchem (Fenggalöcher, Fenggatöbler, ’s wild Mannlis Balma), zuweilen hoch über dem Waldwuchs auf hohen Alpenrevieren ihre Wohnung aufschlagen, im übrigen aber dieselben Verrichtungen haben und Gegenstand derselben Erzählungen sind, wie ihre riesenhaften Namensverwandten.1 Auch sie verraten noch deutlich Beziehungen zum Leben des Waldes. Sie sind so alt, als der und der Wald, ja ein Fangg im Kilknerwald in Gaschurn kommt herzugelaufen als man eine Tanne fällt und bittet, den Baum stehen zu lassen; er sei so viel Jahr alt, als derselbe Nadeln habe, und könne wenn er falle sein Alter nicht mehr zählen.2

Es geht daraus hervor, daß die Größe der Gestalt keinen wesentlichen Unterschied zwischen diesen Geistern bezeichnet. Als besonders bemerkenswert aus dem Kreise der Sagen, welche sich an diese wilde Leute knüpfen, will ich nur zwei besonders hervorheben. Die eine ist ein Seitenstück zu der bekannten Erzählung von Odysseus Ueberlistung des Polyphem, aus deren weiter Verbreitung unter Türken, Arabern, Serben, Rumänen, Esten und Finnen schon W. Grimm3 nachwies, daß sie eine alte auf Elementargeister bezügliche Volkssage sei, die Homer auf einen Helden übertrug. Die Uebereinstimmung der Waldfänken-und Polyphemossage gewinnt an Bedeutung durch den Umstand, daß ein Waldgeist, und zwar der russische Ljeschi (s. u. § 19), gleich den Kyklopen nur ein Auge hat. Zu einem Holzhauer im Walde gesellt sich ein geschwätziges Fenggaweibchen und verdrießt ihn durch ihre neugierigen Fragen. Er giebt sich erst den falschen Namen Selb, 4 während er doch Hannes heißt, und

als dann das Weiblein seinen Aerger noch weiter reizt, dabei aber im Eifer die Hand in eine Holzspalte bringt, zieht er schnell Axt und Keil heraus und klemmt die jämmerlich Schreiende auf diese Weise in den Baum ein. Auf ihren Angstruf kommt das wilde Fenggmännlein hinzu und fragt, wer ihm das getan habe: „O selb tán!“ Da lacht das wilde Männlein und ruft: „Selb tán, selb hán!“ Dieselbe Erzählung geht von Waldfänken, sowie von Nixen und Zwergen.1 Die zweite Tradition, von der wir reden zu wollen ankündigten, wird sich späterhin als besonders wichtig für das Ganze unserer Untersuchungen herausstelleu und gleichfalls aus dem alten Griechenland und Italien nachweisen lassen. Sie wird ebensowol von den wilden Männern der riesigen Waldfänken, als von den zwerghaften Fänkenmännlein erzählt. Die Fänkenmännlein in Churrhätien nämlich übernehmen ganz ebenso wie in Mitteldeutschland die Busch- und Moosmännchen, Holzfräulein u. s. w. sehr gern und häufig die Rolle der Hausgeister und Kobolde; sie besorgen im Stille das Vieh, füttern, tränken nnd striegeln es nach schönster Art oft ganz ohne Lohn, oft nur um ein paar Käse, um ein Näpfchen

Milch oder um den Schaum der Milch. Am liebsten jedoch verstehen sie sich zur Hut der Heerden auf den Alpen und in den Maisessen und werden daher öfters wilde Küher oder wilde Geißler genannt. Schenkt man ihnen aber Kleider oder Schuhe zum Lohn, so werden sie, wie im gleichen Falle die mitteldeutschen Waldleute (s. o. S. 80) verscheucht. Solch ein wilder Mann (Geißler oder Küher) wird regelmäßig beschrieben als von großer Körpeistärke, behaarten Leibes und nur mit einem Schurz von Fellen bekleidet. In der Hand führt er eine mit den Wurzeln ausgerissene Tanne.1 Man trieb ihm die Geiße oder Kühe der Ortschaft gemeinhin vor das Dorf entgegen bis zu einem großen Steine, solche Felsblöcke werden noch gezeigt und heißen gern „der Geißlerstein.“2 Dort nahm er schweigend die Tiere in Empfang und trieb sie weiter, man wußte nicht wohin. Abends waren sie alle zur bestimmten Zeit wieder mit strotzendem Euter beim Steine, so daß sie kaum gehen konnten. Offenbar sind diese wilden Männer nicht Personificationen einzelner Bäume, sondern des gesummten Waldes mit dem Uebergang in Geister der gesammten Vegetation der Alpe. Dem wilden Geißler gleicht sich die finnische Waldjungfrau, welche in der Kalevala angerufen wird, das Vieh vor Schaden zu hüten, resp. abends nach Hause zu treiben (vgl. o. S. 30 und Kalev. übers, von Schiefner 1852 XXXII. v. 6O—100); andererseits ließe er sich füglich als ein Spiritus familiaris der Dorfschaft anffassen. Auf den Stein legt man ihm den ausbedungenen Lohn an Milch oder Käse. Da er auf diese Weise mit den Leuten in keinen mündlichen Verkehr trat und niemals zu den Wohnungen kam, suchte man ihn zu fangen und zur Mitteilung seiner Geheimnisse zu bewegen. Es geschah dies, indem man ihn in Wein oder Branntwein berauschte. Die näheren Umstände dieser Begebenheit werden mit kleinen Abweichungen erzählt, zu deren Characteristik die folgenden Varianten nebeneinander erwähnt werden mögen. Zu Monbiel stellte man dem die Heimkühe leitenden Männlein einen Schoppen Veltliner

auf den Stein. Es betrachtete den Wein lange und besann sich, ob es trinken solle. Endlich setzte es ganz vorsichtig die Lippen an. Da mundete ihm das Getränk äußerst wol und es trank den ganzen Schoppen.1 Zur Zeit, als die Pest in Graumünden unzählige Opfer forderte, starben keine wilden Weiblein und Männlein und man kam zu dem Schlusse, daß sie ein Geheimmittel besitzen müssen. Ein Bauer wußte mit List dasselbe einem Fänkenmännlein zu entlocken, welches sich oft auf einem Steine zeigte, der eine bedeutende Höhlung hatte. Ihm war das Lieblingsplätzchen des wilden Männchens wolbekannt, er ging hin, füllte die Höhlung des Steines mit gutem Veltinerwein und verbarg sich in der Nähe. Das Männchen war verdutzt, als es die Höhlung seines Lieblingssteines mit funkelndem Naß gefüllt sah. Es beugte sich mehrmals mit dem Naschen über den Wein, winkte mit dem Zeigefinger und rief „Nein du überkommst mich nicht!“ Endlich kostete es doch und immer mehr und wurde lustig und lustiger und fing an allerlei Zeuges zu schwatzen. Da trat der Bauer aus seinem Verstecke hervor und fragte, was gut sei gegen die Pest, „Ich weiß es wohl,“ sagte das Männchen, „Eberwurz und Bibernell; aber das sage ich dir noch lange nicht!“ Jetzt war der Bauer zufrieden und nach dem Gebrauche von Eberwurz und Bibernell starb niemand mehr an der Seuche.2 Vgl. o. S. 81.

Ein Waldfänke bei Conters hütete einst einen Sommer hindurch die Ziegen des Dorfes, sein Hirtenstab war ein Tannenbaum. Hatte er die Geißen Abends bis zu einer gewissen Stelle zurückgeführt, kehrte er in den Wald heim. Vergeblich suchten ihn die Söhne von Conters zu fangen. Endlich füllten sie zwei Brunnentröge, aus denen er zn trinken pflegte, den einen mit rotem Weine, und den andern mit Branntwein. Der wilde Geißler sah zuerst den roten Wein und rief: „Röteli du verführst mi net!“ und labte sich dann mit Branntwein, da dieser die Farbe des Wassers trug. In der darauffolgenden Berauschung wurde er gebunden und, da die Sage ging, die Fänken wüßten aus Milchschotten Gold zu bereiten und ähnliches, so wollten ihn seine Peiniger nicht eher loslassen, bis er ihnen ein Geheimmittel entdeckt habe. Er versprach, wenn sie

ihm losbänden, einen guten Rat Die Burschen ließen ihn also frei. Da sagte er schelmisch:

Ists Wetter gut, so nimm deiu Oberwamms mit,

Wirds dann leidig, kannst tun wie du willst.1

Nach der Sage von Klosters im Prätigau waren es mehrere neugierige Burschen, die gern die nähere Bekanntschaft des Geißlers gemacht hätten. Er hatte die Gewohnheit jeden Abend aus dem kleinen Brünnlein zu trinken, das zunächst dem Geißlersteine sich befand. Die jungen Leute sammelten im Dorfe manche Maß Kirschenwasser und füllten an einem heißen Sommertage unversehends das ganze Brünnlein damit. Der wilde Mann schöpfte mit der hohlen Hand. Anfangs mißfiel ihm der Trank, bald jedoch behagte er ihm; er trank in vollen Zügen und sank bald von der Wirkung des berauschenden Wassers bezwungen machtlos zu Boden. Schnell sprangen die Bursche aus ihrem Verstecke hervor, banden ihn mit Weiden und Stricken und trugen ihn ins Dorf in eine festverschlossene Kammer, aus der er um Mitternacht ausbrach, um sich nie wieder sehen zu lassen. Mit ihm war der Wolstand des Dorfes dahin.2 In der Ueberliefernng von Klausen ist es wiederum ein Brunnentrog, den man dem riesigen, mit zottigen Haaren überwachsenen Wildmann mit Branntwein füllt. Die Sage von Afing erzählt, daß der Wilde auf einen ausgerissenen Baum gestützt Tags oder in stiller Nacht die Holzfäller im Hauserwalde störte und ihnen das Wasser aus dem Troge des Schleifrads austrank. Um ihm dies zu verleiden, füllten sie den Trog mit Branntwein, und als er berauscht war, hieben sie ihm den Kopf ab.3

Was den Namen des Fanggen, Fänken oder Fenggen betrifft, so hat ein Kenner der deutschen und romanischen Volksdialekte

des Alpengebiets Chr.  Schneller die Vermutung ausgesprochen.1 daß er aus der Mundart der benachbarten ladinischen Gemeinden entlehnt und zwar aus dem Feminin zu Salvang d. i. Sylvanus abgekürzt sei, mit welchem Worte man dort den wilden Mann zu bezeichnen pflegt. Dieser Meinung stehen zwar einige, doch wie ich glaube, nicht durchschlagende sachliche Gründe entgegen; nicht allzu sehr ins Gewicht fallen dürfte, daß bei den Ladinern das Ferm. Salvangga bereits ansgestorben und dafür eine andere Bezeichnung der wilden Weiber aufgekommen ist. Dagegen müßte der Uebergang von v in f für jene. Dialecte erst nachgewiesen sein, ehe wir uns entschließen können Schnellers Erklärung beizutreten.

§ 7. Wildleute in Tirol: Selige Fräulein.

Ganz verschieden von den Wildfanggen scheinen auf den ersten Blick, aber auch nur auf den ersten Blick diejenigen Wesen zu sein, welche in Deutschtirol, namentlich im Vintschgau und Oberinnthal, unter dem Namen Selige oder Salige Fräulein, Salgfräulein, Salinger, sonst auch als wilde Frauen oder wilde Fräulein, in Wälschtirol als Enguane oder Belle (resp. Delle) Vivane bekannt sind, obwol auch in ihnen nach einem Worte Weinholds, 2 der die Seligen als die lieblichsten Schöpfungen unserer Mythologie characterisiert, Wald- und Bergfrauen3 nicht verkannt werden können, milde, schöne Geister des Waldes und Gebirges, die über und unter der Erde segnend wirken, den Menschen hilfreich, die Tiere schützend. In der Tat haben sie fast alle Züge mit den Moosleuten und Buschfrauen Mitteldeutschlands gemein, noch mehr stimmen sie zu den wilden Frauen in Oberbaiern und im Salzburgischen, welche wir als die Vertreterinnen der geographischen wie sachlichen Mittelglieder zu den Salgfräulein an dieser Stelle beiläufig iu die Betrachtung mit hineinziehen werden, aber das Kolorit der Sage von den Seligen und die Scenerie, in der sie auf treten, ist verändert und ihr Wesen verklärt und vergeistig!. In einzelnen Fällen z. B. im Pusterthale ist jedoch ihre Gestalt noch nicht von diesem so zu sagen ätherischen Hauche

umwohnen.1 Irre ich nicht, so spiegelt sich in ihrer Eigentümlichkeit getreu die Empfindung, welche hoch oben in der klaren, freien und reinen Bergluft zwischen den Gletscherfirnen die Seele des Landeseinwohners ergriff, der mit dieser Empfindung das anererbte Material der Wildeleutsage durchströmte und so aus den Tiefen seines vorstehenden und fühlenden Geistes dämonische Personificationen zugleich der Vegetation und der sonstigen Natur auf den höchsten Höhen der Alpenwelt hervorgehen ließ. Sehr deutlich läßt der Vergleich der Sage von hessischen und bairisch-salzburgischen Wildfrauen gewahren, wie groß der Einfluß gewesen ist, den die Natur des Landes auf die Umgestaltung der Sage von den seligen Fräulein ausgeübt hat. Diese wohnen in den innersten Tälern und Berggegenden; 2 ihre Behausung sind schimmernde Eis- und Krystallgrotten,3 die sich im Schoße der Berge zu prachtvollen Räumen erweitern und oftmals talwärts von einem verborgenen Paradiese beblümter Hügel und grüner Wiesen umgeben sein sollen. Hier liegen sie als ihr Hausgetier die Gemsen, schützen dieselben vor den Jägern und bestrafen deren Verfolgung. Hat ein Gemsjäger eines der Tiere getödtet, so jammern sie, daß er ihre Kuh erschossen habe, Züge welche übrigens ebensowol auch an den Fanggen und anderen Wildfrauen haften.4 Nach den Seligen, die darauf hausen, ist ein Ferner im Sulzanerstock (zwischen den hintersten Alpen des Stubeitals) Fräulekopf genannt und die Fräulein selbst werden dort häufig auch als Schneefräulein bezeichnet, weil sie nicht allein die Alpweiden segnen und den Hirten gutes tun, sondern auch den letzteren Winke zum frühen Abfahren geben, wenn große Schneewetter einzufallen drohen.5 Oft sieht man

hoch oben an den höchsten Gipfeln Wäsche, schneeweiße Gewänder oder Kindstüchel wie weiße Wölkchen schweben, oder an den Sonnenstrahlen, die sich durch dichtes Waldlaub oder Felsklausen stehlen, zum Trocknen aufgehängt. Wenn die Wäsche an den Felswänden sichtbar wird, giebt es schönes Wetter, deutlich also sind es Nebel oder lichte Wölkchen, worin man die Gewebe der Seligen zu erkennen meinte.1 Blondlockig, blauäugig, in blendendes Weiß oder Silberzindel gekleidet, wie der Schnee, der die Berggipfel deckt und das Eis der Gletscher, und von Gestalt himmlisch schön, sitzen diese da oben und lassen einen wunderlieblichen Gesang ins Tal hinabschallen, der manchem guten Burschen das Herz mit unnennbarer Sehnsucht dehnt, wie hoch oben auf sonniger schneebeglänzter Höhe, wo man mit sich und Gott allein ist, das Gefühl der Unendlichkeit die Brust weitet. Nur sittlich reine Menschen dürfen den Fräulein nahen. Da mehrere Berichterstatter z. B. Hammerle und Alpenburg, wie es scheint, durch sentimentale Auffassung verleitet wurden, diese Sagen mehr zu idealisieren, als sie es in Wirklichkeit sind, so wollen wir zur Kennzeichnung derselben dem objektiv berichtenden Zingerle eine der vielen Geschichten nacherzählen, welche im Volksmunde von den Saligen in Umlauf gehen.

Bei Graun im Obervintschgau steht ein Mittelgebirg, die „Salge“, hier sollen vor alten Zeiten die „Salgfräulein“ gehaust haben. Sie wohnten unter diesen Steinblöcken in weiten prachtvollen Räumen und waren den Menschen hold und freundlich. Oft saßen sie abends weiß gekleidet auf einem großen Stein unter dem alten Lärchbaum und sangen Lieder. Eines Abends ging ein Hirt vorüber, der von dem schönen Gesänge so bezaubert wurde, daß er stille stand, sich auf einen Stein setzte und bis tief in die Nacht hinein den Salgfräulein zuhörte. Erst als diese mit untergehendem Monde verschwanden, gedachte er seiner Heerde und seines jungen Weibes und ging heim. Seitdem aber war er einsilbig und schwermütig und, ohne seinem

Weibe etwas davon zu sagen, ging er nun oft auf die Salg, um dem Gesange zu lauschen. Endlich wurden die schönen Fräulein mit ihm vertrauter und führten ihn in ihre Grotten, wo ganze Reihen von Gemsen an Krippen standen. Sein Weib bemerkte, daß er öfter des Nachts, sich entfernte und ausblieb. Um zu erfahren, wohin er gehe, befestigte sie einst heimlich an einem seiner Wammsknöpfe einen Garnfaden, behielt aber den daran hangenden Knäuel zurück. Dem leitenden Faden folgend erreichte sie die Höhle der Saligen, in deren Mitte sie ihren Mann vorfand. Da fing sie an zu weinen und zu klagen und verwünschte den Tag ihrer Hochzeit und die Salgfräulein, die sofort unter den Steinen verschwanden, um nicht wieder gesehen zu werden.1

Von den Waldfräulein in Falkwand bei Stuls und noch ausführlicher von den wilden Weibern im Untersberge hei Salzburg wird dieselbe Geschichte etwas abweichend erzählt. Eine der wilden Frauen, welche oftmals aus dem Untersberge gegen das Dorf Anif herabkam und sich auf dem Felde in die Erde Löcher und Liegerstatt machte, hatte so schöne lange Haare, daß sie ihr bis auf die Fußsohlen herabfielen. Ein Bauer verliebte sich hauptsächlich um dieses Umstandes willen in sie und legte sich in Einfalt zu ihr in ihre Lagerstätte, ohne etwas Ungebührliches zu tun. Am zweiten Abend fragte sie ihn, ob er eine Frau habe. Er leugnete, aber am dritten Abend ging seine Frau ihm nach, fand ihn und rief, die Wildfrau erblickend:

„O behüte Gott deine schönen Haare! Was tut ihr da mit einander?“

Da verwies die wilde Frau dem Bauer seine Lüge, schenkte ihr einen Schuh voll Geld uud ermahnte ihn seinem Weibe treu zu bleiben. 2

In der norddeutschen Ebene knüpft sich die noch rohe Erzählung an solche Zwerge (Schanhollen u. s. w.), welche nur mit localer Aenderung entschieden den Waldleuten der oberdeutschen Sage entsprechen. Hier schläft der Bauer im Arme der Zwergin, deren langes Haar bis auf die Erde hinabhängt. Behutsam hebt seine mit Hilfe des Garnknäuels nachgekommene Gattin es auf und legt es zur schönen Eigentümerin aufs Bett.3

Die Deutung dieser Erzählung würde an diesem Orte zu Erörterungen führen, welche von unserm gegenwärtigen Zwecke seitab liegen; wir entnehmen aus ihr nur ein Zeugniß von der Uebereinstimmung der Salgfräuleinsage mit derjenigen von den wilden Frauen resp. Waldweibern. Wie die Holzfräulein (o. S. 76) nie endende Garnknäuel spenden, schenkt die wilde Frau in der Felshöhle bei Widrechthausen ein solches dem Widrechthäuser Bauer, als ihn dessen Frau bei ihr schlafend gefunden und zum Zeugniß, daß er ihr eine Haarlocke abgeschnitten hatte.1 Auch die selige Jungfrau aus der Lecklahne begabt zum Abschied mit solchem wunderbaren Zwirnknäuel, als sie aus dem Dienste eines Bauern plötzlich scheidet, weil man ihren Namen erfahren.2 Auch ein Brodlaib der, so lange mau davon kein Redens macht, nicht ein Ende nimmt, wird als ihr Geschenk erwähnt.3 Gleich den Holzfräulein, Fanggentöchtern u. s. w. sind sie, ohne Lohn und Gabe zu nehmen und ohne Namen und Herkunft zu verraten, hilfreich in der Bauernwirtschaft und, wo sie weilen und schaffen, stellt sich Segen und Ueberfluß ein. Alles gedeiht, aber sie verschwinden und mit ihnen Gedeihen und Reichtum, sobald man in ihrer Gegenwart flucht (vgl. ob. S. 81), nach ihnen schlägt, ihnen Speise vorsetzt oder ihren Namen nennt; oder sie werden durch Ansage eines Todesfalls unter den Ihrigen (s. ob. S. 90) abberufen.4 Im Stalle sammeln sie die verschüttete Milch und trinken dafür wol — andere Nahrung verschmähen sie — aus der Milchbutte, in der dann aber die Milch nicht ab, sondern zunimmt.5 Fast in jedem Hause wohnte ehedem ein solches geisterhaftes Wesen.6 Sie bewähren sich somit vollkommen als gute Hausgeister. Zuweilen gehen sie auch mit irdischen Männern eine Ehe ein und gebären Kinder, verschwinden aber, wenn das Gekeimniß ihres Namens oder ihrer Herkunft verletzt wird. Dann kehren sie jedoch noch immer

an gewissen Tagen zurück, um ihre Kinder zu waschen, zu kämmen und zu kleiden.1

Mau erinnere sich, daß wir auch diesem Zuge bereits bei der Bidschower Sage von der Nymphe eines Weidenbaumes begegnet sind (ob. S. 69); er wird sonst auch von Nachtmahren 2 und von den Seelen verstorbener Mütter erzählt, welche noch über das Grab hinaus ihre Liebe bewähren.3 Seelen Abgeschiedener und Pflanzengeister sahen wir ja schon mehrfach in einander übergehen (S. 40.44). Auch noch ein weiterer Zug, daß die Saligen zuweilen vom Berge niedersteigend in den Spinnstuben sich sehen lassen, und wundersam spinnen, sowie Spinnen und Weben lehren,4 wird anderswo unmittelbar von Baumgeistern berichtet.5  Noch eine weitere Aussage gemahnt unmittelbar an die (ob. S. 36) entwickelten Baumsagen, nach welchen vermöge der Sympathie zwischen Pflanze und Mensch jeder Hieb, der die Baumnymphe trifft, ebenso tief als ins Holz in Fleisch und Bein des Frevlers eindringen soll. Wenn das Heu gemäht wurde, gesellten sich die Fräulein gerne den Menschen zu und halfen bei der Arbeit. Wenn der Mähder das Rodnerinnenlocken übte, d. h. dreimal mit dem Wetzstein über die Sense strich, so kam bei diesem schrillen, weithin hallenden Tone jedesmal ein Salgfräulein in die Wiese herunter und zerstreute

die Mahden. Ein Bauer, dem dies auch geschah, verguckte sich in das unbekannte Mädchen. Als im Herbste die Heuernte zu Ende ging und die Selige das letzte Fuder faßte, machte der ungeschickte Liebhaber ein Schlof in das Bindseil und band das Mädchen am Fuße fest. Das Fräulein, in dem Bestreben sich loszumachen, brach das zarte Bein und verschwand weinend. Anderen Tages brach das Bäuerlein auch ein Bein und blieb lebenslänglich lahm .Sein Geschlecht muß es noch bis heute büßen, denn allemal je ein Glied der Familie muß lahm gehen.1 Endlich teilt die Ueberlieferung von den Salgfräulein mit derjenigen von den Busch- und Holzweibchen auch noch den Characterzug, daß sie von dem wilden Jäger gejagt werden, der hier aber der wilde Mann heißt und ganz wie die uns schon bekannten wilden Männer in Hessen und in Graubünden (die Fankenmänner) beschrieben wird. Er ist ein gewaltiger Mann, von weitem gleicht er einer Fichte, die ganz mit Moos (Baumbart) überkleidet ist. Wenn er auf dem Wege eines Stockes benötigt, so reißt er grade einen Baumstamm aus und der Wurzelstock dient als Staggel unten dran. Bei schönem Wetter trägt er einen Mantel, um bei schlechtem — wie er sagt — tun zu können, was er wolle. 2 Wer ihm, wenn er wie die Windsbraut daherstürmt, zuruft: „Halt und fach (fange)! mir die Halba und dir die Halba!“ oder „Jag toll! und bring mer moarga o a Viartl davon!“ oder „Wilder Mann hual, nimm dein Tual!“, dem braust bald der Wind mit fürchterlichem Toben um seine Hütte, er vernimmt ein herzzerreißendes Wehgeheul in den Lüften und die erbetene Hälfte eines seligen Fräuleins hängt

ihm am Türpfosten. Nur wenn sie sich auf einen im Fallen des Stammes schnell durch 12 Axtschläge mit drei Kreuzen bezeichueten Baumstrunk setzen können, finden die Seligen vor dem wilden Manne Schutz, alles dieses den thüringischen und fränkischen Waldweibchen entsprechend. Im Vintschgau giebt es noch manchen Holzknecht, der nicht versäumt, derartige Kreuze einzuhacken.1 Beziehen sich diese Mythen deutlich auf Baumgenien, so weisen andere auf einen Zusammenhang mit der niederen Pflanzenwelt der Hochalpentäler hin. Unter den Saligen begegnen jene von Fanggen und Fänken uns bekannten Namen Stutzamutza u. s. w., in der Hinterdux jedoch nennt man die im Innern des Duxer Ferners hausenden Fräulein „Talgilgen,“ d. h. Maiblumen (Lilien des Tales). Sollte das nur ihre frühlingsfrische Schönheit ausdrückeu? Im Kanton Glarus heißt so ein Bergfräulein hei Schwanden Wídewíbli (Weidenweiblein), ein anderes bei Engi Pulsterewíbli (Huflattichweiblein).2 Im Kanton St. Gallen ruft man den Kindern, um sie vom Pflücken der unreifen Haselnüsse abzuhalten, zu:

„’s Haselliussfräuli chumt.“

Das Letztere ist wol eine Personification engerer Art, als die vorhergehenden. Und wenn in Montavon eine Art Baldrian (Valeriana celtica) Wildfräulekrut heißt,3 so hängt das deutlich damit zusammen, daß die wilden Frauen auch als heilkundig gedacht wurden, wie die Harzer Moosweiblein und oberpfälzischen Holzfräulein (S. 81. 97). Schon ein altes Zeugniß dafür besitzen wir im Gudrunepos (Str. 529); Wate hat von einem „wilden wíbe“ die Heilkunst gelernt und heilt mit guten Wurzeln die Wunden auf dem Schlachtfelde.4 Auch im Ecken liet gräbt das von Fasolt gejagte „wilde vrouwelín“ eine Wurzel,

zerreibt sie in der Hand und bestreicht damit den wunden Dietrich von Beru und sein Roß, davon das Weh verschwand und alle Müdigkeit wich.1 Nach deu über die mitteldeutschen Holzfräulein gepflogenen Erörterungen darf jedoch das Folgende wol wieder auf eine unmittelbare Beziehung der Saligen zur Vegetation gedeutet werden. Wenn Alpenburg recht berichtet ist, so überwandeln die Seligen zur Zeit der Flachs blute unter Anführung ihrer Königin Hulda die Flachsfelder, richten geknickte Stengel auf und segnen Kraut und Blüten.2 Der Flachsbau, Spinnen und Weben ist der Gegenstand ihrer besonderen Fürsorge.3 Vorzüglich aber wenn der Flachs gejätet, das Gras der Wiese gemäht, das Korn des Feldes geschnitten wird, stellen die Seligen oder wilden Frauen sich ein, helfen heuen oder Aehren schneiden, oder eilen vom wilden Mann gejagt vorüber.4 Den Mähdern auf den Bergwiesen stehlen sie gerne die Küchlein und Krapfen vom Kohlenfeuer und wenn das Heu im Winter mit Schlitten von den Alpen geholt wird, hockt ihrer wol ein ganzes Dutzend hintenauf und fährt mit,5 auch ruhen sie gern in Heuschupfen.6 In Martell werden den Arbeitern auf den Bergwiesen immer die sogenannten „Mahdküchel“ mitgegeben, angeblich für einen zufälligen Besuch der weißen Fräulein. Auch erscheint jeder Arbeiter beim Mahle in Feiertagskleidern, was wie das späte Mittagsessen sonst nicht gebräuchlich ist. Alles dies geschieht, wie die Leute sagen, „der Fräulein wegen.“7 Sowol die Mitarbeit bei der Ernte, als das Brod- oder Kuchenstehlen sind uns bereits wolbekannte Züge (ob. S. 75). Sollte das Schlafen im Heuschober

und das; unsichtbare Mitfahren mit dem von der Alpe heimgeführten Heu eine Erinnerung daran enthalten, daß die Fräulein als Vegetationsdämonen af das Gras mehr oder minder gebunden seien, oder liegt diesen Erzählungen ein rein menschliches Motiv zu Grunde? Zur Vervollständigung der Wildfräuleinmythen sei noch dieses angeführt, daß sie (resp. die Seligen) Wöchnerinnen, die nicht aufgesegnet sind, mit sich nehmen;1 daß sie Kinder rauben, die später (grüngekleidet) in ihrer Gesellschaft gesehen werden.2 Diese Eigenschaft teilen sie mit der mehr riesenhaften wilden Frau, der Fangg. Eine solche, die des wilden Mannes Gefährtin ist, heißt in Passeier Langtüttin, von ihren langen Brüsten, die sie den Kindern, ihnen nachlaufend, darbietet. Aus der einen fließt Milch, Eiter aus der anderen (vgl. ob. S. 88).3

§ 8. Wildleute: die rauhe Else der Wolfdietrichssage.

Wir bemerkten (ob. S. 100), daß die wilden Frauen in baierischer Ueberlieferung noch eine rohere und ursprünglichere Gestalt bewahrten, als die Tiroler Salgfräulein. Ein in Baiern um 1221 verfaßtes Stück in spielmännischer Poesie, das zweite Lied im Wolfdietrich B. gewährt in der Episode von der rauhen Else die Verflechtung einer Wildfrauensage in einer dem Zeitgeschmack huldigenden Umdichtung, jedoch mit Bewahrung mancher noch sehr altertümlicher Züge, in das Epos. Wolfdietrich wacht auf einem grünen Anger im Walde beim Feuer, indeß seine Gefährten schlafen. Da kriecht auf allen Vieren, wie ein Bär, ein ungeschlachtes behaartes Waldweib, die rauhe Else herbei und fordert ihn auf, sie zu minnen. Da er sie entrüstet zurückweist, verzaubert sie ihn, so daß er in derselben Nacht zwölf Meilen läuft, bis er unter einem schönen Baume die rauhe Else abermals trifft. Sie wiederholt die Frage: „Wilt du mich minnen?“ er die Weigerung. Da wirft sie zornig einen stärkeren Zauber auf den Mann, so daß er schlaftrunken auf den grünen Rasen niedersinkt und sie ihm zwei Haarlocken vom Kopfe und die Nagelspitzen von den Fingern schneiden kann. Jetzt ist er ihr verfallen. Sie macht ihn zu einem Toren, so daß er ein

halbes Jahr ohne Besinnung im Walde „wild laufen“ muß und Kräuter von der Erde als Speise aufrafft. Endlich gebietet Gott dem Weibe durch einen Engel die Verzauberung rückgängig zu machen, widrigenfalls ihr der Donner in dreien Tagen das Leben nehmen werde (oder dir nimt der doure in drín tagen dínen lip). Alsbald stellt sie sich Wolfdietrichen wiederum dar und jetzt willigt er ein, sobald sie getauft sein werde. Sie führt ihn zu Schiffe über Meer in ein Land, drin sie als Königin schaltet (Troja), läßt sich da in einem Jungbrunnen taufen, legt in demselben ihre rauhe Haut ab und steigt mit dem neuen Namen Sigeminne aus demselben als die schönste aller Weiber hervor.1 Nach dem Dichter zog sie schon drei Jahre dem Helden nach, den sie zum Manne wollte, ihr neuer imperativisch gebildeter Name soll daher den Triumph der Liebe ansdrücken und ist nicht mit J. Grimm Myth.2. 405 mit waltminne (lamia) merminne (sirena) zusammenzustellen.

Unverkennbar sind die Spuren mehrerer Wandlungen, welche die Erzählung durchgemacht hat, ehe sie in die Hände des letzten Bearbeiters geriet. Königswürde, Königssitz in Troja, Bewerkstelligung des Zaubers durch ein äußeres Mittel (Ueberwerfen), Namengebung sowie eine spätere Entführung der Sigeminne durch einen Zwergkönig2 mögen Erfindungen des Dichters von Wolfdietrich B. sein, einer früheren Bearbeitung gehört das Bad im Jungbrunnen an, doch auch dies ist kein ursprünglicher Bestandteil der Sage, welche unzweifelhaft nur dies wußte, daß die anfangs in rauher, behaarter Gestalt auftretende Jungfrau dem Helden endlich in liebreizender Schönheit nahte, falls nicht dies den ursprünglichen Schluß der Erzählung bildete, daß Gott dem Waldweibe, in dessen Gewalt der Held geraten war, befahl denselben loszulassen. In der Drohung mit dem Donner bricht, wie J. Grimm (Namen des Donners 322 Kl. Schr. II, 425) mit Recht bemerkte, ein alter Sagenzug durch; der erste Urheber der Episode wußte noch, daß die Waldfrauen, deren eine seine Verse verherrlichten, dem Volksglauben nach gewöhnlich von dem Gewitter verfolgt

werden (vgl. den estnischen Baumelf ob. S. 68) wie die Seligen vom Stumriesen. Weicht schon dieser Zug von den bisher aufgeführten deutschen Sagenformen ab, so noch mehr, daß das Waldweib den Ritter irre laufen läßt (vgl. ob. S. 61 die Sage vom Apfelbaum bei Falsterbro) und daß dasselbe von seiner Seite die geschlechtliche Verbindung mit Menschen sucht. Die Vergleichung der schwedischen Skogsnufvar wird uns jedoch Zug für Zug gewiß machen, daß wir es in diesen aus der dichterischen Verarbeitung herausgeschälten Volksanschauungen mit eurer uralten in Deutschland seit Jahrhunderten verschollenen Form der Ueberlieferung zu tun haben.

§ 9. Wilde Leute: Norggen.

Wie in Graubünden und Vorarlberg die riesigen Fänkennänner in die zwerghaften Fenggen übergehen, kennt der Tiroler Volksglaube neben dem ungeheuren wilden Mann, der die Seligen verfolgt, ein harmloses „Wildmännl.“ Diese „wilden Männlein“ führen häufig den wälschen Namen der Norgen1 (Nörglein, Orgen, Orken, oder Lorgen d. i. ital il orco, franz. ogre, Ferm. it. orca fr. ogresse aus lat. Orcus, in orco, ein Name, der nach der Predigt des h. Eligius (Myth.1 XXX) schon im 7. Jahrhundert unter den Romanen des Frankenlandes ein Wesen des Volksglaubens bezeichnete und dem Begriffe nach, dem deutschen ,.Unnerérdschen“ Zwerg u. s. w. entsprechen wird. Es ist aber fast nur der Name von den Wälschen entlehnt, denn der Orco der Ladiner, ein tückischer Berggeist, der den Menschen schlimm mitspielt, und sich in alle Gestalten wandeln kann, wird in vielen und wesentlichen Stücken verschieden von dem Ork und Nörkele der Deutschtiroler geschildert.2 Letzterer ist halb Zwerg, halb Kobold und zeigt sich als solcher gern von der neckischen Seite. Die Norgen sollen vom Himmel gestürzte Engel sein, welche im Fall an Bergen und Bäumen hangen blieben und noch jetzt in hohlen Bäumen und andern Löchern und Berghöhlen wohnen. 3 Sie hüten dem Bauer

auf der Alp oder im Stalle das Vieh, spielen den Mägden manchen Possen, gehen davon, sobald man sie mit nettem Gewände beschenkt, stehlen Kinder, hocken dem Wanderer auf und machen sich so furchtbar schwer, daß mancher der Last erlag, oder Krankheit davon trug. Ihre Töchter, die beim Bauer dienen, werden auf die schon bekannte Art durch Ansage, daß der Vater todt sei, heimberufen (vgl. ob. S. 90).1 Sie tragen sich gern in Grün, in Bergmoos2, grüne Jacke und grüne Hosen3 oder grüne Strümpfe gekleidet.4 Sie sind also, abgesehen davon, daß bei ihnen, etwa von ihrem ladinischen Namensvater dem Orco her, die schalkhafte Seite des Koboldcharacters mehr herausgebildet ist, den Fenggen Graubündens ganz gleich. Oft erwähnt von diesen wilden Manneln oder Nörgeln ist der folgende Zug, der übrigens auch von den Seligen berichtet wird.5 Bei herannahendem Regenwetter läßt sich das Nörgl jauchzend auf einer Anhöhe sehen und dient als Wetterprophet. Im Frühling oder Spätherbst, zur Zeit der Aussaat erscheint dem Bauer das befreundete wilde Männlein und bezeichnet ihm die Zeit, wann er das Feld bebauen solle. Entweder giebt es durch sein persönliches Erscheinen dieses Zeichen oder indem es einen Pflug, oder eine Egge auf den Acker stellt.6 Aelter wol und ursprünglicher ist die erstere Angabe.

In Navis erschien immer zur Zeit der Aussaat ein wildes Männlein und die Bauern konnten darauf rechnen, daß sie, sobald es sich zeigte, aussäen und eine gute Ernte hoffen durften. Auf den Voldererberg kam alle Frühjahr ein Mannl. Niemand wußte wie es hieß oder woher es kam; und doch stand es mit den Bauern auf bestem Fuß, gab ihnen manchen Rat und bestimmte genau die Tage, an denen sie diese oder jene Arbeit bestellen sollten. So lange der Bauer dem Winke des wilden Männleins

(Norgleins) folgt, erfreut er sich jedesmal einer reichen Ernte. Als er einstmals aber, da der Norg oder sein Zeichen lange ausbleibt, auf eigene Hand aussät, oder einlhimst, kommt hinterher noch ein Unwetter, das die ganze Ernte vernichtet. Der wilde Mann verschwindet für immer mit den Worten: „Hättet ihr mich viel gefragt, hätte ich euch viel gesagt.“1

§ 10. Wilde Leute: Bilmon, Salvadegh, Salvanel in Wälsch-Tirol.

In Wälschtirol zumal um Folgareit sprechen die Deutschen vom wilden mon, Bilmon oder Bedelmon (wilden Mann), der in Höhlen wohnt als wilder Jäger zur Zeit des Heumähens jagt und, wenn man von ihm einen Jagdanteil verlangt, einen halben Menschenleib an die Haustüre wirft.2 Er lehrt Holzschläger die Kunst Käse zu machen, als man ihn einst, berauscht und so gefangen hat.3 Wäre er nicht zu frühe entkommen, so hätte er noch manche schöne Dinge gelehrt, besonders aus Milch Wachs zu machen. Das von ihm gejagte Weib heiratet einen Menschen, der sie rettet, verläßt denselben, weil er ihr mit der linken statt der rechten Hand den Schweiß getrocknet hat, kehrt aber zurück, um ihre Kinder zu waschen und zu kämmen (vgl. o. S. 104-),5 oder sie eilt davon, weil ihr Mann mit seinem Wagen durch den Wald fahrend plötzlich eine Stimme hört: „Sag der Mao, daß Mamao gestorben ist“.5 Die Frauen der wilden Männer, die wilden Weiber, heißen in Folgareit und Trambileno zuweilen Franberte, sie führen den Wanderer gerne in den Wäldern irre, indem sie plötzlich Stücke Leinwand durch den Wald spinnen und ihm den Weg sperren (Nebel). Dieser wilde Mann wird von den Ladinern in den nämlichen Tälern von Folgareit nnd Trambileno l’om salvadegh (= franz. l´omme sauvage aus salvage, lat. homo silvaticus) genannt. Die entsprechende weibliche Form läßt

sich bereits im 10. Jahrhundert aus des Burchard von Worms Decretensammlung p. 198 (Myth.1 XXXVIII.) erweisen:

Deutlich ist „agrestis femina“ Uebersetzung des deutschen Ausdrucks „wilde Frau“. (Vgl. weiter unten die Sagen von der schwedischen Skogsnufva und o. S. 108 die rauhe Else.) In Valsugana um Borgo heißt der Salvadegh Salvanel. Man erzählt hier von ihm ebenfalls, daß er mitten in Wäldern Höhlen bewohnt, den Hirten die Milch stiehlt und, als man ihn einst durch 2 mit Wein gefüllte Milchgefäße fängt und bindet, die Bereitung von Butter, Käse und Lab leimt. Er raubt kleine Kinder, besonders Mädchen. Wenn ein Baum absteht und auf einer Seite des Stammes an einer schon von der Fäulniß ergriffenen Stelle ein wässeriger Saft abfließt, so sagen im wälschen Etschlande die Bauern, er habe den Salvanel.1 Salvanel entspräche latein. Silvanellus, d. h. doppeltem Diminutiv von Silvanus. In Fassa Enneberg und der Gegend des Kreuzkofels führen die wilden Männer den Namen Salvangs (Sing. Salvang Plur. Salvegn) = lat. Silvani, Silvanii. Sie waren stark, haarig und hatten lange Nägel an den behaarten Fingern. Man fürchtete sich vor ihnen, weil sie gerne Kinder abtauschten. Deshalb trifft man noch jetzt an alten Häusern der dortigen Gegend nur kleine runde Fenster, die sich bequem mit einem Schubladen schließen lassen.2 Die wilden Weiber der Salvegn heißen in Fassa Bregostane, in Enneberg Gannes2 3 (über Fangga s. o. S. 99).

Noch wilder, den Fanggen Deutschtirols ähnlich, denkt sich das Volk um Mantua die gentc salvatica, Geister halb Mensch, halb Tier mit einem Schwänze hinten, welche Menschen mit sich in den Wald tragen und auffressen. Ein ins Saatfeld gesteckter Popanz aus alten Lumpen, von dem man den Kinder sagt, er

werde sie forttragen, wird ebendaselbst als Salbanello bezeichnet.1 Niemand wird sich hier dem Zugeständniß entziehen können, daß in allmählichen Uebergängen ein grader Weg von den Baumgenien und mitteldeutschen Waldleuten uns bis an den römischen Silvanus und Fannus herangeführt hat. Wir werden davon Act nehmen dürfen, um uns dieses Zugeständnisses an einem andern Ort zu erinnern, wenn wir vou ganz anderer Seite den nämlichen Endpunkt erreicht haben werden.

§ 11. Wilde Leute: Pilosus, Schrat, Schrätlein.

Fürs erste liegt uns jedoch die Pflicht ob, die Bedeutung noch eines andern sehr scheinbaren Zeugnisses für die Uebereinstimmung anderer Waldgeister mit den Panen und Satyrn auf ihren wahren Wert hinabzustimmen. Wir sahen, daß die Moosleute und wilden Männer als am ganzen Leibe behaart geschildert werden. Bei romanischen, deutschen und slawischen Schrifstellern des M. A., namentlich Glossatoren ist die Rede von geisterhaften Wesen „Pilosi, qui graece panitae, latine incubi appellantur“, von denen dann verschiedene den Hausgeistern, Kobolden und Zwergen zukommende Geschichten erzählt werden.2 Daraus darf aber keinesweges etwa ein Zeugniß entnommen werden, daß die Erzähler dieser Sagen die betreffenden Hausgeister u. s. w., denen sie den Namen Pilosi, satyri u. s. w. beilegen, als den Faunen oder Panen in Gestalt oder Verrichtungen genauer entsprechend bezeichnen wollen. Vielmehr drückt dieser Name für sie nur den allgemeinen Begriff  aus, im Anschluß an Jesaias 13, 21 in der Vulgataübersetzung. Letztere Stelle liegt allen den erwähnten Glossen zu Grunde oder schwebt den meist kirchlichen Schriftstellern vor. Deutlich aber läßt sich an einem einheimischen Namen, der zuweilen zur Verdeutschung von pilosus gebraucht wird, der schon oft beobachtete Uebergang vom Waldgeist in den Hüter und Schützer des Hauses aufs neue beobachten. Althochd. Glossen Myth.2 447 gewälmten scratun, pilosi; waltschrate satyrus3 auch mhd. begegnet „ein wilder walt-

schrat.“ Nach Kornmann mons Veneris 1644 p. 161 wurde der rötliche Saft, den die Schmetterlinge an die Bäume ansetzen, für das Blut der vom Teufel verfolgten und verwundeten Schretlein gehalten. Man glaubte, daß sie jene Blutspuren zurücklassen, wenn sie, um vor dem Bösen sich zu retten, in das Innere der Bäume hineinschlüpfen. Die Schrate oder Schretel, Schretlein u. s. w. stellten sich also unsern vom wilden Jäger gejagten Moosleuten und den estnischen vom Donner verfolgten Baumelfen (s. o. S. 68) nahe zur Seite. Zu bemerken ist aber, daß in Niederbaiern Schratl den Wirbelwind bezeichnet.1

Schon von alter Zeit her wird den Schraten gleichzeitig auch die Rolle von Hausgeistern und Kobolden zuerteilt Vgl. schretlin penates. Vocab. v. 1482 srate lares mali. Sumerl. 10, 66. Jedes Haus hat ein Schrezlein; wer es hegt, dem giebt es Gut und Ehre u. s. w. Michel Beham 8, 9; screti penates intimi et secretales. Wacehrad mater verbor. Namentlich ist der Skrat bei den Inselschweden und ebenso durch Entlehnung von diesen in der Form Krat bei den Esten ein Hausgeist oder Kobold, der auch mit dem fliegenden Drachen identifiziert wird, welcher seinem Besitzer Getreide und andere Dinge durch die Luft zuträgt.2 Ob in Ekkehards Waltharius die für den in langer Waldwanderung an Aussehen verwilderten Helden gebrauchte Vergleichung „saltibus assuetus Faunus“, „Silvanus Faunus“ jenes deutsche Waltschrate übersetzt, wie Grimm meint, mag dahin gestellt bleiben. Der Schrat wird gewöhnlich zwerghaft, in Kindesgröße gedacht; aber das Beispiel des Tiroler wilden Mannes lehrt, daß daneben sehr wol eine riesige Gestaltung desselben Wesens herlaufen konnte. Wir sahen die gente salvatica vorhin in Tiergestalt übergehen; schon früher begegnete uns ein dem Salgfräulein entsprechendes weibliches Wesen, eine Diale mit Ziegenfüßen (o. S. 95).

§ 12. Wildleute: Delle Vivane, Enguane.

Im Grödener Tale heißen die Seligen Belle Vivane, in Fassa Delle Vivane. Eine solche hockte jedesmal einem Bauer auf den Wagen, wenn er Holz von der Alpe nach Hause führte, und fuhr bis zu einer

1) Panzer, Beitr. II, 209.
2) Rußwurm, Eibofolke § 373 ff.

gewissen Brücke mit. Dem Rate einer klugen Alten folgend wußte der Bauer sie zu fangen und zu bestimmen, sein Weib zu werden. Sie willigte ein, wenn er sie nie Geiß nennen wolle. Als er dies nach Jahren in der Leidenschaft eines Wortwechsels dennoch tat, tanzte plötzlich alles im Zimmer, es entstand in dessen Mitte ein Staubwirbel und darin verschwand sie.1 Im Nonsberg und Valsugana in Wälsch-Tirol heißen die Seligen Angane (Enguane, Eguane); von ihnen werden die bekannten Wildfrauensagen erzählt, ihr Verfolger aber ist ein wilder Jäger Namens Beatrik, der zu Roß und mit vielen kleinen Hündchen, besonders zu Weihnachten daherstürmt. Wir nennen ihn hier besonders, um zu erwähnen, daß er einst einem Hirten befiehlt einen Bock von der Spitze eines Hügels zu holen, zu schlachten, zu kochen und dann mit zu essen. Nach dem Essen warf der Beatrik die abgezogene Haut des Bockes auf die wol aufgehobenen Beine, da war der Bock lebendig und ging zur Türe hinaus, aber er hinkte ein wenig, weil der Hirte ein Beinchen vom Fuße verschluckt hatte.2 Es ist dieselbe Mythe, welche in der jungem Edda vom Gewittergotte Thorr, in Oberdeutschland von der Wiederbelebung eines Hasen, einer Gemse, einer Kuh durch das wilde Heer (Nachtvolk), Zwerge, wilde Frauen oder Hexen, in den Niederlanden und England von Erneuerung eines Ochsen, Kalbes oder Schweines durch die wilde Jägerin Herodias oder durch Heilige berichtet wird.3

§ 13. Wilde Leute der keltischen Sage.

Haben wir einmal im Verfolg der verschiedenen Gestalten der Waldgeister die germanische Grenze nach der romanischen Seite hin überschritten, so sei gleich des wilden Mannes und des wilden Weibes in der Artussage gedacht, zweier Figuren, welche wahrscheinlich aus der keltischen Ueherlieferung der Bretagne ihren Ursprung ableiten. Es sind Riesen von grausiger Gestalt, ellenbreit ein Haupt, ebergleichen Stoßzähnen, roten Augen und über die Ohren hinabhangendem rußfarbenem Haare. Das Weib ist nicht minder schrecklich, als der Mann. Es zeichnen sie kaum die Länge ihres Haares und ihre weit herabhangenden Brüste aus [ir brüste nider hiengen, di siten si beviengen gelích zwein grózen taschen dá]. Der Mann trägt einen mächtigen Eisenkolben als Waffe. Sein Geschäft ist, in dem märchenhaften Walde von Breziliande als Hirte die wilden Tiere des Waldes, Wisende und Auerochsen zu weiden, die ihm bebend als ihrem Meister gehorchen.1

§ 14. Dames vertes.

Dem ersten Anscheine nach völlig von diesen keltischen Wildleuten verschieden weisen die weißen oder grünen Frauen der Franche-Comté (Dames bauches, Dames vertes) doch auch Verwandtschaft mit dem wilden Weihe in Deutschland auf. Grüne Frauen haben u. a. in einem Walde hei Relaus Dép. du Jura ihren Aufenthalt An einer gewissen Eiche (chéne des bras) zünden sie Feuer an, da hört man sie singen und schreien. Auf engem Waldpfade begegnen sie den Menschen und locken sie mit unwiderstehlichen Reizen in das tiefste und entlegenste Dickicht; da schwindet der Zauber; die holdseligen Liebhaberinnen wandeln sich in erbarmungslose

Furien, welche ihr Opfer eben so eifrig verfolgen, als sie es zuvor augezogen hatten. Die großen und schönen grünen Frauen in den Wäldern beim Dorfe Veyria sind so mutwillig, die Vorübergehenden beim Arme zu fassen und sie zu einem Hange über die Ortsgrenzen hinaus zu verleiten. Da verirren sie sich mit ihnen vom rechten Wege und dieselben kommen zum Verdruß der eifersüchtigen Mägdlein von Veyria erst spät wieder. Im Tale von Salins im Walde von Andelot bei Pont d’Hery befindet sich eine Grotte „ chambre de la dame verte“ genannt. Auf dem großen Wege unfern davon läßt sich die grüne Dame oft genug sehen. Einst traf sie ein fünfzigjähriger Mann aus Andelot, Cousin, der den Spitznamen Badaud (Einfaltspinsel) führte, wie sie grade ihr Strumpfband befestigte. Er bot ihr seine Dienste an; sie tat, als nehme sie sein Anerbieten an und schlug ihm einen kleinen Spaziergang in den Schonungen und Wäldern vor. Da er hoffnungsvoll und eifrig darauf einging, nahm sie seinen Am, drückte ihn fest an sich und schleppte ihn dann atemlos durch Dorn und Hecken, Brücker und Sümpfe, wobei sie sich anstellte, als merke sie nichts. Als der Unglückliche endlich um Gnade bat, war sie so gefällig ihn über beackertes Land, oder spitze Felsen laufen zu lassen. Er hatte ein Bündel auf dem Markte gekauften Flachses bei sich. „Laß uns deinen Flachs spinnen,sagte sie, „Badaud, laß uns deinen Flachs spinnen!“ Und allenthalben wurde hier etwas Flachs von den Dornen gekämmt, blieb dort etwas an den Baumästen hängen. „Laß uns deinen Flachs spinnen!“ wiederholte sie und von seinem Bündel blieb auch kein Faden übrig.

In der Umgegend von Salins erscheint die grüne Frau oft den Einwohnern von Aresches und Thésy, auch sieht man sie am Quell von Alon. Einem jungen Vorwitzigen Petit Poulot, der sie um den schlanken Leib faßte, um mit ihr zu schachern, gab sie eine derbe Lection, die ihn für längere Zeit zum Gespötte seiner Bekannten machte. Die über die Combe-á-la Dame unweit Clémont vom Jahrmarkt von St. Hippolyte zurückkehrenden Bursche finden sich plötzlich im wilden Waldesdickicht umringt von einer Schaar junger neckischer und niedlicher Damen (aussiespiégles que jolies); an ihrer Spitze, die andern um eines Hauptes Länge überragend die grüne Frau. Sie trieben mit den Burschen ihr Spiel, allerlei Koboldstreiche, führten sie vom Wege ab uud brachen endlich in helles Gelächter aus, welches als vielfaches Echo spöttisch wiederhallte. Zwischen Neufchátel und Rémondan heißt ein Berg ,,la róche de la Dame Verte“.

Da verbirgt sich die grüne Frau, wenn es regnet, in engem Versteck hinter Buchen und einem dichten Vorhang biegsamer Schlingpflanzen. Auch auf einer Wiese an den Ufern der Braine zwischen Seilliéres und Vers wird eine grüne Dame sichtbar, die sich auf Kosten der jungen Leute in diesen Orten lustig zu machen liebt. In den sieben Quellen inmitten eines sehr einsamen Tales bei Greye sieht man die grünen Frauen fröhlich ihre Wäsche waschen. Am liebsten läßt sich die grüne Dame in Gebüschen am Rande der Wiesen, am Abhange gegen einen Weiher und am Ufer der Quellen sehen und gerne stößt sie den Gast, den sie an sich gelockt hat, ins Wasser. Dr. Gaspard aus Gigny (Dép. du Jura) weiß noch sehr wol aus seiner Jugend des folgenden Umstandes sich zu erinnern. Wenn man in der weiten Prairie das Gras mähte, so behaupteten die Arbeiterinnen, welche das Heu streuten und umwendeten, fast regelmäßig die „Dame verte“ ganz in ihrer Nähe haben vorübergehen zu sehen. Dies geschah zumal auf der sogenannten Rosenwiese und in der Nähe der „Grotten“, wo sie und ihre Gefährtinnen sich vereinigen sollen. Schwankten die Kräuter und Halme (epis) im Winde, so sagte man, die grüne Dame und ihre Gefährtinnen seien da, die mit ihren leichten Füßen darüber hinwandelnd Blumen und Aehren niederbögen. Und bei aller Tücke in ihrem Wesen leisten doch auch sie dem nahen Dorfe gewissermaßen den Beistand eines guten Hausgeistes. Zu Maisires im Tale von Loue (Dép. du Doubs) erschien die grüne Frau am Vorabende eines das Dörfchen verheerenden Brandes durch die Kornfelder und Baumgärten wandelnd; doch niemand beachtete ihre stumme Mahnung.1 Vgl. o. S. 108 die rauhe Else, die feminae agrestes silvaticae o. S. 113, und weiter unten die schwedischen Skogsnufvar. Hinsichtlich der Wäsche vgl. S. 101.112. Am bemerkenswertesten jedoch ist der Umstand,

daß dieselben Frauen, welche das Leben des Waldes erfüllen, auch im Winde durch oder über die Grashalme der Wiese, die Kornhalme des Ackerfeldes (und die Wipfel der Obstbäume) wandeln. Vgl. ob. S. 77 die Holzfräulein. Die Promenade durch Dom und Hecken erinnert sehr an die Stumnatur anderer Waldgeister. Das Flachsspinnen gleicht dem Garnspinnen der Holzfrau o. S.

§ 15. Wildfrauen in Steiermark.

Von der Abschweifung ins romanische Ausland kehren wir auf deutschen Boden zurück. In Steiermark hetzt eine ganze Genossenschaft von wilden Jägern (das wilde Gjaid) in einem halb pflüg-, halb schiffartigen Schlitten fahrend und von den gleich Rossen vom Schmied beschlagenen Geistern böser Dienstmägde 1 gezogen die Wildfrauen. Diese sind verwunschene Menschen, welche von der Rückseite hohl, oder muldenartig gestaltet sein sollen. Sie wohnen in einem bewaldeten Kogel (Berggipfel) und waschen in kleinen Lachen ihre Wäsche rein und weiß, die man sie zum Trocknen aufhängen sieht.2 Das Verständnis dieser seltsamen Beschreibung der Wildfrauen liefert vielleicht eine Schilderung der Frau Holle in hessischen Hexenacten; die an der Spitze des wilden Heeres daherfahrende „Frau Holt were von vorn her wie ein fein weibsmensch, aber hinden her wie ein hohler Baum von rohen Rinden“. 3 Sind die Wildfrauen Waldgenien, so liegt es doch wol am nächsten, daran zu denken, daß (wie bei der Melusine das menschengestaltete Oberteil ihr geistiges Wesen, der fischfömige Unterleib ihre Zugehörigkeit zum feuchten Elemente ausspricht) der hohle Rücken, einem vom Alter morsch

gewordenen Baume entlehnt, ihr Naturelement andeuten sollte.1 Wollte man jedoch dieser Deutung Raum geben, so müßte erst erwiesen sein, daß der hohle Rücken ein ursprüngliches Zubehör der Wildfrauengestalt und nicht etwa ein aus der Beschreibung anderer Geister hergenommenes Merkmal gewesen sei. An dieser Stelle kommt es nur erst darauf an, dem Leser ein Material über Waldgenien vorzuführen, welches ihn später befähigt über die Natur derselben ein begründetes Urteil herauszubilden.

§ 16. St. Walpurgis.

In den meisten dieser oberdeutschen Ueberlieferungen tritt die Beziehung der gejagten Frauen zur Korn- oder Heuernte, welche wir bei den Holzfräulein und den Seligen beobachteten (ob. S. 77), ganz zurück. In einer niederösterreichischen Tradition aus der Gegend von Mank kommt dieselbe wieder zum Vorschein. Die neun Tage vor dem 1. Mai heißen Walpurgisnächte und auch andere Tage, besonders die Erntetage, sind der h. Walpurga gewidmet In diesen Zeiten wird die heilige Walpurga, ein weißes Weib mit feurigen Schuhen und goldener Krone, in der Hand einen Spiegel und eine Spindel tragend, von bösen Geistern auf weißen Rossen durch die tiefen Wiesen und Wälder unaufhörlich verfolgt. Vor ihnen flüchtet sie sich gerne in die geöffneten Fenster eines Bauerhauses und verbirgt sich hinter dem Fensterkreuz. Einem Bauer, der bei Nacht sein Getreide heimführte, begegnete die h. Walpurga auf ihrer Flucht und bat ihn um Schutz. Er band sie in eine Garbe ein, bis die wilden Verfolger vorübergetost waren. Beim Ansdreschen ergab diese Garbe Goldkörner.1

Rochholz ( Drei Gangöttinnen, Leipzig 1870) hat vergeblich versucht nachzuweisen, daß Wälpurgis eine altgermanische Göttin war, aus deren Sagenkreis u. a. die vorstehende Ueberlieferung als Rest geblieben. Aus Tatsachen, die wir im Laufe unserer Darlegung mitzuteilen, auch für die Erklärung der vorliegenden Sage nutzbar zu machen gedenken, wird vielmehr hervorgehen, daß der Name Walpurga nur von dem Kalendernamen der Zeit hergenommeu ist, in welche der Volksglaube die Jagd auf das geisterhafte mit dem Holzfräulein, Seligen u. s. w. im übrigen identische Weib verlegte.

§ 17. Weiße Weiber, Ellepiger, Meerfrauen.

Im norddeutschen Flachland und Dänemark, soviel ich weiß auch in England, treten die Waldgenien als solche sehr zurück. Zwar fehlt es nicht an Seitenstücken zu vielen der von den Holzleuten und wilden Leuten erzählten Sagen, aber in diesen werden an Stelle jener Wesen die sogenannten Unterirdischen, oder weißen Weiber oder Meerfrauen (Haffruer) handelnd oder leidend angeführt, oder es ist ein einzelnes weißes Weib (Frau, Jungfrau, Wetterhexe, Haffru, Ellepige) der Gegenstand der Verfolgung von Seiten des wilden Jägers (Wode, Frau Wauer, in Dänemark Un, d. i. Zusammenziehung aus Oden, Grönjette, Kong Valdemar) und es wird wol hinzugesetzt, daß es seine Buhle1 sei, die er sieben Jahre lang verfolgt habe und wenn er sie heute nicht erreiche, so sei sie erlöst.2 Dabei kehren mehrere

uns bereits bekannte charakteristische Züge wieder. Die gejagten Wesen haben lange fliegende (einmal wird auch gesagt gelbe) Haare.1 Der Wilde hängt, sie, wenn er sie erlegt, mit denselben zusammengeknüpft quer über sein Roß. Auch die Brüste des verfolgten Weibes werden als lang und groß hervorgehoben, wovon sie auch Slatte Langpatte heißt.2

Als characteristische Züge, die vielleicht von Bedeutung sind, dürfen vielleicht noch die folgenden hervorgehoben werden. Die verfolgte Frau muß wie auch der wilde Jäger einen Kreuzweg passieren, der ihre Fahrt unterbricht; im Laufe auf der Flucht wird sie kleiner und kleiner, bis sie zuletzt nur auf den Knien läuft.3

Was auch immer die Bedeutung der Sage von der Jagd des wilden Jägers auf die einzelne Frau, oder eine Schaar elbischer Wesen sei [beide Formen der Tradition sind im Grunde nicht verschieden 4], jedenfalls ist die Verwandlung der Ver-

folgten in Meerfrauen ein durch die geographische Lage der dänischen Inseln veranlaßtes Mißverständnis und ebenso scheinen unter den Unnerérdschen und weißen Weihern (witte wíwer) hier Dämonen gedacht zu sein, welche vor andern Geistern gleichen Namens durch noch deutlich erkennbare Beziehungen zur Pflanzenwelt sich hervortun. Sie wohnen zwar meistens auf freiem Felde unter Büschen oder in der Erde, oder in kleinen Erdkugeln (dem flachländischen Gegenstück der Tyroler Berghöhlen) und wären danach wol als Feldgeister zu bezeichnen, aber zuweilen hausen sie auch in Waldlichtungen, oder unter den Wurzeln alter Bäume. Und wenn man, was doch wol sehr wahrscheinlich ist, die witte Wíwer in Mecklenburg von den witte Wíwer auf dem benachbarten Rügen nicht trennen darf, so bietet die folgende Sage einen directen Belag dafür, daß sie teilweise mit den Baumseelen zusammenfallen. Bei Mönchgut stand eine Eiche. Als die witten Wíwer von dort vertrieben wurden, vertrocknete die Eiche und sie sagten, wenn die Eiche wieder ausschlüge, würden auch sie wieder kommen. Zeitsehr. f. d. Myth. II, 145. Da es ferner nicht ungewöhnlich ist, das Laub der Bäume als Haar aufzufasseu (ob. S. 76), so liegt es nahe mit Müllenhoff (a. a. 0. und Torr. XLVI; XLVII) die langen (gelben) Haare der verfolgten Wesen auf ein charaeteristisches Zubehör von Moosleuten oder Waldfrauen, mit andern Worten auf das gelb gewordene durch den Sturmriesen im Herbste von den Bäumen gejagte Blättergrün zu deuten. Hierauf würde auch der Name des Verfolgers binweisen, wenn man den Grönjätte auf Möen als Riesen d. h. entweder den riesigen Dämon oder den Vernichter, Verfolger des Grüns fassen dürfte.1 Das einzelne gejagte Weib

wäre dann wol als eine Personification der ganzen Vegetation zu verstehen, deren üppige Nahrungskraft und Zeugungsfülle durch die ungeheure (von der jüngeren Volkssage schließlich ins Unschöne übertriebene), Entwickelung ihrer Brüste angedeutet wird. Im Herbste wird sie von Tag zu Tage kleiner und kleiner. Sie war des sommerlichen Gottes Buhle; jetzt entzieht sie sich ihm, vor ihm fliehend, während der sieben Wintermonate (der 7 Jahre der Sage); als Kreuzweg muß die Jahreswende (Mittwinter, Wintersolstiz resp. Neujahr) überschritten werden.1 Wir kommen auf diese Deutung weiterhin noch einmal zurück.

Zuweilen wird die vom wilden Jäger in Dänemark gejagte Frau gradezu als Ellepige (Elfenmaid) oder Ellefru bezeichnet.2 Die Elfen (Ellefolket) wohnen im Erlenbruch, der Mann erscheint als alter Kerl mit breitem Hut; bläst er Menschen an oder gerät ein Tier auf die Stelle, wo er mit den Seinigen weilte, so fallen sie in Siechtum. Die Weiber tanzen bei Mondschein ihren Reigen im grünen Grase, von vorne jung und verführerisch schön, sind sie hinten hohl wie ein Backtrog.3 Der letzte Zug kehrt aber auch in dänischen Sagen wieder, welche Waldfrauen in einer ganz ähnlichen Weise schildern, wie die weiterhin zu besprechenden schwedischen Skogsnufvar. Eines Tages ging ein Kind mit seiner Mutter zu Walde, da sah es ein großes Weib, das rauchte Taback. Was ist das für eine ? fragte der Junge. Laß du sie nur gehen, sagte, die Mutter; da wandte sich das Weib und zeigte einen hohlen Rücken.4 Wol nur irrtümlich ist in der folgenden Sage, die sonst genau den Skogsnufvarsagen entspricht, am Schlüsse auch ein männlicher Elf eingeführt. Auf der Insel Möen ging Margarete Per Mikaels als kleines Mädchen einmal durch den Buchenwald bei Stevns, da begegnete ihr ein großes Weib mit schwarzer Haube und langen Fingern, die wurde größer und größer. Margarete lief vor ihr, spürte aber bald

ihre langen Finger auf der Schulter, das Laub wirbelte in den Baumwipfeln, und das Kind fiel um und blieb liegen, bis das unheimliche Wesen sich bei Sonnenuntergang in eine schwarze Kuh verwandelte. Margarete war von da an drei Jahre verstörten Geistes. Einst als die Kirschbäume, blühten, pflückte Margarete alle Blüten ab und lag dann 9 Tage zu Bette, in der neunten Nacht erschien ein Männchen, das war ein Els und wollte das Kind mit sich fortnehmen; da sie aber fest schlief, vermochte er ihr nichts anznhaben. Ein Els ist ein Wesen mit hohlem Rücken, das hat Macht über solche, bei deren Taufe es nicht ganz richtig zugegangen.1 Margarete blieb immer verstört; im Walde empfand sie stets einen unwiderstehlichen Zug zu der Stelle, wo jenes Weib ihr begegnet war. 2

§ 18. Die schwedischen Waldgeister.

Wie die dänische Inselnatur der überlieferten Sage durch Verwandlung der gejagten Frau in eine Meerfrau ihren Stempel aufdrückte, so auch die starre Gebirgsformation Skandinaviens. Um die Waldgeister Schwedens wahrhaft zu verstehen, muß man nach eigener Erfahrung den Eindruck sich zum Bewußtsein gebracht haben, den die unermeßliche Wildniß des schwedischen Urwaldes auf Gemüt und Phantasie ausübt; man muß den dunkeln, oft grausigen Skog kennen, dieses meilenweit ununterbrochene chaotische Gemisch von Laub- und Nadelholz (meist Fichten, Kiefern, Birken und Erlen) von Felstrümmern und umgestürzten Baumstämmen und einem Stein und Stock pilzartig überwuchernden Teppich von Moos und niederem Pflanzengestrüpp. Da hat man nach wenigen Minuten Pfad und Richtung verloren. Hie und da leitet dich wol ein vom weidenden Vieh getretener Gang, immer aber in die Irre; du brichst “durch den Pflanzenpelz, der die Untiefen überzieht, zerreißest deine Kleider, deine Haut an Gestrüpp und Felskanten und verzichtest auf jedes weitere Vordringen.3 Wie

in Deutschland sind in Schweden männliche und weibliche Waldgeister bekannt. Der Mann heißt in Schonen Skouman, Skougman (Waldmann). Er sieht ans wie ein Mann, stiert man ihn aber an,  so wird er so hoch als der höchste Baumstamm.1 Er führt die Menschen im Walde in die Irre und wenn sie vor Furcht weinen, lacht er; Ha ha ha!2 Wenn der Berguhu im Walde sich hören läßt, sagt man, der Skougman sei draußen und schreie.3 Im übrigen ist er sehr sinnlich und strebt gerne nach Verbindung mit christlichen Frauen. Im Smáland heißt der Skogman Hulte, er fährt in Sturm und Unwetter daher und kann jeden Baum niederwerfen. Die Skogsnufva, Skogsfru aber ist das Weib des Skogman oder des Hulte. Die Skogsnufva4 wird zur Familie der Trolle gerechnet, welche

so ziemlich unsern Unnererdschen entsprechen, dieselben sind zumeist klein von Wuchs, gebieten über Wald und Wild, See und Fische, Wetter und Wind, vertauschen Kinder mit ihren Wechselbälgen; zu ihnen zählen in Schonen auch die ob. S. 61 erwähnten Pysslingar. Wohnen sie in Berghöhlen, so heißen sie Bergtroll. Im Wirbelwinde fahren sie einher und da ein solcher im Sommer häufig entsteht, bevor ein Gewitter losbricht, heißt es, daß der Donner (Gofar) die Trolle verfolge.1 An die Stelle des Gattungsnamens Troll tritt zuweilen Rá (Neutr.) Plur. Ráde und die Skogsnufva heißt Skogsrá, wie es ebenfalls ein Sjörá (Seerá) giebt. Die Skogsnufva ist ein bösgesinntes, leichtfertiges und unheilvolles Wesen. Sie nimmt das Aussehen aller Tiere, Bäume und anderer Naturdinge an, welche im Walde vorkommen. Ihre wahre Gestalt ist diejenige eines in Tierfelle gekleideten alten Weibes mit fliegendem Haar und langen Brüsten, die über die Achseln geschlängt sind. Im Rücken trägt sie einen langen Kuhschwanz, oder sie ist hohl, wie ein alter fauler Baumstock oder ein zu Boden geworfener Stamm, oder Backtrog. Dem Jäger zeigt sie sich gerne als eine schöne und verführerische Jungfrau, aber nur von vorne; auf der Hinterseite kann sie nach den meisten Sagen ihre Ungestalt

nicht verbergen. Schützen und andere, welche ihre Wege im Urwald haben, hören oft die Skogsnufva trällern, lachen, wispern und flüstern in Busch und Dickicht, denn sie kann jede Art Laut annehmen. Spricht sie aber, so geschieht es stets mit heiserer Stimme. Ihre Erscheinung kündigt sie im voraus mit einem scharfen eigentümlichen Wirbelwinde an, der die Baumstämme bis zum Zusammenbrechen schüttelt. Hört man — wie es zuweilen geschieht — am einsamen Waldbach einen klatschenden oder schnalzenden Laut, so sagt das Volk: „Da wäscht die Waldfrau“, und werden im Frühlinge schneeweiße Flecken und Stellen tief hinten im dunkeln Walde sichtbar, so „ist das die Skogsnufva, welche ihre Kleider ausbreitet“ (vgl. die Wildfrauen in Tirol S. 101. 112). Wer sich aber tiefer hineinbegiebt in den wilden Wald, mag sich wol vorsehen, denn die Skogsnufva sucht auf jede Weise Macht über ihn zu erhalten.

Oft hört man sich laut bei Namen rufen, dann antworte man bei Leibe nicht „ja“, sondern „he!“ denn die Waldfrau rief und mit der Antwort „ja“ giebt man sich in ihre Gewalt. Dann lacht sie laut auf, so daß es im ganzen Walde wiederhallt. Wer so in ihrer Macht ist, den macht sie irre (förvillar) auf mehr als eine Weise. Er findet sich nicht wieder aus dem Walde heraus, sondern geht und geht und kommt immer wieder auf die nämliche Stelle. Zuletzt ist er so sinnverwirrt, daß er nicht mehr sein eigen Haus erkennt. Oder der eine Stunde lang vom rechten Wege ab die Kreuz und Quer durch Hag und Dom Genarrte glaubt endlich in tiefem Morast zu waten und schürzt die Kleider auf. Da hört er plötzlich das Lachen der Skogsnufva im Walde wiederhallen und sieht sich auf trocknem Boden.1 Das einzige Gegenmittel ist, Wamms, Mütze, oder Strümpfe umkehren, oder das Vaterunser rückwärts beten. Milzsüchtige, melancholische Menschen, welche die Einsamkeit suchen, stellen in dem Rufe, daß die Skogsnufva sie locke oder Macht über sie bekommen habe. (Vgl. die Saligen o. S. 101 ff.) Von dieser Verzauberung kann man nur frei werden, wenn man nach der Anordnung eines „klugen Mannes“ dreimal durch einen Eichenkloben kriecht, der mit Holzkeilen und Holzaxt ohne Eisen gespalten

1) Nicolovius, Polkelifvet i Skyttshärad i Sk&ne S. 101,

ist. Bei Menschengedenken ist noch ein Bursche im Ljudersocken, der davon „Skogsnisse“ genannt wurde, von der Skogsnufva verwirrt und durch den beschriebenen Act von ihr befreit worden, der (nach S. 32) die Identification mit einem Baume, bedeutet. Im mittleren Oesterbotten erzählt man, zuweilen werde das im Walde weidende Vieh, oder werden Menschen in einem für sterbliche Augen unsichtbaren, aber in der Tat dichten und undurchdringlichen Flor oder Netze gefangen, welches sie wie ein Dach umhüllt, so daß sie sich — so lange sie unter des Skogsrá Einfluß stehen — weder rühren, noch um Hilfe rufen können. Doch der Kirchenglocken Klang bricht den Zauber augenblicklich1 und deshalb kann dieser nie länger als eine Woche währen. Wem dies begegnet, der heißt „skogtagen, walderfaßt“. Oft stößt er morgens aufwachend sofort auf das ersehnte Ziel und sieht, daß es ihm zur Seite lag. Zuweilen offenbart sich ihm das Skogsrá leibhaftig als altes Weih, großer Vogel, oder als polternder Greis mit starkem Barte. Man erzählt manche factische Beispiele von Skogtagning, meistens auf Kühe und Kinder, zuweilen auch auf ältere Personen bezüglich. Das Volk pflegt sich dabei allgemein auszudrücken „skoje halder d. h. der Wald hält fest“; wird aber gefragt, ob es der Wald selbst sei, der festhalte, so erhält man zur Antwort „Nein die Skogsrá“ („nej skogsráde“).2 Nur die Jäger suchen und gewinnen zuweilen des Waldweibes Freundschaft, denn sie ist es, die allem Wilde im weiten Skog gebietet und wer mit ihr gut steht, kann schießen, so viel er will. Alte Schützen pflegen deshalb eine Kupfermünze (Slant, Sechsstüber) oder etwas Speise für die Skogsnufva (das Skogsrá) auf einen Baumstubben oder einen Stein als Opfer niederzulegen. Oder man geht Ostermorgens um Sonnenaufgang auf so viele

Grundstücke, als man beschicken kann, bricht auf jedem einen kleinen Baum ab und sagt: Ich opfre dieses für mich, damit ich das Jahr hindurch Glück und Frieden bei der Jagd habe.1 (Vgl. unten das Zaubermittel, den russischen Waldgeist herbeizurufen.) Geht man drei Donnerstage hintereinander nüchtern auf die Jagd, so trifft man wol die Skogsfru selbst und erhält von ihr das Recht so viel zu treffen, als man Lust hat; beim Fortgehen darf man sich aber nicht nach ihr umsehen.2 Dem Schützen, den sie gern hat, führt sie zuweilen selber das Wildpret in den Weg. Dem Förster (Skogvaktare) Vestholm in Fryktdelshárad in Värmeland begegnete einst die Skogsfru wie sie einen großen Elennochsen (elgoxe) am Home führte. Sie rief: „Schieß! schieß! (skjut, skjut!)“ doch er wagte es nicht.3 Wem aber das Waldweib nicht hold ist, den narrt sie in Gestalt, eines Rehbocks, oder er jagt bei aller Mühe vergeblich. Ein Skogsrá untersuchte, da sie schliefen, die Büchsen zweier Jäger, die ihr Nachtquartier im Walde genommen hatten. Das eine Gewehr lohte sie: „gut! gut! gut! (bra, bra, bra).“ Der Eigentümer schoß am nächsten Tage viele Auerhähne. Das andere tadelte sie: „fi! fi! fi!;‘ Derjenige, dem es angehörte, machte nur Fehlschüsse.4 E. M. Arndt erfuhr von einem seiner Führer, er sei einmal mit sieben andern aufs Tjäderspiel (Auerhahnjagd) ausgewesen. Als sie nun da saßen und auf den Vogel lauerten, fuhr ein Skogsrá aus einem Baume in hellstem Glanze an ihnen vorbei. Sie sahen so viele Auerhähne, wie noch nie, aber sie schossen an jedem vorbei, und fingen nicht einen. Ein andermal fuhr das Rá mit Sausen aus der Luft herab, mit gewaltigen breiten Sprüngen auf ihn zu und beschüttete

ihn mit Regen aus einer wirbelnden Wolke, während es sonst allenthalben still und heiter war. Vierzehn Tage blieb sein Schießen behext, bis er endlich so glücklich war ein Skogsrá sausend vorbeifahren zu hören und sein Messer darüber zu werfen; so wurde sein Bann gelöst.1 Einzelne Tiere, Hirsche, Rehe, Hasen und Auerhühner eignet sich die Skogsfru ausschließlich zu; sie heißen Freitiere (Fridjur, vgl. ob. S. 3h die Fritrád) und niemand kann sie schießen, es sei denn mit einer besonders bereiteten Ladung. Zielt jemand auf solch ein dem Skogsrá, zugeeignetes Tier, so kommt es ihm nachher immer vors Gewehr, er kann hundertmal danach schießen und trifft es nie. Gelingt ihm aber auch auf die angegebene Weise der Schuß, so verdirbt jedenfalls seine Büchse und ist verhext und unbrauchbar. (Vgl. die Gemsen der Seligen ob. S. 100). Nur selten ist die Begegnung des Waldweibes mit Menschen ganz harmlos. Kersten Klemens Tochter aus Nykalvatten im Fryktdelshárad (Värmeland) traf zweimal die Skogsjungfru im Walde. Sie trug einen blauen Rock, der bis auf die Knie reichte, ein weißes Kopftuch und rauhe Hemdsärmel mit schönen Säumen an der Hand. Sie sah so freundlich aus, daß Kersten sich ärgerte sie nicht angeredet zu haben und sich dies für das drittemal vornahm. [Siehe Nachtrag S. 615.]

Dem Köhler, der Nachts einsam bei dem schwelenden Meiler wacht, oder dem Jäger, der sich um Mitternacht an einem Waldfeuer ausruht, naht sich die Skogsfru gerne in liebreizendem Körper und sucht ihn zur Zärtlichkeit zu verlocken. Läßt er sich von ihr betören, so sehnt er sich fortan Nacht und Tag danach ihr im Walde zu begegnen und kommt schließlich ganz

von Sinnen.1 Oder das tückische Waldweib schreit laut auf und ruft ihren unholden Gatten, der herbei stürzt und den Liebhaber zu Boden schlägt. 2 Dabei ist sie freilich nicht immer im Unrecht. Einen Herbstabend kam ein Skogsrá zu einem Kohlenmeiler und wärmte sich. Dem rohen Köhler fiel es ein, ihr einen Feuerbrand in die Kleider zu stecken, worauf sie einen Jammerschrei ausstieß und ihren Mann rief, so daß der ganze Wald erbebte und die Baumwipfel über ihr sich zusammenbogen. Erschreckt eilte der Köhler heim und konnte andern Tages kaum den Platz, da sein Meiler stand, finden.3

Wem fiele nicht auf, daß diese Geschichte natürlich mit veränderter Scenerie genau der Erzählung von dem in eine Baumspalte eingeklemmten Wildweibe in Tirol (ob. S. 95) entspricht? In ähnlicher Weise endet die Erzählung auch des Jägers von seinem Abenteuer fast in allen Fällen. Grade als sie vor dem Feuer hochmütig dastand und ihre schöne Gestalt zeigte, — so erzählt er wol — nahm ich einen Brand aus der Flamme und schlug ihr damit auf die Hand, indem ich ihr zurief: „Fahre hin in den Wald, du böser Geist!“ Da führ sie mit einem lauten Wimmern dahin, und ein furchtbares Unwetter entstand, so daß die Bäume sich mit den Wurzeln aus der Erde zu heben schienen, und als sie uns den Rücken zuwendete, war sie anzuschauen, wie ein hohler Baum, oder wie ein Backtrog.4 E. M. Arndt hörte von seinem schon erwähnten Führer, als derselbe einmal auf der Auerhahnjagd sich ein Feuer anzündete und aß, trat eine Jungfrau zu ihm in großem Schmuck, grüßte ihn freundlich, winkte und lockte. Sie war klein von Wuchs, hatte blonde Locken, aber — o weh! — Klauen statt der Nägel. Er fragte, ob sie mit ihm essen, oder am Feuer sich wärmen wollte; sie nickte freundlich. Da nahm er behutsam das Ende seiner Axt, legte

Speise darauf, und reichte sie ihr,1 denn die Hände wollte er nicht gegen ihre Klauen setzen. Sie nahm es nicht, sondern lächelte und verschwand grade wie eine Fackel, die man wirft. Ein Waldwärter (Skogsvaktare) trank auf einem Fichtenstamm sitzend einen Schluck Branntwein. Da setzte sich die Skogsfra auf die andere Seite des Baumes. Er fragte: „Trinkt die Jungfer? (Super mamsell?)“ Sie schüttelte den Kopf und verschwand.2 Ein Bursche in Finntorp, der eine Braut in Billing hatte, lud dieselbe zu einem Stelldichein auf den Ladbacken. Sie blieb aber aus und die Skogsfru des Berges zog ihre Gestalt (lhmn) an, tat mit dem Jüngling schön und bot ihm eine Bretzel. Er aß mit großem Wolgeschmack. Kaum hatte er jedoch den letzten Bissen heruntergesehluckt, so lachte sie aus vollem Halse, so daß es im Walde krachend wiederhallte, und verschwand zwischen den Felsen; im Verschwinden sah er den ausgehöhlten Rücken und langen Schwa z. In der Meinung, das Mädchen, welches sein Herz gewonnen hatte, sei ein Skogsrá, vermied er dasselbe fortan.3 Zuweilen kommt es zu einer engem Verbindung zwischen der Waldfrau und einem Menschen, welcher Kinder von größerem Wuchs und höherer Kraft als andere Menschen, nach andern dagegen abscheuliche Mißgeburten entspringen. Doch wird der Liebhaber dieses Verhältnisses bald überdrüssig, und er sucht dann wol Hilfe hei einem „Klugen.“ Allein er wird das Skogsrá gemeinhin nur los, wenn er eins ihrer Haupthaare um seine Büchse wickeln und sie damit schießen kann. Dann hört man einen entsetzlichen Aufschrei, ein furchtbares Tosen im Walde, und er sieht sie niemals wieder. Ein Jäger tat nie einen Fehlschuß, weil er mit einem Skogsrá im Bunde stand und sich von ihr jedesmal die Büchse laden ließ. Endlich faßte er Widerwillen gegen sie, hat sie, ihm das Gewehr mit tödtlichem Meisterschuß zu laden und erschoß sie. Seitdem hatte er keine Ruhe

mehr, weder im Schlafen noch Wachen.1 In alten Zeiten war ein Bauer, ohne ihre Herkunft zu wissen, mit einer Waldfrau die Ehe eingegangen. Sie lebten manche Jahre glücklich und zeugten Söhne und Töchter. Als sie einst gemeinsam im Walde daran arbeiteten, einen fertig gebrannten Kohlenmeiler auseinander zu reißen, fand sich, daß sie den Speisesack vergessen hatten. Er ging nach Hause, denselben zu holen. Da sprach die Hausfrau: „Kommst du zurück, so schlage drei Schläge in den und den Baum da,“ und damit bezeichnete sie eine Tanne, welche eine gute Strecke von ihnen entfernt stand. Der Bauer versprach ihrem Wunsche nachzukommen. Ob er das aber vergaß oder für unnötig hielt, genug bei seiner Zurückkunft sah er zu seinem großen Schrecken, wie sie die Kohlen mit bloßen Händen aus dem Meiler riß und mit ihrem langen Schwänze auslöschte. Sofort drehte er um und tat drei Schläge mit seinem Axthammer auf die Tanne (slog tre slag i fallen med yxhammaren), worauf das Weib sich sofort wieder in gewöhnliche und in allen Teilen gleichartige Menschengestalt verwandelte. [Nur auf Grund weitern Materials wollte ich es unternehmen zu entscheiden, ob jene drei Axtschläge nur den Zweck haben die Skogsfru von der Annäherung ihres rückkehrenden Mannes zu benachrichtigen, oder ob sie zu deren Verwandlung in einer inneren Beziehung stehen]. Seitdem dachte der Bauer darauf seine Frau los zu werden. Endlich gah ihm ein kluges Weib ihren Rat und zugleich einen großen Zauberbeutel als Amulet um den Hals zu hängen. Er fährt mit Frau und Kindern zu Schlitten über einen See, angeblich tun sie auf eine Hochzeit zu führen. In Sees Mitte liest er mehrere Worte, die die Alte ihm aufgeschrieben, und sofort kommt eine Menge von Wölfen zum Vorschein. Eiligst spannt er das Pferd aus und reitet davon, wie ängstlich auch die Gattin ihm nachruft: „Kehre um, wenn nicht um meinetwillen, so doch um Snorpipas willen, sonst fressen die Wölfe uns auf!“ Snorpipa (Schnarrpfeife) hieß ihr jüngstes Töchtercheu. In ihrer Not rief sie dann aus Leibeskräften nach ihrer Schwester Strássa. Der Troll in der Grube (Erzgrube?) Strássa war nämlich ihre Schwester. Dieselbe kam daher gefahren, so daß es

1) Aufgez. 1852 von M. H. Hultm, Hdschr. des Eeichsantiqnariums zu Stockholm.

in der Luft sauste und pfiff, und entrückte sie den Wölfen, die schon alle Kinder gefressen hatten. Den bösen Bauer verfolgte eine Trollkatze, vor deren Wuth ihn das Amulet schützte, obwol die hinter ihm zuschlagende Tür eines Hauses, in das er sich rettete, in Stücke sprang. Als er einst badend das Amulet ablegte, drehte ihm ein Troll den Hals um.1 So fest haftete der Glaube an Liebschaften von Menschen mit Waldfrauen, daß z. B. am 22.—23. Dezember 1691 vom Háradsgericht ein zwei und zwanzigjähriger Bursch ans dem Markshárad zum Tode verurteilt wurde, „wegen unerlaubter Vermischung mit einem Skogs- oder Bergsrá.“ Und noch am 5. August 1701 wurde Voloutair Maus Malm angeklagt und vor Gericht gezogen, weil er solle mit einem Skougr zu tun haben. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß diese schwedischen Traditionen den besten Kommentar zu des Burchard v. Worms (ob. S. 113) Aussage über die Waldfrauen liefern. Wie in obiger Sage der Troll in der Erzgrube der Skogsfru Schwester ist, wird andererseits der Name Skogsrá auch auf Wesen ausgedehnt, welche auf Almen (saetter) ihren Aufenthalt haben. So weiß man in den Waldgegenden der Distrikte Ásker und Lennäs in Nerike noch viel von einem Skogsrá, zu erzählen, welches von der Bergwiese Y-saetter den Namen Ysaetter-Kajsa (Ysaetter-Kätchen) führte. Als einst diese Alme gemäht wurde und die Schnitter beim Abendbrod saßen, rühmte sich ein Bursch, er habe Lust mit der Ysaetter-Kajsa Streit anzufangen, und da wolle er ihr schon auf den Pelz geben. Kaum sprach er dies, so hörte man hinter ihm ein Geräusch, und er erhielt von unsichtbarer Hand eine so derbe Ohrfeige, daß er Blut werfen mußte.2 Statt des Skogsrá d. h. der Personification des gesäumten Waldes wird mitunter auch das Rá eines einzelnen Baumes genannt und so zu sagen mit einem andern Geiste identifiziert.

Bei Badelund in Westmannland stand eine Tanne, die Klintatanne (Klintatall) auf kahlem Felsen, unter welchem im Berge der Tanne Schutzgeist (Rá) wohnte. Das war ein Meerweib, welches man oft aus einer Bucht des nahen Mälarsees schneeweiße Rinder über die Wiesen zum Baume treiben sah, dessen

1) Djurklou, Anteekuingar.

2) Djurklou a. a. 0.

Aeste niemand anzurühren wagte.1 Ueberhaupt stellen sich die Bergsrá. Skogsrá und Sjörá (Bergrá, Waldrá und Seerá) einander sehr nahe und sind fast nur durch ihren Wohnsitz und einige damit zusammenhängende Besonderheiten verschieden.

Die weiblichen Skogsrá kehren zuweilen auch in Mühlen, Ställe, Brennereien u. s. w. ein. Da kündigen sie ihre Gegenwart dadurch an, daß die Sachen irgendwo in Unordnung liegen. Dann deckt man an dieser Stelle einen Tisch mit ein wenig Speiseanriehtung und ruft mehrmals: „Findet sich da irgend ein Rá, so komme hervor!“ Erweist man dem erscheinenden Geiste seine Liebe mit freundlicher und liebreicher Zusprache und höflicher Begegnung (weitergehender Vertraulichkeit bedarf es nicht notwendig) so erwidert derselbe das Wolwollen, indem er Botschaften verrichtet, dem Hause Glück schafft u. s. w.2 Kurzum auch die Skogsrá gehen in Hausgeister über (vgl. die Dienstleistungen der Seligen ob. S. 90.103 und Moosleute S. 80).

Wie alle Trolle haben die Skogsrá Furcht vor dem Donner, der sie verfolgt und erschlägt. Oft hört man im Walde während des Gewitters den Skogsman und die Skogsfru laut jammern.3 Doch auch der wilden Jagd dienen sie als Verfolgungsziel. Ein Schneider im Nordmarkshárad in Värmeland liebte leidenschaftlich die Jagd. Als er einst Nachts auf dem Anstand lag, floh ein Skogsrá an ihm vorbei mit großen über die Achsel geschlagenen Brüsten, und das herabwallende Haar flatterte wild hinter ihr im Winde. Ihr folgte ein Jäger mit zwei pechschwarzen Hunden. Bald kam er zurück und hatte das Wildpret erlegt. Die Beine des Skogsrá hatte er über die Schulter geworfen, ihr Haupt imd ihre Brüste schleppten auf dem Boden nach und troffen von Blut, das die Hunde begierig aufleckten. Der Jäger fragte den Schneider, wie er dazu komme in seinem Walde zu jagen, und verbot es ihm.4 In Smáland und andern Gegenden wird gradezu König Oden als der nächtliche Jäger bezeichnet, der mit Jagdhorn und Spieß (resp. Büchse) und mit zwei Hunden

daherfahrend sich zum Wilde unveränderlich eine Skogsnufva oder ein Bergtroll ausersehen hat, die vor ihm durch die Luft fliehen mit fliegendem Haar und über die Achseln geschlängten Brüsten. Die Jagd geht über Wald und Berg, wie Vogelflug oder Sturmeswehn. Von der nächtigen Fahrt heimkehrend hat Oden die getödtete Skogsnufva quer über dem Rosse hängen. Einem Soldaten, der ihm einst auf einer Fahrt begegnet, giebt er sich zu erkennen.

„Ich bin König Oden und vom Allmächtigen dazu gesetzt, alle Trolle und Trollwveiber (alla troll och pyskan s. o. S. 128) auszurotten.“

Da habt ihr wol viele Arbeit? meinte der Soldat, König Oden antwortete: „Ja, doch ich habe den Donner zu Hilfe“ (Ja men jag har áskan til hjelp).1 Statt des Skogsrá oder Bergtrolls wird zuweilen eine Riesin (jättesa) mit eimergroßen Brüsten als Jagdstück, in anderen Sagen ihr eigener Gatte, oder (entsprechend der ob. S. 135 mitgeteilten Ueberlieferung) eine Schaar gespenstiger Wölfe als Verfolger genannt. Oefter sucht die Verfolgte in dem Fenster einer Heuscheuer mitten im Walde (hölada) Schutz und spottet da der Hunde oder Wölfe, wird aber von einem sie belauschenden Menschen unbarmherzig unter sie hinabgestossen.

§19. Die russischen Waldgeister.

Der russische Waldgeist Ljeschi (von ljes, poln. las Wald) wird allgemein in Menschengestalt mit Bockshörnern, Bocksohren und Geißfüßen gedacht, die Finger enden in lange Klauen, Kopf und Körper werden von rauhen und zottigen Haaren bedeckt, die häufig von grüner Farbe sind. Er kann aber mancherlei Gestalten annehmen und seine Größe willkürlich verändern. Geht er im Felde, so verkleinert er sich bis zur Größe des Grases; geht er im Walde, so erreicht er die Höhe der Bäume.2 Die Einwohner der Gouvernements Kiew und Tschernigoff teilen deshalb die Ljeschie in zwei Klassen. Die einen, die eigentlichen Waldljeschie, sind graufarbige Riesen, die andern, welche nicht minder Ljeschie (Waldgeister) heißen, sind Wesen des Kornfelds, Dämonen des Getreidewuchses selbst. Vor

der Ernte haben sie dieselbe Höhe, wie die noch grünen Halme, nach der Ernte schrumpfen sie zusammen, bis sie nicht höher sind, als das Stoppelfeld. Man darf daraus schließen, daß auch die eigentlichen Waldljeschie als Dämonen der Waldvegetation zu denken sind.

Häufig aber nehmen die Ljeschie völlig menschliche Gestalt an, nur daß sie niemals Augenbrauen und Wimpern und häufig gleich den Kyklopen nur ein Auge haben. Sie tragen dann das Gewand eines Bauern aus Schaffell, aber ohne Gürtel; statt dessen sind die beiden Rockzipfel in einander geschlungen. Wirbelwind und Sturm sind das Element, in welchem der Ljeschie seine Anwesenheit offenbart. Nach dem Glauben der Bauern entpringen die Verwüstungen der Orkane dem Kampfe dieser Waldgeister gegeneinander, wobei sie Baumstämme und Felsstücke schleudern. Hält der Ljeschie Rundgang durch sein Reich, so brüllt der Wald, und die Bäume zittern. Oder der Waldgeist springt spielend von Ast zu Ast und wiegt sich selbst in den Zweigen, wovon er an einigen Orten Zuibotschnik (vgl. Zuibka Wiege) genannt ist. In solchen Stunden macht er alle Arten von Lärm. Er kreischt und lacht, er klatscht in die Hände, er wiehert wie ein Pferd, brüllt wie eine Kuli, bellt wie ein Hund. Sein Lachen kann man meilenweit in der Runde hören. Wenn bei Sturmwetter das Knarren der Aeste, das Krachen der Stämme wiederhallt, so vernimmt der russische Bauer kein Echo, sondern den Ruf der Ljeschie, welche einen unvorsichtigen Jäger oder Holzhauer auf gefährlichen Grund zu verlocken trachten, um ihn zu Tode zu kitzeln, sobald sie ihn in ihrer Gewalt haben. [Wir begegneten dem nämlichen Zuge bereits ob. S. 87]. Nachts schläft der Ljeschie in irgend einer Hütte in der Tiefe der Wälder, und findet er etwa seinen Zufluchtsort von einem verspäteten Wanderer bereits besetzt, so streicht er als Wirbelwind über die Hütte, rüttelt an der Tür und hebt das Dach, indeß ringsum alle Bäume sich biegen und winden und ein furchtbares Geheul durch den Forst schallt Und wenn der ungebetene Gast alle diese Winke verachtet und sich nicht entfernt, läuft er Gefahr am nächsten Tage sich in den Wäldern zu verlieren, oder in einen Morast zu versinken. Im Gouvernement Archangel erzählt man, hei einem der erwähnten Kämpfe mit zwei andern Geistern seiner Klasse über die Rechte auf einen gewissen Wald wurde ein Ljeschie einmal überwunden und von jenen an den Händen so fest znsammengeschnürt, daß er sich nicht rühren konnte. So fand ihn ein reisender Kaufmann und band ihn los. Zum Dank sendete er seinen Woltäter in einem Wirbelwinde heim und tat nachher noch manches andere für ihn (vgl. ob. S. 68 die Geschichte des estnischen Baumelfen).

Als ehedem die Wälder noch größer und dichter waren, denn heutzutage, verlockte der Ljeschie beständig die Wanderer und führte sie vom rechten Wege ab in die Irre. Bald versetzte er die Grenzsteine, bald nahm er die Form eines Baumes an, nach welchem die Nachbarn die Richtung zu bestimmen pflegten. Zuweilen veränderte er sich in das Aussehen eines Wanderers und verflocht den Vorübergehenden in eine Unterhaltung. Der Verführte plauderte unbefangen, bis er plötzlich gewahr wurde, daß er sich mitten in einem Sumpf oder Waldbach befinde. Dann hörte er ein lautes Gelächter und wenige Schritte von sich sah er den Ljeschie grinsend in seiner wahren Gestalt. Auch vernimmt der Waldwart mitunter bei Nacht das Weinen eines Kindes und Seufzer, welche deutlich von einem Sterbenden herzurühren scheinen. Da tut er gut, schleunig nach Hause zu eilen, ohne auf diese Stimmen zu achten. Denn folgt er ihnen, so gerät er wahrscheinlich in einen reißenden Strom, der daherrauscht, wo früher kein Wasser war. Wo immer der Ljeschie geht, läßt er keine Spur hinter sich zurück, er verdeckt den Abdruck seiner Füße mit Sand, Laub oder Schnee. Tritt aber jemand zufällig in seine noch frische Fährte, so wird derselbe irre geführt und findet nicht leicht den rechten Weg wieder. In dieser Not ist es das beste Mittel, das Futter von Hemd, Schuhen oder Pelz nach außen zu kehren. Doch auch abgesehen von dieser Irreleitung der Wanderer macht sich der Waldgeist noch in mancherlei anderer Weise auf Kosten derselben lustig; er bläst ihnen Sand in die Augen, schlägt ihnen die Mütze vom Kopfe, läßt ihre Schlitten am Boden fest frieren.

„Geh nicht in den Wald,“

hört man oft sagen,

„der Ljeschie spielt dir da einen Possen.“

Schlimmer ist, daß er oft Krankheit verursacht, so daß von jemandem, der nach der Rückkehr aus den Waldungen unpäßlich wurde, die sprichwörtliche Redensart gilt:

„Er hat den Pfad der Ljeschie gekreuzt“

Um geheilt zu werden, trägt er Brod und Salz in einen reinliehen Lappen gebunden in den Wald und legt es unter Gebet als Opfer für den Ljeschi ins Moos in der festen Ueberzeugung bei der Nachhausekunft von seiner Krankheit befreit zu sein. Den Hirten, die im Walde ihre Heerde weiden, saugt der Ljeschi gerne das Euter der Kühe aus. Sie müssen deshalb mit ihm in gutes Einvernehmen zu kommen suchen. Im Gouvernement Olonetz glaubt man, der Hirte müsse jeden Sommer dem Ljeschi eine Kuh geben, geschehe das nicht, so zerstöre der Waldgeist die ganze Heerde. Im Gouvernement Archangel hält man dafür, wenn man das Glück habe, dem Ljeschi zu gefallen, so behüte er die ganze Heerde auf der Weide (vgl. ob. S. 30 die finnischen Baumnymphen).

Andererseits stehen alle Vögel und Tiere des Waldes unter dem Schutz des Ljeschi. In Kleinrußland soll er insonderheit der Schutzhelm der Wölfe sein. Gemeinhin gilt als sein Liebling der Bär, sein Diener, der bei ihm wacht, wenn er zuviel von dem starken Getränk genommen hat, das er so sehr liebt, und ihn vor den Angriffen der Waldgeister behütet. [Nachtrag S. 615.]

Wenn die Eichhörnchen, Feldmäuse und einige andere Tiere in Schaaren ihre periodischen Wanderungen antreten, erklärt das Volk, die Waldgeister treiben ihre Heerde von einem Wald in den andern. Unter solchen Umständen hängt auch der Erfolg des Waidmanns von seinem Verhältniß zum Ljeschi wesentlich ab. Er legt, um denselben für sich zu gewinnen, ein Stückchen Brod oder Pfannkuchen mit Salz bestreut auf einen Baumstumpf (vgl. o. S. 130), wie denn die Ljeschie zuweilen auch Kuchen von den im Wald arbeitenden Dorfleuten fordern (vgl. oh. S. 107) und, nachdem sie solche erhalten, sich mit schrecklich tönender Stimme entfernen. Im Gouvernement Perm weihen die Landleute einmal im Jahre dem Ljeschi ihre Gebete und bringen ihm dabei ein Päckchen Blättertaback dar, worin er ganz vernarrt ist. In einigen Distrikten eignen ihm die Jäger das erste Tier zu, welches sie fangen, indem sie dasselbe für ihn in einem Eichwalde zurücklassen. Ein gewisser Zaubersegen, der von Jägern öfter gebraucht wird, ruft die Teufel und Ljeschie, an, ihnen die Hasen in den Schuß zu treiben, und die magische Gewalt dieses Spruches soll so groß sein, daß die Waldgeister gehorchen. Wer den Ljeschi selbst herbeibesclnvören will, soll eine Anzahl junger Birken abhaueu und mit den Wipfeln nach innen in einen Kreis legen. Dann muß er im Kreise stehend laut rufen: „Großvater! (djeduschka)“; sofort wird der Waldgeist erscheinen.1

Oder er soll sich auf einen Baumstumpf stellen, mit dem Gesichte nach Osten, soll sich niederbükend zwischen seinen Beinen durchsehen und dabei sagen:

„Onkel Ljesehi erscheine, nicht als grauer Wolf, nicht als schwarzer Rabe, nicht als brennendes Feuer, sondeni als meines gleichen!“

Dann fangen die Blätter der Espe an zu zittern, wie wenn ein sanfter Wind durch sie hinstreiche, und der Ljesehi wird sichtbar in Menschengestalt. Bei solchen Gelegenheiten geht er gerne einen Handel mit seinem Beschwörer ein und ist bereit jede Art von Beistand zu gewähren, wenn ihm dafür des andern Seele zu Teil wird (aus christlichem Teufelsglauben entlehnt). Nach diesen Beschwörungsformeln wurde der Waldgeist doch wol aus den Birkenwipfeln oder dem Baumstumpf hervortretend, also in diesen weilend gedacht. Während in Deutschland und Skandinavien die Waldfrau die Hauptrolle spielt und häufig allein auf tritt, kennt die russische Sage umgekehrt vorzugsweise den männlichen Waldgeist. Zuweilen jedoch findet man demselben auch Weib und Kinder, die Lisunki, gesellt, behaarte Wesen von abschreckendem Aeußern. Eine kleinrussische Erzählung berichtet, daß ein Menschenweib einmal einen neuge-boraen Ljeschi nackend und kreischend auf der Erde liegen fand. Sie hob ihn mitleidig auf und deckte ihn mit ihrem warmen Tuch. Bald darauf kam die Lisunka, die Mutter des Kleinen, und beschenkte das mitleidige Weib dankbar mit einem Topfe glühender Kohlen, die sich hinterher in Gold verwandelten. Im wesentlichen dieselbe Geschichte wird in Thüringen von einem Holzweibchen erzählt.2 Zuweilen entführen die Ljeschie sterbliche Jungfrauen und machen sie zu ihren Eheweibern. Doch ob sie nun unter sich eheliche Verbindungen schließen, oder mit Sterb-

lichen, ihre Vermählung ist stets von lärmenden Festlichkeiten und heftigen Stürmen begleitet. Geht der Hochzeitzug durch ein Dorf, so wird manches Haus zu Schaden kommen, geht er durch einen Wald, so kommt mancher Baum zu Falle. Selten wagt es ein Bauer auf einem Waldpfade sich hinzulegen, denn der Brautzug des Waldgeistes könnte des Weges kommen und ihn im Schlafe zermalmen. Im Gouvernement Archaugel gilt der Wirbelwind als der Tanz des Ljeschi mit seiner Braut. Den zweiten Tag nach seiner Hochzeit geht der Waldgeist nach allgemein russischer Sitte mit seinem jungen Weibe zum Bade und wenn ihnen dann ein Sterblicher begegnet, so bespritzt ihn das würdige Paar mit Wasser und weicht ihn von Kopf bis zu Fuß ein. Wie Weiber raubt der Ljeschi Kinder, trägt sie in seine unterirdische Behausung und läßt sie erst nach Jahren ganz verwildert wieder heraus.1

§ 20. Peruanische und brasilianische Waldgeister.

Zum Vergleich mit diesen europäischen Waldgeistern und ehe wir noch einmal ihre lange Reihe prüfend überschauen, setze ich noch ein Beispiel aus einem entlegenen Weltteil und einer andern Zone her, an welchem einigermaßen gemessen werden kann, in wie weit die Apperception ähnlicher Kuturverhältnisse zu ähnlichen mythischen Gebilden sich verdichtet. Poppig 2 fand in den Wäldern von Peru den Glauben an ein gespenstiges Wesen lebendig, Namens Uchuclla-chaqui.

„Wo der Wald am dunkelsten ist, wo die lichtscheuen Amphibien und Nachtvögel sich aufhalten, wohnt dieses gefährliche Wesen und versucht in befreundeter Gestalt erscheinend den Indianer zu verderben. Es giebt die wohlverstandenen Zeichen, deren sich die geselligen Jäger zu bedienen pflegen; es lockt den Getäuschten selbst immer unerreichbar weiter und tiefer in die Oede und verschwindet mit lautem Hohngelächter, wenn der Rückweg verloren ist und die Schrecken der Wildniß durch die herabsinkenden Schatten der Nacht sich mehren. Bisweilen trennt es wohl auch die gemeinsam auf Jagd gezogenen, allein nie täuscht es den Erfahrenen, der in seinem Mißtrauen die Spur des Feindes untersucht. Kaum gewahrt er die ganz ungleiche Größe des Abdrucks der Füße, so kehrt er eilig zurück und wohl längere Zeit wagt niemand einen Zug in die Wildniß, denn nur vorübergehend sind die Besuche des Unholds. In jener Fabel,“

fügt der Erzähler hinzu, „gewahrt man den Einfluß, den die unbeschreibliche Wildniß und Trauer der sumpfigsten und unbesuchtesten Urwälder selbst auf die sonst schwer bewegliche Phantasie des Amerikaners ausübt. Von ihr schafft sich kein Europäer ein Bild, denn die einsamsten Forste seines Weltteils bieten ihm nirgend etwas Aehnliches (?). Allgemein verbreitet ist der Glaube an jenes gespenstige Wesen, das sogar Nachts die im Freien schlafenden Reisenden umlauert, um sie nach halbem Erwachen unter erlogener Gestalt irre zu leiten. Viele Geschichten, zum Teile der neuesten Zeit angehörig, werden von solchem Verlieren besonders der Kinder erzählt, und in der Tat ist nichts leichter möglich, als in solchem Walde nach wenigen Schritten Entfernung das Lager nicht wieder finden zu können, wenn weder ein Lichtschein noch rufende Stimmen die Richtung angeben.“ Ganz übereinstimmende Erfahrungen machten in neuerer Zeit Bates und nach ihm R. Schlobach in Brasilien.1

Bates schildert den fremdartigen Eindruck, den die Düsterheit und Stille im brasilianischen Walde hervorbringt, und spricht von dem betäubenden Geheul der Affen und dem plötzlichen Todesschrei von Schlangen und Tigern verfolgter Tiere, sporadischen Lauten, durch welche das Gefühl der ungastlichen Einöde, das der Wald hervorruft, nur noch mehr erhöht wird. Außerdem hört man Töne, die man sich nicht erklären kann, „und die Eingebornen waren dies — wie ich fand — noch weniger im Stande, als ich selbst.“

Zuweilen hört man Töne, als ob mit einer eisernen Stange an einen hohlen harten Baum geschlagen würde, oder ein durchdringender Schrei hallt durch die Luft. Das darauf folgende Stillschweigen erhöht den unangenehmen Eindruck, den solche einzelne nicht wiederholte Töne auf das Gemüt

1) Bates, Naturforscher am Amazonenstrom. Lpzg. 1866. S. 40. Schlobach in d. Illnstrirten Zeitung v. 25. Mai 1872.

machen. Bei den Eingebornen ist es immer der Curupira, der wilde Mann, der Waldgeist, der diese unerklärlichen Töne hervorbringt. Dieser ist ein sehr geheimnißvolles Wesen, dessen Attribute sehr ungewiß sind, da sie nach der Oertlichkeit wechseln. Er hat Weib und Kind und kommt zuweilen in die Rocas (Pflanzungen), um Mandioca zu stehlen. Ein junger Mameluco in Bates Dienste, dessen Kopf mit den Sagen und Aberglauben des Landes angefüllt war, zitterte am ganzen Leibe, so oft er im Walde die oben erwähnten Laute hörte, kroch hinter Bates und bat ihn umzukehren. Er wurde erst wieder ruhig, nachdem er ein Zaubemittel zum Schutze gegen den Curupira gemacht hatte. Zu diesem Zwecke nahm er ein junges Palmblatt, welches er zusammenflocht und einen Ring daraus bildete, den er an einem Aste auf dem Wege aufhing. Wollte er dadurch den Waldgeist an den Baum fesseln?

Vergleichen wir noch, was J. G. Müller von den Waldgeistern der südamerikanischen Völker meldet.1 „Die Gurupira sind neckische, schadenfrohe Waldgeister, die den Indianern unter allen Formen begegnen, sich auch einmal in ein Gespräch mit ihnen einlassen, auch Feindschaften zwischen einzelnen Personen erregen und erhalten. Bei den Botokuden heißen die Waldgeister, welche größer oder kleiner gedacht werden, Janchon; sie beunruhigen ebenfalls die Leute. Sonst gehört zu den Waldgeistern auch Uaiuara, bald ein kleines Männchen, bald ein gewaltiger Hund mit langen klappernden Ohren. Er läßt sich, wie das deutsche wilde Heer, am furchtbarsten um Mitternacht vernehmen. Ein anderer berühmter Waldgeist ist der Caypora der Küstenbewohner, der Kinder und junge Leute raubt, sie in hohle Bäume verbirgt und dort füttert.“

§ 21. Rückblicke und Ergebnisse.

Blicken wir noch einmal auf die lange Reihe der besprochenen Wald- und Feldgeister zurück, so wird das Beispiel der zuletzt aufgeführten südamerikanischen Dämonen uns hinreichend belehren können, daß unter ganz verschiedenen Himmelsstrichen, bei Völkern, deren Lage jeden Gedanken einer Entlehnung von einander ansschließt, aus einer Alt psychologischer Notwendigkeit sich über-

1) Geschichte der amerikanischen Urreligionen. Basel 1855. S.259

 

raschend ähnliche Mythengestalten erzeugt haben. Die Uebereinstimmung jener indianischen Vorstellungen vom Waldgeist ist am größten mit dem Volksglauben in Schweden und Rußland, zweien europäischen Ländern, deren Wald noch am meisten die Natur des Urwaldes bewahrte. Sie betrifft vorzugsweise Charakterzüge und Handlungen, welche aus diesem Naturverhalt fließen, Rufen, Hohngelächter, Irreführen. Eine jedoch weit größere Familienähnlichkeit mit einander tragen die nordeuropäischen Waldgeister au sich, sie sind offenbar Varietäten ein und derselben Art, deren verschiedene Abwandlungen wesentlich durch die Reflexe der localen Naturverhältnisse bedingt werden. Zum Erweise dieser Behauptung stelle ich in übersichtlicher Kürze die übereinstimmenden Züge zusammen. Aus denselben wird hervorgehen, daß wir die Waldleute (wilden Leute, Skogsnufvar, Ljeschie u. s. w.) anzusehen haben als eine Verschmelzung von Baumgeistern und Windgeistern; schwerlich spielt eine Erinnerung an wirkliche Menschen, rohe halbtierische Ureinwohner hinein, die sich vor unserer Race in die Wälder zurückgezogen hätten und im Volksgedächtniß zu Dämonen geworden wären, eine Ansicht, die neuerdings allerdings einige mehr oder minder consequente Vertreter (Hyltén-Cavallius, Chr. Schneller u. s. w.) gefunden hat.

Die Gestalt der Waldgeister wird bald riesenhaft, bald zwergisch beschrieben, für gewöhnlich menschenähnlich, aber in alle möglichen Tier- und Pflanzenformen verwandlungsfähig. Tiergestalt auf längere Dauer mißt man der gente salvatica S. 113, zeitweilige Geißgestalt den Ljeschie S. 138, Dialen S. 95, Delle Vivane S. 116 bei. Die vom wilden Jäger gejagten ganz in Moos gekleideten Moosweibchen in Wildenmann trugen Gänsefüße.1 Die Skogsnufva trägt Tierfelle und Kuhschwanz S. 128, die ihr entsprechende dänische Waldfrau S. 126 verwandelt sich noch altertümlicher in eine Kuh.2 Wenn die Fangga sich in Wildkatzenfelle kleidet und Stutzkatze heißt, so erblicke ich darin einen Fingerzeig, daß dieses Wesen auch Wild-

katzengestalt annehmen konnte. Die Holzweiber, wilden Weiber und der Skougman sitzen auch wol als Eulen auf den Bäumen S. 127, der lettische mahjas kungs entweicht in Gestalt eines Vogels S. 53, auf der unersteiglichen Alpe Morin in Tirol sollen drei Selige wohnen, die in Geiergestalt die Gemsen beschützen und den Jägern feind, den Hirten freund sind.1 Das Aussehen der Waldgeister, wenn sie anthropomorphisch auf treten, enthält manche Züge, welche darauf hindeuten, daß die Phantasie zu ihrer Ausstattung bei den Bäumen eine Anleihe machte. Sie tragen einen behaarten moosbewachsenen Leib oder grüne Kleidung; 2 einen Rücken, hohl wie ein morscher Baumstamm oder ein Backtrog;3 und ihre großen Brüste dürften als ein sinnlich symbolischer Ausdruck der Vegetationsfülle betrachtet werden;4 ihre langen gelben oder sonst weithin im

Winde flatternden Haare 1 erinnern an die Auffassung des (vom Sturme durch den Wald gejagten) Laubes als Baumhaar. Gradezu als Pflanzengeister treten sie auf, wenn ihr Leben und ihre Größe an das Leben der Bäume und Gräser geknüpft erscheint.2 Hiemit stimmen indirecte Zeugnisse überein. Das Schrätlein zieht sich vom Teufel verfolgt in den Baum zurück S. 115; die Verwundung des seligen Fräuleins wird bestraft, wie ein Axthieb in den Waldbaum S. 105. Um die Holzweibel, Seligen u. s. w. zu retten, muß man drei Kreuze in den Baum hauen, während er fällt S. 83. 106. Auch die Garnknäuel der Holzfräulein, Seligen, Fanggen und wilden Weiber weisen nach S. 76 vielleicht auf Moosfäden zurück.

Das Wesen der Waldgeister erweitert sich aber deutlich von Baumgeistern zu Genien der gesammten Vegetation. Die Holzfräulein walten auch im Gras- und Kornwuchs S. 77 ff, die Ljeschie sind Waldgeister und zugleich Dämonen der niedem Kulturpflanzen S. 138; vgl dazu die hessischen Wildleute S. 87. Die nämliche Doppelrolle als Wald- und Korndämonen spielen die Dames vertes. Auch die wilden Weiber erscheinen als

Genien von Kräutern S. 106. Die vom wilden Jäger gejagte Frau läßt sich als Walpurgis in eine Garbe einbinden S. 121. Vgl. den russischen und den schwedischen Zaubersegen, um die Waldgeister herbeizurufen S. 142.

Andererseits springt deutlichst als durchstehende Vorstellung in die Augen, Wirbelwind, Sturm und Gewitter seien Lebensäußerungen des nämlichen Geistes, der in ruhigen Momenten — wie wir sahen —- in Waldbäumen verkörpert erscheint.1 Vom wilden Jäger oder Teufel, resp. dem Donner gejagt finden wir die Moosleute, Holzfräulein, Selige, Schrätlein, Wildfrauen in Steiermark, Unterirdische und weiße Weiber in Lauenburg und Mecklenburg, dänische Meerfrauen, Skogsnufvar in Schweden. Nach verschiedenen z. T. den ältesten bezeugten Varianten ist die gejagte Frau die Buhle des wilden Jägers S. 125. Dem Küssen gilt der Wirbelwind als der Hochzeitstanz des Waldgeistes mit seiner Braut S. 143. Da nun die Erscheinung der wilden Jagd meistenteils mit dem Gewittersturme zusammenfällt,2 dem Gewitter aber, das physikalisch betrachtet ja überhaupt nur ein secundäres Product des vom Boden aufsteigenden, oder von oben her hereinbrechenden und den entgegengesetzten Passat verdrängenden Luftstromes ist, größtenteils merklich Wirbelwind vorangeht und heftigerer Wind nachfolgt;3 da der

Wirbelwind als fahrende Frau,1 Hexe,2 Thórs pjäska (S. 128) Windsbraut,3 auch sonst in Gestalt eines weiblichen Wesens personifiziert wird, so halte ich es für wahrscheinlich, daß anfänglich der im Wirbelwinde sein Dasein bekundende Waldgeist es war, der vom wilden Jäger (dem nachfolgenden stärkeren Unwetter) gejagt erschien.4  Es ist auch deutlich, warum insonderheit die männlichen Waldgeister (wilder Mann, Hulte, Ljeschi) sodann aber auch z. T. eben jene weiblichen Waldgenien eben sowol für sich allein im Winde daherfahrend oder als Anführer der wilden Jagd daherstürmend dargestellt werden konnten. Die angegebene Deutung trifft auf die Gewitterstürme im Sommer und die Mehrzahl unserer Sagen vollkommen zu. Wenn aber daneben nach manchen Sagen der Umzug der wilden Jagd oder des wütenden Heeres und ebenso der unserer Waldgeister zu Weihnachten, in der Neujahrsnacht oder Dreikönigsnacht vor sich geht, wenn die Jagd auf das geisterhafte Weib sieben Jahre (d. h. doch wol die 7 Wintermonate von October bis Mai) dauern soll, so ist es bei der Seltenheit der Wintergewitter in unsem Gegenden allerdings offenbar, daß hier die Jagd auf das Waldweib die angegebene Bedeutung nicht haben kann. Vielmehr sprachen wir schon S. 124 unsere Meinung dahin aus, daß dabei der Gedanke zu Grunde zu liegen scheint, im Winter sei der weibliche Waldgeist, die Genie des Blättergrüns, gleichsam verzaubert und fliehe vor dem im Sturme ihm nachsetzenden Gefährten, der zum Maitag (vgl. St. Walpurgis S. 121) sie erreiche, und [nach urtümlichst roher Weise der Hochzeit durch Frauenraub] quer über sein Roß lege.5 Ist diese Deutung richtig, so hat eine Verschiebung, eine Umdeutung eines ursprünglichen Gleichnisses in ein anderes stattgefunden. Die Probe würde erst gemacht werden

können durch eine genaue Untersuelumg aller sonstigen Jagdobjecte des wilden Jägers, denn es ist jedenfalls wichtig, zuvor zu wissen, ob die Eber, Rosse1, (Rinder?), Hirsche, (Rehe). Kaninchen, Hühner, welche je in verschiedenen Landschaften statt der Waldfrauen den Gegenstand der Verfolgung von Seiten der wilden Jagd ausmachen, und deren Schenkel dem Spötter aus den Wolken zugeworfen werden, wie der Fuß des Waldweibes, entweder sämmtlich, oder doch teilweise nur eine andere Form desselben Gedankens sind, den die gejagten Waldleute ausdrückeu. Wir müssen davon abstehen diese schwierige Frage an diesem Orte weiter zu verfolgen.2 Es erscheint uns die zuerst von

W. Schwarte aufgestellte Deutung, wonach die von der wilden Jagd herabgeworfene Lende oder Hälfte der Holzfrau, sowie die in Gold sich wandelnden Geschenke der thüringischen und czechischen Waldweiber, Lisunki u. s. w. ursprünglich den Blitz bedeuten, nicht unwahrscheinlich, wenngleich keinesweges gesichert. Mit der Natur der Waldgeister als Wind- und Wetterwesen scheint auch der Zug zusammenzuhangen, daß die Waldfrauen einen Gürtel schenken, welchen sie einen Menschen anlegen heißen. Der Beschenkte umgürtet damit aber zuvor einen Baum, und derselbe springt augenblicklich zerrissen und zersplittert in Stücke,1 Einen ebensolchen Gürtel verleiht nämlich auch der in der Windsbraut umfahrende Hexenmeister.2 Der den Wald erfüllende Nebel oder weiße an den Bergen hangende Wölkchen gelten als die Wäsche der Waldfrauen. Dergleichen wird erwähnt bezüglich der wilden und seligen Fräulein, der Wildfrauen in Steiermark, der Froberte, Skogsnufvar und Dames vertes, sowie der Pysslingar unter dem Apfelbaum zu Falsterbro (ob. S. 61). Da die menschliche Seele als Lufthauch (animus, spiritus) betrachtet wurde, 3 so steht es auch wol mit der Windnatur der Waldgeister in Verbindung, daß die Holzfräulein in arme Seelen, die Seligen in die Geister todter Mütter übergehen.

Ihrem Ursprünge nach dunkler, als die bis hieher behandelten Eigenschaften, sind diejenigen Aussagen, welche den Waldfrauen das Streben nach der Verbindung mit sterblichen Männern, dem

Waldmann die Sucht nach christlichen Frauen zuschreiben. Die Holzfräulein, die Seligen, Fanggen, die Skogsnufvar und Ljesche gehen eheliche Vereinigungen mit Menschen ein S. 79. 87. 103. 135. 143. Der Gesang und die schöne Gestalt der Seligen und wilden Weiber lockt Jünglinge und junge Männer an ihre Seite. Wenn manche Sagen dieses Verhaltnis außerordentlich zart und geistig darstellen (S. 101), so zeigen andere eine rohere, vermutlich ältere Form S. 102.

Rauhe Else naht, wie die Skogsnufva, dem am nächtigen Feuer Liegenden und verlangt nach seiner Minne S. 108. Vgl. die agrestes feminae bei Burckard v. Worms S. 113. Das badische Wildweib hat mit dem Jäger ein Kind 88, und die Dames vertes locken den betörten Liebhaber ins Dickicht S. 118. Der Kulte stellt christlichen Weibern nach S. 127, ebenso die lesni muzove in Böhmen S. 87.

Daneben wird behauptet, daß die Waldgeister kleine Kinder rauben oder an sich ziehen und tödten. Der Salvanel, die wilden Weiber am Untersberge, die Fanggen S. 90, die divé zeny in Böhmen S. 87 stehlen1 kleine Kinder. Oder die böhmische Waldfrau lockt sie an sich S. 87. Die Tiroler Langtüttin legt sie an ihre großen unheimlichen Brüste S. 108. Die Seligen holen sogar Wöchnerinnen aus dem Kindbett weg S. 108. Steht dazu in irgend einem Verhältniß der Zug des Irreleitens, der von den Froberte, den Dames vertes, der rauhen Else, der Skogsnufva und ihrem Gemahe, dem Hulte, den Ljeschie, wie dem peruanischen Uchuclla berichtet wird? Bei unseren Waldweibchen und Moosleuten schlägt dieser Zug gradezu in sein Gegenteil um. Die Moosweiblein in Wildemann z. B. leiteten Fremde, die sich verloren hatten, auf die rechte Straße und teilten ihnen Wurzeln und Kräuter zur Nahrung und Gesundheit mit.2

Die Waldgeister zeigen sich auch sonst den Menschen gerne dienstbar und gehen in Hausgeister über. Die Holzfräulein in Thüringen und Franken, die wilden Leute in Baden, die Saligen in Tirol helfen zur Erntezeit den Arbeitern. Aber auch ständig treten Holzweiber und Waldmänncken, Fanggen, Salige, zuweilen

1) Vemaleken, Mythen und Branche 249, 55.

2) Pröhle, D. Sag. S. 37, 8. Vgl. auch ob. S. 84.

auch Skogsrá in den Dienst des Menschen, besorgen das Vieh im Stalle und segnen Vieh und Vorratekammer; auch die Schretel spielen die Rolle der Penaten S. 115. Die wilden Geißler (S. 96 ff.) stellen gewissermaßen Penaten der Dorfschaft vor. Wie hier in Hausgeister gehen die Waldgeister anderswo unmerklich in andere Elbe, namentlich in Höhlen und ebenes Feld bewohnende Zwerge über. Die Fanggen verlieren sich in Fenggen und Fänken. Die von Fanggen, Holzweiblein und wilden Frauen erzählte Geschichte von Todansagen (S. 90) wird auch von Zwergen berichtet. Wilde Leute werden local zu Nörgeln und Norken (S. 110), die Seligen zu Schanhollen (S. 102). Und die Seligen selber, die in fast allen Stücken den Wald- und Moosweibchen entsprechen, verlieren den Character eigentlicher Waldgenien fast ganz. In der norddeutschen Ebene vertreten die Unnererdschen und weißen Weiber die Waldgeister des deutschen Südens und skandinavischen Nordens (S. 124). Mit einem Worte Wald- und Feldgeister sind sowenig durch eine feste Schranke geschieden, daß sie vielfach in einander rinnen.

1) Die Identität der Seliger), witten Wiwer und Hollen erweisen die Mitteilungen von A. Kauffmann und Birlinger in Pfeiffers Germania XI, 411 ff. und XVII, 78, wonach in Aufzeichnungen des XVI. Jabrh. von niederrheinischen unter schiinen Bäumen und krausen Büschen wohnenden Geistern die Bede ist, für welche die Namen „selige frauwen,“ „holden,“ „wyße frauwen“ als Synonyma gebraucht werden.

Text aus dem Buch: Wald- und Feldkulte (1875), Wilhelm Mannhardt.

Siehe auch:
Wald- und Feldkulte – Vorwort
Wald- und Feldkulte – Grundanschauungen
Die Baumseele

Inhaltsübergreifend: Deutsche Mythologie

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Wald- und Feldkulte