Schlagwort: Nationalismus

In allen islamitischen Ländern ist die Regierung die mittlere Linie zwischen dem demokratischen Sinn der Bevölkerung und der absoluten Vollmacht des Kalifen. Der Koran predigt ja, daß alle Mohammedaner Brüder, alle einander gleich seien. In der Tat ist denn auch der Sohn einer Negerin genau so erbberechtigt, wie der Sohn ihrer begünstigteren hellhäutigen Nebenbuhlerin. Auch sind der Rassenanlage nach die meisten Träger des Islam, namentlich Türken und Araber, demokratisch. Bei den neuesten Vorgängen haben die Ulema ausdrücklich erklärt, und zwar selbst die, die in Konstantinopel bei der Gegenrevolution mitgewirkt hatten, daß der Sultan die Verfassung nicht wieder antasten dürfe, und daß jeder Muslem nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet sei, dem Sultan im Falle einer Übertretung zu widerstehen. Der Sultan ist vor allem den Bestimmungen des Koran unterworfen, sodann den Ordnungen der Multeka, einer Sammlung von Sprüchen und Entscheidungen, die Mohammed und seine ersten Nachfolger getan haben. Dagegen wird das Kanon-Nameh Suleimans des Glorreichen, eine Sammlung von Hatti-Scherifs Suleimans selbst und seiner Vorgänger, zwar sehr geachtet, ist jedoch nicht bindend. Es gibt allerdings gefällige Gesetzesinterpreten, die, z. B. von der Tatsache ausgehend, daß der Prophet nur vier legitime Frauen erlaubt, und selber doch vierzehn besessen habe, die Meinung aufstellen, dem Kalifen sei schlechterdings alles gestattet. In jedem Falle hat sich der Absolutismus so mancher Sultane tatsächlich einfach über die Bestimmungen des Korans hinwegsetzt.

Der Sultan ernennt selbst — auch beim neuesten Regime — die zwei höchsten Reichsbeamten, den Sadrazan (Sdar-azam, persisch) oder Großwesir als oberste weltliche Autorität, und den Scheich ül Islam, das Haupt der Kirche. Bei der Wahl des letztgenannten haben jedoch die Ulema, die man demnach den Kardinälen vergleichen kann, mitzuwirken. Die Ulema stellen aber zugleich die obersten Juristen und besetzen die Theologieprofessuren. Ihnen eng verbunden sind die Mufti, die Ausleger des Korans. Westliche Einflüsse in der Verwaltung enthält zuerst das Hatti-Hamayun von 1856. Dem Großwesir steht ein Kronrat oder Medschlis i Haß zur Seite.

Bekannt genug ist die Einteilung des Reiches in Vilajets, Sandschaks, Kazas und Nahiets, die einem Wali, Mutessarif, Kaimakan und Mudir unterstehen. Wali kommt, was vielleicht weniger bekannt ist, aus dem Arabischen, wo es ursprünglich „oben“ bedeutet. Dieselbe Wurzel steckt im Vilajet, wo es lautgesetzlich ebenso von Wali gebildet ist, wie Kilafyet von Kalif.

Im übrigen ist das Osmanenreich zur größeren Hälfte nur Fortsetzung des byzantinischen. Selbst der Halbmond ist ursprünglich wahrscheinlich byzantinisch.

In der Bevölkerung bildet den Hauptunterschied die Religionsangehörigkeit. Nur die Mohammedaner sind verpflichtet, ja nur sie berechtigt, Waffen zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Die Christen oder Rayah sind ohne weiteres die Untergebenen der Mohammedaner. So will es ausdrücklich der Koran. Mithin ist schon dadurch das Gesetz des Korans übertreten worden, daß später die Juli-Revolution Gleichheit aller Konfessionen bestimmte. In einem islamitischen Staate ist eine derartige Gleichheit schlechterdings nicht durchzuführen. Angenommen, das Waffentragen könnte allen Bürgern zugestanden werden, so ist schon allein das Eherecht eine Klippe, an der die Gleichheit vor den Gerichten scheitern muß. Ist doch für die Christen die Einehe gesetzlich, während für die Anhänger des Propheten die Vielehe, wenn nicht geboten, so doch vollkommen legitim ist. Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls das Gesetz des Korans von dem absolutistischen Regime und seinen Trabanten außerordentlich oft in der Vergangenheit und vielfach auch in der Gegenwart verletzt worden, insofern der Koran zwar zur Bedrückung der Ungläubigen auffordert, allein ihr Leben unter Schutz stellt. Rein praktisch war ja auch eine Ausrottung der Ungläubigen nicht durchzuführen, aus sehr begreiflichen Gründen war vielmehr deren Erhaltung im Interesse des Staates. Denn die Rayah zahlten eine Kopfsteuer, die, namentlich in den ersten Jahrhunderten der arabischen Eroberung, den Hauptstock der Staatsfinanzen bildete.

Für die islamischen Herren war es dabei stets, auch in Nordafrika und Persien, von der größten Bedeutung, daß die Christen durch ihre konfessionellen Streitigkeiten gespalten waren und noch sind. Noch im Jahre 1881 wollten die römisch-katholischen Albanesen lieber mit den Mohammedanern als mit den griechisch-unierten Montenegrinern Zusammengehen. Im Februar 1909 lehnten sich die arabischen Christen gegen die griechisch-unierten auf, und es kam in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen. Von den Nestorianern und Armeniern haben sich viele der englischen Hochkirche angeschlossen, während 1898 an 15000 Ne-storianer in das Lager der russischen Prawoslavie übergingen. Auf der islamischen Gegenseite freilich fehlt es auch nicht an Spaltungen. Die Wahabiten, deren Sekte seit rund 1720 besteht, haben so manchen Padischah arg zu schaffen gemacht. Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben verschiedene Wahabitenfürsten, darunter der berühmte Jahja, die Vilajets Asyr, El Hasa und das Nedschd von der Herrschaft des Kalifen losgerissen. Am fühlbarsten war stets die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten. In der jüngsten Zeit soll sich die Zahl der Schiiten in Mesopotamien, besonders in der Nähe von dem schiitischen Wallfahrtsort Kerbela, wesentlich vermehrt haben. Auch einige wenige Kurdenstämme sollen, wie ich bei meiner Reise durch Adherbaitschan hörte, der Schia anhängen. Genaueres ist darüber nicht zu erfahren. Andere Kurdenstämme gehören der pantheistischen Sekte der Kisilbaschi an, die im Grunde mit dem Islam ebensowenig zu tun hat, wie der Sufismus. Auch im Libanon ist eine Sekte, die sich mit den orthodoxen Satzungen des Islams in Widerspruch befindet. Nichtsdestoweniger ist aber doch die religiöse Einheit bei der mohammedanischen Bevölkerung des osmanischen Reiches viel stärker ausgeprägt als bei der christlichen.

Um so größer sind sowohl bei den Mohammedanern als auch bei den Christen die Unterschiede und Spaltungen der Volkheiten und Rassen. Im ganzen Reiche gibt es zum mindesten ein Dutzend verschiedener Rassen, als da sind: Türken, Slaven, Griechen, Albanesen, Wlachen, Armenier, Tscherkessen, Lasen und Georgier, Jyrücken, Kurden, Syrer und Araber; Juden, Zigeuner und Levantiner nicht einmal mitgerechnet. Im allgemeinen gehören die einzelnen Rassen ausschließlich ganz bestimmten Religionen, an, eine Ausnahme machen jedoch Albanesen und Araber, die sich in Islam und Christentum teilen. Von den Georgiern bemerke ich, daß im Gegensatz zu ihren christlichen Volksgenossen im Kaukasus die Engeloj Mohammedaner sind. Natürlich gibt es noch eine große Menge von Konvertiten, die teils ganz in das Türkentum aufgehen, wie einst die Janitscharen, wie noch in der Neuzeit der Magdeburger Osman Pascha und der polnische Graf Tschaikowsky, der um 1880 Wali des Libanon wurde.

Um in der Erscheinungen Flucht einigermaßen festen Boden zu gewinnen, wird ein Überblick über die Kopfzahl der einzelnen Nationen von Nutzen sein. Allerdings muß man eine Unsicherheit in der Statistik mit in Kauf nehmen, an der außer Japan alle orientalischen Staaten kranken. Sie erklärt sich durch den Chauvinismus der Bewohner, die gern ihre Kopfzahl viel zu hoch angeben, so daß bei Schätzungen zwischen ihnen und ihren Gegnern Unterschiede von ungefähr 1000% Vorkommen; so schätzensich dieSerben von Mazedonienselbstauf zwei Millionen ein, während die Bulgaren sie nur auf zweihunderttausend berechnen. Da würde die Wahrheit nicht einmal in der Mitte liegen, sondern man muß eine weit geringere Zahl als richtig erkennen. Zu diesen Schwierigkeiten allen gesellt sich noch für die Statistik die sehr beträchtliche Einwanderung, die seit 1855, und stärker seit 1877 stattfand. Im Jahre 1902 haben sich die Mohammedaner Anatoliens laut einer Schätzung des Obersten von Diest seit dem russisch-türkischen Kriege fast verdoppelt, und von der Goltz Pascha erzählt uns von ganzen osmanischen Dörfern, die er zu seinem Erstaunen im Östlichen Mazedonien vorfand, ohne daß sie auf den Karten irgendwo verzeichnet gewesen wären. Die Geometer, meist christlichen Glaubens, hatten es eben nicht für nötig gefunden, die große Zahl der Mohammedaner noch besonders hervorzuheben. Der Zensus aber hängt, wie überall, mit dem Steuersystem zusammen, und so erklärt es sich, warum sich viele der Statistik entziehen. Auf Grund dieser vielen Mißstände ist es ziemlich schwierig, auch nur annähernd zuverlässige Zahlen anzugeben. Doch sei folgende Aufstellung versucht.

Hübner-Juraschek nimmt nur 24 Millionen an. Ebenso das Statesmans Yearbook. Beide nach den offiziellen Schätzungen. Nicht nur in der Hauptzahl, auch in den Zugehörigkeiten der Einzelzahlen herrscht, wie schon angedeutet, viel Unstimmigkeit. So beanspruchen namentlich die Hellenen die griechisch redenden Albanesen und Wlachen für sich, was deren jüngst erwachter Nationalismus aber nicht bestätigen will.

Ein Hauptproblem türkischer Politik bildet der Nationalitätenkampf. Araber undTürken hassen sich gegenseitig, wie jüngst wieder zwei vortreffliche Kenner, Hartmann und der Graf Mülinen, betont haben. Der Türke sieht mit Verachtung auf die ungeleckten Kurden herab. Der Albanese geht oft mit dem Türken, aber er fühlt sich doch sehr deutlich und sehr bestimmt als ein ganz anderer Mensch. Daß weder Kurden und Armenier noch Bulgaren und Serben und Griechen an einem Strange ziehen, ist bekannt genug. Der beständige Wechsel der Gruppierungen der Volks- und Bandenbündnisse, der in den letzten zehn Jahren Platz gegriffen hat, könnte einem Spezialisten der Variations und Permutationsrechnung ein gutes Material abgeben. Die Griechen waren vor allem und seit Jahrhunderten gegen die Slaven. Dann beehrten sie, besonders seit den Albanisierungs-bestrebungen des großen Ali Pascha Tepelenli die Albanesen mit ihrer Feindschaft; im Anfang des 20. Jahrhunderts entflammten sie plötzlich in heller Wut gegen die Rumänen und Wlachen, sie gingen sogar, trotz 1897, wieder mit den Türken. Dieses Paradigma kann man ähnlich auf Albanesen und Kurden und ütti quanti anwenden.

Am wichtigsten ist die Arabische und die Albanische Frage. Es war schon von den Bestrebungen arabischer Kreise die Rede, kraft deren das Kalifat auf einen Araber übertragen werden sollte. Die Anschauungen und Bemühungen der Senussi und verwandter Orden gehen denen der jetzigen Reformer, der verächtlich Pariser oder Ferengy-Türken genannten, entgegen. Andererseits haben jene eifrigen Verteidigerder koranischen Weltanschauung doch auch westliche Gedanken aufgenommen. In Ägypten haben sich mohammedanische Freimaurerorden aufgetan, und stehen mit englischen, politisch stark gefärbten Freimaurern in reger Verbindung. Der scheinbare Widerspruch solcher Bestrebungen spiegelt sich in dem Widerspruche englischer Politik. Denn die Liberalen haben sich seit der Zeit Gladstones, wenigstens theoretisch, stets für die unterdrückten und nach Emanzipation ringenden Völker erwärmt, während sie doch gleichzeitig die britischen Interessen wahrnahmen und sich daher manchmal gerade gegen jene Emanzipationsgelüste stellten. Das hat man in den Tagen Cannings und Palmerstons wie auch 1882 bei der Beschießung Alexandrias gesehen. Und wollten die Liberalen nicht, so wurden sie eben von den Konservativen, den Unionists, abgelöst, die sich nicht an etwaige Abmachungen ihrer Vorgänger im Amte hielten. Die Arabische Frage greift selbst bis nach Persien und nach Marokko hinüber. Eine persische Provinz, Chuzistan, ist zur größeren Hälfte von Beduinen bewohnt, und wie sehr die arabisch-panislamitische Agitation in Nordafrika den Franzosen zu schaffen machte, ist ja genugsam bekannt.

Zwar nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, aber in ihren inneren Gegensätzen und ihren äußeren Ausstrahlungen nicht minder verwickelt, ist die Albanische Frage. Lediglich um ihre Nationalität zu retten, sind einstens viele Albanesen zum Islam übergegangen. Ihr Volkstum stand ihnen höher als die Religion. In der Gegenwart hat dies Gefühl einen weiteren Schritt gezeitigt. Christen und Mohammedaner haben sich zusammengeschlossen. Das geschah schon 1879. Dann griffen wieder Stammesfehden Platz. Neuerdings aber wurde ein allalbanischer Kongreß abgehalten, der im November 1908 zu Monastir zusammentrat. Die Albanesen wollen weder ein Vorrücken der Griechen noch ein Übergewicht italienischen Einflusses. Sie bekämpfen offen eine Vormacht der Türken und halten sich sehr reserviert gegenüber dem Gedanken einer Annäherung an Österreich. Am liebsten möchten sie die Autonomie. Da sie sehr wohl wissen, daß sie sich mit ihrer geringen Zahl im Wechselspiel der Großmächte nicht allein behaupten können, so erkennen sie die Notwendigkeit eines Schutzes an. Als Suzerän wäre ihnen der Herrscher am liebsten, der ihnen am meisten Freiheit im Innern gewährte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches

Männer; Völker und Zeiten

Die Gegenwart zeigt vielfach eine Art politischer Ellipsenbildung. Die großen Gewalten der Zeit sind das Angelsachsentum, das Slawentum, das Ostasiatentum und das Deutschtum.

Nirgends aber sind diese Gewalten zu einem einzigen Territorium vereinigt, im Gegenteil finden wir überall zwei Brennpunkte, wie in einer Ellipse. Dergestalt stehen sich Tokio und Peking gegenüber. Ferner Washington und London. In der Welt der Slawen herrscht ein gleicher Dualismus: das ausgedehnte Zarenreich im Norden und die kleinen, aber zahlreichen Brüder im Südwesten, nämlich Polen, Tschechen, Bulgaren, Mazedonen und Serben, von Slowenen, Ruthenen, Slowaken und so weiter zu geschweigen. Schwieriger wäre es, die romanische Welt in eine Ellipse einzuordnen. Immerhin ist auf der einen Seite das führende Frankreich, auf der andern der schwächeren, südeuropäischen Rassegenossen, sind Italiener, Spanier und Portugiesen. Selbst in der arabischen Welt kann man das gleiche Phänomen gewahren; das arabische Nordafrika hält dem arabischen Vorderasien ungefähr das Gleichgewicht.

Es sind erst zehn Jahre her, seit der Stern Schönerers und Wolfs zu verblassen begann. Vor der Wende des Jahrhunderts waren nicht nur die österreichischen Alldeutschen, sondern.auch viele tüchtige Männer der schwarz-weiß-roten Flagge der Überzeugung, besser könne es erst um die Deutschen werden, wenn die Brüder an der Donau und in den Alpen mit den nördlichen Volksgenossen durch ein einziges staatliches Band verknüpft würden. Wie das tun? Sehr einfach. „Mir haun alles z’samm.“ Mit Gewalt sollten die Habsburger unter die Hohenzollern gezwungen werden. Ich sage nicht einmal, daß solches Beginnen vollkommen unmöglich war; in jedem Falle aber war die Zeit dazu längst verpaßt. Es verhält sich mit solchen grundstürzenden Eingriffen in die Staatenkarte, wie mit dem Schmieden einer Eisenmasse. Ist die Masse noch im feurigen Fluß, so kann sie verhältnismäßig leicht bearbeitet werden, ist sie aber schon wieder erstarrt, so ist es völlig unmöglich, sie in die gewünschte Form umzuhämmern. Vielleicht bestand früher einmal die Möglichkeit, auch Österreich in den erweiterten Bundesstaat, den das neue Deutsche Reich darstellt, aufzunehmen: jetzt ist diese Möglichkeit (falls sie überhaupt bestanden hat) endgültig vorbei. Das Donaureich hat sich wieder befestigt und hat sogar, seit 1908, den Aufstieg zur Weltmacht begonnen. Die beiden mitteleuropäischen Staaten stehen sich wieder ebenbürtig gegenüber. Hier setzt nun unsre Ellipsentheorie ein. Genau so wie Angelsachsen und Ostasiaten, so scheinen auch die Deutschen dazu bestimmt zu sein, durch Pol und Gegenpol in Kreis- und Wechselströmen ihre Kraft zu entfalten.

Seitdem der Gedanke der Imperial Federation aufkam, seit dem Jahre 1884, haben sich führende Kreise in England heiß darum bemüht, Freundschaft in den volksverwandten Vereinigten Staaten zu wecken und zu steigern. Ebenso hat Japan, einige Zeitlang mit Erfolg, darnach getrachtet, China auszusöhnen, und den Himmelssohn zu gemeinsamem Handeln mit dem Mikado anzustacheln. Auch für uns handelt es sich darum, mit Österreich in dauerndem Einverständnis zu leben. Dies ist um so notwendiger, als durch ein kühles oder gar unfreundliches Verhalten Berlins Österreich geradezu unseren Gegnern, den Slawen, in die Arme getrieben würde. Genau wie später durch das feindselige Vorgehen der Japaner China den rassefremden Amerikanern zugeführt worden ist. Ohnehin sind die galizischen Polen und die Tschechen schon längst darauf aus, Österreich zu einer Slawenmacht umzuwandeln, jene vielen kleinen Slawenstämme, die im natürlichen Gegensatz zu den Russen stehen, hoffen darauf, in Wien den Kristallisationspunkt zu finden und sich dadurch Petersburg gegenüber zu behaupten. Die Nationalitätenkämpfe begannen in Österreich 1866; ernster wurden sie seit 1897 bis 1899.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
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Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg

Männer; Völker und Zeiten

Der Gegensatz zwischen den Völkern des Abendlandes und jenen des fernen Ostens, der Jahrhunderte lang geruht hatte, kam 1894 plötzlich wieder der Welt zum Bewußtsein. Japan, das bisher als ein anmutiges Märchenland angesehen wurde, dessen Frauen als zierliche Puppen galten,dessenMänner als geschickte jongleure berühmt waren, zeigte auf einmal, daß sein Volk keinem anderen der Erde an kriegerischer Tapferkeit und weitblickender Staatskunst nachstehe. Es kam zum Bruch mit China Ende Juli. Ohne Kriegserklärung versenkten die Japaner ein chinesisches Transportschiff mit 1300 Mann. Sie besetzten Söul, siegten bei Ping-Yang, und eroberten das südliche Viertel der Mandschurei. Anfang März 1895 waren sie drauf und dran, die Gardedivision die in Hiroshima zur Einschiffung bereit lag, gegen Peking zu senden. Da mischten sich drei Großmächte ein; es waren Deutschland, Rußland und Frankreich. Wilhelm der Zweite hatte den Anstoß gegeben. Er glaubte, entsetzliche Gefahren vorauszusehen, die dem Abendlande von einer gelben Flut drohten. Nach seinem Entwürfe zeichnete Professor Knackfuß ein wirkungsvolles Gemälde ; es stellte den Buddha vor, wie er auf einem Wolkenthron daher schwebt, den Weißen Tod und Verderben bringend. Als Unterschrift des Gemäldes gab der Kaiser die Warnung

„Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!“

Unser politischer Zweck bei dem neuen Dreibund war der, den zwei Verbündeten, Frankreich und Rußland in die Arme zu fallen. Die beiden hatten nämlich, was Bismarck bisher so leidlich verhindert hatte, ihren Zusammenschluß vollzogen, und da Caprivi den Rückversicherungsvertrag nicht erneuerte, sich 1891 in Kronstadt verbrüdert. Mit flammenden Worten sprach man in Paris von dem nahenden Revanchekrieg, und auch in Rußland, das bei steigendem Wohlstände und fortwährender Gebietausdehnung sich in seiner Macht fühlte, war man einem Waffengang mit den verhaßten Deutschen, deren gewaltsame Verrussung in den Ostseeprovinzen begonnen hatte, nicht abgeneigt. Tatsächlich wurde dem bedrohlichen Verhalten der Verbündeten durch die Dazwischenkunft von Shimonoseki die Spitze abgebrochen. Die zwei Großstaaten die sich gegen Deutschland verbündet hatten, gingen nun auf einmal mit ihm zusammen. Nur war diese Freundschaft nicht von langer Dauer. Dafür hat die Dazwischenkunft den Deutschen, die bisher von den Japanern als ihre Lehrmeister verehrt und als Freunde betrachtet und geschätzt wurden, bis auf den heutigen Tag geschadet. Der Schade hat den vorübergehenden Nutzen überwogen. Vor der drohenden Haltung der Mächte wichen die Japaner zurück, schon allein, um die Kriegsentschädigung nicht aufs Spiel zu setzen. Diese betrug im Ganzen rund 700 Millionen Mark, und wurde in wenigen Jahren pünktlich bezahlt. Dadurch wurde China, das bisher so gut wie schuldenfrei gewesen, von den europäischen Banken abhängig. Aber auch die Staatsschuld Japans, die bislang nur geringfügig war, stieg trotz der Entschädigung von Jahr zu Jahr, da durch die steigenden Posten der Landesverteidigung die Ausgaben sich rasch verdoppelten und vervierfachten. So endete das erste Auftauchen der gelben Gefahr mit einem gewaltigen Risse zwischen den beiden Hauptstaaten der Gelben, — auch hierin kam der Nationalismus zum Wort — und mit einer gemeinsamen Verschuldung der Ostasiaten, die in der Hauptsache Londoner, Berliner und Pariser Kapitalisten zu Gute kam.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

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Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
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Juden und Phönizier
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Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
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Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
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Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
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Die Kreuzzüge
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Mongolensturm
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Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen

Männer; Völker und Zeiten

Als Bismarck in der Hauptsache seine kolonialen Absichten ausgeführt hatte, nahm er eine Schwenkung vor und ging von der Seite Frankreichs an die Englands über. Daran war in erster Linie die Verbrüderungz wischen Frankreich und Rußland schuld. Ein Zusammenschluß, der, obwohl noch nicht amtlich bekräftigt, Deutschland von zwei Fronten her bedrohte. Die Spannung mit Frankreich wuchs, als bei unseren westvogesischen Nachbarn der General Boulanger eine Napoleonsrolle zu spielen sich anschickte. Ende 1887 wurde allgemein der Krieg erwartet. Bismarck verlangte dasSeptennat, eine Festlegung der militärischen Bewilligungen für sieben Jahre im voraus, und hielt im Februar 1888 eine gewaltige Rede im Reichstag, die deutliche Drohungen gegen Frankreich enthielt. Der Sturm brauste jedoch vorüber. Dagegen mehrte sieh die Gefahr an der Ostgrenze. Die ungeduldige Militärpartei am Zarenhofe wollte durchaus wieder einen Krieg führen. Sie wollte mit Österreich anbinden. Nun enthüllte Bismarck in der Februarrede, daß ein Dreibund bestehe, der Deutschland, Österreich und Italien seit langem (nämlich seit 1879 und 1882) miteinander verknüpfe, ein Bund, der zur Abwehr russisch-französischer Angriffe gebildet war. Die Ankündigung des Dreibundes, von dessen Dasein nur sehr wenige Eingeweihte wußten, machte einen tiefen Eindruck. Trotzdem war der Eindruck nicht nachhaltig genug, um die Russen von ihrem Vorhaben zurückzuschrecken. Sie warfen weitere Truppenmassen an die Grenze, derart, daß 1889 Österreich sich zur Mobilisation veranlaßt fühlte. Bismarck selbst glaubte nicht an wirkliche Angriffsgelüste der Russen. Denn er hatte, was noch niemand wußte, 1887 in jener kritischen Zeit allgemeiner Kriegserwartung einen Rückversicherungsvertrag mit den Beratern des Zaren abgeschlossen, einen Vertrag, der indessen 1890 ablaufen sollte. Wohl aber glaubte an die berührten Gelüste der junge Kaiser, Wilhelm II., der seit dem Juni 1888 den Thron inne hatte. Zu diesem Mangel an Übereinstimmung in Fragen der auswärtigen Politik kamen noch andere Meinungsverschiedenheiten. Bismarck glaubte eingesehen zu haben, angesichts der steigenden Zahl der Sozialdemokraten, daß das allgemeine Reichstagswahlrecht ein Fehler sei, und er beschloß, dies Recht wieder aufzuheben. Er war sich darüber klar, daß ein solcher Schritt nicht ohne schwere Erschütterungen vor sich gehen würde, und ließ denn auch dem jungen Kaiser keinen Zweifel darüber, daß er möglicherweise einen Volksaufstand mit Gewalt niederwerfen müßte. Verschiedene kleinere Reibereien kamen dazu. Die Folge davon war Bismarcks Sturz.

In einem ging Wilhelm II. sofort über die auswärtige Politik Bismarcks hinaus, in der orientalischen Frage. Der russisch-türkische Krieg hatte eine ganze Reihe von Erschütterungen nach sich gezogen. Die Abbröckelung der nordafrikanischen Länder vom Osmanenreiche ist schon oben gewürdigt worden. Auf der Balkanhalbinsel rührten sich die Albaner, die einer Gebietserweiterung Montenegros auf albanische Kosten nicht zustimmen wollten, und die Griechen, die 1880 Thessalien besetzten und auch behielten; endlich das Königreich Bulgarien, das, von Fürst Alexander von Battenberg geleitet, 1884 Ostrumelien den Türken entriß und das Jahr darauf einen glücklichen Krieg mit Serbien führte. Die bulgarischen Verwicklungen schienen bereits zu einer europäischen Angelegenheit auszuwachsen, allein Bismarck erklärte, wenn sich hinten in der Türkei die Völker herumschlügen, so gehe das Deutschland nichts an und man werde für die Entscheidung dortiger Fragen nicht die Knochen eines pommerschen Grenadiers aufs Spiel setzen. Das hinderte freilich nicht, daß trotzdem deutsche Erwerbsgesellschaften kühne Vorstöße ins Reich des Großtürken machten. Seit 1886 war die Deutsche Bank tätig, um eine Eisenbahn von Haidarpa-scha, schief gegenüber von Konstantinopel, durch Anatolien zu bauen; auch erwarb sie eine europäische Linie, die von Saloniki nach Norden führt. Auf dem Wege, den die deutsche Bank eröffnet, ging Wilhelm IL weiter, er besuchte 1889 den Sultan und ward bald als besonderer Freund der Türkei und überhaupt des Islams angesehen. Damit war die deutsche Auslandspolitik nach Südosten hin orientiert. In der Bibel steht: Das eine tun und das andere nicht lassen. Diese Mahnung wurde leider von dem Nachfolger Bismarcks, von dem General Caprivi, nicht beachtet. Er schloß mit England kurze Zeit nach dem Sturze des eisernen Kanzlers den Sansibar-Vertrag. Durch ihnf gewann Deutschland Helgoland, aber es gab Uganda mit drei Millionen Einwohnern und das Sultanat Witu an England preis und damit die Möglichkeit, ein Überlandreich durch Äquatorialafrika zu gründen. Hinfort war unser ostafrikanischer Besitz von Kamerun durch weite Ländermassen getrennt, die zur Hälfte den Engländern, zur Hälfte den Franzosen und Belgiern anheim fielen. Caprivi hatte sehr wenig für die Kolonien übrig, deren Entwicklung allerdings in keiner Weise den Hoffnungen entsprach. Er meinte, es könne uns nichts Besseres geschehen, als wenn ganz Afrika verschenkt würde. Dementsprechend waren die afrikanischen Grenzverträge, die Caprivi 1893 abschloß, nichts weniger als günstig für uns. Die Engländer aber machten die größten Fortschritte im schwarzen Erdteil. Sie bauten ein mächtiges Reich in Ostafrika und am Niger auf und sie drangen vom Südsaum des Erdteils bis an und über den Sambesi vor. Noch in der Spätzeit Bismarcks, 1887 und 1889, legte die Charteredcompany, deren Seele der Pfarrersohn Cecil Rhodes war, die Grundlagen zu der großen britischen Herrschaft im südlichen Innerafrika. Allmählich gravitierte die ganze Auslandpolitik Weltbritanniens nach dem Transvaal. Dort war nämlich Gold entdeckt worden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
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Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien

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