Masken und Marren

Zu jeder Zeit hören wir von Maskierungen der Handwerker bei ihren Festen. Nach den uns vorliegenden Berichten können wir das Auftreten maskierter Gruppen und einzelner Masken unterscheiden. Die Belege für das Auftreten maskierter Bünde im Handwerk sind nicht allzu häufig, es sind jedoch einige recht altertümliche vorhanden.

Da ist zunächst das Schodüvellopen, das aus niedersächsischen Städten wie z. B. Braunschweig, Hildesheim und Göttingen bekannt ist. Schon 1293 hören wir aus Braunschweig von den Schodüveln. Ceibniz berichtet aus den Ratsordinarien derselben Stadt von 1408:

CXLIV.Wu man den schoduvele kündiget.

Vorthmer is hier ein wonheit, dat de jungen lüde pleggen to hebbende eine cumpanie, also dat se lopen Schoduvel in den hilligen dagen to Winachten. Hierumme schall de Radt tovoren in des hilligen Carstes avende drye storme lüden lathen in der Oldenstadt, unde kundigen van der lövene aldüs. De Borgermester secht: gy fromen lüde, de schriver schall ju kundigen, wu de schoduvel ore dingk holden schullen, dar möge gy na hören. So kündiget de schriver alldüs: Idt enschall nemendt schoduevel lopen, de schaffer van jowelker rotte enbringe(n) erst pande vor tein mardk by dem Radt. Ock enschullen de schoduevel nicht-4open in de kercken, edder tfp de kerdchöve, bestubben edder sdhlan. Dusse pande schullen die Borgermester to sidc nemen, ein jowelck in sinem Wickbelde, dar schoduvel lopen wilt, unde holden de to des Rades hand darup,- effte juwelker rotte wol wesen hedde, de ungevog gedaen hedde in dem schoduvele, in kercken edder up kerdc-höven, edder in geistlichen personen; dar me na de dinge na hebben moste, edder kost darup liden, dat me sedc darane verhalde: also lange namhafftig gemaket worde, de de ungevog gedan hedde, unde den Radt unde de partie von derwegen schaden beneme.

In dem Fragmentum Chronici Hildeshemmensisheißt es:

Anno 1428 liepen eilff Schodüvels tho Hildensheimb up der straten … (folgen 11 Namen) … der worden etliche erslagen, dan sie sich övell up der stratten anstellenden; deden frauwen, megde und kinder verfehren, darvon hefft dat Schodüvels Creuze in Hildensheimb vor der korsners hoffe stahend den namen bekomen.

Offenbar haben wir hier einen altheidnischen Weihnachtsbrauch vor uns. Wichtig ist, daß den Masken das Betreten der Kirchen und Kirchhöfe verboten ist. Ich erinnere an andere brauchtümliche Gestalten, die ebenfalls die Kirche nicht betreten dürfen und sich beim Läuten der Kirchenglocken verstecken müssen. Ferner weise ich auf den Zusammenhang mit den bekannten Kirchhofstänzen hin. Auch scheinen in Braunschweig die Geistlichen von den Masken gehänselt zu sein. Der Hildesheimer Beleg ist uns darum wichtig, weil er zeigt, wie ernst der Hintergrund dieser »Belustigungen« oft sein kann! Wolfram berichtet, daß die Schmiede der Gegend um Warburg um die Mitte des 16. Jahrhunderts zu Fasnacht den Schwerttanz tanzten, während sie zu Weihnachten als Schodüvel auftraten. Auch eine politische Rolle scheinen diese »Cumpanien« der Schodüvel gespielt zu haben. 1397 ermordeten sie bei ihrem Tanz den Bischof Burchhard von Magdeburg:

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Germanengut im Zunftbrauch

Die ersten Versuche, fremdes Wesen näher kennen und verstehen zu lernen, setzen bald nach den Perserkriegen ein. Die genauere geographisch-historische Erforschung fremder Länder und der reiche ethnographische Stoff, den Hekataios und Herodot gesammelt haben, eröffnet weiten Kreisen einen ersten Einblick in hochwertige außergriechische Kulturen. Mit offenen Augen und wachsendem Staunen bereist der Vater der Geschichte die Barbarenländer, schöpft Belehrung aus der Weisheit der ägyptischen Priester und persischen Gelehrten und lernt dort wohlgeordnete Staatswesen und eine ungeahnte Blüte von Kunst und Wissen kennen. Er beobachtet die vielfach befruchtenden Einflüsse der Orientalen auf sein Volk, ja er scheut sich nicht, gelegentlich die Überlegenheit fremder Eigenart und Sitte gegenüber der hellenischen anzudeuten. Wegen seiner Ausländerei wird er daher von Plutarch durch das  Scheltwort «Barbarenfreund» gegeißelt47), ganz nebenbei teilt er mit, daß auch die Ägypter Sprachfremde mit einem eigenen Wort zu bezeichnen pflegen, das soviel bedeutet wie «Barbar», und er gibt damit zu erkennen, daß ihm die Relativität einer solchen Benennung zum Bewußtsein gekommen ist. Fremde Gebräuche und Sitten zu verachten und zu verfolgen ist nach seiner Ansicht ein schwerer Fehler, in den z. B. Kambyses in Ägypten verfallen ist. Beruht ja dergleichen doch auf Konvention, wie einmal an einem drastischen Beispiel  gezeigt wird:

Der Perserkönig Dareios richtete an Hellenen, die an seinem Hofe weilten, die Frage, um welchen Preis sie wohl die Leichen ihrer Väter verzehren würden. Sie antworteten, daß sie das um keinen Preis täten. Hierauf befragte Dareios in Anwesenheit der Griechen Angehörige eines indischen Stammes, bei dem das Verzehren der Elternleichen üblich war, um welchen Preis sie zulassen würden, daß ihre toten Väter verbrannt werden. Da schrien sie entsetzt auf und baten ihn, derartiges nicht einmal auszusprechen. Herodot fügt daran die Bemerkung, wie recht Pindar habe, wenn er sage, daß der Nomos, d. h. die Satzung, der Brauch, alles beherrsche. Hier steht er offenbar schon unter dem Einfluß der Sophistik, das Verständnis für fremde Eigenart bricht  sich Bahn.

Diese Einsicht vermag aber auch ihm die tiefe Kluft zwischen Hellenen und Barbaren nicht zu überbrücken und das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Hellenen nicht abzuschwächen. Begründet wird es (8. 144) mit der Verwandtschaft des Blutes, der Gleichheit der Sprache, den gemeinsamen Göttersitzen und Opfern sowie der Übereinstimmung der Sitten. Das völkertrennende Hindernis der Sprache hat er selbst in fremden Landen genügend kennen gelernt, und auch ihm klingt fremde Rede wie Vogelgezwitscher. Die Begründerin des Orakels von Dodona war nach seiner rationalistischen Erklärung nicht eine Taube, wie dort die Priesterinnen erzählen, sondern es war eine barbarische Frau aus Ägypten, die die Dodonäer nur deshalb als Peleias oder Taube bezeichneten, weil ihnen, bevor jene das Griechische erlernte, ihre Rede den Eindruck einer Vogelstimme machte (2. 56 f.). Trotz der Anerkennung der fremden Kultur wird gelegentlich die seit alter Zeit bestehende geistige Überlegenheit der Griechen betont (1. 60) oder über die moralischen Qualitäten der Barbaren eine verächtliche Bemerkung gemacht. Die Lakedamonier warnen die Athener vor den Persern mit den Worten:

«Barbaren ist weder Treue noch Wahrheit eigen» (8. 192).

Vor allem aber ist Herodots ganzes Geschichtswerk auf dem Gegensatz und der alten Feindschaft zwischen Hellenen und Barbaren aufgebaut, die dadurch für alle Zeiten literarisch festgehalten ist und durch seine eindrucksvolle Schilderung des Persereinfalls im Bewußtsein des Volkes dauernd verankert bleibt.

Thukdides, der gleich hier erwähnt sei, blickt über die Grenzen von Hellas nicht hinaus und erwähnt daher Barbaren nur gelegentlich. Einmal unterstreicht er den Abscheu vor ihnen (III 112. 7): Fliehende Amprakioten, am Meeresstrande  eingeengt zwischen den nachdrängenden Amphilochiern und kreuzenden athenischen Schilfen, zogen es vor sich ins Meer zu stürzen und gegebenenfalls durch Volksgenossen zugrunde zu gehen, als durch die verhaßten barbarischen Amphilochier. Im übrigen tritt der große Historiker bereits mit nüchternem Urteil an das Problem heran, ohne sich freilich eingehender damit zu befassen. Zwar stehen auch nach seiner Darstellung die Barbaren in jeder Hinsicht den Griechen nach, doch erblickt er darin nicht einen wesentlichen Unterschied, sondern nur eine höhere Entwicklungsstufe seines Volkes. Denn er macht (1. 5f.) darauf aufmerksam, daß die Griechen der Vorzeit in vieler Hinsicht den jetzigen Barbaren ähnelten, z. B. Seeraub trieben und dauernd Waffen trugen, und diese Sitten haben einzelne kulturell zurückgebliebene griechische Stämme wie die ozolischen Lokrer, Akarnanen und Aitoler sogar noch zu seiner Zeit bewahrt. Der Lendenschurz, den die Griechen bei den Wettkämpfen abgelegt haben, ist bei manchen Barbaren, insbesondere den Asianern, beim Ring- und Faustkampf noch im Gebrauch. Mit diesen Erwägungen hat Thukydides den Evolutionsgedanken in die Geschichtschreibung eingeführt und zur Erklärung der Kulturunterschiede herangezogen.

Angebahnt aber hat diese Erkenntnis, abgesehen von Ansätzen bei Hekataios und Herodot, insbesondere der große Arzt Hippokrates in der Schrift über Luft-, Wasser- und Orts- Verhältnisse. Mag auch Herodot bereits das Klima und die «gute Mischung der Jahreszeiten» gelegentlich beachtet haben (1. 142, 3. 106), systematisch ausgeführt findet sich die Theorie erst in diesem Werke. Der Verfasser sucht darin nicht bloß den Gesundheitszustand und die körperliche Beschaffenheit, sondern auch all die ethnischen Verschiedenheiten der Völker, Naturanlage, Charaktereigenschaften, Sitten, geistige Regsamkeit aus den geographischen und klimatischen Verhältnissen der verschiedenen Länder zu begreifen. Ganz von selbst, ohne ausdrückliche Betonung, stellt sich hierbei das Ergebnis ein, daß der landläufige Gegensatz der Hellenen und Barbaren bei dieser Betrachtungsweise vollständig verwischt wird. An seine Stelle tritt der geographisch»klimatische Kontrast zwischen Europa und Asien, wobei zu letzterem auch Ägypten und Libyen gerechnet werden. Wenn Hippokrates zweimal ganz beiläufig Griechen und Nichtgriechen einander gegenüberstellt, so geschieht dies nicht, um die nationale Verschiedenheit zu betonen, sondern im Gegenteil zu zeigen, wie gleiche äußere Bedingungen selbst bei Menschen verschiedenen Stammes die gleichen Eigenschaften hervorbringen. Das eine Mal (Kap. 12) hören wir, daß in dem gemäßigten Teil von Asien mit seinem üppigen Wachstum sich weder bei Stammesgenossen noch bei Stammfremden Tapferkeit, Widerstandskraft, Leistungsfähigkeit, Mut entwickeln könne,- das andere Mal (Kap. 16), daß die Asiaten unkriegerischer und sanftmütiger sind als die Europäer, was mit dem Klima und der Despotie, unter der sie leben, erklärt wird,- dagegen seien jene Hellenen und Barbaren in Asien, die nicht unter Despotenherrschaft stehen, sondern ihre eigenen Herren sind, überaus kriegerisch. Also nicht die Geburt und Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volkstamm an sich, sondern die äußeren Verhältnisse bestimmen die Eigenart: gleiche äußere Verhältnisse können auch verschiedene Volksstämme zu gleicher Entwicklung bringen. 5o weit Hippokrates.

Mit dieser Erkenntnis war ein erster Schritt gewagt, der folgerichtig zu weiteren Konsequenzen fuhren mußte. Wenn die auffälligen Eigenschaften, die den Barbaren vom Griechen unterscheiden, wirklich nur ein Produkt äußerer, insbesondere geographisch-klimatischer Verhältnisse sind, dann gibt es überhaupt keinen wesentlichen Unterschied, dann sind die Menschen von Natur aus gleich und differenzieren sich je nach der Umweit, in die sie hineingestellt und durch die sie beeinflußt und bestimmt werden. Diese vom Standpunkt des antiken Menschen überaus kühne Schlußfolgerung hat Hippokrates noch nicht gezogen, jedenfalls nicht formuliert.

Dies blieb der etwa gleichzeitig auftretenden Sophistik Vorbehalten, die auf Grund des von ihr als allein gültig anerkannten Naturrechtes die bisher unerhörte Lehre von der Freiheit und Gleichheit aller Menschen verkündete.

«Frei hat Gott alle erschaffen, niemanden hat die Natur zum Sklaven gemacht.»

So ließ sich in ganz modern anmutender Formulierung der Gorgiasschüler-lkidamas in seiner Flugschrift für die Freiheit der Messenier vernehmen. Doch ist uns jetzt eine ausführlichere Darlegung dieser Lehre durch einen älteren Vertreter, den Sophisten Antiphon, zugänglich, der sie aber offenbar wieder einem „größeren Vorgänger, wahrscheinlich Hippias verdankt. In den auf einem ägyptischen Papyrus gefundenen Bruchstücken seiner Schrift «Über die Wahrheit» läßt er die Schranken zwischen Vornehm und Gering, Freien und Sklaven ebenso fallen wie zwischen Hellenen und Barbaren:

«Von Natur aus sind wir alle in jeder Hinsicht gleichermaßen geschaffen ebenso Barbaren wie Hellenen zu sein».

Der Beweis dieses Satzes liegt in der gleichen physischen Beschaffenheit aller Menschen: die Atmung durch Mund und Nase, die Ernährung ist bei allen gleich. Dies und was damit zusammenhängt, bildet die natürliche Grundlage (physis), die als solche zur Erhaltung des Lebetis notwendig ist, während alles andere, was bei Verschiedenen verschieden ist, als Satzung (nömos) L d. h. als Brauch oder Konvention zusammengefaßt wird, die der Natur gegenüber zufällig und ohne eigentliche Geltung ist. Ein unbefangener Vergleich der von Hekataios, Herodot, Hippokrates geschilderten Sitten und Gebräuche der verschiedenen Völker mußte zu dieser geringen Einschätzung der menschlichen Einrichtungen gegenüber den ewigen Gesetzen der Natur führen. Denn welches Volk kann bei der großen Mannigfaltigkeit derselben behaupten oder beweisen, daß gerade seine staatlichen und sozialen Einrichtungen, seine Gesetze und Gebräuche die allein richtigen und gültigen sind? Damit sollte über den engherzigen und überheblichen nationalen Standpunkt, den gerade die Griechen den Stammfremden gegenüber so gerne einnahmen, der Stab gebrochen und die Kluft zwischen Hellenen und Barbaren überbrückt werden.

Sind die Menschen aber gleich, dann ist es auch gleichgültig, wohin in der Welt einer zufällig verschlagen wird, denn überall findet er Brüder, überall ist er zu Hause. So führt diese Überlegung weiter zur Idee der Weltbürgerschaft, die erst später weiter ausgebaut wurde, aber bereits damals aufzudämmern begann. Schon Demokrit tat den Ausspruch: «Einem weisen Mann ist die ganze Erde zugänglich,- denn die Heimat einer guten Seele ist die ganze Welt» (Fr. 247 Diels).

Es ist bezeichnend für die streng nationale Gesinnung des Griechenvolkes, daß diese revolutionären Ansichten, dieses neue Evangelium der Freiheit und Gleichheit aller Menschen zunächst fast ohne Wirkung blieb und über den Kreis der Sophisten kaum hinauskam. Selbst dort, wo moderne Gedanken im allgemeinen auf guten Boden fielen, war der angeborene griechische Chauvinismus nicht zu entwurzeln. Ein bezeichnendes Beispiel hierfür ist der «Dichter der Aufklärung» Euripides.

Der Verherrlichung griechischer Größe im Mythos und in der Geschichte dienend ist das Drama seit jeher von warmem Nationalgefühl und stolzem Selbstbewußtsein durchweht, und wo immer der Stoff Gelegenheit bietet auf Fremdes hinzuweisen, pflegt ein Unterton der Geringschätzung mitzuschwingen. Selbst Aischylos, der die Perser in der gleichnamigen Tragödie mit großem Wohlwollen zeichnet und fast wie Griechen in Barbarengewande sprechen und handeln läßt, hebt wiederholt deren sklavische Natur im Gegensatz zum Freiheitsdrang der Griechen hervor, besonders anschaulich in der schönen Traumallegorie der Königin Atossa (Pers. 181 ff.). Sie sah ihren Sohn Xerxes, wie er zwei Frauen vor seinen Wagen gespannt hatte, die eine in dorischer, die andere in persischer Tracht. Während die letztere sich willig den Zügeln unterwirft, zerreißt die Griechin das Geschirr und zertrümmert das Joch, so daß der König vom Wagen herabstürzt. Das hier in poetischem Gewände zum Ausdruck gebrachte Nationalbewußtsein ist für die Zeit unmittelbar nach den Perserkriegen charakteristisch, wo insbesondere der Kontrast zwischen der sklavischen Unterwürfigkeit des Barbaren seinem Herrscher gegenüber und der Freiheitsliebe des Hellenen immer mehr zu einem beliebten Gemeinplatz wird.

Zu beachten ist, daß die nationale Begeisterung nach den Perserkriegen einen dorischen Anstrich erhält, ein Zeichen, daß man damals diesen Volksstamm als den unverfälschten Kern und würdigsten Vertreter des Griechentums ansah. Die Griechin im Traume der Atossa ist daher dorisch gekleidet, und diese alte Nationaltracht hat nach der siegreichen Abwehr des Erbfeindes bei Männern und Frauen den Linnenchiton zeitweilig aus der Mode gebracht. Dieses gemeiniglich als jonisch bezeichnete ungriechische Kleidungsstück soll nach Herodot karischen Ursprungs sein und wird jetzt auf die Urbevölkerung Griechenlands zurückgeföhrt, der Name ist aber auch in semitischen Sprachen weit verbreitet. Als man sich auf die völkische Eigenart besann, mußte es daher weichen5. Die vielbespöttelten Lakonisten, die bis in die Zeit des Demosthenes in Kleidung und Lebensweise spartanisches Naturburschentum zur Schau trugen, mögen auch aus nationalen Gründen auf diese Weise gegen die durch volksfremde Einflüsse genährte jonischattische Feinheit und Zierlichkeit demonstriert haben. In diesem Zusammenhang mag auch auf die Nachricht Herodots (1. 143) hingewiesen werden, daß ein Teil der Jonier, insbesondere die in Athen und auf den Inseln wohnenden, sich des jonischen Namens schämten. Liegt dieser Nachricht ein historischer Kern zugrunde, so läßt sich diese Tatsache am besten als ein Abrücken der von fremden Einflüssen weniger berührten Westjonier von den gleichsam verwelschten Stammesgenossen im Orient verstehen.

Einen ähnlichen Standpunkt wie Aischylos nimmt auch Sophokles ein, mag dies auch in den uns erhaltenen Dramen seltener zum Ausdruck kommen. Hervorgehoben sei nur die wegwerfende Behandlung, die im Aias dem Teukros zuteil wird, weil er als Sohn der Hesione halbbarbarischer Abstammung war. Hier spiegeln sich auf der Bühne die Vorgänge des wirklichen Lebens. Denn bei der fortschreitenden Rassenmischung wurde ein solcher Makel der Geburt in den größeren Zentren Griechenlands immer häufiger und bot dann in der Hitze des politischen Kampfes einen willkommenen Angriffspunkt. Bekannt ist, daß Demosthenes von seinen Gegnern wegen der Abstammung seiner Mutter als barbarischer Skythe hingestellt wurde, der sich der griechischen Sprache bediene.

Wenn man in Euripides einen überzeugten Anhänger der neuen Toleranzidee erblickte, so hat man nicht bedacht, daß die Beachtung aller Regungen des modernen Zeitgeistes seitens eines aufgeklärten Dramatikers und geistigen Führers des Volkes noch keine eigene Stellungnahme bedeutet. Wenn er die auftretenden Sklaven ihren Stand verteidigen und das herrschende Vorurteil mit den neuen Argumenten bekämpfen läßt, so ist dies nur aus dem freilich idealisierten und auf ein höheres Niveau gehobenen Gedankenkreis seiner Personen heraus gesprochen. Allerdings spielt er auch bereits mit dem aufkeimenden Gedanken der Weltbürgerschaft:

«Überall ist Vaterland die Erde, die uns nährt» (Fr. 777).

«Der ganze Luftraum steht dem Flug des Adlers frei, die ganze Erde ist dem Edlen Vaterland» (Fr. 1047).

Da wir den Zusammenhang dieser Bruchstücke nicht kennen, bleibt die Möglichkeit offen, der Dichter habe hier seine eigene Meinung vorgetragen. Nur darf sie nicht dahin ausgelegt werden, daß er an das eigentliche Barbarenland denkt, sondern sicherlich setzt er eine Fremde voraus, wo griechische Gesittung herrscht und man sich auch verständigen und daher heimisch fühlen kann. Denn wie sich nach ihm der Grieche unter Barbaren fühlt, das zeigt die rührende Sehnsucht der in Taurien dienenden Iphigenie und ihrer Mädchen nach der fernen Heimat, oder die bewegte Klage der nach Ägypten entrückten Helena (273 ff,).

Zahlreich und wirksam sind hingegen die Stellen, die unzweifelhaft von einem tiefen hellenischen Nationalgefuhl und verächtlicher Abneigung gegen Rassefremde zeugen. Trotz Verschiedenheit der Stämme bilden die Griechen ein einzig Volk, verbunden durch einheitliche Kultur und umschlungen von dem einigenden Band der gemeinsamen Satzungen von Hellas, d. h. der allgemeinen Grundsätze des Menschen« und Völkerrechtes. Ihre Beobachtung verbürgt ebenso wie die Verehrung der Götter und der Eltern schönsten Ruhm, ihre Verletzung erheischt Sühne.

Bekundet hier der Dichter ein starkes Gefühl für die grie« chische Zusammengehörigkeit, so sehen wir ihn anderseits be« herrscht von dem politischen Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren und unter dem Druck der Gefahr, die dauernd von dem Erbfeind droht. Dies kommt in den Stücken, die dem trojanischen Sagenkreis angehören, gelegentlich ganz gegen den Mythos zum Ausdruck. Ebenso wie der Sage und Geschichtschreibung gilt auch ihm der Zug gegen Ilion, der erste Zusammenstoß zwischen West und Ost, als ausgesprochener Angriffs« und Rachekrieg. Und doch spricht er in der Aulischen Iphigenie von einer Rettung und Befreiung Griechenlands (1273, 1383, 1421) und läßt im Telephos (Fr. 719) einen griechischen Helden bei der Beratung des Zuges ausrufen:

«Wir Hellenen sollen der Barbaren Knechte sein?»

, wiewohl doch im Trojanischen Krieg von Knechtschaft der Griechen nicht die Rede war. Aber hier färbt eben die Zeitgeschichte deutlich ab.

Dieser politische Gegensatz wirkt denn bei der Beurteilung und Charakteristik der Barbaren überall mit. Zwar weiß auch Euripides wie Aischylos Barbarengestalten mit Wohlwollen zu zeichnen, so die sympathische Figur der Andromache, in einer ganzen Reihe von Bemerkungen gibt er jedoch seiner Abneigung unverhohlen Ausdruck. Es genügt hier die eine anzuführen, die zu der sophistischen Lehre von der Freiheit und Gleichheit aller in schroffstem Gegensatz steht:

«Hellenen ziemt’s zu herrschen über Barbaren, nicht Barbaren über Hellenen,- das eine sind Knechte, die anderen aber frei.»

Knechte aber sind sie alle mit Ausnahme eines einzigen, ihres Herrschers. Man könnte auch hier erwägen, ob solche Entladungen eines hochgespannten nationalen Selbstgefühls der innersten Überzeugung des Dichters entsprechen, oder ob sie nicht vielmehr der jeweiligen Situation im Drama und dem Charakter der sprechenden Personen angepaßt oder gar dem Theaterpublikum zu Gefallen gesprochen sind, dem eine solche VerherrlichungdesGriechentumsnatürlich schmeicheln mußte. Nicht immer wird dieser Zweifel mit voller Sicherheit zu beheben sein, über die vorgeführten Beispiele aber hat jedenfalls die Mit- und Nachwelt ohne Schwanken entschieden, indem sie die Verse zu geflügelten Worten gemacht und den großen Dramatiker immer wieder als klassischen Zeugen für den Sklavensinn der Barbaren angerufen hat. In der Tat macht Ton und Prägung der Aussprüche auch auf uns den Eindruck, daß dem Dichter die Worte vom Herzen kamen und daß die neue sophistische Lehre das altererbte griechische Vorurteil gegen fremde Rassen bei ihm nicht zu bannen vermochte.

Von der Komödie ist eine ernste Stellungnahme zu dem Rassenproblem naturgemäß nicht zu erwarten. Ist ihr ja nur darum zu tun, aus einem Stoff heitere Kontrastwirkungen herauszuholen. So werden denn auch die Barbaren nur von der komischen Seite ins Auge gefaßt und von Aristophanes z. B. zur Belustigung der Zuschauer die sprachlicheXlnbebolfenheit und sonstige Ungeschicklichkeit des skythischen Polizisten in den Thesmophoriazusen, des Gottes Triballos in den Vögeln, des Pseudartabas in den Acharnern geschildert. Ein Unterton der Verachtung ist auch hier neben dem Humor herauszuhören.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins