Schlagwort: Nutzbauten

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Speicher, Silos, Bunker




Abbildungen Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung

Die Speicher vergangener Jahrhunderte pflegen als Nutzbauten von zum Teil erheblichen Ausmaßen gegenüber malerischen und reichen bürgerlichen Stilbauten von großer Einfachheit in Mauer- und Dachkörper zu sein. Niedrige, langgestreckte Lagerräume, die gemäß den hohen Nutzlasten gedrungene Gewölbe bzw. starke Holzböden auf kräftigen Zwischenstützen benötigen, eine volle Ausnutzung des oft steilen Dachstuhls, knappe Licht-und Lüftungsöffnungen in langer, gleichmäßiger Folge mit entsprechend großflächigen Wänden und Dachhaut geben den Bauten von vornherein ihre charakteristischen Züge. Diese werden weiter ganz von selbst bestimmt durch Gebrauch von Backstein, Werkstein oder ausgemauertem Fachwerk, wobei letzteres häufig aus konstruktiven Gründen von Geschoß zu Geschoß übergekragt ist, durch die freie Stellung des Baues auf einem Platz oder seinen Stand im Zug der Straße als Giebel- oder Langbau.

Der Städtebauer und Architekt von heute scheut sich oft, sehr zum Nachteil für seine Aufgabe, vor der hier im Thema ruhenden Einfachheit und gelangt deshalb selten zur Wucht und Großzügigkeit der alten Bauten.

Neuzeitliche Speicher sind häufig durch romantische Zugeständnisse in der Dachausbildung (Mansarddach auf plumpem Mauerwerk in Königsberg i. Pr.) oder durch zu stark gegliederte Dachaufbauten, die weitere Vollgeschosse ersetzen sollen (Köln, Dresden), um die mögliche gute Wirkung gebracht. Die Gestaltung der neuen Speicher ist dann besonders wichtig, wenn sie durch ihre hohen Abmessungen in charakteristischen alten Stadtbildern mit niedrigeren Häusern und weniger hohen Kirchdächern und Türmen (z. B. Stralsund) oder an hervorragender Stelle eines Flußufers wesentlichen Einfluß auf das Gesamtbild hervorrufen.

Für den Silobau in Eisenbeton hat namentlich Amerika neuartige typische Formen gefunden. Sie sind dann von überzeugender Selbstverständlichkeit, wenn man auf hier am wenigsten angebrachte formale Requisiten klassischer oder moderner Architekturstile verzichtet hat.

Von bezeichnenden Formen der in Industriebezirken häufigen Kohlenbunker in Eisenkonstruktion, mit Mauerstein-Ausfachung von Eisengerippe oder in Eisenbeton sind hier Beispiele nicht gegeben. Es sind Baukörper, die ebenfalls durch ihren äußerlich in allen Teilen erkennbaren Zweck die gegebenen Elemente einer charakteristischen Gestaltung in sich tragen; im allgemeinen haben sich bei ihnen gutgebildete Typen noch nicht durchgesetzt. Geradeso wie die modernen Werkstätten wirken sie oft im Gerippezustand der fertigen Eisenmontage vortrefflich, nach der Fertigstellung in Einzelheiten und Gesamtheit der Flächen- und der Dachausbildung wieder kleinlich und unharmonisch.

Die Ingenieurbauten in ihrer guten Gestaltung

(Nutzbauten — Repräsentationsbauten)

,,Der Formwille, ein Produkt aus Verstand, Gefühl und Charakter, wird sich am freiesten und natürlichsten äußern, wenn der Architekt die auf ihn einströmenden Forderungen ohne Vorurteile in sich aufnimmt und aus ihnen den Bau gestaltet. Das natürliche Eingehen auf Zweckmäßigkeit braucht dabei die Bauten nicht langweilig zu machen.“

Hans Hertlein-Berlin.

Wir haben in den vorangegangenen Kapiteln zu begründen versucht, warum Hochbauten für Wohnzwecke in Deutschland nicht in Frage kommen.

Es hieße hinter den Aufgaben der Zeit Zurückbleiben, wollten wir die Form der Hochbauten für industrielle und repräsentative Zwecke grundsätzlich ablehnen. Es gibt ohne Zweifel Fälle, in welchen Hochbauten in diesem Sinne nicht nur berechtigt, sondern geradezu geboten sind, besonders dann, wenn es sich darum handelt, die „City“ aufzulockern. Dabei darf wohlgemerkt die Auflockerung nicht soweit gehen, daß architektonisch wertvolle Straßenzüge oder Städtebilder zerstört werden (worauf wir im 11. Kapitel zurückkommen); oder es liegt der Fall vor, daß der bauliche Zweck die Forderung stellt, einen Hochbau zu errichten. Dieser Zweck wäre gegeben bei Industrie- und Verwaltungsgebäuden, also „Nutzbauten“ einerseits, andererseits bei Staatsgebäuden, Schulhäusern, Kirchen, also Gebäuden, bei welchen der Repräsentationsgedanke im Vordergrund steht. In diesen Hochbauten architektonisch um jeden Preis ein „Symbol des Fortschritts“ sehen zu wollen, wäre eine Einstellung, die von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Die Zeiten, da wir wie fasziniert über den Ozean schauten und die Prosperität eines Volkes sozusagen vom Meterstabe der Wolkenkratzer ablasen (Bild 31), sind vorüber, seitdem der Amerikaner selbst zugegeben hat, daß die New Yorker City nur ein Notprodukt ist. Nie wären New York oder Chicago Wolkenkratzerstädte geworden, wenn die Amerikaner, als es noch Zeit war, einen Generalbebauungsplan gehabt hätten. Praktisch, wie der Amerikaner nun einmal ist, hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Bald galt es in der Geschäftswelt als besonders vornehm, sein Büro so hoch wie möglich zu haben. Je höher aber das Büro untergebracht war, desto höher waren die Mieten. Heute, da die Weltwirtschaftslage auch vor Amerika nicht Halt macht, ist eine Ernüchterung eingetreten. Man zahlt keine Phantasiepreise mehr, und das größte Haus, das Empire State Building, ist nur zu einem Viertel vermietet.

Kommen wir zum Architektonischen der Hochbauten! Wir verlangen mit Lewis Mumford, dem Verfasser des ausgezeichneten Buches „Vom Blockhaus zum Wolkenkratzer”, mehr, als daß die ästhetische Seite des Hochhausbaus „mit dem Eingang, dem Personenaufzug und den mit Fenstern durchlöcherten Mauern abgetan“ ist. Was wir bis jetzt in Deutschland an Hochbauten haben, erfüllt oft nicht viel mehr, als diese äußerste Forderung. Daß es nicht die Höhe allein ist, sondern daß noch etwas hinzukommen muß, das die Höhe erträglich macht, ist nur wenigen Baukünstlern unserer Zeit eine Selbstverständlichkeit. Erst dies Hinzukommende — mögen wir es Ordnung, Gliederung, Aufbau nennen — macht ein Bauwerk zu einem Ganzen, das die Bezeichnung „gestaltet” verdient.

Merkwürdigerweise weist das Rheinland im Gegensätze zu Berlin eine ganze Reihe von Hochbauten auf, die sich um Gestaltung bemühen. Wir denken an das Wilhelm-Marx-Haus von Wilhelm Kreis in Düsseldorf (1924), an das Hochhaus des Stumm-Konzerns von Paul Bonatz ebenda (1925) (Bild 32), an das Hans-Sachs-Haus von Alfred Fischer in Gelsenkirchen (1926), an die Ausstellungshallen von Adolf Abel in Köln-Deutz (1927) und vor allem an die Gutehoffnungshütte von Peter Behrens in Oberhausen (1925). In Berlin jagt man währenddessen Utopien nach, die von dem, was wir „gestaltet“ nennen, weit entfernt sind. Eigentlich ist es nur einer, der der Versuchung, sich in utopischen Gebilden zu verlieren, widersteht, und das ist der Oberbaudirektor des Siemenskonzerns in Berlin, Hans Hertlein, der mit seinem Schaltwerk in Siemensstadt (Bild 33), dem ersten Fabrikhochhaus in Deutschland im eigentlichen Sinne, die Aufmerksamkeit weitester Fachkreise auf sich zieht. Hier ist mehr als „Eingang, Personenaufzug und mit Fenstern durchlöcherte Mauern”; vielleicht, weil bei diesem Schaltwerk und bei den übrigen Hochbauten von Siemensstadt die Synthese von Baukunst und Ingenieurkunst zum ersten Male überzeugend gelungen ist. Ist doch für Hertlein in der engen Zusammenarbeit von Architekt und Ingenieur das Geheimnis des neuzeitlichen Industriebaues enthüllt. Freilich übersieht er dabei nicht, daß bei einem der beiden die Führung, die Priorität der Leitung liegen muß, denn auch der Verschmelzungsprozeß des Miteinanderarbeitens erfordert zuletzt die Führung eines Einzigen. Wenn sie, wie bei Hertlein, bei dem Architekten liegt, ist das Ergebnis ein erfreuliches. Man denke sich in das Werden des Schaltwerkes hinein: die Eigenart der Fabrikation verlangte einen Geschoßbau.

Da größtmögliche Beweglichkeit in der Verwendung der Arbeitsräume Be-dingung war, ein Umstand, der feste Einbauten verbot, so wurden alle Nebenräume wie Treppen, Toiletten usw. außerhalb des eigentlichen Baukörpers in turmartigen Anbauten untergebracht. Und hier haben wir gleich ein glänzendes Beispiel für den Formwillen dieses Baukünstlers. Bei ihm sehen die Türme nicht etwa willkürlich angeklebt aus. Sie, die gleichzeitig als Windversteifung gedacht sind, bringen in die tote Masse des Baukörpers jene Lebendigkeit, ohne welche die 175 Meter lange Fassade unerträglich wäre.

Um verstanden zu werden, sei diesem Schaltwerk der Hochbau Professor Fahrenkamps, das sogenannte ,,Shellhaus“ am Lützowufer in Berlin (Bild 34) gegenübergestellt. In kühner treppenartiger Anlage von 5 auf 10 Stockwerke ansteigend, ist der Stahlskelettbau (auch das Schaltwerk ist Stahlskelett, aber in Ziegelummauerung) perspektivisch von hohem Reiz. Wie er auf der einen Seite die Traufenhöhe des Nachbarhauses aufnimmt, zeugt von dem rücksichtsvollen Eingehen auf Vorhandenes. Aber bei näherer Betrachtung der Einzelheiten stellt man fest, daß die Bewegtheit der Wasserfront auf Kosten der inneren Struktur und sogar des Grundrisses erreicht wird, Dinge, die mit der betonten Sachlichkeit der modernen Baukunst in Widerspruch stehen.

Nicht anders ist es mit den Repräsentationsbauten, den Staatsgebäuden und Schulhäusern bestellt. Während die neue Staatsform noch wenig Gelegenheit genommen hat, sich in reinen Staatsbauten zu manifestieren (viele wollen darin eher das Eingeständnis einer Unsicherheit, als den Mangel an Mitteln sehen!) kann sie immerhin mit einer Reihe von Schulneubauten aufwarten. Hier trifft aber die Beobachtung zu, die wir bei den Industriebauten gemacht haben: viel unnötige Härte, Langeweile und Unsachlichkeit bei einem Übermaß von Luxus und Hygiene. Wir brauchen nur etwa das Oessauer Bauhaus von Gropius (Bild 35) der neuesten Schöpfung Schmitthenners, der Hohensteinschule in Zuffenhausen-Stuttgart (Bilder 36 und 37), gegenüberzustellen, um uns verständlich zu machen. Wie kaum ein zweites Werk Schmitthenners bringt die Hohensteinschule das Geheimnis seiner Kunst zum Ausdruck. Schmitthenner ist Elsäßer, ist Alemanne und als solcher der geborene Hüter deutschen Geisteswesens und Formgefühls. Daß er sich der technischen Mittel bedient, soweit sie diesem Formgefühl nicht feindlich werden, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Ähnlich wie Hertlein sieht Schmitthenner in der Technik die Dienerin der Baukunst, und er hütet sich, sie Herrscherin, Beherrscherin werden zu lassen. Der Bau ist als Massiv-Rohbau in einfachem Hartbrandstein ausgeführt mit Eisenbetondecken. Eine sehr genau vergleichende Berechnung ergab nämlich, daß die Ausführung als Massivbau wesentlich billiger war, als etwa ein Stützenbau in Stahl oder Eisenbeton. Auf die heute beliebte Auflösung in horizontale Glasbänder ist aus Wirtschaftlichkeitsgründen und unter Vermeidung überlichteter Schulräume verzichtet. Beispiele guter handwerklicher Arbeiten erinnern an den Zweck eines Teiles der Schule als Gewerbeschule, in der Handwerker fortgebildet werden sollen.

Weit mehr noch, als in Schmitthenners Hochbauten sehen wir in seinem Wohnhaus und in seinen Siedlungsbauten die gesunde Entwicklung unserer baulichen Zukunft.

So sehr die Entwicklung der profanen Hochbauten unter mancherlei Vorbehalten einem Höhepunkte zuzustreben scheint, so sehr ist auf dem Gebiete des Sakralbaues noch alles im Fluß (Bilder 38 bis 40). Von der nicht ernstzunehmenden, auf der Pressa in Köln gezeigten Stahlkirche eines Bartning bis zur Geburt eines das zweifellos im Erstarken begriffene religiöse Lebensgefühl unserer Zeit verkörpernden Kultbaues, ist wohl noch ein weiter Weg.

Die Versuche, den Eisenbeton als solchen, wie bei rein technischen Anlagen auch im Kirchenbau zu verwenden, sind bisher wenig befriedigend gewesen. Abgesehen davon, daß Eisen und Beton in akustischer Beziehung sich ungünstiger verhalten, als Holz und Ziegelstein, muß auch der Ausdruck des Profanen bei einem kirchlichen Zwecken gewidmeten Gebäude vermieden werden. Erst vor kurzem hat sich der ausgezeichnete Münchener Architekt, Geheimrat Prof. Dr. Bestelmeyer, in diesem Sinne auf dem Internationalen Architekten-Kongreß in Budapest geäußert. Er sagte:

„Je stärker sich der Repräsentationsgedanke in einer Architektur aussprechen soll, desto mehr Anforderungen an Formgestaltungswillen werden gestellt, und es scheint, als ob solchen Gesichtspunkten die Entwicklung der modernen deutschen Baukunst nicht in erwünschtem Maße gerecht werden konnte . . „

Was hier erreicht ist, wird vielfach auf Kosten der sakralen Stimmung erkauft; nach der Richtung der Übereinfachheit hin allzusehr übersteigerte Kirchenbauten laufen Gefahr, an Industrie- oder Kinobauten anzuklingen . . . Denn die Kirche, die sich, ganz aus dem Geist unserer Zeit erfunden, den alten Kathedralen und Klosterkirchen ebenbürtig an die Seite stellen will, muß erst noch gebaut werden.“ Bestelmeyer kennt den Geist unserer Zeit; er kennt aber auch das Volksempfinden, das, gerade im Gegensatz zu dem offensichtlich profanen Wesen der Gegenwart, von einem kirchlichen Gebäude die Betonung des Feierlichen verlangen wird.

Eine Bewegung, die das Dritte Reich vorbereitet, und die in der Erneuerung des nationalen Volksempfindens ihre Grundlage erblickt, eine Bewegung also, der das Volksempfinden eine heilige Angelegenheit ist, wird — zur kulturbildenden Einheit geworden — den Ausdruck für den Kultbau finden, der das religiöse Lebensgefühl der kommenden Zeit verkörpert.



Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy

Siehe auch:
Architektur im Dritten Reich – Geleitwort
Architektur im Dritten Reich – Haben wir den Neuen Baustil?
Architektur im Dritten Reich – Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil
Architektur im Dritten Reich – Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit
Architektur im Dritten Reich – Wieder Schmuckverlangen in der Architektur
Architektur im Dritten Reich – Vom Geist der Tradition
Architektur im Dritten Reich – Baukunst oder Ingenieurkunst?
Architektur im Dritten Reich – Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?
Architektur im Dritten Reich – Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt

3. Reich Architektur im Dritten Reich