Schlagwort: Ostasien

Der Kronprinz des Deutschen Reiches beabsichtigt, wie aus der Tagespresse ja schon bekannt geworden ist, eine Studienreise nach Indien und Ostasien zu unternehmen. Damit wird endlich eine Tradition durchbrochen, die schon lange nicht mehr den Zeitverhältnissen entsprach. Nach den bisherigen Anschauungen war es ausgeschlossen, dass der Deutsche Kaiser oder sein präsumtiver Nachfolger sich von den heimischen Gestaden und benachbarten Gewässern allzuweit entfernte; höchstens das Mittelmeer war ihnen noch zugängig. Während die Fürsten der kleineren Bundesstaaten, z. B. die regierenden Mecklenburger und Oldenburger, schon seit Jahren dem Zug der Zeit gefolgt sind und sich die Welt angesehen, ja sogar unsre Kolonien besucht haben, waren der Kaiser und der Kronprinz sozusagen ans Haus gefesselt, obwohl der Kaiser seiner ganzen Wesensart nach doch sicher brennend gern die Küsten unsres Kolonialreiches und die Schauplätze des grossen Wettbewerbs der Völker kennen lernen würde. Früher, als das Deutsche Reich noch ausschliesslich Kontinentalmacht war, liess sich gegen jene hindernden Anschauungen nicht viel sagen. Der Kaiser hatte eigentlich keine Veranlassung, in irgend einer Weise sich durch eine immerhin anstrengende Seereise allerlei Zufälligkeiten auszusetzen. Bei den heutigen hochentwickelten Verkehrsverhältnissen kann aber von einer Gefahr für Gesundheit und Leben gar nicht mehr geredet werden und es ist daher im Grunde nicht einzusehen, warum dem deutschen Kaiser nicht auch gestattet sein sollte, sich von dem Umfange der seiner Fürsorge anvertrauten überseeischen Interessen seines Reiches persönlich zu überzeugen.

Kolonie und Heimat

England und Frankreich versuchten die Anwesenheit ihrer Schiffe in den ostasiatischen Gewässern zu einem Druck auf Japan zu verwenden. Nach der Erschließung Chinas, die freilich noch sehr unvollkommen war, galt die Erschließung Japans als nächste Aufgabe. In dem schönen Inselreiche war ihnen jedoch die Union zuvorgekommen. Mit sicherem Blick nahm man in Washington die Gelegenheit wahr, da ganz Europa in.einen schweren Krieg verwickelt war — denn auch Preußen und Österreich sahen sich wenigstens zu einer bewaffneten Neutralität gezwungen —, um einen belangreichen Eingriff in die Geschicke der alten Welt zu wagen. Damit verließen die Vereinigten Staaten grundsätzlich die bisher geübte Politik, die sich, von einigen Beifallskundgebungen für europäische Revolutionäre abgesehen, streng auf die neue Welt beschränkte. Präsident Fillmore schickte den Admiral Calbraith Perry 1853 über das Kap der Guten Hoffnung nach Ostasien. Die Fahrt ging von der Östküste, von den Neu-Englandstaaten aus, ein Antrieb dazu war jedoch der Aufschwung der amerikanischen Westküste, die dringend nach einem regen Handelsverkehr mit Asien verlangte. Durch den glücklichen Krieg mit Mexiko hatte die Union 1846 nicht nur die heutigen Staaten New-Mexiko und Arizona, sondern auch Kalifornien erworben. Unmittelbar nach der Besitzergreifung wurde Gold in Kalifornien gefunden. Ein Fieber, schnell reich zu werden, brach aus, und warf neben Yankees-Pionieren britische und deutsche Goldgräber nach der pazifischen Küste. Die Weltausbeute von Gold stieg auf das Dreifache. Jetzt wurden gar noch ausgedehnte Goldlager in Australien gefunden, dessen bisher äußerst langsame Besiedlung nunmehr ein schnelles Tempo annahm, so daß innerhalb eines Menschenalters die Bevölkerung von einer halben auf vierMillionen stieg. Durch alle dieseVeränderungen wurde das Stille Meer ein Schauplatz weltgeschichtlicher Tätigkeit. Um den Ring zu schließen, rückten zugleich die Russen durch Sibirien vor. Sie hatten schon einmal im 17. Jahrhundert die Amurländer innegehabt, mußten sie aber 1689 im Vertrage von Nertschinsk an die Mandschu zurückgeben. Seit dem Jahre 1849 wurden jedoch abermals durch den Kapitän Njewgelskoi und besonders durch Murawioff — auch viele Deutsche, darunter Radde, beteiligten sich — die Amurländer von den Russen besetzt, und wurde Nikolajewsk, das im Krimkriege die soeben erwähnte Rolle spielte, und Wladiwostok, die „Beherrscherin des Ostens“, gegründet. So kamen denn von allen Seiten her Ströme von Weißen und ihrer Kultur: von Süden über das stark aufstrebende Hongkong und Shanghai, von Südosten aus Australien, von Osten aus den Vereinigten Staaten, endlich von Nordwesten über Sibirien. Eine Art konzentrischen Angriffes erfolgte jetzt auf Japan. Die einzelnen Mächte machten sich den Vorteil um den Ruhm seiner Erschließung streitig; selbst der König von Holland bemühte sich in dieser Richtung. Perry schoß indes den Vogel ab. Mit staatsmännischer Kunst und mit einer feierlichen Würde, die den Orientalen zu imponieren geeignet war, mit einem Geschick, das freilich durch die Entfaltung einer sehr beträchtlichen Flottenmacht wirksam unterstützt wurde, hat Perry den argwöhnischen und zögernden Japanern einen Handelsvertrag entlockt. Der Vertrag war der Anstoß zu einer Katastrophe im öffentlichen wie privaten Leben Japans. Bislang hatte sich das „Land der Götter“ für das vornehmste Land der Welt gehalten. Nun mußte es die Schmach fühlen, von Fremden vergewaltigt zu werden. Wer war schuld an dieser unerhörten Demütigung? Die Regierung. Wer aber führte die Regierung? Der Shogun. Also weg mit dem Shogun, weg mit den Tokugawa! Wer aber soll sie ersetzen? Der Mikado. Aus dem Dunkel der Palastgemächer, in dem er sich Jahrhunderte lang gezwungen verbarg, soll er wieder hervor ans Tageslicht, soll er seine getreuen Mannen neuerdings zu Glanz und Ruhm leiten! Wie ist das zu bewerkstelligen? „Sho—i!“ Fremde hinaus! Durch die Vertreibung der anmaßenden und gewalttätigen Weißen kann sich der Mikado mit einem Schlage die Gemüter seines ganzen Volkes gewinnen. Von da an bis zur Schlacht bei Hakodate ist die Geschichte Japans von dem Bestreben erfüllt, den Druck der Weißen von außen dadurch abzuwehren, daß sie die Shogu-natsherrschaft im Innern stürzen. Das war aber nur durch einen Bürgerkrieg zu erreichen. Unterdessen gingen einzelne Daimio auf eigene Faust vor, und beschossen Schiffe der Weißen, die sich ihren Küsten näherten. Das führte zu Vergeltungsmaßregeln, zu der Beschießung Kagoshimas und Shimonosekis (1863/64) durch englische, französische, amerikanische, holländische und preußische Schiffe. Denn auch eine preußische Flotte war, unter Graf Eulenburg, 1861—1864 in ostasiatischen Gewässern.

Schlimmer noch ging es in China zu. Auch hier war man über die Regierung erbittert. Das Volk wollte den Fremdherrscher, die Mandschu, verjagen, und dafür eine nationale Dynastie, etwa einen Nachkommen des alten Hauses der Ming, einsetzen. Der furchtbare Aufstand der Taiping brach aus. Er dauerte von 1832 bis 1864, und kostete nach der geringsten Angabe dreißig Millionen Menschen das Leben. Ganze Großstädte wurden ausgemordet und der Erde gleichgemacht. Wiederum griff Europa ein. Die Politik der Weltmächte trug scheinbar einen Widerspruch in sich. Sie führten 1856/57 Krieg gegen die Mandschu, erstürmten Pekingund verbrannten den Sommerpalast (der nachher wieder glanzvoll aufgebaut wurde) und sie halfen den Mandschu, indem sie — General Gordon war da besonders rührig — die Taiping bekämpften. Die Absicht der Westmächte ging dahin, möglichst Ruhe und Ordnung im Reich der Mitte wieder herzustellen, auf daß der gewinnbringende Handel nicht geschädigt werde; für diesen Zweck hielten sie es am besten, die Mandschu, nachdem man ihnen eine empfindliche Lektion beigebracht hatte, zu stützen; genau dieselbe Politik, die später während der Boxerunruhen verfolgt wurde. Ob sie richtig war, mag dahingestellt bleiben. Wahrscheinlich wäre die Fortdauer des verheerenden Taipingaufstandes für die Weißen von Vorteil gewesen; allein die Handelsinteressen überwogen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg

Männer; Völker und Zeiten

Bei den Holländern ist der erschütternde Freiheitskampf gegen die Spanier zur Triebfeder einer gewaltigen, den Erdkreis umspannenden Kolonialpolitik und zur Grundlage höchster Handels- und Kunstblüte geworden. Während die Flur von Lüttich und Brabant noch vom Blute der Schlachten gerötet war, die heimische Heeremit den Söldnern des genialen Alexander Farnese ausgefochten, segelten holländische Geschwader über das Weltmeer, schauten aus nach dem ihnen zufallenden Teil an den Schätzen Indiens und suchten in dreifach wiederholtem Anlaufe überSpitzbergen die nordöstliche Durchfahrt nach Ostasien zu erzwingen. Sie entdeckten Neuholland und gründeten Faktoreien in Westafrika und Madagaskar; die westindische Kompanie gewann ausgedehnte Gebiete in Mittel- und Südamerika. Bald danach ward Neu-Amsterdam, das spätere Neu-York, angelegt, und am Cap der Guten Hoffnung entstand eine dauernde Niederlassung. Vielfach half ihnen dabei deutsche Faust und deutscher Geist, wie denn der Begründer und erste Statthalter Neu-Amsterdams ein Deutscher war (Minnewit aus Wesel) und die ersten Soldaten von Kapstadt zu unseren Volksgenossen gehörten. Auch nach Batavia und Formosa sind im Solde der Niederländer Deutsche gekommen, und der hervorragendste Arzt und Wissenschafter, den sie je in ihrem Kolonialdienst gehabt, der große Erforscher Japans, Siebold, entstammte gleichfalls deutschen Gauen. Er war ein Würzburger.

Das Hauptziel der Holländer war wie bei Columbus und Magelhans das ferne Indien ; alle anderen Länder kamen ihnen erst in zweiter Linie. Bloß um Südostasien zu erreichen, überwinterte 1595 Barends in Spitzbergen und umsegelte im gleichen Jahre Houtman das Kap der Guten Hoffnung. Bis 1580 waren den Holländern die ostindischen Waren in Lissabon vermittelt worden; als dies aber den Spaniern in die Hände fiel, wurden sie vom asiatischen Handel ausgeschlossen. Da leistete ihnen der Lotse Linschoten, der mit den Portugiesen mehrere Indienfahrten gemacht und Schriften und Karten über Süd- und Ostasien, darunter Formosa, veröffentlicht hatte, unschätzbare Dienste. Mit seiner Hilfe gelangte der Kommodore Cornelius Houtman über das Kap nach Bantam und Java. Die Ostindische Gesellschaft tat sich sodann 1602 in Amsterdam auf. Schon das Jahr darnach bombardierten die Holländer Makao. Wieder ein Jahr später schickten sie einen Gesandten nach Peking. Zugleich machte Van Warwijk einen neuen Anschlag auf Makao, ward jedoch vom Taifun nach den Pescadoren verschlagen. Im Jahre 1605 wurde Amboina, die Molukkeninsel, erobert und die Portugiesen in Tidor (in derselben Gegend) angegriffen. Friede wird zwar 1609 zwischen Spanien und den Generalstaaten geschlossen, allein in Inselasien dauert der Krieg ruhig fort. Batavia wird 1619 gegründet. Im nächsten Jahre schon wird der dortige Gouverneur von seinen Auftraggebern im Haag auf die Wichtigkeit von Lequeo pequeno (Liukiu) aufmerksam gemacht. Mit zweitausend Mann erscheinen die Holländer 1622 vor Makao, werden aber nach hartnäckigem Ringen von Portugiesen und Chinesen zurückgeschlagen. Im selben Jahre reißen sie die chinesischen Pescadoren an sich, die sie indes 1624 wieder verlassen, um sich in Formosa anzusiedeln.

Es war eine wild erregte Zeit, reich an Grausamkeiten und Heldentaten. Jedermanns Hand wider jedermann. Inselasien und namentlich die chinesischen Gewässer glichen im 17. Jahrh. dem Mittelländischen Meer zur Hohenstaufenzeit, als Araber, Berber und Tataren, Griechen, Slawen und Normannen, Venetianer, Genuesen und Katalanen die südeuropäischen und kleinasiatischen Küsten mit Brand und Mord verheerten, aber auch blühende Kolonien schufen. Die bunte Mannigfaltigkeit der Seezüge, verwickelter Unterhandlungen, plötzlicher Überfälle, schwankender und leicht ins Gegenteil umschlagender Bündnisse in Südostasien, dazu die Absichten der zivilisierten Mächte, fortwährend gekreuzt und zerstört durch die Einfälle von Halbwilden und Piraten: dies farbenprächtige, ewig wechselnde, von der Tragik der Leidenschaft erfüllte Bild, ist in seinem kaleidoskopisch raschen Umschwünge geradezu sinnverwirrend.

Als Katholiken hielten die Portugiesen und Spanier, die etwa ein Jahrhundert lang überwiegend das europäische Element im äußersten Osten vertraten, noch einigermaßen zusammen, obwohl es zwischen ihren Händlern und Missionaren nicht an Eifersüchteleien fehlte. Gegen die Katholiken waren zuerst die Nieder- und Engländer verbündet, jedoch nach kürzester Frist machten die holländischen Kapitäne sich kein Gewissen mehr daraus, auch englische Schiffe zu kapern. Die Chinesen hielten sich am liebsten alle Barbaren des Westens vom Leibe, doch sahen sie sich durch die überhandnehmende Plage der Seeräuberei genötigt, zeitweilig mit den Westmächten in ein Bündnis zu treten. So kam es, daß die Chinesen bald alle Portugiesen in Amoy und Futschau niedermetzelten, bald ihnen gegen die Holländer halfen, bald mit beiden vereint gegen die Piraten kämpften. Am besten standen sie noch mit den Spaniern. Die Japaner dagegen kreuzten mehrfach die Klingen mit den Spaniern in blutigen Seegefechten, kamen aber mit den ihnen gegenüber demütig nachgiebigen Holländern leidlich aus. Gegen das offizielle China waren die Japaner friedlich gesinnt; mit chinesischen Seeräubern machten sie, wenn es gerade paßte, gemeinsame Sache. Weiter ward durch die Mohammedaner, deren Macht während des 16. Jahrh. im Sudan, in Indien, in Tibet, im fernen Osten einen gewaltigen Aufschwung erfahren hatte, ganz Inselasien in immer bedrohlicherem Maße heimgesucht. Die Vizekönige von Manila wußten sich der zum Islam bekehrten Malayen, die von Borneo, den Suluinseln, von Mindanao und den Molukken anstürmten und als wagehalsige Wikinger die Küsten Luzons brandschatzten, häufig kaum mehr noch zu erwehren, wie denn ihr Kampf mit den Mohammedanern bis in die jüngste Gegenwart fortdauerte. Auf dem südostasiatischen Festland aber war auch alles in Gärung, seit der entsetzliche Brancinoco und sein Sejanus, der Portugiese Soares, über Berge von Leichen steigend und durch Ströme von Blut watend, 1540 Pegu erobert und Brancinocos Nachfolger gegen die annamesische Grenze vordrangen. Gegen 1650 aber ward der Norden des Festlands durch die einbrechende Mandschurenflut von Grund aus aufgewühlt, 1662 setzten sich die Briten in Bombay fest, und am Ende des 17. Jahrhunderts erschienen dann auch noch die Franzosen, die in der Frühzeit Ludwigs XIV. einen Vertrag mit Siam abschlossen und ihre Jesuiten bis nach Peking beförderten. Wenn aber je einmal das Leben zu einförmig zu werden drohte, da kam ein beutelustiger Korsar und brachte Abwechslung. Portugiesen, Engländer und Japaner hatten es in dem ostasiatischen Seeraubsport zu erklecklicher Übung gebracht, aber allen weit voran waren ruchbar die Chinesen. Seit Jahrtausenden bis zur Gegenwart sind die Chinesen als „Wölfe der Meere“ groß und furchtbar gewesen, allein nie hat die rücksichtslose, unmenschlich grausame Gilde chinesischer Piraten eine solche Tätigkeit entfaltet als im 16. und 17. Jahrhundert. Wie morgens am gewitterschwangeren Himmel die Sonne blutrot aufsteigt, so ward der neue Tag, den die Europäer über Asien bringen sollten, durch verheerenden Krieg zu Wasser und zu Lande eingeleitet.

Um die chinesische Regierung zu einem Handelsvertrag zu zwingen, besetzte der holländische Admiral Reyerß 1622 die Pescadoren, wo er auf der Insel Pehu umfangreiche Befestigungen anlegte. Zum Bau wurden 1500 Chinesen, die man dort ergriffen, verwandt. Dies zeigt, daß seit 1564, als der erste Mandarin nach dem Archipel geschickt wurde, die Chinesen in beträchtlichen Massen nach den Pescadoren geströmt waren. Die dem Auge so völlig wüst und unfruchtbar erscheinende Inselgruppe, die fast keinen Baum, keinen Strauch, kaum Gräser und Moose hegt, ist eben durch ihren unglaublichen Fischreichtum, ihr ausgezeichnetes Trinkwasser und die malariafreie, bloß von Tei-funen gestörte Luft sehr wohl geeignet, eine größere Menschenmenge zu ernähren, wie denn gegenwärtig ihre Bevölkerung 20000 Seelen zählt. Den Chinesen war der holländische Handstreich außerordentlich peinlich, und sie gaben sich die erdenklichste Mühe, die „rothaarigen Barbaren“ zum Rückzuge zu bewegen. Den Holländern dagegen gefiel der neue Stützpunkt, zumal sie dadurch die zwischen Amoy und Manila verkehrenden spanischen und die Makao mit Nagasaki verbindenden portugiesischen Schiffe bequem abfangen konnten. Nach längerem, teils durch Fehden, teils durch Verhandlungen ausgefülltem Aufenthalt schickte Reyerß Ende 1623 vier Schiffe nach Tschin-tschau, um ein Abkommen mit den Chinesen zu treffen. Die Botschafter wurden von den Mandarinen freundlich bewirtet, aber während der Bewirtung versuchten.die verräterischen Chinesen, durch Brander und angezündete Olschiffe das holländische Geschwader zu vernichten. Ein Fahrzeug ward auch versenkt, aber die drei andern zerstörten alle Dschunken, die ihnen in den Wurf kamen, und kehrten nach den Pescadoren zurück.

Trotzdem ließen sich, namentlich der Schwierigkeiten im Beschaffen der Lebensmittel halber, die Holländer bald danach dazu bewegen, auf das Anerbieten der Chinesen einzugehen, nämlich die Pescadoren zu räumen, dafür das herrenlose Formosa zu besetzen und Handelserlaubnis in China zu erlangen. Im Spätsommer 1624 zerstörten sie wieder ihre Festungswerke und führten die Baustoffe nach Formosa. Die 217 Kuli, die von den durch Mißhandlungen und harte Arbeit zermalmten 1500 übrig geblieben, wurden nach Batavia verschifft. Von diesen 217 kamen etwas über die Hälfte, nämlich 137, an ihren Bestimmungsort, also ein besserer Prozentsatz als der, den zuweilen deutsche Auswanderer in britischen Seglern des 18. Jahrhunderts erreichten, insofern gelegentlich bloß 1/3 oder 1/5 der hunger- und krankheitgequälten Auswanderer in Philadelphia anlangten. Die Mandarine richteten sich wieder auf den Pescadoren häuslich ein, und bis März 1895 verblieb die Gruppe im Besitz der Chinesen.

Die Ostindische Gesellschaft ging gleich tüchtig ins Zeug. Steuern sollten ausgeschrieben, hohe Zölle erhoben und die Untertanen durch Kanonen und Zwingburg im Zaum gehalten und ja nicht zaghaft angefaßt werden. Auch ward sofort Anstaltgetroffen, das Evangelium unter den Wilden zu verbreiten. Die Chinesen fügten sich auf Formosa gutwillig der neuen Regierung, die nur über 900 Soldaten gewöhnlich verfügte; bloß die Japaner machten Schwierigkeiten die aber nach 1628 wegfielen, so daß von da bis 1661 die Holländer sich als alleinige Herren auf der ganzen Südhälfte Formosas fühlen konnten. Das Regiment der Holländer war im ganzen wohltuend und in Formosa, vielleicht wegen der unsicheren Stellung der holländischen Macht, besonders milde, so daß die Eingeborenen derselben noch zwei Jahrhunderte lang bis zur Gegenwart eine fast an den Mythus grenzende dankbare Erinnerung bewahren. Wie auf den Molukken die Nelkenbauer, die wegen der aus kalter Gewinnsucht hervorgegangenen Zerstörung ihrer Gewürzstücke sich erhoben, gehenkt, gepfählt und verbrannt wurden, so kamen ähnliche Strafen auch gegen formosanische Patrioten, die gegen die Fremdherrschaft sich empörten, ein oder zweimal in Anwendung, doch im allgemeinen war das Verhältnis der Gewalthaber zu den Untertanen recht erträglich, eine der Zeit und den Verhältnissen angepaßte Vereinigung von Gerechtigkeit und Härte. Wenn bei den teilweise hochgebildeten Javanern das zweite Element patriarchalischer Verwaltung, die Härte, oft starken Anstoß gab und gibt, wie denn noch in neuerer Zeit das niederländische Regiment in Inselasien durch einen Niederländer, den großen Dichter „Multatuli“, aufs schärfste verurteilt wurde, so war das Auftreten der zivilisierenden Europäer gegen die rohen Insulaner von Formosa, Sumatra und Borneo das einzig mögliche. Immerhin kann jedoch darüber kein Zweifel bleiben, daß Herrschaft und Handel den Holländern in erster Linie stand, Religion und Mission nur in zweiter.

Da der Hunger beim Essen kommt, so trachteten die mit ihrem schönen Java und Südformosa ungemein zufriedenen Holländer nach mehr. Es gelüstete sie nach Zeilon und den nordformosanischen Besitzungen der Spanier, deren sinkende Macht zum Angriff einlud.

1642 forderte der Statthalter von Taiwan, Traudenius, in höflichem, ja freundschaftlichem Schreiben den spanischen Befehlshaber von Kilung zur Übergabe seiner Forts auf. Portilio antwortete als stolzer Spanier: Manche Schlachten habe ich gesehen in Flandern und sonst; nicht ist es kastilianische Sitte, sich feig zu übergeben. Versucht uns zu werfen, wenn ihr könnt. Ich empfehle Euch Gottes Schutze. — In rauher, leidenschaftverworrener Zeit ist dieser ritterliche Briefwechsel ein schönes Denkmal edlen Hochsinns, der für beide beteiligte Nationen ehrenvoll Zeugnis ablegt. Portilio aber erlag.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
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Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
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Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
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Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die Urheber der Kreuzzüge waren die germanischen, allerdings meist romanisierten Ritter des Westens. Sie besetzten 1099 Jerusalem. Ein Jahrhundert lang blieb es dabei. Nun geschah wieder ein großer Schlag. Die Ritter eroberten, von Venedig unterstützt, 1204 Konstantinopel. Den Nutzen von der Besetzung Syriens hatten französische Kaufleute und die geistlichen Orden, die Hospitaliter und Templer; den Nutzen von dem Falle des byzantinischen Reiches hatten Venezianer und Genuesen und einige südfranzösische Adelsfamilien. Jenes Reich wurde in Herzogtümer nach westlichem Muster aufgelöst, es gab einen Herzog oder Despoten von Sparta, von Athen, von Korinth.

Damit war die Neuverteilung des alten Imperiums vollendet. Ebenso hat die völlige Bezwingung Chinas durch die Mongolen, der die Eroberung Persiens und Vorderasiens zur Seite ging, das alte Asien zu Grabe geleitet.

Das ungeheure Mongolenreich, das gut und gern an dreißig Millionen Quadratkilometer umfaßte, und dessen Ausdehnung erst in der jüngsten Gegenwart von Weltbritannien wieder erreicht worden ist, war zugleich das letzte Wort des Universalismus. Nach seinem Zerfall hat der Nationalismus das Wort.

Die Mongolen rufen 1206 Dschingiskhan zu ihrem Oberherrscher aus. Sie überfluten 1221 Nordpersien und plündern die Hauptstadt Indiens, Delhi. Sie erscheinen in Osteuropa und dringen 1241 bis Liegnitz, wo sie auf ein deutsches Ritterheer stoßen, und dann durch Ungarn bis Dalmatien vor. Unter Kublaikhan bezwingen sie ganz China und fast ganz Vorderasien. Nach dem Tode Kublaikhans 1292 zerspaltet sich zwar das ungeheure Reich, aber die einzelnen Mongolenhorden fahren in der Laufbahn der Eroberung und Zerstörung noch weiter fort. Rußland bleibt zwei Jahrhunderte unter mongolischer Herrschaft. Durch die Mongolen wurde Tibet dem Weltverkehr erschlossen, durch die Araber der Sudan und Südostafrika. Am schlechtesten war es um die Kenntnisse der Erde im damaligen Europa bestellt. Merkwürdigerweise haben die Reisen von Russen hier gar nichts gewirkt. Gezwungen wanderten russische Herrscher wie Alexander Newski nach Karakorum, um vor dem Großkhan Kotau zu verrichten. Von den Erfahrungen Newskis und so mancher anderer Russen ist nichtsindieOffentlichkeit gedrungen. Der richtige Mann muß am richtigen Orte und zur richtigen Zleit da sein. Epoche machten erst die Reisen Marco Polos.

Im Jahre 1295 kamen drei Männer von wildem Aussehen, in abgetragener, grober Kleidung nach Venedig und verlangten Eintritt indasHaus, das dem Patriziergeschlechte der Polo gehörte. Sie behaupteten, daß sie selbst Marco, Maffio und Nicolo Polo hießen und daß sie vor 24 Jahren über Konstantinopel nach Asien gewandert seien. Ursprünglich glaubte man ihrer Erzählung nicht, zumal sie das Italienische mit fremdartiger Betonung und untermischt mit barbarischen Ausdrücken redeten. Aber sie wiesen die Berechtigung ihrer Aussagen auf eigentümliche Weise nach. Kurze Zeit nach ihrer Rückkehr veranstalteten sie ein Gastmahl, zu dem die zahlreichen Angehörigen der Familie Polo und viele Bekannte geladen waren. Als alle Gäste versammelt waren, erschienen die drei Männer in langen Gewändern von karmesinrotem Atlas, die sie noch vor Beginn der eigentlichen Mahlzeit abwarfen und unter die Dienerschaft verteilten, während sie selbst kostbare Gewänder von rotem Damast anlegten. Diesen Wechsel der Kleidung und das Verschenken kostbarer Gewänder sahen die staunenden Gäste noch mehrmals mit an — bis endlich Marco Polo in ein anstoßendes Zimmer ging, aus dem er mit den drei groben, abgetragenen Anzügen zurückkehrte, in denen sie nach Venedig gekommen waren. Nun wurde im Beisein der Gäste begonnen, die Säume mit Messern aufzutrennen und das Futter zu zerschneiden — und siehe da, es kamen eine Menge der kostbaren Edelsteine, Rubine, Saphire, Diamanten, Smaragde zutage, die mit solchem Geschick in die Kleidung eingenäht waren, daß man nicht ahnen konnte, welche Schätze sie enthielten.

Die drei waren länger als zwei Jahrzehnte im Reiche des Mongolenkaisers in Ostasien gewesen. Für die gefahrvolle Rückkehr nach Europa hatten sie all ihr Besitztum aus Vorsicht in Edelsteine umgewechselt und diese listig den Augen aller Begegnenden verborgen. Natürlich bildeten die drei Polos das interessanteste Gespräch in Venedig und ganz Italien, und als der jüngste von ihnen, Marco Polo, in einem Kriege zwischen Venedig und Genua von den Genuesen gefangen genommen worden war und im Gefängnis sitzen mußte, da wurde er auch hier aufgefordert, von seinen Fahrten durch die fernen und unbekannten Länder Asiens zu erzählen. Bald entschloß er sich sogar, seine Erlebnisse niederzuschreiben.

Diese Aufzeichnungen Marco Polos über seine Reisen in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts gehören zu dem Interessantesten, was die Weltliteratur aufzuweisen hat. In einem getreuen Gedächtnis hatte er eine Menge der wichtigsten Tatsachen aufbewahrt, die ihm über das unermeßliche Reich des Mongolenkhans bekannt geworden waren.

Der Mongolenkhan Temudschin, der 1206 unter dem Namen Dschingiskhan die Oberherrschaft über alle Mongolenstämme erwarb, hatte sterbend seinen Söhnen die Eroberung der Welt befohlen. Diese hatten die Mahnung beherzigt. So erstreckte sich das große Mongolenreich in der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts östlich vom Chinesischen Meer bis westlich an die Grenzen Polens, südlich vom Himalaja bis nördlich in die Niederungen Sibiriens.

Kublaikhan, der 1259 Großkhan wurde, verlegte 1280 seinen Herrschersitz nach China, nahm die Bildung der Chinesen an und suchte sie auch bei seinem durch die fortwährenden Kriege verwilderten Volke einzuführen. Er stellte gelehrte und erfahrene Männer an die Spitze der verschiedenen Verwaltungszweige, förderte Künste und Gewerbe nach chinesischem Muster und bekümmerte sich um alle Vorgänge, die ihm aus den einzelnen Teilen seines Reiches und aus der Fremde berichtet wurden. So gab er auch den Befehl, sobald er von dem Herannahen europäischer Reisender hörte, diese gut aufzunehmen und sicher zu geleiten; und nachdem die drei Polos an seinen Hof gekommen waren, suchte er sie bald in seine Dienste zu ziehen. Ja, als sie nach mehr als zwanzig Jahren den Wunsch äußerten, in ihre Heimat zurückzukehren, war er darüber äußerst ungehalten.

Aber Kublaikhan hielt das Christentum in Ehren und forderte die drei Venezianer, als sie erst ganz kurze Zeit im Lande waren und vorübergehend nach Europa zurückkehren wollten, geradezu auf, ihm vom Papst einige Mönche zu verschaffen, die ihn im Christentum unterweisen könnten. Bei den Streitigkeiten zwischen Christentum, Muhammedanismus und Buddhismus, die er zu schlichten hatte, nahm er sich des Christentums mit größter Hochachtung an. Aus dem übrigen Asien weiß Marco Polo vielfach von christlichen Kirchen und Gemeinden zu erzählen, die erst in den nächsten Jahrhunderten wieder vollständig zugrunde gegangen sind.

Nach Marko Polo ist noch eine ganze Reihe anderer Europäer nach Mittel- und Ostasien gegangen: der Mönch Ascelini, der Franziskaner Carpini, der vlämische Minorit Rubruquis und Monte Corvino. Hiernach, 1406, besuchte der spanische Gesandte Teixera den mongolischen Hof in Persien. Gleichzeitig erlebt der Münchner Schiltperger Abenteuer in Sibirien.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

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