Abbildungen Weltgeschichte

Bogumil Goltz hat das schöne Wort gefunden: die Engländerin geht mit dem Kinn, die Österreicherin mit den Augen. Ähnlich könnte man sagen: der Madjar geht mit den Sporen, der Rumäne mit dem Rücken. Sporen sind scharf und schneidig, aber sie geben keinen Halt, sie zwingen zur Vorsicht. Der Rücken ist ein unaggressiver, ein unbeholfener Körperteil, aber er trägt, er fördert, er ist, um mit Hebel zu reden, „kernfest und auf die Dauer“. In letzter Zeit hat sich vollends das Selbstbewußtsein der Rumänen dermaßen gehoben, daß sie augenblicklich geradezu als das maßgebende Volk im Balkanstreite zu gelten haben.

Die Rumänen sind die zäheste Rasse der Erde. Selbst die Kinder Israels nicht ausgenommen. Juden gab es immer, aber die Rumänen waren acht bis neun Jahrhunderte verschwunden. So völlig verschwunden wie gewisse Bäche im schwäbischen Jura und im Karst, die meilenlang unterirdisch fließen. Plötzlich aber, im dreizehnten Jahrhundert, tauchten die Rumänen wieder auf, und diesmal blieben sie. Seitdem haben sie um sich gegriffen wie eine große Wasserflut, eine schier uferlose Überschwemmung bildend. Sie leben, außer unter eigener, unter nicht weniger als vier fremden Flaggen, aber kein Herrenvolk ist imstande gewesen, sie zu Boden zu drücken. Im Gegenteil: sie drücken auf ihre Herren. Das haben vor allen Dingen die Madjaren gemerkt; dann haben es auch die Russen und die Südslaven spüren müssen. Die Rumänen haben sich lange von den Madjaren an die Wand drücken lassen, aber endlich — seit ungefähr fünf Jahren — haben sie sich aufgerafft. und haben beschlossen, selber angreifend vorzugehen. Leider sind von dem Angriffe auch wir Deutschen betroffen, denn es hat bereits eine leise Rumänisierung der Siebenbürger Sachsen begonnen. Ebensowenig sind die Russen imstande gewesen, die Rumänen in Bessarabien zu verrussen. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Volksgenossen des unabhängigen Königreiches ist so rege wie noch nie. Und der Wunsch nach einer Wiedervereinigung ist brennend geblieben.

Nicht minder haben die Bulgaren am eigenen Leibe die zähe Wühlertätigkeit der Rumänen und ihrer Vettern, der Kutzowalachen, zu spüren.

Was bisher nur einzelne Kenner wußten, haben die Verhandlungen der letzten Wochen auch größeren Kreisen offenbart, daß nämlich in des Balkans tiefsten Gründen ein Volk haust, an 400000 Köpfe stark, das eine Verwandtschaft mit den Rumänen beanspruchen darf. Es sind die Aromunen, oder Kutzowalachen, gelegentlich auch Zinzaren benannt, wiewohl diese letztere Bezeichnung auch manchmal für Zigeuner angewandt wird. Dies Völkchen der Aromunen haust an den Hängen des Pindos, in Albanien, in Thessalien, und in Südmazedonien. Es ist also recht weit von der Donau, weit von den rumänischen Vettern entfernt. Gerade in Leipzig wurde ich, als ich einen Vortrag über die Balkanfrage hielt, in heftiger Weise darüber interpelliert, wie es denn menschenmöglich sei, eine territoriale Brücke zwischen den so entfernten Verwandten herzustellen. Die Antwort darauf lieferte mir bei meiner jüngsten Balkanreise ein geborener Gegner der romanischen Rasse, ein Bulgare. Er erzählte mir, daß ganz Bulgarien schon von Aromunen sowohl als auch Rumänen, Krämern und Handwerkern, durchsetzt sei. Gleichermaßen ist der Süden Serbiens von vielen Kutzowalachen bewohnt. Das erste serbische Kavallerieregiment, das in Uesküb einritt, hat lediglich aus Kutzowalachen bestanden. Angesichts der oben geschilderten Tatsache, daß das rumänische Element wie fressend Feuer um sich greift, ist sehr wohl für die Zukunft die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, daß die Rumänen auch territorial noch einmal über die Südslaven die Oberhand gewinnen.

Gegenwärtig beträgt die Zahl der Rumänen im Königreiche 5,5 Millionen, in Ungarn 3 Millionen, in Österreich fast 300000, in Rußland über 1 Million, dazu rechne man vielleicht 150000 in anderen Staaten und die erwähnten Kutzowalachen. Hierdurch würde die Gesamtziffer der Rumänen auf 10,5 Millionen anschwellen. Demgegenüber stellen alle Südslaven Mazedoniens, Bulgariens, Serbiens und Montenegros nur 6,25 Millionen dar, sind also ihren Rassegegnern bedeutend unterlegen. Anders freilich würde .sich die Rechnung stellen, sobald man auch die österreichischen Südslaven mitrechnet. Allein bei dem Kampfe der Volkheiten handelt es sich niemals um absolute Zahlen, sondern ausschließlich um das örtliche Übergewicht. Wir sehen das am deutlichsten bei den 3,5 Millionen Polen, die es fertiggebracht haben, gegen 62 Millionen Deutsche anzukommen. Warum? Weil sie eben an Ort und Stelle die Mehrheit haben. Aus dem gleichen Grunde, der durch viele andere Beobachtungen bestätigt werden könnte, ist auch für die Rumänen in dem Gebiete östlich einer Linie, die von Siebenbürgen nach Adrianopel geht, ein entscheidender völkischer Sieg zu prophezeien.

Gehen wir zu den Albanern über.

An der Küste die alte Kultur Venedigs; im Hochgebirge Zustände, urtümlicher als bei den Germanen des Tacitus; der Osten von Serben und Türken beeinflußt. In einem Tagesritte kommt man aus dem Gebiet höchster neuzeitlicher Zivilisation ins Land der Blutrache und der finsteren Kulas. Dazu Gegensätze der Religion. Im Süden griechisch-uniert, im Norden römisch-katholisch, im Osten moslimisch. Freilich schlechte Mohammedaner, Anhänger des pantheistischen Ordens der Bektaschi; und auch die Christen sind zwar sehr kirchlich, tyrannisieren aber vielfach ihre Priester. In neuester Zeit werden die Klüfte überbrückt, der allalbanische Gedanke erhebt sich mit siegreicher Kraft. Zunächst sollte die Einheit des Volkstums in einem einheitlichen Alphabet zum Ausdruck kommen. Bisher gab es drei verschiedene Systeme von Schriftzeichen, dazu wollten die Jungtürken noch die arabischen Buchstaben einführen; womit sie allerdings gescheitert sind. Bei meiner jüngsten, fünften Reise in Albanien wurde ich mit einem Gedicht bekannt, das ganz so aussieht, als sollte es einmal zur Nationalhymne der Skipetaren werden. Darin ist deutlich gesagt, daß in Zukunft die Gemeinbürgschaft des Volkstums höher, heiliger, hehrer sein soll als die trennenden Gegensätze des Glaubens und der Lebensführung. Die zwei letzten Strophen lauten:

Auf, ihr Jungen, zur Ehre des Vaterlandes!
Es ist keine Zeit mehr schwach zu sein.
Unter dem Banner Skanderbegs
mögen sich Tosken und Geghen vereinen!

Gemeinsam sollen Priester und Hodschas segnen
Christen und Mohammedaner.
Kreuz und Islam trennen uns nicht mehr,
wir sind Brüder, Schkipetaren!

Auf dem Schauplatze ihrer ältesten und stolzesten Erinnerungen, in der Nähe von Dodona, wo noch jetzt Ruinen stattlicher Tempel ragen, und von Korfu, der Heimat der Phäaken, führen die Griechen Krieg zu Wasser und zu Lande. Doch das Schicksal ging gegen sie, sowohl in Santi Quaranta, dem Hafen, den Kaiser Wilhelm 1908 besucht hat, als auch bei Janina. Es gibt höchstens vier Deutsche, die Janina gesehen haben. Da ich zu diesen vieren gehöre, möchte ich hier ein Bild der Lage entwerfen. Die Stadt, die von etwa 40000 Leuten bewohnt ist, sich jedoch, da‘sehr eng gebaut, nur auf etwa zwei Kilometer erstreckt, liegt an einem großen See, ungefähr wie der Tegernsee, nur breiter. Hinter dem See erhebt sich die Zagora, ein zerklüftetes, steinernes Meer von hochalpinem Wurf. Auf drei Seiten ist Janina von einer welligen Ebene umgeben. Unmittelbar am Rande der Ebene, im Süden erheben sich andere Alpen. In der Stadt türmt sich ein sehr steiler, aber nur ganz niedriger Hügel auf; er ist von einem ausgedehnten Fort bekrönt, das zur Zeit Ali Tepelenlis gewiß sehr stark war, aber gegen moderne Kanonen keinen Schutz bietet. Die Schwierigkeit ist nun gerade, Kanonen gegen Janina in Aufstellung zu bringen; denn das beherrschende Gebirge ist recht weit entfernt, nicht unter sieben bis acht Kilometer, und außerdem ist es schier unmöglich, auf dem unwegsamen Gelände große Geschütze zu transportieren. So ist die Ebene eigentlich das einzige Angriffsfeld für einen Feind, und gerade eine Ebene ist die beste Schutzwehr für eine Festung, wie schon Moltke bemerkte; besonders eine kahle Ebene, auf der ein Heranrücken außerordentlich erschwert wird. Das wußten schon die Gegner von Macbeth, als sie beim Sturm auf dessen Burg Bäume vor sich hertrugen. Freilich handelt es sich bei Janina, wie schon erwähnt, nicht um eine tischgleiche Ebene, und ein geschickter Gegner kann die Unebenheiten des Bodens mit Vorteil ausnützen. Dabei standen den Griechen nicht weniger als drei Wege offen, Janina zu berennen. Der eine Weg führt über Metsovon durch einen äußerst schwierigen Engpaß, der für schwere Artillerie, namentlich zur jetzigen Jahreszeit, ganz ungangbar ist. Es ist die berühmte Straße, die von Thessalien nach Epirus führt und die schon vor zwei Jahrtausenden von den Soldaten Casars benutzt wurde. Ich fand sie noch Ende April von Schnee versperrt und kaum gangbar. Der zweite Weg, den auch die Hellenen einzuschlagen versuchten, geht von Santi Quaranti über Delvino. Ein dritter Weg kommt von Prevesa und vereinigt sich in ziemlicher Entfernung von der Stadt mit noch einem andern, der das Lurostal quer durch das Hochgebirge mit dem Busen von Arta verbindet.

Der Umkreis des von den Türken und Albanern bei Janina besetzt gewesenen Gebietes kann auf 220 Kilometer geschätzt werden. Weit geringer ist der Umkreis, den sie noch bei Skutari innehaben, nämlich 25—30 Kilometer; aber er bietet jedenfalls Raum genug, um den Vorteil der inneren Linie voll auszunutzen. Ich kenne Skutari von mehreren früheren Reisen gut und hatte bei der letzten — es war Anfang November 1912 — den Vorteil, vom König Nikolaus zu einer Dampferfahrt eingeladen zu werden, die es an einem strahlenden Tage und bei’ durchsichtiger Klarheit der Luft aufs beste ermöglichte, einen Einblick in die Gesamtlage zu erhalten. Auch vor Skutari dehnen sich zwei Ebenen, die eine, größere, im Süden nach der Richtung von Alessio zu; die andere, kleinere, im Osten und Nordosten der Stadt nach den Vorbergen der Malsia zu. Bei der Stadt selbst, die sehr weitläufig gebaut ist und die sich wohl auf fünf bis sechs Kilometer erstreckt, erheben sich drei massige Hügel steil über der Fläche. Der eine Hügel trägt ein altes venezianisches Fort, die andern sind in neuzeitlicher Art befestigt. Die Ebenen im Osten und Süden werden von den Hügeln aus mühelos bestrichen. Außerdem wird die Südebene von zwei großen Flüssen durchströmt, von der zwar langsamen, aber sehr breiten Bojanna, die den Skutarisee entwässert, und dem schmäleren, doch außerordentlich reissenden Drin. Auf ebenen Flächen gegen eine Festung vorzurücken, ist, wie schon ausgeführt, ungemein mißlich. Die Montenegriner, Meister des Nachtgefechts, versuchten also verschiedene nächtliche Überrumpelungen. Aber solche Überfälle werden durch die Flüsse stark gehemmt. So ist denn bisher noch kaum ein nächtlicher Überfall erfolgreich gewesen. Unmittelbar am westlichen Gegenufer der Bojanna beginnt der Tarabosch, dessen Hänge steil in die Wasser des Sees abfallen. Bis zur Höhe des Berges sind etwa vier, höchstens fünf Kilometer Luftlinie. Der Tarabosch, dessen blutiger Name in der Kriegsgeschichte sicherlich in der selben Furchtbarkeit weiterleben wird wie der düstere Name des Malakoff von Sewastopol, hat nicht weniger als neun Spitzen von nicht allzu verschiedener Höhe. Als die Montenegriner den am weitesten von Skutari entfernten Gipfel besetzt hatten, wurden sie durch das Feuer der feindlichen Kanonen von den andern Gipfeln dermaßen bestrichen, daß sie es vorzogen, in die steilen Hänge des Tarabosch hinabzugleiten und sich dort mit ihren Geschützen einzubauen. Die Türken folgten aber nach und gingen sogar noch tiefer, so daß sie nach meiner Schätzung auf nur IV2 oder höchstens 2 Kilometer Entfernung ungefähr 120 Meter in die Höhe schossen. Von den 40 oder 48 montenegrinischen Geschützen — ganz genau konnte man die Zahl begreiflicherweise nicht erfahren — sollten nur sehr wenige weiter als 4 Kilometer, nur zwei weiter als 8 Kilometer tragen.

Den Skutarisee muß man sich etwa vorstellen wie den Bodensee, nicht so lang, aber in der Nordhälfte breiter, jedenfalls unvergleichlich viel großartiger. Der kritische Punkt ist bei Gruda und Bardenjol, dort, wo die montenegrinischen und türkischen Stellungen mit dem freien Albanien Zusammenstößen. Zuerst waren die Skipetaren die Freunde Nikitas; seit November aber, und in steigendem Maße seit der Unabhängigkeitserklärung Anfang Dezember, wendeten sie sich von ihm ab und wurden aus Freunden zu Feinden. Die Ansprüche der Zrnagorzen auf halb Nordalbanien sind eben mit den Hoffnungen der Skipnia selbst unvereinbar.

Die Albaner sind wie die alten Deutschen. Der Skutariner Poet Padre Tommaso Fishta sagt: es ist leichter, einen Sack voll Flöhe zu vereinen, als zwei Albaner eines Sinnes zu machen. Es sind eben echte Indogermanen mit einer baskischen Unterschicht, die noch weiter den Zweiseelenzustand fördert. Einige Male in der Geschichte der Jahrtausende sind allerdings die Bewohner Albaniens zu stattlichen einheimischen Reichen zusammengeschmiedet worden, unter Genthius und Königin Tenta im 3. vorchristlichen Jahrhundert, unter Skanderbeg im 15. und Ali Tepelenli im 19. Jahrhundert; sonst war immer Gau gegen Gau, Sippe gegen Sippe, der gjaksor, der Mörder, gegen den Rächer, gegen die männlichen Verwandten des Ermordeten, kurz, die Hand aller gegen alle. Dazu kamen kulturelle Verschiedenheiten: an der Küste venezianische Bildung, dann eine Übergangszone, zuletzt wildeste, urtümlichste Urzustände im Hochgebirge, woran sich im Osten, nach dem Amselfelde zu, und in Djakowa (serbisch = Hochschule, von djak-Student) serbisch beeinflußte Gegenden schließen. Sodann Glaubensverschiedenheiten: Islam, Rom, griechische Orthodoxie und griechisch Unierte. Bisher verstand es die Zentralregierung in Stambul ganz prächtig, diese vielen Verschiedenheiten politisch auszunutzen: divide et impera. Aber schon 1878 entstand die albanische Liga, eine nationalistische Bewegung, deren Hauptkraft sich gegen die Übergriffe Montenegros richtete. Eine neue Epoche brach mit der Revolution an. Am 4. November 1908 tagte der panalbanische Kongreß zu Monastir. Er soll jetzt einen Nachfolger in Triest haben, in einem Kongreß den Prinz Ghika leiten will. Unter der Geißel jungtürkischer Unterdrückung wandten sich 1910 und 1911 die Malisoren an das einst, so gehaßte Montenegro um Hilfe und nahmen auch Gaben in Geld und Naturalien von ihm an. So standen die Sachen, als der Balkankrieg ausbrach. Zunächst waren da die Malisoren den Montenegrinern freundlich. Die Mirditen warteten zu. Die albanischen Moslime fochten im Westen für die Türkei, im Osten waren sie geteilt. Die einen waren osmanen-freundlich, aber Issa Boljetinatz, der käufliche Bandenführer, hielt es zeitweilig mit den Serben. Die hellenischen Albaner im Süden machten zum Teil mit den Griechen gemeinsame Sache, die Tosken in der Mitte hielten sich in der Hauptsache neutral.

Die Albaner leisten sich den Luxus, zugleich vier Erbfeinde zu hegen: Türken, Serben, Griechen, Italiener. Der Schlimmste, zum mindesten Angriffslustigste von allen ist der Serbe. Gegenwärtig trachten denn auch sowohl die Serben Serbiens, als auch ihre Volksgenossen, die Montenegriner, danach, die Nordhälfte Albaniens zwischen sich aufzuteilen, Nikola I. bis Ipek und fast Durazzo, Peter I. von Durazzo über Prizren bis zu dem von Albanern durchsetzten Sandschak. Damit ja die Lage nicht zu klar werde, wohnen aber auch Bulgaren auf albanischer Erde, nämlich bei Gostivar und am Ochridasee. Außerdem ist mit 400 000 Kutzowalachen zu rechnen, die von Süden her in das Albanergebiet hineinragen.

Die Hilfe der Malisoren ist den Montenegrinern äußerst nützlich gewesen. Sie gab den Ausschlag beim Siege Tusi. Die Malisoren trugen zur Verproviantierung der Montenegriner in den Gauen Rioli, Vraka, Renzi im Südosten des Sees bei. Die Hilfe der Minditen wäre für den ganzen Strich von Skutari bis zu dem jetzt eroberten San Giovanni di Medua von hohem Belang gewesen, wie nicht minder für die Sperrung des Weges von Skutari nach Prizren, der letzten Verbindung mit der Türkei. Um jedoch nicht abzuschweifen — die Söhne der Schwarzen Berge haben sich die Freundschaft der Albaner verscherzt. Sie wissen nicht mit ihnen umzugehen. Ein Oberst sagte einer Skipetaren-schar: „Redet doch nicht immer euer elendes Zigeuner-Kauderwelsch, lernt ein ordentliches Serbisch!“

Die Albaner leisteten im 14. und 15. Jahrhundert von allen Balkanvölkern den andringenden Türken den zähesten Widerstand. Danach waren sie die Leibwächter des Padischah. Das jungtürkische Komitee bekämpfte sie. Und wiederum wurden sie das Schicksalsvolk der Türkei, als sie das Komitee stürzten. Ich hatte das längst vorausgesehn und wurde deshalb einst verlacht. Ich schrieb (Deutschtum und Türkei, Wien 1910, S. 1) im April 1910:

Man kann das Sprichwort auch so wenden: Wen die Götter verblenden, den wollen sie verderben. Noch ist nicht aller Tage Abend, und noch ist die junge Türkei aus dem Wirbel und dem Maelstrom nicht heraus. Zehnmal mag beteuert werden: der deutsch-österreichisch-türkische Block ist der einzige Damm gegen die Sintflut, ist der Cerberus, der es allein mit der britischen Boa aufnehmen kann, ist die Rettung aus der Gefahr. Alles aber, was man sieht und hört, befestigt nur aufs neue den Eindruck, daß die Türkei wankt und stürzt. Was nützt ein noch so großer Schwimmgürtel, wenn er brüchig ist, was nützt ein noch so gutes Vollblutpferd, wenn es die Mauke und Kolik hat?

Und wieder Albanien! Wenn sich doch die Türken nicht gerade an diesem Granit die Zähne stumpf beißen wollten! Sie sind verrückt wie Märzhasen, sie sind hoffnungslos verloren.

Und diesmal soll der Aufstand in Nordalbanien mit nie gesehener Strenge niedergeschlagen werden. Nur um so schlimmer für die Türken! Etwas Törichteres, Verhängnisvolleres, schlechthin Vernichtenderes hätte kein Feind für die frisch aufstrebende Türkei ausdenken können als diese ewig nutzlosen und ewig wiederholten Expeditionen nach Albanien. Hat Dschawid Pascha nicht genug davon, daß er und seine Mannen sich schon zweimal binnen Jahresfrist blutige Köpfe holten? Will er den Todestanz wiederholen? Will er es auf Biegen oder Brechen ankommen lassen? Nun, brechen wird etwas, aber immer und wiederum die Türkei. Albanien — nicht vor der Götterdämmerung! Hat man in Konstantinopel nicht genug damit, daß die Skipetaren das tapferste Volk der Erde sind? Weiß man nicht auch, daß Ismail Kemal Bey von Valona der schlaueste aller Politiker ist, daß er und seine albanischen Freunde im Parlament das Zünglein an der Wage bilden. Schon haben sich die um Ismail Kemal mit den Arabern verbündet, haben vereint die mächtigste Fronde ins Leben gerufen. Parlamentarisch gewaltig, im Kriege stark, wer möchte dawider bestehen?

Die Worte sind stark rhetorisch; sie verfechten ohne Hörner und Zähne, ohne „einerseits — anderseits“ eine Überzeugung, die sich gegenüber der allgemeinen Ansicht der Öffentlichkeit und der Diplomaten*) als richtig bewährt hat.

Als ebenso richtig wie die vier Jahre lang von mir in Büchern, Aufsätzen, Reden verfochtene Überzeugung, daß die  Verfassung von 1908 den Zusammenbruch der Türkei nach sich ziehen werde.

*) Auch Kiderlen sah mit sehr vielen unserer Politiker und Industriellen fast alles in der Türkei rosenrot, obwohl wenigstens von einer Stadt der Balkanhalbinsel ihm vor dem Kriege Warnungen zugingen. Ich erfuhr des verstorbenen Staatssekretärs Ansichten aus seinem eigenen Munde. Vor meiner letzten Marokko-Reise im Mai 1911 besuchte ich Herrn von Kiderlen in Kissingen. Es wurden damals (kostenlose) Berichte über Marokko gewünscht. Der Staatssekretär hat sich über die Berichte, bei denen es ihm vorzüglich um das Hinterland von Mogador und Agadir zu tun war, sehr anerkennend geäußert. Er empfing mich nach der Rückkehr am 25. Juli in Berlin, und ich mußte zu meinem Leidwesen die peinliche Überzeugung gewinnen, daß der Führer der deutschen Geschäfte vor den englischen und französischen Wünschen zu weichen entschlossen war. Von Stund an habe ich- die Kiderlen’sche Politik nach Kräften bekämpft. Beide Male, in Kissingen wie in Berlin, kam das Gespräch auch auf die Türkei. Es ergab sich dabei, daß Herr von Kiderlen über den Orient ganz falsch informiert war oder sich aus den ihm zugänglichen Informationen ein falsches Bild gemacht hatte. Es kam zu einer gereizten Auseinandersetzung. „Das können Sie tun,“ meinte der Minister ironisch, „wenn Sie einmal Staatssekretär sind. Solange ich aber . . .“ Auch im Südosten war der Schwabe für eine starke Politik nicht zu haben. Nun sind Erkenntnis der Lage und Wille zur Tat verschiedene Dinge. Doch an beiden, auch an der Kenntnis und Erkenntnis gebrach es Herrn von Kiderlen.

Die Serben und Griechen müssen schon sehr ungeschickt oder sehr grausam gewesen sein, als sie die Albaner abermals zu einer Schwenkung trieben. Zuletzt ist dann die entscheidende Wendung und hoffentlich die letzte Schwenkung eingetreten: der Entschluß zum albanischen Nationalstaat.

Kulturlich sind den Skipetaren die Griechen am gefährlichsten.

Erbfeinde der Albaner sind die Serben. Sie haben die Welt durch ihre Siege überrascht. Dazu hat die angeahnte Größe ihres Aufgebots beigetragen. Unsere Kenner sagten: 90000 Gefechtsstärke, 120 000 Mann Verpflegungstärke. Die Serben brachten jedoch 300 000 Mann auf die Beine.*) Verpflegung? Die Herren Serben lösten das Problem auf die eleganteste Weise von der Welt, indem sie einfach nicht verpflegten. Hungernd und bettelnd sah man schon während der Mobilisation, also noch vor dem Kriege, die Rekruten des dritten Aufgebots durch die Mauern Belgrads schweifen. Der Gedanke der Regierung war ungefähr der, der auch die Franzosen vor 1792 Oberitalien beseelte: die zerlumpten, barfüssigen und verhungerten Rekruten der Levee en masse Carnots sollten alles Nötige aus Feindesland nehmen. Auch die Serben setzten alles auf eine Karte und spielten va banque. Auch sie hofften, daß ihre Soldaten Nahrung und Kleidung im Feindeslande finden würden, und die Hoffnung hat nicht getrogen. Dazu erbeutete man noch unermeßliche Munition, genug, um ein ganzes Armeekorps ein Vierteljahrlang auszustatten. Auch die Pferde der Serben, sowohl bei der Reiterei als auch bei der Bespannung der Batterien waren weit besser als erwartet. Tatsächlich ist die serbische Kavallerie die einzige, die während des ganzen Balkanfeldzuges etwas geleistet hat, und von ihrem schönen Geschützpark konnten die Serben mehrfach an ihre Verbündeten abgeben, die diese Hilfe sofort wohltätig empfanden. Man braucht deshalb die Errungenschaften der Serben nicht zu überschätzen, denn schließlich eroberten sie so manche Stadt, die garnicht verteidigt wurde, und hatten fast überall mit einem von vornherein weichenden Feinde zu tun.

Auch von den Staatsmännern Belgrads hatte ich keinen schlechten Eindruck. Die Ruhe eines Lazar Patschu und eines Draschkowitsch fiel angenehm auf. Am bedeutendsten ist jedenfalls Wladan Georgiewitsch, der trefflich patriarchalische Würde mit südlicher Lebendigkeit vereint.

*) Freiherr von Schlumecky spricht (Österr. Rundschau 15. II. 13.) gar von 500 000; das vermag ich nicht zu glauben.

Freilich stimmt die Rechnung in einem Punkte nicht: Georgiewitsch, den man das „Orakel Serbiens“ nennt, ist gar kein Vertreter des echten Serbentums, sondern zur Hälfte ein Zinzare, d. h. Zigeuner. Weniger Gutes kann man von Paschitsch sagen. Er ist ein Mann der schleichenden Umtriebe auf der einen Seite und plumper Offenherzigkeit auf der anderen Seite. Einst tat er sich heimlich mit Kapitalisten zusammen, um einen corner im Brot zu bilden. Als das gelungen und der Mehlpreis schon um 80 Prozent gestiegen war, ließ er sich zum Minister des Inneren machen. Und siehe da: in einer Woche war die Teuerung beseitigt, und Paschitsch war der große Mann.

Von den Eigenschaften der Türken jetzt, post festum zu reden, ist ja billig; immerhin glaube ich es mir eher als andere herausnehmen zu dürfen, da ich schon Juli 1912, ja, schon August 1908 in einer Broschüre den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches vorausgesagt habe. Über die kriegerischen Fähigkeiten der Türken waren zwei Meinungen verbreitet. Die eine, die vor dem Sturze Abdul Hamids im Schwange war, besagte: die Türken haben ein recht gutes Heer, ihre Soldaten sind so ziemlich jedem andern Soldaten der Erde gewachsen. Die zweite Meinung wurde nach dem Sturze des alten Sultans laut: die türkische Armee ist bis ins Mark verrottet und bedarf dringend der Reformen. Es liegt auf der Hand, daß eine dieser beiden Ansichten falsch sein mußte. Vor dem Thronwechsel konnte man ein Regiment sehen, das fünfundzwanzig Obersten, lauter Günstlinge des Padischah, hatte; da konnte man einen blutjungen General sehen, die Brust mit Orden geschmückt, und daneben einen Oberleutnant von 60 Jahren, der nicht avancierte, weil er es nicht verstand, sich bei den Günstlingen des Großherrn zu schustern und seine Kameraden zu denunzieren. Weder richtige Manöver noch Scharfschießübungen wurden abgehalten. .Warum kein scharfes Schießen? Weil der Padischah argwöhnte, das Scharfschießen könnte sich einmal gegen ihn selber richten. Daß der Argwohn nicht so ungerechtfertigt. war, haben die Ereignisse von 1908 und 1909 gezeigt. Von neuzeitlicher Taktik und Strategie keine Spur. Vollends im Argen lag die Marine, die mehr als andere Waffen von der Korruption angefressen war. Ein einziger Marineminister soll 32 Millionen Mark für die eigene Tasche „erspart“ haben. Sehr schlimm war ferner das Sanitätswesen. Es ist trotz der Anstrengungen hochverdienter Ausländer noch immer unter Null. Die Ausbildung der Ärzte ist höchst mangelhaft, dann fehlt es an den nötigsten Anschaffungen. Einige glänzende Ausnahmen bestätigen die Regel. Nicht minder vernachlässigt ist seit Jahrhunderten die Reiterei, was bei dem Steppen- und Reitervolke von einst besonders auffallen muß. Dagegen zeigt dieses Steppenvolk, ebenfalls schon seit Jahrhunderten, eine merkwürdige Begabung für Artillerie. Schon die Schlacht von Chaldiran, durch die Nordwestpersien an Selim den Grimmen gefallen ist, wurde allein durch die Artillerie gewonnen. Das war vor vierhundert Jahren, und auch heute ist die Artillerie die wirksamste Waffe der Osmanen.

Nach dem Sturze Abdul Hamids hat sich mancherlei gebessert. Richtige Manöver und Scharfschießübungen wurden eingeführt, das Offizierskorps wurde gereinigt und verjüngt, die Flotte wurde ganz beträchtlich gehoben. Durch starke Ankäufe bei Krupp wurde die Artillerie vermehrt. In steigendem Maße gingen osmanische Offiziere ins Ausland, fremde Instrukteure wurden eingestellt. Und trotzdem der Mißerfolg!

Wie kam das?

Die Hauptschuld trägt das jungtürkische Komitee, mit seiner unaufhörlichen Verhetzung, deren Folgen auch heute noch nachwirken; eine andere Schuld die Untätigkeit und Sorglosigkeit der Türken, die an keinen Krieg glaubten und in dieser Ansicht von befreundeten, besonders auch von deutschen Diplomaten bestärkt wurden. *) Viel Panik und Verwirrung verursachte das Überlaufen Tausender von Christen. Gerade in den ersten Kämpfen wurden vielfach Reserven verwendet, die neuzeitlichen Geistes und moderner Taktik keinen Hauch verspürt hatten.

Ein eigenes Wort ist über die vielberufenen Instrukteure am Platz. Die deutschen Instrukteure haben schon seit 1883 gewirkt. Zugute halten kann man ihnen ihre geringe Zahl und die Tatsache, daß man sie nur als Theoretiker, nicht als Praktiker verwertete. Als die Zahl unserer Instrukteure am höchsten stieg, betrug sie 28; das ist ein viel zu geringer Sauerteig, um eine ganze Armee zu durchsäuern; ein einziges Regiment hat ja mehr als sechzig Offiziere. Dann hatten unsere Offiziere gar keine Kommandogewalt, nicht zwanzig Mann durften sie über den Rinnstein führen. Ein Tschauch (Feldwebel) hatte mehr Autorität als sie. Auch unter dem neuen Regime ist es in der Hauptsache dabei geblieben. Erst in allerneuester Zeit ist es besser geworden, dergestalt, daß ganze Regimenter deutschen Offizieren anvertraut wurden.

*) Vgl. die Ausführungen von der Goltz Paschas in der deutschen Rundschau, Februar 1913.

Die Männer, die einst als Steppen- und Reitervolk in die Hallen der Weltgeschichte stürmten, sind daran, ihren letzten Kampf, den Verzweiflungskampf um Sein und Nichtsein, auszufechten. Mit den Osmanen geht es zu Ende. Nicht mit den Türken, denn die sind unverwüstlich. Eine Rasse von 27 Millionen Köpfen, die sich vom Mittelländischen Meer bis zu den Mündungen der Lena und dem Busen von Ochotzk ausdehnt, kann nicht untergehn. Aber es wird langer Zeit und großer Umwälzungen bedürfen, bis sich wieder ein starkes, unabhängiges Türkenvolk unter eigener Fahne erheben kann. Eins nur hätte den Osmanen jetzt noch, selbst im letzten Augenblicke helfen können : der kriegerische Beistand des Deutschen Reiches. Aber gerade der ist ihnen in der Stunde der Entscheidung versagt worden. Manche Nachfahren Bajazids und Ertogruls Kämpften wie die Löwen; aber zu viele Wölfe und Bären lauern auf Beute und stürzen sich auf die Ermatteten. Ob Sieger, ob besiegt, die Osmanen werden erst, nachdem das Ringen mit den Balkanvölkern aus, in die Peripetie eintreten, werden sich dann der Russen und Engländer zu erwehren haben. Und da gibt’s kein Entrinnen. Dann wird der vierte Akt des Trauerspiels beginnen.

Die Balkanstaaten hatten anfangs 1913 garnicht sonderlich günstige Aussichten. Ihre Truppen waren zwar von Siegesbewußtsein geschwellt, sind aber auch durch Tod und Krankheit, durch die Beschwerden des Feldzuges und die Unbilden des Winters gemindert und geschwächt. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, daß Soldaten, die sehr lange im Felde liegen, wie durch ein Training leistungsfähiger werden. Das einzige, was man ihnen zubilligen kann, ist eine größere Erfahrung und dann, wenn das ein Vorzug ist, eine größere Wurschtigkeit oder meinetwegen ‘ Todesverachtung. Wer schlecht gekleidet, schlecht genährt und schlecht behaust ist, wer außerdem durch langes Warten mürbe ward und dazu einen Entscheidungskampf um seine Existenz führt, dem ist es schließlich ganz einerlei, ob eine Kugel seinen Mühsalen ein Ende macht oder nicht. Er ist abgebrüht, ist vollkommen gleichgültig. Am schlimmsten steht es mit den Finanzen der Bal-kanier. Als ich im Herbst in Belgrad wär, versicherte mir ein leitender Finanzmann, daß Serbien 124 Millionen Dinar (= 75—80 Pfg. gegenwärtig) bar zur Verfügung habe; außerdem würden in einem Vierteljahr ungefähr 20 Millionen Dinar an Monopolergebnissen und andern Steuern anfallen. Das sagte der Serbe mit Stolz. Erwägt man, daß laut peinlichen Berechnungen die Serben allermindestens vier Mark täglich für einen Soldaten im Felde aufwenden müssen und daß sie an 300 000 Mann auf die Beine gebracht haben, dazu die Hälfte im Felde, so erhellt aus dieser einfachen Berechnung ganz unweigerlich,, selbst wenn nur 3/4 Millionen täglich angewendet werden sollte, daß das Königreich Serbien seinen Kriegsschatz nebst laufenden Einnahmen bis auf den letzten Dinar aufgebracht hat. Noch schlimmer geht es den Montenegrinern und den Bulgaren. Freilich hat es damit sein Bewenden nicht. Die Schlußfolgerung ist schlechterdings unabweisbar, daß die Südslaven irgendwoher geheime Unterstützung genießen. Die Unterstützenden werden Franzosen und Engländer, vor allen Dingen Russen sein. Die Ratgeber des Zaren haben unter der Hand sogar militärische Hilfe bewilligt. Unwidersprochen gingen Nachrichten durch die Blätter, des Inhalts, daß nicht nur Kriegsmaterial, sondern auch zahlreiche russische Soldaten auf Donauschiffen nach serbischen Plätzen gesandt worden wären. Von 70 000 regulären russischen Truppen war die Rede. Das wird übertrieben sein, aber ein stattlicher Kern Wahrheit bleibt zurück, zumal die Sache nicht nur an und für sich sehr wahrscheinlich, sondern auch ein ganz ähnlicher Vorgang aus dem Jahre 1877 zu verzeichnen ist. Damals sind Dutzende von russischen Offizieren und Tausende von freiwilligen Mannschaften die Donau hinaufgegangen, um für die Serben zu kämpfen. Mit solchen illegitimen Nachschüben mögen teilweise die außerordentlich strengen Bestimmungen Zusammenhängen, durch die die Balkanier in der zweiten Phase des Krieges sämtliche Attaches und Kriegskorrespondenten fernhielten.

Die Jungtürken haben bisher der Türkei nichts als Unheil gebracht. Gerade sie hielten sich für berufen, das Os-manische Reich zu retten. Schließlich kommt es auch hier nicht auf Grundsätze und Methoden, sondern auf die Männer an, die an die Spitze treten. Die Männer des Bergs, die Jakobiner, stürzten ihr Land in unsägliches Verderben, aber die jakobinischen Generäle, die einen Kampf der Rücksichtslosigkeit und nahezu der Verzweiflung gegen das Ausland führten, waren siegreich. Und jene Generäle hatten nur die geringste Erfahrung und hatten gar kein richtig gedrilltes Heer. Von Schevket und Enver waren ebenfalls große Taten zu-erwarten. Bis jetzt sind sie indes noch flieht in die Erscheinung getreten. Die Türken haben mehr geleistet als im Anfang, aber nichts Entscheidendes.

Das Ende wird jedenfalls eine neuerliche Verwüstung und Entvölkerung des Balkans sein. Den größten Nutzen davon werden die Griechen haben, die von dem Massenmord bisher noch am wenigsten betroffen wurden, und vielleicht die Albaner, die ein ungeahnter völkischer Aufschwung noch zu lichten Höhen emporführen mag. Noch ein Volk könnte in die Wüsteneien einziehen: das deutsche. Möglicherweise wird das Deutsch-Österreichertum hier tatsächlich eingreifen. Eine Aufteilung Serbiens zwischen Österreich, Bulgarien, Rumänien ist immer noch nicht ausgeschlossen. Das Deutsche Reich hat dagegen schon vor Monaten zu Springe seinen ablehnenden Standpunkt festgelegt. Es will mit den Balkandingen nichts zu tun haben. Es verzichtet. Man kann moralisch sicher sein, daß es trotz der mannhaften Erklärung des Freiherrn von Wangenheim auch in Anatolien und Syrien verzichten wird. Das Deutsche Reich hat sich freiwillig zur Untätigkeit verurteilt; es will nur mitraten, aber nicht mittun, selbst da, wo seine „heiligsten Güter“ in Gefahr sind, wo seine Zukunft in Betracht kommt. Es hat sich selbst entmannt.

Das Osmanentum brach um die Mitte des 14. Jahrhunderts wie eine verheerende Flut in Europa ein. Zweihundert Jahre später herrschte Suleiman der Prächtige über ein europäisches Gebiet, das an die drei Millionen Geviertkilometer, nahezu ein Drittel des Erdteils umfaßte. Ein volles Jahrhundert hielten sich die Osmanen auf der Höhe, und errangen 1669 durch die Eroberung Kretas noch einen greifbaren Erfolg. Doch nagte schon, zuerst leise, dann immer merklicher, der Verfall an den Säulen des Reiches. Die innere Kraft und Gesundheit der besten Angriffsfruppe, der Janitscharen, war unterwühlt, und die Verwaltung wies schlimme Schäden auf, war einer heillosen Korruption verfallen. Seit 1683, seit der verhängnisvollen Niederlage vor Wien, sanken die Türken unaufhaltsam. Prinz Eugen und seine Waffengefährten besetzten ganz Serbien. Nun erlahmte aber, nachdem die Gefahr geringer geworden, die Angriffslust des Okzidents, und der Türkei waren weitere siebzig Jahre kaum geminderten Bestandes gesichert. Jetzt griffen die Russen ein. Seit rund 1770 ist der Stern der Osmanen im Erbleichen. Schlag folgt auf Schlag: eine erste Revolutionierung Griechenlands, russische Schiffe vor Beirut und Tschesme, Napoleons Zug nach Egypten und Syrien, russische Generäle in der Moldau, der erste Befreiungskampf der Serben. Dann kam Diebitsch-Zabalkansky, der Hattischerif von Gülhane. Die Flut ebbt ab, und die bislang von ihr überschwemmten Völker treten, zunächst als Inseln, dann als zusammenhängende Massen aus dem sie umbrandenden türkischen Meere hervor. Die Rajah werden als eigene Bevölkerungselemente anerkannt, immer neue Sonderrechte werden ihnen bewilligt, und zuletzt, seit 1832, 1856, 1878, 1880, 1885 und 1898 machen sich ausgedehnte

Gebiete auf der Balkanhalbinsel, dazu neuerdings Kreta unabhängig. Endlich entreißen die Europäer dem Großtürken Tunis und Tripolis, sowie Landfetzen in Arabien und Armenien. Was wir jetzt erleben, ist nur ein Glied in der großen Kette. Wie heldenhaft sich auch die Türken wehren mögen, nach dem Ende des Krieges wird ihnen wieder ein Stück Fleisch abgezwackt.

Im Wachsen der Serben, Bulgaren, Rumänen und Griechen ist ein elementares Naturgesetz nicht zu verkennen. Auch in diesen Kleinen ist der Geist des Nationalismus mächtig, der die Einheit Italiens, Deutschlands, Japans geschaffen hat. Auf der ganzen Welt ist seit 1848 ein bald langsames Schwelen, bald jähes Aufflammen des Volksgefühls der bedeutsamste Träger der staatlichen Entwicklung gewesen. Nach den Einheitsbestrebungen der Großreiche kamen die der kleineren Länder; auf Deutsche, Italiener und Japaner folgten die Nachzügler des Nationalismus: Polen und Tschechen, Ungarn und Kroaten, Esthen und Burjaten; und im weiteren Rahmen, fern an der Peripherie Tibeter und Tataren, Brasilier und Deutsche, Australier und Buren. Demgemäß hat sich an mancherlei Orten des Erdkreises eine Irredenta aufgetan. Am mächtigsten ist die polnische; es handelt sich da (Amerika mitgerechnet) um zwei Millionen Menschen, die alle unter fremder Flagge leben und alle unter ein eigenes, gemeinsames Regiment kommen möchten. Neben der italienischen, der polnischen, der vlämisch-holländischen Irredenta wächst seit einem Menschenalter die südslawische und griechische. Es kann niemanden wundern, wenn die türkischen Bulgaren und Serben, zumal sie seit einer Reihe von Jahren nichts als Plünderung, Mord, Raub, Brand und Schändung erlebt haben, lieber unter die verhältnismäßig zivilisierten, jedenfalls aber christlichen Regierungen von Sofia und Belgrad kommen wollen. Andrerseits beanspruchen die Griechen längst Epirus und halb Mazedonien als ein ihnen rechtmäßig zukommendes Erbteil. Wie gesagt, es ist das eine natürliche Entwicklung, der man im Grunde menschlichen Anteil nicht versagen kann.

Eins der schwierigsten Unternehmen ist es, die Kopfzahl der Volkheiten in der bisherigen europäischen Türkei festzustellen. Die Angaben weichen um 1000 Prozent und mehr voneinander ab. Das eine nur kann als sicher gelten, daß die Türken nicht ein Viertel der Gesamtbevölkerung darstellen, wenn auch die Ziffer der Mohammedaner sich auf mehr als drei Millionen erhebt. Am empfehlenswertesten ist es, Bulgaren und Serben zusammenzufassen und so wenigstens eine auch für die Statistik sehr gefährliche Klippe der Eifersucht aus dem Wege zu räumen. Die bisher türkische Balkanhalbinsel beherbergte 6 ½ Millionen Menschen. Davon hatte Mazedonien allein, das in die drei Vilajets Salonichi, Monastir und Kossowo zerfiel, 3,14 Millionen Einwohner, die in nicht weniger als 15 verschiedene Gruppen zerfallen. Nach Peucker, dessen Angaben keineswegs unangefochten geblieben sind, wäre die mazedonische Bevölkerung aus folgenden Bestandteilen zusammengesetzt:

550 000 mohammedanische Türken;
240000 orthodoxe Griechen;
1215 000 orthodoxe Slaven, Bulgaren und Serben;
140 000 mohammedanische Slaven, Bulgaren und Serben;
10 000 katholische Albanesen;
12 000 orthodoxe Albanesen;
615 000 mohammedanische Albanesen;
93 000 orthodoxe Walachen;
63000 Juden;
38000 mohammedanische Zigeuner;
24 000 orthodoxe Türken, mohammedanische Walachen, mohammedanische Griechen und Fremde.

Diese Zusammenstellung gibt einen ungefähren Begriff von der verwirrenden Buntscheckigkeit der mazedonischen Frage. Aber das mazedonische Problem ist nur ein kleiner Ausschnitt des Gesamtproblems. Um einen richtigen Überblick zu gewinnen, muß man zunächst die Völker des ganzen Balkans ins Auge fassen. Allerdings hat man bei den Summen häufig mit 2Wei, ja drei Unbekannten zu tun. So ist die Zahl der Albaner weder in Albanien selbst, noch im Sandschak, noch in Montenegro mit Sicherheit zu ermitteln. Im allgemeinen tut man besser, wenn man die größeren Ziffern annimmt. Neuere Forschungen führen mit großer Wahrscheinlichkeit zu dem Ergebnis, daß der Sultan über gut und gern die doppelte Zahl Untertanen gebot, die ihm bisher von der Statistik zugebilligt wurde. Jedenfalls sind reinliche Absonderungen so gut wie nirgends auf dem ganzen Balkan anzutreffen. Bulgarien hat eine halbe Million Türken — wie denn auch zur letzten Sitzung der Skuptschina zehn mohammedanische Abgeordnete erschienen — und beherbergt außerdem 70000 Griechen, 84 000 Rumänen, sowie über 5000 Deutsche. Von Zigeunern, Juden und andern Fremden nicht zu reden. Schätzungsweise wohnen auf der Balkanhalbinsel mit Dalmatien:

8,4 Millionen Serben und Bulgaren;
4 — 4,5 Millionen Griechen;
2 — 2,5 Millionen Albaner;
1,5 Millionen Türken;
0,4 — 0,5 Millionen Kutzowalachen;
0,25 Millionen Juden.

Dazu Zigeuner, Armenier und Tscherkessen. Aber auch damit hat man noch keineswegs ein zureichendes Bild von der Sachlage. Einzig und allein die Albaner, deren Kopfzahl von allen die umstrittenste ist, beschränken sich in der Hauptsache auf die Balkanhalbinsel; alle anderen haben noch Volksgenossen außerhalb, Genossen, auf deren moralischen, politischen, und gegebenenfalls auch militärischen Beistand sie rechnen dürfen. Es geht nicht gut an, die Serben des Balkans von den Serbo-Kroaten Österreichs zu trennen. Dadurch würde die Zahl der Serben allein auf annähernd 9,5 Millionen, die aller Südslaven (mit Slowenen) auf annähernd 16 Millionen anschwellen. Man ersieht sofort, daß einem so gewaltigen Schwarm gegenüber die europäischen Türken wenig Aussicht haben, sich volklich zu behaupten. Wohl aber konnten sie bisher ein militärisches Übergewicht erzwingen, weil eben hinter den 1 ½ Millionen Balkantürken noch 8 Millionen oder mehr asiatische Türken in Anatolien sitzen, an die sich ihrerseits türkische Stämme in Persien, in Turkestan, in Südsibirien und im chinesischen Tarim-becken anschließen. Nicht minder müssen die asiatischen Griechen in Betracht gezogen werden, sogar die afrikanischen, diel namentlich in Kairo und Alexandrien eine ansehnliche Rolle spielen. Alle Griechen des Orients zusammen (wozu noch die in Triest, Paris und Amerika kämen) wird man auf 7—8 Millionen schätzen dürfen. Sobald einmal der politische Druck von ihnen genommen, werden die Hellenen, so möchte ich glauben, einen jähen Aufschwung erleben. Es ging ihnen bisher wie Leuten, die in zu engen Stiefeln herumlaufen, dadurch in eine verzweifelte Stimmung geraten und sich zu Dummheiten fortreißen lassen. Sobald einmal der unabhängige Territorial besitz des Hellenentums eine angemessene Ausdehnung erreicht hat, wird es auch an politischer Klugheit sicherlich mit seinen höheren Zwecken wachsen.

Um die Probleme der Weltpolitik richtig einzuschätzen, müssen wir abermals den Rahmen erweitern und die Bevölkerungstatistik auf die ganze Slavenwelt ausdehnen. Denn hinter den Südslaven, das war von vornherein klar, steht hilfsbereit der große Bruder, der Russe.

Die Zahl der Slaven.

Man sollte denken, daß nichts leichter wäre, als die Kopfzahl von Völkern zu bestimmen, die im hellen historischen Lichte wandeln und die sich mehr oder weniger zu den Kulturvölkern rechnen. ,Weit gefehlt! Die Statistik hat Zahnlücken und ganze Löcher, die der Ausfüllung harren; hat dazu richtige Wolfsgruben, in die ein unerfahrener, nichtsahnender Forscher hineinstolpern kann. Über die Wichtigkeit der Aufgabe, die Gesamtziffer der Slaven halbwegs zuverlässig zu ergründen, kann kein Zweifel sein. Man nehme also die Trockenheit dieser Untersuchung freundlichst in Kauf.

Das Hauptgewicht, zugleich auch das Hauptübel ist bei den Russen zu finden. An ihrer mangelhaften Statistik kranken die Zahlen des Allslaventums. Nicht nur die rein äußerliche Kunst des Zählens liegt bei den Mannen des Zaren im Argen, sondern vor allem die Unterscheidung der Rassen und Volkheiten. Im Jahre 1897 wurde für das Zarenreich mit Finnland eine Einwohnerzahl von 129 Millionen festgestellt; im Jahre 1910 eine solche von 160 Millionen. Das ergäbe für das Jahr einen Geburtenüberschuß von mehr als 2 ⅓ Millionen. An einen solchen zu glauben, fällt schwer. Richtiger wird sein, bei dem früheren Zensus ausgiebige Fehler der Unterschätzung anzunehmen. Der bekannteste und begreiflichste Grund für Unterschätzungen liegt, wie schon zur Zeit des Augustus, in dem Bestreben der zu Schätzenden, sich den Steuern zu entziehen. Ein weiterer Grund ist im großen Russischen Reiche in der Unseßhaftigkeit vieler Altaier, besonders nomadischer Kirgisen sowie der arktischen Stämme zu suchen. Soll es doch in Sihirien eine ganze Reihe .größerer Siedlungen gegeben haben, die erst in den jüngsten Jahren von den Behörden ,,entdeckt“ wurden, die also vorher weder steuerlich, noch durch den Zensus erfaßt wurden. Genug, bei dem ersten Zensus, wurde die Menge der Großrussen und Kleinrussen auf 78 Millionen angegeben. Wollten wir im Verhältnis des soeben berührten Geburtenüberschusses vorgehn, kämen wir auf ungefähr 96 Millionen Russen. Auf dem Wege der Konfessionszählung würden wir ein wesentlich anderes Resultat erzielen. Beinahe 70 vom Hundert der Gesamtbevölkerung sollen nämlich Prawoslav, griechisch orthodox, sein, dazu nicht ganz 2 Prozent altgläubig. Das würde zu der überraschenden Ziffer von 92 Millionen führen. Nun muß man bedenken, daß auch eine runde Million Rumänen, daß verschiedene Finnenstämme zum griechischen Bekenntnis gehören, endlich einige zehntausend Burjäten. Die wären also abzuziehen, wodurch die Ziffer sicherlich nicht unter 90 Millionen herabgedrückt wird. Setzen wir dementsprechend die Verhältniszahl der Volks- (oder Zensus-)vermehrung bis 1910 ein, so kommen wir auf 104 Millionen. Gehen wir weiter bis zur Gegenwart, so hätten wir für die Jahre 1911 bis 1912 einen weiteren Zuwachs von 3 Millionen in Anrechnung zu bringen und erzielen als Schlußergebnis für alle Russen des Zarenreiches 107 Millionen. Außerdem wären noch die Ruthenen oder Kleinrussen Österreichs mit über 3V2 Millionen zu berücksichtigen, so daß die Schlußziffer auf nahezu 111 Millionen anschwölle., Das wäre eine wunderschöne, glatte Rechnung. Sie leidet jedoch unter verschiedenen Unstimmigkeiten. Ich möchte hier nun darauf aufmerksam machen, daß nach den amtlichen Angaben die Nichtrechtgläubigen oder Dissidenten im ganzen Reiche nur 2 Millionen ausmachen, während das im allgemeinen recht zuverlässige Statesman’s Yearbook allein für Großrußland 12 Millionen Dissidenten aufführt. Selbstverständlich kann bei solchen Zählungen und Schätzungen nicht die ursprüngliche Volkheit des Gezählten beachtet werden. Inwiefern ein Untertan des Zaren noch individueller Deutscher oder Pole oder Syrjäne oder schon korrekter Russe ist, entzieht sich der Kenntnis. Insofern freilich wird man sich bei den vorliegenden Zahlen beruhigen können, als in absehbarer Zeit eine Rückverwandlung wie sie bei andern Nationalitätenkämpfen möglich ist, in unserem Falle also eine Entrussung, nicht in Aussicht gestellt werden kann. Man kann im Gegenteil geltend machen, daß die errechnete Schlußziffer noch zu gering ist, weil von ihr nur das natürliche Wachstum erfaßt wird, nicht die Menge der Überläufer, die Jahr für Jahr aus Littauern, Polen, den Finnen und Deutschen, ja sogar aus den Perniaken und Tungusen in das allumfassende, allerhaltende Russentum sich flüchten. Ich glaube allerdings, daß auch die russische Flut eine heftige Ebbe erfahren wird; aber mit unbewiesenen und wahrscheinlich entfernten Möglichkeiten kann ein so nüchterner Mann wie der Statistiker nicht rechnen.

Unsicherheit herrscht an der Peripherie in Rußland und in Mazedonien. Dagegen haben wir leidlich gesicherte Zahlen für Österreich. Dort treten uns außer den schon genannten Ruthenen 5 Millionen Polen entgegen und 6 ½ Millionen Tschechen, sowie 1 ¼ Millionen Slowenen. Weniger sicher ist die ungarische Statistik. Die Madjaren behaupten bekanntlich 54% der Bevölkerung zu stellen, während nüchterne Beurteiler bloß von 47% und noch weniger reden. Wenn jemand nur erklärt, daß er gern madjarisch spreche, genügt das den Behörden, ihn zu einem Nachfahren Arpads zu stempeln. Man rechnet in Ungarn 2,1 Millionen Slowaken, 2,8 Millionen Serbokroaten, außerdem noch Huzulen und versprengte andere Slaven. Bei uns, im Reich, verzeichnen wir annähernd 4 Millionen Slaven.

In Hübners Tabellen ist lediglich die Zählung von 1900 berücksichtigt; man muß sich also die seitdem angefallenen Reichs-slaven selbst errechnen. Überhaupt hat fast jede Statistik irgend eine anmutige örtliche Eigenart. Die ungarische z. B. möchte es um Gotteswillen den Leuten nicht zu bequem machen; sie gibt daher nicht etwa die nackten nüchternen Zahlen der Volkheiten an, sondern nur ihre prozentuale Zahl innerhalb der Bevölkerung. Von der reichsdeutschen Slavenschaft machen die Polen ungefähr 3,4 Millionen aus; dazu stoßen Kassuben, Masuren und Wenden. Es wäre nicht ohne Reiz, einmal die Slaven nicht nach der Territorialzugehörigkeit, sondern nach Volkheiten zu betrachten. Wenn wir uns so die Polen vornehmen, von denen 8 Millionen in Rußland leben, betrüge die Gesamtzahl der Polen in Mittel- und Osteuropa I6V2 Millionen. Nun wohnen aber noch Mitglieder dieser zahlreichen Unterrasse in Sibirien und Turkestan, neuerdings auch in Frankreich, wo in den Zechen und Eisenhütten von Nancy und dem Minettegebiet bereits Zehntausende östlicher Arbeiter einen, wenn auch vorläufig meist vorübergehenden Aufenthalt nehmen; endlich wird die Zahl der Polen in Nordamerika, Brasilien und Argentinien auf fast 3 Millionen geschätzt, was möglicherweise übertrieben ist. Praeter propter würde sich da eine Gesamtziffer von 20 Millionen herausstellen. Sicherlich eine beachtenswerte Masse! Freundliche Patrioten haben sich sogar schon bis auf 22lf2 Millionen verstiegen, was angesichts der ungeheuerlichen Übertreibungen in Mazedonien immerhin nur als geringer Irrtum bezeichnet werden muß.

Eine sehr schwierige Aufgabe stellen uns wiederum die Serben. Sie ziehen uns in den Wirbel mazedonischer Bevölkerungsvariationen und -permutationen. Beginnen wir mit dem Sicheren. In Ungarn leben, wie oben festgestellt, 2,9 Millionen Serbokroaten, in Bosnien und der Herzegowina genau 2 Millionen. Dalmatien beherbergt beinahe 0,8 Millionen. Wenn wir nach Süden vorschreiten, so müssen wir uns daran erinnern, daß die Untertanen König Peters und auch die Nikitas nicht alle serbischen Blutes sind. Sie sind mit Bulgaren, Aromunen und Albanern untermischt. Das Königreich Serbien wird 2,8 Millionen Serben sein eigen nennen können, Montenegro bei einer Gesamteinwohnerschaft von 0,29 Millionen ungefähr 0,24 Millionen. Die Crux der Untersuchung ist Mazedonien. Ich glaube, es empfiehlt sich, da es sich einerseits doch nur um eine Fehlerquelle von wenigen Hunderttausenden handelt, andrerseits ein individueller Serbe von einem individuellen Bulgaren nur mittels Revolver und Bomben zu unterscheiden ist, hier mit ganz groben Strichen zu zeichnen. Ich würde vorschlagen, alle Südslaven in der bisherigen europäischen Türkei zusammenzufassen und einfach die Hälfte den Bulgaren, die andere Hälfte den Serben zuzuweisen und das feine Bedenken Karl Hrons (gestorben 1910) — jenes vorzüglichen Kenners, demzufolge die Mazedo-Slaven noch vor den Bulgaren und Serben eingewandert, mithin einen selbständigen Zweig der großen Rasse darstellen — einfach auszuschalten. Wie hoch beläuft sich aber die Gesamtzahl der mazedonischen und thrakischen Slaven? Begeisterte Sanguiniker sprachen von 2 ½ Millionen, amtliche osmanische Angaben von nur 1,2 Millionen. Ich kann mir nicht versagen, auch hier der Überzeugung Ausdruck zu geben, die ich anderswo des öfteren zu beweisen gesucht habe: daß die Bevölkerung des ganzen Osmanischen Reiches bisher gewaltig unterschätzt worden ist. Das ist eine Beobachtung, die sich auf alle Nationalitäten des weiten Reiches bezieht. Wahrscheinlich beträgt die Bevölkerung das Doppelte von dem, was die Behörden uns vermuten ließen. Gerade für den Westen der Balkanhalbinsel ist folgendes Erlebnis besonders bezeichnend. Als Torgut Schevket Pascha in Djakowa einzog, leistete er sich den Luxus einer Volkszählung; und siehe da, was ergab sich? Statt der amtlich nachgewiesenen 21000 Köpfe wurden 80 000 vorgefunden. Der Kaimakan hatte zwar nicht den Überschuß der Bevölkerung, wohl aber dessen Steuern in die eigene Tasche geleitet. Der Argwohn wurde wach, daß auch in andern Teilen des Balkans ähnliche Verhältnisse walten könnten was durch Erfahrungen v. d. Goltz Paschas erhärtet wurde. Eine arabische Zeitung, die doch den Slaven nicht gerade freundlich sein wird, hat vor drei Jahren allein den Serben in der Türkei 2,8 Millionen zugebilligt, oder richtiger 700 000 wehrfähige Männer, deren Menge füglich mit 4 oder doch mindestens mit 3 multipliziert werden muß. Man wird nicht allzuweit fehlen, wenn man für die Slaven der bisherigen europäischen Türkei mindestens 2 Millionen annimmt, d. h. für das Jahr 1900. Seitdem sollen durch Unruhen und Bandenkämpfe gegen 300000 umgekommen sein. Weitere 50000 oder 60 000 wird der jüngste Krieg verschlungen haben. Rechnen wir also jetzt 1600000; davon 800000 Bulgaren und 800000 Serben. Damit kämen die Serben insgesamt auf reichlich 9 ½ Millionen. Viel bequemer ist es, die Bulgaren festzunageln. In dem Zarenreiche gibt es 3,2 Millionen. Der Südsaum Serbiens wird ebenfalls mehrfach für die Bulgaren in Anspruch genommen. Außerleben Volksgenossen in Rumänien, endlich vor allem in Thrazien. Summa etwas über 4 Millionen, also noch nicht einmal die Hälfte der rasseverwandten Nebenbuhler.

Wollen wir uns noch einmal in einer Tabelle die Ergebnisse übersichtlich vergegenwärtigen, so verzeichnen wir für Mittelund Osteuropa sowie russisch Asien:

Es wurde schon darauf hingewiesen, daß sich auch in der Neuen Welt zahlreiche slavische Ansiedlungen befinden. Mit 3 ½ Millionen ist diesen Siedlungen gewiß ihr Recht geschehen. Außerdem sind Slaven in allen möglichen Ländern der Erde verstreut, wo man sie nicht erwartet. So hausen 15000 in Italien. Es gibt Polen und Russen in Südafrika, kroatische Weinbauern in Australien. In einer Quelle fand ich, daß sogar auf dem Boden der asiatischen Türkei, nämlich im Vilajet Kastamuni, von früheren Revolutionen her ein polnisches Dorf vorhanden ist. Neuerdings sind Tausende von Russen in Persien, Syrien und Indien, Zehntausende in die Mongolei und Mandschurei eingedrungen. Immerhin fallen die überseeischen Slaven außerhalb Amerikas nur wenig ins Gewicht. Summa sum-marum: rund 156 Millionen für alle Slaven der Erde.

Es kommen nahezu zwei Slaven auf einen Deutschen in der alten Welt.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans

Orient und Weltpolitik

Das Nein ist der Gegenwurf des Ja, sagt Jakob Böhme. Und Goethe:

„Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.“

Wie bei Worten, so bei Taten. Jede Handlung ruft eine Gegenhandlung hervor. Der indische Zug Alexanders hatte das Reich der Gupta, den ersten indischen Einheitsstaat, zur unmittelbaren Folge. Auf das Vordringen der Römer erfolgte der Gegendrang der Sassaniden. Durch Byzanz wurden die Araber erweckt. Auf die Kreuzzüge nach Syrien kam der Sturm der Mongolen und Osmanen. Auf den Kreuzzug der Mächte nach China kam der Vorstoß Japans in Nordasien.

Einst waren die Europäer gar nicht so verhaßt im Orient. Seit dem späten Mittelalter hatten die europäischen Angriffe auf Asien aufgehört. So hatte sich der Orient daran gewöhnt, uns weniger zu fürchten. Daher konnten Marko Polo und Pordenone unbehelligt ganz Asien durchziehen, daher waren Landreisen von Europäern aus Indien über Afghanistan oder Belutschistan nach Syrien oder Rußland keine allzu große Seltenheit — eine Art Bädecker geradezu für die Reise von der Krim nach Turkestan und China ist uns aus dem 14. Jahrhundert erhalten —; daher endlich konnten die Kapuziner noch im 18. Jahrhundert ungestört in Lhasa wirken und verkehren. Weit entfernt, den rothaarigen Barbaren zu hassen, zogen vielmehr die südlichen Daimyo, die Herrscher von Siam und die Mandschu Portugiesen, Deutsche, Franzosen an ihre Höfe, um ihre wissenschaftlichen Kenntnisse, ihr politisches Geschick, ihre militärische Technik, ihre Verbindungen und Fähigkeiten auszunutzen. Das alles änderte sich, als die europäischen Absichten auf Asien immer offenkundiger wurden, als wir den Orientalen immer härter „an die Gurten“ gingen. So wurden zuerst in dem am meisten exponierten Japan die Christen grausam verfolgt, so wurden um etwa 1740 China, Tibet und Afghanistan für Europäer verschlossen. Der Osten fühlte sich in seiner Herrschaft, in seinem Glauben, in seiner ganzen Lebensführung aufs unmittelbarste bedroht.

Doch der Westen drang jetzt umso unaufhaltsamer vor. Plassey und Seringapatam gaben Indien den Engländern, die Russen wollten schon 1787 sich in Kobdo festsetzen und 1805 Japan erschließen. Der kurze Sonnentag eines Jahrhunderts ward der Europäerherrschaft beschieden.

Und wieder folgte auf das Ja des Angreifers das Nein des Angegriffenen. Die Rückwirkung äußerte sich im Entstehen des Panislamismus und des Panbuddhismus, in der wachsenden Abneigung gegen Europa bei den Arabern, den Afghanen, Tibetern, Chinesen, in der Bildung eines indischen Nationalparlaments, in dem waffenstarrenden Chauvinismus der Japaner.

Noch ist Asien zum größten Teil zerfallen. Noch wühlen in Persien die Babisten und Sufi gegen den Islam, noch ist „der Weg der Götter“, das Shinto, gegen den Buddhismus; noch sträuben sich die arabischen Seyide, den Barbarensultan, der nicht zur Nachkommenschaft des Propheten gehört, den Padischah anzuerkennen. Auch verachtet der einzelne Araber den ungebildeten Türken, der Türke den noch roheren Kurden. Es fehlt jedoch nicht an bedeutsamen Zeichen der Zeit, die darauf hinweisen, daß eine Annäherung der feindlichen Elemente im Werke ist, daß die einende Macht der orientalischen Weltkirchen größer wird und daß gleichzeitig in die zersplitterten Völker der nationale Gedanke dringt.

Am wichtigsten ist für die nächste Zukunft die Frage der Wiedergeburt Chinas. Von Peking ist vor einiger Zeit der Befehl ergangen, das ganze Heer gleichartig zu organisieren. Damit begänne die Nationalisierung des ungeheuren Reiches. Noch zieht Japan aller Augen auf sich. Demnächst werden wir aber auch der militärischen Erstarkung des Reiches der Mitte alle Aufmerksamkeit zu schenken Ursachen haben. Wir dürfen dabei nicht nur die tatsächlichen, sondern müssen auch die latenten Fähigkeiten des Chinesen berücksichtigen. Auch die Möglichkeit eines moralischen Umschwunges ins Auge ‘fassen. In der Neuzeit war China das Land der Gelehrten und Kaufleute. Unter den Tsin galt des Soldat mehr als beide. Noch im 11. Jahrhundert n. Chr. wurde die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht von patriotischen Chinesen gefordert. Noch um 1790 war das Reich der Mitte der kriegerischste Staat Asiens. Was einst lebendig war, kann es wieder werden. Ein Volk wie das chinesische verliert nicht seine Eigenschaften in einem kurzen Jahrhundert. Und war nicht auch die deutsche Reichsarmee das Gespött des In- und Auslands? Aber auf den tiefsten Stand der Reichsarmee in der Rheinbundzeit folgten die Freiheitskriege. In China ist der selbe Umschwung möglich, wenn auch eine neue Sensation längere Zeit braucht, um den Elephantenleib zu durchzittern.

Noch mag Persien fallen und vielleicht Arabien; aber dann ist der Nationalismus Asiens reif, und seine Frucht wird uns nicht wohlschmeckend sein. Und dazu hat der lange, faule Frieden den Westen geschwächt.

Was aber tun? —

Rüsten und kämpfen!

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen
Die Fragen der asiatischen Türkei
China und der Dreibund
„Timeo Danaos“ oder Englands Schwenkung zu Deutschland
Orient und Weltpolitik – Die Irrtümer der deutschen Politik

Orient und Weltpolitik

Niemand kann es wundernehmen, wenn ein Bergwerk sich über jedes Mehr an Ausbeute, wenn eine Fabrik sich über jede Zunahme der Aufträge, jede Erweiterung des Absatzgebietes freut. Aber auch unsere Städte frohlocken über jedes neue Zehntausend der Einwohnerzahl, und die Hochschulen erblicken im 2000. oder 3000. Studenten einen vom Himmel gesandten Gast, der mit Freitisch und goldener Uhr geehrt werden muß. Ebenso jubeln die „Expansionisten“ über jeden Zuwachs der Anhänger deutscher Kultur und Industrie im Ausland, über jeden fremden Staat der deutsche Militärinstrukteure anwirbt. Nicht so die Weise. des Altertums, die eine Veröffentlichung ihrer heiligsten Gedanken verboten; nicht so die Spartaner, deren Gesetz davor warnte, zu oft Krieg mit den selben Gegnern zu führen, weil sonst die Gegner die spartanische Kriegskunst erlernen könnten. Daß die Sucht, sich als Lehrer zu fühlen, nicht immer nützlich ist, hat längst unsere Industrie erkannt. Sie hat gar kein so übermäßiges Wohlgefallen an den Japanern, die, den Hut in der Hand, gewinnendes Lächeln um den Mund, deutsche Fabriken besuchen und dann daheim deutsche Fabrikate nachahmen. Nicht minder nehmen japanische, russische, amerikanische Geologen und Chemiker, Professoren jeder Art den deutschen Wissenschaftlern den Platz weg. Aber Wissenschaft ist doch keine Ware, ist nicht materiell, nicht verhökerbar? Gemach! Philosophie, Sprachen, Geschichte den Fremden, soviel sie wollen; alle andre Übermittlung an sie ist von zweifelhaftem Wert — für uns. So besonders die der Medizin. Zu Tausenden drängen sich auswärtige Studenten, besonders russische, in unsere Seziersäle und Laboratorien und nehmen den Söhnen des Landes den Platz weg. Mit Recht ist denn auch die Abneigung gegen die osteuropäischen Jünglinge im Wachsen, zumal sie häufig Syphilis verbreiten; mit Recht wird ihnen, da jeder Musensohn den deutschen Staat 6—700 Mark jährlich kostet, eine Sondersteuer (die noch viel zu gering ist) auferlegt von etwa 50 Mark, damit auch sie zu den Unterhaltungskosten der Hochschulen und ihrer Einrichtungen beisteuern. Waren doch in Tübingen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Promotionsgebühren (und die geistigen Ansprüche) für fremde Doktoren geringer als für einheimische. Es hieß: wenn wir diese „Russendoktoren“ auf unsere östlichen Nachbarn loslassen, so tun sie ein gutes Werk, indem sie unsere Gegnei verringern helfen. Heute drängen sich die Osteuropäer nicht nur zu den medizinischen, sondern vorzugsweise auch zu den volkswirtschaftlichen Vorlesungen. Wenn sie dann nach, Hause kommen, verwerten sie ihre neuen Kenntnisse, um die revolutionäre Propaganda zu nähren. Nun ist bekannt genug, daß die russische Feuersbrunst auch verschiedene Funken und große brennende Balken in die Nachbarländer geworfen hat. Unmittelbar auf den Generalstreik im Zarenreiche ist der Bahnstreik in Galizien und Ungarn gefolgt, war ein gewaltiges Aufflackern der Umsturzgelüste bei unsern Sozi zu spüren. So zahlen also die deutschen Regierungen Millionen für die Ausrüstung von, Lehrstühlen dazu, daß die Revolution in Europa genährt wird. Natürlich war das weder die Absicht der Stifter noch der Hochschullehrer, wenn auch der ausgesprochene Staatssozialismus unserer Theoretiker und unserer Regierungen gelegentlich nach dieser Richtung wirken mußte. Die Sache verhält sich wie ein Stück Fleisch, das, durch den Löwenmagen verdaut, zu Löwenfleisch wird, durch den Hundemagen zu Hundefleisch, durch; den Schlangenmagen zu Schlangenfleisch. Jeder nimmt eben« nur das an Bildung auf, was er aufsaugen und seiner Eigenart assimilieren kann. Nun kommen vorzugsweise die Söhne der niederen Schichten aus dem Orient zu uns. Bei ihnen dient die schönste Theorie nur dazu, niedere Gedanken zu nähren. Ehedem war das ganz anders. Da kamen aus dem Ausland fast hur die Söhne der besten Sippen zu uns, um des Abglanzes deutscher Dichtung und Wissenschaft teilhaftig zu werden. Ein vornehmer Franzose, ein Engländer erzählte noch nach Jahrzehnten mit leuchtenden Augen, daß ihn einst Goethe empfangen, daß er zu Füßen Fichtes gesessen, daß er von Humboldt persönlichen Verkehrs gewürdigt wurde. Damals handelte es sich um Ästhetik und Philosophie, um religiöse Umwerter wie Baur und David Friedrich Strauß, kurz, um ideale Dinge. Heute dagegen sind die Eindrücke und Kenntnisse, die von unsern ausländischen Besuchern gesucht werden, höchst materieller Art. Die Herren wollen Chemie lernen, wollen Fabrikgeheimnisse spionieren, wollen Mediziner werden und Elektriker. Weltanschauungswerte auszutauschen ist wunderschön und verpflichtet außerdem die Empfänger dem Geber; von einer besonderen Dankbarkeit der Jünger der Industrie und der Soziologie hat man wenig gehört. Die fremden Jünger unserer Soziologen beschimpfen höchstens Deutschland wegen seiner Rückständigkeit — im Revoluzzen. Dazu kommt noch ein entscheidendes Moment. Man möchte so gern den deutschen Gedanken zu einem Gegenstück der französischen Lebenskunst erheben. Gewiß, Rumänen und Levantiner, Brasilianer und Mexikaner schwärmen für die Boulevards der „Lichtstadt“ Paris und für den französischen Esprit, und die Franzosen weisen zufrieden, triumphierend auf die Errungenschaften hin, die ihre Kultur in der Fremde wirbt. Sie können das leicht, denn sie haben weder in Paris noch an den Grenzen von Rumänen und Mexikanern zu leiden, die ihnen vielmehr viel Geld ins Cafe de la Paix und ins Maxim tragen. Uns sind die Polen und Slowaken ein Pfahl im Fleische, uns kommen Russen und Tschechen selbst auf den Hals.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Orient und Weltpolitik