Die Armeen des russischen Zaren, ausgerechnet unter Führung von Michail Glinskij, eines bei einer Rebellion in seinem Land gescheiterten und nach Moskau geflohenen litauischen Fürsten, hatten im Januar 1558 angegriffen. Konstruierte Ansprüche bezüglich Tributzahlungsverpflichtungen Dorpats dienten als Alibi.

Widerstand in Livland gab es kaum. Narwa, Dorpat und etliche befestigte Orte fielen. Überall hinterließen die Russen Tod und Verwüstung, In Dorpat wurden Handwerker aus ihren Häusern befohlen und nach Moskau deportiert, um europäisches Wissen insbesondere in die Rüstkammer des Kreml zu bringen.

Das Reich war als Schutzmacht fern. Aber andere Mächte griffen in den Livländischen Krieg ein. Und Iwan mußte, nach einem verheerenden, insgesamt 25jährigen Krieg weichen. Schweden, seit Gründung der skandinavischen Union zu Calmar 1397 stolze Großmacht, besetzte Estland, die Dänen landeten auf Ösel, Livland oberhalb der Düna fiel 1561/66 an Polen, lediglich Kurland behielt durch seine Umwandlung in ein weltliches Herzogtum unter dem letzten, äußerst ehrgeizigen Hochmeister Gotthard Kettler eine gewisse Eigenständigkeit. Diese war eingeschränkt durch den Lehnsgehorsam, den der neue Herzog Polen leisten mußte.

Das polnische Gastspiel in Livland dauerte nicht lange. In verschiedenen Waffengängen 1621/29 fiel es unter die Herrschaft der Schweden, die bereits Estland erobert hatten und in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Dänen auch von ösel verdrängen konnten. Lediglich der Südosten, Lettgallen, verblieb als Wojewodschaft Inflanty bei Polen.. 1632 gründete Schweden-König Gustav Adolf II. in Dorpat die »Universitas Dorpatensis«, ihm zu Ehren »Acadamia Gustaviana« benannt, die sich mit ihrer Bibliothek und eigener Druckerei – der ersten in Estland – sehr bald zum geistigen Zentrum des baltischen Raums entwickeln sollte. Sie sollte rund 200 Jahre später auch zur Keimzelle der nationalen Emanzipation von Esten wie auch Letten werden.

Liv- und Estland blühten unter der schwedischen Krone weiter auf, Riga überragte an Größe und Reichtum jede andere Stadt des Reiches, einschließlich Stockholm. Reval wurde zur drittwichtigstcn Metropole des Landes. Die Stellung der estnischen und lettischen Bauern änderte sich indes nur sehr langsam. Doch es drohte Gewalt aus dem Osten: Unter Peter I., genannt der Große, unternahm Rußland einen weiteren Versuch, an die baltische Küste vorzudringen. 1704 fiel Narva, kurz darauf kapitulierte auch Dorpat. Scheremetjew, ein Feldherr Peters, berichtete seinem Zaren: »Alle Schlösser sind niedergebrannt. Nichts steht aufrecht außer Pernatt und Reval und hin und wieder ein Hof am Meere; sonst ist von Reval bis Riga alles mit Stumpf und Stiel ausgerottet, die Orte stehen nur noch auf der Karte verzeichnet. Was soll ich mit der Beute anfangen? Vieh und Esten haben wir in Mengen gefangen. Kühe sind jetzt um drei Altynen zu haben. Schafe um zwei Dengen. kleine Kinder um ein Denga, größere um eine Griwna. vier Stück kauft man für eine Altyne.«

1710 wurden Riga, Pernau und Reval erobert. Als weitere Geißel für die von Raub, Mord und erneuten umfangreichen Deportationen heimgesuchten Menschen kam nun die Pest hinzu. Sie raffte zwei Drittel der Einwohner Rigas hinweg und wahrscheinlich jeden zweiten in Reval und Pernau. 60 Prozent der Bauern in Livland und 70 Prozent in Estland starben.

Peter regierte nun die unbestrittene Vormacht in Osteuropa, während Schwedens baltisches Imperium zusammengebrochen und auch das mit Rußland verbündete Polen-Litauen zur Mittelmacht abgesunken war. Der Frieden von Nystad 1721 besiegelte diese Konstellation. In ihm wurden die protestantische Landeskirche, Deutsch als Landes- und Verwaltungssprache sowie deutsches Recht als Privilegien zugesichert. Im Gefolge der polnisch-litauischen Teilungen fielen schließlich 1772 Lettgallen (Polnisch-Livland) und 1795 auch Kurland an Rußland.

Siehe auch:
Ukrainer
Donkosaken
Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Litauen-Lettland-Estland
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
Nordkaukasier
Aserbeidschaner
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Ostfinnen
Westfinnen
Das Balten-Gebet
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
Sowjetunion-Wirtschaft
Sowjetunion-Technisierung
Sowjetunion-Landwirtschaft
Sowjetunion-Das Land
Sowjetunion-Schlußwort
Goten-Waräger-Deutsche
Sowjetunion-Russen
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

Baltikum

Es war das germanische Volk der Goten, das den gewaltigen Raum von den Karpaten bis zum Kaukasus, vom Ladogasee bis zum Schwarzen Meer im 1. Jahrhundert nach der Zeitwende in staatliche Formen zwang.

Damals siedelten von der oberen Düna über die Wolga bis an die Ufer des Weißen Meeres Völker finno-ugrischer Sprache, die neben nordischen, primitiven europäiden und mongoloiden Menschen besonders im Westen zur ostbaltischen Rasse gezählt werden können.

Die Ostseeküste hatten Völker indogermanischer Sprachen inne, die in der Mehrzahl einen stark nordischen Einschlag verrrieten und stellenweise ostbaltisch durchmengt waren. Südlich davon saßen slawische Stämme. Den Raum zwischen Dnjepr und Don bewohnten Nachkommen indogermanischer Völker, Skythen, deren Blut stellenweise ebenfalls mit mongoloiden Bestandteilen durchsetzt war.

Alle diese Völker und Stämme wurden dann durch das Gotenvolk überschichtet, dessen hochentwickelte Bauernkultur durch die ausgegrabenen Geräte, Waffen, Gefäße und Schmuckstücke bezeugt ist.

Man unterscheidet die Ostgoten, die unter der Herrschaft der Amaler im Norden des Schwarzen Meeres siedelten, und die Westgoten unter dem Fürstengeschlecht der Balten zwischen der Ostsee und dem Dnjepr.

Um 370 hatte das Gotenreich des Königs Ermanarich seine größte Machtausdehnung und Blüte erreicht. Der Dnjepr war die Verkehrsachse dieses ganzen Staatssystems, das von germanischen Herulern, Bastarnen und Skiren im Südwesten flankiert war. So wurde die weite osteuropäische Ebene von einem germanischen Volk gegen jene Nomadenstämme gesichert, die das Europäertum und seine Kulturschöpfungen bedrohten.

Als aber hunnische Reiterheere nach Westen drängten, vermochte ihnen das Gotenreich nicht standzuhalten. Ermanarich, der den Zerfall seines Staates nicht verhindern konnte, gab sich seihst den Tod, und sein Nachfolger Winithar fiel im Kampf gegen die Hunnen.

Das Jahr 375 wurde also zum Schicksalsjahr von ganz Europa. Die Hunnen überrannten das Bollwerk am Don und drangen in das Herz des Abendlandes ein, doch fiel ihre Mehrzahl in den Kämpfen gegen die europäischen Heere, Erst im 5. Jahrhundert wichen sie wieder nach Osten zurück und verloren sich unter den Awaren und Chasaren.

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