In vielen Fasnachtsumzügen erscheinen schön geschmückte Tiere, besonders Rinder, ähnlich den »Pfingstochsen«, die feierlich herumgeführt werden . Nachher werden sie geschlachtet und beim Gelage verspeist. Höfler hat zahlreiche Beispiele zusammengestellt, die Rinderopfer an den Wilden Jäger in der Sage belegen. Hierin haben wir wohl den Inhalt des Brauches zu sehen: Es sind Tieropfer der das Totenheer verkörpernden Bünde. Im Handwerksbrauch hat sich dieser alte Brauch in etwas gewandelter Form bis in die jüngste Zeit erhalten. Er wird in erster Linie von der dafür am besten geeigneten Metzgerzunft veranstaltet, die ihren Stolz darin sieht, ein möglichst starkes Tier aufzutreiben. Manchmal ist der Brauch zu einer Konkurrenz der verschiedenen Meister entartet.

Am Fasnachtssonntag führten die Salzburger Metzger einen geschmückten Ochsen durch die Stadt zum Gasthof zum Ochsen, »wo sie kurz vor Mittag ankommen und wo mit dem Schlag 12 Uhr vom dritten Stock aus eine ungeheure weißseidene Fahne, welche fast bis zum Boden herabreicht und das Bild eines Ochsen zeigt, unter Musik und lautem Jubel eine ganze Stunde lang geschwungen wird. Dieses Schwingen wiederholt sich zur selben Stunde an den beiden folgenden Tagen, und solange die Fahne zum Fenster heraushängt, wird geschmaust, getrunken und getanzt«.

Die Ähnlichkeit auch für den Fasnachtsumzug der Hamburger Tischlergesellen von 1662, 1670, 1696 und 1727 bezeugt ist, handelt es sich bei den Opferbräuchen nicht um Teile eines auf die Metzger beschränkten Beru/sbrauchtums, sondern um Zunft-, d. h. Verbandsbrauchtum (137). Pottboff erzählt nach dem Innungsbuch der Gothaer Metzger von einem Friedensfest des Jahres 1763, bei dem ein ausgepützter Ochse herumgeführt und dem Herzog geschenkt wurde. Die Beteiligung der Obrigkeit an solchem Opferschmaus, wie wir es bei den oben erwähnten Riesenwürsten auch sahen, könnte möglicherweise eine Erinnerung an die Gottheit, deren Nachfolger die sie verkörpernde Obrigkeit darstellt, sein. Ähnliche Bräuche sind das Ochsenjagen, die Ochsen-, Bären- oder Farrenhetze u. a. Sie sind z. B. aus Braunschweig (1389 und später, Nürnberg (141) und oberfränkischen Kleinstädten (142) bezeugt. In Stadtsteinach wurde das Fleisch des von den Hunden zu Tode gehetzten Stieres an die Armen verteilt. Bemerkenswert ist, daß mehrfach Bräuche Vorkommen, wo Handwerker der Sitte gemäß den Armen etwas spenden. Ich vermute, daß hier unter christlichem Einfluß ein alter Opferbrauch vielfach in eine Wohltätigkeitshandlung verwandelt wurde.

In Kosel wurde früher ein sorgsam geschmückter Ziegenbock durch die Schneiderzunft, die Träger des Ziegenbockwappens, vom Stadtturm heruntergestürzt. Bei einem ähnlichen Brauch in Deutsch-Böhmen fing man das Blut des gestürzten Tieres mit Tüchern auf. Es wurde getrocknet aufbewahrt und galt als Mittel gegen Krankheit und Zauberei. Bocksgestaltige Masken im Zunftbrauch werden wir noch kennenlernen.

Ein alter Opferkult ist wohl auch das bei den Fischern besonders geübte Gänsereißen oder Aalringengewesen. Die Tiere wurden ursprünglich lebend an einem Seil über dem Wasser aufgehängt. Aus Booten versuchten die Fischer ihnen bei der raschen Durchfahrt den Hals abzureißen, wobei die Bewerber leicht ins Wasser purzelten. In jüngerer Zeit nahm man tote Aale für das Spiel.

An den bisher besprochenen Zunftbräuchen fiel auf, daß in ihnen die Metzger eine bevorzugte Stellung einnehmen. Sie sind eines der größten und reichsten Gewerke und haben daher leicht Gelegenheit, alte Bräuche, auch wenn sie mit hohen Kosten verbunden sind, weiterzupflegen. Besonders häufig aber sehen wir die Fleischhauer in Bräuchen, die mit Fruchtbarkeitsriten und Opferhandlungen in Beziehung stehen. Diese Entwicklung ist leicht erklärlich, denn die Metzger sind an einer reichen Ausbeute ihres Handwerks interessiert. Wenn sie und andere Lebensmittelgewerbe (Weinleute, Brauer, Bäcker, Fischer) sich besonders der Nutzkulte angenommen haben, so besagt das nicht, daß diese von ihnen entwickelt und ihnen allein eigentümlich seien, sondern nur, daß ihnen der alte Sinn solcher Bräuche aus begreiflichen Gründen näher lag und länger erhalten blieb. Die zahlreichen Belege aus dem Schuhmacher-, Schmiede-, Schneider- und Tischlergewerbe etwa zeigen uns, daß auch diese Bräuche an der Gesamtheit des deutschen Zunftwesens hafteten und erst in sekundärer Entwicklung sich bei den Metzgern stärker ausprägten. Eine solche Spezialisierung der Bräuche begegnet uns mehrfach, etwa im Fischerstechen, das eine berufsmäßige Sonderform eines allgemeinen Brauches ist, oder in der Tatsache, daß gerade die Schiffer die ehemals kultischen Schiffswagen ausrüsten.

Siehe auch:
Germanengut im Zunftbrauch
Germanengut: das Zunftbrauchtum
Germanengut: die Zunftfeste
Germanengut: die Zunftfeste – Masken und Narren

Germanengut im Zunftbrauch