Schlagwort: Ostasiatentum

Die Gegenwart zeigt vielfach eine Art politischer Ellipsenbildung. Die großen Gewalten der Zeit sind das Angelsachsentum, das Slawentum, das Ostasiatentum und das Deutschtum.

Nirgends aber sind diese Gewalten zu einem einzigen Territorium vereinigt, im Gegenteil finden wir überall zwei Brennpunkte, wie in einer Ellipse. Dergestalt stehen sich Tokio und Peking gegenüber. Ferner Washington und London. In der Welt der Slawen herrscht ein gleicher Dualismus: das ausgedehnte Zarenreich im Norden und die kleinen, aber zahlreichen Brüder im Südwesten, nämlich Polen, Tschechen, Bulgaren, Mazedonen und Serben, von Slowenen, Ruthenen, Slowaken und so weiter zu geschweigen. Schwieriger wäre es, die romanische Welt in eine Ellipse einzuordnen. Immerhin ist auf der einen Seite das führende Frankreich, auf der andern der schwächeren, südeuropäischen Rassegenossen, sind Italiener, Spanier und Portugiesen. Selbst in der arabischen Welt kann man das gleiche Phänomen gewahren; das arabische Nordafrika hält dem arabischen Vorderasien ungefähr das Gleichgewicht.

Es sind erst zehn Jahre her, seit der Stern Schönerers und Wolfs zu verblassen begann. Vor der Wende des Jahrhunderts waren nicht nur die österreichischen Alldeutschen, sondern.auch viele tüchtige Männer der schwarz-weiß-roten Flagge der Überzeugung, besser könne es erst um die Deutschen werden, wenn die Brüder an der Donau und in den Alpen mit den nördlichen Volksgenossen durch ein einziges staatliches Band verknüpft würden. Wie das tun? Sehr einfach. „Mir haun alles z’samm.“ Mit Gewalt sollten die Habsburger unter die Hohenzollern gezwungen werden. Ich sage nicht einmal, daß solches Beginnen vollkommen unmöglich war; in jedem Falle aber war die Zeit dazu längst verpaßt. Es verhält sich mit solchen grundstürzenden Eingriffen in die Staatenkarte, wie mit dem Schmieden einer Eisenmasse. Ist die Masse noch im feurigen Fluß, so kann sie verhältnismäßig leicht bearbeitet werden, ist sie aber schon wieder erstarrt, so ist es völlig unmöglich, sie in die gewünschte Form umzuhämmern. Vielleicht bestand früher einmal die Möglichkeit, auch Österreich in den erweiterten Bundesstaat, den das neue Deutsche Reich darstellt, aufzunehmen: jetzt ist diese Möglichkeit (falls sie überhaupt bestanden hat) endgültig vorbei. Das Donaureich hat sich wieder befestigt und hat sogar, seit 1908, den Aufstieg zur Weltmacht begonnen. Die beiden mitteleuropäischen Staaten stehen sich wieder ebenbürtig gegenüber. Hier setzt nun unsre Ellipsentheorie ein. Genau so wie Angelsachsen und Ostasiaten, so scheinen auch die Deutschen dazu bestimmt zu sein, durch Pol und Gegenpol in Kreis- und Wechselströmen ihre Kraft zu entfalten.

Seitdem der Gedanke der Imperial Federation aufkam, seit dem Jahre 1884, haben sich führende Kreise in England heiß darum bemüht, Freundschaft in den volksverwandten Vereinigten Staaten zu wecken und zu steigern. Ebenso hat Japan, einige Zeitlang mit Erfolg, darnach getrachtet, China auszusöhnen, und den Himmelssohn zu gemeinsamem Handeln mit dem Mikado anzustacheln. Auch für uns handelt es sich darum, mit Österreich in dauerndem Einverständnis zu leben. Dies ist um so notwendiger, als durch ein kühles oder gar unfreundliches Verhalten Berlins Österreich geradezu unseren Gegnern, den Slawen, in die Arme getrieben würde. Genau wie später durch das feindselige Vorgehen der Japaner China den rassefremden Amerikanern zugeführt worden ist. Ohnehin sind die galizischen Polen und die Tschechen schon längst darauf aus, Österreich zu einer Slawenmacht umzuwandeln, jene vielen kleinen Slawenstämme, die im natürlichen Gegensatz zu den Russen stehen, hoffen darauf, in Wien den Kristallisationspunkt zu finden und sich dadurch Petersburg gegenüber zu behaupten. Die Nationalitätenkämpfe begannen in Österreich 1866; ernster wurden sie seit 1897 bis 1899.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg

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