Schlagwort: Otto von Bismarck

Selten ist das Urteil eines Preisgerichtes mit so viel Spannung erwartet worden, als der Entscheid über den Entwurf für das Bismarck-National-Denkmal auf der Elisenhöhe bei Bingerbrück. Durch der Parteien Gunst und Haß war die Angelegenheit vom ersten Tage an verwirrt. Schon gegen die Wahl der Elisenhöhe wandten sich sofort erbitterte Gegner.

Als aber am 22. Januar ds. Js. die Preisrichter auf der Elisenhöhe versammelt waren, um gewissenhaft den Ort selbst zu prüfen, ehe sie die Entwürfe aburteilten, da ging das Urteil dahin: „Der Platz ist hervorragend zur Errichtung eines Denkmals geeignet“.

Hoch genug und frei genug, um nicht durch spätere An-und Umbauten dem Blick entzogen zu werden. Und doch nicht so wolkenhoch, daß nicht ein mäßig großes Bauwerk hier zur vollen Wirkung kommen könnte. Von allen Seiten her bleibt es immer gleich schön sichtbar. Wer aber hinaufsteigt durch den stillen Wald, den mächtigen Rheinstrom zur Seite, mit dem Blick auf Binger Loch, Mäuseturm und Ruine Ehrenfels, wer droben den herrlichen Ausblick auf den weiten Rheingau und weiter den Einblick ins Rhein- und Nahetal genießt, der zweifelt nicht, daß allen künftigen Besuchern der Denkmalstätte hier weihevolle Stunden sich bieten werden. Wer hier ein Denkmal errichten will, muß sich den Forderungen dieser Situation fügen. Mancher Feinfühlige hatte es schon längst ausgesprochen: „Wie schade, daß auch diese Stelle durch ein Denkmal verschandelt werden soll“.

Aber muß denn jegliches Denkmal von Menschenhand die Natur verschimpfieren? Schon steht an jener Stelle ein kleines tempelartiges Gebäude von rund 8 m Höhe, dessen außerordentlich malerische und stimmungsvolle Wirkung einstimmig anerkannt wird. An seine Stelle einen besseren, künstlerisch vollendeten, schön gegliederten Bau zu setzen, der in den Dimensionen nicht wesentlich über das Gegebene hinausgeht, das war nach Meinung vieler die eigentliche Aufgabe, die sich für den Wettbewerb ergab. Dem gegenüber muß festgestellt werden, daß von rund 379 Wettbewerbern nur wenige so gefühlt. Auch läßt der Wortlaut des Preisausschreibens vermuten, daß bei Erlaß desselben dieser Gedankengang nicht vorherrschte. An dieser Stelle, die das Rheintal beherrscht, sahen manche schon im Geiste einen riesigen, den Hügel als Basis der eignen machtvollen Schönheit benutzenden Bau himmelhoch auftrotzen. Freilich — gefordert wird das im Preisausschreiben nicht. Ausdrücklich ward erklärt, daß jede mögliche Lösung den Künstlern freigestellt sei. Einzig die Angabe, daß 1 800 000 Mark als Maximum der Bausumme vorgesehen seien, ließ die Auffassung zu, als müsse diese Summe auch erreicht werden. In Wahrheit hatte der Denkmals-Ausschuß damit nur eine äußerste Grenze ziehen wollen. Und doch haben von den Bewerbern nicht wrenige die Grenze erreicht, manche sogar überschritten. Ein Zeichen dafür, daß unseren heutigen Künstlern vielfach das Gefühl für das „est modus in rebus“ verloren gegangen ist.

Gewaltig ist heute die Enttäuschung weitaus der meisten Wettbewerber, weil die Majorität des Preisgerichtes diesen Standpunkt grundsätzlich verwarf. „Jeder Versuch, durch übermäßige Ausdehnung eine Wirkung zu erzielen, konnte nicht den Beifall der Preisrichter finden“, so lautet das Schlußurteil der Jury.

Eine bittere Erfahrung für viele Bewerber. Aber ist das nicht ein Charakteristikum jedes Wettbewerbes, daß der Künstler dabei nicht dem ausgesprochenen Willen eines bekannten Bauherrn, sondern der ungewissen Meinung einer unbestimmten Mehrheit gegenübersteht? Daraus resultiert dann eine unendliche Freiheit und Mannigfaltigkeit der Lösungen. In diesem Sinne ist natürlich jeder Wettbewerb eine Lotterie, aber eine Lotterie, in der auch der Verlierende gewinnt, wenn er nicht mit vorgefaßten Meinungen und übertriebenen Hoffnungen, sondern mit der Absicht an die Aufgabe herantritt, vor allem seine eigne Kraft zu stählen und aus den Erfolgen der Anderen im Falle der Niederlage zu lernen, bis auch ihm einmal der Sieg winkt. So aufgefaßt ist selbst dieser große Wettbewerb, der unendliche Opfer forcierte, ein Segen für die Künstlerschaft.

Damit soll nicht geleugnet werden, daß manchem diese Opfer bitter schwer geworden sind. Wenn heute von 379 Teilnehmern nur 20 eine materielle Entschädigung erhalten und weitere 21 durch eine lobende Erwähnung einen Trost davon getragen haben, so bleibt dem großen Rest nur eines übrig. Das stolze Bewußtsein, daß sie Zeugnis abgelegt haben für jene ideale Gesinnung, die trotz der unleugbaren materiellen Notlage in unserer Künstlerschaft steckt. Deswegen hat der Kunstausschuß des Bismarckdenkmals es für notwendig gehalten, sämtliche Entwürfe auf längere Zeit im Kunstpalast zu Düsseldorf öffentlich zugänglich zu machen, ehe sie vielleicht wieder in der Stille eines Magazinraumes oder eines Ateliers verschwinden.

Für das Preisgericht war es eine schwere Verantwortung, in wenigen Tagen diese 379 Entwürfe, zum Teil riesige Modelle, zahllose Zeichnungen, Schnitte und Grundrisse auf ihre künstlerische Qualität, wie auf ihre praktische Verwendbarkeit zu prüfen! Welche Verantwortung, insbesondere angesichts der Tatsache, daß schon vor Beginn der Sitzungen in Schrift und Druck den Preisrichtern Voreingenommenheit und allerhand unlautere Absichten vorgeworfen waren. Merkwürdigerweise haben gerade die Künstler, zu deren Gunsten die Juroren beschuldigt wurden, gar keine oder nur ganz nebensächliche Preise erhalten. Aber vergebens warten wir darauf, daß jene ungerechten Ankläger nun reuig und öffentlich Abbitte tun.

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