Schlagwort: Pädagogik

Erziehung ohne Prügelstrafe bei heroischen Völkern. — Aelteste Strafe, Kastration als älteste Strafe — Von der Beschneidung — Kastratäonskomplex und Straffälligkeit. — Angst — Schuldgefühl — Ambivalenz. — Zwang als Bedingung der Kultur-Zivilisation. — Erziehung durch Dressur als Schutz vor Gefahren. — Sexuelle Wirkung der Körperstrafe — Trotzphase — Das Wesen der Unart. — Unart der Eltern. — Michael Kohlhaas. — Was Rosegger erzählt — Vom strafenden Erzieher. — Reaktionen auf das Zusehen beim Strafen. — Der Intellekt als Helfer beim Fortschritt der Menschheit.

Nach Mitteilungen von Brakens zählt ein Ethnologe zweiunddreissig Naturvölker auf, deren Kinder ohne Prügel erzogen werden. Sie weisen ausgezeichnete Erziehungsresultate auf. Wohl sind die Erziehungsziele jener Völker andere wie unsere, aber charakterlich können sie sich ausgezeichnet mit den Kulturmenschen messen. Die grönländischen Eskimos hängen, wie durch Nansen erwiesen, mit einer besonderen Liebe an ihren Kindern, sie halten jede Züchtigung für unmenschlich. Auch das harte Wort ist verpönt. Nansen erzählt:

«Obwohl ich in vielen Eskimohäusern der Westküste verkehrt habe, ist mir nur ein einziges Mal eine ungezogene Eskimorange begegnet, und das war in einer mehr europäischen als grönländischen Familie. Wenn die Kinder grösser und verständiger waren, genügte stets eine freundliche Aufforderung seitens des Vaters oder seitens der Mutter, damit sie unterliessen, wozu sie keine Erlaubnis hatten. Nie habe ich Eskimokinder, sei es im Haus oder im Freien, sich erzürnen, schimpfen oder gar schlagen sehen. Ich habe ihnen oft beim Spielen zugeschaut, auch oft genug mit ihnen Fussball (ein eigenes, von ihnen selbst erfundenes, dem englischen Football ähnliches Spiel) gespielt, und dabei haben, wie bekannt, Knaben oft genug Grund zum Zanken: aber nie sah ich einen heftig werden, ja, ich sah nicht einmal ein unfreundliches Gesicht. Wie könnte das in Europa Vorkommen?»

Auf ihre Erziehungsmethoden gehen wir später noch ein. Auch von einzelnen Indianerstämmen wissen wir ähnliches. Bei den Melanesiern mit mutterrechtlicher Organisation schildert Malinowsky, dass Kinder zurückhaltend und vorsichtig erzogen werden, die Prügelstrafe Spielt keine Rolle.

Nicht wenige Völker, bei denen die Körperstrafe verpönt ist, haben aber andere, ältere Erziehungseinrichtungen oder hygienische Massnahmen gewaltsamer Natur, vor allem jene Urstrafe der Menschheit, die Kastration und deren Abschwächung in der sakralen Beschneidung als Weihezeremonie. Andere Pubertätsriten sind als sühnender und reinigender Akt auf der Seite der Jugend aufzufassen und als feindselige Aktion der Stammesväter gegen die heranwachsenden Söhne, deren unbewusste In-zestgelüste vorbeugend geschwächt und gebändigt werden sollen. Die Straffunktion der echten Kastration ist deutlich sichtbar bei den Skopzen in Russland, die in sakraler Angst vor ihren eigenen Trieben sich vorbeugend bestrafen. Die Ambivalenz der menschlichen Natur erklärt, dass die Beschneidung zum — oft unbewussten — Strafmittel wird und dadurch im Bewusstsein Anlass zu einer grossartigen Hebung des Ichge-fiihls gibt. Aber auch ihre Unterlassung kann ein Strafmittel stärkster Wirkung werden. Bryk berichtet über eine Mitteilung eines Forschers:

«Der Ritus der Beschneidung wird von der Seite der Xosa-Kaffern und Fingos als eine der wichtigsten in ihrem Leben angesehen, der auf ihre soziale Stellung von grösstem Einfluss und von weitgehender Tragweite und Bedeutung ist. Wer sich nicht beschneiden lässt, wird sein ganzes Leben lang als Knabe angesehen und nicht nur von Männern, sondern auch von den Mädchen verlacht und verspottet, er wird gewissermassen als Zivil-Toter betrachtet und geht aller Ehren verlustig, darf keiner Versammlung beiwohnen, man nimmt keinen Rat von ihm an — lauter Nachteile und Strafen, die für einen Kaffer einfach ganz entsetzlich und furchtbar sind. Endlich kann ein Unbeschnittener nicht heiraten.»

Diese und zahlreiche Beobachtungen lassen verstehen, dass der in der heutigen Psychologie bedeutsame Begriff «Kastrationskomplex» (Freud) auch erzieherisch wichtig ist. Die Straffälligkeit von Kindern wird durch schwere Bedrohungen, man schneide ihnen einen Körperteil ab, wenn sie irgend eine Unart nicht unterlassen, zu einer schweren Angstreaktion und Verletzung der normalen Ich- und Gewissensstruktur gesteigert. Das uralte Erbgut der Menschheit, die Sexualangst, wird überstark und verhindert die normale Wirkung der Erziehungsmittel. Homburger, einer der erfahrensten Heilpädagogen, sah unter dieser Schädigung oft das abnorme Anwachsen eines krankhaften Interesses für den eigenen Körper und die verfrühte Ausprägung sexueller Triebhaftigkeit in den ersten Kinderjahren.

Die Erziehung konnte oder könnte wenigstens auf die Prügelstrafe verzichten, wenn in der betreffenden sozialen Gemeinschaft die wichtigsten Einrichtungen und Einstellungen durch Glaube und Gesinnung Aller gesichert erscheinen. Vorher wurde und wird überall durch Gewaltmassnahmen künstlich — oder besser, entsprechend der Menschennatur, natürlich — Angst erzeugt, um den Einzelnen nach den Gesetzen seines Stammes (Standes, Volkes, Staates) zu erziehen und den Stamm (usw.) zur Wahrung seiner Gesetze.

Die Ambivalenz des Kindes bringt es mit sich, dass der Erwachsene meint, von zweien die eine Neigung, die ihm nicht passt, autoritativ unterdrücken zu sollen. Dies gelingt recht gut durch Strafe und durch Angst, unter deren Einfluss eben das Kind sich zu einem «brav gemachten Wilden» entwickelt. Wo aber solche Angsterregungen als Motive wirken, entsteht beim Kinde zwanghaftes Ausweichen in der einen Richtung und zwanghaftes Festhalten an der anderen, der Wille ist innerlich zerrissen und unsicher, aber äusserlich fest. Da das Kind mancherlei Schuldgefühle in sich trägt, so passt es sich der strafenden Erziehung so leicht an, dass es auch, wenn später eine möglichst wenig autoritative Erziehung einsetzt, die alten Schuldgefühle weiter stark spürt und sich, ohne zu wissen weshalb, nach der Erziehung unter Strafe und nach autoritativer Gewalt zurücksehnt. Die autoritative Erziehung gleicht in manchem der Dressur des wilden Tieres. Sie muss einen gewissen Grad von Schreckhaftigkeit beim Kinde pflegen.

Strafen und Erziehen

Lieber die drastischen Erziehungsmittel, die die Eingebornen in manchen Distrikten des französischen Kongogebietes gegenüber ihren Kindern anzuwenden pflegen, macht die „Biblio-théque Universelle et Revue Suisse“, wie wir der „Usambara-Post“ entnehmen, einige interessante Mitteilungen. Die Erziehungsmethode der Neger ist dort eine wahre Pädagogik der Tat, Worte oder Schläge werden kaum angewandt: man bedient sich anderer Mittel, um den jungen Gemütern einzuschärfen, was sie unterlassen sollen. Wenn ein kleines Kind z. B. entgegen dem ausdrücklichen Verbot der Eltern doch zum Fluss hinabschleicht, um zu spielen, so kommt es nicht zu Vorwürfen; behutsam schleicht die Mutter dem Kleinen nach, und ohne ein Wort zu sagen, stösst sie ihn in die Wellen und drückt den Kopf des ungehorsamen Sprösslings solange unter das Wasser, bis das Kind nahe daran ist, zu ersticken. Dann zieht sie den Kleinen heraus und erläutert ihm, wie diese Gefahr zu ersticken immer lauernd im Flusse liege und dass Kinder darum nie allein zum Flusse gehen dürfen, da nicht immer die Mutter gerade hinzukommt, den Ertrinkenden zu retten. Wenn ein Kind in der Hütte gekochte Bananen nascht, die bei den Eingebornen als der höchste Leckerbissen gelten, so macht sich die Mutter ohne ein Wort der Erklärung ans Werk, dem kleinen Feinschmecker einen Riesentopf gekochten Bananenbreies zuzubereiten. Dann stellt sie den ganzen Topf dem Kinde hin und fordert es auf, nach Herzenslust zu essen. Der Kleine lässt sich das gewöhnlich nicht zweimal sagen, behaglich schmunzelnd beginnt er das Mahl; aber schliesslich kommt der Augenblick, wo sein Appetit gestillt ist und er aufhören will zu essen. Aber nun besteht die Mutter darauf, dass der Kleine weiter esse. Dabei gibt es keine Nachsicht und keine Gnade. Wenn der Junge nicht mehr kann, setzt die energische Nachhilfe der Mutter ein und dieser pädagogische Schmaus endet erst dann, wenn die Eltern sehen, dass die Ueberfütterung gefährlich wird. Aber auf diese Art wird den Kindern klar, dass das Naschen seine Schattenseiten haben kann. Ist das Kind sehr weinerlicher Natur und vergiesst ohne Grund Tränen, so geht die Mutter in den Wald und sammelt einen gehörigen Busch eines Krautes, das unserer Brenncssel verwandt ist. Dann reibt sie den Körper des kleinen Melancholikers energisch ein und erklärt ihm dann ganz ruhig: „Also nun weine los, jetzt hast du wenigstens einen Grund dazu.“

Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“

Kolonie und Heimat