Schlagwort: Osmanisches Reich

In allen islamitischen Ländern ist die Regierung die mittlere Linie zwischen dem demokratischen Sinn der Bevölkerung und der absoluten Vollmacht des Kalifen. Der Koran predigt ja, daß alle Mohammedaner Brüder, alle einander gleich seien. In der Tat ist denn auch der Sohn einer Negerin genau so erbberechtigt, wie der Sohn ihrer begünstigteren hellhäutigen Nebenbuhlerin. Auch sind der Rassenanlage nach die meisten Träger des Islam, namentlich Türken und Araber, demokratisch. Bei den neuesten Vorgängen haben die Ulema ausdrücklich erklärt, und zwar selbst die, die in Konstantinopel bei der Gegenrevolution mitgewirkt hatten, daß der Sultan die Verfassung nicht wieder antasten dürfe, und daß jeder Muslem nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet sei, dem Sultan im Falle einer Übertretung zu widerstehen. Der Sultan ist vor allem den Bestimmungen des Koran unterworfen, sodann den Ordnungen der Multeka, einer Sammlung von Sprüchen und Entscheidungen, die Mohammed und seine ersten Nachfolger getan haben. Dagegen wird das Kanon-Nameh Suleimans des Glorreichen, eine Sammlung von Hatti-Scherifs Suleimans selbst und seiner Vorgänger, zwar sehr geachtet, ist jedoch nicht bindend. Es gibt allerdings gefällige Gesetzesinterpreten, die, z. B. von der Tatsache ausgehend, daß der Prophet nur vier legitime Frauen erlaubt, und selber doch vierzehn besessen habe, die Meinung aufstellen, dem Kalifen sei schlechterdings alles gestattet. In jedem Falle hat sich der Absolutismus so mancher Sultane tatsächlich einfach über die Bestimmungen des Korans hinwegsetzt.

Der Sultan ernennt selbst — auch beim neuesten Regime — die zwei höchsten Reichsbeamten, den Sadrazan (Sdar-azam, persisch) oder Großwesir als oberste weltliche Autorität, und den Scheich ül Islam, das Haupt der Kirche. Bei der Wahl des letztgenannten haben jedoch die Ulema, die man demnach den Kardinälen vergleichen kann, mitzuwirken. Die Ulema stellen aber zugleich die obersten Juristen und besetzen die Theologieprofessuren. Ihnen eng verbunden sind die Mufti, die Ausleger des Korans. Westliche Einflüsse in der Verwaltung enthält zuerst das Hatti-Hamayun von 1856. Dem Großwesir steht ein Kronrat oder Medschlis i Haß zur Seite.

Bekannt genug ist die Einteilung des Reiches in Vilajets, Sandschaks, Kazas und Nahiets, die einem Wali, Mutessarif, Kaimakan und Mudir unterstehen. Wali kommt, was vielleicht weniger bekannt ist, aus dem Arabischen, wo es ursprünglich „oben“ bedeutet. Dieselbe Wurzel steckt im Vilajet, wo es lautgesetzlich ebenso von Wali gebildet ist, wie Kilafyet von Kalif.

Im übrigen ist das Osmanenreich zur größeren Hälfte nur Fortsetzung des byzantinischen. Selbst der Halbmond ist ursprünglich wahrscheinlich byzantinisch.

In der Bevölkerung bildet den Hauptunterschied die Religionsangehörigkeit. Nur die Mohammedaner sind verpflichtet, ja nur sie berechtigt, Waffen zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Die Christen oder Rayah sind ohne weiteres die Untergebenen der Mohammedaner. So will es ausdrücklich der Koran. Mithin ist schon dadurch das Gesetz des Korans übertreten worden, daß später die Juli-Revolution Gleichheit aller Konfessionen bestimmte. In einem islamitischen Staate ist eine derartige Gleichheit schlechterdings nicht durchzuführen. Angenommen, das Waffentragen könnte allen Bürgern zugestanden werden, so ist schon allein das Eherecht eine Klippe, an der die Gleichheit vor den Gerichten scheitern muß. Ist doch für die Christen die Einehe gesetzlich, während für die Anhänger des Propheten die Vielehe, wenn nicht geboten, so doch vollkommen legitim ist. Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls das Gesetz des Korans von dem absolutistischen Regime und seinen Trabanten außerordentlich oft in der Vergangenheit und vielfach auch in der Gegenwart verletzt worden, insofern der Koran zwar zur Bedrückung der Ungläubigen auffordert, allein ihr Leben unter Schutz stellt. Rein praktisch war ja auch eine Ausrottung der Ungläubigen nicht durchzuführen, aus sehr begreiflichen Gründen war vielmehr deren Erhaltung im Interesse des Staates. Denn die Rayah zahlten eine Kopfsteuer, die, namentlich in den ersten Jahrhunderten der arabischen Eroberung, den Hauptstock der Staatsfinanzen bildete.

Für die islamischen Herren war es dabei stets, auch in Nordafrika und Persien, von der größten Bedeutung, daß die Christen durch ihre konfessionellen Streitigkeiten gespalten waren und noch sind. Noch im Jahre 1881 wollten die römisch-katholischen Albanesen lieber mit den Mohammedanern als mit den griechisch-unierten Montenegrinern Zusammengehen. Im Februar 1909 lehnten sich die arabischen Christen gegen die griechisch-unierten auf, und es kam in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen. Von den Nestorianern und Armeniern haben sich viele der englischen Hochkirche angeschlossen, während 1898 an 15000 Ne-storianer in das Lager der russischen Prawoslavie übergingen. Auf der islamischen Gegenseite freilich fehlt es auch nicht an Spaltungen. Die Wahabiten, deren Sekte seit rund 1720 besteht, haben so manchen Padischah arg zu schaffen gemacht. Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben verschiedene Wahabitenfürsten, darunter der berühmte Jahja, die Vilajets Asyr, El Hasa und das Nedschd von der Herrschaft des Kalifen losgerissen. Am fühlbarsten war stets die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten. In der jüngsten Zeit soll sich die Zahl der Schiiten in Mesopotamien, besonders in der Nähe von dem schiitischen Wallfahrtsort Kerbela, wesentlich vermehrt haben. Auch einige wenige Kurdenstämme sollen, wie ich bei meiner Reise durch Adherbaitschan hörte, der Schia anhängen. Genaueres ist darüber nicht zu erfahren. Andere Kurdenstämme gehören der pantheistischen Sekte der Kisilbaschi an, die im Grunde mit dem Islam ebensowenig zu tun hat, wie der Sufismus. Auch im Libanon ist eine Sekte, die sich mit den orthodoxen Satzungen des Islams in Widerspruch befindet. Nichtsdestoweniger ist aber doch die religiöse Einheit bei der mohammedanischen Bevölkerung des osmanischen Reiches viel stärker ausgeprägt als bei der christlichen.

Um so größer sind sowohl bei den Mohammedanern als auch bei den Christen die Unterschiede und Spaltungen der Volkheiten und Rassen. Im ganzen Reiche gibt es zum mindesten ein Dutzend verschiedener Rassen, als da sind: Türken, Slaven, Griechen, Albanesen, Wlachen, Armenier, Tscherkessen, Lasen und Georgier, Jyrücken, Kurden, Syrer und Araber; Juden, Zigeuner und Levantiner nicht einmal mitgerechnet. Im allgemeinen gehören die einzelnen Rassen ausschließlich ganz bestimmten Religionen, an, eine Ausnahme machen jedoch Albanesen und Araber, die sich in Islam und Christentum teilen. Von den Georgiern bemerke ich, daß im Gegensatz zu ihren christlichen Volksgenossen im Kaukasus die Engeloj Mohammedaner sind. Natürlich gibt es noch eine große Menge von Konvertiten, die teils ganz in das Türkentum aufgehen, wie einst die Janitscharen, wie noch in der Neuzeit der Magdeburger Osman Pascha und der polnische Graf Tschaikowsky, der um 1880 Wali des Libanon wurde.

Um in der Erscheinungen Flucht einigermaßen festen Boden zu gewinnen, wird ein Überblick über die Kopfzahl der einzelnen Nationen von Nutzen sein. Allerdings muß man eine Unsicherheit in der Statistik mit in Kauf nehmen, an der außer Japan alle orientalischen Staaten kranken. Sie erklärt sich durch den Chauvinismus der Bewohner, die gern ihre Kopfzahl viel zu hoch angeben, so daß bei Schätzungen zwischen ihnen und ihren Gegnern Unterschiede von ungefähr 1000% Vorkommen; so schätzensich dieSerben von Mazedonienselbstauf zwei Millionen ein, während die Bulgaren sie nur auf zweihunderttausend berechnen. Da würde die Wahrheit nicht einmal in der Mitte liegen, sondern man muß eine weit geringere Zahl als richtig erkennen. Zu diesen Schwierigkeiten allen gesellt sich noch für die Statistik die sehr beträchtliche Einwanderung, die seit 1855, und stärker seit 1877 stattfand. Im Jahre 1902 haben sich die Mohammedaner Anatoliens laut einer Schätzung des Obersten von Diest seit dem russisch-türkischen Kriege fast verdoppelt, und von der Goltz Pascha erzählt uns von ganzen osmanischen Dörfern, die er zu seinem Erstaunen im Östlichen Mazedonien vorfand, ohne daß sie auf den Karten irgendwo verzeichnet gewesen wären. Die Geometer, meist christlichen Glaubens, hatten es eben nicht für nötig gefunden, die große Zahl der Mohammedaner noch besonders hervorzuheben. Der Zensus aber hängt, wie überall, mit dem Steuersystem zusammen, und so erklärt es sich, warum sich viele der Statistik entziehen. Auf Grund dieser vielen Mißstände ist es ziemlich schwierig, auch nur annähernd zuverlässige Zahlen anzugeben. Doch sei folgende Aufstellung versucht.

Hübner-Juraschek nimmt nur 24 Millionen an. Ebenso das Statesmans Yearbook. Beide nach den offiziellen Schätzungen. Nicht nur in der Hauptzahl, auch in den Zugehörigkeiten der Einzelzahlen herrscht, wie schon angedeutet, viel Unstimmigkeit. So beanspruchen namentlich die Hellenen die griechisch redenden Albanesen und Wlachen für sich, was deren jüngst erwachter Nationalismus aber nicht bestätigen will.

Ein Hauptproblem türkischer Politik bildet der Nationalitätenkampf. Araber undTürken hassen sich gegenseitig, wie jüngst wieder zwei vortreffliche Kenner, Hartmann und der Graf Mülinen, betont haben. Der Türke sieht mit Verachtung auf die ungeleckten Kurden herab. Der Albanese geht oft mit dem Türken, aber er fühlt sich doch sehr deutlich und sehr bestimmt als ein ganz anderer Mensch. Daß weder Kurden und Armenier noch Bulgaren und Serben und Griechen an einem Strange ziehen, ist bekannt genug. Der beständige Wechsel der Gruppierungen der Volks- und Bandenbündnisse, der in den letzten zehn Jahren Platz gegriffen hat, könnte einem Spezialisten der Variations und Permutationsrechnung ein gutes Material abgeben. Die Griechen waren vor allem und seit Jahrhunderten gegen die Slaven. Dann beehrten sie, besonders seit den Albanisierungs-bestrebungen des großen Ali Pascha Tepelenli die Albanesen mit ihrer Feindschaft; im Anfang des 20. Jahrhunderts entflammten sie plötzlich in heller Wut gegen die Rumänen und Wlachen, sie gingen sogar, trotz 1897, wieder mit den Türken. Dieses Paradigma kann man ähnlich auf Albanesen und Kurden und ütti quanti anwenden.

Am wichtigsten ist die Arabische und die Albanische Frage. Es war schon von den Bestrebungen arabischer Kreise die Rede, kraft deren das Kalifat auf einen Araber übertragen werden sollte. Die Anschauungen und Bemühungen der Senussi und verwandter Orden gehen denen der jetzigen Reformer, der verächtlich Pariser oder Ferengy-Türken genannten, entgegen. Andererseits haben jene eifrigen Verteidigerder koranischen Weltanschauung doch auch westliche Gedanken aufgenommen. In Ägypten haben sich mohammedanische Freimaurerorden aufgetan, und stehen mit englischen, politisch stark gefärbten Freimaurern in reger Verbindung. Der scheinbare Widerspruch solcher Bestrebungen spiegelt sich in dem Widerspruche englischer Politik. Denn die Liberalen haben sich seit der Zeit Gladstones, wenigstens theoretisch, stets für die unterdrückten und nach Emanzipation ringenden Völker erwärmt, während sie doch gleichzeitig die britischen Interessen wahrnahmen und sich daher manchmal gerade gegen jene Emanzipationsgelüste stellten. Das hat man in den Tagen Cannings und Palmerstons wie auch 1882 bei der Beschießung Alexandrias gesehen. Und wollten die Liberalen nicht, so wurden sie eben von den Konservativen, den Unionists, abgelöst, die sich nicht an etwaige Abmachungen ihrer Vorgänger im Amte hielten. Die Arabische Frage greift selbst bis nach Persien und nach Marokko hinüber. Eine persische Provinz, Chuzistan, ist zur größeren Hälfte von Beduinen bewohnt, und wie sehr die arabisch-panislamitische Agitation in Nordafrika den Franzosen zu schaffen machte, ist ja genugsam bekannt.

Zwar nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, aber in ihren inneren Gegensätzen und ihren äußeren Ausstrahlungen nicht minder verwickelt, ist die Albanische Frage. Lediglich um ihre Nationalität zu retten, sind einstens viele Albanesen zum Islam übergegangen. Ihr Volkstum stand ihnen höher als die Religion. In der Gegenwart hat dies Gefühl einen weiteren Schritt gezeitigt. Christen und Mohammedaner haben sich zusammengeschlossen. Das geschah schon 1879. Dann griffen wieder Stammesfehden Platz. Neuerdings aber wurde ein allalbanischer Kongreß abgehalten, der im November 1908 zu Monastir zusammentrat. Die Albanesen wollen weder ein Vorrücken der Griechen noch ein Übergewicht italienischen Einflusses. Sie bekämpfen offen eine Vormacht der Türken und halten sich sehr reserviert gegenüber dem Gedanken einer Annäherung an Österreich. Am liebsten möchten sie die Autonomie. Da sie sehr wohl wissen, daß sie sich mit ihrer geringen Zahl im Wechselspiel der Großmächte nicht allein behaupten können, so erkennen sie die Notwendigkeit eines Schutzes an. Als Suzerän wäre ihnen der Herrscher am liebsten, der ihnen am meisten Freiheit im Innern gewährte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches

Männer; Völker und Zeiten

Bei den Abmachungen von Reichsstadt erlangte Österreich 1876 von den Ratgebern des Zaren das Zugeständnis, daß einem österreichischen Vordringen bis nach Saloniki hin von russischer Seite nichts im Wege stünde. Man hat sich dann mit der Besetzung Bosniens und der Herzegowina begnügt. In einzelnen Kreisen war allerdings noch immer die Neigung zu tatkräftigeren Schritten vorhanden. Selbst dem Grafen Goluchowski wurden Absichten auf Saloniki zugeschrieben. „Es sei ja sehr schon“, so pflegte man zu sagen, „wenn man einen guten Freund besitze, der einem erlaube, in seinem Garten spazieren zu gehen; es sei aber noch schöner und besser, ihn selbst sein eigen zu nennen.“ In der Folge wurden jedoch derartige gewalttätige Gedanken zurückgestellt. Österreich sowohl als auch Deutschland dachten fürderhin nur noch an eine kommerzielle und industrielle Eroberung der Türkei, eine Eroberung, die beiden Teilen, den Erschließen der Bodenschätze wie dem erschlossenen Lande fruchtbringend und von Vorteil sein kann. So hat denn die Donaumonarchie einen Handelsverkehr mit dem osmanischen Reiche aufgebaut, der sich 1906 auf 97 Millionen Kronen Einfuhr und 46 Millionen Kronen Ausfuhr belief. Das ist nicht allzuviel. Wenn man aber bedenkt, daß die Erschließung der Türkei erst von gestern ist, und daß der Verkehr noch verzehn-, verzwanzigfacht werden kann, so wird man auch diese Anfänge nicht gering schätzen. Das Deutsche Reich hat in der Türkei Banken errichtet, hat eine stattliche Reihe von Eisenbahnlinien gebaut, hat in verschiedenen industriellen Unternehmungen werbendes Kapital angelegt und hat endlich einen Handel zuwege gebracht, der zwar dem Österreichs nicht gleichkommt, jedoch immerhin 80 bis 85 Millionen Mark beträgt. Das Gesamtkapital, das Deutschland für die Türkei aufgewandt hatte, dürfte nicht weit von 4/5 Milliarden Mark entfernt bleiben; den größeren Teil davon machen Eisenbahnen aus. Ebenso sind die andern Staaten, namentlich Frankreich, und auch die zwei mitteleuropäischen Großstaaten an der Finanzgebarung der Türkei stark interessiert. Die reichsdeutschen Vertreter, Lindau und Testa, spielten in der Dette publique keine geringe Rolle. Freilich ist nicht zu leugnen, daß bisher Frankreich noch immer den Ausschlag gegeben hat.

Nichtsdestoweniger sind die ottomanischen Finanzen noch sehr im argen. Auch nur eine hinreichend klare Aufstellung zu machen, ist fast unmöglich. Es soll einmal einen Mann gegeben haben, der sich in jenen Finanzen auskannte, der aber zuletzt freiwillig eine Gummizelle aufsuchte. Hier sei nur erwähnt, daß sich die Gesamtschuld auf vierundeinhalb Milliarden beläuft, was für einen so ausgedehnten Staat im Grunde nicht allzuviel ist, wenn man ihn mit den mehr als 22 Milliarden Mark der Russen vergleicht, und daß sie in zwei Abteilungen gegliedert ist: die unter dem Moharrem-Erlaß stehende und die fundierte Schuld.

Wir wissen von Amerika, daß dort im Grunde das ganze Um und Auf der Politik darauf hinausläuft, eine kleine Schar tatkräftiger Unternehmer zu bereichern. Der Senator und Governor in New-York gilt nicht so viel wie der Boß von Tamany-Hall, und selbst in Washington sind die Kongreß-Männer nur zu häufig Drahtpuppen: Plutokraten, die sich sorgfältig imHin-tergunde halten, haben die Drähte in Händen. Der Standard Oil-Trust, die großen Kupferinteressenten, die großen Eisenbahn- und Zuckerkönige kontrollieren die gute Hälfte nordamerikanischer Politik. Etwa 3300 Yankeefamilien besitzen fast dreiviertel von dem Gesamtvermögen des ganzen Landes. Dabei ist ein derartiger Magnat darauf aus, sich bei dem Volke angenehm zu machen. Er stiftet Büchereien, Museen, Konzerthallen, Parks, Wasserleitungen; er bestimmt riesige Summen für Waisen und Arme; er fundiert Sternwarten, biologische Laboratorien, Nordpolexpeditionen und Universitäten. Er ist genau der Typus des griechischen Tyrannen. Auch Pisistratos und Theognis waren Leute, die das Volk mit Wohltaten überschütteten, und die auf der Leiter der Geschenke allmählich zur Macht emporstiegen, waren Männer, die lebhaften Anteil an Kunst und Wissenschaft nahmen; wird ja einer von ihnen unter die sieben Weisen gerechnet. Ähnliche Zustände herrschen in Japan, wo die großen Reeder, Armeelieferanten und Minenbesitzer durch die letzten Kriege Millionen aufgehäuft haben, und herrschen in Frankreich, wo anerkanntermaßen eine kleine Gruppe von Spekulanten das ganze Marokko-Abenteuer heraufbeschworen hat. Eine klassische Schule des modernen Imperialismus ist nun auch die Türkei. Schon seit einem Menschenalter ist sie das Absteigequartier für ein hungriges Heer von Hochstaplern und Großfinanziers — der eine kann auch wohl zum andern werden —, von zielbewußten Kaufherren und tatkräftigen Konzessionsjägern. Man weiß, wieviel Millionen die Orientbahnen dem Baron Hirsch eingebracht haben; man weiß ferner, daß dieses ganze Ausbeutungssystem lediglich dem Zeitgeiste entspricht, daß es sogar, wenn nicht ausartend, gerade im Orient nicht nur berechtigt, sondern sogar notwendig ist. Denn wie lange hat sich nicht der verbohrte Starrsinn des Orients gegen jede Erschließung der Bodenschätze, gegen jede Ausdehnung des Verkehrswesens gesträubt! Bis zum Jahre 1908 war es verboten, irgend eine Maschine nach der Türkei einzuführen. Man bedenke nur, daß die Ungeheuern Forsten des Landes, daß die vielen Wasserfälle, die Kraft liefern könnten, noch kaum ausgebeutet werden konnten. Vor dem siegreichen Anstürme neuzeitlichen Geistes hat jedoch die Türkei schon seit längerer Zeit zurückweichen müssen. Neue Bahnkonzessionen wurden eingeleitet, namentlich in Syrien. Nicht minder wurde den Fabriken des Auslandes durch umfangreiche Massenbestellungen zu verdienen gegeben. Selbst eine neue Flotte sollte gebaut werden, die freilich verrostete. Es konnte zweifelhaft sein, ob alles dies zum Vorteile des ganzen Landes war. Allein andererseits konnte man von den vielen Patrioten, die so lange in Paris und London lebten, die mit führenden Männern des Westens, mit den Banken und anderen Großbetrieben der Neuzeit vertraut wurden, die außerdem schon von Hause mit den reichsten und mächtigsten Familien der Levante versippt und verschwägert sind, ohne weiteres annehmen, daß auch sie sich in der dem Imperialismus heute anhaftenden Methode betätigen würden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
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Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
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Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
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Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
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Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
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Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen

Männer; Völker und Zeiten

Während die Kontinentalstaaten von revolutionären Zuckungen zerwühlt wurden, schritt England auf dem Wege zur Weltherrschaft weiter. Auch England blieb von den Zuckungen nicht ganz verschont. Es erlebte heftige Stürme im Hause der Gemeinen, und erlebte eine Arbeiterrevolte, die Chartistenbewegung (1840). Allein der politische Sinn, der aus Erfahrungen von Jahrhunderten schöpfte, hat es in England stets verstanden, derartige Bewegungen, meist durch Konzessionen und Kompromisse, unschädlich zu machen. Ein jeglicher Uberschuß an Tatendurst kann sich seit vier Jahrhunderten bei den Engländern nach außen hin austoben. So kommt es, daß England mehr als irgendein anderer Staat der Erde von gefährlichen inneren Umwälzungen verschont geblieben ist. Die Briten hatten zwei große Aufgaben der äußeren Politik zu lösen: die Regelung der türkischen Verhältnisse, und die Gewinnung der Buren.

In der Türkei hatte sich ein Dualismus ausgebildet. Der Süden stand gegen den Norden, das Arabertum gegen das Türkentum. An der Peripherie zeigten sich autonome Neigungen: in Mesopotamien, wo Jussuf Pascha allmächtig waltete, in Albanien, wo Ali Tepelenli unumschränkt herrschte(1822auf einer Insel des Sees von Janina getötet),ferner in Kurdistan und Arabien, endlich inÄgypten. Der Khedive von Ägypten, dessen (möglicherweise albanische) Vorfahren aus der Gegend westlich von Saloniki auswanderten, Mehemed Ali, errang in Ägypten, Nubien, Arabien, Syrien und Mesopotamien eine äußerst starke Stellung. Die Türken aber, durch zwei Kriege mit den Russen (1812 und 1826/27), ferner durch den Aufstand der Griechen geschwächt, der durch die Einmischung der Großmächte und die Niederlage des Kapudan Pascha (Admiral, wörtlich Kapitän) bei Navarino 1827 entschieden wurde, waren in der übelsten Verfassung. Die Reformen von Mahmud dem Zweiten, der sich der Janitscharen durch ein Blutbad entledigte, und der westlichen Geist in Heer und Verwaltung einführen wollte, hatten zunächst nur das Ergebnis gehabt, daß die Auflösung und Verwirrung im Osmanischen Reiche noch größer wurde. Im Jahre 1833 zog der Khedive gegen die Türken, in deren Lager sich Moltke befand, durchzog Kleinasien, und erreichte fast den Bosporus. In seltsamer Eintracht rafften sich da aber die Mächte, die noch kurz zuvor bei Navarino die Kraft der Türkei gebrochen hatten, zum Schutze derselben Türkei auf und zwangen durch Gewalt den Khedive zur Umkehr. Die Russen legten Truppen an den Bosporus, die Engländer schickten Admiral Napier nach Syrien. Die ängstliche Sorgfalt für das Wohlergehen des Sultans — jetzt war Abdul Medjid am Ruder — war lediglich eine Frucht der Eifersucht. Keine Macht gönnte der anderen den Besitz von Konstantinopel. Die Engländer hatten weiters ein großes Interesse daran, sich nicht den Weg nach Indien über die Länder des östlichen Mittelmeeres versperren zu lassen; sie wünschten daher nicht, daß ein zu starker.Mann sich in dem strategisch wichtigsten Lande der Erde, in Ägypten, festsetzte.

Die andere Aufgabe der Briten lag in Südafrika. Teils durch Rassenhaß, teils durch die gewaltsame Beraubung ihrer Selbständigkeit erbittert, wurden die Buren neuerdings durch die Aufhebung der Sklaverei gereizt. Die Engländer wollten überall die Sklaverei abschaffen. Die erste Anregung dazu gab die philanthropische Agitation des Bischofs Wilberforce; bei der Durchführung spielte wohl die Hoffnung mit, die spanischen und portugiesischen Nebenbuhler zu ruinieren. Denn ohne Sklavenarbeit konnten die Pflanzungen in den tropischen Kolonien nicht mit dem Nutzen betrieben werden wie bisher. Daher richtete sich die Maßregel auch gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, in deren südlichen Gebieten die Sklaven die Hauptträger der Wirtschaft waren. Die Engländer selbst hatten damals noch wenig mit tropischen Pflanzungen zu tun; höchstens in Westindien und Mauritius. Im übrigen dachten die Engländer durch ein schmiegsames Verwaltungssystem die Vorteile der Sklaven Wirtschaft zu retten, ohne deren Gehässigkeit auf sich zu laden. Sie führten einfach eine hohe Steuer für Farbige ein; um diese zu bezahlen, mußten die Eingeborenen monatelang arbeiten. So hatten die weißen Herren doch die Arbeit umsonst, und brauchten die freien Arbeiter noch nicht einmal zu ernähren. In Kanada, am Kap und in Australien glaubte man vollends der farbigen Hilfe ganz entraten zu können. So war die Aufhebung der Sklaverei ein Schachzug gegen die anderen Kolonialmächte. Der Schlag traf auch die Buren hart. In ihrer wirtschaftlichen Gebarung und ganzen Lebensführung waren und sind die Buren noch heute auf schwarze Hilfskräfte angewiesen. Nun wurden ihnen mit einem Male die Xosa, Fingo, Tembu, Griqua und Basuto entzogen, die für sie gefrondet hatten. Zwar wurden viele Millionen von England ausgezahlt, um die Leibeigenschaft abzulösen, aber von den großen Summen gelangte nur ein Viertel bis ein Fünftel in die Hände der Buren. Den wirtschaftlichen Ruin vor Augen entschlossen sich die Buren 1835 zu dem großen Treck über den Oranjefluß. Sie trafen es schlecht, denn die Zulu waren, durch ihren Ober Induna Tschakka militärisch organisiert, mit ihren Impi (Regimentern) auf dem Kriegspfad, und überschwemmten „das ganze nichtbritische Südafrika. Gegen eine hundertfache Übermacht wehrten sich die Buren am Vechtkopp (16. Dezember 1836), dann fielen sie in Natal ein. Dort wurden sie bei Weenen (vom Weinen, das sich erhob) von den Zulu überrascht, aber schlugen sie bei Colenso. Natal ist immer für die Buren das blühende Land der Sehnsucht gewesen, ungefähr das, was Italien für die Deutschen ist. Hierauf säuberten die Buren das Gebiet jenseits des Vaalflusses von den Matabele, einem Stamme der Zulu. In den neu gewonnenen Gebieten gründeten sie drei unabhängige Staatswesen: den Oranjefreistaat, die Transvaalrepublik und die Niederlassung in Natal. Jetzt stellten die Engländer, denen der Treck durchaus unerwünscht war, eine überraschende Lehre auf. Wie es in der römischen Kirche heißt: einmal ein Priester, immer ein Priester, so behaupteten die Kapbehörden: einmal ein Engländer, immer ein Engländer. Nirgends also auf dem ganzen Erdenrund sollte man sich der Habsucht der Briten entziehen können! Die Engländer machten Ernst, zogen Truppen zusammen und unterwarfen Natal und den Oranjefreistaat. Lediglich weil das Oranjegebiet mehr zu kosten als einzubringen drohte, gaben es später die Engländer an die Buren zurück.

Die dritte Aufgabe Großbritanniens war in Südasien zu lösen. Noch war bei weitem nicht ganz Indien unterworfen, und schon strebten die Angelsachsen über die Grenzen Indiens hinaus. Sie mischten sich 1837 in Persien ein und besetzten Buschir, den Haupthafen am Persischen Golf. Sie führten 1838—1840 Krieg mit Afghanistan. Zum Teil war diese fast krankhafte Ausdehnungssucht durch die Sorge vor russischem Vordringen veranlaßt. Durch zwei große Kriege, den einen um die Jahrhundertwende, den anderen 1827—1828, beendet durch den Frieden von Turkmantschai (zwischen Rescht und Teheran), hatten die Russen große Stücke von Persien losgerissen. Allmählich nisteten sich die Russen in den mittelasiatischen Gebieten Südsibiriens ein, und im Jahre 1839 stellte Perowski eine Riesenkarawane zusammen, um Khiwa zu überrumpeln. Die Eroberung scheiterte völlig, mehr durch Sandstürme als durch Angriffe der Turkmenen; aber ebenso mißglückte der gleichzeitige Zug der Engländer, die in Afghanistan bis auf den letzten Mann aufgerieben wurden.

Den Mißerfolg machten die Engländer weiter im Osten wett, nämlich in China, Sie machten sich ans Werk, um das bisher fast hermetisch verschlossene Ostasien dem Weltverkehr und der europäischen Bildung zu eröffnen. Im Grunde war das nicht sehr schlau von den Europäern, denn aus den gelehrigen Schülern erweckten sie sich Feinde; sie lieferten Armstrongs und Krupps den Ostasiaten, um damit Weiße niederzuschießen; sie brachten ihnen eine Kenntnis von Fabriken bei, die sie dann zum Nachteil des Westens verwerteten. Der Antrieb zu der Erschließung Chinas war gerade wiebei der Aufhebung der Sklaverei, doppelter Art, sittlich und wirtschaftlich. Die Missionare, die schon einige Jahrzehnte am Platze waren, hofften, China und Korea, wie auch die Liu Kiu für das Christentum zu gewinnen, die Kaufleute trachteten nach einer Erweiterung ihrer Kundenzahl und ihres Absatzmarktes. Für die Staatskunst Großbritanniens kam lediglich der materielle Punkt in Betracht. Es war ungefähr das Gegenteil von christlicher Menschenliebe, das die Engländer zur Einmischung in Kanton veranlaßte. Die Chinesen wollten sich nicht mehr vom Opium vergiften lassen, das von Indien kam; für die Engländer aber war der Ertrag des Opiums und der Opiumsteuer, die in manchem Jahre auf sechshundert Millionen Mark stieg-, zu wichtig, als daß sie auf sie hätten verzichten mögen. So brach denn der Opiumkrieg 1839 aus. Mit leichter Mühe vernichtete eine englische Flotte die schlechten chinesischen Schiffe und bombardierte Kanton. China wurde gezwungen, mehrere seiner Häfen für den regelmäßigen Handel mit Kaufleuten der Westmächte zu eröffnen.

Während die erdumspannende Politik der Engländer — auch in Amerika waren sie nicht müßig und kamen über die Oregongrenze beinahe mit der Union in Streit— eifrig damit beschäftigt war, die Weltkarte rot zu färben, waren die Franzosen in Algerien und Westafrika an der Arbeit. Vorläufig berührten sich die Einflußkreise nur wenig, außer in Syrien, wohin 1840 ein französisches Heer abging. Da zugleich sich die beiden Westmächte durch die gemeinsame liberale Strömung verbunden fühlten, so entstand zwischen ihnen die Entente Cordiale, die allerdings erst ein Jahrzehnt später Früchte tragen sollte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus

Männer; Völker und Zeiten

Wenn die Osmanen in Thrazien, bei Tschadaldscha und auf dem Chersones von Gallipoli gerade keine Erfolge errungen haben, so ist es doch so gut wie ein Sieg, daß sie den Lauf der Feinde monatelang hemmten. Die junge wie die alte Mannschaft der Balkanier müßte jetzt nach den heimatlichen Dörfern zurück, um die Felder zu bestellen, um überall nach dem Rechten zu sehen. Geschieht das nicht, so ist eine Hungersnot in Aussicht. Auch mit den Geldern der Balkanstaaten geht es zu Ende; richtiger: sie sind schon zu Ende, und nur die Hilfe der Großmächte hat den Verbündeten die Fortführung der Operationen ermöglicht. Weiber und halbwüchsige Kinder werden die Äcker bestellen müssen; das ist schon bei früheren Kriegsläuften mehr als einmal vorgekommen. Aber vielfach wird kaum mehr Saatgut vorhanden sein; Pferde und Ochsen sind weggetrieben, Vorspann bei den Transporten zu leisten. Kurz, auch bei äußerster Anspannung der verfügbaren Menschenkräfte steht es schlimm um die Balkanier, wenn nicht bald Frieden geschlossen wird. Die Türkei, auf die reichen Hilfsquellen Anatoliens gestützt, kann, wenngleich von der Mißgunst der Mächte verfolgt, den Druck der Lage länger aushalten.

Trotzdem steht es nichts weniger als gut um das Osmanische Reich. Russen, Engländer und Franzosen wollen ihren Anteil von der sinkenden Türkei, und die Italiener wünschen zum mindesten Rhodos und die andern Inseln, die sie nach Lausanne vorläufig wieder ausgeliefert haben, zu behalten, wenn sich nicht ihr Ehrgeiz auf die Besetzung weiterer Gebietsteile erstreckt. Man redet jetzt so vergnügt und vertrauensvoll davon, daß der Sultan froh sein könne, seine europäischen Provinzen, die ihn Jahr für Jahr viel Geld und Blut kosteten, loszuwerden, daß ihm jetzt, sobald er sich auf Asien beschränke, eine neue, schöne Zukunft winke. Man hält es für ausgemacht, daß diese Zukunft gesichert und sorgenfrei sein wird. Tatsächlich ist das keineswegs ausgemacht Ich glaube im Gegenteil, daß im Laufe der nächsten Jahre die Auflösung der Türkei sich weiter vollziehen wird.

Wer nicht von Rassenutopien verblendet ist, weiß sehr wohl, daß es sich im Leben und Kämpfen der Staaten nicht um schöne und erhabene Rassengemeinschaftsgefühle handelt, sondern um Territorialbesitz. Und um militärische Macht. Infolgedessen ist es nicht nur erlaubt, sondern häufig geboten, mit Rassefeinden sich zu verbünden und Rassegenossen zu bekämpfen. Dergestalt gingen die Engländer gegen die Buren und mit den Japanern. Gehen wir seit einem Menschenalter mit den Italienern und seit einem Jahrzehnt gegen Großbritannien. Der Kaiser selbst hat den rein politischen Standpunkt dadurch anerkannt, daß er sich einst zu Damaskus al;s Freund aller Mohammedaner erklärte, daß er — einst — als Schutzherr Marokkos und als Bruder Abdul Hamids auftrat. Ein Zusammengehen mit der Türkei hat bei uns weite Volkskreise zu Verteidigern. Daran ist nichts auszusetzen. Was einzig und allein untersucht werden muß, ist der Wert, den der türkisch-anatolische Staat der Zukunft für unsere Staatskunst haben kann. Die Türken gehören zu den Altaiern, sind Vettern der Japaner, der Mongolen und der Madjaren. Man könnte nun auf die glänzende Blüte hinweisen, deren sich das Mikadoreich erfreut, auf das hohe Ansehen, das es sich unter den Weltmächten erworben hat; man könnte ferner an die hervorragende Stellung erinnern, die Ungarn in Mitteleuropa einnimmt. Aber keins dieser Beispiele ist beweiskräftig. Die Türken sind in einer völlig andern Lage als ihre Rasseveverwandten. Sie haben weder den Vorteil insularer Abgeschlossenheit und nationaler Einheit wie die Japaner, noch den sichernden Schutz, den Österreich den Madjaren verleiht. Wer wird die Osmanen sichern und schützen? Niemand! Darin liegt die Tragik dieses tapferen und ehrlichen Volkes. Gewiß, die Türken könnten sich, zumal sie in Anatolien die absolute Mehrheit haben, gegen Griechen, Kurden und Armenier behaupten; ohnehin sind Kurden wie Tscherkessen für sie gegen Griechen und Armenier. Das Entscheidende ist hier nicht das Verhältnis der Volkheiten, sondern der Wirbel der Weltpolitik, der auch Anatolien in seine Kreise, in seinen Strom zieht. Seit den Feldzügen von Paskjewitsch 1827, seit dem Krimkriege und den Kämpfen um Erzerum und Bajazid von 1877 ist Rußland darauf aus, sich Armenien anzugliedern; seit 1840, als das sangbare Lied „Partant pour la Syrie“ entstand, hat Frankreich im Libanon und dem Küsten Vorland Fuß gefaßt; seit 1833, 1839, 1857 und 1873, seit den Landungen in Buschir und Aden, wie der wirtschaftlichen Festsetzung in Mesopotamien, seit der Unterstützung des Khediven Mehemed Ali bis zur Eroberung Egyptens 1882 und dem Zwischenfall von Aka-bah, durch den es klar wurde, daß Britisch-Egypten auch auf die arabische Gegenküste Anspruch macht, haben die Engländer eine Abschnürung Arabiens, Mesopotamiens und des südlichen Syriens vom Leibe des Osmanenreiches ins Werk geleitet. Diese Bestrebungen werden in kürzester Frist eine Fortsetzung erfahren. Damit wird aber das auf Asien beschränkte Osmanenreich neuerdings von Feinden umringt, wird selbst Anatolien in seinem Bestände bedroht. Ein Erdbeben ist selten mit einem Stoß beendet. Meist gibt es mehrere, und der letzte Stoß ist nicht selten der schwerste und gefährlichste. Bei Vulkanausbrüchen ist es nicht anders. Auch vom Vesuv hatte es schon drei Tage lang Asche geregnet, ehe Pompeji unterging. Bei der Türkei werden wir das physikalisch-geologische Gesetz in der Staatenwelt bestätigt sehen. Wir erlebten schon eine Reihe von leichteren Stößen — Tripoliskrieg und Balkan krieg —; aber jetzt ist erst die volle Wucht, ist der Hauptschlag des Erdbebens im Anzug. Das Beben wird auch andere Länder nicht verschonen, wird von der Türkei, vom Orient nach Ost- und Mitteleuropa, wahrscheinlich auch nach Westeuropa herübergreifen.

Es wäre in der Tat ein verhängnisvoller Irrtum, anzunehmen, daß Anatolien imstande sei, einen eigenen, in sich abgerundeten Staat zu bilden. Alle Erfahrung der Geschichte spricht dagegen. Im Laufe von fünf Jahrtausenden ist Anatolien entweder in viele Kleinherrschaften zersplittert gewesen, oder es stellte zwar eine politische Einheit dar, war aber dann abhängig von einer Fremdherrschaft, geriet unter den Einfluß einer auswärtigen Macht. Es ist dann bald den Assyrern, bald den Persern, bald den Römern oder Byzantinern, den Mongolen und Türken anheimgefallen. Auch ein Drittes kam vor, das besonders für die Zukunft des heutigen Anatolien in Betracht kommen wird: während ein beträchtlicher Teil der Halbinsel sich zu einem unabhängigen Staate zusammenballte, wurden andere Teile von Fremden besetzt. So geschah eine Aufteilung zwischen Lydern und Griechen, zwischen den Nachfolgern Alexanders, den mazedonischen Herrschern und den Ptolemäern; ferner zwischen Seldschucken und Byzantinern, zwischen Pergamon einerseits und den Nachfolgern Alexanders andrerseits. Nicht selten stritten sich zwei große Außenseiter um die Vorherrschaft in Kleinasien: Pharaonen und Assyrer, Athener und Perser, Römer und Parther, Araber und Byzantiner; endlich Kreuzzügler und Genuesen mit Türken und Mongolen. Aus der strategischen Lage Anatoliens, das Angriffen von Europa und Afrika, wie von Innerasien gleichmäßig ausgesetzt ist, geht ohne weiteres hervor, daß dieser Halbinsel kein dauernder Einheitsstaat beschieden sein kann, umsoweniger, als sie volk-lich zersplittert ist. Wenn je einmal ein Übermensch, wie der gewaltige Mithradat, Kleinasien unter starker einheimischer Leitung zusammenfaßte, so war das nur von kürzester Dauer. Auch einem osmanischen Reiche der Zukunft kann man in Anatolien keine Stärke oder Dauer prophezeien. Abermals werden die Geschicke der Türken sich vollenden, dann aber muß endlich, in seinen Lebensinteressen berührt, Deutschland auf den Plan treten.

Text aus dem Buch: Orient und Weltpolitik, Verfasser: Albrecht Wirth.

Siehe auch:
Der deutsche Gedanke in der Welt
Kultur-Europa bei den andern Völkern
Orient und Weltpolitik – die Weltlage
Der Nationalismus in Asien
Orient und Weltpolitik – Der Aufstieg des Balkans
Orient und Weltpolitik – Die Balkanvölker im einzelnen

Orient und Weltpolitik