Schlagwort: PAOLO VERONESE

Geboren zu Verona 1528, Gestorben zu Venedig 1588.
Venetianische Schule

Jede Sprache, jeder Dialekt hat eine eigene Klangfarbe, und nur das, was ihrem Charakter ganz entspricht, sind wohlklingende Laute. In Florenz verlangen wir unbedingt nach Strenge und Ernst, da, wo die schweren Paläste, besser gesagt Kastelle, in der Stadt auf wilde Kämpfe vergangener Zeiten zurückweisen. Aber die schaumgeborene Venezia ist nun einmal nicht zum Ernst zu stimmen. Weisse, bunte Marmorpaläste und ein lichtes Meer, alles in gleichem Ebenmass dahinflutend. Einst allein von dem schlanken Kampanile überragt, der in seinem zarten Rosastein nur mehr wie eine gehisste Flagge dastand. Unendliche Schätze und mit ihnen heitere, frohe Lebenslust hatten vom Orient her die Wellen des Meeres herangeflutet. Die Kunst Venedigs will und soll nur heiter sein. Und so erscheint Tintoretto wie ein verlassener, einsamer Titan. Sein wildes, düsteres Streben macht uns trotz aller Grossartigkeit der Auffassung nur schaudern, es ergreift uns nicht. Schätze suchte er im tiefen Versenken in das Wesen der Kunst zu finden, während Reichtümcr vor ihm auf der Erde ausgebreitet waren. Paolo Veronese war es, der diese Pracht und Schönheit des Lebens zur Zeit der Blüte Venedigs fest hielt. Das hell schillernde Dasein schildert er ohne viele Bedenken und weiss das vorhandene mit feinstem Geschmack zu ordnen. In einfachem, von jeder Konstruktion entferntem Aufbau gruppieren sich seine Figuren zu einander, allein in der künstlerischen Absicht einer lichten, klaren Gesamtwirkung. Ja auf unserem Bilde ist die herrliche Gruppe der Europa, bedient von den Frauen, um jeder Kompliziertheit vorzubeugen, fast rcliefartig entwickelt. Dahinter steht, ebenso gleichmässig flach, das dunkle Gebüsch, wodurch der Eindruck der Ruhe und Geschlossenheit noch erhöht wird. Heiteres Licht und Tiefe bringt der Ausblick in die Ferne, der enteilenden Europa nach zum Meere. Ohne grosse Skrupel betreffs Realistik schiebt er als kräftige Gegenkulisse den schief gestellten Baum von rechts her vor, so dass im Gegensatz zu diesen Schattenpartien im Vordergrund der Duft des über die hellen Figuren hinweg zum weiten Meere sich verlierenden Lichtes um so zarter erscheint. Freilich ist auch die Hauptgruppe in ein Meer lichter, durchsichtiger Farben getaucht. Wie ein Strauss zarter, vom Licht durchstrahlter Blumen vor einem dunkleren Vorhang hebt sich die Gruppe ab. Mit spielender Leichtigkeit gehen die starken Bewegungen der Figuren in ein weiches Wogen von Linien über, die bald in erhobenen oder gesenkten Armen, bald in bauschigen Falten reicher Gewänder stärker betont sind. Gewiss, in der Bewegung steckt Tizian, in jener Luftperspektive Tintoretto, aber die entzückend leichte Grazie, in der sich alles natürlich, wie von selbst ergibt, ist die ganze Eigenart des Paolo Veronese. Er hat jene Errungenschaften streitender Geister als festen Bestand übernommen. All diese Schönheiten sind ihm ein Selbstverständliches, und man verschenkt leicht ererbtes Gut. Diese absolute Anspruchslosigkeit erhöht gerade gegenüber dem prätentiösen Tintoretto den Reiz. Hierin hat Paolo Veronese mit Raffael so viel gemein, dass man ihn den Raffael Venedigs nennen könnte. Bei beiden das gleiche Verlangen nach Schönheit; beide mühen sich nicht ab mit theoretischen Problemen, beide übernehmen die Errungenschaften anderer und ordnen sie in eigenem, feinem Geschmack, und beide stehen am Schluss einer hohen Kunst, dort Florenz, hier Venedig, beide eigentlich nicht Eingeborene dieser Stätten, denn jener kam von Urbino, dieser von Verona.

PAOLO VERONESE 1528-1588

Kasseler Galerie

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Gezeigte Kunstgemälde in der Galerie

1. HYACINTHE RIGAUD, König August III. als Kurprinz
2. ALBRECHT DÜRER, Christus am Kreuz
3. TIZIAN, Der Zinsgroschen
4. RAFFAEL, Die Sixtinische Madonna
5. FERDINAND BOL, Jakobs Traum
6. ADRIAEN VAN DER WERFF, Verstoßung der Hagar
7. SALOMON KÖNINCK, Der Eremit
6. JAN VAN DER MEER VAN DELFT, Die lesende Frau
9. CARLO DOLCI, Die heilige Cäcilie
10.KASPAR NETSCHER, Gesang mit Klavierbegleitung
11. GERARD DOU, Der Geiger
12. REMBRANDT VAN RIJN, Selbstbildnis mit seiner Frau Saskia
13. JAN DAVIDSZ DE HEEM, Das große Stilleben mit dem Vogelnest
14. GABRIEL METSU, Der Geflügelverkäufer
15. REMBRANDT VAN RIJN, Die lachende Saskia
16. ADRIAEN VAN OSTADE, Der Meister in seiner Werkstatt
17. DER MEISTER DES TODES DER MARIA, Die große Anbetung der Könige
18. JUSEPE DE RIBERA, Die heilige Agnes
19. GUIDO RENI, Christuskopf mit der Dornenkrone
20. LORENZO LOTTO, Maria mit dem Kinde und Johannes
21. FRANCISCO DE ZURBAR AN, Bonaventuras Gebet während einer Papstwahl
22. RAPHAEL MENGS, Amor
23. REMBRANDT VAN RIJN, Bildnis eines bärtigen Alten
24. BARTOLOME ESTEBAN MURILLO, Maria mit dem Kinde
25. HANS HOLBEIN DER JÜNGERE, Bildnis des Morette
26. JEAN ETIENNE LIOTARD, Das Schokoladenmädchen
27. ANTON GRAFF, Selbstbildnis in ganzer Gestalt
28. ANGELICA KAUFFMANN, Weibliches Bildnis als Vestalin
29. ANTONIO ALLEGRI DA CORREGGIO, Die Madonna des h. Franziskus
30. JAN VAN EYCK, Ein Flügelaltärchen
31. ANTONIUS VAN DYCK, Die Kinder Karls L
32. JACOB VAN RUISDAEL, Die Jagd
33. CLAUDE LORRAIN, Landschaft mit der Flucht nach Ägypten
34. ANTOINE WATTEAU, Gesellige Unterhaltung im Freien
35. PAOLO VERONESE, Die Hochzeit zu Kana
36. MEINDERT HOBBEMA, Landschaft mit Mühle
37. PETER PAUL RUBENS, Merkur und Argus
38. CIMA DA CONEGLIANO, Mariä Tempelgang
39. JAN WEENIX, Das große Stillleben mit dem toten Hasen
40. PALMA VECCHIO, Jakob und Rahel
41. JAN WILDENS, Winterlandschaft mit einem Jäger
42. MICHELANGELO CARAVAGGIO, Die Falschspieler
43. POMPEO BAtONI, Die büßende Magdalena
44. FRANCESCO FRANCIA, Die Anbetung der Könige
45. JAN VAN DER MEER VAN HAARLEM, Blick von den Dünen
46. DAVID TENIERS DER ÄLTERE, Im Dorfe
47. WILLEM KLAASZ HEDA, Ein Frühstückstisch
48. ADRIAEN BROUWER, Bauernschlägerei beim Kartenspiel
49. JAN FY , Hund, Zwerg und Knabe
50. CHRISTIAN LEBERECHT VOGEL, Zwei fürstliche Knaben

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

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Die Hochzeit zu Kana


Einst bildete diese farbenstrahlende Leinwand zusammen mit drei anderen grossen Breitbildern: der Madonna mit der Familie Cuccina, einer Anbetung der Könige und einer Kreuztragung (diese ist in der Hauptsache Werkstattarbeit) den Schmuck des Palastes Cuccina in Venedig, die ganze Folge kam 1645 in die Sammlung des Herzogs von Modena und mit dieser 1746 in die Dresdner Galerie. — Was den Gegenstand unseres Bildes betrifft, so hatte man in Italien im fünfzehnten Jahrhundert zur Wanddekoration der klösterlichen Speisesäle oft das Abendmahl des Herrn verwendet, im sechzehnten hörte das allmählich auf, und an Werken bedeutender Maler besitzen wir noch von Andrea del Sarto und von Tintoretto Abendmahlsdarstellungen. Dafür verbreiteten lieh nun von Venedig aus über Oberitalien die weltlicher gestimmten Gastmähler des Simon oder des Levi, die Hochzeitsfeier zu Kana und, wenn man intimere Wirkungen geben wollte, das Beisammensein in Emmaus, und alle diese haben sich in mehrfachen Darstellungen von der Hand Paolos erhalten, der darin der grösste Meister geworden ist. Wie bei dem Abendmahl des Herrn jedermann an Leonardo da Vinci erinnert wird, so ist Paolo Veronese der Gastmahlsmaler par excellence geworden. Da konnte sich seine Freude an heiterem Lebensgenuss und festlichem Glanz, an Musik und der strahlenden Pracht farbiger Gewänder und kostbaren Tafelgeräts ergehen; das zu keiner Zeit gross gewesene geistige Bedürfnis der vornehmen venezianischen Gesellschaft und das Niveau ihrer Unterhaltung bezeichnen jetzt die Zwerge und Mohrenknaben, die teilnehmen dürfen, und die mit anwesenden Hunde, Katzen und Affen. Als Wandbilder, die Fresken ersetzen sollen, sind diese Gemälde dekorativ gehalten, das heisst flächenmässig mit in die Breite gezogener Komposition ohne starke perspektivische Verschiebungen und ohne tiefe Hintergründe, wie denn auch Paolos herrliche Architekturen gewöhnlich nur leicht angelegt sind. Sein Christus ist immer unbedeutend, die andern Figuren haben ihre zufällige Modell Wahrheit, daneben aber werden noch bestimmte Menschen der Gegenwart als volle Persönlichkeiten eingeführt. Auf der grossartigeren und auch viel grösseren „Hochzeit zu Kana*‘ im Louvre, die für einen Klosterspeisesaal in Venedig gemalt war, finden wir unter den Gasten fürstliche Personen der Zeit und als Musikanten die Künstlerschaft Venedigs mit dem damals (1563) noch lebenden Tizian an der Spitze. Unser Dresdener Bild lässt uns Glieder der Familie Cuccina leicht an ihrer hervortretenöen Haltung erkennen: zunächst den stattlichen Herrn im orangegelben Kleid mit dem Schalenglas in der ausgestreckten Hand und die alte Dame im Lehnstuhl neben ihm, dann den jüngeren Mann hinter ihm, der das Glas kostend an die Lippen setzt, endlich die vom Rücken gesehene junge Frau im weissseidenen Kleide ganz links, die ihr Gesicht zu uns umwendet, Diese Mittel der Belebung geben Paolos Kunst ihre Frische, das Ungezwungene und Natürliche ihrer nicht tief gegründeten, aber immer gefälligen und anziehenden Erscheinung.

Aus dem Buch “Album der Dresdner Galerie” von 1904.

Dresdner Galerie PAOLO VERONESE 1528-1588