Schlagwort: Phönizier

Kann man die Geschichtlichkeit der Sintflut beweisen? Soweit ein vorgeschichtliches Naturereignis mit den Methoden und Ergebnissen einer Ausgrabung bewiesen werden kann, ist es geschehen. Leonard Woolley, der Ausgräber von Ur am unteren Euphrat, hat durch die Feststellung einer 2,5 m starken Tonschicht, die in beträchtlicher Tiefe die Kulturschichten unterbrach, eine Flutkatastrophe von einzigartiger Mächtigkeit einwandfrei nachgewiesen. Daß diese Flut mit der biblischen Sintflut identisch ist, kann kaum ernstem Zweifel unterliegen. Die Überlieferung einer solchen Flut ist ja nicht biblisch, sondern sumerisch und wurde im babylonischen Gilgamesch-Epos dichterisch verarbeitet, wo Utnapischti seinem, das ewige Leben suchenden Urenkel Gilgamesch die Geschichte seiner Errettung von der Flut erzählt, und zwar in fast völliger Übereinstimmung mit der späteren biblischen Fassung. Wenn wir die heutige Entfernung von Ur vom Persischen Golf in Betracht ziehen, erscheint die Möglichkeit einer großen Flut, die ohne Mitwirkung der See undenkbar ist, freilich fabulos. Wenn wir jedoch den unablässigen Landzuwachs des babylonischen Alluvialgebietes in Betracht ziehen und erfahren, daß das Meer um 400 n. d. Zw. noch bis Kuma reichte, wo heute Euphrat und Tigris sich vereinigen, und daß um 2000 v. d. Zw. die beiden Ströme noch weit voneinander getrennt in den Golf mündeten, dann erscheint Ur ganz nahe an die Meeresküste herangerückt und mußte natürlich in eine Flutkatastrophe mit einbezogen werden.

Das Tal des Euphrat war damals noch ein Sumpf, aus dem immer mehr Inseln trockenen Alluvialbodens auftauchten, der mit seiner überwältigenden Fruchtbarkeit die an harte Feldarbeit auf dem unwirtlichen Boden des nahen arabischen Plateaus oder des mittleren Euphrattals gewohnten Bauern magnetisch anzog. Die alljährlichen Überschwemmungen, die das Land weithin in eine einzige Wasserfläche verwandelten, zwangen die Siedler mehr als irgendwo anders auf Erden zum Zusammenschluß in Städten, die im Laufe der Jahrhunderte, da Schlammziegelhütten kurzlebig sind und grundsätzlich von jeder Generation erneuert zu werden pflegen, immer höher über das Alluvialland emporwuchsen, die sich aber von ihrer Gründung an durch drei bis fünf Meter starke Rohziegelmauern vor dem Hochwasser schützen konnten. Daraus erklärt sich, daß Ur und andere Städte des Schwemmlandes sogar die Große Flut überlebten.

Asien

Erster Abschnitt

Betrachtet man den heutigen gewaltigen Ausbau der wissenschaftlichen Chemie mit ihren unübersehbaren Seitendisziplinen, so muß man sich sagen, daß diese kolossale Geistesarbeit nicht erst seit dem 18. Jahrhundert entstanden sein kann, sondern daß schon vor dieser Zeit große chemische Forscherarbeit geleistet sein mußte. Vornehmlich sind es alte griechische Erinnerungen, die uns bei einer Betrachtimg dieses Kapitels den Stoff geben. Bezüglich der Quellen sind wir zum Teil auf Gräberfunde, zum Teil auf einzelne Stellen alter Autoren angewiesen.

Von letzteren kämen hauptsächlich in Betracht: Theophrastos 371—286 v. Chr., ein Schüler des Plato und des Aristoteles; von ihm ist uns ein Werk über Mineralien erhalten; dann von den späteren: der Grieche Dioskorides (Mitte des 1. Jahrhunderts n. Ohr.) und der Römer Cajus Plinius Secundus (der ältere Plinius), welcher 23 n. Chr. geboren wurde und beim Ausbruche des Vesuvs zu Pompeji im Jahre 79 umkam. Aristoteles kommt hier weniger in Erwähnung, und wir werden im zweiten Teile ausführlich auf ihn zurückkommen. Sehr wichtig ist vor allem das Sammelwerk des Plinius, die große „naturalis historia“, weil uns dieselbe einen ziemlichen Überblick über die antike Naturkenntnis gestattet; leider aber wissen wir gar oft Benennungen nicht zu deuten, weil ihr Sinn sich geändert hat, und geraten hierdurch in mannigfache Zweifel. Von den in der Natur vorkommenden Rohstoffen sind die Metalle am frühesten genauer bekannt geworden.

Bevor wir uns jedoch mit der „naturalis historia“ befassen, möchten wir in großen Zügen einiges über die Kenntnisse der alten Völker vorausschicken.

Die Zeitalter der Chemie

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Ein Weltreich hat nie genug. Es ist immer unersättlich nach neuem Land. So gelüstete auch die Perser nach weiterem Gebietserwerb. Die Königin-Mutter in Susa soll gesagt haben, sie möchte gern frische Feigen aus Hellas kosten. Der unermeßliche Staat der Achämeniden hatte also doch noch nicht alles, was er brauchte. Er wollte aber am liebsten alles für die Bedürfnisse seiner Bewohner selbst erzeugen. Mithin ein Beweggrund, der auch noch unsere heutigen Weltstaaten zum Handel antreibt. Den ersten Versuch zu einer Einverleibung der Griechen machte der zweite Nachfolger des Kurusch, Darjawusch oder Darius. Seinen Versuch setzte der Sohn Khwachschatra oder Xerxes fort.

Früher hat man immer dazu geneigt, das Alter der Völker zu übertreiben und ihre Anfänge möglichst hoch hinaufzuschrauben. Es wird kaum nötig sein, die ersten greifbaren Taten der Griechen vor 1000 anzusetzen. Selbst die Einfälle nach Ägypten, die um 1200 stattfanden, sind insofern zweifelhaft, als eben nicht sicher ist, ob wirklich hellenische Stämme dabei beteiligt waren. Und der gleichzeitige trojanische Krieg wurde ja von Leuten geführt, die keine Hellenen waren. Ihr Gehaben und ihre Sprechweise wurde eben nur von Homer so umgemodelt, wie später die Leiden Christi in deutsches Gewand gekleidet wurden und wie seine Apostel als deutsche mutige Ritter erschienen. Die große Wanderung der Hellenen, durch die sie ihre Heimat gewannen, hat wie gesagt wohl erst nach 1000 eingesetzt, das heißt aber noch lange nidit, daß jetzt eine echte Überlieferung beginnt. Nein, im Gegenteil! Noch Jahrhunderte hindurch ist alles sagenhaft verbrämt. Lykurgos, dem man die spartanische Gesetzgebung zuschrieb, ist nur ein Mythos; er hat nie gelebt. Neuerdings wird das Gleiche von dem Athener Solon behauptet; auch er sei nur der Abglanz des Ordnung und Gesetze stiftenden Lichtgottes gewesen, während sein unmittelbarer Vorgänger Drakon, „Drache“, eine Verkörperung der Dunkelheit und des bösen Prinzipes sei. Eine richtige athenische Geschichte beginnt jedenfalls erst im sechsten Jahrhundert. Etwas früher regen sich die Hellenen in Kleinasien. Dort tritt schon im siebenten Jahrhundert eine ausgedehnte griechische Siedlertätigkeit an den Ufern Kleinasiens in die Erscheinung. Als äußerste Stadt im Nordosten wird Trapezunt, im Südosten wird Cypern kolonisiert. Man wird sich die Sache so vorstellen dürfen, daß ursprünglich die Hellenen von den Donaugegenden kamen, und daß sie in getrennten Haufen, die jedoch in lockerer Verbindung miteinander standen, von Norden her sich ebensowohl nach Kleinasien wie nach der Balkanhalbinsel ergossen. In der Hauptsache beschränkten sie sich zunächst auf die Küsten, ähnlich wie dies die Malajen und die Phönizier auch getan haben. In erster Linie waren die Griechen ein See- und Küstenvolk. Ziemlich stark haben zur Bildung des griechischen Volkstums die Illyrier beigetragen. Aus der Sprache der Albaner, der heutigen Nachfahren der Illyrier, können so manche griechische Namen und Wörter erklärt werden. So ist Thetis, eine Meermaid, die Mutter des Achilles, im albanischen „See“. In der Folge wurden aber doch mehrere Griechenstämme binnenländisch und wurden der See entfremdet, genau so wie die Holländer in Südafrika die Schiffahrt völlig verlernten. Die Führung der Binnenstämme übernahm Sparta, die Führung der Seestämme Athen. Mit dieser Trennung war notwendig eine Sonderung der Charaktere verknüpft. Die Binnenländer waren konservativ, hart und rauh, Verächter feinerer Sitte, derb und gradaus und im ganzen rückständig. Die Leute an der Küste und auf den Inseln waren leichterer Art, jedem Fortschritt und höherer Bildung geneigt; ihr Blick umspannte die damals bekannteWelt; andererseits waren sie flüchtig, leicht wechselnd und unzuverlässig. Einen anderen Gegensatz bedingte die Mischung mit den verschiedenen Urstämmen, die von den hellenischen Eroberern schon im Besitz getroffen wurden. Die älteren Besitzer wurden durchweg versklavt und hatten hinfort als Hörige das Land zu bebauen und den Herren zu frohnen. In Kreta nannte man diese Leibeigenen Mnoia, in Sparta Heloten, in Thessalien Penesten, in Makedonien Kmeten und Manier. Überall aber, auch in Athen, gab es Unfreie; gerade auf Grund der Ungleichheit baute sich das ganze Staatswesen auf. Zu niederst standen die Haussklaven; etwas besser waren die Landhörigen daran, da sie doch wenigstens an der Scholle hafteten und nicht von ihr vertrieben werden konnten. Wieder höher waren in Athen die naturalisierten Fremden, die Periöken; und auf diesem Untergründe erst erhob sich der seinerseits wiederum abgestufte Bau des Freistaates, an dem die eigentlichen Bürger teil hatten. In Athen richtete sich der Rang der Freien nach ihrem Vermögen. Es war also ein richtiger Klassenstaat. Auch war eine regelrechte Besteuerung, wir dürfen heute sagen, nach progressiven Grundsätzen eingeführt. Die Reichen mußten gehörig bluten; sie hatten im Ernstfälle ein ganzes Kriegsschiff aus eigenen Mitteln zu stellen und auszurüsten. Ein solches Schiff kostete damals noch nicht 40—60 Millionen wie heute, dafür waren aber auch die Mittel, namentlich die flüssigen, viel spärlicher als heute. Wie anders aber sah das Bild in Sparta aus! Dort legte man auf Besitzabstufung nur wenig Wert. Es herrschte sogar ein gewisser Kommunismus, von dem nicht einmal die Frauen ganz unberührt blieben. Als Verkehrsmittel war nur plumpes Eisengeld da. Von einer Besteuerung war kaum die Rede. Vorerst, solange man in reiner Naturalwirtschaft lebte, brauchte man überhaupt kein Geld; darnach aber, als solches für weitausschauende Feldzüge und sonstige Dinge notwendig wurde, da trachtete man darnach, das nötige Metall von den anderen, von den Bundesgenossen und Unterworfenen einzutreiben.

Seitdem siebenten Jahrhundert waren Großreiche im Osten der indogermanischen Welt im Entstehen: in Indien das Reich der

Nanda, in Persien das der Achämeniden, in Lydien das der Mermnaden. Der Westen war dagegen noch auf lange hinaus in kleine und kleinste Herrschaften zersplittert. Nun machte sich allmählich das Übergewicht des Ostens geltend. Ein fühlbarer Drude wurde namentlich von den Lydern ausgeübt. Die Könige der Lyder bis hinab auf Krösus schoben und drückten nach Westen und drohten schon, die Griechen ganz in die See zu werfen. Die meisten Griechenstädte an der Küste unterwarfen sich, einige aber wichen dem Stoße aus und suchten eine neue Heimat jenseits der Salzflut. Milet und Phocaea gründeten Pflanzstädte bis zu den Nordküsten des Schwarzen Meeres, bis nach Südfrankreich, wo Massalia, das heutige Marseille, besiedelt wurde, und bis Südspanien. Andere Griechenstädte, meist dorischen Stammes, wie Rhodos und Halikarnassos, entsandten Siedler nach Italien und Sizilien, wo sie sich mit dorischen Verwandten aus dem Peloponnes vereinigten. Im Osten gerieten die Großreiche miteinander in Streit: Persien, das neuauflebende Babylon und Lydien. Während so die starken Ostmächte beschäftigt waren, konnten sich ein Jahrhundert lang die Griechen unbesorgt ausdehnen. Ihre Kolonien blühten auf, und griechisch wurde der Handel an fast allen Küsten des mittelländischen Meeres. Sehr bald jedoch nahten neue Gegner. Im Westen hatten sich die Karthager, Söhne der Phönizier, in Nordafrika und die Etrusker in Italien zu beträchtlicher Macht emporgeschwungen. Sie vereinigten sich jetzt zu gemeinsamem Vorgehen und drohten, dem jungen Griechen-pflänzlein im Westbecken den Garaus zu machen. Es kam zu einer großen Seeschlacht in den Gewässern von Korsika, 534. Die Griechen wurden geschlagen und mußten hiernach vielfach vor den unwiderstehlich vorrückenden Karthagern und den bis nach Spanien ausgreifenden Etruskern zurückweichen.

Die Etrusker waren von Kleinasien und der Krim gekommen, wahrscheinlich zugleich zu Wasser und zu Lande. Sie gehörten jener großen Kasrasse an, zu der die meisten vorarischen Völker in ganz Europa zu rechnen sind. Ihre nächsten Verwandten waren die Rhätier, die sich von dem nördlichen Pobecken bis nach der oberen Donau und zum Bodensee hin dehnten. Andere Verwandte waren die Veneter, die ebenfalls aus Kleinasien her wanderten und die der Landschaft Venetien und der Stadt Venedig, sowie der Stadt Vindobona, dem heutigen Wien, den Namen gaben. Weiters waren die Ligurer verwandt, die von dem Apennin bis zum Liger, der heutigen Loire, und wahrscheinlich bis in die britischen Inseln hinein saßen, endlich die Iberer, die von der unteren Rhone und der Garonne bis nach Südspanien wohnten, Sardinien und Korsika besetzten und zeitweilig auch Striche in Italien und Sizilien inne hatten. Alle diese Völker sind Vettern der heutigen Tscherkessen und Georgier; die einzigen Reste von ihnen im Abendland sind die Basken. Die Weststämme der Kasgruppe errichteten zwei Reiche von Belang, die Turdetaner in Mittelspanien und die Etrusker in ganz Italien. Die Etrusker waren ein untersetzter, zur Wohlbeleibtheit neigender Schlag. Sie waren von starker Sinnlichkeit. Durch starke Burgen hielten sie die unterworfene Bevölkerung im Gehorsam. Ihr Götterglaube war düster und unheimlich. Sie hatten eine Anschauung aus dem Osten mitgebracht, derzufolge die Welt zwölf Jahrtausende dauern werde. Ihre Kunst, wie auch ihr Alphabet war zumeist den griechischen Mustern entlehnt. Ihre Staatsverfassung war oligarchisch. Von rund 600 bis 480 reichte das Gebot der Etrusker von den Alpen bis an die Südspitze Italiens. Auch die arischen Völker mußten ihnen gehorchen. Wann die Italer in die Apenninhalbinsel eingewandert seien, ist völlig unsicher. Möglicherweise seit 800. Seit dem sechsten Jahrhundert floß noch eine dritte Völkerwelle nach Italien, nämlich die keltische. Von einer Gegend aus, die etwa an der mittleren Donau zu suchen ist, ergossen sich die Kelten nach allen Himmelsrichtungen zugleich. Sie besiedelten einen großen Teil von Deutschland, wohl bis zur oberen Elbe und bis fast zur Lippe hinauf; sie eroberten Gallien, die Niederlande und einen Teil der britischen Inseln; sie breiteten sich in der Po-Ebene aus und in Portugal. Um 380 gelangten sie bis nach Mittelitalien und trugen nicht wenig dazu bei, die Macht der Etrusker zu brechen. Zugleich wurde von Süden her, nämlich durch die Griechen, die Kraft der Etrusker unterhöhlt.

Vorläufig aber waren die Griechen noch in großer Bedrängnis. Sie standen in Gefahr, im Westen von Etruskern und Karthagern zerrieben zu werden. Im Osten aber schwoll die dunkle Sturmwolke immer bedrohlicher an und rückte über die griechischen Inseln bis nach Hellas vor. Unter Xerxes eroberten die Perser Athen. Dergestalt waren die Hellenen in drangvoller Enge, und es war nicht ausgeschlossen, daß sie, jetzt schon, wie das tatsächlich erst nach 300 Jahren geschah, sämtlich unter ein Fremdjoch sich beugen mußten.

Bei der Beurteilung der Griechen muß man genau so verfahren, wie bei dem Urteil über die Juden. Man darf nicht glauben, daß die Naturanlage, daß die Grundstimmung, der Charakter der Völker sich im Laufe der Jahrhunderte wesentlich ändere. Nur insofern ist ein Wechsel erkennbar, als einmal die eine Eigenschaft schärfer hervortritt und dann eine andere, die vorher mehr oder weniger verborgen war. Die Griechen des Miltiades und Themistokles sind nicht anders als die Griechen von heute. Schon damals übereifrige Partikularisten, ewige Neider und Nörgler, die nur immer Fehler an ihrem Nächstenmenschen auszusetzen hatten, ohne in der Regel selbst es besser machen zu können oder auch nur den Versuch dazu zu wagen. Von der Masse des griechischen Volkes gibt es einen treffenden Spruch, der dem Gesetzgeber Solon zugeschrieben wird.

Handelt ihr einzeln, so geht ein Jeder auf Spuren des Fuchses.

Sieht man euch alle gesamt: Gleich wird ein Dummkopf daraus. In ihrer großen Masse schwatzen und schreiben auch noch heute die Neugriechen Tag und Nacht über Politik; woran es aber fehlt, das ist die tatkräftige Organisation, ist die Stetigkeit, ist die Verläßlichkeit. Und wie war es im Altertum ? „Griechische Treue“ war berüchtigt, war geradezu für Treulosigkeit gang und gäbe. Dagegen haben die Griechen sowohl im Altertum als auch in der neuesten Zeit immer ein Glück besessen, nämlich eine reiche Saat von hervorragenden Talenten und daher auch einen erklecklichen Bestand von politischen Genies. Eine zeitlang wurden denn so die Hellenen durch ihre weitblickenden und tatkräftigen Staatsmänner aus dem politischen Elend herausgerissen und auf die Höhe von Glanz und Macht emporgeführt, aber eben doch nur eine zeitlang! Immerhin genügte auch eine kurze Spanne, um sofort eine herrliche Blüte der Kunst und des Schrifttums emporsprossen zu lassen. Der geniale Mann des Augenblicks war im Jahre 480 Themistokles. Vorausahnenden Geistes hatte er schon lange vor dem Einbruch des Xerxes seine Athener dazu bestimmt, eine Flotte zu bauen. Das war folgendermaßen zugegangen. Ähnlich wie das fränkische Städtchen Klingenberg einen kostbaren Steinbruch besitzt, der soviel abwirft, daß die Bürger gar keine Steuern zu zahlen brauchen, sondern im Gegenteil jährlich etwas heraus bezahlt bekommen, so besaß der athenische Staat ein Silberbergwerk an der Südostspitze Attikas, zu Laurion, ein Werk, das in jedem Jahre eine erfreuliche Rente den athenischen Bürgern abwarf. Nun beantragte Themistokles, manfsolle diese Rente, statt sie wie bisher zu verteilen, zum Anbau von Kriegsschiffen verwenden. Man kann sich leicht vorstellen, daß ein nicht geringer Teil der Bürgerschaft ob solchem Ansinnen in Aufregung und Wut geriet. Wie? die Bürger sollten der schönen Einnahmequelle verlustig gehen? Man sollte sich eine unnütze Flotte auf den Hals laden, von der man gar nicht wisse, ob sie nicht noch zur Unterhaltung mehr Geld verschlingen werde, als der Bau gekostet? Die Perser dächten gar nicht daran, nachdem sie sich schon einmal bei Marathon durch Miltiades (490) blutige Köpfe geholt, nach dem waffenstarrenden Attika zurückzukehren. Es sei mehr als zweifelhaft, ob die kostspielige Flotte überhaupt je etwas zu tun haben werde. Man konnte und kann derartige Redensarten auch heute noch bei uns hören. Dabei gehen solche Worte nicht selten aus dem Munde von sehr achtbaren Leuten, namentlich von binnenländischen Grundbesitzern. Es ist das bei uns und war das in Athen ein tüchtiger, höchst ehrenwerter Schlag, der fest und treu bei den alten Sitten beharrte und der nur mit lebhaftem Mißvergnügen auf das Treiben der neuerungssüchtigen Windhunde, des Themistokles und seiner Genossen, bei uns des Admirals Tirpitz und derer, die ihn in seinen „uferlosen Flottenplänen“ bestärken — herabsah. Es war und ist einfach der Gegensatz zwischen den Landinteressen und den Handelsinteressen, der Gegensatz zwischen dem alten konservativen Elemente und der ins Weite strebenden Partei, die mit den Forderungen der neuen Zeit geht. Man kann es den Verehrern des Alten nicht so sehr verübeln, wenn sie sich nicht ohne weiters von der stürmischen Jugend mit fortreißen lassen. Was aber stets den Ausschlag gibt, im Athen des Themistokles, wie heute bei uns, das ist die Gefahr. Die Gefahr von außen! Die Anderen rüsten und drohen und da bleibt gar keine Wahl: auch der Bedrohte muß der Forderung des Augenblicks genügen, auch er muß rüsten. Der Einbruch des Xerxes lehrte, daß Themistokles richtig gesehen. Vom Festlande waren die Athener schon ganz vertrieben und sie mußten schmerzerfüllten Auges mit ansehen, wie ihre schöne Stadt eine Beute der Perser und zuletzt ein Raub der Flammen wurde: Die Heimat der Athener war hinfort nur noch auf der Flotte. In der Meerenge von Salamis, die nur wenige Kilometer breit ist, errang dann die Flotte einen glänzenden Sieg gegen die Schiffe der Perser. Die unmittelbare Folge davon war, daß das persische Landheer sich aus Athen zurückzog. Nun faßten auch die übrigen Griechen Mut, die Spartaner, die Argiver und die Böotier und fügten den abziehenden Persern beträchtliche Verluste zu.

Die Freiheit Griechenlands war gerettet. Gegenwärtig denkt man zwar anders über diese Freiheit wie noch vor hundert, wie noch vor 30 Jahren. Die Ordnung des persischen Staatswesens, die Großzügigkeit, die sich auf jedem Gebiete im Achämeniden-reiche kund tat, und die Wirkung so mancher hervorragender Charaktereigenschaften der Perser hätten den Zeitgenossen von Salamis gar nichts geschadet. Selbst in der Kunst und Religion hätten sie bedeutsame Anregungen erfahren können. Ich will hier nur eins erwähnen, was noch heute den persischen Künstler vor allen anderen auszeichnet. Er schafft ein jedes Werk nur ein einziges Mal. Er glaubte sich selbst erniedrigt, wenn er es noch einmal wiederholte; wenn er gewissermaßen zum Handwerker, zum Fabrikanten hinabsänke. Und mit der Reinheit des Zarathustrischen Gottesbegriffes konnten die Vorstellungen der Hellenen wie sie bis damals waren, nur schwer wetteifern. Endlich wird man auch militärisch den Sieg der Hellenen nicht allzu hoch anschlagen dürfen. Die Perser waren sehr weit von ihrer Basis entfernt; sie operierten in einem Lande, das selbst nur wenig Hilfsmittel bot und wohin der Nachschub aus der fernen Heimat recht schwierig war. Genug jedoch, die Unabhängigkeit ist einem Volke immer das höchste Gut und muß es sein. Durch kluge und kühneTat hatteThemistokles den Griechen ihre Unabhängigkeit gerettet. Auch ist offensichtlich, daß durch den großen Sieg die Tätigkeit der Hellenen auf sämtlichen Gebieten des Lebens einen bedeutsamen Anstoß erhielt. Im übrigen dauerten die Perserkriege noch fort. Erst mit der Schlacht, die der Athener Kimon an der Küste Cyperns 441 gewann, trat für einige Zeit Ruhe ein. Schon vor dem Aufhören dieser Kriege zog ein Blütezeitalter für die hellenische Kultur herauf. Das Drama kam auf seine Höhe. Aischylos, der ernste, tiefsinnige Dichter, ist in seiner Wucht und seiner sprechenden Kürze niemals übertroffen worden. Unsterbliches leistete in der Bildhauerei und Baukunst Phidias, in der Baukunst Kratinos und Aktinos. Freilich war Phidias nicht der Erste. Die jüngsten Jahre haben uns Ausgrabungen auf der Akropolis gebracht, durch die uns erst das ganze Werden des Phidias deutlich wird. Wunderbare Frauengestalten, die, obwohl vom Knöchel bis an den Hals verhüllt, doch eine meisterhafte Behandlung des Fleisches offenbaren, Frauen von herber Keuschheit und doch innigem Reize bieten sich unseren entzückten Augen. Gegen sie stellt Phidias, der bisher als ein Vertreter des strengen Stiles galt, bereits eine Lockerung der Form dar.

Die Geschicke des Staates leitete jetzt nich tmehr Themistokles. Die Athener, wie so manche andere Griechen, hatten vor nichts mehr Angst, als davor, daß ein hervorragender Mitbürger sich zum Herrn über Alle emporschwänge. Ob eine solche Herrschaft ihnen geschadet oder genutzt hätte — einerlei: Sie wollten sie nicht haben und zogen es daher vor, selbst die verdientesten Männer, wenn ihr wachsender Einfluß bedrohlich schien, hinaus in die Verbannung zu senden. Man spricht daher von dem entsetzlichen Undank der Athener. Themistokles war ein Typus des Staatsmannes, wie ihn in der Gegenwart Paul Krüger, der Transvaalpräsident bot. Er konnte kaum lesen und schreiben und hatte keineswegs, was wir wissenschaftliche Bildung nennen. Dafür hatte er einen scharfen Blick und einen gesunden Menschenverstand. Und außerdem Geistesgegenwart. Diese Eigenschaften sind mehr wert als Kenntnisse, die zum Abiturientenexamen befähigen. Durch das „Scherbengericht“ verbannt, begab sich Themistokles zu seinen Feinden, zu den Persern, die ihn denn — was ihrer Gesinnung ein rühmliches Zeugnis ausstellt — ehrenvoll aufnahmen und ihn einem Edelmanne gleich bis an sein Lebensende hielten.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Zugleich mit den Indogermanen und Chinesen tauchen jüngere Semitenstämme auf: die Phönizier, die Minäer, die Juden und die Karthager. Auch von ihnen gilt das, was die Arier durchgemacht haben, nämlich, daß sie von der Wucht älterer Kulturen starke Einwirkungen erlitten. Die Gesetze des alten Testamentes erinnern vielfach an das Gesetz Hammurabis. Bei dem Zug Abrahams mit Amraphel wird eine ältere östliche Chronik im alten Testamente benutzt. Durch die Mischung mit den kasischen Ureinwohnern Kanaans, ein Vorgang, den ja die Propheten so bitter beklagen, wurde auch eine Mischung jüdischer Eigenart und der angestammten Kulturbegriffe mit den Vorstellungen und Sitten der vorsemitischen Rasse angebahnt. Wenn Salomon den Göttern seine vielen Frauen opfert, so ist das ein Fall, der nicht nur im Königshaus, sondern auch im ganzen Volke häufig gewesen sein muß. Die Juden errichteten seit 1100 eine eigene Herrschaft. Diese ging in ihren Grenzen jedoch selten über die Ausdehnung des heutigen Badens oder Hessens hinaus. Unter Salomon um 950 setzte eine rege Kolonialtätigkeit ein. Goldminen wurden in Südafrika,südlich vomSambesi ausgebeutet, und wahrscheinlich wurde schon damals der ganze schwarze Erdteil von phönizischen Schiffen umsegelt. Die jüdische Überlieferung sprach von Ophir oder in der alten Form Sofira; das ist wahrscheinlich die Sofala, und die Goldmine war wohl das heutige Zimbabwe, wo noch gewaltige Ruinen von ehemaliger Schürftätigkeit künden, und die Nachbarschaft bis zum Sambesi hin. In unseren Tagen hat Karl Peters bewußt und nicht ohne Erfolg an die salomonischen Versuche angeknüpft und hat ebenfalls beträchtliches Gold in der Nähe von Ophir dem Erdboden entrissen.

Der Besitz ist immer von allergrößter Wichtigkeit gewesen. Reich sein und mächtig sein, war in der Regel gleichbedeutend. Gerade auch bei einfachen Verhältnissen, etwa bei schweifenden Viehzüchtern sinkt sofort der Einfluß eines Häuptlings, wenn er durch irgendeinen Unglücksfall, sei es durch Seuche oder feindlichen Angriff, sein Vieh verloren hat. Nicht minder ist von uralters an der Handel und Bergbau dazu benützt worden, um die Stellung der Mächtigen zu befestigen. Bei heutigen Negerstämmen hat nicht selten der Oberhäuptling das Alleinrecht, Handel zu treiben, und nicht minder verfügt er unumschränkt über die Metallschätze seines Gebietes. Heutzutage beruht die Macht eines Staates ganz wesentlich auf der Fülle von Mineralien, die sein Boden enthält. Gold und Eisen und Kohle sind die Grundlagen für die Macht Englands und Amerikas, Kohle und Eisen ebenso für die des deutschen Reiches. Genau so war es auch im Altertum. Schon um 3000 hören wir, daß die Pharaonen sich um das Kupfer des Sinai und die mesopotamischen Großkönige um das Kupfer Cyperns bemühten. Von dem Namen dieser Insel hat ja das rote Metall überhaupt seine Bezeichnung. Bereits im fünften Jahrtausend aber hat ein belangreicher Mittelmeerhandel bestanden. Die Haupthandelsstraßen zu Lande gingen einmal von dem mittleren Nil nach der Mündung des Flusses und von dem Ufer des persischen Golfes nach Syrien oder aber nach Trapezunt am Schwarzen Meere. Die Vorzugsstellung Mesopotamiens ist ganz wesentlich darin begründet, daß es ein Durchgangsland für den Handel von Südasien nach dem Abendlande war. Doch hat schon in grauer Vorzeit ein Verkehr auch auf nördlicheren Wegen bestanden, die von dem Kaukasus nach Mittel- und Ostasien und von Südrußland nach der Ostsee führten. So will man herausgebracht haben, daß schon im dritten Jahrtausend das ostasiatische Gewerbe, durch den nördlichen Uberlandweg vermittelt, von westlichen Formen beeinflußt war, und man kann als sicher annehmen, daß im zweiten Jahrtausend abendländiche Topf formen nicht nur bis Ostasien, sondern sogar bis Alaska und Kalifornien gelangten. Auch die See wurde sehr früh befahren. Wir wissen das durch die verschiedenen ägyptischen Schiffsmodelle, die uns erhalten sind, und durch Keilschriften, die uns von Seefahrten in grauer Vorzeit berichten. Uber die einzelnen Seewege können wir jedoch Genaues nur wenig in Erfahrung bringen. Höchstens daß eine Schiffsverbindung zwischen den Mündungen des Euphrat und Tigris mit Ostarabien und ferner eine zwischen Ägypten und den „Inseln im Norden“ bestand. Als Inseln konnten sehr wohl, wie ich im Anfang dieses Werkes dargetan habe, auch Halbinseln, z. B. Kleinasien verstanden werden. Im dritten Jahrtausend erlebte die Schiffahrt einen merklichen Aufschwung. Die Ägypter befuhren mit Erfolg die Ufer des Roten Meeres und gelangten vielleicht bis über das Osthorn Afrikas hinaus, bis nach Somaliland. Hierbei scheint es aber ein ganzes Jahrtausend sein Bewenden gehabt zu haben. Erst die Phönizier brachten hierin neuerdings Wandel. Sie trieben nicht nur festländischen Handel bis nach Indien und Mittelasien hinein, sowie bis zur Bernsteinküste, die an der Ostsee lag, sondern sie dehnten auch die Schiffahrt um mehr als das Doppelte aus. Sie gelangten als die ersten unter den Seevölkern nach dem Westbecken (des Mittelmeeres und nach den Gestaden des Schwarzen Meeres; sie durchfuhren die Straße von Gibraltar und kreuzten bis nach der Bretagne hinauf; hier nämlich ist das Land zu suchen, wo die Phönizier das Zinn holten; sie erreichten endlich fern im Süden, wie oben erwähnt wurde, die Sofala, überschritten also — zum erstenmal in der Weltgeschichte — den Wendekreis des Steinbocks. Die Blütezeit der Phönizier war von rund 1200—800. Ihr Hauptmangel war das Fehlen eines Hinterlandes, auf dem sich ihre Volkskraft hätte entwickeln können. Aus diesem Grunde ist es auch nicht gerechtfertigt, wie man es so oft getan hat, die Phönizier durchaus mit den Engländern zu vergleichen. Denn die Engländer haben sicherlich ein starkes Volkstum. Dafür entschädigten sich die Phönizier in der Weise, daß sie einen weiträumigen Kolonialbesitz erwarben und dort in der Ferne, in Nordafrika und Spanien, hinreichend Boden und Luft und Licht für jede nur gewünschte Ausbreitung hatten. Zwar bildeten die Phönizier alle die Jahrhunderte hindurch nur eine dünne Oberschicht, dennoch ist es ihnen anscheinend gelungen, ihre Sprache und Art auch bei den rassefremden Berbern zur maßgebenden zu erheben. Darin ist sicher eine Ähnlichkeit mit den Engländern zu finden und nicht minder in der Gepflogenheit, auch zahlreiche Mitglieder anderer Völker, der Juden und der kasischen Kiliker zur gemeinsamen Kolonisationsarbeit mit heranzuziehen: Genau so bedienen sich die Engländer der Deutschen und der Iren, die ihnen bei der Kolonisation helfen. Noch enger wird die Ähnlichkeit, wenn man die Neigung der Phönizier zu überseeischem Handel und zur Ausbeute von Bergwerken in Betracht zieht. Als Nerv der Dinge betrachteten auch die Phönizier das Geld und suchten zu dem Ende möglichst viel Metalle, Kupfer und Silber und Zinn zu gewinnen. Das lieferte ihnen die Mittel für ihr Großgewerbe und zugleich für die Kriege, die sie zumeist mit Hilfe fremder Söldner führten.

Der Handelsgeist, den die Phönizier betätigten, war auch ihren Nachbarn, den Juden, angeboren. Man kann niemals zu einem Verständnis des Judentums gelangen, wenn man seine Taten in der vorchristlichen Zeit von denen in der nachchristlichen Zeit scheiden, wenn man nicht einsehen will, daß die Juden vor dreitausend Jahren nicht anders waren, als sie heute noch sind. Wer das verkennt, der kommt entweder zu einer Uber- oder Unterschätzung der jüdischen Eigenschaften. Ohne Zweifel haben sie stets ein hervorragendes Talent für Organisation besessen. Aus irgendeinem rätselhaften Grunde aber hat dieses Talent für staatliche Dinge versagt. Die selbständige Herrschaft des ohnehin nicht sehr ausgedehnten Judenreiches hatte kaum ein Jahrhundert gewährt, als das Reich schon auseinanderbrach; und als zwei weitere Jahrhunderte ins Land gegangen waren, da begann die Unterwerfung durch andere Völker, ein Zustand, in dem die Juden so ziemlich bis heute verharrt sind. In der Beziehung sind sie den Iren sehr ähnlich und auch den Polen, die es ebenfalls nie zu eigenen Staatsbildungen von Belang gebracht haben, die aber unter fremder Flagge, in Nordamerika und Sibirien sich als besonders tüchtige Organisatoren bewähren.

Die Uneinigkeit der Juden, die heutigen Tages sich zu einem Gegensatz zwischen West- und Ostjuden zugespitzt hat, ist ebenfalls schon seit den Anfängen vorhanden gewesen. Nicht minder die Abneigung gegen Fremde, die sogenannten Gojjim oder Göj, verknüpft mit dem eifrigen Bestreben, die Fremden zu gewinnen oder gar sich selbst ihnen anzuähnlichen. Gerade dieser widerspruchsvolle Zug wird sich vermutlich am ehesten aus Göj erklären.

Wir haben vorhin gesehen, daß die semitischen Juden sich mit kasischen Ureinwohnern Kanaans innig verbanden; dazu sind, wahrscheinlich schon seit dem vierzehnten Jahrhundert vor Christi, indogermanische Elemente gekommen, und selbst afrikanische sind nicht ganz ausgeschlossen. So kommt es, daß auf der einen Seite ein Verständnis und eine rege Empfänglichkeit für den Geist der Fremden besteht, während auf der anderen Seite die eifernde Ausschließlichkeit der Semiten doch auch ihr Recht behaupten will. Die Überlieferungen der Juden, wie sie in dem alten Testamente niedergelegt sind, verhüllen nichts und beschönigen keine Schwächen; sie künden von so manchem unangenehmen und wenig ehrenvollen .Zuge des eigenen Volkstums. Was dagegen den Stil dieser Überlieferungen auszeichnet und was ihnen bis in die Gegenwart eine unübertroffene Wirksamkeit gewährleistet hat, das ist die plastische Lebendigkeit, mit der Dinge und Personen angefaßt werden. Übertrieben zwar, in einseitiger Beleuchtung, aber dennoch mit zwingender Wucht.

Das Persönliche ist schon früher in die Weltgeschichte getreten.

Wenn wir auch von Hammurabi nicht wissen, ob er selbst sein Rechtsbuch verfaßt oder ob er nicht, wie wahrscheinlicher, bloß seine Hof juristen dazu befohlen hat, so besitzen wir doch verschiedene Briefe von ihm an seine Verwaltungsbeamten. Auch diese mögen von seinen Schreibern ausgedacht sein, aber schließlich gilt doch der alte Spruch: Wie derHerr, so die Diener. Und man gewinnt entschieden von Hammurabi den Eindruck eines weisen, besonnenen und maßvoll schaltenden Herrschers. Allein schon vor ihm ist das Persönliche in der Geschichte wahrnehmbar. Ich denke dabei vorzüglich an die lebenswahren, man könnte sogar sagen: naturalistischen Porträtbüsten, die wir von sumerischen Königen und altägyptischen Staatsbeamten besitzen. Nur leider wissen wir sonst gar nichts von den Urbildern jener Porträte, wissen gar nicht, was sie gesagt und getan haben, und wissen nicht einmal immer den Namen des Betreffenden. Ein bestimmter, mit Gewißheit nachweisbarer Zusammenhang zwischen Porträtbüsten und Standbildern mit geschichtlichen Persönlichkeiten, über deren Leben wir ausreichend durch Inschriften unterrichtet sind, hebt erst nach 1500 an, mit der ägyptischen Dynastie der Tuthmosiden und Ramseniden. Namentlich von Ramses II., dessen Mumie mit einem sehr ausgesprochenen, sicherlich porträtähnlichen Gesichte das Louvre in Paris aufbewahrt, kennen wir die Ansichten, Sprüche und Handlungen ziemlich genau. Von hier bis zu den Charakterschilderungen des alten Testamentes ist aber doch ein großer, gar nicht leicht zurückzulegender Schritt. Mit welch dramatischer Frische muten uns die Schilderungen von Saul, David und Salomon an, wenn auch noch so manche Züge dabei sagenhaft sein mögen! Auch ist in diesen Charakterbildern zum erstenmal eine richtige Verkettung von Verdienst und Glück, von Schuld und Sühne.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen

Männer; Völker und Zeiten