„Ach Mutter, höre doch auf; ich kann in meinem Sarge nicht einschlafen, mein Hemdchen ist noch immer naß von deinen Tränen!“

Mythologie ist uralte religiöse Naturpoesie, die die Menschheit mit einer zaubervollen Märchenwelt umgab. Die Mythen wurden nicht wie unsre Kinder- und Hausmärchen nur von den Kindern geglaubt oder daheim zur Unterhaltung erzählt, sondern vom ganzen Volke wie etwas Wirkliches geschaut und empfunden und in Furcht und Hoffnung heilig gehalten.

Denn sie waren aus seinem innersten Eigen geboren, geistige Spiegelbilder gewisser Naturvorgänge, sei es des engeren Menschenlebens, sei es der weiten Welt ringsum, in denen ein geheimnisvolles übermenschliches Wesen zu leben und zu weben schien. So verflochten sich bereits mit diesen ältesten traumhaften Vorstellungen jene ältesten religiösen Gefühle der Furcht und der Hoffnung und somit der Abhängigkeit von etwas Übermenschlichem. Sie trieben den Menschen dazu, diesen Phantasiegebilden Ehren zu erweisen, ihnen zu opfern, auch ihr Tun und Treiben im Kultus dramatisch darzustellen. Die daraus entsprungenen Riten wurden dann zum Teil wieder in die Erzählung des Mythus aufgenommen und gestalteten sie oft eigenartig um. Doch finden wir im germanischen Mythus kaum sichere Spuren davon. Dagegen mit der Hebung der Kultur, dem wachsenden Schwung der Phantasie, der Verfeinerung des Gemütes und der Schärfung des Verstandes flössen reichere, freiere, sinnvollere Mythen zu, welche Kulturzustände oder geistige Tätigkeiten personifizierten und eine Erklärung der mancherlei Rätsel des Lebens und der Welt zu geben suchten. Diese schwollen, mit den alten vereint, je nach Schicksal, Begabung und Richtung der Völker zu mehr oder minder breiten, trüberen oder helleren Strömen, zu ganzen Mythologieen an, bis sie teilweise in das umfassendere Gedankenmeer einer monotheistischen Religion mündeten.

Die menschliche Einbildungskraft, die Haupttriebfeder der Mythologie, vermag zwar auch das toteste, unpersönlichste Ding bis zu einem gewissen Grade vorübergehend zu beleben und zu beseelen. Aber nur eine Auslese von Dingen und Erscheinungen war imstande, sie zu eigentlich lebensfähiger, personifizierender, eindrucksvoller und allgemein anerkannter Mythenbildung aufzuregen, nämlich solche, in denen drei Eigenschaften vereinigt waren: ein geheimnisvolles, rätselhaftes und darum staunenerweckendes Äussere, ein sinnenfälliger, den Schein persönlichen Lebens tragender Formen- oder Kraftwechsel und ein starker Einfluß auf das Wohl und Wehe des Menschen. Nur diesen erkannte man die Bedeutung und Lebenskraft eines übermenschlichen Wesens zu. Solche Erscheinungen sind im Menschendasein vor allem der Tod, dann der Traum und im weiteren Welträume die Luft- und Himmelserscheinungen: das Gewitter, der Wind, der Wolkenzug, das Himmelslicht, die Tageshelle und die großen Gestirne, endlich auch die sprossende Erde.

Wer mag bestimmen, welche von den erwähnten Erscheinungen zuerst die Phantasie wie mit einer Zauberrute aus ihrem Schlummer weckte? Sie mögen in unvordenklicher Zeit gleichzeitig gewirkt haben. Aber so viel ist gewiß, daß der Anblick des Sterbens, das dem Naturmenschen ebenso unverständlich war wie das Leben selbstverständlich, und die Folgen, die der Tod für die Angehörigen der Verstorbenen hatte, gerade in der unsrer Kunde erreichbaren ältesten Zeit einen besonders wichtigen und umfangreichen Mythenkreis veranlaßt haben. Dessen hohes Alter wird auch durch den Einklang der Vorstellung nicht nur der germanischen und indogermanischen, sondern auch der niedrigsten Völker der Erde bezeugt, der auf keinem mythologischen Gebiete so überraschend genau ist wie auf diesem. Noch ein anderes auffälligeres Zeugnis für diesen alten Bestand darf man anführen, das nämlich, daß der aus diesem Gebiete entsprungende rohe und ärmliche Geister- und Gespensterglaube üppiger als irgend welcher andre Heidenglaube noch heute fortwuchert.

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Mythologie der Germanen

Rotrüdkiger Würger, Lanius collúrio L

Der überall gemeine rotrückige Würger heißt auch Neuntöter, weil man in der Nähe seiner Sitzplätze viele kleine Tiere, meist Frösche und Käfer, auf Dornen gespießt findet Er tut dies, um sie bequemer zerreißen zu können, namentlich aber auch deshalb, weil er nicht fressen kann, solange er ein Gewölle im Halse hat, das er erst auswürgen muß. Es sind hauptsächlich die harten Chitinteile von Käfern, die er wieder ausspeit. Wie alle Vögel ihre Vorratskammern zum Teil wieder vergessen, so findet man auch die Opfer des Würgers öfters eingetrocknet, ein Beweis, daß er nur auf kurze Zeit diese Vorräte aufspeichert. Seine Schädlichkeit wird sehr übertrieben, doch holt er zuweilen einen jungen Vogel nach dem andern aus dem Nest und ähnelt also in seinem Wesen mehr dem Raubwürger als den anderen Gattungsgenossen. Das vielbedauerte Fehlen von Büschen ist daher in manchen Landschaften gar kein Nachteil für die Vogelwelt, denn es hält die Würger fern. Eine Merkwürdigkeit ist es, daß fast jeder erwachsene Neuntöter ein paar Fadenwürmer unter der Kopfhaut im Genick hat.

Name: „Collurio“, griechischer Vogelname: Kollyrion oder Koryllion.

Vorkommen: Überall gemein, wo es Dorn- und Wildrosenbüsche gibt.

Artmerkmal: Männchen und Weibchen verschieden, beide mit rotbraunem Rücken.

Größe: Etwas über Sperlingsgröße, Flügel 8,9—10,0 cm. Gewicht (des Weibchens) 29—34,5 g.

Weibchen: Sehr verschieden vom Männchen, Schwanz, Rücken und Flügel braun, Kopf graubraun, Brustseiten u. Rücken dunkel gewellt.

Junge: Dem Weibchen ähnlich, noch mehr gewellt, auch auf dem Kopf.

Lockton: »Gäck gäck“ und „Kräw“.

Gesang: Leises Gezwitscher, zuweilen viele fremde Stimmen nachahmend.

Eier: 4—7, grünlich, gelblich oder rötlich mit einem Kranz violettgrauer und der Grundfarbe entsprechend grünlicher,bräunlicher oder rötlicher Flecken, Mai bis Juli, wohl nur eine Brut.

Nest: Wurzeln, Moos usw., innen (oft auch außen) Pflanzen wolle usw.

Nistplatz: Niedrig, in Dornbüschen, Hecken, selten etwas höher auf Bäumen.

Nahrung: Öfters junge Vögel, Mäuse, Frösche, doch meist Insekten, besonders Käfer.

Zug: (April) Mai — August, September.

Einzige deutsche Form der Verwandtschaftsgruppe Lanius Collurio.

Siehe auch:
Die Singvögel der Heimat – Einleitung
Haussperling
Feldsperling
Steinsperling
Heckenbraunelle
Edelfink
Bergfink
Kernbeißer
Grünling
Stieglitz
Erlenzeisig
Bluthänfling
Girlitz
Gimpel
Kreuzschnabel
Goldammer
Grauammer
Rohrammer
Feldlerche
Haubenlerche
Heidelerche
Baumpieper
Wiesenpieper
Brachpieper
Weiße Bachstelze
Gebirgsbachstelze
Schafstelze
Rauchschwalbe
Mehlschwalbe
Uferschwalbe
Mauer- oder Turmsegler
Seidenschwanz
Grauer Fliegenschnäpper
Trauerfliegenschnäpper
Zwerg-Fliegenschnäpper
Raubwürger
Schwarzstirn-Würger
Rotköpfiger Würger

Ein Ausspruch Kants über den ästhetischen Wert der Singvögel.

Die „Natur, die keinem Zwange künstlicher Regeln unterworfen ist,“ kann dem „Geschmacke für beständig Nahrung geben“. — „Selbst der Gesang der Vögel, den wir unter keine musikalische Regel bringen können, scheint mehr Freiheit und darum mehr für den Geschmack zu enthalten als selbst ein menschlicher Gesang, der nach allen Regeln der Tonkunst geführt wird; weil man des letztem, wenn er oft und lange Zeit wiederholt wird, weit eher überdrüssig wird. Allein hier vertauschen wir vermutlich unsere Teilnehmung an der Lustigkeit eines kleinen beliebten Tierchens mit der Schönheit seines Gesanges, der, wenn er vom Menschen (wie es mit dem Schlagen der Nachtigall bisweilen geschieht) ganz genau nachgeahmt wird, unserem Ohre ganz geschmacklos zu sein dünkt“

Text und Bild aus dem Buch: Die Singvögel der Heimat (1921), Author: Kleinschmidt, Otto.

Die Singvögel der Heimat