Schlagwort: Naturforscher

100jahr Tagung der Naturforscher und Aerzte in Leipzig

Vor 100 Jahren hatte die erste Versammlung der Naturforscher und Aerzte, auf Anregung Lorenz Okens, in Leipzig in den Räumen der Naturforschenden Gesellschaft, staattgefunden. Das Präsidium der Naturforscher- und Aerztetagung. Geheimrat Plank (X), Präsident der Tagung. Ausser diesem sind in der Gruppe: Geheimrat His, Geheimrat von Struempell, Geheimrat Prof. Bier, Professor Hübschmann und Geheimrat Prof. Dr. Sudhoff.

Im September fand in Leipzig die Hundertjahrfeier Deutscher Naturforscher und Aerzte statt. 4000 Teilnehmer füllten die Alberthalle des Kristallpalastes. Diese grossartige Entwickelung eines wissenschaftlichen Unternehmens lässt es angezeigt erscheinen, des Mannes zu gedenken, der vor hundert Jahren — am 18. September 1822 -in Leipzig die erste Versammlung eröffnete.

Der damalige Jenaer Professor und Hofrat Lorenz Oken (geh. 1779, gest. 1851) wird für alle Zeiten als der Begründer dieser Versammlungen genannt werden müssen. Der von Oken vom ersten Anfang an ins Auge gefasste Hauptgrund der Versammlungen, die persönliche Bekanntschaft der Gelehrten untereinander zu vermitteln, besteht auch noch zu Recht. Alexander v. Humboldt hat die Bedeutung dieser Naturforscher-Versammlungen hei der Eröffnung der Berliner Versammlung im Jahre 1828 in folgender Weise zum Ausdruck gebracht:

„Was wir erstreben, ist die persönliche Annäherung derer, welche dasselbe Feld der Wissenschaft bearbeiten, die mündliche und darum mehr anregende Auswechslung von Ideen, es mögen sich diese als Tatsachen, Meinungen oder Zweifel darstellen, die Gründung freundschaftlicher Verhältnisse, welche den Wissenschaften Licht, dem Leben heitere Anmut, den Sitten Duldsamkeit und Milde gewähren.“

Deutsch-Amerikaner

Der lyrische Zeitgeist.

Nun aber beginnt erst das eigentliche Hauptproblem: ist diese gefundene Deutung der Naturphilosophie aus der Mystik oder doch aus der Einheit mit der Mystik anwendbar auf die Antike, speziell die vorsokratische, also auf die erste klassische Periode der Naturphilosophie, also auf ihre eigentliche Entstehung? Gilt für sie die Parallele mit den beiden anderen Hauptepochen der Naturphilosophie ? Zunächst gibt sich die eine, die Renaissance ja ausdrücklich als Erneuerung der Antike. Man hat hier bei der Antike Plato und Aristoteles zu beherrschend in den Vordergrund geschoben. Ich glaube, die Zeit war diesen gerade am wenigsten verwandt. Dilthey hat in seinen bedeutsamen Aufsätzen über Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahrhundert (Archiv f. Gresch. d. Philos. IV f.) auf tiefliegende, stoische (und daneben epikureische) Einflüsse hingewiesen. Man sollte nun auch die Erneuerungen der Vorsokratiker (auf die ja Stoa und Epikur selber zurückweisen) untersuchen. Wie viele allein wollen damals dem Pythagoras und seiner symbolischen Zahlenweisheit folgen: Gemistos Plethon und Marsilius Ficinus, Reuchlin und Agrippa, Patritius und Campanella. der ein Lehrgedicht über pythagoreische Philosophie schreibt, und viele andere blicken auf ihn zurück. Wichtiger noch ist, dass Kopernikus sein Weltsystem ausdrücklich als eine Erneuerung des pythagoreischen findet, wie es als solche auch von der Kirche verdammt wurde und wie andrerseits Bruno und Kepler die pythagoreische Astronomie preisen. Die italienische Naturphilosophie erhebt sich in Grossgriechenland wie eine Auferstehung der dort begrabenen Vorsokratiker. Telesius darf von Bacon der Wiederhersteller des Parmenides genannt werden, den ausser ihm sich schon Plethon und noch Bruno zum Vorbild nehmen. Bruno überhaupt fühlt sich stolz als Geistesgenosse seiner eleatischen Landsleute und des Empedokles. Campanella beginnt eine Wiederherstellung des Empedokles, und sein Freund Naudee rühmt von ihm, dass er im Vaterland des Parmenides, Philolaos und Zenon geboren ihnen auch an Charakter geglichen habe. Und endlich hat man jetzt beachtet, wie weit sich Galilei mit Demokrit berührt, den er über Aristoteles stellt.

Diese Andeutungen mögen genügen, aber sie genügen eine bewusste Beziehung, doch nicht eine so weitgehende Parallele zu erweisen, dass man skrupellos weiter folgern dürfte. Zweifellos beweist die Erneuerung der Antike irgend eine Seelengemeinschaft mit ihr. Zweifellos andrerseits bestehen tiefliegende Unterschiede, die alle Vergleiche zwischen Antike und Neuzeit gefährlich machen; aber darum auf Vergleichung verzichten heisst auf Erkenntnis verzichten; wir verstehen die Antike, nicht indem wir sie citieren, sondern indem wir sie übersetzen. Die Unterschiede hebe man warnend heraus, wo es auf sie ankommt. Es fehlt, wie gesagt, der Kultur und speziell der Wissenschaft der Griechen der starke praktische, technische Zug der Neuzeit. Doch dieser Zug hat eben, da er nicht auf Einheit und Unendlichkeit der Natur, nicht zur kosmischen Auffassung führt, die Naturphilosophie nicht geschaffen, auch nicht die der Neuzeit; er hat nur nachher die mechanistische Auffassung geschärft, während die erwachende Naturphilosophie vitalistisch ist. Das praktische England steht in der Naturphilosophie der Renaissance weit zurück hinter dem künstlerischen Italien und dem religiös beschaulichen Deutschland, und doch hat schon Jahrhunderte bevor der grosse Bacon die Naturerkenntnis mechanistisch auf das praktische Prinzip der Erfindung begründete, sein Landsmann Roger Bacon von grossen Schiffen geträumt, die ein Mann lenkt und rasch bewegt, von Flugwerkzeugen und Automobilen. Auch hier also ist der Wunsch der Vater des Gedankens, der Traum und Trieb der Vorläufer der Erfahrung und Erkenntnis.

Nicht der praktisch-technische, aber andere Mängel der hellenischen Geisteskultur drohen jene Parallele zu verbieten, weil es gerade Mängel sind, die die mystische Erklärung der Naturphilosophie auszuschliessen scheinen. Mystik ist religiöser Subjektivismus. Aber gerade an religiöser Kraft steht ja die klassische Antike weit zurück wie hinter dem Orient so hinter den Zeitaltern Böhmes und Schellings, und gerade das subjektive Bewusstsein erscheint in der Antike so schwach entwickelt, dass der philosophische Subjektivismus so ziemlich die einzige moderne Richtung ist, die keine antike Parallele hat, wie es ja auch den Griechen an einer wirklichen Benennung und Wertung des Gefühls (gegenüber den objektiven und niederen ) fehlt. Und nun soll gerade eine Kombination dessen, was der Antike mehr oder minder fehlt, sie zur Schaffung der Naturphilosophie befähigen? Durch die beiden Faktoren der Mystik, den subjektiven und den religiösen d. h. aus der gleichzeitigen Betonung von Seele und Gott steigt das Bewusstsein der Natur auf, — so zeigte es sich und alle anderen Erklärungen versagten. Es bleibt nur übrig noch einmal das Verhältnis des griechischen Geistes zu diesen beiden Faktoren der Mystik zu prüfen.

Das subjektive Bewusstsein zunächst ist ja gewiss nicht die Stärke des Orients (wenigstens des im griechischen Horizont stehenden) — sind nun nicht demgegenüber die Griechen das Volk der Selbständigkeit und Selbsterkenntnis, der vielen Persönlichkeiten, des hochgesteigerten Individualismus ? Aber individuell und subjektiv fallen ja nicht zusammen; selbständig, eigenartig heisst noch nicht gefühlsmässig. Der griechische Individualismus war ja der Entwicklung mancher Gefühle wie der sozialen nicht eben günstig. Und doch die schwellende Subjektivität weckt Individualität, und sie kann wiederum nicht schwellen ohne Anlage zur Individualität. Es muss in Griechenland eine Epoche gegeben haben, da beide einig waren, da die Individualität subjektiv erwachte, da der Selbständigkeitsdrang noch nicht kritisch gegen die Gefühle wurde, da er subjektiv, gefühlsmässig sich aussprach — und eine solche, kurz gesagt, lyrische Epoche des griechischen Geistes hat es ja gegeben und gerade in dieser seiner subjektivsten Epoche schuf er die Naturphilosophie.

Es scheint ein sonderbar zeitliches Zusammentreffen, die Blüte der Lyrik und das Erwachen der Naturphilosophie, — wir wissen jetzt von den Parallelen, dass es nicht zufällig, sondern tief begründet ist und sehen eine Bestätigung in diesem Zusammentreffen. Wer sind denn die Erwecker des Natursinns in der Neuzeit? Der lyrischste Geist der Renaissance, Petrarca, die mystische Lyrik eines Suso und andere Naturlyriker, dann im achtzehnten Jahrhundert Haller, der Lyriker und Naturphilosoph, und sein Schweizer Landsmann Rousseau, der Philosoph des „Herzens“, und endlich wird ja der Urlyriker Goethe Naturforscher grossen Stils. Epiker, Dramatiker, Didaktiker leben in historischen, höfischen und städtischen, kurz sozialen Welten; der Lyriker fühlt sich allein mit der Natur; sie ist ihm das Nächste als Stoff, Bild, Echo. Die poetische Feier der Natur ist ja an sich schon lyrisch, und das Früblingslied ist wohl so alt und ursprünglich wie die Poesie überhaupt. Lyrik gab es immer und überall, aber es gab vielleicht nie ein Volk, das eine so ausgesprochene lyrische Epoche hatte wie Hellas im 7. und 6. Jahrhundert. Wie dieses Volk alle geschichtlichen Formen reiner zeigt, so ja auch die Folge des epischen, des lyrischen und des dramatischen Zeitalters. Damals nun schwollen die Gefühle, drängten zur Aussprache und daran — so darf man sagen — erwachte die griechische Seele, erwachte die nur griechische Fülle der Individualitäten. Die Lyrik ward zur bewussten Kunstform, die, wie sie ja weit beweglicher und formreicher ist als das Epos, in tausend echt griechischen Agonen die Persönlichkeiten in ihrer Eigenart und ihrem Können hervor-und emportrieb und immer schärfer und bewusster ausprägte.

Je schärfer und bewusster sie wurden, um so kritischer. In der Lyrik zuerst spricht sich das Selbstbewusstsein aus, in ihr zuerst wird die Welt, das Leben als das grosse andere zum Ich gefühlt, gewertet, erfasst. So lange das Ich sich des Lebens freut, einig ist mit der Welt, bleibt das Gefühl in seiner natürlichen Einheit und bei seiner rein lyrischen Aussprache. Das Dissonanzgefühl aber treibt über sich selbst hinaas zar Reflexion. Leidet das Ich an der Welt, dann stellt es sich die Welt gegenüber, das Gefühl zersetzt sich, wird kritische Vorstellung. Die klagende Lyrik ist werdende Philosophie, der Pessimismus zersetzte Lyrik: Wie die Lyrik die Poesie, so ist der Pessimismus die Philosophie der Jünglingsjahre, auch der des griechischen Volkes (vgl. über das Dichterische und Jugendliche der Pessimisten meine Philosophenwege S. 202 f.) Die griechische Lyrik, die sich so bedeutsam als Elegie entwickelt, zeigt früh schon in einem auffallend pessimistischen Zuge den Drang zur Reflexion. Den bekannten immer wiederkehrenden lauten Klagen der griechischen Lyriker über die Vergänglichkeit der Lebensblüte liegen Vergleiche mit der Natur nahe genug (vgl. als neu sich bietendes Beispiel die Naturparallele des ja auch pessimistischen Bakchylides III 87), und es spricht darin jenes intensive Lebensgefühl und jener erweckte Sinn für die Macht der Wandlung, die für die Naturphilosophie der Renaissance sich so grundlegend zeigten. Dm Naturgefühl, das der Naturerkenntnis vorangeht, kommt zuerst gerade in der Lyrik zum bewussten lauten Ausdruck. Vgl. das Bekannte hierüber bei Bergk, Griech. Literaturgeschichte II, 109 f.: „Dass es den Griechen an Sinn und Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur nicht fehlt, beweisen gerade die noch erhaltenen Überreste der lyrischen Dichter. Allerdings ist die Naturschilderung niemals Selbstzweck, auch sind ausgeführte Beschreibungen der landschaftlichen Umgebung nicht gerade häufig; man begnügt sich mit wenigen aber sprechenden Zügen, und meist wird das Naturbild vorgeführt als Abbild der Stimmung des Gemüts“. Also ähnlich wie bei Petrarca. Wir greifen hier bei den Griechen eben jenes Gefühl einer Einheit von Seele und Natur, das sich als Hauptmotiv der Renaissancephilosophie ergab.

„Die Naturschilderung ist der Punkt, von dem aus das lyrische Gefühl sich weiter verbreitet“ —

Bergk verweist auf die Alkäusfragmente 34. 89. 45. als Beispiele —

„Es drängt den Dichter, das innige Naturgefühl, das er empfindet, kund zu geben.“

Und mitten in diesem Zeitalter der von Naturgefühl geschwellten Lyrik entsteht nun die Naturphilosophie. Und wie die Lyrik zur Naturbetrachtung hinlenkt, so trägt andrerseits die Naturphilosophie starke lyrische Züge und Spuren an sich. Zunächst tritt diese Naturphilosophie ja z. T. in poetischer Form auf, und wenn wir ihren Ursprung und Charakter nicht nach ihrem Ausläufer Demokrit beurteilen und nicht nach den nur indirekt oder in dürftigen Fragmenten bekannten Denkern beurteilen, so gibt sie sich in weitem Masse als Poesie. Es wird niemand die Versdichtung des Xenophanes, Pannen i des, Empedokles, von denen wir neben Heraklit gerade die meisten Bruchstücke haben, für zu-zufallig, für leere Form halten. Xenophanes, von dem ja die beiden anderen abhängig, istRhapsode, und es ist doch nicht gleichgültig, dass dieser erste griechische Philosoph, der in grösseren Fragmenten zn uns spricht, der weithin nachwirkende Vater einer Hanptrichtnng der „Naturphilosophie“, die Poesie von Berufswegen pflegt und seine Weisheit vorbringt im Bewusstsein der Konkurrenz mit anderen Dichtern. Man sage nicht, die dichtenden Naturphilosophen seien ja Epiker. Abgesehen davon, dass gerade Xenophanes ja auch Lyrik (lleyefas xal idfxßov?Laert. Diog. IX 18) gibt, macht doch der Hexameter nicht das Poetische. Die ionischen Naturphilosophen schreiben nicht in Versen, und doch ist die Prosa des Heraklit poetischer noch als die Poesie des Parmenides. Woher diese Unzerstörbarkeit des Poetischen auch in der verslosen Sprache? Episches, Dramatisches, Didaktisches lassen sich ganz in die Prosa des Erzählens, Darstellens, Lehrens auflösen, Lyrisches nicht. Dort ist ein selbständiger Stoff, ein objektiver Inhalt, der sich in seiner poetischen Form vom Dichter selbst ablösen lässt, hier in der Lyrik aber ist gerade das Verhältnis des Dichters zum Stoff, das Verhältnis des Subjektes zum Objekt, des Ich zur Welt das Wesentliche. Aber eben dies gilt ja auch für den Naturphilosophen. Welchen Eindruck ihm die Welt macht, wie sie ihm erscheint, und was sie ihm bedeutet, das sagt der Lyriker und der Naturphilosoph, denn Naturphilosophie ist mehr als Naturbeschreibung, ist Deutung der Natur, durch die sie dem Geiste und seinem Bedürfnis näher gebracht wird.

In dreifacher Weise bekundet die antike Naturphilosophie, dass hier ein Ich seine Beziehung zur Welt sucht, sein Weltverhältnis erfassen will, dreifach bekundet sie also ihren stark subjektiven Charakter, darin ihre Gemeinschaft mit der Lyrik. Alle drei Momente kehren in der RenaisBancephilosophie wieder, zielen mehr oder minder auf die mystische Einheit der Seele mit der Natur und gehören überhaupt zum Wesen der Mystik.

Text aus dem Buch: Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik (1903), Author: Karl Joël.

Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – I. Der kosmologische Anfang der Philosophie und seine Erklärungen
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – II. Die Naturmystik der Renaissance.

Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik

»Diese Richtung ist gewiß,

Immer schreite, schreite !

Finsternis und Hindernis Drängt mich nicht zur Seite.«

Goethe

Während Deutschland noch von dem unglückseligen dreißigjährigen Glaubenskrieg überzogen wurde, hatte Holland die beiden Großmächte der damaligen Welt überwunden, Spanien und den Katholizismus. Wie in fruchtbarer, lange brachgelegener Erde die Blumen, so blühten als üppige Pflanzen Industrie und Wissenschaft auf und machten Holland zum Mittelpunkt der damaligen Kultur. Ein freies, stolzes Bürgertum erhob sein Haupt und fühlte, daß es seine Entwicklung darin fände, mit beiden Füßen fest auf dem eigenen Boden zu stehen. Nicht die Pracht der Höfe, nicht der Pomp spanischer oder italienischer weltlicher und geistlicher Fürsten war mehr tonangebend, sondern ein behäbiges, wohlhabendes Bürgertum in evangelischem Geiste, das seine Wurzeln in der Wirklichkeit fand. So entstand denn auch aus einer prächtigen, höfischen Kunst eine gut bürgerliche Darstellung der einfach gesehenen Dinge. Die Muttergottes war nicht mehr die hohe Himmelskönigin, die mit Gold, Edelsteinen und kostbaren Gewändern angetan auf prunkvollem Throne saß, sondern die einfache gute Frau aus dem Volk, die Mutter, die mit ihrem Kinde fühlte, weinte und litt.

Ganz besonders war diese Richtung in der Wissenschaft erkennbar. Die Naturwissenschaft erhob ihr Haupt, die Beobachtung begann. Als Merkstein ist die Einführung der anatomischen Forschung, der Kenntnis vom Bau oder den Funktionen unseres Körpers, die die Grundlage allen Denkens sein sollte, zu bezeichnen. Sie hat die Menschheit nach langem Stumpfsein wesentlich höher gehoben und vom Aberglauben und Vorurteil in vielen Dingen freier gemacht.

Die Natur hat die Erscheinung des Todes für den Menschen mit Schrecken und Grauen umgeben. Und dieses Gefühl verläßt auch den Mediziner nicht ganz bei dem Betreten der Totenkammer. Größer ist aber hier dem nach Wahrheit dürstenden Geist der Wunsch, das schönste und erhabenste Kunstwerk der Natur in seinem Wesen zu ergründen: das Wunderwerk des menschlichen Leibes, seine Zusammensetzung und seine Funktion. Es gab in früheren Zeiten Künstler, welche das Wesen der Kunst nicht in der Darstellung des Schönen erblickten, sondern in der vollendeten Wiedergabe des wirklichen Lebens und seiner Erscheinungsformen. Solche Geister mußte es reizen, die innere Schönheit des menschlichen Leibes kennen zu lernen. Den wirklichen Künstler, d. h. den Beobachter und Schilderer der Wirklichkeit, wie den Naturforscher, hat es deshalb stets mit heißem Streben erfüllt, sich nicht mit der äußeren Form des menschlichen Aktes zu begnügen, sondern ihn in seinem wundervollen inneren Aufbau kennen zu lernen, zur Befriedigung des Dranges nach Wahrheit und zur Aufklärung unseres Denkens. Doch Vorurteile und Verbote der orthodoxen Kirche standen solchen Bestrebungen schroff entgegen. Bekannt ist die Skizze, auf der Michelangelo und Antonio della Torre in der Nacht bei Kerzenschein die heimliche Sektion einer Leiche vornehmen. Von jedem des glänzenden Dreigestirns am Sternenhimmel der italienischen Hochrenaissance, Leonardo da Vinci, Michelangelo, Raffael, besitzen wir Zeichnungen, welche beweisen, daß sie an der Leiche Studien gemacht haben. Gewiß, die Renaissance der anatomischen Forschung ging von Italien aus durch den großen Vesal, aber dort war sie nur das Vorrecht vereinzelter, erlauchter Geister, sie wagte sich bei den nach Schönheit dürstenden Italienern nicht in die Oeffentlichkeit. Erst dem freien, im protestantischen Glauben erstarkten Neuholland blieb es Vorbehalten, in der Zergliederung und Entschleierung des Innern des menschlichen Körpers ein Ereignis von der weittragendsten Bedeutung zu sehen, die Befreiung von Aberglauben und Unfreiheit, die Rückkehr zum Denken auf naturwissenschaftlichem Boden. Dabei war das holländische Volk damals tief, man kann sagen orthodox religiös und sittlich veranlagt.

Heutzutage, wo die Kenntnis des Baues unseres Körpers und seiner Funktion das Denken und die Kultur unserer Zeit mehr beeinflußt, als sich der einzelne bewußt wird, können wir uns kaum noch eine Vorstellung von der Tragweite solcher Ereignisse machen. Nur das in seiner äußeren Entwicklung auf das Höchste erstarkte Holland konnte das Befreiende einer anatomischen Forschung begreifen. Pieter Paaw errichtete 1597 in Leyden das erste anatomische Theater in Holland. Es ist sehr charakteristisch, daß in dem 1615 von Jakob de Ghein davon angefertigten Stich Männer jeden Standes und Alters, Ritter, Gelehrte, Bauern und Bürger der Sektion zuschauen. Die anatomischen Hörsäle waren damals eine Sehenswürdigkeit und ein Stolz der Städte.

Rembrandt war nicht ohne Vorgänger, als er die Vorsteher der Chirurgengilde bei einer anatomischen Unterrichtsstunde darstellte.
1619 hatte sich Doktor Egbert de Vrij, mit fünf Chirurgen zur Eröffnung des Amsterdamer Anatomiesaales um eine Leiche beschäftigt, von Thomas de Keyser malen lassen.
Im Delfter Krankenhaus befindet sich ein Anatomiegemälde von Michael Langson aus dem Jahre 1617.
1625 malte Nicolaas Elias in Amsterdam die Anatomie des Doktor Johann Holland, genannt Fonteyn.
Der eminente Fortschritt in der Auffassung Rembrandts bestand darin, daß er die Chirurgen nicht als Porträts der Leiche umstellte, sondern daraus eine Szene machte. Ein jeder tritt handelnd in dem einheitlichen Vorgang auf, dozierend oder zuhörend.

Man könnte es fast wie eine Allegorie auffassen, daß alles Licht im Bilde sich auf dem Kadaver sammelt und sich auf den Köpfen der Menschen abstuft.

Die Anatomiestücke der Holländer, die sich den Regentenbildern anschlossen, wiesen dem Volke, was für das Denken ihrer bedeutenden Aerzte die Unterlage war. In Holland gelangten die aufgeklärten Aerzte vielfach zu den höchsten bürgerlichen Ehrenstellen. Tulp, der angesehene Arzt und Anatom, den Rembrandt auf seiner Anatomie dargestellt hat, wurde später zum Bürgermeister von Amsterdam gewählt. In Deutschland kam der erste Professor der Anatomie an der Universität Göttingen, Albrecht der »Schinder«, wie ihn das Volk schimpfte, fast um, weil ihn keiner bedienen und beherbergen wollte. Die Naturwissenschaft blieb nicht ohne Einfluß auf das Denken des Volkes.

Rembrandts Denken und Schaffen ist ein Spiegelbild seiner Zeit. Er war darin der große Sohn seiner Zeit. Es lag in der Luft, daß ein Bahnbrecher kommen mußte, der auf die dogmatischen Regeln der Kunst und ein konstruiertes Schönheitsideal verzichten konnte, um sie durch einen freien, ungezwungenen Blick für seine Umgebung zu ersetzen. Er ist der Schöpfer einer Naturwissenschaft in der Malerei. Das soll nicht heißen eines sklavischen Kopierens der Natur, sondern eines Auffassens der Natur, so wie sie ist, mit ihren Licht-und ihren Schattenseiten, ihrer Schönheit und ihrer Häßlichkeit, ohne vorgefaßte Urteile und ohne ihr fremde Ideale.

Ich muß hier, wenn ich von Naturwissenschaft und Anatomie bei Rembrandt rede, von vornherein einer falschen Auffassung begegnen. Anatomie, das soll nicht heißen anatomische Korrektheit. Es gibt überhaupt in der Anatomie keine absolute anatomische Korrektheit, die organische Natur bringt keine einzige regelmäßige Figur hervor. Je mehr einer sich mit Anatomie beschäftigt, umsomehr lernt er erfahren, wie sehr hier das Unsymmetrische und Individuelle vorherrscht. So wie das nicht der beste, genialste Baumeister ist, der alles mit dem Zollstab nachmißt und danach konstruiert, so sicher ist nicht ein Anatom, der alles auf Korrektheit messen wollte. Im Gegenteil, es gilt auf Grund einer anatomischen Erfahrung und eines sicheren Sehens, in der Natur das Charakteristische zu finden, das, was man den anatomischen Gedanken nennen könnte. Wenn wir ein naturwissenschaftliches Präparat haben oder in das Mikroskop sehen, so werden wir auch nicht einfach beschreiben, was wir erblicken, sondern es gehören eine Menge Schlüsse und Erfahrungen dazu, um das Wesentliche darin zu sehen. Carl Neumann*) hat deshalb in einem sonst ausgezeichneten Buche die Mediziner doch nicht recht verstanden, wenn er schreibt:

»Mediziner und Orthopäden pflegen, zur Kunstkritik berufen oder nicht, in diesem Punkte am unerbittlichsten zu sein und den Maßstab anatomischer Richtigkeit für den einzigen Wertmesser der Kunst zu erklären. Ein Punkt, in dem die Mediziner in Rembrandts Jahrhundert — nach vielen zu urteilen, die ihm Modell gesessen sind, die Doktoren Tulp und Deyman mit ihren Genossen, die van der Linden, Bonus und Tholinx — künstlerischer empfunden haben müssen, als viele Mediziner von heutzutage.«

Wir wissen als Mediziner sehr wohl, wenn wir uns Rembrandt ansehen, daß er auf anatomisch richtiges Zeichnen gar nicht den größten Wert legte, wir meinen jedoch ebenso zu empfinden, daß Rembrandt einen geübten und sicheren Blick für das Charakteristische in dem anatomischen Aufbau hatte, wie vielleicht kein Zweiter nach ihm, daß er den anatomischen Gedanken erfaßt hatte. Wir werden auch in dieser Arbeit bei unserem Thema sehen, wie sehr Rembrandt sich bemüht hat, durch eingehendste Studien aus dem Unwesentlichen das Wesentliche herauszuschälen und richtig zu sehen.

Ebenso verkehrt ist es, in umgekehrter Richtung, Rembrandt von der ästhetischen Seite nehmen zu wollen, ein Fehler, den in früheren Zeiten an der italienischen Kunst einseitig gebildete Generationen gemacht haben. Sie mußten Rembrandt verkennen. Die Natur ist zunächst nicht ästhetisch, sie idealisiert nicht und ist oft nach landläufigen Begriffen häßlich, sie hat zunächst nur den einen Vorzug, wahr zu sein. Hätte man schon früher Rembrandt mehr von der naturwissenschaftlichen Seite genommen, so hätte man ihn nicht den Maler des Häßlichen, sondern den Maler des Wahren und Tatsächlichen oder der nüchternen Naturwirklichkeit nennen müssen.

So versteht man auch sein Verhältnis zur Antike. Es ist nicht zutreffend, daß Rembrandt die Antike nicht verstanden habe, seine Kunstsammlungen beweisen, daß er Sinn für die Antike besaß, oder gar, daß er sich über die Antike habe lustig machen wollen, wie man ausgesprochen hat, sondern er scheint in allen seinen Werken als vornehmsten Grundsatz sich gesagt zu haben:

»Ich kann nicht darstellen, was ich nicht sehe.« So suchte er sich denn für seine antiken Figuren auffallende oder fremdländische Typen, die er am Hafen oder im Armen- oder Judenviertel fand, und umgab sie mit orientalischen Gewändern und Aufputz, wie er ihn fand oder er ihm zur Verfügung stand. So verkörperte sich ihm die Antike in dem von ihm Gesehenen. Hier kann auch die Gegenwart noch von ihm lernen. »Mit Rembrandts Augen in die Welt zu blicken, wird niemand gereuen,« sagt sehr richtig der Verfasser des Buches »Rembrandt als Erzieher«.

Man wird sagen, daß seine Zeit doch noch nicht reif für ihn war, Rembrandt wandelte bald seine Straße einsam, verkannt und verarmt. Aber ist es heute wohl in Wahrheit mit dem Verstehen Rembrandts viel anders? Die einfachen schlichten Wahrheiten der Natur imponieren der großen Menge nicht. Sie sind zu einfach. Besonders fällt ihre Wertschätzung denen schwer, die nur hinter Schulmauern in mittelalterlicher Bücherweisheit, der Welt abgewandt, aufgezogen sind. Ja, gewiß, Rembrandt ist heutzutage Mode, aber es scheint mir, daß oft mehr der Name klingt, als daß sein Werk es ist, das wirkt. Wie selbst dem musikalisch Begabten Bachsche Fugen nur klar werden, wenn er sie sich ganz nüchtern klarlegt und, ich möchte sagen, sie nachrechnet, so sprechen auch Rembrandtsche Ideen nicht sofort an, wenn man sie nicht mit der Natur vergleicht und mühsam zergliedert, mühsam, wie wir sehen werden, daß es der Meister selbst getan hat. Selbst dem Genie wird es nicht ohne Mühe und Arbeit gegeben. Wie schwer sind allein seine Beleuchtungsverhältnisse zu ergründen, für die das beliebte »Helldunkel« ja nicht mehr wie ein Schlagwort bedeutet.

Auch heute ist Rembrandt nicht das Gemeingut für viele, wie es auf den ersten Augenblick den Anschein haben könnte. Es ist wenigstens nicht leicht, ihm von allen Seiten gerecht zu werden. So möge man denn auch mir verzeihen, wenn ich Rembrandt hier nicht als Maler nehme, mich darin bescheidend und zurückstehend gegen Einsichtsvollere, sondern als Beobachter und Naturforscher.

Text aus dem Buch: Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung : nebst beitra˜gen zur geschichte des Startichs : eine Kulturhistorische Studie (1907), Author: Greeff, R. (Richard).

Siehe auch:

Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung