Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten. Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert. Denn es ist ein durchgreifendes Gesetz der Psychologie, daß eine Vorstellung je älter, desto unverwüstlicher ist. Die Götterwelt, das Letzte und Schönste des Heidentums, ist längst vor den Augen des Volkes versunken. Für zerstäubt in nichts gilt auch schon lange wenigstens der Mehrheit das Elfenwesen; die Gespenster aber leben in der Einbildung gar vieler noch heute fort und feiern sogar Triumphe in gebildeten Spiritistenkreisen. Fast möchte man sagen, der Same des Gespensterglaubens rege sich in uns Allen, wo die Nähe einer Leiche und das tiefe Dunkel der Nacht in einem Sterbezimmer, auf einem Friedhof, an einer Mordstätte sich vereinen, oder auch sogar mitten im hellerleuchteten vollen Theater, wenn ein wirklicher Dichter an ihn appelliert. „Auch kommt es nur“, sagt Lessing in seiner Dramaturgie,

„auf die Kunst des Dichters an, diesen Samen zum Keimen zu bringen; nur auf gewisse Handgriffe, den Gründen für die Wirklichkeit von Gespenstern in der Geschwindigkeit den Schwung zu geben. Hat er diese in seiner Gewalt, so mögen wir im gemeinen Leben glauben, was wir wollen, im Theater müssen wir glauben, was Er will. Vor dem Gespenste in Shakespeares Hamlet richten sich die Haare zu Berge, sie mögen ein gläubiges oder ein imgläubiges Gehirn bedecken“.

Wenn es uns rührt und erhebt, daß schon die Urmenschen hinter dem Tode ein Leben witterten und der erbarmungslosen Tatsache des Sterbens ein durch den Tod ununterdrückbares Leben entgegenstellten, so erfüllt es uns fast mit Scham, oder soll ich lieber sagen, mit Demut, daß ihre tiefsten Geheimnisse auch noch die unsrigen sind: Leben, Tod, Seele. Gerade darum haben diese der ältesten Religion den Boden aufgewühlt, sie sind die starken Pflugscharen noch unsers Glaubens.

Um den Begriff der Seele oder des Geistes dreht sich dieser alte Mythenkreis. Dieser Begriff ist ursprünglich keine Abstraktion, herausgezogen etwa aus der zusammenfassenden Beobachtung der vielen Einzelerregungen des eigenen Inneren, er ist auch nicht das Produkt der Sehnsucht nach einem höheren, freieren Dasein. Er ist dem schmerzlichen Anblick der seltsamen, wechselnden Wandelungen, die der Sterbende in seinen letzten Stunden durchmacht, abgerungen. Da wird der Atem immer schwerer und langsamer, um dann plötzlich still zu stehen, das Auge bricht und starrt unheimlich, Wärme und Farbe verlassen den Leib, kalt, bleich, steif und lautlos liegt er da, wie ein Stein. Nach unsrer gegenwärtigen Gemeinauffassung ist mit diesen Vorgängen das physische Leben und gleichzeitig mit ihm, aber losgelöst von ihm, das psychische Leben, die Seele, entflohen. Jenes besteht überhaupt nicht mehr und läßt den Leib als tote Masse zurück, die Seele aber lebt für sich in einer anderen Welt unvergänglich weiter. Eine alte weitverbreitete und auch germanische Auffassung war eine ganz andre. Nicht nur gleichzeitig mit, sondern in dem physischen Leben, in dem Atem, der Bewegung, der Wärme und Farbe entwich die Seele. Das physische Leben selber war ein Wesen, das im Tode sich löste, so daß es gleichsam zweimal da war, neben seinem lebendigen Ich ein im Tode erst frei werdendes andres Ich beherbergte. Dieses letzte, das im Kopfe wohnt, ging beim Sterben als ein Bewegliches, ein Hauch, ein Wind, ein Nebel, ein Licht oder gar als ein Tierchen aus dem Munde davon. Die Seele blieb also ein körperliches, wenn auch ein verflüchtigtes oder zusammengeschrumpftes Wesen. Sie hielt sich auch möglichst dicht an den verlassenen Leib, wohnte bei ihm im Grabe oder in dessen Nähe, oder auch in dem von ihm verlassenen Hause, oder in benachbarten Bäumen und Hügeln. Sie war auch nicht unvergänglich, sondern starb mit dem Zerfall der Leiche, zu der sie gehörte, oder welkte mit der Erinnerung der Überlebenden an den Toten auf immer dahin. Dazu stimmt, daß in den dänischen Steingräbern die Knochen der älteren Leichen bei Seite geschoben und über einander aufgestapelt wurden, um Platz für die neu beigesetzten Gerippe zu gewinnen. Viele neue Gräber sind auf fränkischen und merovingischen Gräberfeldern in und quer durch ältere gelegt.

Die Seele ist nach der germanischen Anschauung vor allem das Bewegliche. Denn die beiden Wörter Seele, gotisch saiwala, und See, gotisch saiws sind beide derselben Wurzel entsprungen, die etwas Bewegliches bezeichnet haben muß. Der Begriff einer noch heftigeren Beweglichkeit möchte im Worte Geist stecken, was besonders die nordischen Worte geisa = brausend einherfahren, wüten, geistr = heftig, feurig, geist = brausend, schnell verraten. Die deutsche Sage erzählt wiederholt von brausenden Geistern. Aus einer Wurzel an = hauchen entwickelte sich das indische anas Hauch, anilas Wind, das griechische anemos Wind, das lateinische anima Wind und Seele, vergleichbar dem griechischen Psyche Hauch und Seele. Zur Wurzel an gehört das althochdeutsche unst = Wind, Sturm und möglicherweise auch das althochdeutsche ano, unser Ahne, das ursprünglich einen, der ausgehaucht hat, einen Verstorbenen und darnach den Vorfahren bezeichnet hätte. Auch das gothische us-anan bedeutet aushauchen und das aus derselben Wurzel erwachsene nordische Seele, Leben, andi Geist und ör-endr todt, eigentlich ausgehaucht.

Noch sicherer als die Sprache bezeugt der Volksglaube die Windnatur der Seele. Die plötzlich gewaltsam ausgepreßte oder auch die beim Tode imruhige Seele fährt folgerichtig nicht als Wind, sondern als Sturm davon. Darum heißt es noch durch ganz Deutschland, daß sich ein Sturm erhebe, wenn sich jemand erhängt, und sich erst nach dessen Bestattung lege.

„Welcher Lump mag sich nun wieder erhängt haben!“

sagt man am Lechrain bei plötzlich losbrechendem Sturm. So sauste einmal an Hans Sachs im Walde bei Osnabrück das wütende Heer der kleinen Diebe vorbei, das aus lauter Erhängten bestand, und darunter ein erst desselbigen Tags Gehenkter, mit dem er sich in ein Gespräch einließ, fuhr dahin „als ein scharpfer Wind“. In Schwaben fahren auch die im Rausch Gestorbenen mit dem Muetisheer d. h. dem stürmischen wilden Heer. Von den Geistern Verstorbener heißt es in England, daß sie Hindernisse auf ihrem Wege umwerfen wie „a furious whirlwind“.

Rührend ist, daß eine im Kindbett und noch dazu ohne Beichte, also mit doppelt unruhiger Seele gestorbene Frau im Wirbelwind dahinfliegt. Dagegen wenn ein Mensch ruhig verscheidet, bewegt sich nach Schweizer Glauben die Luft im Sterbezimmer mit leisem Wehen. In Devonshire kann ein Verschluß im Hause das Sterben eines Kranken verzögern, und so öffnet man in Bayern wohl das Fenster oder deckt einige Dachschindeln ab, um einem Menschen das Sterben zu erleichtern. Gemeindeutscher Brauch, der sich noch an zahllosen Orten erhalten hat, war es, beim Eintreten des Todes ein oder mehrere Fenster, die Türe, die Luke oder gar die „Dachblatte“ zu öffnen, daß die Seele bequem hinwegfliegen könne. Man jagt sie sogar bisweilen durch Wehen mit Tüchern hinaus und ruft ihr nach „Geh hin und pfludere“ d. h. flattere. Hat das Dach im Aargau keine „Heiterlöcher“ d. h. Luftlöcher, so sucht die Seele des verstorbenen Hausbewohners gewaltsam Einlaß, indem sie es mit Sturm abdeckt. Darum muß in einigen Orten der Schweiz immer ein Fenster oder eine Stelle des Dachs offen bleiben, damit der „Geist“ aus- und eingehen könne. Im Unterinntal fahren noch heute die armen Seelen im sogenannten Allerseelenwind und anderswo in Deutschland nach älterem, schon von Geiler v. Keisersperg um 1500 bezeugten Glauben alle eines gewaltsamen Todes Gestorbene oder vor der Taufe gestorbene Kinder im wütenden Heer oder in der wilden Jagd, namentlich während der Zwölften, der zwölf heiligen Nächte der Jahreswende. Dieser Jagdzug der Seelen hat im höheren Norden im Geisterzuge der norwegischen Aaskereia, Oskerei, die ebenfalls in den Jul-nächten durch die Dörfer und Häuser tobt, noch den niedrigeren rein dämonischen Charakter bewahrt. Sie hat keine Gottheit an ihrer Spitze, die doch in Deutschland und Dänemark den Zug führt: nämlich Wodan oder auch Bertha oder Holda. In dieser Verbindung mit der Gottheit erreicht die Vorstellung vom Windseelenzuge ihren höchsten mythologischen Ausdruck. Ähnliche Stadien durchläuft der griechische Seelenglaube: in der Odyssee werden die dicht vor ihrer Hochzeit gestorbenen Töchter des Pandareos durch Stürme hinweggeführt, offenbar ursprünglich ihre, über ihr Los zürnenden windförmigen Seelen. Ein paar Verse weiter heißen diese Stürme schon Harpyien, sind also dahin raffende Winddämonen geworden. Später sausen vor ihrer Hochzeit verstorbene Mädchen im Heer der Jagdgöttin Artemis oder in dem ganz jagdartig dargestellten, von Hunden umbellten Schwarm der Hekate. In Indien fahren die Bhütas, die Seelen von Bösewichtern, im Gefolge des Sturmgottes Rudra durch die Luft. Selbst in den höchsten Mythen von der Windseele berühren sich also die verschiedenen indogermanischen Völker.

Verdichtet sich der Hauch, so wird er zum Nebel, Dunst, Rauch oder gar zur Wolke. Schon bei Homer geht die Seele als Rauch oder Schatten dahin. Nach dem neueren germanischen Aberglauben schwebt in Tirol die Seele eines Tugendhaften als weißes Wölkchen aus dem Munde. Wo man ihr im schlesischen Dyhemfurth beim Sterbefall nicht das Fenster öffnete, sah man sie am nächsten Morgen als Rauchwölkchen an der Zimmerdecke. In Ostpreußen können manche den Gestorbenen noch vierzig Tage nach dem Tode als eine nebelartige Gestalt erkennen. Und nicht nur im Tode, sondern auch im Traume des todähnlichen Schlafs wird jenes andere Ich, die Seele, lebendig und kann durch den atmenden Mund herausspazieren, um am Schluß des Traumes wieder zum Körper des Schläfers zurückzukehren. Diese Traumseele entschlüpft als Dunst dem Munde eines Schlafenden nach hessischer wie Oldenburger Sage; nach dieser kehrt sie zurück und mit ihr das Leben, nach jener bleibt sie aus und der Tod erfolgt. Diese Sage lebt voll ausgebildet in Island weiter und war schon vor mehr als einem Jahrtausend bekannt. Nur güt, was man in Island von einem bläulichen Dunst erzählt, im altfränkischen Bericht von einem Tierlein. Der gute Frankenkönig Gunthram, der um 600 lebte, war einmal auf der Jagd im Schoß eines Dieners eingeschlafen. Da schlich aus seinem Munde ein Tierlein in Schlangenweise hervor und wollte gern über den nahen Bach. Der Diener legte sein Schwert hinüber, auf dem das Tierlein das Wasser überschritt. Drüben schlüpfte es in einen Berg und lief nach einigen Stunden wieder über die Schwertbrücke in den Mund des Königs zurück. Erwacht aber erzählte dieser, er wäre im Traum über die eiserne Brücke eines großen Flusses gegangen und hätte in der Höhle des drüben gelegenen Berges einen unsäglich reichen Schatz gefunden.

Bevor wir aber die vielerlei Seelentierchen näher betrachten, müssen wir des Lichts oder Feuers als Seelenformen gedenken. Die Seele läßt den toten Leib kalt zurück oder, wie es Freidank derber ausdrückt: „die Seele fährt von mir wie ein Blaas (Hauch, Windlicht) und läßt mich liegen wie ein Aas.“ Wenn über dem Schlafenden oder am Dach eines Hauses ein Flämmchen schwebt, ein Licht von selbst erlischt oder eine Sternschnuppe in der Richtung eines Hauses fällt, so kommt nach deutschem Aberglauben der Tod, und der Sterbende „verzeigt sich“ gern Abwesenden durch einen plötzlichen Lichtschein. Die Seele macht sich dann gleichsam zeitig davon und kündet dadurch die Nähe des Todes des bereits von ihr verlassenen Leibes an. Das „Totenlicht“ setzte sich schon im Mittelalter an Haar und Kleidung der Nordleute, wenn sie sterben sollten. Manche altnordische Gräber umgab ein Feuer; nach der Hervarar-saga zeigten sich Angantyr und seine Brüder nachts als Flammen auf ihren Gräbern, und noch heute erscheinen isländische Gespenster vom „Totenfeuer“ ümleuchtet. In Deutschland flattert der Irrwisch, das Irrlicht, der Brünnlig, Pütz- und Wiesenhüpfer, in England der Willy with the wisp (Wisch), in Dänemark der blaas- oder lygtemand, der Feuer- oder Lichtmann, in Schweden der eidgast der Feuergeist über Sümpfen, feuchten Wiesen oder Feldrainen. Im Aargau gibt es Irrlichter beiderlei Geschlechts, Füerstein-mannli wie Zunselwibli. Das sind die Seelen derer, die wie die noch ungetauften Kinder, die Erhängten, die Ertrunkenen, vor der Zeit das liebe Leben eingebüßt, oder solcher, die ihr Leben mit einer beunruhigenden Tat beschlossen hatten und nun die Stätte derselben wieder aufsuchen, z. B. Grenzsteinverrücker und unehrliche Landmesser, die dann den Grenzstein auf der Schulter tragen müssen, oder Geizhälse, die irgendwo ihr Geld verscharrt hatten. Auch irrlichtem die von den Tirolern erschossenen und zerschmetterten Franzosen bei Mittenwald im Herbst auf ihren in fremder Erde bereiteten Gräbern umher. Die irrlichtemden Landmesser schlagen im Badischen wohl mit glühenden Meßstangen auf einander los, und bis ins Hochgebirge hinein, auf dem Streitgampen unter dem Pazinkopf in Tirol, befehden sich die feurigen Pütze. Reizbar ohrfeigt der Irrwisch den Wanderer, der ihn neckt, führt ihn irre, springt ihm auf den Rücken, zündet ihm das Haus an und bedroht sogar sein Leben. Seltener leuchtet er ihm dienstfertig heim. Wie andere Seelen fahren auch die Irrwische mit der wilden Jagd um.

Die flüchtige Seele als Vogel aufzufassen, lag nahe. Die indischen Ahnen, die Pitaras, fliegen in Vogelgestalt umher, weshalb beim Totenopfer den Vögeln ein Kuchen gegeben wurde. Den Griechen zeigte sich die Seele bei der Totenbeschwörung als Uhu oder Fledermaus. Germanische Seelen von Ermordeten und Selbstmördern fliegen als Raben und Krähen umher, diejenigen unschuldig Getöteter als weiße Tauben und Schwäne. Doch scheinen die Taubenfiguren bei Paulus Diaconus, die bei Pavia von Grabstangen nach der Richtung schauten, wo der in der Fremde gestorbene Langobarde seine Ruhestatt hatte, nicht die Toten, sondern deren klagende Verwandte zu bedeuten. In Westfalen sagt man Mädchen, die nicht heiraten:

„Ihr sollt die Kibitze heiraten,“

und auf dem wilden Gieritz(Kibitz)moos an der Aare in der Schweiz werden die alten Jungfern wirklich zu Kibitzen. In Schweden heißt der Schmetterling „Altweiberseele“, und in Deutschland sagt man, daß man vor der Geburt mit den „Feifaltem“ d. h. Schmetterlingen fliege. Auch in den Motten, Bienen, Käfern und sonstigem fliegenden Getier stecken Seelen, auch in der Hausgrille.

Aber andre Hausgenossen spielten unter den Seelentieren eine viel bedeutendere Rolle, die unschädliche Ringelnatter, die Maus, das Wiesel und die Kröte. Der Wohnung der Menschen zugetan, leise aus der Erde kriechend oder huschend und wieder still und plötzlich dann verschwindend, erschienen sie wie geheimnißvoll in ihrem alten Heim fortlebende Seelen der Verstorbenen, deren Leiber früher in dessen unmittelbarer Nähe oder sogar in dessen Innerem bestattet wurden. Wir blicken in den dunkelsten Winkel indogermanischer Hausreligion mit all ihrer Heimlichkeit und Unheimlichkeit, wie sie durch zahllose neuere, aber auch viele ältere nicht nur germanische, sondern auch andere indogermanische Zeugnisse enthüllt wird.

Früh wird auf attischen Grabdenkmälern und spartanischen Votivreliefs eine Schlange dargestellt, die als Opfergaben Honig und Brei zu sich nimmt, also nicht Schlangen-, sondern Menschennahrung. Verschiedene Seelenformen, Flügel wesen und Schlangen wesen, vereinigt die Darstellung einer Totenklage auf einem attischen Gefäß: am oder im Grabhügel flattern beschwingte Menschenfigürchen über einer Schlange, der Seele des Verstorbenen, von dem die Inschrift spricht. In Theophrasts Charakteren 16 errichtet der Abergläubische an dem Ort seines Hauses, wo er eine heilige Schlange gesehen, sofort ein Heroon, ein Ahnenheiligtum. Am Grabe des Heros wurde häufig eine Schlange als dessen dämonische Erscheinung gehegt. Wie er, hütet diese „Haushüterschlange“ Tempel, Haus und Grab; beleidigt aber bringt er, wie sie, Verderben. Nach dem neugriechischen Volksglauben lebt im Grunde jedes Hauses eine Schlange als Hausherr oder Hausherrin. Ihr Erscheinen im Innern desselben bedeutet Glück, besonders die unerwartete Rückkehr des Hausherrn. Verscheucht oder beleidigt zieht sie Unheil herab; man steckt Brot in ihr Erdloch und schmeichelt ihr mit dem Gruße: „Schönes Dingel!“ — Die Römer weihten ihrem Genius einen von einer Schlange umwundenen Altar und hielten im Schlafzimmer ein paar Schlangen, die für die Genien des Hausherrn und der Hausfrau galten, und zwar in so vielen Häusern, daß Plinius besorgte, die Schlangenbrut würde in Rom den Menschen noch über den Kopf wachsen, wenn ihr nicht die Feuersbrünste Einhalt täten. Starb eine solche Schlange, so galt das als böses Vorzeichen dem Vater der Gracchen, wie dem Kaiser Tiberius. Umwand eine Schlange fest das Haupt eines Schlafenden, das war den Römern ein gutes Vorzeichen; die Seele dachte nicht daran sich abzulösen. Die Schlangen aber, die Pompejus beim Verlassen seines Schiffes in Dyrrhachium erblickte, bedeuteten seinen nahen Untergang; als Seelen, die schon ihn und die Seinigen aufgegeben hatten. — In Litthauen hatte jeder Familienvater im warmen Winkel eine Schlange, der er Speise auf Heu darbrachte.

Die Ringelnatter heißt bei den Germanen Hausschlange, Hausotter, Hausunk, Hauswurm, schwedisch gärds- oder lyckoorm, Hof- oder Glücksschlange. Das altschwedische Erbauungsbuch, der Seelentrost, verbot schon tun 1400 den tief gewurzelten Glauben an Tomptorma d. h. Hausschlangen. Aber von Siebenbürgen und der Schweiz bis nach Skandinavien wurde diese da und dort noch neuerlich trotz ihres nicht angenehmen Geruchs im Stalle oder auch unter den Stubendielen gern geduldet und ihr im Herdwinkel wie in Griechenland eine für Schlangen ungeeignete offenbare Ahnenopferspende, nämlich Semmelmilch, vorgesetzt. Am Lechrain hielt noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts jedes Haus eine Hausotter, deren Geräusch den Tod eines Hausbewohners anzeigte. Auf den Betten, wenn sie gesonnt wurden, in der Küche und auf dem Rande des Brunnentrogs konnte man sie liegen sehen. Im Fricktaler Dorfe Mägden in der Schweiz vermutete man noch um dieselbe Zeit fast in jedem Keller eine Hausschlange, die sich nur bei außergewöhnlichen Fällen sehen ließ und durch ihr Geräusch, wie am Lechrain, einen Trauerfall der Familie anzeigte. Manchmal hatte ein Haus, ganz wie das römische, ihrer zwei, die mit Hausvater und Hausmutter lebten und starben. In Mittelschlesien wird die von niemand gesehene, in den Grund des Hauses sich einwühlende Hausotter für einen Schutzgeist angesehen. Doch in der ,Tunkelstunde‘ kommt die schlesische ,Otterkönigin‘, die Ahnfrau, gern einmal aus der Mauer herftir. Als der Hofbauer des sogenannten Schlangenhofes im badischen Schappacher Tal starb, starb auch der Schlangenkönig mit all den anderen Schlangen des Hofes, und von diesem wich seitdem der Segen. In der Liederedda gräbt sich die über den Tod ihres Sohnes Atli trauernde Mutter offenbar als Natter dem Gunnar rächend ins Herz. Gleich der Seele liegt auch die Hausotter gern unter der Türschwelle, auf der man wegen dieses Tieres in Bayern und im Voigtland allen Lärm, z. B. Holzspalten, möglichst vermeidet. Wie in Rom bedeutet das Erscheinen der männlichen Hausschlange im Spreewald den Tod des Vaters und der Mutter. Ja in einigen böhmischen Familien gab es ganze Schlangenfamilien, von der jedes Glied ein Glied der Hausbewohnerschaft vertrat, so daß, was einer der Schlangen geschah, auch dem entsprechenden Familiengliede widerfuhr. Mögen wir auch die beiden letzten Nachrichten den Slaven verdanken, die wie die Litthauer einen reichen Seelenschlangenkultus hatten, dieselben oder ähnliche Vorstellungen waren jedenfalls auch germanisch, z. B. nähert sich eine Schlange dem Hause, so bedeutet das nach norwegischem Glauben Glück, kriecht sie dagegen über die Straße, Unglück, wie in Rom. Wer im Bayreuthischen ein Erdhuhn oder eine Hausotter beschädigt oder sieht, muß selbigen Jahres sterben. Im innigsten Verhältnis steht dies Seelentier zum Kinde: Kinder werden wohl mit einer Schlange um den Hals geboren, wie in Rom. Die Hausschlange spielt in der Sage gern mit dem Kind des Hauses, teilt mit ihm Speise und Trank, schläft mit ihm in der Wiege und gibt ihm Gedeihen. Als aber einst das Kind, das mit ihr aus einem gemeinsamen Napf Milch und Brocken aß, sie schlug und ärgerlich rief: „Iß auch Brocken!“, da siechte es schnell dahin. Seine eigene Seele war getroffen. Die Schlange verwandelt sich also aus der Seele des lebenden und des verstorbenen Menschen zu einem Schutzgeist der Mitlebenden und der Überlebenden, zu einem Schutzgeist des Hauses. Sie wird die schützende ,Muhme‘ der ganzen Familie, wie auch das Wiesel und die Kröte. Um 1400 erzählt Nikolaus von Dinkelsbühl von der Muma, daß sie die Häuser besuche und aus offenen Gefäßen esse oder trinke, die dann die Leute alsbald wieder nachfüllten, denn sonst käme Unglück übers Haus. Mit der Muhme wird die Hausotter gemeint sein, der man ja noch viel später einen Milchnapf hinsetzte. Das Wiesel heißt gemütlich nicht nur Mühmlein, sondern in Spanien auch comadreja Gevatterin, Hebämmelein. Wie der Neugrieche die Hausschlange als „schönes Dingel“ begrüßt, so nennt der Oberbayer sein Hauswiesel „Schöntierlein oder Froie“. In andern deutschen Gegenden heißt es das Jüngferchen, bei den Griechen des Mittelalters „Bräutlein“. Obgleich es den Griechen und Römern ein bekanntes Haustier war, das etwa unsre Katze vertrat, erregte doch sein plötzliches Erscheinen bei einem außergewöhnlichen Unternehmen oder an ungewöhnlicher Stelle Furcht vor Unglück oder Tod. In Athen löste sich die Volksversammlung, in der es sich zeigte, auf; ließ es sich auf dem .Dach blicken, so war das ein böses Zeichen wie das Flämmchen auf dem Dach in Deutschland. Kommt ein Wiesel mehrmals nach einander in die Nähe derselben Wohnung, so beruft es jemand daraus ab. So gilt auch seine Vertreterin, die Katze, für einen Hausgeist. Im Aargau

„stirbt die schwarze Hauskatze ihrem Herrn vor“.

Wieseln oder schwarzen Katzen begegnen, ist im Lechrain und anderswo ein böser Angang. Bläst ein Wiesel den Menschen an, nachdem es die Springwurzel gefressen, so muß er nach Tiroler Glauben sterben. Ob die Kröten auch jenen andern Indogermanen für Seelentiere galten, ist mir nicht bekannt. Doch wagen die toskanischen Bauern eine Kröte nicht zu töten, weil so oft ein Mensch darin verwandelt ist, und in Sicilien füttert man Kröten im Hause mit Brot und Wein, weil diese „mächtigen Feen“ oder „unbegriffenen Genien“ Glück bringen. Die Germanen sahen in ihnen arme Seelen, namentlich in den Ostalpen. Aber auch im Badischen ächzt der Geist eines Wirtes als Kröte unter dem Ofen oder auch der eines Geizhalses auf dem mit ihm vergrabenen Geldsack. In Tirol darf man Kröten am Allerseelentage nicht töten, „weil arme Seelen darin sind“, wie sie denn auch an den Quatembertagen gleich armen Seelen zu Kapellen wallfahrten. Wie die römischen Laren oder Ahnengeister in Genien und sogar in Penaten Vorratsgeister übergehen, so hießen die Kröten in Schweden „bolvaetter“ Hausschutzgeister, im Aargau aber „Nahrungshunde“. Diese hielten im Keller die Lebensmittel in gutem Zustand und wurden mit Milch gepflegt. Mißhandelt bringen sie in Skandinavien Unglück und Alpdruck. Dagegen fing man sie am Lechrain wie die Wiesel im Frauendreißigst (15. Aug. bis 13. Sept.), spießte sie und opferte sie in Kirchen. „Mäusen pfeifen“ heißt „den Seelen ein Zeichen geben“. So pfiff ein schlecht behandeltes Bergmännchen Mäuse und Kinder in den Tannenberg bei Lorsch, der Hameler Rattenfänger Ratten und Kinder in den Koppelberg. Ein Windgeist pfeift den Kindern und ihren Seelen voran. Die von Hatto von Mainz in einer Scheune verbrannten Armen wimmeln als Mäuse aus dem Feuer hervor und verfolgen ihn bis zum Mäuseturm bei Bingen, wo sie ihn auffressen. Eine Mausheilige war die hl. Gertrud, die im krainischen Bauernkalender und im Gertrudenbüchlein als Spinnerin dargestellt wird, an deren Rocken Mäuse und Ratten hinauflaufen, offenbar Seelen, denn man nahm an, daß die Seelen in der ersten Nacht nach dem Tode bei dieser Heiligen herbergten. Der Sinn dieses Tiermythus ist jetzt klar. Auf ihrer Suche nach Seelenbildern stellte die Phantasie einen überraschenden Zusammenhang zwischen Tier und Mensch, einem kleinen Haustier und dem Edelsten, was er hat, seiner Seele her. Schon von den Indogermanen wurden jene der menschlichen Wohnung anhänglichen Erdtiere als Seelen der Toten des Hauses gedacht. Sie gehörten zum Ingesinde als einflußreiche Ahnengeister, mit deren Wohl  und Wehe das der Nachlebenden auf das innigste verknüpft war. Daher die freundliche Pflege und die Furcht, sie zu verletzen oder gar zu töten. So erhob sich das Tierlein mehr und mehr zum Heros, Genius, Schutzgeist der Person und des Hauses. Aus dieser und ähnlichen Seelenvorstellungen erwuchs der namentlich im Norden so reich ausgebildete Glaube an die Folge- und Schutzgeister (siehe unten). Aber die Verwandlungsfähigkeit der Seele ist eine viel mannigfaltigere. Mochte sich der gemeine Mann mit einem Weiterleben als Haustierchen begnügen, so verlangte die Seele des Vornehmen für ihr öffentliches Auftreten vornehmere Tierformen. In Griechenland zeigte sich der wieder erwartete Ahnherr, der Heros, hier und dort in Wolfsgestalt, in eben dieser oder in Bärengestalt die Fylgja oder der Schutzgeist tapferer Nordleute. Während der kühne Bjarki noch schlummert, kämpft seine Fylgja schon vor seinem Zelte draußen in der Schlacht als Bär, um zu verschwinden, sobald er auf gewacht heraustritt. Die Traumseelen in Tierform schweben dann auch in die Träume Anderer, in denen das Schicksal ahnungsvoll auf steigt. Kriemhild träumt von ihrem Falken (Siegfried), daß ihn zwei Adler erkrallten (Hagen und Günther), und ähnlich sieht im Anfang der Gunnlaugssaga der träumende Thorstein auf dem Hausfirst einen schönen Schwan (Helga) sitzen, um den zwei Adler (Gunnlaug und Hrafn) kämpfen, bis sie beide im Streit tot herabfallen. Mit einem Falken aber (ihm selber) flieht endlich der Schwan davon. Öfter stürzen im Traum Scharen von Wölfen und Eisbären heran, welche Landesfeinde bedeuten. Andere Verstorbene nehmen je nach ihrem Charakter oder ihrer Lebenslage diese oder jene größere Tierform an. Den Bewohnern der Färöer und Rügens sind die ins Wasser sich werfenden rundköpfigen Seehunde Menschen, die sich ertränkt haben. Auf den Färöern kriechen sie in der Epiphaniasnacht mit ihren Menschenleibern aus dem Balg, um sich mit Tanz und Spiel in den Klippenhöhlen zu ergötzen. Nach dänischem Glauben legt der Seehund jeden neunten Tag seine Haut ab und wird ein Mensch. Auf der Tiroler Alm müssen Hirten, die ihr Vieh mißhandelten, nach ihrem Tode als Stiere, Säue, Hunde umgehen. Beim weinreichen Dorfe Oberflachs poltert das Gespenst eines unredlichen Trottenmeisters, das Trottentier, im Hause herum. Und viele Dorftiere, die abends in der Nähe der Dörfer dem Wandrer aufhocken und ihn irreführen in Kälber-, Hunde- und Schweinegestalt, sind die Seelen von Übeltätern, haben aber oft den Charakter von Wettergeistern. Auch lebendige Menschen können sich in Tiere verwandeln durch Zauberei. Die Königstöchter des eddischen Wielandsliedes machen sich zu Schwanjungfrauen, und der Iarl Franmar in dem einen Helgeliede nimmt Adlersgestalt an. Die bekannteste und schlimmste Tierform aber ist der Wolf. Er heißt althochdeutsch Weriwolf, bei Berthold von Regensburg werwolf, in England im Norden vargulfr (Verbrecherwolf), varulf. Noch heute sprechen wir vom Werwolf. Man schwankt, ob man den Werwolf als Mannwolf aus ags. ahd. Mann oder als Kleidwolf, Wolfsfellbekleideten aus ags. were, ahd. weri erklären soll. Für die erste Deutung spricht der griechische Werwolfsname: lykanthropos, Wolfsmensch, der bretonische denbleiz Mannwolf und vor allem der inselschwedische folkwarg Menschenwolf, ja auch der entlegenere, aber in seinem Wesen gleichartige indische „Menschentiger“. Die zweite Deutung empfehlen die altnordischen Ausdrücke ulfshamr Wolfskleid als Hülle des vargulfr und ulfhedinn wolfsbekleidet, das im ahd. Eigennamen Wolfhetan wiederkehrt. Auch der westfälisch-hessische Werwolfsname Böxenwolf d. h. Hosenwolf, wohl ein Wolf, der eigentlich Hosen trägt, spricht dafür. In Italien galt das allgemeine Wort Versipellis der Fell Wechsler, altnordisch hamrammr, der sein Kleid, sein Äußeres zu wechseln vermag. Das erste Zeugnis für Deutschland bringt Bonifacius im 8. Jahrhundert bei, wo er in einem Sermon verbietet, an Hexen und „ficti lupi“ d. h. fingierte Wölfe zu glauben; ausführlicher bekämpft Burkhard von Worms, wie es scheint, denselben Glauben an die sogenannten Parzen oder drei Schwestern, die einem Neugeborenen die Gabe verleihen könnten, sich jederzeit in einen Werwolf zu verwandeln. In einigen Familien galt diese Eigenschaft für erblich: ein gewisser Ulfhedinn hat einen Vater Ulfhamr und vielleicht noch einen Großvater Ulfhamr. Aber die nordische Sage von jenem geschilderten, selber so werwölfisch gesinnten größten Skalden, Egil Skallagrimsson, verbreitet noch mehr Licht über die unheimliche Art eines solchen Tiermenschen. Es ist des Dichters eigener Großvater Ulf, der vom ersten Morgengrauen an seine Wirtschaft mit kluger Tatkraft fördert und unablässig seine Knechte zur Arbeit antreibt. Abends aber kann ihn niemand zum Sprechen bringen, er wird in sich gekehrt und schlaftrunken. Nun zeigt er sich im Dunkel seines einsamen Lagers als hamrammr, er nimmt eine andere Gestalt an. Sein Arbeitsdrang erwacht von neuem, schlägt aber nun eine andre, furchtbare Richtung ein. Als Wolf fällt er mit unwiderstehlicher Stärke und Wildheit die Menschen draußen in der Nacht an. Ist die Wut gewichen, so liegt er andern Morgens tief erschöpft im Bette. Man nannte ihn von dieser abendlichen Vertierung Kveldülfr den Abendwolf. In der Wölsungensage legen zwei mit dicken Goldringen versehene Männer auf neun Tage Wolfsfelle an, um aus ihnen am 10. Tage herauszuschlüpfen und sie vor dem Schlaf an die Wand zu hängen. So finden Sigurds Vater Sigmund und Stiefbruder Sinfjötli diese Felle, ziehen sie über und fahren dann unter Geheul im Walde umher,

„mit Wölfen schwelgend und mit eisigem Atem Wunden saugend“.

Statt neun Tage muß der Werwolfsmensch nach pommerschen Sagen drei, sieben oder neun Jahre im Wolfsleib beharren. Sieben Jahre dauert diese Verwandlung in der Normandie, in Irland und Armenien. Nach deutschem Werwolfsglauben, der noch immer nicht im Norden und Osten (Hinterpommem), auch da, wo längst die Wölfe ausgestorben sind, erloschen ist, müssen namentlich die in den Zwölfnächten, zwischen Weihnacht und dem heiligen Dreikönigstage, geborenen Kinder Werwölfe werden. Die Kunst der Werwolfsverwandlung können auch, wie uns Burkhard von Worms soeben gelehrt hat, die Schicksalsweiber den Neugeborenen geben. Nach deutschem Aberglauben wird der siebente Sohn eines Ehepaares ein Werwolf, nach dänischem bringt die Frau, die sich behufs leichter Geburt eines Zaubers bedient, Knaben zur Welt, welche Werwölfe, oder Mädchen, welche Nachtmahren werden. Kenntlich im Norden sind die Menschen, die sich in Werwölfe verwandeln, an zusammengewachsenen Augenbrauen. Zum Werwolf kann sich derjenige selber machen, der einen aus Wolfsleder oder Menschenhaut verfertigten Wolfsgürtel um den Leib schnallt. Er geht nachts aus, um Menschen zu zerfleischen und Vieh zu verschlingen, der Böxenwolf springt den Leuten auf den Rücken. Die Nennung seines Taufnamens, oder ein Wurf von Stahl und Eisen über ihn weg, westfäl. Blankmaken genannt, oder eine gegen ihn gerichtete Degenspitze oder eine Verwundung entzaubert ihn. Doch wirkt die Verletzung oft nicht sofort, aber sie verrät ihn dann später, indem auch der wieder Mensch gewordene Körper an der entsprechenden Stelle die Wunde trägt. Eine Wolfsfalle, in die man drei Kreuze vom Holz von einem Osterfeuer steckt, fängt ihn. Verfolgt wird er wohl schon wieder zwar als Mensch im Bette angetroffen, aber noch hängt der Wolfsschwanz heraus. In Schleswigholstein galt er auch wohl als „gefroren“ d. h. unverwundbar. Im 16. Jahrhundert bis ins 17. hinein blühten die Werwolfsprozesse namentlich in Nord- und Mittelfrankreich, aber auch in Deutschland. Noch 1589 wurde in Köln Peter Stube, der Werwolf von Epprath, hingerichtet, weil er bekannte, in Wolfsgestalt 13 Kinder zerrissen und ihnen das Gehirn aus dem Kopf gefressen zu haben. 1610 wurden in Lüttich zwei Werwölfe wegen gleicher Untaten hingerichtet. Dieser allen europäischen Indogermanen und auch den indogermanischen Armeniern gemeinsame, dagegen bei den Persern und Indern nicht nachweisbare Glaube reicht hoch über die ältesten germanischen Zeugnisse in die Vorzeit hinauf. Schon das alte Griechenland kannte die Werwolfskrankheit, sie spielt schon in die Sage von dem altertümlichen Kultus des Zeus Lykaios hinein. Wer diesem Gotte auf dem hohen arkadischen Berge Lykaion ein Kind opferte, wurde zur Strafe in einen Wolf verwandelt. Enthielt er sich aber neun Jahre des Menschenfleisches, so nahm er im zehnten wieder Menschengestalt an, was an die neuntägige, beziehungsweise neunjährige Werwolfszeit bei den Germanen erinnert. Ferner stimmt zum deutschen Glauben, daß der neugriechische struppige, krallenbewehrte Kalikant-sare oder Werwolf, der wie der westfälische Böxenwolf jedem Begegnenden aufhockt und das Gesicht zerfleischt, ebenfalls in den Zwölfnächten geboren wird. Diese Zeit ist auch seine eigentliche Raubzeit, wie die der livländischen und polnischen Werwölfe. Während der russischen und rusinischen Weihnachtsfeier rennen in Wolfspelze Vermummte umher und peinigen in Haus und Hof, wen sie erhaschen, und auch in Deutschland gab es Leute, die sich in der Weihnachtszeit in Wölfe verwandelten. Der germanische Norden brachte noch eine eigentümliche Abart dieser halb wirklichen, halb eingebildeten Ver-tierung des Menschen hervor, den Berserkergang d. h. die Berserkerwut. Die Vertierung nahm nämlich in der Wikingerzeit, in der so viele Nordleute ihre Sache auf Raub und Mord und Krieg stellten, einen militärischen Charakter an. Die Berserker d. h. Bärenkleider waren Soldaten, die statt des Panzers ein Bärenfell trugen. Angesichts des Feindes überkam sie eine unsinnige Kampfeswut, die ihnen ungewöhnliche Stärke und außerdem Empfindungslosigkeit gegen allen Schmerz verlieh. Sie scheuten weder Eisen, noch Feuer, zerbissen den Rand ihrer Schilde, stürzten sich mit geschwungenen Schwertern gleich Wölfen heulend in die Schlacht und hieben, was ihnen in den Weg kam, Menschen oder Bäume, nieder. Nach einem solchen Ausbruch fielen sie, wie nach einer schweren Krankheit, in tiefe Erschöpfung. Wie aus dem Krieg, machten sie aus dieser Wut ein Gewerbe und verdangen sich bandenweise dem Könige, der am meisten bot. Die zwölf Berserker des sagenhaften Dänenkönigs Hrolf Kraki kämpften bald an der sächsischen Grenze, bald auf dem Eise des schwedischen Waenersees. Noch Harald Schönhaar um 900 hatte Berserker, die über ihren Panzern Wolfspelze trugen, in seinem Dienst, und sein Skalde Thorbjöm Hornklofi feierte diese brüllenden Helden samt dem Hofnarren und dem Lieblingshunde des Königs. Aber obgleich sie sich oft als Schützlinge Odins ausgaben, wurden sie von den übrigen „Kämpen“ mit Mißgunst oder gar mit Verachtung angesehen. So verrauchte die alte wilde Leidenschaft in einer anmaßlichen gewinnsüchtigen Schauspielerei, und was einst vielleicht mehr eine Plage der Ergriffenen gewesen war, wurde nun zu einer schlimmeren Plage ordentlicher Leute. Darum straften die Isländer mit Recht den Berserkergang mit Friedloslegung, wenn aucht nicht mit völliger. Deute ich eine Stelle im Paulus Diakonus 1, 11 richtig, so hätten Südgermanen schon Jahrhunderte vor der nordischen Wikingerzeit solche Krieger gekannt. Als nämlich die Langobarden auf ihrer Wanderung nach Süden auf die Assipiter stießen und die große Zahl dieser ihrer Feinde und ihre eigne geringe sahen, da sprengten sie listig aus, sie führten Hundsköpfe im Lager bei sich d. h. ungeheure Menschen mit Hundsköpfen, die nach Menschenblut dürsteten und, wenn sie keinen Feind erreichen könnten, ihr eigenes tränken. Der aus der gelehrten Literatur des Plinius und Solinus bekannte Name der Kynokephalen, eines fabelhaften hundsköpfigen Volkes, ist an die Stelle der in Wolfs- oder Bärenfell gekleideten langobardischen Vorkämpfer getreten. Im bayrischen oder Tiroler Raufer, der, wenn er keinen Gegner findet, wie ein Stier den Rasen ausrauft, lebt die alte Kampfeswut fort. Auf diese Nachtseiten menschlichen Geisteslebens fällt vom Seelenglauben her einiges Licht. Denn der eingebildete Wechsel der Hülle oder des Überwurfs, das alt nordische „hamskiptast“, woran das deutsche „Ausderhautfahren“ anklingt, deckt sich im wesentlichen mit der griechischen Ekstasis, dem Austritt nämlich der Seele aus dem Körper. Verläßt die Seele diesen im Tode dauernd, im Traume oder auch in der Ohnmacht vorübergehend, so macht sie sich auch in der Verzückung frei von ihm oder wird vielmehr seine Herrin. Sie reißt ihn mit sich in ihr neues fremdartiges Treiben hinüber. Der tief eingewurzelte Wahn, daß bei Tod und Traum die Seele eines kampflustigen Mannes als Kampftier, Wolf oder Bär, zum Vorschein komme, mochte im aufregenden Dunkel des Abends einen ruhelos tätigen Mann dazu aufstacheln, sich selber in ein solches Tier verwandelt zu fühlen. Er mochte seinen Sinnen und Gliedern eine melancholische Wildheit aufzwängen, wie sie den Wolf zu erfüllen schien, wenn er in der Stille der Nacht einsam die Herde würgte. Von demselben Wahn beherrscht konnten Leute das nächtliche Treiben ihres rücksichtlos rührigen Herrn leicht nach dieser Richtung hin deuten und seine etwaigen Erzählungen für wahr halten. Bis wie weit die Wirklichkeit dem Glauben entsprach? Man behauptet, den Werwolf könne man morgens mit bleichem Gesicht und Blut im Bart heimkehren sehen. Hieß doch auch der Verbannte, der wegen Friedensbruchs aus der menschlichen Gesellschaft Gestoßene, schon bei den Goten und den salischen Franken ein Warg, ein Wolf, oder ein Waldgänger, der im dunklen Wald ein Wolfsleben führte, ein Wolfshaupt, ags. wulfes heäfod, trug und überall auch im Heiligtum als „vargr i veum“, Wolf im Tempel, gehetzt wurde, gehetzt, so weit der Himmel sich wölbt und Menschen wohnen. Denn Bär und Wolf sind nach dem altnordischen Gesetz, wie nach dem Sachsenspiegel überall, selbst im Bannforst, friedlos. Die Werwölfe trieben in der dunkelsten Zeit des Jahres, in den Zwölf nächten, ihr Unwesen oder waren in dieser Zeit geboren. Legt ein Werwolf am 9. Tage oder auch erst im 3., 7. oder 9. Jahre sein Fell ab, so hängt das wieder mit dem Seelenglauben zusammen. Soeben ist mit geteilt worden, daß der in einen Seehund verwandelte Ertrunkene jeden neunten Tag seine Haut abstreife, um wieder Mensch zu werden, und überhaupt pflegt der Verstorbene, insbesondere der vorzeitig Verstorbene, am neunten Tag nach seinem Tode in Deutschland wie in Altgriechenland wiederzuerscheinen, wann nämlich die Zeit der ersten Versöhnungsopfer für die Toten abläuft. In Pommern heißen solche Wiedergänger Neuntöter, weil ihr werwölfisches Treiben neun Jahre dauert, ein Zeitraum, den in Griechenland die Selbstverbannung, das Wolfsleben, nach einem Morde erheischte. Ja der aus dem Grab gestiegene Wiedergänger geht mm geradezu als Werwolf um, wie im Jahre 1685 der verstorbne Bürgermeister von Ansbach. Die umgehende Leiche also nimmt nun wirklich die Gestalt des zauberisch verwandelten lebenden Menschen an. In Pommern namentlich werden nicht zur Rechenschaft gezogene Verbrecher nach ihrem Tode Werwölfe, die sich von Menschenfleisch nähren, sowie in der Normandie die Leichen Verdammter in Werwolfsgestalt Sarg und Hügel durchbrechen. Der englische König Johann ohne Land soll nach seinem Tode ebenfalls als Werwolf umgegangen sein. Wenn nun außerdem in Danziger Sagen dieser Gräberwerwolf zum Vampyr wird, so erkennt man wiederum, in wie alten Geleisen dieser düstre Glaube fährt. Denn der griechische Heros kehrt auch in Wolfsgestalt wieder und verübt Vampyrtaten. Auffallend erzählt die inselschwedische Sage, daß die Wölfe die Wiedergänger zerreißen, wo sie dieselben nur finden. Als ob sie in ihnen Nebenbuhler witterten. Die Berserkerwut aber gleicht mehr jener Ekstase der Bacchantinnen, die in der nächtlichen Feier des thrakischen Gottes Dionysos durch heftige Wirbeltänze zur Raserei gesteigert wurde. Mit geschwungnen Dolchen oder Thyrsosstäben, Schlangen würgend und zerreißend, trugen sie Feuer auf ihrem Lockenhaupt, ohne dessen Brand oder eine andere Wunde zu empfinden, und zerrissen mit ihren Zähnen das blutige Fleisch der Opfertiere, bis auch sie erschöpft zusammenbrachen. Hier haben wir die weibliche, griechische, dort die männliche, nordische Form der Ekstase; der wilde Tanz ist hier, der wilde Kampf dort die Triebfeder der Raserei. Von dieser Episode aus dem Seelentaumel Lebendiger rufen uns nun die Seelen der Toten wieder zu sich zurück. Denn außer dem Reiche der Lüfte und dem der Tiere sucht die Seele sich auch noch die gleichsam mitteninne liegende Pflanzenwelt dienstbar zu machen, diese jedoch nur mit halbem Erfolg. Die Bäume und Büsche, die um die Wohnung wuchsen, gehörten zwar auch, fast wie die Haus- und die besprochenen Seelentiere, mit zur Familie. Aber auf einen Fleck gebannt, zeigten sie doch kein ausreichendes Maß der Lebendigkeit, daß auch sie für wirkliche, vollgiltige Seelenverkörperungen gelten konnten. Um so besser eignete sich ihr dichtes, bald stummes, bald leise flüsterndes oder laut rauschendes Laub zum Aufenthalt der Seelen, namentlich solcher Verstorbener, die von ihrer heimlichen grünen Warte herab das Wohl der hinterbliebenen Ihrigen wachsam behüteten. Am längsten hat sich diese gewiss einst gemeingermanische Vorstellung im schwedisch-norwegischen Värd-oder Boträd Wacht- oder Hausbaum erhalten. Wir erinnern uns des Word, wie er als Schlange oder auch als Licht oder als des Menschen Scheinbild, also immer als Seele, sich offenbart, und der Boträd wird auch geradezu der Baum der Tomtegubber, der Gehöftsahnen, genannt, die im altschwedischen ,Seelentrost‘ sogar (tadelnd) Tomtegudha d. h. Gehöftsgötter heißen. Ein solcher Baum wurde durch Opfer und Gebet geehrt und von Schwangeren in ihrer Not umklammert, nicht weil er selber eine Seele oder ein Gott, sondern weil er der Sitz einer Ahnenseele, eines Schutzgeistes des Hauses, war. Darum leiteten manche schwedische Familien von einem solchen Baum ihren Namen ab, unter andern von einer dreistämmigen Hoflinde die drei Familien Lindelius, Tiliander (d. i. Lindemann) und die weltberühmte des Linnaeus oder Linn6. Aber der Glaube an eine eigentliche Verwandlung der Seele in einen Baum oder eine Blume, den Koberstein für altindogermanisch hält, scheint ein später zarter Seitenschößling des markigen Wiedergängerglaubens zu sein. Hin und wieder hört man z. B. von drei verfluchten und vom Blitz erschlagenen Jungfern, deren Seelen in drei große Bäume fuhren. Nach vielen Volksliedern und Ortssagen sprießen die Seelen Ermordeter oder unschuldig Gerichteter oder jung gestorbener Liebender aus dem Grabe oder dem hinströmenden Blut als weiße Lilien, rote Rosen, Myrthen und Epheu, ja als Eichen und Ebereschen hervor. Ruhen zwei Liebende darunter, so neigen und verzweigen sich die Gewächse, ,wär’n gern einander nah‘. In der englischen Ballade von Margret und William klettern die Rosenranken aus ihrer Brust sogar bis zur Turmspitze der Kirche, in der sie begraben liegen, empor und verschlingen sich hier in einen Liebesknoten.

„Das Gemüt vermag es nicht zu tragen, daß zwei jugendliche Wesen, deren Dasein soeben eines in dem andern erst erfüllt und vollendet werden sollte, so auf einmal auseinandergerissen oder beide zugleich der Zeitlichkeit entrückt sein könnten. Es ruft die Phantasie zu Hilfe, daß sie aus dem Tode ein neues Leben hervorgehen lasse, in dem sich das alte fortsetze, an das sich das Gemüt sinnlich halten, das es anschauen könne“.

Man könnte auch in den Grabesblumen gewaltsam oder unschuldig Getöteter ununterdrück-bare Zeugen der Unschuld sehen, die das von einer späteren Naturauffassung Tieren und Pflanzen beigelegte Mitgefühl unwiderstehlich aus der Unglücksstätte hervorgetrieben hätte. So wächst denn auch hinwiederum an solchem Ort kein Gras, und eine Fichte bleibt dort stets klein und dürr. Trostlose Trauer hängt darüber wie eine ewige Strafe. Aus dem Munde eines in der Schlacht gefallenen Königs wächst eine hohe Eiche, aus dem Grabe eines Selbstmörders ein Dornbusch oder eine Distel. Unter den alten Hagebuttensträuchem der nordfriesischen Gräber hausen Wiedergänger. Alle bisher besprochenen Seelenformen überbot an tiefer Gemütswirkung und poetischer Triebkraft weitaus die Erscheinung der Seele in Menschengestalt. Aus dem Traumbild oder auch dem wachen Phantasiebild, wie es im gram oder schreckerschütterten Gemüte der Überlebenden nach dem Tode eines verehrten, geliebten oder eines gefürchteten, gehaßten Angehörigen aufzusteigen pflegt, wurde ein mit voller Lebensgröße des Verstorbenen ausgestatteter Geist. Zuweilen schwebt er nur als ein Schatten vorüber wie der Geist von Hamlets Vater. Öfter aber ist der Wiederkehrende von Grabesdunst umwittert, entstellt oder verklärt, abgeblaßt oder gedunkelt, zuweilen ins Riesenhafte ausgereckt. Bald schwebt er still und flüchtig herbei, bald tritt er mit festem Fleisch und Bein in seiner leibhaftigen Gebärde und mit seiner Gemütsart mitten unter die Menschen, namentlich nach nordischer Sage mit übermenschlicher Höllenkraft ausgerüstet. In ihm, dem meist furchtbaren Heimsucher, aber auch wohl dem Helfer und Tröster der Überlebenden, dem phantastischen Wiedergänger, hat der Seelenmythus seinen höchsten, gleichsam klassischen Typus geschaffen und zugleich eins der wertvollsten Zeugnisse urältester Menschenkunde hinterlassen. Der an die Elemente, Tiere und Pflanzen geknüpfte Seelenglaube hatte entweder einen unbestimmten oder doch einen überwiegend ruhigen idyllischen Charakter, der Wiedergängerglaube legt wie kaum ein andrer das innerste Wurzelwerk der ältesten menschlichen Seele bloß. Aus ihm strömt eine leichenduftige und doch zum Leben drängende Poesie hervor, welche die ganze Tonleiter menschlicher Gefühle von der jämmerlichsten Gespensterangst durch die heißesten Gewissensqualen und die ergreifendsten Muttersorgen hindurch bis zu dem andachtsvollen Schauer durchläuft, den auch wir vor einer überirdischen Geistermacht empfinden. Der Ursprung dieses wilden, lebenssehnsüchtigen Glaubens, der doch auch ausnahmsweise so innig und zart sein kann, liegt in jener fernen Steinzeit, wo man die Toten, ihre ganzen Leiber, begrub, nicht in der späteren Zeit des Leichenbrandes, der nur ein paar Knochen in einem Häufchen Asche zurückließ. Er liegt in jener Zeit roher Gewalttat, Blutrache und Selbsthilfe, in der der Mörder nach seiner Untat zwar Gewissensangst nicht empfinden mochte, wohl aber das verwandte unbezwingbare Gefühl, daß der Gemordete ein Recht auf Vergeltung habe und zuraal, wenn dieser keine rächenden Erben besaß, als Ungesühnter sich selber zu blutiger Sühne erheben müsse. Denn seine ergrimmte Seele lebte und vermochte den begrabenen Leib zu vorübergehendem Nachleben mit sich fortzureißen, wie die Werwolfsseele den lebendigen in die ihr entsprechende Gestalt zwang. Aber nicht nur Ermordete kamen wieder, sondern alle, die im Leben oder im Tode nicht ihr Recht bekommen hatten, die, vor der Zeit gestorben, vom Leben nicht lassen wollten, oder die ungenügend bestattet waren. Wiederum liegt uns in der Wiederkehr solcher Toten ein indogermanisches Glaubensstück vor. Schon im alten Indien plagten Wiedergänger ihre Hinterbliebenen und fuhren die Seelen ungeborener Kinder als Blutsauger um. Die Preta d. h. die Hingegangenen irrten zunächst hungernd auf Erden umher, bis sie durch ein besonderes Opfer zu den Pitaras oder Ahnen ins Jenseits geführt waren. Die Pitaras aber schützten oder straften ihre Nachkommen, je nachdem sie geehrt oder vernachlässigt wurden. Ein aus Kummer über die Untreue seiner Frau gestorbener Mann kommt jede Nacht, sie zu peinigen. Doch man verwarf den Glauben, daß Hausväter nach ihrem Tode als Dämonen ihre Gräber auf suchten. Für das Kastenwesen ist dieser alte Glaube verwertet, wenn im Mahabharata die Brahmanenhasser nach dem Tode zu Unholden werden. — Die Perser dachten offenbar ähnlich. Denn Xenophon scheint ihren Glauben richtig aufgefaßt zu haben, wenn er den sterbenden König Kyros daran erinnern läßt, daß die Seelen derer, die Unrecht erlitten, den Mördern Schrecken einflößten. In Griechenland spielte der Glaube an die Wiederkehr der Toten in verschiedenen Farben. In der Ilias fleht die Seele des Patroklos, in Euripides’ Hekuba der Schatten des ermordeten Polydoros um Bestattung, beide, weil sie Ruhe finden möchten. Nach Hesiod werden die Menschen des ältesten, goldenen Geschlechts nach ihrem Tode Dämonen auf der Erde, Wächter der Menschen, die ,in Nebel gehüllt‘ d. h. unsichtbar Recht und Unrecht beobachten. Plato gab, wenn er auch etwas von seiner Philosophie hineinvernünftelte, doch deutlicher den volkstümlichen Grund der Unruhe gewisser Toten an. Seelen, die ihre Sinnlichkeit nicht ablegen, meint er, umschweben längere Zeit ihre Gräber, da die sinnliche Leidenschaft die Seele wie mit einem Nagel an den Körper hefte und sie selber fast körperlich mache. Der Gemeinglaube aber kannte zwei große Klassen von Wiedergängem, nämlich die Aoroi, die vor der Zeit Gestorbenen, und die nach dem Tode Vernachlässigten. Zu jenen gehören die eines gewaltsamen Todes, sowie die kinderlos oder unverheiratet Gestorbenen, zu diesen die Unbestatteten, auch die ohne die gebührlichen Totenopfer Gelassenen. Was ihnen lebend oder tot entzogen wurde, suchen ihre Seelen einzubringen, indem sie entweder einzeln als rachgierige Irrgeister Alastores umgehen oder scharenweise im Heer der Hekate beängstigend einherziehen. Namentlich die Heroen mit ihrem reizbaren Ehrgefühl machen gefürchtete Angriffe auf ihre Beleidiger. Sie quälen mit vampyrartigem Alpdruck, stürzen ganze Familien ins Verderben, erwürgen jeden, der ihnen begegnet, und verhängen sogar über weite Landschaften Dürre und Seuche. Darum spielen sie im Zauberwesen einst wie heute eine bedeutsame Rolle. Aus dem Grabe trieb es noch die widerwillig zum Christentum bekehrte „Braut von Korinth“, den ihr genommenen heidnischen Bräutigam zu umarmen und seines Herzens Blut zu saugen. Der neue Glaube vermochte nicht diesen mächtigen Zug nach Vergeltung und Befriedigung zu ersticken : die Manes, die Ahnen, auch noch christlicher Römer wurden durch Rachsucht oder Mitleid auf die Oberwelt zurückgeführt. Bei allen Germanen hieß oder heißt dieses Wesen der Wiedergänger, französisch reve, oder allgemeiner Gespenst, Draugr, Trugbild, mundartlich , Nachsehr er, Neuntöter. Sein Tun ist der Wiedergang, der Nachspuk, das Umgehen. Groß ist die Schar der germanischen Wiedergänger: Ermordete, Ertrunkene, Verhungerte, Liebende, Kindbetterinnen und diejenigen, die in ihrer Sterbestunde nicht den Beistand ihrer Söhne oder nicht ein ehrliches Begräbnis gefunden haben; aber auch solche, denen noch im erkalteten Herzen der Gedanke an ihre Untat oder auch die Sorge um Hab und Gut brennt, oder denen ein Gelübde oder auch die Lust am Saus und Braus der Jagd keine Ruhe läßt, oder Kinder, die hilflos oder, wie man später sagte, ungetauft dahingerafft sind. Nach diesen ihren verschiedenen wirklichen Schicksalen gestaltete sich das Nachschicksal, das Schein- und Trugleben des Wiedergängers, das ihn rächen, sühnen, trösten, befriedigen, schadlos halten soll, sehr verschieden. Und so bekommt jeder dieser so schroff abgerissenen Lebensläufe ein meist unheimliches, zuweilen aber unsäglich rührendes Nachspiel; der schrille Schlußakkord ihres Lebens klingt noch einmal dumpf wider. Die ältesten Wiedergänger scheinen die Seelen von Ermordeten und Mördern gewesen zu sein, von denen der eine den andern zum Bruch der Grabesruhe aufregt. Schon die bloße Nähe des Mörders, des „Mortmeilen“, macht das starre Blut des auf der Bahre liegenden Erschlagenen fließen. Als Hagen an Siegfrieds Bahre trat, „flössen die Wunden sehr“. Als Richard Löwenherz sich der Leiche seines königlichen Vaters näherte, da brach aus dessen Nase das Blut hervor, als ob es zu Gott über den schreien wollte, der für die Ursache seines Todes gehalten wurde. Im Jahr 1503 troff das Blut einer aufgegrabenen Baslerin durch die Bahre, als ihr Mann ihre Ermordung abschwören wollte. Der schon indische Glaube an dieses in Mitteleuropa freilich erst in den französischen Artusromanen des 12. Jahrhunderts bezeugte Bahrgericht scheint im badischen Volke selbst heute noch nicht ganz erloschen. — Ermordete und andere Verunglückte müssen nach ostdeutschem Glauben so lange umgehen, als sie noch hätten leben können. Nach altnordischem Gesetz begrub man mit Tod gestrafte Verbrecher auf der Flutgrenze, als ob das wiederkehrende Wasser seine Wiederkehr hindern solle. Die Bedeckung, das Hüllen „hylja“ der Leiche, wurde später im Norden gesetzliche Pflicht eines jeden, der den Leichnam fand; sogar der Mörder hatte sie an seinem erschlagenen Gegner zu erfüllen. Unterließ er sie, so wurde er eben deswegen geächtet und fühlte sich selber der Rache des wiederkehrenden Gemordeten mm aus doppeltem Grunde preisgegeben. Nach dem angelsächsischen Gesetz soll der Mörder dem Getöteten nichts nehmen, sondern ihn auf den Schild legen, das Haupt nach Westen, die Füße nach Osten gerichtet. Mit solcher Strenge wahrte das bajuwarische Volksrecht die Unverletzlichkeit der Toten, daß selbst derjenige, der beim Wegschießen der Aasvögel die Leiche mit dem Pfeil verwundete, in Todesstrafe verfiel. — Unter den Mördern sind vorzugsweise die Selbstmörder zur Wiederkehr geneigt; sie müssen fort und fort nach dem Ort ihrer Entleibung hinwandeln, der für so unheimlich gilt, daß man dort nicht ruhig sterben kann. Nach altschwedischem Gesetz sind sie zu verbrennen, damit sie nicht nach ihrem Tode andres ehrliches Volk heimsuchen. Geschwächt kommt der Wiederkehrsgedanke zu neuerem Ausdruck, wenn die Hand des Vatermörders, ja des Kindes, das nach den Eltern geschlagen hat, sowie die des Meineidigen, Diebes, Baumfrevlers sich aus dem Grab emporstreckt. — Ertrunkene wollen ihr Teil am Totenmahl: so tritt der ertrunkene Isländer Thorodd noch naß mit seinen Unglücksgefährten neun Tage nach seinem Untergang in die Halle, wo man bereits zu seinem Totengedächtnis das Erbbier trinkt. So behält auch in Schwaben das Wasser den Ertrunkenen neun Tage, um ihn dann wieder auszuwerfen. In Steiermark wandelt der Ertrunkene so lange in der Nähe seiner Unglücksstätte, bis er einen verlockt hat, ebenfalls zu ertrinken. — Furchtbar rächen sich die nicht gebührlich Bestatteten. Nach der altisländischen Eyrbyggjasaga schieden eines Abends der herrische Thorolf und sein Sohn in Groll von einander. Heimgekommen setzte sich der Alte in seinen Stuhl, sagte nichts, aß nichts; seine Leute gingen schlafen. Als sie andern Morgens wieder eintraten, sitzt Thorolf noch immer da — tot! Als der herbeigerufene Sohn bemerkt, wie das Gesinde über den auf dem Antlitz des Toten lagernden Unmut erschrocken ist, nähert er sich dem Stuhle von hinten, zieht den schweren Greis rückwärts auf seine Schultern und schlägt seinen Mantel um dessen unversöhntes Haupt. Darauf läßt er die Wand durchbrechen, und durch das Loch, das dann wieder geschlossen wird, schleift er ihn ins Freie. Wozu das alles? Zu der germanischen Totenbesorgung, den nordischen „näbjargir Totenhilfen“, wie zu den griechischen gehörte es, gleich nach dem Eintritt des Todes dem Verstorbenen die Augen zuzudrücken, wie es scheint, damit nicht der unheimlich gebrochene Blick als „böser Blick“ Unheil stifte. In Deutschland belegte man noch dazu Augen und Mund mit einem Sternchen oder Geldstück, das ursprünglich ebensowenig wie die griechische Beigabe des Naulon oder Fährgelds für einen unterirdischen Fergen bestimmt, sondern eine Geldabfindung für den Toten war. Dem gefürchteten Verstorbenen zog man in anderen altnordischen Sagen auch eine Haut über den Kopf. Ähnlich wie den Thorolf im Norden, schleifte man in Deutschland einen toten Missetäter unter der Schwelle hindurch, damit er den Heimweg nicht fände, ja noch heute wird hie und da aus demselben Grunde die Leiche nicht durch die Türe, sondern durch das Fenster hinausgebracht. Aus Furcht vor der Wiederkehr bricht man auch im fernen Indonesien eine Öffnung durch die Mauer. Aber den vernachlässigten Thorolf bezwangen alle solche Vorsichtsmaßregeln nicht; nach Sonnenuntergang tobte er furchtbar unter Mensch und Vieh und verwüstete selbst den Acker, bis er umgebettet und sein neues Grab hoch umzäunt wurde. Viele brechen ihren eigenen Grabesfrieden aus unstillbarer Kampfbegier, Waidlust, Habgier und aus Geiz. Gleich den marathonischen Kämpfern erheben sich die Gefallenen der katalaunischen Schlacht zu neuem Waffengange. Hilde, Högnis Tochter, weckt auf der Insel Haey durch Zauber die samt ihren Waffen zu Stein gewordenen Erschlagenen wieder auf, und so sollen sie immer wieder kämpfen bis zur Götterdämmerung. Nach einer deutschen Sage sprangen einmal Tote aus den Gräbern den Ihrigen bei, als diese schon unterliegen wollten. Leidenschaftliche Jäger, später namentlich solche, die ruchlos den Feiertagsfrieden nicht geachtet haben, gesellen sich als Wiedergänger der wilden Jagd bei. Leidenschaftliche Hauswirte kommen wieder. Der Isländer Vigahrapp ließ sich dicht unter der Küchentür stehend begraben, um von dort aus nach seinem Tode die Wirtschaft bequemer überwachen zu können. Weil ihm aber die Knechte nicht genügten, quälte und tötete er sie voll Zorns, ja er verödete dann seine ergibigen Äcker, Lachs- und Seehundweiden. Darum grub man ihn wieder aus, verbrannte ihn und streute seine Asche ins Meer. Milder als der Isländer verfuhr der Geist eines oberschwäbischen Bauern, der seiner Kinder wegen gern nach Scheuer und Stall schaute und jeweils den saumseligen Knechten eine „Humse“ Ohrfeige versetzte. Fridthiofs Vater will dem Grabe seines Königs gegenüber am Strande begraben sein, daß sie sich bequem über den Fjord hinüber zurufen können, wenn Wichtiges bevorsteht. — Endlich haben Geizhälse, Wucherer, Betrüger, Wortbrüchige, ja in Norwegen selbst Trunkenbolde und Spötter keinen Grabesfrieden, sondern gehen um. Zumal in den langen Winternächten um Weihnachten. Da läßt sich der gottlose Fastenverweigerer anfangs undeutlich sehen. Die Kühe, die ihn erblicken, werden wild und stoßen einander, die Menschen verlieren den Verstand, mit zerbrochenen Knochen findet man sie am andern Morgen. Und selbst der furchtloseste aller Menschen, Grettir, ist einer Ohnmacht nahe, als er den von ihm besiegten Wiedergänger bei seinem Fall seine grauen Augen starr auf den Mond richten sieht. Um ihn dann unschädlich zu machen, wird sein abgeschlagener Kopf gegen seinen Hintern gesetzt und auf „kalten Kohlen“ verbrannt. Mit versöhnendem Glanz leuchtet in dieses Reich düsterer Vorstellungen die Liebe hinein, die Brautpaars-, die Gatten- und die Mutterliebe. Die Mitglieder eines eng verbundenen Menschenpaars treibt es zu einander, aus dem Leben zum Tode, aus dem Tode zum Leben, mit unwiderstehlicher Sehnsucht, mit unverbrüchlicher Treue. Der Wiedergängerglaube verklärt sich zu imvergänglicher Poesie. Im zweiten Eddaliede von Helgi, dem Hundingstöter, nimmt Odin den gefallenen Helden in Walhall auf. Aber es wird ihm eine „Heimfahrt“ erlaubt, und die Magd seiner Witwe Sigrun sieht ihn mit stattlichem Gefolge zu seinem Grabhügel reiten und berichtet der Herrin, das Grab Helgis sei offen, der Fürst sei gekommen und bitte sie, das Bluten seiner Wunden zu stillen. So ging denn Sigrun ins Grab zu Helgi und sprach:

„Nun will ich küssen dich leblosen König, Bevor du die blutige Brünne abwirfst. Dein Haar ist, mein Helgi, von Reif durchdrungen, Ganz bist du von Leichentau bespritzt.“

Darauf er:

„Du allein verschuldest, Sigrun von Sefafjöll, Daß Helgi mit Leidestau benetzt ist. Du weinst, Goldgeschmückte, grimme Zähren, Du Sonnenhelle, eh’ schlafen du gehst. Jede fällt blutig auf die Brust des Helden, Naßkalt, tiefdringend, kummerschwer.“

Und nun trinken sie zusammen im Hügel köstlichen Trunk, und selig ruht sie die Nacht dem Toten im Arme, bis es Zeit für ihn ist, auf fahlem Rosse die morgenroten Himmelswege zu reiten. Es war ein alter, mm den alten Weibern überlassener Glaube — so heißt es in einem Prosazusatz zum Gedicht —, daß die Beiden wiedergeboren seien, er als ein anderer Helgi und sie als Kara. Es ist der höchste Schluß des Wiedergängertums, der auch noch hie und da im Norden gezogen wird: die Wiedergängerseele kommt nicht zu einem bloß scheinbaren, sondern zu einem vollen neuen Leben wieder. Und zwar kann sie auch nach dem Prosazusatz in einer andern Person wiedergeboren werden, sich also auf die Seelenwanderschaft begeben. Denn auch die Seelenwanderung war dem Norden nicht ganz fremd. Das Gedicht aber gibt der alten einfachen Wiedergängersage, die offenbar an das irdische Grab als alleinigen Wohnsitz des Toten gebunden war, ebenfalls eine andre neue Wendung. Sie spielt sich nun, der Einheitlichkeit des Schauplatzes beraubt, auf dem prunkvolleren Hintergrund des später erfundenen Totenreiches, der Walhalla, ab. Das germanische Volkslied aber bewahrt überall die ältere einfachere und wohl ergreifendere Fassung. Der dänische Ritter Aage kehrt aus dem schwarzen Grund zu seiner herzwunden Braut Else zurück die ihn fragt, wie es in seinem Grabe sei, indem sie unter Tränen seine welken Haare kämmt. Er antwortet:

„Jedesmal daß du dich freuest, Und dir ist froh dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Mit Rosenblättern rot: Jedesmal daß du voll Sorgen Und dir ist schwer dein Mut, Da ist mein Sarg gefiillet Ganz mit geronnenem Blut.“

So folgt sie dem wieder Versinkenden in den schwarzen Grund, sowie in Schottland Margarete, bis an die Kniee geschürzt, dem Geist ihres Wilhelm durch die lange Wintemacht nacheilt, bis der Hahn kräht und er verschwindet im Nebel und läßt sie ganz allein. Da bricht ihr holder Leib tot zusammen. Und mm steigt vor uns jenes unvergleichliche Stimmungsbild des deutschen Volksliedes auf, aus dem Bürgers Lenore hervorgegangen ist: Der Mond scheint so helle, Die Toten reiten schnelle. „Feins Liebchen, graut dir nicht?“ Im Volkslied des mährischen Kuhländchens nässen die Tränen der Witwe das Hemde des Eheherrn im Grabe so sehr, daß sie, wie sie davon hört, hineindringt, um immer bei ihm zu bleiben. Umgekehrt kommt in Pommern die heißgeliebte Frau allnächtlich aus ihrem Grabe ans Bett ihres Gatten, um ihm freundlich zuzusprechen, bis er eines Morgens auf ihrem Grabe gefunden wird, lang ausgestreckt, als ob er das Gras hätte küssen und mit seinen Armen umfangen wollen. Milder und behaglicher äußerte der Iarl Thorgnyr seine Anhänglichkeit an die verstorbene Gattin, wenn er gern auf ihrem nah bei der Wohnung gelegenen großen Grabhügel bei guter Mahlzeit saß, Rat erteilte und den Spielen zusah. Wie leidenschaftlich tanzt dagegen die tote Braut im Aargau auf dem Kreuzweg so lange fort, bis ihr der Bräutigam nachstirbt! Man mag sie im Wirbelwind, der die Kreuzwege liebt und Windsbraut heißt, zu sehen geglaubt haben. Alt ist auch die rührende Geschichte von der Wiederkehr der im Kindbett verstorbenen Mutter zu ihrem hinterbliebenen Kinde. Wochenlang kommt sie in jeder Mitternacht mit leisen Tritten, das Licht verlischt, und bald hört man das Kind an ihrer Brust begierig saugen, oder sie kocht ein Müslein und wäscht die Windeln. Sie wiegt und singt es ein, bei ihm wachend bis zum ersten Hahnschrei. In Oberelsaß tränkt die Mutter Gottes, auf die die Mutterpflichten übertragen sind, in stillen Nächten gütig das mutterlose Kindlein am Milchbrunnen. Dann lächelt es am Morgen in der Wiege mit seinem Milchbärtchen. In Schlesien bereitet man solcher Kindbetterin das Bett. Wo man aber ihre Wiederkehr nicht wünscht, breitet man die Windeln ihres Kindes, mit Steinen beschwert, über ihr Grab. So bleibt sie dort. Grausam hielt man zu Burchards Zeit, um das Jahr 1000, eine samt ihrem Kinde in den Wochen gestorbene Frau fern; man heftete beide mit einem Pfahl im Grabe fest. Auch ein imgetauft gestorbenes Kind durchbohrten Weiber mit einem Pfahl, damit es sich nicht aus dem Grabe erhöbe und Schaden anrichte. Nach der neueren Sage tritt das Kind in seinem Totenhemdchen vor der weinenden Mutter Bett und fleht:

„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Leichenpfählungen trafen nach Saxo Grammatikus auch den blutsaugenden Wiedergänger Asvit und sollen noch in neuerer Zeit in Pommern tote Kindbetterinnen und ungetaufte Kinder getroffen haben. Oder man trennte des Wiedergängers Kopf ab oder durchschlug ihm die Sohlen. Oder man grub ihn, wie Thorolf und Vigahrapp, wieder aus und verbrannte ihn. Erklärt sich daraus, daß so manchen Toten Kopf, Hände und Füße, abgeschnitten und verbrannt, neben den übrigen Gliedern beerdigt wurden und in andern Gräbern wiederum nur der Schädel vorhanden war? Das waren übrigens nicht besonders germanische Maßregeln, sondern z. B. die Griechen ergriffen gleich erbarmungslose. Die Inder legten der Leiche nur eine Fußfessel an, um sie an der Wiederkehr zu hindern. In Altgriechenland aber schnitt der Mörder wohl dem Erschlagenen einzelne Glieder ab, um ihn zu schwächen, und hängte sie sich um den Nacken. In Neugriechenland nagelte man die Hände und die Füße des Wiedergängers fest, oder man riß ihm das Herz aus, zerstückelte und verbrannte es, oder man verbrannte den ganzen Körper. Den Wiedergänger unschädlich zu machen, beabsichtigt auch der uralte weltweite Brauch, Steine auf eine Mordstätte zu werfen. Zauberer, Räuber, Geächtete, selbst noch nicht ganz tote, steinigten die Nordleute, tun sie von weiterer Untat abzuhalten, und warfen noch später beim Vorübergehen Steine auf solche Haufen in demselben Sinne. In Schweden fürchtete man andernfalls von dem Erschlagenen irregeführt zu werden. Nach oldenburgischem und voigtländischem Glauben schafft am besten eine tiefe Einsenkung der Leiche oder eine feste Rasendecke der armen Seele Ruhe. Ein geistigeres Mittel war die Beschwörung, mit der man in England Wiedergänger feierlich in die See und in Deutschland später ein Geistlicher in den Wald oder auf einen hohen Berg z. B. den Feldberg bannte. Aber nicht nur gegenüber den zur Wiederkehr durch ihr Schicksal bestimmten Toten, sondern auch gegenüber den unter gewöhnlichen Umständen Verstorbenen und gebührend Begrabenen überwog die Furcht oder doch die Vorsicht die hingebende Verehrung, die sich erst später und auch dann nur vorzugsweise unter den höheren Ständen breitere Bahn machte. Hingen doch auch die gutmütigen und ungekränkten Sterbenden so fest am Leben, daß ihnen schon jedes Bedauern der Anwesenden das Sterben schwer machte. Die Furcht war der Grundzug der altgermanischen Totenbehandlung, wovon Burchard von Worms ums Jahr 1000 das erste vollere Zeugnis ablegt.

Er erwähnt nicht nur jene schauerlichen Pfählungen von Mutter und Kind, sondern auch lustige Leichenwachen, Körnerverbrennen und Kammklappem im Sterbehause, Aufsetzen des Sarges auf die Mitte eines auseinander gezogenen Wagens, Schütten von Wasser unter die Totenbahre und anderes. Aber auch die Volksüberlieferung ist hier besonders reich und fest. Durch ganz Deutschland und auch im Norden wurde der Seele des Verstorbenen alsbald das Fenster zu freiem Davonflug geöffnet, wo sie nicht etwa leicht von der freien Diele aus durch ein Loch im Dache oder den Schornstein entkommen konnte. Jeder Topf wurde umgekehrt, daß sie unterwegs nicht unterschlüpfe, das Geschirr des Toten zerschlagen, daß es ihn nicht festhalte. Nichts im Hause durfte rundum gehen, kein Spinn-, noch Wagenrad, etwa tun ihn nicht aufzuregen. Andererseits wurde alle Frucht gerüttelt, Wein und Bier geschüttelt, damit das nicht abstände, alles Vieh im Stalle aufgejagt und diesem, wie auch den Bienen, ja selbst den Bäumen der Tod angesagt und alle Schlafenden im Sterbehause geweckt, damit sie nicht mitstürben. So lange der Tote auf seinem Bett oder auf Stroh oder auf einem Brett im Hause lag, mußte er durch die Leichenwache nicht nur behütet, sondern auch ergötzt werden. Sie dauerte schon im Nibelungenlied drei Tage und drei, jetzt meistens zwei Nächte, ln guter Laune sollte er von den Lebenden scheiden, auch vielleicht derbe Scherze ihr Grausen betäuben. Singen und Lachen, Tanz und Vermummung bei Leichenwachen hatten im 10. und 11. Jahrhundert Regino von Prüm und Burchard von Worms zu verdammen, und im 13. sah sich das alte Stadtrecht von Zwolle genötigt, die Zahl der Wächter auf zwölf Männer und nur vier Frauen zu beschränken. Die Kurfürsten von Köln wiederholten im 18. Jahrhundert ihre scharfen Verbote gegen die Gelage und unzüchtigen Spiele der Leichenwachen, die man noch neuerdings im westfälischen Sauerlande untersagte wegen ihrer Stelldichein und tollen Pfänderspiele. In Tirol und im Schwarzwald beten die Wächter meistens, aber sie spielen und trinken auch dazwischen und erzählen sich lustige Geschichten. Auch in Skandinavien dauern die Leichenwachen fort. Daß in dem Hause, wo ein Toter lag, nach Burchard Korn verbrannt wurde, scheint auch germanisch, wenigstens werden noch in Westfriesland, freilich mit Bezugnahme auf die Dreieinigkeit, drei Handvoll Gerstenkörner um den Toten ausgestreut, in deutschen Sagen wird Korn auf die Gräber geworfen, und man hat auch im Innern derselben Korn gefunden. Burchard verbietet ferner den Frauen, ihre Weberkämme über der Leiche zusammenzuschlagen, was wohl die Seele verscheuchen sollte wie jenes Wehen mit Tüchern. Die Leiche darf noch an vielen Orten in Deutschland, Holland und Schweden nur so aus dem Bett oder dem Hause getragen werden, daß ihre Füße in der Richtung der Tür bleiben; so wird sie den Rückweg nicht finden. So lag schon Patroklos’ Leichnam mit dem Gesicht der Zelttüre zugewandt. Nach Burchard goß man, wenn die Leiche aufgehoben wurde, schweigend Wasser unter die Bahre, wie man dem Sarge heute in einzelnen Gegenden Wasser, hie und da auch Mehl, Asche, Feuer nachwirft, sogar dreimal. Oder man stellte, namentlich in Niederdeutschland und Ostholland, eine Schüssel Wasser unter oder an das Bett. Daraus hat sich auch wohl ein Seelenbad entwickelt, das man dem Toten ans Fenster setzt. Auch wird die Stube hinter der Leiche ausgefegt oder auf die Schwelle zur Abwehr ein Besen oder Stahl oder eine Axt gelegt. Die Leiche darf nicht höher als kniehoch in Westfriesland gehoben werden, nach Burchard aus Gesundheitsrücksichten. In Holland setzt man die Leiche noch hie und da auf einen sogen. ,Lank wagen*, der aus zwei durch einen langen Wagenbaumverbundenen Rädergestellen besteht; einen solchen auseinander geteilten Leichenwagen kennt auch Burchard. Das Reve- oder Leichenstroh ließ man bis vor kurzem in Westfalen auf dem Leichen weg, in Österreich auf dem Acker des Verstorbenen, in Holland auf einen Kreuzweg fallen und verbrannte es auch wohl vor dem Begräbnisplatz. So wurde die letzte Verbindung zwischen dem Toten und seinem Hause verweht und zerstört. Ausschließlich nur mit Leichen befahren wurde auch in Bayern der Toten weg, in Holland der Lijk-, Nood- oder Reeweg. Dem Toten gebührt die Totenklage, über die schon Tacitus in scharf zugespitzten Antithesen sich äußert.

„Die Deutschen legen das Jammern über den Tod schnell, den Schmerz langsam ab. Doch gilt bei den Frauen die Klage für ehrenvoll, bei den Männern die treue Erinnerung.“

Freilich übermäßige Klage stört die Totenruhe. Aber Klagen wurden angestimmt bei der Bestattung der Westgotenkönige Alarich und Theoderich und des Langobardenkönigs Alboin, und Beowulfs Grabhügel umritten zwölf Edelinge und priesen trauernd der Männer mildesten. Der Indiculus des 8. Jahrhunderts bekämpfte die „dadsisas“ die Totenklagen, die im 10. Regino von Prüm „Teufelsgesänge“ schimpfte. Man könnte fremden Einfluß vermuten, wenn bei den Deutschen in Siebenbürgen, Ungarn und Krain eigens bestellte Klageweiber ihre Weisen beim Begräbnis absingen. Aber im elsässischen Münstertal stürzen wohl noch nach einem Todesfall sofort laut schluchzende Weiber ins Sterbehaus, sowie bei Mülheim a. d. Ruhr noch kürzlich Frauen aus der Totenklage ein Gewerbe machten. In Schlesien aber darf man keine Träne auf die Leiche fallen lassen, weil sonst ihre Ruhe gestört oder der Weinende ihr nachgezogen wird. Weitaus die ältesten Zeugnisse für den Seelenglauben, ja für den Glauben der Germanen überhaupt liefert die Totenbestattung. Die Anlage, die Bauart und der Inhalt der Gräber geben mannigfachen Aufschluß über die Sinnes weise der näheren und der fernsten Vorzeit. Freilich sind aus der ältesten Steinzeit, in der die Menschen sich mit plumpen, grob zugehauenen Werkzeugen aus Feuerstein behalfen, Gräber nicht mit Sicherheit nachweisbar, vollends nicht germanische; die Leichen scheinen damals ohne besondere Bräuche nachlässig verscharrt worden zu sein. Mit der jüngeren Steinzeit aber begann eine sorgsame Beerdigung des Körpers, die nach vielen Jahrhunderten ihres Bestandes der Leichenverbrennung wich, um diese dann wieder überall zu verdrängen, so daß der Leichenbrand in dieser mehrtausendjährigen Geschichte gleichsam nur eine Episode bildet. Auch scheint er bei einigen Stämmen der Germanen nicht recht emporgekommen zu sein, wenigstens nicht bei den niederen Ständen. In der jüngeren Steinzeit baute man aus Steinen dem Toten zuerst kleinere Stuben, erweiterte sie dann zu den großen Riesenstuben oder Hünenbetten und ging dann mit Beginn der Bronzezeit, etwa seit 1500 v. Chr., zu der Steinkistenform über, einem bloßen Sarge. Meistens im norddeutschen oder dänischen Flachlande gelegen, wurden diese Steinhäuser aus mtihsamst zusammengeschleppten Findlingsblöcken hergestellt. Nichts kann den schwermütigen Reiz der Heide oder der Waldeinsamkeit mehr erhöhen als ein Hünengrab, dessen Felssteinmauem, halb oder ganz mit Erde bedeckt, von einem weiteren Steinkreise wie ein Heiligtum umzäunt sind. Dennoch war dieses ursprünglich wohl weniger ein eigentliches, der Andacht geweihtes Denkmal, als vielmehr ein festes Haus, das die Toten schützen, aber auch einschließen und von der Wiederkehr zu den Lebenden zurückhalten sollte. Die Gerippe liegen oder hocken in den geräumigeren Gräbern in größerer oder kleinerer Gemeinschaft, neben sich hochhalsige Krüge, trefflich geschliffene Steinbeile und oft auch schon gebrauchtes, ziemlich wertloses Gerät. Brandreste in den Kammern scheinen darauf hinzuweisen, daß man die Toten von Zeit zu Zeit durch Feuer erwärmte, um ihnen ihre dunkle Wohnstatt möglichst behaglich zu machen. Man dachte sich also die Toten noch fortlebend, doch nur eine Weile fortlebend. Denn wenn Gerippe später Verstorbener hineingelegt wurden, so wurden die älteren bei Seite geschafft und unordentlich aufeinander gestapelt. Nach dem Schädelbefund waren sie Germanen. Diese ältesten Germanengräber bedecken den nördlichsten Teil eines ungeheuren bogenförmigen Steingräberstreifens, der von Indien bis nach Spanien und von da durch Westeuropa bis an die Weichsel und nach Schweden reicht. Man vermutet, daß die im Morgenland üblichen einfachen Felsengräber die Vorbilder dieser zwar künstlicheren, aber immerhin noch einfacheren Steingräber gewesen seien, die in den ägyptischen Pyramiden und den mykenischen Kuppelgräbern ihre höchste Kunstform gefunden hätten. Wie dem sei, jedenfalls ist der Glaube an jene sehr bedingte Unsterblichkeit mit der von Volk zu Volk getragenen alten Kulturmitteilung der Steingräber nicht so fest verknüpft, daß er nicht auch schon vorher hätte gewonnen werden können. Doch mag er in dieser eingeführten fremden Grabform eine neue Stütze gefunden haben. Noch bis in die ältere Bronzezeit hinein, in der die Steingeräte den Bronzegeräten wichen, bis etwa zum Beginn des letzten vorchristlichen Jahrtausends, wurden die Leichen unverbrannt in Steingemächern oder nun auch in Steinsärgen beigesetzt. Nicht lange vor der jüngeren Bronzezeit aber, die im Norden etwa mit dem 8. Jahrhundert v. Chr. anhob, wurde der ebenfalls aus dem Orient herübergebrachte Leichenbrand bei den Germanen üblich. Er scheint aus einem Umschwung des Glaubens hervorgegangen zu sein. Wollte man die Seele vom toten Leibe entschiedener loslösen und aus der dumpfen Grabesruhe befreien, ihr einen anderen lichteren Raum zum Weiterleben schaffen? Nach der ältesten indischen Urkunde, dem Rigveda, gibt es unverbrannte und verbrannte Ahnen. Für den imverbrannten wird bei der Totenfeier gebetet:

„Spring auf, o Erde, presse dich nicht nieder. Umhüll ihn, Erde, wie den Sohn die Mutter hüllt in ihr Gewand“ (10, 18, 11).

Dagegen führt die Seele des Verbrannten auf dem Feuer leicht wie auf einem Wagen ins Reich des Totengottes Iama und vereint sich mit ihm und den Ahnen, mit neuem Leibe glänzend (10, 14, 8). Nach der Ilias 7, 410 werden die Toten erst durch ihre Verbrennung besänftigt, nach der Odyssee 11, 222 vernichtet das Totenfeuer die Sehnen, die Fleisch und Gebein Zusammenhalten, die Seele aber fliegt frei davon. Von Kleinasien, wo die homerische Dichtung entstand, kam der Leichenbrand erst im 7. Jahrhundert nach Attika, und die römischen Zwölftafeln des 5. Jahrhunderts kannten beides, das Beerdigen und das Verbrennen. Die Germanen legten die verbrannten Gebeine in einem Tongefäß in einem kleinen von Steinen umgebenen Raum oder auch in einer Holzkiste oder auch ohne Behälter in der Erde nieder. Aber dann wurde nach altem Brauche, wie früher über den unverbrannten Gerippen, auch über den verbrannten ein Hügel gewölbt. Weit jünger als die germanischen Aschenurnen der jüngeren Bronzezeit ist das älteste literarische Zeugnis, das des Tacitus:

„die Leichen berühmter Männer werden auf bestimmten Holzarten samt ihren Waffen und auch wohl ihrem Rosse verbrannt.“

Aber gerade bei den westdeutschen Stämmen, die Tacitus am genauesten kennt, ist dieser Brauch schon vor dem 5. Jahrhundert wieder erloschen. Das salische Gesetz spricht nur von Beerdigung. Nicht einmal die deutsche Heldensage, die doch in der Völkerwanderung wurzelt, weiß von Verbrennung, und auch in den Geschichts- und Rechtsbüchern der Burgunder, Bayern, Langobarden und Goten fehlt jeder Hinweis darauf. Im Gegenteil, die großen historischen bekannten Leichenfeiern sind Beerdigungen: die Westgoten senkten ihren König Alarich mit vielen Schätzen in das trocken gelegte Busentobett und beerdigten hernach ihren greisen König Theoderich in vollem Waffenschmuck angesichts des feindlichen Heers auf dem katalaunischen Schlachtfeld. Der Frankenkönig Childerich (gestorben481) und der Langobarden könig Alboin wurden in voller Wehr beerdigt, der erste sogar mit seinem Rosse. Noch Kaiser Otto III soll Karl den Großen in der Domgruft zu Aachen in voller Kaiserpracht thronend gesehen haben. Nur die Sachsen hielten am Leichenbrand zäher fest, nicht nur in der Poesie. Beowulfs „Beinhaus“ wird auf einem mit Waffen behängten Scheiterhaufen verbrannt, so daß der Rauch über das nahe Meer hinzieht, und dann die Brandstätte mit einem hohen breiten Hügel, einer „den Seefahrern weithin sichtbaren Burg“, zugedeckt, und noch Karl der Große setzte auf den Leichenbrand und solche Hügelbestattung der Sachsen Todesstrafe. Die westlichen Nordleute gaben, wie die Gräberfunde lehren, schon seit der Völkerwanderungszeit das Brennen nach und nach wieder auf, so daß z. B. auf der seit etwa 900 n. Chr. besiedelten Insel Island keine Spur mehr davon zu finden ist. Die östlichen Nordgermanen blieben beim alten Brauch noch im 10. Jahrhundert. Aber auch in der Sage und Dichtung der Norweger und Isländer wurden noch viele Jahrhunderte nach dem Aussterben der Sitte Scheiterhaufen für die gefallenen Helden angezündet, offenbar, um ein so altes malerisches Motiv nicht zu verlieren. Der Deutsche Siegfried, der nach seiner heimischen Sage beerdigt wird, verbrennt in der nordischen auf einem Holzstoß, und mit ihm verbrennen seine Brynhild, Knechte und Mägde, zwei Hunde und zwei Habichte, ein stattliches Gefolge, damit dem zum Totenreich voranziehenden Fürsten die hinter ihm zuschlagende Tür der Hel nicht auf die Fersen fallen könne. Aber die nordische Überlieferung schwankt auch in ihren Berichten von der Bestattung echt nordischer Götter und Helden. Nach dem Dänen Saxo erhielt Balder ein königliches Begräbnis, nach der isländischen Prosaedda aber einen großartigen Leichenbrand auf einem auf das Land gezogenen Schiffe. Als er hinaufgetragen wurde, brach seiner Gattin Nanna das Herz. Mitverbrannt wurde sein Roß in vollem Reitzeug, das Schiff wurde auf das Meer gestoßen. Auch der verstorbene Dänenkönig Harald Hilditönn wurde nach Saxo mit Roß, Wagen und Waffen auf einem Schiffshinterteil verbrannt und seine Urne in Lethra beigesetzt, dagegen ließ nach andrer Sage König Hring die Leiche Haralds, gewaschen und ausgerüstet, auf einem Wagen in den aufgeworfenen Hügel führen, das Roß töten und seinen eigenen Sattel zu dem Toten legen, damit dieser nach eigener Wahl nach Walhall reiten oder fahren könne. Waffen und Ringe warfen Hrings Krieger hinein. Die Schweden wollten den toten Frey nicht verbrennen, sondern begruben ihn, um ihrem Lande seine Gaben, gute Zeit und Frieden, zu erhalten. Nach den nordischen wie deutschen Gräberfunden wurden in dem Brennalter der Bronzezeit nicht Waffen und anderes Kriegs- oder Jagdzeug, sondern nach der Mode des klassischen Altertums vollständige Speise- und Trinkgeschirre in den Grabhügel gelegt. Die Herkunft dieser charakteristischen Beigaben aus dem Süden bezeugt am deutlichsten die häufige ungermanische Verzierung der Gefäße mit Mäanderbändem. Man suchte dem Verstorbenen das Dasein nach dem Tode möglichst genußreich zu gestalten. In jenen meist späteren Bestattungsberichten sind also die Bräuche verschiedener Zeitalter, das Brennen der Bronzezeit und die kriegerische Ausstattung der jüngeren Wikingerzeit, durcheinander geworfen. Tacitus zwar fand nach seiner obigen Aussage schon im Brennalter die Beigaben von Waffen und Roß vor, im Norden aber drang erst in der Wikingerzeit der neue kriegerische Geist in die Gräber, die Leichen wurden erst damals für ein weiteres Kampfleben, für Walhall ausgerüstet. Und die Ynglingasage verheißt jedem in Walhall den Besitz alles dessen, was auf seinen Scheiterhaufen gelegt ist. So fand man in den Bomholmer Gräbern, die der jüngeren Eisenzeit angehören, volle Waffenrüstung, auch Messer, Schere und Wetzstein und wiederum des Toten Reitpferd und Hund, einen Hund von großer, dänischer Rasse. So bargen die Grabhügel über verbrannten wie imverbrannten Leichen allerhand Schätze, die die Lebenden oft zum Nachgraben reizten, zum „Haugbrot“ oder Hügelbruch. Wer an der langen norwegischen Küste hinsegelte, sah ihrer viele, und die Schiffer verkürzten sich gern die Zeit mit Geschichten von ihren Insassen. Dafür dankbar trat einmal einer von ihnen, der tote König Vatnar, aus seinem Grabe, um dem Erzähler im Traume zu erscheinen und ihm zu sagen:

„Du hast meine Sage erzählt; nun will ich dich belohnen. Suche nach Gütern in meinem Grabe, und du wirst noch etwas finden.“

Er suchte und fand viel. Eigenartig germanisch, wenigstens nordgermanisch, ist die Ausstattung des Toten mit einem Schiff, das bald unversehrt mit ihm aufs Meer gestoßen oder beerdigt, bald brennend mit ihm aufs Meer gelassen oder verbrannt mit ihm gleichfalls mit Erde zugedeckt wurde. Wie oben bemerkt, wurde Balder auf brennendem Schiff den Wogen übergeben, Harald Hilditönn aber auf einem Schiffshinter-teüe verbrannt und dann mit einem Erdhügel bedeckt. Den Stammvater der dänischen Könige, Skyld, legten nach dem Beowulf gedieht seine Leute nach seinem Tode reichgeschmückt beim Maste in den Schoß eines Schiffes, befestigten ein goldnes Banner hoch über seinem Haupt und schoben das Fahrzeug ins Meer hinaus auf eine ungewisse Fahrt. Die Völkerwanderung scheint die Schiffsbestattung tief ins Binnenland gebracht zu haben: im 15. Jahrhundert fand man im Berner Oberland ein Totenschiff mit vielen Gerippen tief in der Erde. Aber die wichtigsten zwei Zeugnisse, ein antiquarisches und ein historisches, sind noch nicht gegeben. Vor einiger Zeit ist ein mit Erde bedecktes Schiffsgrab, das etwa aus dem Jahre 900 n. Chr. stammt, bei Gokstad in Norwegen gefunden worden; es barg ein mit einem Mast und 32 Rudern versehenes Schiff, dessen Bord mit Schildern behängt war, und dem darin liegenden unverbrannten Toten waren Pferde und Hunde beigegeben. Andere solcher Schiffsgräber sind außer in Norwegen noch in Schweden, aber nicht in Dänemark gefunden worden. Aber um dieselbe Zeit berichtet der Araber Ibn Fadlän von Schiffsbestattungen der skandinavischen Russen, d. h. der östlichen Nordgermanen, die den russischen Staat gründeten. Er traf ihre Kaufleute in den Jahren 921 und 922 unter den Wolga-Bulgaren. Einen Armen legen sie nach seinem Tode in ein eigens dafür gebautes kleines Schiff und verbrennen es. Beim Tode eines Reichen aber teilen sie seine Habe in drei Teile, von denen der eine der Familie zufällt, der zweite für die Ausstattung des Toten verwendet wird, während sie für den dritten berauschende Getränke kaufen, um es an dem Tage zu trinken, an dem ein Mädchen (die Lieblingskebse?) sich dem Tode preisgibt und mit dem Herrn verbrannt wird. Denn sie ziehen ein Schiff auf das Land und legen darin den prächtig gekleideten Toten auf eine mit Tüchern und Kopfkissen bedeckte Ruhebank. Dann bringen sie ihm berauschendes Getränk, Früchte, Basilienkraut, Brot, Fleisch und Zwiebeln, auch seine Waffen.

Dann werfen sie das Fleisch eines in zwei Teile zerschnittenen Hundes und zweier müde gehetzter und zerstückelter Pferde ins Schiff, endlich einen geschlachteten Hahn und ein Huhn. Das Schiff wird mit seinem Inhalt verbrannt und ein Hügel darüber aufgeworfen. Fast durch ein Jahrtausend kann man als stets wiederkehrende Grabbeigaben Waffen, Pferd und Hund verfolgen; ein kampf- und jagdfrohes Geschlecht ruht zwischen ihnen. Je nach der Mode der Zeit, dem Stande, dem Vermögen und vielleicht auch je nach dem Charakter des Verstorbenen wurden zu seiner Rüstung noch Schmucksachen, Hausrat, Nahrungsmittel und Amulette hinzugefügt. Von letzteren z. B. enthielt ein schönes seeländisches Grabgefäß aus Bronze ausser einem Pferdezahn und Ebereschenzweig Reste eines Vogels, eines Wiesels, einer Natter, als ob diese uns schon (S. 76) bekannten Seelentiere dazu ausersehen wären, das Seelenleben des Toten zu schützen und zu fristen. Die seefahrenden Nordleute brachten das Schiff hinzu, das auch in ihrem Götterkultus und in ihrer Kunst eine viel wichtigere Rolle spielte als bei den Binnenlandsbewohnem. In einem jütischen Sandhügel der jüngeren Bronzezeit fand man, in einem Tongefäß in einander gesteckt, etwa 100 kleine Goldboote, die wahrscheinlich Votivgaben für die Götter waren, und viele südskandinavische Felsenzeichnungen derselben Zeit zeigen uns neben bewaffneten Männern und Wagen mit Pferden am häufigsten Schiffe mit hohen „Hörnern“ oder Steven, oft zu ganzen Flotten vereint. Später, in der jüngeren Eisenzeit, verwendete man das Schiff auch für den Totenkultus. Man richtete namentlich in Dänemark zahlreiche Schiffssteinsetzungen auf, zwei schwach um das Grab ausgebogene Steinreihen. Tiefer griff, wie wir gesehen, die eigentliche Schiffsbestattung ein. Das Schiff war wahrscheinlich nicht nur dazu bestimmt, dem Verstorbenen in einer anderen Welt zu dienen, sondern ihn auch sicher über etwaige hemmende Gewässer dahin zu geleiten, gerade wie auch das mitbegrabene oder mitverbrannte Pferd oder dessen Stellvertreter, das Rind. Die Reise nach Walhall mochte Harald Hilditönn zu Wagen oder Roß machen (S. 110), und die auf jütischen Leichen gefundenen Kuhhäute sollten ihnen die Hilfe der geopferten Tiere sichern. In christlicher Zeit, zuerst nach einer St. Galler Urkunde von 806, fiel auf germanischem, wie keltischem Boden das dem Sarge voranschreitende oder nachfolgende Rind oder Pferd der Kirche statt dem Grabe zu, um dem Seelenheil des Toten zu dienen. Man gedenke dabei des indischen Bestattungsgebrauches, den Schwanz einer Kuh, mit deren Fell der Tote Glied für Glied belegt wurde, ihm in die Hand zu geben, damit er auf schwindelndem Wege nicht falle. Noch heute führt man dort an das Lager des Sterbenden eine reich geschmückte Kuh, damit dieser sie beim Schwanz ergreife und sicher zur anderen Welt hinübergeführt werde. Merkwürdigerweise haben alte Leute in Mecklenburg gehört, daß kurz vor dem Abscheiden eines Familienmitglieds ein Stück Vieh ins Zimmer gebracht worden sei, damit der Sterbende seine Seele in dasselbe hineinhauche. Die deutschen Redensarten: ,die schwarze Kuh drückt ihn oder ,hat ihn getreten bedeuten so viel als: ,er ist todkrank‘  oder ,er ist gestorben‘ . Das norwegische Gedicht Draumakvaedi preist den glücklich, der in dieser Welt den Armen eine   Kuh gibt, er braucht nicht schwindlig auf der Gjallarbru, der Totenbrücke, zu gehen. Und auch den preist es glücklich, der in dieser Welt den Armen Schuhe gibt, er braucht nicht barfuß die Domenheide zum Totenreich zu durchwandern. Der Holsteiner Godeskalk sieht auf seiner um 1190 unternommenen visionären Reise zuerst eine breite Linde, die über und über mit Schuhen behängen war, die denjenigen, die im Leben barmherzig gewesen, gereicht wurden, um darnach eine , weite Domenheide zu durchschreiten. Diese Jenseitsschuhe sind nach dem Volksglauben von Yorkshire dieselben, die man im Leben Armen geschenkt hat. So wurde denn auch dieses wichtigen Reisebedarfs bei der Bestattung nicht vergessen. Es war im Norden Sitte, den Toten Helschuhe zu binden, in denen sie nach Walhall gehen konnten. Auch in Deutschland wurden sie mit Totenschuhen versorgt, um unverletzt über die spitzen Steine und durch die Domen der Unterwelt schreiten zu können. Nach einem rührenden, noch nicht völlig erloschenen deutschen Volksbrauch bedenkt man die im Kindsbett Verstorbene mit Schuhen, damit sie zu ihrem zurückgelassenen Kind kommen und es säugen könne. Statt Schuhe den Toten ins Grab zu geben, spendete man sie in christlicher Zeit den Armen als Gottesschuhe, Hedwigssohlen, oder auch in Gebildbrote für die Armen verwandelt.

Diese oft reiche, oft ärmliche Aussteuer der Toten war gewohnheitsrechtlich genau bemessen. Ein Drittel der Habe jenes russischen Nordmanns an der Wolga wurde dazu verbraucht, dem Toten Kleider zuzuschneiden. Aus diesem für die Totenbestattung bestimmten Drittel wahrscheinlich nur der fahrenden Habe wurde nach der Christianisierung in England, Frankreich und Deutschland the deads pari, la partie au der Tote nteilt oder Seelschats, Seelgerät, Seelteil, ursprünglich ebenfalls ein Drittel der fahrenden Habe, das aber nun der Kirche oder den Armen zufiel, nicht im Grab erstarb. Daher erklärt sich auch, daß der Seelschatz noch bei offenem Grabe geleistet und daß die altheidnischen Beigaben des toten Kriegers, Waffen und Streitroß, der christlichen Kirche zugewendet wurden. Doch kehrte man sich schon in der Heidenzeit nicht immer an solche strenge Teilungsvorschriften: in der Vatnsdaelasaga wird alles, was der Held im Krieg erobert hatte, nicht vererbt, sondern als sein eigenstes Eigen mit ins Grab gesenkt.

Der höchsten Totenbeigabe ist noch nicht gedacht, des mit dem Toten im Leben eng verbundenen Menschen. Die Gefolgsleute eines deutschen Fürsten verschmähten es nach Tacitus, ihren in der Schlacht gefallenen Herrn zu überleben. Sie mögen mit ihm ein gemeinsames Grab gefunden haben. Nanna folgt ihrem Gatten, Brynhild mit Knechten und Mägden ihrem Geliebten auf den Scheiterhaufen, aber dies scheint reine Poesie, der die Wirklichkeit nicht entsprach. Blutsbrüder schwuren sich nach Saxo gegenseitig zu, daß nach dem Tode des einen der andere sich begraben lasse. Auch sitzt nach einer anderen Erzählung der Überlebende wohl bei dem Verstorbenen drei Nächte im Hügel.

Reste der Sitte, dem Toten allerhand Sachen zu weiterem Gebrauch mit in den Sarg zu legen, bestehen im Widerspruch mit der christlichen Lehre bei allen germanischen Stämmen bis auf den heutigen Tag.

Nicht nur durch solche einmalige Liebesgaben, sondern auch durch wiederkehrende Totenopfer wurde für Nahrung und Ehrung des Verstorbenen gesorgt. Die Stiere und Böcke, die die Deutschen nach Papst Zacharias’ Angabe um 748 den Göttern beim Totenopfer schlachteten, galten wohl eigentlich nicht den Göttern, sondern den Toten. Papst Gregor III. im Jahr 739 und kurz darauf der erste Artikel des Indiculus und später Burkhard von Worms bekämpften diese deutschen Opfer, durch die manche Tote ebenso wie Kirchenheilige gefeiert wurden. Im Norden wenigstens opferte man dem König Olaf Geirstadaalf um Fruchtbarkeit an seiner Grabstätte wie einem Alf d. h. Halbgott, und man verteilte die Gebeine Halfdans des Schwarzen gerade wie die Reliquien eines griechischen Heros oder eines christlichen Heiligen, damit sie mehreren Landschaften zum Schutz und Segen gereichten. Nach Rimberts Leben des H. Ansgar erhoben die Schweden ihren König Erich sogar unter die Götter, bauten ihm einen Tempel und opferten ihm darin. Schon die Brandstätten der mykenischen Kuppelgräber und der germanisehen Riesenstuben, welche unverbrannte Leichen bergen, scheinen Opferstellen gewesen zu sein. Kunstloser angelegte Gruben auf Grabfeldem der Merowingerzeit sind mit Asche, Kohlen, Gefäßscherben und Tierknochen angefüllt zum Beweise, daß in ihnen die den Toten dargebrachten und auf den Gräbern genossenen Mahlzeiten zubereitet wurden. Da der altgermanische Opferhof häufig zum Gerichts- und Versammlungsplatz diente, so erklärt sich, warum man noch im Mittelalter auf großen Grabhügeln, als auf früheren Totenopferstätten, Gerichte und Versammlungen abhielt; so auf dem Gunzenlö bei Augsburg und dem Birtinlö bei Rottenburg am Neckar. Bei dem schifförmigen Grab von Blomsholm in Südschweden steht ein „dömhringr“ ein Gerichtssteinring mit einem mächtigen (Opfer ?)stein in der Mitte. Die Totenopfer wurden später von den heidnischen Friedhöfen auf die christlichen übertragen, und mit ihnen drangen Gelage, Gesänge und Tänze sogar in die Kirche, namentlich in deren Vorraum, das „Paradies“. Im Jahr 1348 wurden diese Lustbarkeiten auf den Gräbern am Niederrhein unterdrückt; noch 1638 hielt in England die Kirchenbehörde darnach Umfrage.

Einflußreicher als die Übertragung der Totenopfer von heidnischen Gräbern auf christliche war ihre schon früh aus praktischen Gründen vorgenommene Verlegung vom Grabe ins Sterbehaus. Hier wurde das Leichenmahl gehalten, seltener vor dem Hinaustragen der Leiche, meistens nach der Beerdigung. Es ist das niederdeutsche Ostelbier oder Riieaten Reu-, Traueressen, das nord- und mitteldeutsche Fell-, Haut-, Bastversaufen oder das Sachsenhäuser Totenvertanzen, das bayrische Eindaichteln, das gemeinhochdeutsche Totenvertrinken. Die englischen „minnying days“ Gedächtnistage, das jütische ,der seligen Leiche Heil trinken‘ und das altnordische ,drekka erfl‘ das Erbe trinken oder ,erfiöl‘ Erbbier weisen schon auf einen höheren Sinn.

Im Norden wurde die Erbteilung am Begräbnistage oder am 7. oder am 30. Tage nach dem Tode, oft aber auch wegen der gewaltigen Entfernungen erst am Jahrestage des Begräbnismahls vorgenommen. Dann strömten wie zum Julgelage oder zum Thing von nah und fern die Gäste zu der Feier herbei, die drei Nächte dauerte. Die nächsten Verwandten aber, z. B. die Söhne Hjaltis, gingen zu ihres Vaters Erbgelage so schön gekleidet, daß die Leute glaubten, die Äsen kämen. Am ersten Abend saß der Erbe auf einer Stufe des Hochsitzes, den man für den anwesend gedachten Ehrengast, den Geist des Verstorbenen, frei hielt Dann aber nach einem Minnetrunk auf diesen und die Götter, mit dem er vom Toten freundlich Abschied nahm, bestieg er den leeren Hochstuhl und nahm damit sein Erbe in Besitz. Dann wurde ein Preisgedicht auf den Toten vorgetragen. Diese Teilnahme des Toten an seinem eigenen Gedächtnismahl tritt bei den einfacheren deutschen Leichen-schmäusen zurück. Doch verweilte noch nach neuerer Aussage in Ostpreußen der „Geist“ während dieses Mahls hinter einem breiten Handtuch, womit der Sarg in die Tiefe gesenkt war, oder er setzte sich ungesehen mit zu Tische, an den man ihm Stuhl, Licht, Speise und Trank hingestellt hatte. Erst mit den Gästen entfernt sich auch er. Dieser Stuhl war auch in Schlesien gebräuchlich. In Oldenburg kehrte der Tote drei, im Voigtland neun Tage nach seinem Tode zum Hause zurück, wahrscheinlich um sich wie der ertrunkene Therodd (S. 96) seinen Anteil am Totenmahl zu sichern.

Ein kleiner Zug ist noch bezeichnend, weil er ähnlich im alten Griechenland wiederkehrt. Die Verstorbenen haben namentlich Anspruch auf das Haus- oder Heimbrot. Wenn jemand in Tirol Brosamen auf die Erde fallen läßt, so sagt er:

„Arme Seelen, rappet, daß ’s der Tuifel nit dertappet“,

und wenn er Brosamen ins Feuer wirft, so kommen sie armen Seelen zu. Auch in Griechenland gehörten vom Tisch gefallene Brosamen den Verstorbenen, den Heroen.

Wieder stoßen wir hier auf einen den Indogermanen gemeinsamen eigentümlichen Festbrauch. In Indien stimmten die verschiedenen Provinzen in der Wahl und Zahl der Totengedächtnistage nicht immer genau überein. Aber der 1.,3., 7., 9. nach dem Tode springen als die beliebtesten Tage der Wasserspenden an den Verstorbenen und der 30. als ein Haupttotenopfertag deutlich heraus. Am dritten, später am 10. (9.?) Tage lud der Erbe den Verstorbenen zum Kloßopfer ein und trat damit seine Erbschaft an. Die Seele der toten Perser blieb bei ihrem Leibe noch drei Tage bis zum Schaf- oder Ziegenmahl, und während neun Tage durfte kein Feuer im Hause brennen. Am 30. Tag war das Totenopfer. Nachdem die Griechen am 3. Tage das Grabesopfer der Trita dargebracht hatten, nahmen sie das Perideipnon, das Rundmahl, ein, wobei in die Runde getrunken und der Verstorbene, der für den Wirt galt, gepriesen wurde. Auch noch am 9. oder 10. Tage setzte man Speisen, die Ennata oder Neunten, aufs Grab und schloß in Athen am 30. die Trauerzeit. Die Römer reichten dem Toten am 3. oder 7. Tage das Silicernium, Schweigemahl, am Grabe und feierten am 8. und 9. Tag in großer Stille daheim das Novemdiale, das Neuntagsopfer. Älter war wahrscheinlich die Circumpotatio, der Rundtrunk, den das Zwölftafelgesetz verbot. Doch der Grundsatz blieb: „Keine Erbschaft ohne Totenopfer“. Beide klassischen Völker brachten auch ein Jahrestotenopfer. Die littauische Totenfeier endet mit dem 9. Tag.

Diese heidnischen Festsetzungen eignete sich, auf biblische Stellen gestützt, auch die Kirche für ihre Seelmessen an, und so sind auch im deutschen Mittelalter der 3., der 7. und der 30. oder 40. Tag durch feierliche Seelgottesdienste ausgezeichnet. Und manche Geistliche hatten die Neigung, diese Totenfeste nicht nur in christlichem, sondern auch in heidnischem Stil mitzufeiern, so daß die Wormser Synode von 868 den Priestern verbieten mußte, an den Totengedächtnistagen des 3., 7., 30. oder am Jahresgedächt-nis sich zu berauschen, zu Ehren der Heiligen zu beten und der Seele des Verstorbenen zuzutrinken, Klatsch- und Lachgeschichten zu erzählen oder zu singen und sich garstige Scherze mit einem Bären und mit Tänzerinnen und Maskenspiele, talamascae, vorführen zu lassen. Noch im Scherzgedicht vom Frankfurter Borgerkapitän trinkt man beim Leichenmahl des ,Gestorbenen Gesundheit’.

Nicht nur eine Privatfeier des Einzeltoten, sondern auch eine umfassendere gemeinsame Feier mehrerer Toten eines Geschlechts oder einer ganzen Gemeinde kannte bereits das indogermanische Altertum. Drei Generationen Ahnen bis zum Urgroßvater wurden geehrt; „einen vierten Ahnen gibt es nicht“ sagte ein indisches Gesetzbuch. Später opferte man den Ahnen bis ins zwölfte Glied hinauf und empfahl endlich auch dringlich die Ehrung der verstorbenen Mütter. Ahnenopfer brachte auf der Hochzeit das junge Paar, wenn es zum Zeichen der Fruchtbarkeit mit Reis bestreut war, und wenn die Braut sich dem häuslichen Feuer und den Ahnen verneigte. Die indischen Hausregeln setzten für die allgemeinen Haupttotenfeste den Nachmittag der zweiten Monatshälfte am Ende und am Anfang des Winters an. Nachdem die herangekommenen Ahnen mit Speis und Trank gestärkt waren, wurden sie entlassen mit den Worten „Nun gehet fort, ihr Väter, auf euren tiefen alten Pfaden“, und wurden auch wohl bis zur Dorfgrenze begleitet. — Die Perser spendeten zu Ende Februar den Ahnen und den Armen ein Mahl. — Auch die Griechen opferten den Toten gegen Abend an den drei letzten Monatstagen im Frühling, wie im Herbst. Auch sie vertrieben bei der Darreichung ihrer Gaben die Seelen mit den Worten: „Aus der Türe, ihr Seelen“. In Attika beteten die Neuvermählten, die auch mit Früchten überschüttet wurden, zu den Dritt-vätem um Kindersegen. — Die Römer öffneten beim Eintritt des Bräutigams ins Haus, der dabei Nüsse ausstreute, die Schreine, in denen die Ahnenbilder standen. Auch sie feierten im Frühling wie im Herbst ein Totenfest, vorzugsweise gegen Ende des Tags und Monats. Im Mai entließ man die Lemuren, die unruhig tungehenden Verstorbenen, nach einem Bohnenopfer mit dem neunmaligen Rufe: „Geht hinaus, ihr Ahnen.“

In denselben Bahnen bewegte sich die Seelenfeier der heidnischen Germanen und verließ sie auch nicht nach der Bekehrung. Auch sie schoben sie gern auf das Ende eines Zeitabschnitts. In der Oberpfalz und am Rhein kommen die armen Seelen jeden Samstag aus dem Fegfeuer in ihr Haus, und an diesem Tage wird ihnen im Zillertal ein Stück Butter auf den Dreifuß des Herdes gelegt, um ihre Brandwunden zu salben. In Tirol und Böhmen bleiben sie vom Mittag- oder Abendläuten des Allerheiligentags bis zum Morgenläuten des folgenden Allerseelentags. Am Schluß der Ernte, im Herbst, feierten die Marsen beim Tempel der Tanfana ein großes Erntefest, an dem als Teilnehmer wahrscheinlich auch die Toten gedacht wurden. Denn zu derselben Zeit ehrten die Sachsen nach ihrem Sieg bei Scheidungen im Jahre 531 drei Tage lang ihre Toten, offenbar nach älterer Sitte. Die Kirche verlegte auf den 29. September das Fest ihres Seelenpatrons St. Michael, und in der damit verknüpften Festzeit, der Meinweke, oder ,Gemeinen‘ , wurden täglich Seelmessen gelesen. Im Norden trank man auf dem Herbstfest zu Ehren der Götter und der Verstorbenen einen Gedächtnistrunk, der später die Mikjalsminni hieß, und Michaelis Kirchwreih ist nach oberbayrischer Anschauung in Himmel und auf Erden, d. h. wird von den Verstorbenen im Himmel, deren Minne getrunken wird, wie von den überlebenden Freunden auf Erden gefeiert. Odilo von Clugny setzte im 10. Jahrhundert diesen allgemeinen Seelenkult in Novembersanfang. Besonders in Tirol ist der neue christliche Kult mit altheidnischen Bräuchen stark verschmolzen. Wie man vor Jahrtausenden den Toten in ihren kalten Steingräbern Feuer anmachte (S. 106), heizt man hier noch für die Allerseelennacht ein, damit die armen Seelen sich wärmen können, stellt Krapfen oder besonders geformte Kuchen für sie auf den Tisch, auch Milch. In Schweden empfängt man die Verstorbenen erst am Julabend in möglichster Stille in gewärmter Badstube, überläßt ihnen den Hochsitz und erquickt sie mit Julspeise. In Norwegen räumt man ihnen am Julabend die Betten ein.

Auch die bei jenen vier indogermanischen Völkern bemerkte Frühlingsfeier der Toten fehlte den Germanen nicht, insbesondere nicht der bezeichnende Zug, die Verabschiedung der Seelen, wenn er auch verdeckt erscheint. Schon die zweite Synode von Tours 567 mißbilligt diejenigen, die an der Stuhlfeier Petri den Toten Speisen opfern und nach der Messe daheim sich heidnischen Mißbräuchen hingeben. Man muß bedenken, daß dieses Fest in der römischen Kirche bis mindestens ins 12. Jahrhundert ausschließlich an dem altrömischen Totentag, dem 22. Februar, den sogenannten Caristia begangen wurde. Lorichius tadelte noch im 16. Jahrhundert den heidnischen Unfug in Schwaben, Fleischspeisen am ersten Fastensonntag, also um dieselbe Zeit, durch die ganze Nacht für die Seelen bereit zu halten. Dann kochte man auch im Odenwald und am Niederrhein leckere Speisen für die lieben Englein d. h. Seelen und ließ sie bei offenem Fenster über Nacht auf dem Tisch stehen. Um dieselbe Jahreszeit, in den Anthesterien, rief man in Athen nach der Seelenbewirtung: „Aus der Tür hinaus, ihr Seelen!“, und die Inder und Römer kannten ähnliche Verabschiedungen der Seelen (S. 19). Derselbe Ruf scheint versteckt in der bis in unsere Tage hineinreichenden Petri Stuhlfeier Westfalens und der badischen Ortenau, die zwar jene bereits von der Wormser Synode bekämpfte Totenspeisung auf gegeben hat, aber auch auf eine Vertreibung, wie die athenische Feier, gerichtet ist. Mit lautem „Herausruf“ und Hämmern an die Pforten werden Kröten, Schlangen, Mäuse und Motten, die wir alle als Seelentiere kennen, aus der Türe hinausgejagt. Und wiederum ist es doch nur eine Verschleierung des seelischen Inhalts dieser alten Bräuche, wenn Schwaben, Bayern und Franken am etwas späteren Frühlingsfest des Laetaretags: „Daraus, daraus, Tod naus, Tod naus“ singen.

Die Kirche hat endlich auch den schönen Familienzug der Ahnenbegrüßung durch das Brautpaar, den wir in Indien, Griechenland und Rom fanden, nicht ausmerzen können oder wollen. In der schwedischen Landschaft Wärend trinkt der Bräutigam auf das Wohl seiner verstorbenen Voreltern und seiner Schwiegervoreltem. Am Lechrain, in Oberschwaben, Baden und um Saarlouis geht das Paar vor oder nach der Trauung mit den Freunden an die erblichen Grabstätten, um dort zu beten. Dies Betreten der Gräber nannte man bei Saarlouis „zu Gaste laden“. Das Gebet zu den Ahnen mag auch hier vorzugsweise auf Kindersegen gerichtet gewesen sein, wie bei jenen andern Völkern, wenigstens kommt die dort damit verbundene Beschüttung mit Früchten auch in Deutschland in demselben Abschnitt des Festverlaufes vor. Wenn das junge Paar aus der Kirche trat, überreichte man ihm in der Zwickauer Gegend Getreideähren, in Oberelsaß und in Mecklenburg aber begoß man es mit Korn oder Leinsamen. Nicht nur bei der Eheschließung, sondern auch bei andern wichtigen Entschlüssen suchte man die Stätten der Ahnen auf. So forderte der mächtige Gode Snorri einen ratsbedürftigen Freund auf, mit ihm hinauf aufs Helgafell, den heiligen Berg seiner Vorfahren, zu gehen, denn die dort geratenen Ratschläge seien gewöhnlich nützlich gewesen. Offenbar, weil die Toten für Schutzgeister der Familie galten.

Wie sich der Totenkultus aus dem engeren Geschlechtsverbande zu einer umfassenderen Geltung emporarbeitete, lehrt am deutlichsten die germanische namentlich im Norden, wo sich diese Art der Genossenschaft, gleich dem für ihre Hauptfeier maßgebenden Erbmahl, in der altertümlichsten und vollsten Form erhalten hat. Die nordische Gilde war eine nicht auf Blutsverwandtschaft, sondern auf einen feierlich beschworenen Bund gegründete Brüderschaft, deren Mitglieder in ältester Zeit die der Sippe zustehende Pflicht übernahmen, den Totschlag eines Mitglieds zu rächen, oder das Wergeid dafür zu empfangen und den Kultus des Toten zu besorgen. Sie führte ihren Namen von dem aus gemeinsamen Beisteuern, Geldern, bestrittenen regelmäßig wiederkehrenden Opfergelage, altnordisch gildi, altsächsisch geldy angelsächsisch gild, das ursprünglich dem Verstorbenen von der Genossenschaft verrichtet wurde. Der Erbe fügte bei diesem Mahl der Minne des Vaters die Minne der Götter, in christlicher Zeit aber Gottes, Christi und seiner Heiligen bei, die nach der Sage der Bischof Martin von Tours in einem Traum dem König Olaf Tryggvason statt der Götter beim Minnetrunk anzurufen geboten hatte. So trank denn auch z. B. König Svein als Erbe die Minne seines Vaters, des großen Knut, mit dem Gelübde, den Angelsachsen König Äthelred zu töten, dann die Minne Christi und endlich die des heiligen Michael. Der Totenminnetrunk wurde in den christlichen Gilden, z. B. den schwedischen, durch ein Gebet aller Brüder und später auch Schwestern für das Seelenheil der verstorbenen Mitglieder verdrängt, dann folgte aber der Rundtrunk auf das Gedächtnis Gottes im Himmel, der Dreieinigkeit oder des Schutzheiligen Erich oder Olaf oder aller Heiligen. Der altheidnische mit Blutrache und Totenverehrung verquickte Seelendienst mag vorzugsweise Karl den Großen im Jahr 779 bewogen haben, den sächsischen Gildebrüdem die gegenseitige Eidleistung zu verbieten und ihnen nur bei Feuers- und Wassersnot gegenseitige Hilfe zu gestatten.

Man verkehrte aber mit den Toten nicht nur durch Opfer, sondern auch durch , eine uralte Kultart, die gerade in diesem Verkehr ihre starke Stammwurzel hatte. Die Toten, an Alter den Lebenden überlegen und in andre Kreise entrückt, wußten mehr als die Hinterbliebenen. Schon die Sterbenden vermochten in die Zukunft zu schauen, wie der todeswunde Sigmund den Ruhm seines noch ungeborenen Sohnes Sigurd voraussagte, und dieser scheute sich, dem von ihm erlegten Drachen Fafnir seinen Namen zu nennen, aus Furcht vor des Sterbenden Fluch. Dem Verstorbenen vollends traute man übermenschliche Fähigkeiten zu und suchte sich in Zweifeln und Nöten seines Rats und Beistandes zu versichern. Man ging an sein Grab und weckte ihn durch feierliche Rufe, Beschwörungen und Runensprüche, die Hellirunen d. h. Unterweltsrunen. Als Sacrileg bekämpfte solches Toten wecken und befragen schon der fränkische Indiculus im 8. Jahrhundert bei den Sachsen. Swipdag rief vor seiner Brautfahrt seine Mutter Groa, ihn aus dem Grabe mit ihrer Zukunftskunde in Zaubersprüchen zu beraten. Hervör erwirkte durch ihren Weckruf, daß ihr toter Vater Angantyr ihr das fluchbeladene Schwert Tyrfing aus seinem Grabhügel warf. Wie im 12. Jahrhundert ein Norweger auf den Orkneys auf die Gräber ging, um von den Toten Ratschläge und Kunde verborgener Dinge zu empfangen, so legten in Deutschland „weise Leute“ noch vor kurzem den Toten nachts auf dem Friedhof Fragen über die Zukunft vor. Auch ging der alte Nordmann wohl zum Galgen, um mit dem vom eddischen Havamal überlieferten Runenspruch den daran schwebenden Leichnam zum Gehen und Sprechen zu bringen. Die Völur oder Seherinnen aber setzten sich nachts draußen auf das Feld, wo viele Geister schwärmten, und holten sich von ihnen ihre Weisheit (siehe unten). Also auch die Weissagung stammt aus dem Bereiche des Seelenkultus, und selbst der oberste Gott bedarf ihrer Hilfe. Durch Balders böse Träume erschreckt, ritt Odin zur Hel hinab und zwang durch seinen Leichenzauber eine längst tote Wölwa, auf die schon viel Schnee und Regen gefallen war, zur Auskunft über der Götter Schicksal.

Wie die christlichen Gräber unter dem Zeichen des Kreuzes oder auch unter einer frommen Inschrift stehen, so wurden die nordischen Grabsteine und Urnen nicht nur durch eingeritzte Hammerfiguren und Hakenkreuze, Thors Blitzwaffen, sondern auch noch deutlicher durch Runeninschriften wie: „Thor, weihe dieses Grab!“ geschützt. Im Bronzezeitalter aber stellte man im Norden große inschriftlose Steine bei und zuweilen in dem Grabe auf, die sogenannten Bautasteine, wahrscheinlich ursprünglich, um den Toten darin festzuhalten. Doch wurden diese Steine später durch Runen zu Gedenksteinen umgebildet. Dem Bautastein innerlich verwandt scheint die Heersäule (Haristado) oder der Stappel des Salischen Gesetzes, der ins Grab eingelassen wurde, und ziemlich klar liegt die Geschichte des bayrisch – alemannischen Toten-, Leichen-oder Rebretts vor. Man legte den Verstorbenen gleich nach dem Tode auf ein Brett, brachte ihn auf diesem zum Grabe, ließ ihn in die offene Erde hinabgleiten und legte das Brett über ihn. Dies letzte bezeugt das bajuwarische Gesetz. Auf der Züricher Landschaft und in der Ramsau ließ man noch später die Leiche vom Brette hinab, nahm dieses aber mit, um es als Gedenkladen über einen Bach zu legen oder am Wege aufzurichten. Noch später richtete in Bayern der Tischler zuerst das Brett, dann den Sarg und das einfache Holzkreuz. Das Brett wird noch im Salzburgischen beim Leichenzuge mitgetragen und bei der „Totenrast“, am ersten Feldkreuz oder alten Baum, woran ein Heiligenbild hing, unter kurzem Gebete niedergelegt. Oder es wird im Pinzgau nach der Heimkehr vom Begräbnis an der Scheune der Familie des Verstorbenen wagerecht befestigt oder senkrecht in die Erde gepflanzt. Sie sollen den, der über diese Rebretter oder Gedenkläden schreitet oder an ihnen vorbeigeht, zum Gebete für die arme Seele mahnen. Mitten in der freien stillen Natur oft in größerer Anzahl aufgerichtet, ergreifen sie als eigenartige Totengedächtnismäler einer anderen Welt mächtig das Gemüt, wie jene hohen unbehauenen Bautasteine, die in Schweden und Bornholm meistens auch in größerer Anzahl beisammenstehen.

Das bunte Wirrsal aller dieser oft widerspruchsvoller Vorstellungen und Bräuche indogermanischer Völker durchzieht wie ein roter Faden ein Urgefühl, ein Grundgedanke: die Seele ist ein nach dem Tode mehr oder minder sinnlich fortlebendes, wenn auch nur einige Zeit, etwa drei Menschenalter, nicht ewig fortlebendes Wesen. Sie fährt als Wind dahin, wohnt als Tier im Hause, streift in Wolfsgestalt umher oder kehrt als Wiedergänger in Menschengestalt zurück. Sie kann sich zu einem Heros, zu einem Rache- oder Schutzgeist steigern, wie wir noch hören werden. Sie kann mächtig auf das Dasein der Hinterbliebenen ein wirken. Weil sie reizbar ist, wird sie meistens abgewehrt oder zu versöhnen gesucht, doch macht sich später auch liebevolle Verehrung bemerkbar. Zumal am 3. Tage nach dem Tode, ferner am 9. (10.), später am 7., dann am 30. und endlich am Jahrestage des Todes verlangt die Seele ihr Opfer, die Seelengesamtheit im Herbst und im Frühling, wenn, wie es scheint, ihre Lebensweise mit der Jahreszeit sich ändert. Ein fleißiger Verkehr entsteht zwischen den Lebenden und den Toten und unterhält, wie z. ß. namentlich beim Gebet zu den Ahnen auf der Hochzeit, einen festen Familienzusammenhang. So ist auch vielfach noch der Aufenthalt der Seele das Haus, das sie als lebendiger Mensch bewohnte, oder doch die Umgebung desselben, das nahe Grab oder ein benachbarter Berg. Noch Snorres Vorfahren nimmt der heilige Fels Helgafell auf, und Holger Danske, Siegfried und die drei Grütlimänner gehen in den Berg. Doch bewohnen die Seelen auch abgelegene Heiden- und Waldhügel oder fahren unruhig in nebelnder oder sausender Luft einher. Wie es keine ewige Fortdauer, gibt es auch kein eigentliches Jenseits für sie. Doch besteht schon früh ein Vergeltungsglaube. Das ist der Urglaube der indogermanischen Völker, der zwar durch den Elfen- und den Götterglauben erweitert und veredelt wird, aber trotz aller Poesie und Philosophie und selbst trotz der Bekehrung zum Christentum noch immer wie ein Bleigewicht an den höheren Unsterblichkeitsvorstellungen unseres Volkes hängt.

Der Seelenglaube hat auf die anderen Gebiete der heidnischen Religion einen starken Einfluß geübt. Die Seele als Wind z. B. griff vielfach in den Kreis der Winddämonen und der Windgötter hinüber. Die Seele als Tier, das vor dem Todesmoment erscheint, und als Wiedergänger mußte den Glauben an besondere Schutz- oder Rachegeister wecken oder stärken. Vereinigte sich die Seele schon im Winde mit den Dämonen und Göttern, so lag es nahe, sie auch in deren Rast- und Wohnörter einzuführen und diese zu Höllen und Paradiesen zu gestalten. Die alten Totenopferzeiten und -bräuche wurden zum Teil auch den Naturgeistem und den Göttern zugewendet. Der Seelenglaube wurde eine Vorschule gar mancher höherer Mythenbildungen und Kultusformen. Diese sind weiten, teilweise später angelegten Schonungen vergleichbar, die im Schutze eines älteren Waldes aufwuchsen, um endlich hoch über jenen emporzuschießen. Wir betrachten nun diese anderen Bestände.

Text aus dem Buch: Mythologie der Germanen, Verfasser Meyer, Elard Hugo.

Siehe auch Deutsche Mythologie:

Die einzelnen Kapitel des Buches:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Mythologie der Germanen

Wir verstauen uns, Indianer und Weiße, mit Mundvorrat und Tauschwaren in Aguirres Kanu. Es ist ein kleines, wackeliges Ding. Als der letzte Indianerjunge hineingeklettert ist, ist es so belastet, daß der Rand nur ein paar Finger breit über dem Wasser liegt. Hastig gleitet das Kanu den Fluß hinab, das Urwaldufer entlang zwischen Haufen von Geäst und Bäumen, die ins Wasser gestürzt sind. Das eine Ufer ist hoch, steil und mit Urwald bedeckt, das andere niedrig und dicht mit Pfeilgrasbüschen bewachsen. Im Kanu wird gelacht und geschnattert; kein Laut aus dem Walde, kein plätschernder Fisch entgeht dem Naturmenschen. Man erblickt die Tiere tief drinnen im dichten Laubwerk, man ahmt den Schrei der Affen nach, man erfreut sich an allem in der Natur. Doch sind die Tiere hier scheu, da sie von ungewöhnlich geschickten Bogenschützen verfolgt werden, die viel geschickter sind als andere Indianer, die ich kennengelernt habe. Es ist etwas Bezauberndes an einer solchen Fahrt, wenn es im raschen Takt den reißenden Fluß hinabgeht und die Indianer mit dem Kanu geschickt zwischen Holzstöcken und durch Wasserwirbel hindurchmanövrieren. DieMännerin ihren Hemden aus geklopftem Bast und mit ihren rotgemalten Gesichtern, die Weiber mit ihren Bastkleidern und den Halsbändern aus Samen und Glasperlen hängen so eng zusammen mit diesem Leben auf dem Urwaldflusse.

Aber auch die Kanufahrten haben ihre Unannehmlichkeiten. Am Morgen und Abend, wenn es kühl ist, ist es behaglich, aber wenn die Mittagssonne herabbrennt, da vergißt man die schöne Natur und die interessante Reisegesellschaft. Die Tiere im Walde haben ihre Verstecke aufgesucht, und es ist still, schweigsam und drückend heiß. Gar nicht selten wird man auf solchen Fahrten von einem Gewitter überrascht — und was für einem Gewitter! Das ist kein artiges schwedisches Gewitter, sondern ein solches Gewitter kann nur in den Tropen Vorkommen, rasch, wahnsinnig, gewaltsam. Der Donnergott verwendet nicht wie zu Hause eine alte Vorderladekanone, sondern schießt mit Schnellfeuergeschützen. Der Regen stürzt unaufhaltsam herab. Wir halten an einem hohen Flußufer, wo eine halbverwachsene Bananenpflanzung zwischen dem Geäst der Bäume hervorschimmert, und nachdem wir das Kanu vertäut haben, gehen wir ans Land. Am Waldesrande liegt ein verlassenes Indianerfeld, das der Fluß zur Hälfte weggespült hat.

Ein gut ausgetretener Weg führt von hier in den Wald. Es ist ein herrlicher, düsterer, stiller Wald, reich an mächtigen, geraden Bäumen, welche die Yuracäreindianer zu Kanus aushöhlen, die sie teils selbst verwenden, teils an die Weißen und andere Indianer verkaufen. — Noch weit weg in den Kautschukgegenden an der Grenze Brasiliens haben keine Kanus so guten Ruf wie die dieser Indianer. Sie selbst bekommen freilich nicht viel dafür, aber wenn die Weißen damit untereinander schachern, so wird ein solches Boot mit drei- bis vierhundert Kronen bezahlt. Es gibt Kanus, die bis zu drei Tonnen nebst Steuermann und acht Ruderern laden können. Diese ganz großen machen sie aber nur auf Rechnung der Weißen; für eigenen Gebrauch behalten sie leichte, kleine Kanus. Wir sind noch nicht weit gegangen, da kommen wir zu großen verlassenen Pflanzungen, welche die leichte Garde des Urwaldes, die Schlinggewächse, bereits in Besitz zu nehmen begonnen haben. Wir sehen hier Bananen, Papaya, Kürbisse, Mandioca massenhaft, ferner Süßkartoffel, Baumwolle und andere Gewächse, die die Urwaldindianer bauen. Im Felde liegen die Überreste von abgebrannten Häusern. „Das ist mein Acker“, sagt der alte Aguirrc. „Als meine Frau starb, wurde sic hier in der Hütte begraben, worauf ich diese verbrannte und wegzog.“ Es ist eine eigentümliche Sitte, die diese Indianer haben. Wenn jemand von der Familie stirbt, wird der Hof verbrannt und die Überlebenden ziehen weit weg, wo sie ein neues Haus bauen und neue Felder roden; aber es scheint sie nichts daran zu hindern, auf diesen verlassenen Pflanzungen zu ernten. Die Furcht vor dem Geiste des Toten vertreibt diese Menschen von Hütte und Feld, um mit großer Mühe im Urwald einen anderen Platz auszuroden. Vor den Geistern der Toten, „sinokshe“, die im Walde umherwandern, hegen die Yuracáre große Angst. Sie verbittern das Dasein dieser Menschen.

Überall in diesen Wäldern, wo wir vorbeikommen, finden wir Überreste von mehr oder weniger verfallenen und verwachsenen Kulturen. — Als wir Weiße einmal allein waren, verproviantierten wir uns in einem solchen verlassenen Feld. Das hätten wir jedoch nicht tun sollen, denn als wir mit der Diebsbeute an den Fluß kamen, füllte sich das Kanu durch eine Unvorsichtigkeit mit Wasser, und alles, was wir gestohlen, und vieles andere noch dazu schwamm fort. Im Innern des Waldes kommen wir endlich zu großen, gutgepflegten Äckern, wo fleißige Hände ein großes Gebiet gerodet haben, und wo nun die gelben Früchte des Papayabaumes, große Bananenbündel, wohlschmeckende Ananas und vieles andere locken. In den Feldern liegen zwei gutgebaute Hütten, wo ein Yura-careindianer mit seinen nächsten Angehörigen wohnt. Diese Indianer haben es fein und gemütlich. Alles ist geputzt und rein. Alle, auch die Kinder, sind mit Hemden aus Rindenstoff bekleidet. Auf die Kleider der Kinder hat man bunte Vogelfedern, Vogelschnäbel und anderes zum Schmuck gehängt. Wir sind offenbar erwartet, niemand ist mit Arbeit beschäftigt. Man bietet uns leckere, kleine, gelbe Bananen und ungewöhnlich süße Ananas. Wir setzen uns auf Holzklötze und essen so viele Früchte, als wir nur können.

Neugierig blicken wir uns um. Bei diesen Indianern gibt es keine Hängematten; sie liegen auf Matten aus den Blattscheiden einer Palme, und darüber sind Moskitonetze aus Rindenstoff aufgehängt. Hier am Rio Chimore würde ich lieber zwei Tage hungern als eine Nacht ohne Moskitonetz im Walde liegen. Das wäre schrecklich. Es gibt mehrere Arten von Moskitos, aber alle Arten sind gleich gemein, zudringlich und unverschämt. Nicht nur in der Nacht plagen die Moskitos die Menschen. Im Walde verfolgen sie einen den ganzen Tag. Auf dem Flusse gibt es tagsüber keine Moskitos, dagegen Massen von Mücken verschiedener Größe und Gattung. Am Dache der Hütte hängen zahlreiche Körbe, von denen besonders die viereckigen den Sammler locken (Abb. 26). ln diesen verwahren die Männer alle ihre Kostbarkeiten, gleichwie die Frauen ihre in Säcken aus Rindenstoff. Auf einem breiten Gestell liegen Bogen, Pfeile und Ruder.

Auf dem Boden stehen nur wenige, äußerst einfache, unbemalte Tongefäße, aber große Mengen von Holznäpfen und Holzschüsseln. In den größten von diesen, die beinahe so groß sind wie kleine Kanus, gärt dasMandiocabier. Bei fast allen Indianern, die ich kenne, spielt das Trinkgelage eine große Rolle. Man macht weite Ausflüge, um sich nachbarlich zu besuchen, zu trinken und zu plaudern.

Wie in allen Yuracárehütten, die ich besuchte, haben auch die hiesigen Indianer eine kleine Menagerie mit Affen und Waldvögeln. Sie sind die Freunde und Gesellschafter der Kinder. Versteckt in einem Winkel der Hütte, hockt ein kleiner lichtscheuer Nachtaffe; ein rotblauer Ararapapagei, bunter als alle anderen Urwaldvögel, sitzt auf einem Sproß im Dach. Ein kleines Mädchen geht immer mit einer Beutelratte im Haare. In einer Ecke der Hütte sitzen zwei taubstumme Mädchen und unterhalten sich in der Zeichensprache mit einem älteren, ebenfalls taubstummen Weibe, das leise ein Kind in einer Wiege aus Rindenstoff wiegt. Alle anderen sind um den weißen Mann versammelt. Sie sind neugierig wie Kinder auf den Inhalt meiner großen Bündel. Man hat bereits von dem weißen Manne gehört, der so viele von ihren Sachen eintauscht. Alle sind ganz entzückt, als ich die Bündel öffne und die Tauschwaren ausbreite. Leider verderbe ich die ganze Gcsellschaft damit. Die Hemden aus Rindenstoff tauscht man gegen Hemden aus Kattun. Man nimmt die Schatzkörbe und Schmucktäschchen herab, voll mit Federn, geschnitzten Früchten, Tierfiguren, die man aus Alligatorzähnen geschnitten hat, und vielen anderen Dingen, die den Sammler locken. Ein und das andere aus ihrem Besitz ist ganz bemerkenswert.

So verstehen diese Indianer mit geschnittenen Holzstempeln eigentümliche Ornamente auf ihre Rindenstoffezu drucken (Abb.15), wie sie oft auch die Ornamente, mit denen sie ihr Gesicht schmücken, mit Stempeln auftragen (Abb. 35—38). Wie immer bei Indianern, die nicht viel Berührung mit den Weißen hatten, stehen die Eisenwaren am höchsten im Werte. Die Äxte aus schwedischem Eisen und die Waldmesser halte ich am längsten zurück. Mit ihnen versuche ich die Kostbarkeiten herauszulocken, die ich versteckt vermute, und die sie nicht gerne hergeben wollen. Schön langsam kommt doch ein Familienkleinod nach dem anderen hervor. Fein ornamentierte Flöten aus Bein (Abb. 29), alte Pfeifen aus Holz (Abb. 9 und 11), Kämme, die richtige kleine Kunstwerke sind, und verschiedene andere Sachen holt man aus den Verstecken.

Die Männer geben leicht weg, was sie haben; die Frauen tauschen ungern ihre liebsten Schmuckstücke. Nichts kann eine von ihnen bewegen, einen Hängeschmuck aus roten Tukanfedern und geschnitzten schwarzen Früchten, der ihr Stolz zu sein scheint, auszutauschen. Die Kinder geben ihr Spielzeug für Spiegel und andere lustige Sachen. Unmöglich sind jedoch diese Indianer zu bewegen, fremdes Eigentum fortzugeben. Nicht einmal ein Stück Ton, das sic vom oberen Rio Chimore zur Töpferei geholt haben, kann ich hcraus-locken, — da die Besitzerin nicht zu Hause ist. So verbringen wir einige Stunden in diesen Hütten und bereichern die Sammlungen mit verschiedenen interessanten Dingen. Als cs spät wird, beschließe ich, zu Aguirrcs Hütte, meinem Hauptquartier, zurückzukehren, und verspreche, an einem anderen Tag zurückzukommen. Wir verabschieden uns von unseren neuen Freunden und gehen denselben Weg zurück, den wir gekommen. Es ist bereits Abend, als wir zum Kanu gelangen. Sachte rudern wir den brausenden Fluß hinauf. Viele sonderbare Laute klingen aus dem Walde. Die Feuerfliegen leuchten auf und verschwinden, und die Grillen zirpen. Kühl und herrlich ist der Tropenabend. Vorne sitzt schweigend der alte Aguirre und blickt ins Dunkel. Er ist so freundlich, dieser Alte. Ruhig habe ich viele Nächte lang unter seinem Dache geschlafen, ruhiger als vielleicht gut war, denn ich weiß wohl, daß ich bei einem Manne schlief, der einen grauenhaften Mord begangen hat. Ein gebildeter Engländer, ein Sonderling, namens Mentith (?), lebte viele Jahre lang einsam bei diesem Mann und seinen Stammesfreunden, bis diese aus unbekanntem Anlaß den Fremden auf langsame und grausame Weise ermordeten. Diese guten Naturmenschen, die wie große Kinder wirken, können bisweilen eine Grausamkeit entwickeln, die völlig unerklärlich ist. Auch hier im Urwald besteht der Mensch aus Gegensätzen. Man hat behauptet, daß sie von den Weißen in Sta. Rosa am Rio Chapáre verleitet wurden, da diese fürchteten, der Engländer könnte zu viel Einfluß auf die Indianer gewinnen.

Noch spät am Abend sitzen wir in Aguirres Hütte am Feuer und plaudern. Wir sprechen darüber, wie die Chimäneindianer die Yuracáre verhexen und über die Mission am oberen Laufe des Flusses, über die Übergriffe der Weißen und vieles andere. Ich suche vergebens Aguirre zu überreden, mich zu seinen Stammesfreunden zu führen, die tief im Urwald verborgen wohnen, wohin die Weißen nie gehen, und wohin nur die Indianer durch die Sumpfgebiete kommen können. Aber Aguirre will nicht zum Verräter an seinem Stamme werden, trotzdem ich mit großen, großen Geschenken locke. Ich verspreche schließlich, nie den anderen Weißen das zu erzählen, was ich gesehen, aber der Alte ist nicht zu erweichen.

Er lehrt mich kleine Yuracáregedichte. Und der Yuracáreindianer und der Schwede singen zusammen in der Urwaldhütte die einfachen Gesänge:

Endlich legen wir uns schlafen nach einem angenehmen und lehrreichen Tage, nachdem wir die Sammlung um mindestens hundert Gegenstände vermehrt haben, die in einem anderen Weltteil Zeugnis ablegen sollen von dem Kampf ums Dasein und dem Kunstsinn dieser Menschen. Einmal werden sie zu den wenigen Erinnerungen gehören, die von diesem eigentümlichen Volk übrig sind, das am Rio Chimore seine Felder bestellte und in den Urwäldern jagte.

Das war der eine Ausflug von Aguirres Hütte. Der andere galt einer kleinen Missionsstation der Franziskaner am oberen Rio Chimore. Vergebens suchten die Missionare die verschiedenen Yuracárefamilien dort zu sammeln. Für einige Zeit kommen sie wohl zu den Mönchen. Aber die Messe interessiert sie nicht. Es gibt eine andere Seite der Religion, auf die sie Wert legen. In der Mission bekommen sie nämlich Werkzeuge u. dgl. Wenn sie bekommen haben, was sie brauchen, dann verschwinden sie wieder in die Freiheit des Urwaldes.

Der Missionsleitcr schien mir unverständig. So klagte er zum Beispiel darüber, daß die Eltern nicht erlaubten, daß er die Kinder züchtige, wenn diese seiner Meinung nach einen Fehler begangen hätten. — Welche Unverschämtheit, die freien Kinder des Urwaldes züchtigen zu wollen! Vielleicht wollten sie nicht in die Messe gehen. Die Yuracärc schlagen ihre Kinder nie. D’Orbigny sagt darüber:

„Nie habe ich einen Vater gesehen, der seine Kinder bestraft; sie begreifen nicht das Recht zu strafen, sie besitzen nicht einmal ein Wort in ihrer Sprache, um diese Idee auszudrücken.“

Eine wichtige Aufgabe aber haben die Missionare hier. Sie versuchen die Indianer gegen die Übergriffe der Weißen zu schützen. Durch die Begierde der Indianer nach Branntwein wollen die Weißen sie an sich binden, und dann legt man sie an die Ketten der Schuldsklaverei. Denn die Weißen brauchen sie als Ruderer. In der Mission gab es bei meinem Besuch fünfzehn Familien, weitere fünfundvierzig waren dort gewesen, aber wieder in die Wälder zurückgekehrt. Nach Pierini1 gab es in dieser Mission zwei Jahre vorher, 1906, hundertzweiundvierzig Indianer, verteilt auf vierunddreißig Familien. Davon waren dreißig Schulkinder. Wahrscheinlich wird diese Mission verschwinden, wie alle Missionen, die man bei den Yuracáre anzulegen versuchte. Brauchten die Indianer nicht den Schutz der Mission gegen die Weißen, so wären sie längst alle zur Freiheit zurückgekehrt. Bei den Mönchen der Mission geht es arm und dürftig zu. Es gibt keinen Überfluß an Speise wie bei den freien Yuracáre, die ich besuchte. Diese Tatsache gibt zu denken.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern

Indianerleben

Wie ich einst unter dem Eindruck jahrelang fortgesetzter kulturhistorischer Wanderungen und Studien des Volklebens im nördlichen Deutschland den Versuch gemacht habe, in der Schrift »Der heutige Volksglaube und das alte Heidentum« aus den noch jetzt herrschenden Sagen und Traditionen die niedere, volkstümliche Mythologie der betreffenden Stämme in der Anlehnung der mythischen Gestalten an die Natur zu entwickeln: so beabsichtige ich mit den Untersuchungen, welche ich mit diesem Buche beginne, in aufsteigender Linie bis zur indogermanischen Mythologie vorzudringen, d. h. in großen Umrissen den Glaubensstand zu zeichnen, welcher sich etwa für die Zeit der Trennung der arischen Stämme, als sie Kolonisatoren nach Ost und West wurden, zu ergeben scheint. Denn wenngleich, wie ich verschiedentlich schon ausgeführt habe, die religiöse Entwickelung derselben zu jener Zeit noch nicht zu dem Begriff des Göttlichen, selbst nicht im Homerischen Sinne, vorgedrungen war, sondern sich noch mehr oder weniger innerhalb des Stadiums einer einfachen »Naturanschauung« bewegte und die mythischen Elemente selbst noch in gewissem Sinne flüssig waren, so macht sich doch daneben schon ein gewisser homogener Hintergrund in betreff einer allgemeinen, mythisch-religiösen Weltanschauung bemerkbar, der als eine gemeinsame Entwicklungsphase in dieser Hinsicht anzusehen ist, die nur dann während und mit der Zeit der Sonderung der einzelnen Stämme zu Völkem teils zurückgedrängt, teils unterbrochen wurde, so daß eben nur aus den Niederschlägen, die sie in der Tradition gefunden hat, noch ein Bild derselben zu gewinnen ist.

Das Charakteristische aber jener Zeit und der Unterschied von der historischen, wo allmählich der Einfluß einer inzwischen erwachsenen Litteratur sich mehr oder weniger geltend zu machen anfangt, beruht vor allem darin, daß für den Menschen noch immer meist alles unmittelbare Realität unter dem individuellen Reflex des Augenblickes war. Dies gilt nicht bloß von seinem Verhältnis zu der Welt, welche er mit seinen Sinnen umfaßte und im Kampf des Daseins mit den ihm angeborenen Fähigkeiten, so gut es ging, beherrschte, sondern noch in ganz besonderer Weise von der unfaßbar und geheimnisvoll ihn umgebenden Welt, die sich daneben um ihn und an ihm geltend zu machen schien und deren Einwirkungen er zu empfinden glaubte und nach gewissen Erscheinungen und Wirkungen, in Analogie zu anderen, ihm faßbareren, allmählich sich phantasievoll zurechtzulegen anfing.

Unter diesem Reflex des Augenblicks schien z. B. in betreff der Auffassung der Himmelserscheinungen die Sonne noch nicht als die eigentliche Lichtspenderin im Mittelpunkt derselben zu stehen und wurde noch nicht als der eigentliche Ausgangspunkt in dieser Hinsicht gefaßt. Wie der Tag sich zunächst ohne sie scheinbar entwickelte, sie oft auch bei Tage wieder den Augen verschwand, so wurde, wie wir auch noch sagen »der Tag resp. der Morgen bricht an«, das Tageslicht zuerst als selbständige Erscheinung gefaßt, zu dem dann der Lichtkörper, den wir Sonne nennen, als eine Art Accidenz unter den verschiedensten Formen trat. Ebenso war der Begriff Nacht noch nicht beschränkt auf die regelmäßig wiederkehrende Zeit, welche wir so bezeichnen, — der Begriff Zeit, wie der einer Regelmäßigkeit in derselben, war dem Naturmenschen überhaupt noch fremd, und es schien ihm alles in stetem Wandel begriffen, — sondern die entsprechende Bezeichnung für Nacht umfaßte alles Dunkelwerden auf Erden wie am Himmel, das, je plötzlicher es zuzeiten und unter besonders schlimmen Umständen und namentlich am Himmel z. B. in einer Gewitternacht einzutreten schien, einen desto nachhaltigeren Eindruck auf den Menschen machte.

Wie von diesem Standpunkt aus Licht und Dunkel stets so in bunter Weise am Himmel zu wechseln schienen, so fehlte es auch an einer bestimmten Sonderung zwischen der Erde und dem, was wir Himmel nennen, zumal am Horizont beides zu verwachsen schien, höchstens die Vorstellung von einem »dort oben« und einem »hier unten« allmählich einen Unterschied in dieser Hinsicht anzubahnen anfing .

Dieselbe Auffassung der Dinge vom Standpunkt der unmittelbarsten Realität des Augenblicks reflektierte auch auf das menschliche Leben selbst und supponierte so u. a. dem Traumleben des Menschen eine eigene Welt wunderbarer Art. Denn nicht allein, daß im Schlaf gelegentlich andere Menschen, auch Tote, wie Schemen und Schattenbilder zu ihm zukommen schienen; er selbst, d. h. etwas an ihm, schien, wie es im Bewußtsein noch nachreflektierte, während der Leib wie tot zurückgeblieben war, denselben gelegentlich verlassen zu haben und in andere Gegenden gewandert zu sein. Lehnte sich hieran überhaupt die allmählich dämmernde supranaturalistische Vorstellung von Geist resp. Seele und vom Fortleben auch der Toten irgendwo, — woran sich dann mit sich weitenden Ideenkonzeptionen sogar der Begriff einer Unsterblichkeit schloß, — so vertiefte sich die von den verschiedensten Seiten, von außen und von innen, sich anbahnende Vorstellung, daß es überhaupt etwas gäbe, was anders sei und sich anders entwickle, als was der Mensch mit den Händen fassen und mit den Sinnen begreifen könne, immer mehr zu dem direkten Glauben an eine ihn umgebende, aber nur in gewissen Momenten und an gewissen Wahrzeichen ihm sichtbar werdende Wunder weit, welche bei seinem primitiven, noch unentwickelten geistigen Standpunkt die Vorstellung eines sogen. Zaubers schuf.

Der Begriff Zauber war nämlich für den Naturmenschen die reale Vermittlung des Wunderbaren auf Erden wie am Himmel, sowohl für das, was ihn berührte oder um ihn vorzugehen schien und was er nicht begriff, als für all den Wandel, den er dort oben in unbegreiflicher Weise im bunten Wechsel der Phänomene vor sich gehen sah. Denn gerade in betreff der so mannigfachen Himmelserscheinungen wirkte die Realität des Augenblicks auch wieder in besonderer Weise mit. Je nachdem die einzelne Erscheinung sich gestaltete, sie mit dieser oder jener anderen in Verbindung zu treten oder gar auf sie zu wirken schien, faßte der Naturmensch sie, wie noch heutzutage jeder Dichter es thut, in ihrer Besonderheit auf. Erst allmählich begann man, indem man etwas Gleichartiges in gewissen Bildern, z. B. in den Blitzen, herauszufinden anfing, das, was man bis dahin als verschieden sich gedacht hatte, unter gemeinsamem Namen zu umfassen oder wenigstens unter einzelne Kategorien zu subsummieren. Zunächst war alles für den Menschen auch in dieser Hinsicht, wie es sich ihm im Augenblick gab. So zeitigten und befruchteten gleichsam vor allem die Wandlungen, welche am Himmel im Wechsel von Licht und Dunkel sowie im Treiben von Wolken und Wind, vor allem in den so gewaltigen Erscheinungen des Gewitters mit seinen Kontrasten vor sich gingen, die Ausbildung der Vorstellung des Zaubers, als einer geheimnisvollen Kraft, die alles möglich mache. Dieselbe knüpft sich an Dinge, wie an Wesen, und überall sah man Übergänge zwischen beiden. Die Blitzrute — der allgemeinste und ursprünglichste Zauberfetisch bei fast allen Völkern, — weckte angeblich dort oben den Regenquell, wie unter anderem Reflex das »aufblühende Gewitter«, d. h. mythisch geredet »die Wolkengewitterblume, die auf blüht«, die Gewitternacht mit ihrer Schattenwelt heraufführt oder in dem die Wolken spaltenden Blitze den »Wolkenberg« mit seinen leuchtenden Schätzen zu erschließen schien. Im Hintergrund steht erst als ein zweites Moment ein Wesen, welches mit dem Zauberding hantiert. Zunächst wohnt in den Dingen selbst die Kraft, denen deshalb der Mensch auch nachforschte und die er sich anzueignen suchte: die Wünschelrute, wie die Wunderblume, welche solchen Zauber schafft.

So liegen dicht nebeneinander die Anfänge aller der religiösen Entwicklungsformen, welche man in der Wissenschaft bisher, weil eine vor der anderen sich bei roheren Völkern je nach ihrer Kulturstufe mehr oder minder bemerkbar machte, als Stufen und Durchgangspunkte, welche zeitlich hintereinander lägen, zu fassen geneigt gewesen, — der sogenannte Fetischismus, das Schamanentum der Glaube an eine Geister- und Totenwelt und eine mögliche Vermittlung mit derselben und der Polytheismus.

Der Mittfel- und Ausgangspunkt von allem aber ist der Mensch nicht nur mit, sondern auch in der Art seiner Aperception, insofern er alles nach sich beurteilt und allem den Stempel seines eigenen Empfindens und Betrachtens aufdrückt und darnach faßt und ihm Form verleiht. Wie er sich seiner Kraft bewußt wird, ruht auch für ihn in allem zunächst möglicher Weise (potentia) eine Kraft. So erscheint ihm alles im Licht seiner eigenen Subjektivität gewissermaßen belebt. Namentlich gilt dies von allem, was ihm besonders geheimnisvoll, wunderbar erscheint und was er phantasievoll im Anschluß an einzelne Momente, die ihm durch gewisse Analogien mit Bekanntem oder Ähnlichem naher rücken, wie wir schon oben erwähnt, zu erfassen trachtet. Wie sich dasselbe in betreff der sprachlichen Bezeichnung der Dinge geltend macht, in dem ein charakteristisches Moment immer dabei hervorgehoben wird, so dient es ihm auch als Grundlage der gläubigen Anschauung, überhaupt seines Glaubens. Das »Brüllen des Donners« ist zunächst ein sprachlicher Ausdruck, wie »das Heulen des Windes«: für den Naturmenschen aber, der noch keine andere Erklärung der Erscheinung hat, ist es zugleich das Substrat eines Glaubens, dem zufolge ein gewaltiges Wesen dort oben — tier- oder menschenartig gedacht — sich so bemerkbar macht. So »vermischte« sich auch in dieser Hinsicht ihm Himmel und Erde und seine Phantasie fand überall Ähnliches, was er mit einander verknüpfte.

Dies bekundet sich nicht nur in der Anschauung, sondern auch im eigenen Handeln, und in daran sich schließenden Gebräuchen findet es einen merkwürdigen analogen Ausdruck. Wie er glaubte, den Regen herbeizaubem zu können, ähnlich wie die »dort oben« nach seiner Meinung es machten, wenn sie mit den Blitzruten angeblich die Wolken peitschten, so glaubte er auch umgekehrt, daß, wenn schwere Wolken in der, einer Gewitternacht vorangehenden Stille — wo die ganze Natur in regungslosen Schlaf versenkt zu sein schien — heraufkämen und atembeklemmend lasteten und der Wind stöhnte und ächzte, es  ginge dort oben ein ähnlicher Prozeß vor sich wie Nachts hier unten: die Nachtgeister, welche ihn selbst im Schlafe atembeklemmend drückten und plagten (oder im Fieber schüttelten), wirtschafteten nach seinen Gedanken ebenso dort oben in den Wolken. Und die Bilder, welche mit dem Wolkenalp, der Wolkenmahrt dort oben scheinbar sich entwickelten, hafteten nicht bloß um so mehr in der Tradition, je bedeutsamer sie dem Menschen durch ihren zauberhaften Hintergrund erschienen und phantasievolle Formen (unter Hineinziehung z. B. im letztem Falle der Sonne als des leidenden Objekts fanden, sondern sie reflektierten auch wieder auf die entsprechenden irdischen Verhältnisse zurück. Ebenso wie dort oben dem »dunklen« Treiben des Unwetters die Blitzrute schließlich nach seiner Meinung ein Ende machte, so galt auch, wie u. a. in der Cama-Sage sich zeigt, das irdische Substitut der Blitzrute, der geheimnisvolle Janusstab, der Weißdorn, als ein Fetisch, der gegen den irdischen Spuk der Nachtgeister überhaupt helfe. — Oder wenn nach einem anderen Bilde die Schattengeister, welche im Traum vor des Menschen Seele traten, in der Gewitternacht dort oben vermummt in gespensterhaftem Aufzuge am Himmel heraufzuziehen schienen, zu einer ganzen Totenwelt an wachsend und mit den Bildern des Grauens die Seele erfüllend: so bildete sich im Anschluß hieran die Vorstellung von Qualen, die jene dort oben aus irgend einem Grande auszustehen hätten, von denen als die mindeste erschien, verwünscht zu sein, »immer« umgehen zu müssen, als die schlimmste, im »Feuer« (des Gewitters) irgendwie gepeinigt zu werden. Das Ganze wurde dann aber wieder in die engste Beziehung zu dem Leben hier unten gesetzt und als eine Strafe für hier ungesühnte Thaten der betr. Geister gefaßt, und wie oben der Spuk endlich wieder verschwand, so glaubte man auch durch allerhand Zauber angebliche Geister hier unten entfernen, d. h. bannen zu können.

Kann man so in betreff der Einkleidung auch derartiger mythischer Schichten den Ursprung meist immer am Himmel noch verfolgen, so gilt dies vollends dann von den eigentlichen sogenannten polytheistischen Vorstellungen, nach denen man die Himmelserscheinungen unter dem Reflex zauberhaft übermächtiger Wesen selbständig zu fassen anfing. Zunächst waren es aber nur gewissermaßen »Sagen« von den Wesen dort oben, ähnlich wie von solchen hier unten, welche sich in der Tradition in einer Art von historischem Gewände so ablagerten. Und in dieser Hinsicht fallen für die Urzeit Mythe, Sage und Märchen zusammen, ebenso wie für dieselbe das sogen. Symbol, das so viel Verwirrung in der mythologischen Wissenschaft erzeugt hat, noch gar nicht existierte1). Wie die Urzeit alles unter dem Begriff befaßte »Es war einmal«, so gab es für sie noch kein Symbol, das war erst die Erfindung einer späteren Zeit, mit der man sich das überkommene mythische Material zurecht zu legen versuchte; für die Naturmenschen war alles Realität, wenn auch eben eine Realität anderer Art als die irdische. Für sie gab es nur geheimnißvolle, tier- und menschenartige Wesen oder zauberhafte, fetischartige Dinge, sowie Übergänge namentlich zwischen den ersten, indem ihnen die Kraft sich zu verwandeln, wie sich unsichtbar zu machen und dergl. beizuwohnen schien. Erst mit der Kultur und namentlich mit der Viehzucht und vor allem dem Ackerbau gingen allmählich die Naturwesen in götterähnliche (nach unsem Begriffen) über, aber lange, sehr lange hat es gedauert, ehe sich mit ihnen die Vorstellung des »Allmächtigen«, »die Welt Beherrschenden«, sowie die des »Ewigen« verband. Die nordischen Götter sehen in dieser Hinsicht noch ihrem Untergange entgegen, ebensowie nach der Sage von der Metis und Thetis der griechische Zeus noch stets für seine Herrschaft fürchtete. In der indogermanischen Zeit giebt es nun aber vollends noch keine Götter, auch nicht im späteren heidnischen Sinne, es sind noch eben nur Natur wesen. Wie in den Sagen sie stets dem Wandel noch unterworfen sind, sie mit einander streiten und kämpfen, sind sie auöh dem Verderben unter Umständen verfallen; sie werden überwältigt oder durch Zauber irgendwie überwunden; erstehen aber wieder durch allerhand Umstände in alter Kraft oder erwachen, wenn die Zeit ihrer Verzauberung um ist, zu neuem Leben. Der indische Vrtra verschlingt den Indra, der erst, als die übrigen Himmlischen den Vrtra zum Gähnen bringen, ihm wieder entschlüpft; dem Zeus schneidet Typhon die Flechsen aus, er ist kraftlos, bis Hermes sie findet und ihm wieder einsetzt. Das Sonnenwesen, mag es in der Sage von Dornröschen oder Brunhild reflektieren, erwacht wieder, als die Zeit ihrer Verzauberung um, wie Baldur in WaJi wieder geboren wird. In weiterer Entwicklung, als die Vorstellung sich schon dahin gefestigt hatte, daß alles in der Natur trotz aller scheinbar gefährlichen Wandlungen sich schließlich doch immer wieder zum Besseren wende, erscheinen die maßgebenden Wesen dann nur meist als zeitweise, z. B. im Winter, abwesend; sie kommen wieder, wenn es Not ist, oder haben ein Mittel, zu neuer Kraft zu gelangen, sich zu veijüngen u. s. w.

Entsprechend diesen Phasen galten die betr. Wesen zunächst auch nur für relativ mächtiger als der Mensch, wie auch das Treiben, die Vorgänge am Himmel sie meist nur zunächst gegenseitig zu berühren schienen und nur einzelne in bestimmter Weise dem Menschen zunächst furchterweckend oder schädigend gegenübertraten, z. B. im nächtlichen Unwetter, dem alles niederschmetternden Sturm u. dergl, bis allmählich die Fäden der Betrachtung sich weiterspannen und speziell die im Himmel waltenden leuchtenden Wesen als diejenigen immer

mehr hinstellten, in deren Händen in einem wohlwollenden Sinne im ganzen die Herrschaft der Welt läge. Erst mit dem Augenblicke aber, wo der Mensch glaubte, es ständen ihm Wesen gegenüber, die ihm »dauernd« schaden oder nützen könnten, beginnt eine Verehrung derselben und damit eine idealere Auffassung, welche den Namen des Göttlichen verdient Der Naturmensch beugt sich eben nur der Macht1), und da geben uns nun die nachstehenden Untersuchungen merkwürdige Resultate über den Entwickelungsprozeß und den Standpunkt des indogermanischen Glaubens.

Es ist eine eigentümliche Phase der Naturanschauung, welche sich um den himmlischen Lichtbaum entwickelt, namentlich mit den im Gewitter an demselben angeblich aufblühenden feurigen Schmarotzerpflanzen oder dem im Blitz leuchtenden goldigen Zweig an demselben und der Fülle zauberhafter Accidentien, welche man aus den Erscheinungen und Wirkungen des Gewitters heraus jenen himmlischen Fetischen beilegte. Unter der größten Mannigfaltigkeit mythischer Niederschläge der verschiedensten Himmelsphänomene in tier- und menschenähnlichen Bildern treten besonders im Anschluß an jene beiden Momente Sagengruppen in den Vordergrund, in denen die Sonne, männlich oder weiblich gedacht, mit Hülfe jener oben erwähnten Zauberfetische unter den Händen der finsteren, dunklen, in Wolken gehüllten Sturmesmächte zu leiden oder bewältigt zu werden schien, so daß hierin eine gemeinsame mythische Phase eigentümlicher Art zum Durchbruch kommt, welche sich charakteristisch von der später dann überwiegend ausgebildeten unterscheidet, der zufolge die Sonne, besonders die Frühlingssonne, — der Sonnensohn oder die Sonnentochter, — umgekehrt die Mächte der Finsternis überwindet.

Scheint der hierin hervortretende Entwicklungsprozeß nach den lokalen Verhältnissen verschieden vor sich gegangen zu sein, namentlich bei den griechischen Indogermanen unter ihrem heiteren Himmel überwiegend bald alles nach der Seite des Lichts, als des dauernd Siegreicheren hin sich entwickelt zu haben, so sind in den behandelten Mythen die finsteren, düsteren Wesen noch die mächtigeren, nicht bloß gegenüber den lichten Himmelswesen, sondern auch den Menschen gegenüber. Wie sie im Gewitter vermummt drohend am Himmel heraufgezogen kommen, so haftet ihnen vor allem noch in den Mythen der böse, schädigende Blick an, der überhaupt in dieser Scenerie so seinen Ursprung findet. Wenn dieses Moment dann auch noch bei den idealsten Göttergestalten nachvibriert, sobald sie im Gewitter die zornige Seite herauskehren, so zeigt der Hintergrund, welcher sich bei Untersuchung der obigen Mythen ergiebt, überhaupt noch überwiegend die gespensterhaft düstere Seite der betr. Wesen. Unter diesem Refiex rückt dann zugleich fast das ganze übrige Gespensterwesen, der ganze nächtliche Spuk mit allen seinen grausigen Bildern im Anschluß an die erwähnten Gestalten in die Gewitternacht ein und entfaltet uns so auch bei den Indogermanen einen primitiv-religiösen Standpunkt, dessen Mittelpunkt, wie bei den rohen Naturvölkern, die Furcht und dessen Typus die Vorstellung »eines namentlich an die Gewitternacht sich anschließenden und von dorther«, wie es oben schon von dem Alpglauben dargestellt worden, »seine Formen empfangenden Gespensterglaubens« ist.

Die Gestalt des Wodan-Odhin ergiebt sich in dieser Hinsicht besonders als äußerst lehrreich für die ganze religiöse Entwicklung, indem sie sich einmal noch eng an die Natur an-sehließt, dann aber gerade in ihr noch die verschiedenartigsten Beziehungen hervortreten, welche nur eben in jenem natürlichen Hintergrund das sie einende Band finden lassen. Zeigt uns die deutsche niedere Mythologie Wodan bloß zunächst als den im Gewitter auftretenden feurigen Nachtjäger oder Wanderer, dem der Mensch aus dem Wege gehen müsse, wenn er nicht an Leib oder Seele gelähmt werden wolle, — ein deutlicher Hinweis auf die ursprünglich im Hintergrund stehende Gewitternacht, — und entwickeln die Sagen nur andeutungsweise noch sein Bild als eines den Wolkenfrauen oder der Sonnenfrau nachstellenden Dämons, so entfaltet sich in den Mythen noch dieselbe Grundlage in höchst charakteristischer Ausstattung. Mit tief in die Stirn gedrücktem Wolkenhut tritt er auf; durch die Wolken zuckt im Blitz sein »böses« Auge, welches in der ihm beigelegten »Einäugigkeit« noch einen besonderen Ausdruck gefunden. Bald erscheint er als der Wind, (»der Immergeher«) als der himmlische Wanderer, bald als ein im Sturm und im »rollenden« oder »hallenden« Donner zu »Wagen« oder »Roß« dahintosender Jäger, bald unter dem Reflex der himmlischen Schattenwelt als ein den gespenstigen Totenkahn in tiefgehender Wolke steuernder Fährmann. Bald tritt er oder sein historisches Analogon resp. Prototyp in der Gestalt des »einäugigen« Hagen dem Sonnensohn Siegfried oder der Sonnenjungfrau Brunhild feindlich gegenüber, immer ist er der düstere, finstere Gott, an dessen Fersen sich Kampf und Tod knüpfen, und durch sein ganzes Wesen geht ein Zug des Grimmen, wie er in seinem historischen Substitut, dem Hagen, noch den vollsten Ausdruck gefunden hat

Ist er so der Hauptgott der Germanen geblieben, wenn er gleich mit der Zeit in den nordischen Liedern einzelne lichtere Farben erhalten, so finden wir bei den anderen Indogermanen in einzelnen mythischen Gestaltungen noch die verschiedensten Anknüpfungen der bei ihm sich ergebenden Eigentümlichkeiten und Formen wieder, so daß seine Gestalt auch für den ur-zeitlichen Hintergrund dieser maßgebend wird. Nicht bloß daß den höchsten griechischen und römischen Göttern noch der grimme und zornige Blick zuzeiten verblieben, ihrem Charakter selbst das auch in jenem Blick dem Aberglauben nahe liegende »Neidische« noch lange angehaftet hat1); auch in einzelnen Momenten, vibriert noch die historische Beziehung in der eigentümlichsten Weise deutlich nach. Auf der einen Seite berührt z. B. Odhin sich in seiner Vermummung und gelegentlichen Schlangengestalt mit Yrtra, dem indischen Gewitterspuk, der auch dem lichten Indra dann entgegentritt, wie Odhin der Sonnenjungfrau Brunhild, oder seine Substitute Hödur, Hagen, dem Baldur und Siegfried, dann stellen sich nach anderer Seite zu dem Brunhild-Mythos nicht bloß Varianten, in denen Hermes, Dionysos und Janus mit dem dem »Schlafdorn« im Ursprung analogen »Zauberstab« ein der Brunhild entsprechendes Wesen bewältigen oder gewinnen, sondern Hermes sowie Hades und Charon sind überhaupt nur, namentlich in ihrem Verhältnis zur Totenwelt, dann Differenzierungen der Urgestalt, welche in Odhin-Wodan noch in einer gewissen Totalität uns entgegentritt Steht ihm Hermes als Totenführer nahe, und erklärt sich gleichfalls so, daß er auch der Götterbote geworden in Analogie zu dem Odhin als »Wanderer«, so ist Charon-Hades auch nur ein anderes Gegenbild, wenn er, wie jener bald im Wolkenkahn als »Fährmann«, bald hoch auf dem Donnerroß als Führer der im Gewitter dahinziehenden Totenwelt auftritt. Wenn bei den betr. Untersuchungen weiter dann eine Menge Einzelheiten, die z. T. sonst unverständlich sind, ihre Erklärung finden, z. B. des Hermes wie des Hades Stab ebenso wie die mit Odhin zusammenhängende Wünschelrute sich nur als verschiedene Nuancierungen der himmlischen Blitzrute je nach der Scenerie, in der sie angeblich auftritt, ergeben, weiter dann die blitzenden Augen des Charon, die ihm den Namen verliehen, endlich der Beiname des Hades, xkvtoxokos, u. dergL sich erklären: so ist besonders charakteristisch der Wolkenhut oder die Kappe des nordischen Bauemgottes, den auch Hermes und selbst Hades in etwas eleganterer Form, — der letztere als unsichtbar machenden Helm — beibehalten haben1), ein Moment, das um so charakteristischer ist, als es am Hades gleichsam nur lokaliter ohne besondere Bedeutung für seine weitere Gestalt haften geblieben ist, gleichwie der Donnerwagen, mit dem der  beim Raube der Persephone noch erscheint.

Ich habe hier nur einzelnes angedeutet, ebensowie es die Aufgabe weiterer Untersuchungen sein wird, ähnlichen Gestaltungen und Entwicklungen nachzugehen und namentlich die Übergänge dieser finsteren Welt der Gespenster, durch Aus-Scheidung der Gegensätze von Dunkel und Licht, in die himmlischen segenspendenden Wasser- und Luftgeister zu verfolgen; daß aber die ältere Basis der Gewittergeister überhaupt jenen finsteren, ins Böse überschlagenden Charakter gehabt, bekräftigen noch verschiedene andere Erwägungen. Zunächst zieht der böse Blick noch ganze Klassen böser Geister, wie Hexen, Dökalfr, Teichinen u. s. w. in den betr. Kreis hinein und giebt dem betr. Glauben damit eine breite Grundlage, welche in allerhand Analogien fast über die ganze Welt sich noch verfolgen läßt1). Und wenn so schon der sensus communis, wie die Alten in solcher Hinsicht sagten, meine Behauptung bestätigt, so haben wir an dem Gott des A. T. auch eine entsprechende Phase und zwar als die ältere des jüdisch-christlichen Gottesbegriffe zu verzeichnen, indem bei dem »zornigen« Gott meist stets noch das grollende Gewitter mit seinen Schrecknissen bildlich hineingezogen wird.

Auch die Sprache der Indogermanen bestätigt in dem Worte devas noch, wie ich meine, jene unsere Auffassung der mythologischen Verhältnisse. Allerdings ist dies Wort in der Ausbildung des ihm zu Grunde liegenden Begriffs des »Glänzenden«, »Leuchtenden« bei den meisten Indogermanen die Bezeichnung für den später entwickelten Begriff »göttlicher« Wesen geworden, aber bei einem Hauptzweige, den Iraniem, bezeichnet es gerade umgekehrt die »bösen« Geister, welches Auseinandergehen im Begriff doch auch wieder ganz zu dem gezeichneten Entwicklungsprozeß paßt, indem die Iranier also die finstere Seite der Gewitterwesen mit dem Worte festgehalten haben, während es den übrigen Völkern zur Bezeichnung der »leuchtenden« wurde, an die, als an die siegreichen, sich mit der Zeit die Vorstellung des Göttlichen anschloß.

Es stimmen auch die obigen Resultate ganz zu dem der menschlichen Natur, namentlich auf dem Standpunkt intellektueller wie ethischer Rohheit, eigentümlichen, naturwüchsigen Denken im Geiste des krassesten Egoismus. Wie der Mensch auf diesem Standpunkt meist nur aus Interesse handelt, so erschienen ihm auch die Wesen, die Mächte, an die er glaubte, zunächst in demselben Lichte. Erst ein ethisch-menschlicheres Leben ließ allmählich andere Empfindungen keimen und verlieh damit dem religiösen Denken auch ein anderes Kolorit Zu dieser Auffassung stimmen auch die Berichte aller Reisenden, welche unbefangener und tiefer in das Volksleben roher Naturvölker eingedrungen sind und sie objektiv, nicht unter dem Reflex sogen, allgemein angeborener, menschlicher Ideen schildern, und nicht ohne Grund stellt die christliche Moral auch die Gottesfurcht noch als Ausgangspunkt »der Liebe zu Gott«, in Erwägung der menschlichen Natur oder, wie die Kirche sich ausdrückt, »des alten Adams«, voran.

Schuf so die Phantasie dem Glauben in den verschiedenen sich bildenden Volkskreisen seine Formen, die dann die spätere Zeit in allgemeinerer nationaler Entwicklung zu gemeinsamen Bildern einte und dem eigenen fortgeschrittenen Leben homogen menschlich idealer gestaltete, so entwickelten sich analog aus dem dem Menschen angeborenen Nachahmungstrieb auch die ersten Formen für sein Handeln. Der Aberglaube wurde das erste seine Willkür innerlich beschränkende Gesetz.

Die eigenenVerhältnisse, welche man in Parallele zu ähnlichen natürlichen, namentlich himmlischen Vorgängen brachte, schienen mit denselben Accidentien wie dort vollzogen werden zu müssen, gerade wie Kinder das nachahmen, was sie von ihren Eltern sehen. Halb war es eben angeborener Instinkt, halb knüpfte sich daran der Glaube, es sei so zu best Den Vorgängen beim Wolkentreiben als dem Treiben himmlischer Herden, der angeblich am Himmel stattfindenden Bereitung neuen Feuers im Gewitter, wenn vorher alles in Dunkelheit erloschen, schlossen sich entsprechende Gebräuche in analogen Verhältnissen bei den Indogermanen an, ebenso wie beim sogen. Windmachen, dem Regenzauber oder in Einwirkung auf menschliche Verhältnisse im sogen. Nestelknüpfen, Kurieren des Fiebers u. dergl. mehr.

So tritt uns nach allen Seiten an der Hand einer auf das allgemein Volkstümliche zurückgreifenden Betrachtungsweise, — welches in seiner Naturwüchsigkeit zu allen Zeiten und überall mehr oder minder Repräsentant des allgemein Menschlichen ist, — eine psychologische Grundlage entgegen, welche die Anfänge der Religion, Mythologie und Sittlichkeit denen der Sprachbildung anreiht Und in dem Umstand, daß sich überall die Verhältnisse ähnlich entfalten, liegt nicht bloß‘ die Bestätigung der Richtigkeit des geschilderten Prozesses, sondern auch die wissenschaftliche Bedeutung desselben überhaupt, als eine allgemeine, in der menschlichen Natur liegende Entwicklungsform, welche von Geschlecht zu Geschlecht sich weitete und vertiefte und so immer mehr die Grundlage idealer Phasen wurde.

Wenn bisher die Mythologie erst in den Anfängen der Erfüllung dieser Aufgabe steht, so liegt es daran, daß die Vorbedingungen bisher für eine derartige Behandlung fehlten. Erst die neuere Zeit hat solche Untersuchungen überhaupt in den Horizont der Wissenschaft gerückt, so daß sie noch immer für  eine große Zahl Männer, die auf anderen Gebieten selbst Hervorragendes leisten, aber vorher mit ihrem wissenschaftlichen System in dieser Hinsicht abgeschlossen haben, eine terra incognitasind. Erst mußte nämlich J. Grimm die Sage in ihre wissenschaftliche Bedeutung einsetzen, erst Kuhn und M. Müller auch für die Mythologie innerhalb der indogermanischen Völker den Standpunkt der Vergleichung durchfechten, welcher für das Sprachgebiet derselben schon längst gewonnen war. Aber nur die allmählich fortschreitende Ausdehnung des gewonnenen Standpunkts auf alle Völker im anthropologischen Sinne und die Betonung des volkstümlichen Hintergrundes als der Quelle der gesamten geistigen Thätigkeit eines Volkes auch auf diesem Gebiet, (insofern nicht direkte Übertragung einer fremden Beligion nachweisbar ist), kann Gesamtresultate im obigen Sinne liefern.1) Freilich ist noch ein Moment für die volle Wissenschaftlichkeit nötig, ohne welches zwar sehr schöne Ideen im Anschluß an mythologische Betrachtungen gemacht, aber nie die fundamentale Entwicklung der Wissenschaft unter psychologischer Begründung voll gefördert werden kann. Wenn nämlich schon das Erkennen und Verstehen des volkstümlichen oder, allgemeiner gesagt, menschlichnatürlichen Standpunkts in seiner Primitivität eine Hauptforderung ist, so ist es noch in höherem Grade eine in dieser Wissenschaft mehr als in jeder andern nötige Verleugnung jeder Subjektivität und unbedingte Voraussetzungslosigkeit. Dies ist aber gerade in religiösen Dingen doppelt schwer und gilt z. B.. selbst nicht in vollstem. Maße von dem Schöpfer der neueren Mythologie J. Grimm.

Während man auf allen Seiten seiner Mythologie an das Werden der Gestalten, welche er aus den Sagen hervorzaubert, gemahnt wird und ihm selbst oft ein dahin zielendes bedeutsames Wort entfällt, so sperrt sich sein sonst so unbefangener Geist gegen die principielle Anerkenntnis des Werdens der Götter im fortschreitenden Leben der Menschheit. Wie andere den katholischen Standpunkt in die Wissenschaft vom Menschen hineintragen, so übertrug er neben seinem Idealismus den evangelischen Christen-, d. h. den evangelischen Kirchenglauben unbewußt in die Mythologie in jener Hinsicht. Es erschien ihm in betreff der letzten Gründe alles mehr oder weniger unter diesem Reflex. Der Gedanke an rohere Entwicklungsphasen auch für das ideale Leben, wie ihn so charakteristisch einmal W. v. Humboldt ausgeführt1), lag ihm überhaupt fern. So sagt er z. B. :

»Unter allen Formen ist monotheistische, wie der Vernunft die angemessenste, der Gottheit die würdigste. Auch scheint sie die ursprüngliche, aus deren Schoß dem kindlichen Altertum leicht sich die Vielgötterei entwand (?), indem des einen Gottes erhabenste Eigenschaften erst trilogisch, hernach zur Dodekalogte gefaßt wurden (?). Dies Verhältnis ergeben alle Mythologien (?), die unsrige, dünkt mich, vorzüglich klar (?): fast alle Götter erscheinen an Rang und Macht einander ungleich, bald überlegen, bald untergeordnet, so daß sie wechselweise von sich abhängig zuletzt insgesamt für Ausflüsse einer höchsten einzigen gelten müssen (?). Was der Polytheismus Anstößiges hat, wird dadurch gemildert, denn auch in der Heiden Brust war ein Bewußtsein jener Unterordnung schwerlich (?) völlig erloschen und der schlummernde Glaube an den höchsten Gott konnte stets erwachen.«

Dies klingt sehr schön; enthält aber zunächst meist mehr subjektive Voraussetzungen, die dem christlichen Gemüt wohlthun, aber vor der Wissenschaft mindestens erst im Einzelnen bewiesen sein wollen. Und von solchen oder ähnlichen Voraussetzungen sind die meisten derartigen Studien bis jetzt in praxi ausgegangen , ganz abgesehen davon, daß auch die volkstümlichen Grundlagen namentlich klassischerseits, wie schon oben angedeutet, meist vornehm ignoriert wurden, weil man sie nicht in ihrer Bedeutung erkannte und nur einseitig vom Studierzimmer aus und aus Büchern das Leben und die Entwicklung der Menschheit selbst für die Zeiten und Verhältnisse zu konstruieren versuchte, wo es entweder noch keine Litteratur gab oder sie einen verschwindenden Einfluß auf die Massen übte.

Will aber die Mythologie sich den anderen Wissenschaften voll anreihen und namentlich die ihr in bedeutsamer Weise neben der Sprachwissenschaft zufallende anthropologische Aufgabe erfüllen, d. h. vor allem mit dazu beitragen, den Schleier von der ersten geistigen Entwicklung der Menschheit zu lüften, so muß sie darnach trachten, ohne anderswoher entlehnte Voraussetzungen die Wissenschaft eines psychologischen Prozesses zu werden, der selbständig sich aus der Natur des Menschen entwickelt, bis dem heidnischen Glauben eine Lehre als Offenbarung gegenübertritt und ein neues Prinzip so in die Welt bringt.

Berlin, Ende November 1884.

W. Schwartz.

Text aus dem Buch: Indogermanischer Volksglaube: Ein Beitrag zur Religionsgeschichte der Urzeit (1885), Author: Friedrich Leberecht Wilhelm Schwartz.

Siehe auch Deutsche Mythologie:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Der Anfang der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Indogermanischer Volksglaube

In dem Gefühle des Menschen von der Unsicherheit seines Lebens ist ein Ursprung der Religion zu suchen. Die Furcht hat zuerst die Götter in die Welt gebracht, sagt schon Statius (Theb. III, 661), und noch heute stimmt ihm mancher einseitige Forscher unbedingt bei. Was ist das Leben, das zu gewissen Zeiten, aber keineswegs immer im Menschen ist? Das ist die große Frage, die sich der Menschheit aufdrängte, und die auch wir mit all unserem Wissen nicht erschöpfend zu beantworten vermögen. Die Majestät des Todes ließ den Menschen zuerst erschauern, hier stand er etwas Unerklärlichem gegenüber, das mit Gewalt sein Denken aufrütteln mußte. Der Tote, den er vor sich sieht, ist derselbe, der immer bei ihm gewesen, und doch ein anderer; die Augen, die falkenhelle sonst des Wildes Spuren folgten, sind geschlossen; die Arme, die den Bogen spannten, streng und straff, hängen schlaff herunter. Es ist ein ungemein feiner Zug in dem Prometheusfragmente des jungen Goethe, daß selbst Pandora, das vollkommenste unter den Geschöpfen des Titanen, des Lebens Weh und des Todes geheimnisvolle Macht empfindet und in den bangen Ruf ausbricht: Was ist das? der Tod? Die Erscheinung des Todes trat mit erschütterndem Ernste und mit einer überraschenden Bedrohung in den engsten Lebenskreis des Menschen ein. Was war es, das dem Körper jetzt fehlte? Anfänglich mochte man das Blut dafür halten, aber bald gewahrte mau, daß es sichtbar in Fäulnis überging; oder das Herz konnte es sein, aber der Leib vermoderte und mit ihm das Herz. Das, was mit dem Tode entschwand, mußte etwas vom toten Leibe Verschiedenes sein, was nicht mit den Augen wahrzunehmen war, und das war der Atem, der jetzt aufhörte und sich von dem Körper getrennt hatte. Mit dem Aufhören des Atems war das Leben dahin. Ausatmen, aushauchen, den letzten Atemzug tun ist in vielen Sprachen das Wort für sterben. Wo aber und was war der Atem, der früher in dem Körper war? Er stirbt nicht mit dem Körper, fällt nicht der Auflösung anheim wie Blut, Herz, Gehirn und Gebein, er mußte weiterleben, auch nachdem er den Leib verlassen hatte. Eine besondere Stütze erhielt die Vorstellung vom Fortbestehen des im Tode scheinbar aus dem Körper entwichenen Lebeuspriuzips durch die Erscheinung des Traumes. Der Körper des Schlafenden liegt da wie der des Toten, noch tätig aber ist und weiter lebt die Seele, sagt Cicero. Welche Wirkung das Traumleben auf den einfachen Menschen ausübt, hat Grillparzer in seinem dramatischen Märchen „Der Traum ein Leben“ packend veranschaulicht. Wenn der Schlafende aus dem Traum erwacht, muß er sich erst besinnen, ob die Erlebnisse der Nacht wirklich Tatsachen gewesen sind. Der Mensch im Naturzustände vermag nicht zwischen subjektiv und objektiv, zwischen Einbildung und Wirklichkeit scharf zu unterscheiden. Im Traume vermag er entfernte Gegenden aufzusuchen, er vermag sich an Dingen zu ergötzen, die längst hinter ihm oder in weiter Ferne vor ihm liegen. Angehörige erscheinen wieder, die längst verstorben sind, um zu raten und zu warnen; Feinde beunruhigen den Schläfer und quälen ihn wie zu Lebzeiten.

Seelenglaube und Traumleben berühren sich also nahe; der Tod wie der Traum mußten den Menschen auf das Dasein und die Fortdauer der Seele führen. Beim Tode verläßt die Seele den Körper für immer und schweift als Geist umher. Erscheint der Verstorbene dem Schläfer, so muß es seine Seele, sein anderes Ich, sein Trug- und Ebenbild sein, das mit dem Träumenden in Verbindung tritt. Mit dieser Vorstelluug, wo die fiemde Seele handelnd gedacht ist, hängt eine andere unmittelbar zusammen: Im Schlafe verläßt die Seele den Leib nur auf kurze Zeit; sie selbst ist jetzt die handelnde, sie kann Freud und Leid erfahren, mit Personen und Gegenständen verkehren, die ihr lieb sind oder ihr Angst und Furcht einflößen. Je mehr der Mensch von der Wirklichkeit der Erlebnisse des Traumlebens überzeugt war, um so erklärlicher wird uns das Grauen, mit dem er diesem Rätsel gegenüberstand. Sein erstes Bestreben mußte sein, diese verwirrenden und beängstigenden Erscheinungen von sich fern zu halten: Abwehr wird der Anfang des Kultus gewesen sein. Auch beim Eintritte des Todes war das Grauen das naturgemäße Gefühl. Die Seele mußte widerwillig den Leib verlassen haben, feindlich mußte die Stimmung sein, in der sie vom Körper geschiedeu war; sie mußte nach der grausamen Logik des Naturmenschen auch dem Überlebenden zu schaden suchen: so entstand die Seelenabwehr. War aber die Seele persönlich gedacht, so mußte sie auch an den bescheidenen Freuden des Lebens teilnehmen; Essen und Trinken und was sonst den Menschen im Leben ergötzte, mußte auch die Seele gern haben, und so entstand die Totenpflege. Die Aufgabe, den Verkehr mit den Seelen und Geistern zu vermitteln und dadurch über Leben und Gesundheit der Stammesgenossen zu wachen, mußte einer Person übertragen werden, die zugleich Arzt, Medizinmann und Zauberer war. Er mußte mit seinem Amte die Fähigkeit verbinden, die rätselvollen Vorgänge erklären zu können. So entstand die Traumdeuterei, die bis auf unsere Tage in Blüte steht, und da die Seele im Traume Dinge erlebt, die noch der Zukunft angehören, steht an der Schwelle des Glaubens neben dem Zauber auch die Weissagung.

Da die Furcht das erregende Moment gewesen war, ist der ganze Seelenglaube mehr oder weniger in dumpfem Aberglauben und scheuer Gespensterfurcht befangen: sämtliche Naturerscheinungen sind Äußerungen des Zornes oder Wohlwollens der Toten. Himmel und Erde, Wald und Feld, Berg und Tal, das irdische Wasser und das himmlische Wasser der Wolke, alles ist beseelt von Scharen von Geistern:

Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll,
Daß niemand weiß, wie er ihn meiden soll.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
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Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
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Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
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