Schlagwort: Plato und Aristoteles

Der lyrische Zeitgeist.

Nun aber beginnt erst das eigentliche Hauptproblem: ist diese gefundene Deutung der Naturphilosophie aus der Mystik oder doch aus der Einheit mit der Mystik anwendbar auf die Antike, speziell die vorsokratische, also auf die erste klassische Periode der Naturphilosophie, also auf ihre eigentliche Entstehung? Gilt für sie die Parallele mit den beiden anderen Hauptepochen der Naturphilosophie ? Zunächst gibt sich die eine, die Renaissance ja ausdrücklich als Erneuerung der Antike. Man hat hier bei der Antike Plato und Aristoteles zu beherrschend in den Vordergrund geschoben. Ich glaube, die Zeit war diesen gerade am wenigsten verwandt. Dilthey hat in seinen bedeutsamen Aufsätzen über Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahrhundert (Archiv f. Gresch. d. Philos. IV f.) auf tiefliegende, stoische (und daneben epikureische) Einflüsse hingewiesen. Man sollte nun auch die Erneuerungen der Vorsokratiker (auf die ja Stoa und Epikur selber zurückweisen) untersuchen. Wie viele allein wollen damals dem Pythagoras und seiner symbolischen Zahlenweisheit folgen: Gemistos Plethon und Marsilius Ficinus, Reuchlin und Agrippa, Patritius und Campanella. der ein Lehrgedicht über pythagoreische Philosophie schreibt, und viele andere blicken auf ihn zurück. Wichtiger noch ist, dass Kopernikus sein Weltsystem ausdrücklich als eine Erneuerung des pythagoreischen findet, wie es als solche auch von der Kirche verdammt wurde und wie andrerseits Bruno und Kepler die pythagoreische Astronomie preisen. Die italienische Naturphilosophie erhebt sich in Grossgriechenland wie eine Auferstehung der dort begrabenen Vorsokratiker. Telesius darf von Bacon der Wiederhersteller des Parmenides genannt werden, den ausser ihm sich schon Plethon und noch Bruno zum Vorbild nehmen. Bruno überhaupt fühlt sich stolz als Geistesgenosse seiner eleatischen Landsleute und des Empedokles. Campanella beginnt eine Wiederherstellung des Empedokles, und sein Freund Naudee rühmt von ihm, dass er im Vaterland des Parmenides, Philolaos und Zenon geboren ihnen auch an Charakter geglichen habe. Und endlich hat man jetzt beachtet, wie weit sich Galilei mit Demokrit berührt, den er über Aristoteles stellt.

Diese Andeutungen mögen genügen, aber sie genügen eine bewusste Beziehung, doch nicht eine so weitgehende Parallele zu erweisen, dass man skrupellos weiter folgern dürfte. Zweifellos beweist die Erneuerung der Antike irgend eine Seelengemeinschaft mit ihr. Zweifellos andrerseits bestehen tiefliegende Unterschiede, die alle Vergleiche zwischen Antike und Neuzeit gefährlich machen; aber darum auf Vergleichung verzichten heisst auf Erkenntnis verzichten; wir verstehen die Antike, nicht indem wir sie citieren, sondern indem wir sie übersetzen. Die Unterschiede hebe man warnend heraus, wo es auf sie ankommt. Es fehlt, wie gesagt, der Kultur und speziell der Wissenschaft der Griechen der starke praktische, technische Zug der Neuzeit. Doch dieser Zug hat eben, da er nicht auf Einheit und Unendlichkeit der Natur, nicht zur kosmischen Auffassung führt, die Naturphilosophie nicht geschaffen, auch nicht die der Neuzeit; er hat nur nachher die mechanistische Auffassung geschärft, während die erwachende Naturphilosophie vitalistisch ist. Das praktische England steht in der Naturphilosophie der Renaissance weit zurück hinter dem künstlerischen Italien und dem religiös beschaulichen Deutschland, und doch hat schon Jahrhunderte bevor der grosse Bacon die Naturerkenntnis mechanistisch auf das praktische Prinzip der Erfindung begründete, sein Landsmann Roger Bacon von grossen Schiffen geträumt, die ein Mann lenkt und rasch bewegt, von Flugwerkzeugen und Automobilen. Auch hier also ist der Wunsch der Vater des Gedankens, der Traum und Trieb der Vorläufer der Erfahrung und Erkenntnis.

Nicht der praktisch-technische, aber andere Mängel der hellenischen Geisteskultur drohen jene Parallele zu verbieten, weil es gerade Mängel sind, die die mystische Erklärung der Naturphilosophie auszuschliessen scheinen. Mystik ist religiöser Subjektivismus. Aber gerade an religiöser Kraft steht ja die klassische Antike weit zurück wie hinter dem Orient so hinter den Zeitaltern Böhmes und Schellings, und gerade das subjektive Bewusstsein erscheint in der Antike so schwach entwickelt, dass der philosophische Subjektivismus so ziemlich die einzige moderne Richtung ist, die keine antike Parallele hat, wie es ja auch den Griechen an einer wirklichen Benennung und Wertung des Gefühls (gegenüber den objektiven und niederen ) fehlt. Und nun soll gerade eine Kombination dessen, was der Antike mehr oder minder fehlt, sie zur Schaffung der Naturphilosophie befähigen? Durch die beiden Faktoren der Mystik, den subjektiven und den religiösen d. h. aus der gleichzeitigen Betonung von Seele und Gott steigt das Bewusstsein der Natur auf, — so zeigte es sich und alle anderen Erklärungen versagten. Es bleibt nur übrig noch einmal das Verhältnis des griechischen Geistes zu diesen beiden Faktoren der Mystik zu prüfen.

Das subjektive Bewusstsein zunächst ist ja gewiss nicht die Stärke des Orients (wenigstens des im griechischen Horizont stehenden) — sind nun nicht demgegenüber die Griechen das Volk der Selbständigkeit und Selbsterkenntnis, der vielen Persönlichkeiten, des hochgesteigerten Individualismus ? Aber individuell und subjektiv fallen ja nicht zusammen; selbständig, eigenartig heisst noch nicht gefühlsmässig. Der griechische Individualismus war ja der Entwicklung mancher Gefühle wie der sozialen nicht eben günstig. Und doch die schwellende Subjektivität weckt Individualität, und sie kann wiederum nicht schwellen ohne Anlage zur Individualität. Es muss in Griechenland eine Epoche gegeben haben, da beide einig waren, da die Individualität subjektiv erwachte, da der Selbständigkeitsdrang noch nicht kritisch gegen die Gefühle wurde, da er subjektiv, gefühlsmässig sich aussprach — und eine solche, kurz gesagt, lyrische Epoche des griechischen Geistes hat es ja gegeben und gerade in dieser seiner subjektivsten Epoche schuf er die Naturphilosophie.

Es scheint ein sonderbar zeitliches Zusammentreffen, die Blüte der Lyrik und das Erwachen der Naturphilosophie, — wir wissen jetzt von den Parallelen, dass es nicht zufällig, sondern tief begründet ist und sehen eine Bestätigung in diesem Zusammentreffen. Wer sind denn die Erwecker des Natursinns in der Neuzeit? Der lyrischste Geist der Renaissance, Petrarca, die mystische Lyrik eines Suso und andere Naturlyriker, dann im achtzehnten Jahrhundert Haller, der Lyriker und Naturphilosoph, und sein Schweizer Landsmann Rousseau, der Philosoph des „Herzens“, und endlich wird ja der Urlyriker Goethe Naturforscher grossen Stils. Epiker, Dramatiker, Didaktiker leben in historischen, höfischen und städtischen, kurz sozialen Welten; der Lyriker fühlt sich allein mit der Natur; sie ist ihm das Nächste als Stoff, Bild, Echo. Die poetische Feier der Natur ist ja an sich schon lyrisch, und das Früblingslied ist wohl so alt und ursprünglich wie die Poesie überhaupt. Lyrik gab es immer und überall, aber es gab vielleicht nie ein Volk, das eine so ausgesprochene lyrische Epoche hatte wie Hellas im 7. und 6. Jahrhundert. Wie dieses Volk alle geschichtlichen Formen reiner zeigt, so ja auch die Folge des epischen, des lyrischen und des dramatischen Zeitalters. Damals nun schwollen die Gefühle, drängten zur Aussprache und daran — so darf man sagen — erwachte die griechische Seele, erwachte die nur griechische Fülle der Individualitäten. Die Lyrik ward zur bewussten Kunstform, die, wie sie ja weit beweglicher und formreicher ist als das Epos, in tausend echt griechischen Agonen die Persönlichkeiten in ihrer Eigenart und ihrem Können hervor-und emportrieb und immer schärfer und bewusster ausprägte.

Je schärfer und bewusster sie wurden, um so kritischer. In der Lyrik zuerst spricht sich das Selbstbewusstsein aus, in ihr zuerst wird die Welt, das Leben als das grosse andere zum Ich gefühlt, gewertet, erfasst. So lange das Ich sich des Lebens freut, einig ist mit der Welt, bleibt das Gefühl in seiner natürlichen Einheit und bei seiner rein lyrischen Aussprache. Das Dissonanzgefühl aber treibt über sich selbst hinaas zar Reflexion. Leidet das Ich an der Welt, dann stellt es sich die Welt gegenüber, das Gefühl zersetzt sich, wird kritische Vorstellung. Die klagende Lyrik ist werdende Philosophie, der Pessimismus zersetzte Lyrik: Wie die Lyrik die Poesie, so ist der Pessimismus die Philosophie der Jünglingsjahre, auch der des griechischen Volkes (vgl. über das Dichterische und Jugendliche der Pessimisten meine Philosophenwege S. 202 f.) Die griechische Lyrik, die sich so bedeutsam als Elegie entwickelt, zeigt früh schon in einem auffallend pessimistischen Zuge den Drang zur Reflexion. Den bekannten immer wiederkehrenden lauten Klagen der griechischen Lyriker über die Vergänglichkeit der Lebensblüte liegen Vergleiche mit der Natur nahe genug (vgl. als neu sich bietendes Beispiel die Naturparallele des ja auch pessimistischen Bakchylides III 87), und es spricht darin jenes intensive Lebensgefühl und jener erweckte Sinn für die Macht der Wandlung, die für die Naturphilosophie der Renaissance sich so grundlegend zeigten. Dm Naturgefühl, das der Naturerkenntnis vorangeht, kommt zuerst gerade in der Lyrik zum bewussten lauten Ausdruck. Vgl. das Bekannte hierüber bei Bergk, Griech. Literaturgeschichte II, 109 f.: „Dass es den Griechen an Sinn und Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur nicht fehlt, beweisen gerade die noch erhaltenen Überreste der lyrischen Dichter. Allerdings ist die Naturschilderung niemals Selbstzweck, auch sind ausgeführte Beschreibungen der landschaftlichen Umgebung nicht gerade häufig; man begnügt sich mit wenigen aber sprechenden Zügen, und meist wird das Naturbild vorgeführt als Abbild der Stimmung des Gemüts“. Also ähnlich wie bei Petrarca. Wir greifen hier bei den Griechen eben jenes Gefühl einer Einheit von Seele und Natur, das sich als Hauptmotiv der Renaissancephilosophie ergab.

„Die Naturschilderung ist der Punkt, von dem aus das lyrische Gefühl sich weiter verbreitet“ —

Bergk verweist auf die Alkäusfragmente 34. 89. 45. als Beispiele —

„Es drängt den Dichter, das innige Naturgefühl, das er empfindet, kund zu geben.“

Und mitten in diesem Zeitalter der von Naturgefühl geschwellten Lyrik entsteht nun die Naturphilosophie. Und wie die Lyrik zur Naturbetrachtung hinlenkt, so trägt andrerseits die Naturphilosophie starke lyrische Züge und Spuren an sich. Zunächst tritt diese Naturphilosophie ja z. T. in poetischer Form auf, und wenn wir ihren Ursprung und Charakter nicht nach ihrem Ausläufer Demokrit beurteilen und nicht nach den nur indirekt oder in dürftigen Fragmenten bekannten Denkern beurteilen, so gibt sie sich in weitem Masse als Poesie. Es wird niemand die Versdichtung des Xenophanes, Pannen i des, Empedokles, von denen wir neben Heraklit gerade die meisten Bruchstücke haben, für zu-zufallig, für leere Form halten. Xenophanes, von dem ja die beiden anderen abhängig, istRhapsode, und es ist doch nicht gleichgültig, dass dieser erste griechische Philosoph, der in grösseren Fragmenten zn uns spricht, der weithin nachwirkende Vater einer Hanptrichtnng der „Naturphilosophie“, die Poesie von Berufswegen pflegt und seine Weisheit vorbringt im Bewusstsein der Konkurrenz mit anderen Dichtern. Man sage nicht, die dichtenden Naturphilosophen seien ja Epiker. Abgesehen davon, dass gerade Xenophanes ja auch Lyrik (lleyefas xal idfxßov?Laert. Diog. IX 18) gibt, macht doch der Hexameter nicht das Poetische. Die ionischen Naturphilosophen schreiben nicht in Versen, und doch ist die Prosa des Heraklit poetischer noch als die Poesie des Parmenides. Woher diese Unzerstörbarkeit des Poetischen auch in der verslosen Sprache? Episches, Dramatisches, Didaktisches lassen sich ganz in die Prosa des Erzählens, Darstellens, Lehrens auflösen, Lyrisches nicht. Dort ist ein selbständiger Stoff, ein objektiver Inhalt, der sich in seiner poetischen Form vom Dichter selbst ablösen lässt, hier in der Lyrik aber ist gerade das Verhältnis des Dichters zum Stoff, das Verhältnis des Subjektes zum Objekt, des Ich zur Welt das Wesentliche. Aber eben dies gilt ja auch für den Naturphilosophen. Welchen Eindruck ihm die Welt macht, wie sie ihm erscheint, und was sie ihm bedeutet, das sagt der Lyriker und der Naturphilosoph, denn Naturphilosophie ist mehr als Naturbeschreibung, ist Deutung der Natur, durch die sie dem Geiste und seinem Bedürfnis näher gebracht wird.

In dreifacher Weise bekundet die antike Naturphilosophie, dass hier ein Ich seine Beziehung zur Welt sucht, sein Weltverhältnis erfassen will, dreifach bekundet sie also ihren stark subjektiven Charakter, darin ihre Gemeinschaft mit der Lyrik. Alle drei Momente kehren in der RenaisBancephilosophie wieder, zielen mehr oder minder auf die mystische Einheit der Seele mit der Natur und gehören überhaupt zum Wesen der Mystik.

Text aus dem Buch: Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik (1903), Author: Karl Joël.

Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – I. Der kosmologische Anfang der Philosophie und seine Erklärungen
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – II. Die Naturmystik der Renaissance.

Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik

Unsere Lehrbücher pflegen die erste Hauptperiode griechischen Denkens als vorsokratische Naturphilosophie abzugrenzen; sie tun recht daran so die Tatsachen didaktisch zu vereinfachen; folgen sie doch dabei auch der bekannten Tradition der Alten: der erste  der griechischen Philosophie sei der physische gewesen, Sokrates habe nicht mehr über die Natur philosophiert, er habe die Philosophie vom Himmel auf die Erde herabgerufen, in die Städte und Häuser eingeführt u. s. w. (Laert. Diog. II 21. m 56. Cic. acad. post. I 4, 15. Tusc. V 4, 10, vgl. Aristot. Met. I 6). Jede Disposition ist grob, und die von didaktischer Rücksicht freie Forschung mag an den Abschnittsstellen die gelösten Fäden wieder knüpfen. Doch es handelt sich hier nicht nur um die Uebergänge, sondern um den Anfang, es gilt die für die Geschichte der Wissenschaften und das heisst für die Selbstkritik der Wissenschaften wichtige Frage: wie konnte die griechische Philosophie und in ihr die europäische Wissenschaft wesentlich als Naturerkenntnis und gerade als Erkenntnis des Weitesten, Fernsten und Fremdesten beginnen, um langsam genug zur Erkenntnis des menschlich Nächsten und Eigensten fortzuschreiten? Wie konnte sie den Weg von den Sternen zum Leben nehmen statt umgekehrt? Gerade bei den ältesten Denkern am meisten Kosmologie, Astronomie, wird sie bei den jüngeren Naturphilosophen stark biologisch, bei den Sophisten Anthropologie und in der Sokratik Lebensphilosophie, Kultur- oder Geistesphilosophie. Wie konnte, fragt der Erkenntnistheoretiker, die Erkenntnis des Objekts der des Subjekts überhaupt und gar noch so weit voranschreiten ?

Die griechische Philosophie entstand doch nun einmal, gerade als Aegypten den Griechen sich geöffnet und der Orient ihnen im Lyderreich weit entgegenkam, und sie entstand gerade dort an den Toren des Orients in Kleinasien, in Milet, dem Hafen von Sardes, kurz sie entstand durch Anregungen des Orients: das wird gerade der am wenigsten bezweifeln, der in der griechischen Philosophie eine gewaltige Emanzipation vom Orient, die echteste Leistung von Hellas sieht. Der Orient hat die astronomischen, meteorologischen, mathematischen Wissenschaften gepflegt, weil die Verwaltung der grossen Reiche, für Aegypten auch die jährlichen Ueberschwemmungen, Zeit- und Landmessungen forderten: so wussten es z. T. schon die Alten. Dies gilt nicht für Hellas; wohl aber konnte ein anderes praktisches Bedürfnis, die Schifffahrt, auch den Griechen die Astronomie nahelegen, und der grösste unter den Hafen- und Handelsplätzen, aus denen das kleinasiatische Hellas bestand, die Mutterstadt von 80 Kolonieen, Milet, ward ja die Mutterstadt der Philosophie.

Der Philosophie, der Milesier Thaies soll der Schifffahrt den kleinen Bären als himmlischen Kompass, als Leitstern für den Norden gewiesen haben (nach Kallimachus Laert. Diog. I 28), soll einen gefundenen geometrischen Satz in seiner Bedeutung für maritime Entfernungsschätzungen empfohlen haben (Procl. in Euch 352), soll sogar eine „Schiffsastronomie“ geschrieben haben (Simpl, phys. 28, 28. L. D. 23. Plut. Pyth. orac. 18). Und wenn auch über die Unechtheit aller Schriften des Thaies die Akten (vielleicht etwas zu rasch und zu summarisch) geschlossen sind, so bleibt es doch bezeichnend, dass gerade diese am frühesten sich an seinen Namen heftete, also am ehesten ihm zugetraut ward. Er soll ferner durch einen ablenkenden Kanalbau dem Heer des Krösus den Uebergäng über den Halys ermöglicht haben (Herodot 1 75), und seine Reise ins Land der gelehrten Priester am Nil, dessen Ueberschwemmungen er wiederum erklärt haben soll, ist zwar auch durch die Vielheit der Zeugnisse nicht gesichert, aber zumal in der Zeit milesischer Handelsfaktoreien und Söldnerquartiere in Ägypten wahrscheinlich. Und nun hat ihn natürlich dies starke nautische und hydrotechnische Interesse darauf gewiesen, das Wasser zum Weltprinzip zu machen? So würde etwa ein Rationalist des 18. Jahrhunderts schliessen. Wir aber werden doch Zweifel hegen, ob man etwas zum Prinzip macht, weil man es überwindet. Sind die Seefahrer und Wasserbaumeister Anhänger des Thaies? Haben Phönizier und Aegypter die Philosophie des Wasserprinzips aufgestellt oder anerkannt ? Nein, der belehrende Orient und die praktische Absicht mögen den Mathematiker, Meteorologen und Techniker Thaies erklären, aber nicht den Kosmologen, den Philosophen, der eine Weltanschauung, eine Gesamtwissenschaft im Keime anlegt. Es bleibt eine gewichtige Tatsache: das technische, praktische Bedürfnis nnd Verständnis war bei Phöniziern, Aegyptern, Babyloniern und Chinesen weit stärker als bei den Griechen, and doch hat gerade dies erfindungsärmste der Kulturvölker die wirkliche Naturerkenntnis begründet, wohl eben, weil ihm die praktische Absicht zurücktrat. Die griechische Naturwissenschaft behielt einen auffallend antechnischen Zug zu ihrem Nutzen und zu ihrem Schaden. Stark in der typisierenden Auffassung bleibt sie kurzsichtig für heterogene Kausalität und Funktion.

Der Orient hatte nicht nur technische Naturüberwindung und Naturberechnung zu lehren, er besass auch phantasievolle Naturauffassung in seiner Mythologie; aber auch damit war keine Naturphilosophie gegeben. Auch dem ausgebildeten, mythologischen Weltsystem der Babylonier, das namentlich seit der Blüte des Lyderreichs Wege genug zu griechischen Ohren finden konnte, fehlt doch das Eigentliche, das Philosophische. Nur den Indern fehlt es nicht. Doch von der Zweifelhaftigkeit und nur sehr indirekten Möglichkeit dieses Einflusses abgesehen, dürfte der später zu entwickelnde menschlich allgemeinere Grund der Naturphilosophie den Vorzug haben, dass er den Griechen näher liegt als Indien und zudem noch die indische Parallele selber erklären könnte. Wer aber jenes Eigentliche einfach aus dem spekulativen Genie der griechischen Basse erklärt, der mag nur beruhigt und stolz die Feder aus der Hand legen und alles weitere für überflüssig halten: die Zukunft wird lächeln über diese selbstbefriedigte Wortanbetung, die sich für Wissenschaft hält und halb Trägheit, halb Aberglaube ist.

Die Mythologie, oder bald allgemeiner gesprochen, die Macht der Religion als solche vermag die Naturphilosophie nicht zu erklären, sonst wäre gerade der Orient weit fähiger gewesen sie hervorzubringen als gerade Hellas. Oder bot vielleicht die griechische Religion und Mythologie ein spezifisch spekulatives Element? Es ist erstaunlich genug: man kann sie weit eher antispekulativ nennen, mehr wohl als irgend eine Religion: je bunter und plastischer, also je hellenischer dieser Polytheismus ward, desto ferner stand er ja der abstrakten Einheit des Gedankens; und wirklich drängt ja auch die griechische Naturphilosophie schon in ihren Anfängen offenkundig darauf hin, ihn zu überwinden. Xenophanes und Heraklit kämpfen leidenschaftlich gegen den plastischen Kult, gegen die Fabeln der Alten, gegen Homer und Hesiod, die laut Herodot den Griechen ihre Götter gegeben haben. Niemand sicherlich, dem man von den Griechen nur Homer in die Hand gibt, würde in ihm die ionische Naturphilosophie vorauswittem.

Aber haben nicht doch schon die Alten in ihm den Vorläufer des Thaies gesehen, weil er ja den Okeanos II. XTV 201 nebst der Mutter Tethys als Ursprung der Götter und ib. 246 als Ursprung aller Dinge preist? Doch das ist unverkennbar eine schon von Plato im Theätet belächelte Tendenzkonstruktion aas der Zeit, da man anfing einen Philosophen mit möglichst archaischen testes zu schmucken and Homer allegorisch auszulegen. Kein Neuerer wird diese unschuldigen Dichterwendungen aus der Phantasie eines Seefahrervolkes, das den Ozean alles umspannen, diesem Unbegrenzten alles Land entsteigen sieht, so pressen, dass das Wasserprinzip des Thaies herausspringt. Es ist ein weiter Weg von dem persönlich gefassten und lokal bestimmten Okeanos zu allem Wasser überhaupt und ein noch weiterer von allem Wasser zu allem Sein. Die homerischen Worte fuhren vielleicht noch zu der Nebenthese des Thaies, dass die Erde auf dem Wasser ruhe, aber nicht zu seiner Hauptlehre: Alles ist seinem Wesen nach Wasser. Man mag die homerischen Worte geographisch oder theogonisch nehmen, philosophisch sind sie nicht. Das Philosophische liegt doch nur in dem, was Thaies mit den anderen Naturphilosophen gemein hat, und das ist gerade nicht die Betonung des Wassers, und so entfallt erst recht die homerische Parallele.

Aber ist denn nicht doch die theogonische Dichtung, an die die homerische hier schon rührt, der Vorläufer der Philosophie und so nun doch die Naturphilosophie ein Produkt wenigstens der weiter entwickelten griechischen Religion? Indessen Aristoteles scheidet deutlich schon die ältesten Philosophen als  und die Neueren werden wohl meist v. Wilamowitz zustimmen, der als

„die Macht, welche der theologischen Entwicklung schliesslich mit überlegener Feindschaft in den Weg trat, „die ionische Naturwissenschaft“ findet, die nur „weltlich“ war, „nur an den Verstand appellierte; das Herz blieb kalt dabei“ (Hom. Unters. 214. 218). Solcher Gegensatz würde nun gänzlich die religiöse Erklärung der Naturspekulation abschneiden, und so fragen wir wieder: wie konnte sie entstehen?

Aus dem Anblick der Natur — so kindlich wird heut kaum jemand mehr antworten. Es ist freilich die einfachste Erklärung, aber auch die unmöglichste. Es ist nicht anders als Newtons Entdeckung aus jenem Apfel zu erklären, den er fallen sah. Milliarden Aepfel fielen vor Milliarden Augen, ohne dass das Gesetz der Schwere gefunden ward. Unzählige Völker sahen die Natur und wurden keine Naturphilosophen, die „Naturvölker“ am wenigsten. Wie viele fromme Gemüter mochten Kirchenlampen schwingen gesehen haben, bis Galilei daraus das Gesetz des Pendels ableitete und ein Ketzer ward! „Glaube niemand, sagt er später, dass das Lesen der erhabensten Gedanken, die auf den offenen Blättern des Himmels-bnches leuchtend stehen, damit fertig sei, dass man bloss den Glanz der Sonne und der Sterne bei ihrem Auf- und Untergang angafft, was die Tiere am Ende auch können.“ Und Galilei nannte sich einen Philosophen, ebenso wie Kepler, der da sagt:

„meine Entdeckungen sind nicht vom Himmel mir in die Seele herabgefiossen, sondern sie ruhten in den Tiefenderselben, nnd meine Augen sahen die Sterne, nnd die Sterne erweckten nur insofern jene Ideen in mir, als sie micb zu unermüdlicher Wissbegier über ihre Natur anregten.“

Plato und Aristoteles behalten eben wieder reckt: das öavßidZeiv macht den Anfang der Philosophie.

Nicht von aussen also kam die Naturspekulation, nicht vom blossen Anblick der Natur, nicht von den Lehren des Orients oder vom praktisch-technischen Bedürfnis, aber auch die mythologisierende Religion schien als Erklärungsgrund zu versagen. Also nicht der Naturanblick, nicht die Naturberechnung und Naturüberwindung, nicht die Naturmythologie schaffen die Naturphilosophie. Denn all jenes hat auch der unphilosophische Orient. Nicht die schauenden Sinne, nicht der rechnende Verstand, nicht der praktische Wille und nicht die ausschweifende Phantasie erzeugen die Naturspekulation, ako nicht aus dem Wahmehmen, Denken, Wollen, Vorstellen stammt sie zunächst — was bleibt dann noch vom menschlichen Geiste ? Das Fühlen. Aber die griechische Naturphilosophie ein Produkt des Gefühls? Das erscheint mehr als barock. Die Erkenntnis des Objekts gerade aus der subjektivsten Funktion? Die Erkenntnis der Aussenwelt gerade aus dem Innersten der Seele, die Erkenntnis der fremden Dinge und gerade zuerst der fernsten aus dem Persönlichsten des Menschen? Das erscheint unmöglich, weil widersprechend. Diese Naturphilosophie, in der hellenische Klarheit und Geistesschärfe triumphierend die europäische Wissenschaft begründen, soll aus dem dunkelsten Innern stammen, aus dem ewig unbestimmten, vagen, dumpfen Gefühl ? Diese Erkenntnis, die nur „weltlich“, nur „verstandesmässig“ „das Herz kalt“ lassen soll, sie gerade aus dem Herzen, aus dem niemals kalten, niemals nüchternen Gefühl? Die Gefühlsphilosophie heisst Mystik, aber die griechische Naturphilosophie ein Kind der Mystik? Wo bleibt da der Gegensatz der tpvatxoi zu den Und der religiöse Ursprung schien doch unmöglich?

Text aus dem Buch: Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik (1903), Author: Karl Joël.

Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik