Schlagwort: Platon

Zweiter Abschnitt

Wenn auch die geistige Richtung der Griechen immer mehr um sich griff, so wurde die Chemie doch sehr stiefmütterlich behandelt und machte infolgedessen keinen Fortschritt. Der Grund hierfür ergibt sich aus Mangel an Beobachtung der Griechen. zumal sich die Chemie doch auf Tatsachen stützt und ihr Studium Auffindung und Betrachtung von Tatsachen ist. Bedenkt man, daß die ersten Tatsachen dieser wissenschaftlichen Richtung aus den seiner Zeit betriebenen Künsten mid Gewerben entlehnt winden, hierbei aber die Manipulationen, die das Material bei vorbereitenden Arbeiten erregte, nicht das Interesse fanden, welches zu der wissenschaftlichen Erkenntnis der gemachten Beobachtungen erforderlich war, so ist das eine gewisse Indolenz natürlichen Vorgängen gegenüber, ein charakteristisches Merkmal der Maturbetraektung der Alten. Statt Versuche mit den Naturprodukten anzustellen, wurde vielmehr die Interpretation zu Hilfe gerufen, und auf die oberflächlichsten Beobachtungen hin entstanden Meinungen, die die Macht von Lehrsätzen erhielten, weil solche von angesehenen Männein geäußert wurden. Von den schönen Künsten wurde nur der ästhetische Teil betrieben, und die geistige Kraft der Griechen erstreckt sich nur auf Poesie, abstrakte Philosophie und politische Geschichte.

Die Medizin war schon in frühester Zeit in Griechenland zu einer großen Blüte gelangt; jedoch beschäftigten sich nur wenige mit dieser Wissenschaft, und die Wenigen kommen für die Chemie gar nicht in Betracht.

An dieser Stelle können wir einige Namen von berühmten Ärzten, deren Heilmittel noch heute bekannt sind, nicht unerwähnt lassen. —

Es sind dies: Chion Asklepios 1300 v. Chr., Hippokrates 500 v. Chr., Galenus 131 n. Chr.

Wir wissen nunmehr, aus welchem Grunde die Griechen ihre Betrachtungen, welche den Kenntnissen des Experimentierens vorangehen müssen, abgeschnitten haben. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß einige alte Gelehrte dennoch den Weg des Experimentierens beschritten haben. Es wäre vor allen in Bezug auf Letzteres der Philosoph Demokrit von Abdera (500 v. Chr.) zu nennen, der nach den Zeugnissen einiger Schriftsteller aus dem 1. Jahrhunderte n. Chr. sein Leben mit Experimentieren zugebracht haben soll. Wenn dieses tatsächlich der Fall gewesen sein sollte, so war es insofern eine vergebliche Mühe, als ihm die Kenntnis des Beobachtern fehlte.

Um die geistige Richtung der Griechen zu verstehen, müssen wir ihre philosophischen Werke, welche manches auf Naturwissenschaften Bezügliche enthalten, zur Hand nehmen, und wir werden alsdann sehen, daß die griechischen Gelehrten, wenn sie sich mit Naturwissenschaften beschäftigten, darauf ausgingen, aus einem für wahr angenommenen Satz sämtliche Erscheinungen a priori durch Schlußfolgerungen vorauszusagen und zu erklären.

Für die Naturwissenschaften war jedenfalls der griechische Philosoph Aristoteles 384—322 v. Chr. am bedeutendsten. Dieser Gelernte äußerte einmal: daß man bei der Naturforschung vom Allgemeinen zum Besonderen übergehen müsse. An einer anderen Stelle trat er mit der Ansicht hervor, daß man zuerst Tatsachen und die Dinge, an welchen sie sich ergeben, kennen lernen müsse, um aus ihnen alle Folgerungen abzuleiten. Diesem Ausspruche folgte weder Aristoteles selbst, noch andere. Vereinzelte Fälle gibt es dennoch, daß er einige Kenntnisse nur durch genaues Beobachten erhalten konnte. Z. B. daß Meerwasser, wenn es durch Ton dringt, seinen Geschmack verliert und trinkbar wird u. A. m. Auf jeden Fall war das Experimentieren die schwache Seite der Griechen, und man braucht sich gar nicht zu wundem, wenn Plato 400 v. Chr. die Ansicht hatte, daß die Bildung des Bestes als die Entweichung eines Stoffes des Eisens anzusehen sei. — Wie anders, als aus einem hochgradigen Mangel an Beobachtungstrieb könnte man des Aristoteles Behauptung erklären, daß ein mit Asche gefülltes Glas ebensoviel Wasser aufnehme, wie ein leeres. Als weiteres Beispiel für die Leichtgläubigkeit jener Zeit diene die von Plinius ausgesprochene, allgemein geteilte Überzeugung, daß Luft in Wasser und umgekehrt Wasser in Luft übergehen könne. —

Es liegt also klar auf der Hand, daß alle Fragen, die mit zahlreichen Beobachtungen beantwortet werden konnten, mit oft ganz dunklen Philosophemen beseitigt wurden; ja um diese Methode einem jeden klar zu stellen, scheute man sich nicht, solche Aussprüche auch auf Erscheinungen des täglichen Lebens, welche mit der Naturwissenschaft verwandt sind, anzuwenden. Es findet sich wohl keiner unter den griechischen Gelehrten, welcher der Chemie einen größeren Vorteil verschafft hätte, jedoch ist hier nur zu erörtern, inwiefern sich ihre Leistungen in Bezug auf Naturwissenschaften der rein spekulativen Richtung anschlossen. Es dürfte umsomehr von Beachtung sein, wenn wir unseren Blick auf die Versuche der alten Griechen lenken, welche mit unserer Wissenschaft in Verbindung stehen, da man in späterer Zeit darnach strebte, die hervorgegangenen griechischen Ansichten mit richtigeren Methoden in Einklang zu bringen. Hierher gehört nun in erster Linie die Unternehmung über die letzten Bestandteile der Körperwelt — über die Elemente.

Schwegler sagt von der Metaphysik des Aristoteles bezüglich der Elemente (III. Bd. 1847, S. 196) Folgendes:

„Element heißt der der Art nach nicht weiter teilbare Grundbestandteil, aus welchem etwas zusammengesetzt ist.“

Element ist also — und diese Bedeutung des Wortes liegt allen anderen Auseinandersetzungen gemeinsam zu Grunde — der Grundbestandteil eines jeden Dinges. (Vergl. Metaphysik Lib. V. Cap. 3, Schwegler I. Bd. S. 97.) Element, der Körper, ist dasjenige, in welches die anderen Körper, wenn sie geteilt werden, sich zerlegen lassen, das selbst aber unteilbar ist und den Körpern der Möglichkeit oder Wirklichkeit nach innewohnt. (Vergl. de coel. Lib. III. 3. Bekker S. 302, 15.) So läßt z. B. Empedokles

„Feuer und Wasser und die anderen Elemente dasjenige sein, woraus das Seiende als aus seinen Grundteilen besteht, nicht aber bezeichnet er diese Elemente als Gattungen der Dinge“.

(Vergl. Lorscheid, Aristoteles’Einfluß a. d. Chemie, pag. 12.) Die vielleicht ursprünglich indische Hypothese von vier oder fünf stoffartig verschiedenen Elementen ist von dem Lehrgedichte des Empedokles an bis in die spätesten Zeiten allen Naturphilosophemen beigemengt geblieben: ein uraltes Zeugnis und Denkmal für das Bedürfnis des Menschen, nicht bloß in den Kräften, sondern auch in qualitativer Wesenheit der Stoffe nach einer Verallgemeinerung und Vereinfachung der Begriffe zu streben. (Vergl. Humboldt, Kosmos Bd. III, S. 11.) Der Urstoff (die Materie), in seiner Abstraktion von der Form gedacht, ist für Aristoteles das völlig Prädikatlose, Unbestimmte, Unterschiedslose, dasjenige, was allem Werden als Bleibendes zu Grunde liegt und die entgegengesetzten Formen annimmt, das aber selbst seinem Siim nach von allem Gewordenen verschieden ist und an sich gar keine bestimmte Form hat, dasjenige, was die Möglichkeit zu allem hat, aber nicht in Wirklichkeit ist. (Vergl. Schwegler, Geschichte der Philosophie, 1857, S. 74.)

Die ersten Spekulationen über die Beschaffenheit der Dinge finden sich bei den Chinesen; ein Dokument in Schwoking, jedenfalls älter als die Salomonischen Schriften, unterscheidet 5 Elemente: Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde. Ähnliche Vorstellungen herrschten in Indien, nämlich in den Institutionen des Manu gilt der feine Äther als das zuerst Geschaffene, wovon sich Feuer, Wasser, Luft, Erde ableiten. Diese Lehre gelangte bis Europa, und an der Verbreitung dieser Kenntnisse hatten die Philosophen, wie Solon, Pythagoras, Demokrit, Platon, die das Vertrauen der ägyptischen Priester zu gewinnen verstanden, den hervorragendsten Anteil. Auf jeden Fall sind uns die Ansichten der Griechen am besten bekannt, und dieses Volk hat durch seine hervorragenden, oben schon genannten Philosophen einen gewaltigen Einfluß auf die Weiterentwicklung dieser Lehre ausgeübt. Zuerst scheint bei ihnen nur mythisch das Wasser als Urstoff gegolten zu haben, bis Thales 600 v. Chr. bestimmt erklärte: daß das Wasser das Grundprinzip aller Dinge sei, aus welchem die organischen (vegetabilische wie tierische) Wesen entstehen würden. Dagegen war Anaximenes von Milet ganz anderer Ansicht, indem er an Stelle des Wassers die Luft setzte, und zwar mit folgender Begründung: Die Entstehung aller Körper wird aus der Verdünnung oder Verdickung der Luft abgeleitet , und zwar aus der ersteren das Wasser und aus der letzteren das Feuer. Wenn auch bei ihm die Luft als Urstoff angesehen wird, so sind nach ihm das Wasser und das Feuer voneinander getrennte Elemente. Diese Ansicht hat für uns insofern Bedeutung, als sich darin zuerst der Begriff von einer Verwandlung der Elemente findet. Ähnlich wie Anaximenes die Luft, erklärte Herodot von Ephesus 500 v. Chr. das Feuer als Urprinzip aller Dinge.

Durch Zweijochung der Grundeigenschaften oder Gegensätze auf den Urstoff entstehen die vier Elemente , welche zuerst von dem geistesgewaltigen Philosophen Empedokles aus Agrigent 440 v. Chr. als Grundlagen der Welt betrachtet wurden.

Diese Elemente wurden jedoch von ihm mit Aristoteles, der sie in seine Naturlehre auch aufnahm, nicht als verschiedene Grundstoffe aufgefaßt, sondern als verschiedene Eigenschaften, deren Trägerin die „Urmaterie“ war. (Vergl. Gompertz, Griechische Denker, pag. 183 ff.). Die sich durch den Tastsinn kundgebenden: warm, kalt, feucht, trocken gelten bei Aristoteles als Haupteigenschaften, weil jedes Element durch den Besitz dieser zwei Eigenschaften gekennzeichnet ist.

In folgender Stelle finden wir eine Erklärung, daß die Grundbestandteile die gleichartigen Teile (Eigenschaften) der Elemente sind : „Entsprechend diesen drei Alten der Zusammensetzmig der tierischen Bestandteile sind in neuerer Zeit drei selbständige Disziplinen entstanden, von denen die eine, die Tierchemie,, der ersten Zusammensetzung aus den Elementen entspricht, da auch diese tierische Teile in die letzten Elemente zerlegt; der zweiten Zusammensetzung entspricht die Gewebelehre, welche sich mit den gleichartigen Gebilden beschäftigt ; die dritte ist die spezielle Anatomie, insofern sie die tierischen Körper in die einzelnen Organe, also in ihre ungleichartigen Teile, zerlegt und diese zum Gegenstand ihrer Betrachtung macht.“ (Vergl. Frantzius, Aristoteles über die Teile der Tiere, S. 270.)

Für die längere Dauer hielt Aristoteles diese 4 Elemente für die Erklärung der Naturerscheinungen als nicht ausreichend, weshalb er ein fünftes, welches mehr von geistiger Beschaffenheit sein sollte, schuf. Bei den Anschauungen der aristotelischen Lehre im Mittelalter hatte dieses Element den Namen: „Quinta essentia“.

Es ist wohl einigermaßen berechtigt, wenn man annhnmt, daß Empedokles sowohl wie auch Aristoteles die Elementenlehre nicht aus sich selbst, sondern aus anderen Quellen geschöpft haben. Wie aus dem „Auguttera Nikája Vol. Jol ce“ hervorgeht, lehrte Buddha, daß die Welt aus den schon genannten vier Elementen und dem Äther bestehe. Letzterer ist auf jeden Fall mit der aristotelischen „ovoia“ identisch. In demselben Werke wird als sechstes Element das Bewußtsein genannt. Bezüglich des fünften Elementes spricht auch Aristoteles vom Äther Folgendes:

„Neben dem All und Ganzen aber gibt es ausserhalb des Als nichts, und es ist deswegen Alles in dem Himmelsgebäude, denn das Himmelsgebäude ist doch wohl das All; der Ort aber ist nicht das Himmelsgebäude selbst, sondern irgend die äußerste und die bewegbaren Körper berührende, ruhende Grenze des Himmelsgebäudes, und deswegen ist die Erde in dem Wasser, dieses aber in der Luft, diese aber in dem Äther, der Äther aber in dem Himmelsgebäude, das Himmelsgebäude aber nicht mehr in einem anderen“

(Buch d. Phys. Lib. V. Prantl, 1854. S. 173. Vergl. Lorscheid, Aristoteles Einfluß auf d. Entw. d. Chemie.)

Über den Grundstoff „quinta essentia“, welcher auch sein oft die Bezeichnung „Quintessenz“ erhielt, hatten die Anhänger der aristotelischen Lehre sehr mühevolle und zeitraube Untersuchungen und Spekulationen angestellt. Die Angabe der Schriften über die in früherer Zeit entstandenen und viel und eifrig erörterten Streitfragen über deren Gegenstand findet sich bei Meyer, Aristoteles Tierkunde, S. 411 — ferner Biese, Philosophie des Aristoteles, (II. Bd., S. 93).

Bezüglich des Begriffes „chemische Verbindung“ erwähnen wir zuletzt, daß man s. Zt. Meinungen hatte, die mit den heutigen Anschauungen im krassesten Widersprache stehen. Die Entstehung eines Körpers durch Wechselwirkung anderer wurde als Erschaffung eines neuen Körpers angesehen und die Vernichtung der früheren Substanzen, aus denen er hervorgegangen, angenommen. Wie wir ja des öfteren schon erwähnten, begnügte man sich mit theoretischen Erklärungen, ohne jedoch die Richtigkeit derselben mit Hilfe der Beobachtungen zu prüfen, und dieser Mangel blieb bei den Alten auch noch späterhin, denn sie wurden mit den zahlreichen chemischen Tatsachen nur durch Zufall bekannt.

So weit gehen unsere Nachrichten über die den Alten bis zum 4. Jahrh. v. Chr. bekannt gewesenen chemischen Tatsachen und sonstige mit der Chemie in Verbindung stehende Gegenstände. Von dem ersten Jahrhundert n. Chr. bis etwa zum vierten gehen uns fast alle Hilfsmittel ab, um uns weiter über die Fortschritte in der chemischen Wissenschaft informieren zu können.

Bevor wir jedoch zum folgenden Zeitalter übergehen, wollen wir noch eine kleine Betrachtung an dieser Stelle einfügen. In dem ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gehen besonders von drei Ländern wissenschaftliche Forschungen aus: Griechenland, Italien und Ägypten. Von Griechenland, welches diese schöne Zierde bewahrte, ging der wissenschaftliche Sinn nach Italien über, und derselbe in kurzer Zeit sich zu einer selbständigen Höhe emporgeschwungen hat; ebenfalls hatte sich in Ägypten das wissenschaftliche Leben bedeutend gebessert. Die Alexandrinische Akademie, von Ptolemäus I. (301—284 v. Chr.) gestiftet, hatte sich auch hei Verfall der ägyptischen Monarchie und während der Herrschaft der Römer ihre Bedeutsamkeit zu erhalten gewußt und sich zu der angesehensten Hochschule emporgeschwungen. Durch die Einbrüche wilder Völker, sowie Verschlechterung der Sitten in Italien trat dort ein tiefer Verfall der Wissenschaft ein, welcher sich über das ganze Abendland verbreitete. Länger hielt sich die geistige Kultur im östlichen römischen Reiche, weil diese Gegenden erst in späteren Jahren durch die Einflüsse der Einbrüche wilder Voksstämme zu leiden hatten. Es dauerte dann auch nicht lange, daß Griechenland von nun an das Land der Wissenschaft in Europa wurde; diese Stellung wurde erst recht gekräftigt, seit Byzanz im Jahre 324 n. Chr. die Residenz des Herrschers wurde. Die byzantinischen Gelehrten standen im besten Einvernehmen mit ihren alexandrinischen Kollegen, mid dieselben werden wohl von Alexandrien die naturwissenschaftlichen Kenntnisse erworben haben. Mit dem bestimmteren Auftreten der Verbreitung von chemischen Ansichten ist die Datierung eines neuen Zeitalters, zu welchem wir nunmehr übergehen werden, erforderlich; es ist dieses das alchemistische Zeitalter oder das der Metallverwandlung.

Siehe auch:
Die Zeitalter der Chemie : Die ersten Erkenntnisse von der Materie

Die Zeitalter der Chemie


I. – Der Ursprung des Mysteriums.

Das Mysterium ist eine besondere Form der Religion, die, bei allen antiken Völkern geübt, noch jetzt bei den primitiven Stämmen eine bedeutende Rolle spielt. Es besteht aus einer Reihe magischer Zeremonien, die allen denjenigen unbekannt bleiben müssen, die nicht daran teilgenommen haben: durch die der Eingeweihte ein neues Leben sich erwirbt und von einem Zustand in einen andern übergeht, etwa von der Jugend ins Mannesalter. Oft auch versichert man sich durch sie einer besonderen Glückseligkeit im Jenseits. In jedem Fall aber wird der Eingeweihte als ein Wesen angesehen, das sich von den übrigen unterscheidet, und zwar so, dass in der Tat die Gesamtheit der Eigeweihten eine in sich abgeschlossene und geheime Gemeinschaft bildet.

Das Wesen des Mysteriums ist die mystische Wiedergeburt, d. i. eine Erneuerung des Menschen auf suggestivem Wege. Auf ihrer vollkommensten Entwicklungsstufe ist diese Wiedergeburt eine wahrhafte Substitution der Persönlichkeit, und zwar so, dass der Mensch die Persönlichkeit eines Gottes, eines Heroen oder eines Vorfahren annimmt und die Haltung und Taten, die diesem von der Ueberlieferung zugeschrieben werden, wiedergibt. Diese Wiedergeburt hat einen sakramentalen Charakter, da sie notwendigerweise an bestimmte liturgische Handlungen geknüpft ist, und, wie etwas tatsächlich Bestehendes aufgefasst, schafft sie in dem Eingeweihten ein wahres neues Leben, ein neues Wesen.

II. – Die Mysterien in Griechenland.

Bei den Griechen erscheint diese Form der Religion schon in jenen Zeiten, in denen ihre Kultur von der der primitiven Völker sich noch wenig unterscheidet. Und mit der Zeit entstand so eine Art von Volksreligion, getrennt und unterschieden von der Staatsreligion, so dass sich gewissermassen zwei religiöse Strömungen bildeten: die eine volkstümlich und mystisch, gebildet von den Mysterienreligionen, die andere staatlich und künstlerisch, die Religion des Olymp. Es gab in Griechenland und im Orient viele Mysterienreligionen, die verschiedenen Kulturen entsprungen waren; aber alle hatten sie einen gemeinsamen Charakter, alle hatten sie das Endziel der mystischen Vereinigung mit Gott, der Wiedergeburt in Gott, der Heiligung. Und da diese Wiedergeburt in der Identifizierung mit der Gottheit bestand, ist es folgerichtig, dass nicht alle Götter geeignet waren, sie zu verleihen, sondern nur jene, die in sich selbst, in ihrem eigenen mystischen Schicksal, die Elemente der Wiedergeburt enthielten, mit anderen Worten, die Erdgottheiten. Diese Gottheiten waren infolge der besonderen Auffassung, die die Griechen von den Beziehungen zwischen Leben und Tod hatten, auch Gottheiten der Unterwelt, und gerade deshalb versinnbildlichten sie jenen beständigen Uebergang vom Leben zum Tod, der die Wiedergeburt ist: Demeter, Dionysos, Isis und in der Folge Attis und Adonis. Die Wiedergeburt bestand also im Hindurchgehen durch den göttlichen Mythus, im Empfang des Lebens des Gottes und damit, zusammen mit dem Gotte, im Hinübergehen vom Schmerz zur Freude, vom Leben zum Tod.

Alle Mysterien gingen in der gleichen Weise vor sich. Sie bestanden in einem heiligen Drama, d. h. in einer Aufeinanderfolge von rituellen Handlungen, die Haltung und Handlungen wiederholten, wie sie von der Ueberlieferung den Gottheiten zugeschrieben wurden; man trat so mit diesen in eine Art Kommunion und wurde des ewigen Lebens teilhaftig. Wir finden hier das Prinzip der Eucharistie wieder, in der ja die Handlungen des Erlösers während des letzten Abendmahles wiederholt werden, wie er, gemessen wir Brot und Wein, um uns mit ihm zu vereinigen.

Das heilige Drama war keine mit regelmässigen Abteilungen in Szene gesetzte dramatische Darstellung wie wir sie heute verstehen. Es war kein objektives Drama, dem der Eingeweihte als Zuseher beiwohnte, es hatte vielmehr rein subjektiven Charakter und bestand hauptsächlich in der Wiederholung von Gesten, die die Ueberlieferung dem Gotte zuschrieb. Angeregt durch den Anblick von Bildwerken und Symbolen, begleitet von Visionen oder ekstatischen Suggestionen* führte dieses subjektive Drama, zu dessen Regelung eine einleitende Belehrung diente, den Eingeweihten* der zugleich als Schauspieler teilnahm, zur Wiedergeburt und zur Vereinigung mit Gott. Das Drama wurde so zu einem wahren und besonderen Ereignis im Leben des Menschen, das ihn vollkommen umbildete, wie es im Sakrament geschieht, und die Glückseligkeit im Jenseits sicherte.

Von Anfang an war das Mysterium eine ausschliesslich magische Zeremonie. Aber im Verlauf der Zeiten bekam es auch einen geistigen und moralischen Inhalt, und übte so einen günstigen Einfluss auf die griechische Kultur aus, indem sie die Griechen dazu anleitete, die Notwendigkeit der Rettung, die Güte, die im Gedanken der Erlösung liegt, und die Heiligkeit der Vereinigung mit Gott zu erfassen. Die Mysterienreligionen gewannen so einen ungeheuren Einfluss auf das Bewusstsein der Griechen und machten es fähig, den Wert der christlichen Botschaft zu verstehen.

III. – Der Orphismus.

Unter den griechischen Mysterienreligionen hatte die orphische weitaus die grösste Bedeutung.

Diese Religion leitete ihren Namen von Orpheus her, dem mytischen Sänger, der die orphischen Mysterien nach Griechenland gebracht haben soll. Sie stellte eine besondere Form der dionysischen Religion dar, einer Religion, deren Orgiasmus und Ekstase dem dionysischen Kulte eigentümlich war. Das orphische Mysterium bestand in der Wiedergeburt, die sich in der Wiedererweckung des Dionysos und mit ihm seines ganzen Mythos zu neuem Leben verwirklichte. Der Mythos aber war folgender: Zagreus, der Sohn des Zeus und der Kore wird auf Anstiften der Hera von den Titanen ermordet, die ihn zerreissen und verschlingen. Aber Athene rettet sein Herz und aus diesem entsteht der zweite Dionysos, der Sohn des Zeus und der Semele, der traditionelle Gott des Weines.

Die Wiedergeburt bestand nun im Wiedererleben dieses Mythos, d. i. im Sterben und im Wiedergeborenwerden in Zagreus. Im Mythos war noch hinzugefügt, dass die Menschen aus der Asche der Titanen enstanden seien, die Zeus für ihre Schuld mit dem Blitze zerschmettert hatte, daher seien die Menschen alle mit der titanischen Schuld beladen; da aber anderseits die Titanen den Zagreus verschlungen hatten, besass der Mensch in sich selbst auch die dionysische Natur: auf diesen Mythos führten die Theologen die Tatsache jenes Kampfes zurück, der beständig zwischen der titanischen, körperlichen Natur und der dionysischen, deren Sitz die Seele ist, tobt. Von der titanischen Schuld müsse sich der Mensch losmachen und durch das Mysterium sich mit der dionysischen Natur wieder vereinigen. Das orphische Mysterium erhielt so einen hohen moralischen und geistigen Charakter und übte grossen Einfluss auf bedeutende Geister wie Aeschylos und Pindar, sowie auf die griechische Philosophie (Heraklit und Platon) aus. Und als das Christentum aus Judäa in die griechische Welt einzudringen begann, war es der Orphismus, dem die paulinische Theologie, die ihren Ursprung im orphischen Mythos des Zagreus hat, ihre grundlegenden Elemente zu danken hatte.

In Griechenland trat der Orphismus bald in nahe Verbindung mit der eleusinischen Religion, die ländlichen Charakters, in Eleusis, einer kleinen attischen Stadt, zuhause war, wo Demeter und Kore besondere Verehrung genossen. In Eleusis feierte man seit den ältesten Zeiten Mysterien, deren Inhalt indessen rein ländlich war und keinerlei ekstatische und orgiastische Elemente enthielt. Die Berührung mit dem Orphismus bildete die eleusinische Religion um und gab ihr den Erlösungsinhalt. Aus dieser Verschmelzung entstanden die orphisch-eleusinischen Mysterien, oder auch kurz nur eleusinische genannt, deren Berühmtheit das ganze Altertum hindurch andauerte.

Diese Mysterien zerfielen in zwei Teile: der or-phische Teil, dessen Mittelpunkt Zagreus war und dessen Feier zu Agrai, einer Vorstadt Athens, stattfand, die sogenannten « kleinen Mysterien » und dem eleusinischen Teil, der Demeter und Kore im Mittelpunkt hatte und in Eleusis gefeiert wurde, die sogenannten « grossen Mysterien ». Die « kleinen Mysterien » waren eine unerlässliche Vorbereitung für die grossen Mysterien; sie gaben die Wiedergeburt in Zagreus, d. h. jenes neue Leben, das den Eingeweihten würdig machte, zu den höheren Geheimnissen der grossen Mysterien vorzudringen.

Ruf und Einfluss der eleusinischen Mysterien waren ungeheuer. Vom Staate beschützt und von den Künstlern und Dichtern gefeiert, waren sie das Zentrum des griechischen religiösen Lebens und standen ununterbrochen in Blüte ungefähr vom VIII. Jahrhundert ab bis um 396 n. Chr., als die Mönche, die im Gefolge Alarichs kamen, das Heiligtum von Eleusis zerstörten.

Diese Mysterien bestanden aus verschiedenen Zeremonien, doch das Geheimnis, vom Gesetze auferlegt, blieb gewahrt. Sowohl von den kleinen als auch von den grossen Mysterien wissen wir nur wenig, und fast nichts wusste man darüber, was der Novize in der « epopteia », d. i. in der erhabensten Vision, die die Zeremonien des letzten Tages krönte, sah oder vernahm, und ohne Erfolg wiederholte die Wissenschaft durch anderthalb Jahrhunderte ihre Versuche, hinter das Geheimnis zu kommen und zu erfahren, worin das Mysterium eigentlich bestand. Im Jahre 1910 zerriss endlich der Schleier. Die Villa der Mysterien wurde entdeckt.

IV. – Die Liturgie des Mysteriums.

Die Villa der. Mysterien liegt zur Rechten der Gräberstrasse vor dem Stabianer Tor.  zeigt ihre Lage im Verhältnis zu Pompeji, den Grundriss des bisher ausgegrabenen Teiles. Er wird durch einen Gang in zwei Partien zerlegt. Der nordöstliche Teil entspricht dem gewöhnlichen pompejianischen Haus, der nordwestliche Teil zeigt dagegen eine ganz ungewöhnliche Gliederung. Den Mittelpunkt dieser Raumgruppe bildet ein grosser mit Fresken geschmückter Saal. Man gelangt, nachdem man den Gang durchschritten hat, in zwei Kammern, aus denen man durch eine kleine Seitentür in den Saal tritt. Aus dem Saal führt eine grosse Tür auf eine Terrasse. Der grosse Saal war ursprünglich ein Triclinium und die beiden Kammern dienten zuerst als Schlafgemächer; Saal wie Kammern wurden durch Arbeiten, die der Ausbruch des Vesuvs unterbrach, für andere Zwecke, als denen sie bisher gedient hatten, umgestaltet.

Welches war nun dieser neue Zweck?

Die Malereien allein können uns darüber Auskunft geben.

Die Fresken des grossen Saales laufen um alle Wände, ohne auf die Ecken und auf die Oeffnungen in der Wand Rücksicht zu nehmen, und bildeten so einen einzigen ununterbrochenen Fries. Sie enthalten 29 Figuren von fast natürlicher Grösse, die so gemalt sind, als wären es lebende Personen, die auf einem marmornen Podium stünden, das rings um den Saal liefe. Stil und Kostüm sind griechisch und entsprechen der attischen Malerei der zweiten Hälfte des V. Jahrhunderts v. Chr. Diese Malereien sind demnach viel wichtiger als die gewöhnlichen pompejianischen Gemälde, die als Wiederholungen hellenistischer Bilder anzusehen sind, da sie uns einen angemessenen Begriff von der griechischen Grossmalerei geben, die uns fast unbekannt ist, und als deren Meister Polygnot gerühmt wurde. Doch das Hauptinteresse liegt hier für uns nicht im Stil, sondern im Gegenstand der Darstellung.

Es leuchtet ohne weiteres ein, dass wir hier eine einheitliche, in mehrere unter sich zusammenhängende Einzelvorgänge abgeteilte Handlung vor uns haben. Die Einheitlichkeit dieser Szenen wird durch die Anwesenheit einer weiblichen, mit einem Schleier bekleideten Figur, deutlich gemacht, die in allen Szenen wiedererscheint, welche gewissermassen die Geschichte dieser Frau enthalten. Diese Geschichte besteht in einer Reihe von liturgischen Zeremonien, durch welche die Frau in das orphische Mysterium eingeweiht wird und die Vereinigung mit Zagreus erreicht.

Die Liturgie beginnt mit der Szene rechts vom Fenster, das dem durch die kleine Tür in den Saal Eintretenden gegenüber liegt und verläuft von links nach rechts fortschreitend rings um den Saal bis zur Linken des Fensters. Das anschliessende Bild stellt ohne Rücksicht auf Unterbrechungen durch das Fenster und die beiden Türen den Gottesdienst so dar, wie er wohl auf dem griechischen Originale erschien. Der Malerei folgend, erleben wir die fortschreitende Handlung der Liturgie mit. Diese besteht aus folgenden Episoden:

1). Die Einkleidung.

Ein junges Weib macht, unterstützt von einer Dienerin und zwei Eroten, von denen der eine ihr einen Spiegel entgegenhält, und überwacht von einer Priesterin, ihre hochzeitliche Toilette. Sie ist mit einem Schleier, der sogenannten Sindone, bekleidet, einem rituellen Kleidungsstück, mit dem sich die in die Mysterien neu Einzuführenden bedeckten. Sie ist die mystische Braut, die Katechumene, die sich bereit macht, in der Form einer symbolischen Eheschliessung die Vereinigung mit Dionysos zu feiern. Sie ist demnach die Hauptperson des ganzen Gottesdienstes.

2). Die Katechese.

Eingehüllt in den Schleier, nähert sich das junge Weib respektvoll einem nackten Jüngling, der durch hohe dionysische Stiefel (embades) als Priester gekennzeichnet, liebevoll von einer Priesterin geführt wird. Er liest aus einer Rolle ein Rituale vor, um die Neuein-zuweihende mit der Ordnung des Gottesdienstes oder der Bedeutung der Einweihung bekannt zu machen.

3). Die Agape.

In dieser Weise belehrt und befähigt an dem Gottesdienst teilzunehmen, wendet sich das junge Weib, das

noch immer mit dem Schleier bedeckt ist und nun einen Myrtenkranz trägt, nach rechts; sie hält einen Teller mit einer rituellen, in Stücke geschnittenen Speise in der Hand, um an der Feierlichkeit des Sühnemahls teilzunehmen. Vor einem Opfertisch sitzt eine Priesterin, von zwei Dienerinnen unterstützt; mit der Linken deckt sie einen Teller auf, den eine der beiden Dienerinnen gebracht hat, und in der Rechten hält sie einen Myrtenzweig, auf welchen die andere Dienerin, die im Gürtel eine Ritualrolle trägt, aus einer Kanne ein Trankopfer ausgiesst. Dieses ist das Sühnemahl, welches vor der Vereinigung gefeiert werden muss, so wie dies im frühen Christentum geübt wurde.

4). Die Communion.

Nach der Feier der Agape ist die Neueinzuweihende würdig wiedergeboren zu werden.

Diese Wiedergeburt wird allegorisch dargestellt in der 4. Episode. Ein Satyr und eine Satyriska sitzen auf einem Sockel; jener spielt auf einem Instrument, das zusammengesetzt ist aus einer Flöte und einer Syrinx, er betrachtet ein Hirschkalb, das an dem Sockel hinaufklettert und sich zur Satyriska aufreckt, die ihm die Brust bietet. Ein anderes Hirschkalb steht zu Füssen des Sockels, wendet den Kopf und spitzt die Ohren, als wenn es plötzlich auf etwas aufmerksam würde. Zur Linken wohnt ein alter Silen der Szene bei, der wie entrückt die Leier schlägt.

Was bedeutet dies?

Im Mythos stellte man sich den kindlichen Dionysos unter der Gestalt eines Zickleins vor, da Zeus ihn so verwandelt hatte, um ihn dem Zorn der Hera zu entziehen. Dieses trinkende Zicklein ist also ein Symbol der Kindheit des Dionysos, und Silen wohnt der Szene bei, weil er ja der Erzieher des Gottes sein wird. Die Szene stellt demnach in symbolischer Weise die Wiedergeburt der Neueinzuweihenden dar: sie muss in Zagreus wiedergeboren werden, indem sie sich in ein Hirschkalb verwandelt. Damit stimmt überein, dass auf den goldenen Täfelchen, die den Eingeweihten in Sy-baris mit ins Grab gegeben wurden, die Seele des Toten, die vor Persephone erscheint, sagt: « Ich Zicklein habe die Milch gefunden», d. h.: ich bin wiedergeboren.

Neben dieser Allegorie der Wiedergeburt stellt diese Szene das Bezeichnendste der dionysischen Wunder dar — das Zuströmen der Milch, ein Gleichnis der Reinigung, in den Busen der bacchantischen Jungfrauen und Saugung der Hirschkälber oder Panter. Der Ton der Flöte, für den, nach dem Glauben der Alten, die Hirsche besonders empfänglich waren, bezaubert die beiden Hirschkälbchen, damit sie am Wunder teilnehmen.

5). Die Verkündigung.

Die Neueingeweihte ist nun in Zagreus wiedergeboren. Sie hat begonnen, das Leben des Gottes zu führen. Aber noch erwartet sie eine furchtbare Prüfung. Silen kehrt auf den Schauplatz zurück. Auf einem doppelten Sockel sitzend, mit einer Pauke daneben, hebt er mit beiden Händen eine Art von Kalbkugelförmigen, silbernen Gefässes in die Höhe, auf das von unten her ein Knabe ekstatisch blickt, während ein Gefährte hinter ihm eine dionysische Maske hochhält. Der erstere wendet sich indessen zur Neueingeweihten, die durch den Schleier kenntlich ist, und sagt ihr etwas, was sie offensichtlich derart mit Schrek-ken erfüllt, dass sie gleichsam fliehend zurückweicht mit der Geste eines Menschen, der eine schreckliche Vision ab wehren möchte. Diese Szene stellt den Mittelpunkt der ganzen Liturgie dar.

Jene halbkugelförmige Vase, in die der Jüngling ekstatisch hineinblickt, ist ein magischer, halbkugelförmiger Spiegel. Der Jüngling sieht durch die Eigentümlichkeit des gekrümmten Spiegels nicht sich selbst, sondern die Maske, die der Jüngling hinter ihm emporhält und die durch den gebogenen Spiegel verzerrt und gewissermassen belebt wird. Und der Jüngling, der von den physikalischen Eigenschaften dieses Spiegels keine Ahnung hat und mysteriöserweise an Stelle des eigenen Gesichtes die Maske erscheinen sieht, bleibt gebannt und verfällt in eine seherische Selbstversunkenheit, wie dies in der Kristallomantie vorkommt — er sieht in den Spiegel eine Reihe von Gesichten hinein, die ihren Ursprung eben in der Maske und im Leben des Dionysos haben. Er sieht im Spiegel das Leben des Gottes vorüberziehen, er sieht, wie er von den Titanen in Stücke zerrissen und verschlungen wurde, er sieht kurzum das Schicksal der Neueingeweihten, die, wenn sie zu einem neuen Wesen wiedergeboren werden soll, selbst auch mit Zagreus sterben muss. Und diesen schrecklichen dionysischen Tod verkündet er der Jungfrau.

Es ist also eine Prophezeiung, die hier gegeben wird, und Silen, der zuerst der Erzieher, dann der Mystagog des Dionysos ist, bewirkt die Prophezeiung durch einen Knaben, der auf dem doppelten Sockel eines Sehers sitzt.

Aber das genügt nicht. — Ausser der Verkündigung des zukünftigen Todes der Eingeweihten, enthält diese Szene auch die Wiederholung einer der wichtigsten Handlungen, die der Mythos dem Gotte zuschrieb. Die Ueberlieferung erzählte nämlich, dass Dionysos in einem, von Hephästos angefertigten Spiegel, sein zukünftiges Geschick gesehen habe, während eine andere Ueberlieferung berichtete, dass die Titanen den Zagreus umgebracht hatten, indem sie ihm in einem Spiegel sein eigenes verzerrtes Gesicht sehen Hessen und so seine Aufmerksamkeit gerade in jenem Augenblick ablenkten, den sie zu seiner Tötung ausersehen hatten.

Da nun das heilige Drama in der Wiederholung der Gesten und Handlungen des Gottes bestand, um durch diese Nachahmung die Vereinigung mit dem Gotte zu erlangen, so sieht nun die Jungfrau oder der Knabe für sie in den Spiegel, wie Dionysos es tat, um Dionysos zu werden und mit ihm mystisch zu sterben.

6). Die Passion.

Nachdem die Eingeweihte die Verkündigung empfangen hat, will sie die mystische Braut des Dionysos werden, und um diese Ehe symbolisch zu kennzeichnen, enthüllt sie einen übergrossen Phallos, den sie in einem heiligen Korb (Lichnon) gebracht und zu Boden gestellt hat. Und es scheint, als ob sie demütig die Zustimmung einer geflügelten, halb entkleideten Figur anfleht, welche dionysische Stiefel, im Gürtel eine Ritualienrolle und in der Hand eine Gerte trägt. Dies ist Telete, die Tochter des Dionysos, die Personifikation und Anführerin der Einweihung. Hinter ihr stehen zwei Priesterinen, von denen eine auf einem Teller Pinienzweige trägt.

Aber Telete erhört das Gebet der Eingeweihten nicht, wehrt mit der Hand ihrer Gebärde und erhebt die Geissei; und gleich darauf sehen wir die Jungfrau, wie sie halb entblösst, fassungslos mit wirrem Haar die Geisselhiebe der Telete erwartet. So erleidet sie die rituelle Geisselung, welche den Tod versinnbildlicht

und ersetzt. Sie stirbt nicht körperlich, sie geht durch den Tod hindurch — in jenen mystischen Tod — den die Stigmatisierten in Christo gekreuzigt sterben.

7). Die Auferstehung.

Nachdem sie mit Zagreus den Tod erlitten hat, wird die Eingeweihte mit Zagreus auch wiedergeboren — sie wird zur Bacchantin, nicht mehr Weib, — ein göttliches Wesen — so erscheint sie nun, nackt, in rasendem Tanze, von einer Priesterin begleitet, die einen Thyrsosstab trägt, das Symbol des neuen dionysischen Lebens. Der Geist Dionysos* hat sie überkommen. Ein Mensch ist Gott geworden. Und unsichtbar wohnt Dionysos dem Wunder bei. Wir sehen ihn zwischen der 5. und 6. Szene wie er, nur mit einem Schuh bekleidet, wie es der Ritus vorschreibt, halb ausgestreckt im Schosse der Kore liegend, mit göttlicher Unbeteiligtheit zusieht, wie die Menschen um ihn leiden.

So vollendet sich das Mysterium.

Die orphische Bisilika von Pompei.

Doch nun schliessen wir. Welchem Zwecke diente diese Villa, die einzig in ihrer Art ist? Die Nordwestseite des Hauses, welche ihren Mittelpunkt im grossen Saale hat und im Plan schwarz bezeichnet ist, war eine orphische Basilika. Der grosse Saal war der Saal der Einweihungen oder «Stibaden», und hier trat man durch die kleine Tür ein, nachdem man im Vorzimmer Voropfer gebracht hatte. Dies zeigt ein konservierter Schrank, der in dem zweiten Zimmer errichtet ist, worin noch Vogelknöchelchen, Opferreste und auch eine Opferschale gefunden wurden. Nachdem der Einzuweihende oder besser die Einzuweihenden in die Stibaden eingetreten waren und die Einweihung durchgemacht hatten, traten sie durch die grosse Tür auf die Terrasse hinaus, wo, wie wir annehmen dürfen, ein Bankett abgehalten wurde, um das Ereignis zu feiern. Im ganzen entspricht diese Raumverteilung einem orphischen Bacheion in Athen, das vor einigen Jahrzehnten aufgedeckt wurde. Um diese Privatbasilika einzurichten, benutzte man das Tricli-nium und die anstossenden beiden Schlafräume, indem -man sie zweckentsprechend veränderte und mit Malereien, die ihrer neuen Bestimmung angemessen waren, schmückte.

Und nicht ohne Grund errichtete man diese Basilika in einer abgelegenen Vorstadtvilla, ln der Tat waren die orphischen Mysterien durch ein Senatus Consult (De Bac-chanalibus) verboten worden, nachdem sie Anlass zu ernsthaftem Aergemis gegeben hatten. Aber das Merkwürdigste ist, dass diese Ausschreitungen nach Livius gerade in Campanien vorgefailen waren. Der Historiker fügt noch hinzu, dass die Einweihungen Frauen betrafen und dass sie hauptsächlich am Tage vorgenommen wurden. Nun zeigt auch unsere Gottesdienstdarstellung die Einweihung einer Frau, und das grosse Fenster beweist, dass die Einweihungen bei Tage stattfanden. Diese Uebereinstimmung ist bemerkenswert.

So erlaubt uns diese orphische Basilika, die einst der geheime Zusammenkunftsort der Eingeweihten war, zum erstenmal in das Geheimnis des griechischen Mysteriums einzudringen, das so zum erstenmal verletzt wurde.

Text aus dem Buch: Die Villa der Mysterien in Pompei (1927), Author: Macchioro, Vittorio.

Siehe auch:
Pompeji vor der Zerstörung : Reconstructionen der Tempel und ihrer Umgebung

Die Villa der Mysterien in Pompei

Neben Orakel und Tempelschlaf giebt das Altertum den Philologen und Kulturhistorikern noch ein drittes und grösstes Rätsel auf: die Mysterien. Die rationalistische Erklärung dieses Rätsels ist zwar häufig versucht worden, aber gerade die gewiegtesten Forscher sind darüber einig, dass uns zur Lösung desselben das Stichwort fehle. Dieser Mangel kann zwei Ursachen haben: Entweder besassen die Alten Kenntnisse, die seither wieder verloren gingen, oder es fehlt den Erforschern des Altertums die Kenntnis jener Phänomene aus unserer Zeit, womit sich die Mysterien vergleichen lassen. Diese zweite Annahme, die vorweg viel wahrscheinlicher ist, als die erstere, würde uns darauf verweisen, uns nach einem Aschenbrödel unter den Wissenschaften umzusehen, worin der gesuchte Vergleichungspunkt läge. Ein solches Aschenbrödel, welches die Philologen ganz vernachlässigen, ist nun ohne Zweifel die Mystik. Indirekt ergiebt sich also die grosse Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den Mysterien um mystische Phänomene handelte; das Studium der Mystik aber ergiebt die positive Bestätigung jener Vermutung. In unseren fernsehenden Somnambulen sind die weissagenden Priesterinnen der Orakel, in unseren medizinischen Somnambulen die Tempelschläfer wieder erstanden. Ausser diesem Somnambulismus muss aber in den Mysterien noch ein anderer Zweig der Mystik gepflegt worden sein. Wenn ich nun im Nachfolgenden die Hypothese aufstelle, dass sie der Vorläufer des modernen Spiritismus sind, so werde ich zwar auf den Beifall der Philologen so lange nicht rechnen dürfen, als ihnen der Spiritismus ein Aschenbrödel bleibt; desto sicherer bin ich mir aber dieses Beifalls, wenn sie sich einmal bemühen sollten, den Spiritismus zu studieren; denn dann drängt sich die Vergleichung ganz unwillkürlich und nicht etwa nur in Ermangelung einer besseren Hypothese auf. Jene grossen Rätsel des Altertums können nur als Probleme der Mystik gelöst werden, oder überhaupt nicht; denn es ist zwar versucht worden, entweder die Thatsachen zu leugnen, oder sie aus einem kolossalen Betrugssystem zu erklären, aber die Schwierigkeiten waren dabei so gross, dass die berühmtesten Philologen es vorgezogen haben, auf eine Erklärung überhaupt zu verzichten. Die Betrugstheorie dürfte bezüglich der Mysterien schon daran scheitern, dass sie eine staatliche Einrichtung waren, neben welcher allerdings noch ausländische Privatanstalten existierten. Die griechischen Mysterien stammten aus Ägypten, oder hatten mit den dortigen eine gemeinschaftliche orientalische Quelle. Als Urheber der Mysterien wurden Gottheiten genannt: Osiris, Isis, Bacchus, Ceres; als Überbringer derselben aus Ägypten nach Griechenland nannte man Könige und Gesetzgeber: Zoroaster, Inachus, Orpheus, Melampus, Trophonius, Minos, Erechtheus. Schon darin drückt sich das hohe Ansehen aus, welches die Mysterien im Altertum genossen. Von einer Betrugstheorie, ja überhaupt von einer rationalistischen Theorie, findet man im Altertum keine Spur; es ist daher mehr als gewagt, wenn wir jetzt nach ein paar Tausend Jahren nach solchen Theorieen greifen, nur um uns aus einer Verlegenheit zu befreien. Eine der rationalistischen Hypothesen fusst darauf, dass Bacchus und Ceres (Dionysos und Demeter) als Repräsentanten der Triebkraft und Lebensfülle der Natur Mysteriengottheiten waren. Man brachte also die Mysterien mit der Landwirtschaft in Verbindung. So sagt z. B. Paulus:

„Ich gestehe, den anfänglichen Zweck aller solcher, mit dem Priesterwesen befreundeten geschlossenen Gesellschaften nur darin zu finden, dass Klügere den Getreidebau, die Obst- und Wein-Kultur an Auserwählte als einen Gottesdienst lehrten.“

Auch Schelling erwähnt einen Franzosen, der aus den Mysterien einen cours d’agriculture machen wollte, und einen anderen Ausleger, der in den Tempelfeierlichkeiten zu Eleusis Darstellungen des Ackerbaus, vom Säen angefangen bis zur Ernte, vermutete. Diese Hypothesen lassen geradezu alles unerklärt, was von den Mysterien berichtet wird, sind also ganz wertlos. Richtig ist, dass die Demeterfeste die Zeit der Saat und der Ernte betrafen und Gebräuche ländlicher Religion und Freude blieben, wie das natürliche Gefühl bei der Ernte sie eingab. Aber einige derselben — die Eleusinien und Thesmophorien — wurden zu Mysterien; bei ihnen muss also noch ein Überschuss vor den anderen bestanden haben. Dieser Überschuss findet sich in den Mysteriengottheiten selbst, die in der d griechischen Mythologie in Beziehung standen zum Tode und zur Unterwelt, als dem Aufenthaltsorte der Verstorbenen. Betrachten wir die chthonischen Gottheiten in dieser letzteren Eigenschaft, so wird unser Problem sofort erhellt.  Paulus: Beiträge zur Kirchen- und Religionsgeschichte.  Eine andere rationalistische Hypothese lautet, dass in den Mysterien Lehren vorgetragen worden seien, die von der Volksmetaphysik abwichen und daher geheim gehalten wurden. Auch diese Erklärung ist ganz verfehlt. Davon abgesehen, dass die griechischen Priester überhaupt nicht Lehrer und Prediger waren, so würde doch der Staat sicherlich nicht religiöse Anstalten begünstigt und beschützt haben, in welchen esoterische, der Volksreligion gefährliche Doktrinen gelehrt worden wären. Dass aus den Mysterien bestimmte metaphysische Ansichten als Folgerungen gezogen wurden — wir werden sie noch kennen lernen — ist freilich nicht zu bezweifeln; aber die Stütze des Staates ist nur erklärlich, wenn solche Folgerungen, statt die Religion zu bedrohen, sie höchstens in wünschenswerter Weise ergänzten. Die Ansicht von Meiners, Warburton, Constant, Ouvaroff, dass in den Mysterien Monotheismus gelehrt wurde, ist also nicht zulässig; man kann den griechischen Staatsmännern nicht Zutrauen, dass sie öffentlich die alte Religion geschützt, insgeheim aber eine neue ermuntert hätten. Gegen die Annahme einer esoterischen Doktrin spricht auch der Umstand, dass der Andrang zu den Mysterien ein ungeheurer war, ja dass sogar Kinder zugelassen und eingeweiht wurden:

„Tereniius Apollodorum sequitur, apud quem legitur, in insula Samothrace a certo tempore pueros initiatos.“

Keine Lebenslage und kein Alter schloss von den Mysterien aus.Plutarch sagt denn auch ausdrücklich, dass es sich um keinen Unterricht gehandelt habe, und erzählt, dass Philipp von Makedonien und seine spätere Gattin Olympias sich zuerst als Kinder bei den kabirischen Orgien sahen. Bei verschiedenen Schriftstellern lesen wir, dass die Mysterien Schauspiele waren, zu deren Anblick die Eingeweihten vorbereitet wurden, um sie in eine gewisse Stimmung zu versetzen. Daher gingen diesen Schauspielen, worin die Schicksale der chthonischen Gottheiten in theatralischen Szenen dargestellt wurden, Reinigungen und Opfer  vorher Klemens Alexandrinus, der selbst eingeweiht war, sagt von den grossen Mysterien:

„Hier endigt aller Unterricht; man sieht die Natur der Dinge“ —

was allerdings sehr geheimnisvoll klingt. Es muss zum Verständnis der Mysterien festgehalten werden, dass den Einzuweihenden Geheimnisse geboten wurden. Geheimnisvoll wurden auch Orakel und Tempelschlaf betrieben. Das begreift sich aber, weil alle Geheimwissenschaften des Missbrauches in einem Grade fähig sind, von dem unsere Generation sehr wenig weiss. Dieser Furcht des Missbrauches lag ohne Zweifel auch die Unterscheidung zwischen kleinen und grossen Mysterien zu Grunde, zu welchen letzteren nur Auserwählte zugelassen wurden, während Frauen ganz ausgeschlossen blieben. Von dem Stifter der samothrakischen Mysterien, dem Priester (nicht Sänger) Orpheus, hiess es, dass er vom Blitz getroffen wurde, weil er die Grenzen menschlicher und göttlicher Wirksamkeit verrückte und Geheimnisse verriet.Herodot zeigt sich sehr zurückhaltend, wenn er auf die Mysterien zu reden kommt. Er spricht von dem Grabe des Osiris zu Sais, ohne jedoch den Gott zu nennen:

„Es ist aber auch das Grab Eines, dessen  Namen bei einer solchen Gelegenheit zu nennen mir nicht erlaubt ist, zu Sais in dem Heiligtum der Athene, hinter dem Tempel, und stösst an die Wand desselben; in dem heiligen Raum stehen grosse Obelisken von Stein, und daran stosst.  An diesem See stellen sie zur Nachtzeit die Leiden des Gottes dar, und das nennen sie die ägyptischen Mysterien; indessen darüber muss ich, obwohl ich ein Mehreres davon weiss, wie es sich damit verhält, reinen Mund halten.“

Daraus geht also hervor, dass die theatralischen Szenen über das Schicksal des Gottes nicht das eigentliche Geheimnis waren. Auf diese Stelle spielt Plutarch an, und zwar in einer Weise, die uns schon auf eine Spur des Verständnisses leitet:

„In Ansehung der Mysterien, die uns freilich den besten Aufschluss über die Natur der Dämonen geben könnten, muss ich, um mit Herodot zu reden, den Mund halten.“

Hatten doch die Mysterien ihren Namen eben daher, weil es verboten war, den Mund darüber zu öffnen, weil dabei das Gebot, zu schweigen, den Mund zu schliessen, auferlegt wurde. Sogar über die blosse Einrichtung des inneren Tempels zu Eleusis zu reden, war verboten. Das Gesetz bestrafte mit dem Tode und mit Einziehung der Güter die Profanation der Mysterien. Wer die ihnen schuldige Achtung verletzte, wurde als schuldvoller angesehen, als wer die staatliche Ordnung seines Vaterlandes Umstürzen wollte. Auf den Kopf des Diagoras, der sich Spässe über die, noch dazu ausländischen, Mysterien erlaubte, war ein Preis gesetzt, ein Talent, wenn er tot, zwei Talente, wenn er lebend eingeliefert würde. Der blosse Verdacht, von den Geheimnissen etwas verraten zu haben, war von Gefahren begleitet. Als Äschylus einiges von den Mysterien der Demeter auf die Bühne brachte, konnte er sich vor der Wut des Volkes nur schützen, indem er zum Altar des Dionysos flüchtete; vor Gericht gestellt, wurde er nur freigesprochen, weil er den Beweis lieferte, dass er überhaupt nicht eingeweiht war.Inschriften auf Erz, die das Andenken des Frevlers der Nachwelt überlieferten, waren Strafe der Verletzung. Alkibiades und seine Freunde wurden wegen Verletzung der Geheimnisse gerichtlich verfolgt, und Lysias in seiner Rede gegen den Andokides, einen Mitgenossen des Alkibiades, erklärt die begangene Verletzung als das grösste Staatsverbrechen. Zwei junge Akamanier, die aus Unwissenheit mit dem Haufen der Eingeweihten in den Tempel der Ceres gingen, wurden als Nichteingeweihte entdeckt und erlitten die Todesstrafe. Vielleicht war die Erblichkeit der Priesterwürde in den ägyptischen Tempeln darum eingeführt, weil man darin eine grössere Gewähr für die Geheimhaltung sah. Auch bei den Griechen war der Hierophant, der erste Priester von Attika und die vornehmste Person bei den eleusinischen Geheimnissen, immer aus dem Geschlecht der Eumolpiden gewählt, die ausschliesslich die Geheimnisse bewahrten und auslegten. Die Oberpriesterin zu Eleusis, die Hierophantide, stand in so hohem Ansehen, dass man öffentliche Angelegenheiten nach dem Jahr ihres Amtes datierte. Sie begleitete bei den Zeremonieen den Oberpriester und war bei der Einweihung zugegen. Die Verletzung der Geheimnisse zog also göttliche Strafe, weltliche Strafe und die Verachtung in der öffentlichen Meinung nach sich, und noch bei Horaz heisst es:

Ihr sicherer Lohn auch harrt der Verschwiegenheit, Und nimmer soll, wer Ceres’ geheime Fei’r Entweihte, ein Dach mit mir teilen, Noch im zerbrechlichen Kahn mit mir vom Land stossen. Oft hat rächend Diespiter Ruchlosen Menschen Unschuld’ge zugesellt; Nur selten blieb mit lahmem Fusse Hinter dem Frevler zurück die Strafe.

Wie wählerisch noch in späterer Zeit bezüglich der Einweihung vorgegangen wurde, beweist Kaiser Nero, der es nicht wagte, bei seiner Anwesenheit in Griechenland sich einweihen zu lassen, weil Verbrecher ausgeschlossen waren. Dagegen Hess sich Marcus Aurelius, als er aus dem Orient zurückkehrte, in Eleusis einweihen, um dadurch öffentlich den Verdacht von sich zu entfernen, dass er an dem Tode des rebellischen Statthalters in Syrien, Ovidius Cassius, Anteil habe. Damit in Zusammenhang steht es, dass der Einweihung eine Art Beichte vorausging, und Lysander die unrechtmässigste Handlung seines Lebens bekennen musste. Dass die Mysterien nicht rationalistisch auszulegen sind, ‚ dürfte aus dem Bisherigen schon klar geworden sein. Wären sie nur ein „cours d’agriculiure“ gewesen, so hätten diesen die Griechen wohl nicht als Geheimnis doziert, sondern vielmehr an die Gemeindevorsteher hinausgegeben. Auch auf den theatralischen Vorstellungen über Götterschicksale lag jedenfalls nicht der Accent der Mysterien. In der Ablehnung derartiger Hypothesen können wir nur bestärkt werden, wenn wir die hohe Verehrung erwägen, welche die Mysterien genossen. Aristoteles nennt sie das Herrlichste und Vortrefflichste und was am meisten in Ehren gehalten werden sollte. Isokrates spricht von ihnen als dem grössten Geschenk, welches mitgeteilt worden, und dessen sich wegen seiner Grösse und Wichtigkeit die Menschen überall und zu allen Zeiten dankbar erinnerten. Cicero sagt, dass Athen nichts Besseres für die menschliche Gesellschaft hervorgebracht habe, als die Mysterien; sie werden Anfänge (initia) genannt, als die wahren Anfänge des Lebens, denn sie geben nicht nur Ursache, mit Freude zu leben, sondern auch mit besserer Hoffnung zu sterben. Pausanias sagt, dass die Griechen den Mysterien einen so hohen Rang vor allen übrigen gottesdienstlichen Handlungen gegeben haben, als von ihnen die Götter über die Helden gestellt seien. Dieses Ansehen geht auch aus dem grossen Zudrang hervor, der bei den kleinen Mysterien wenigstens nicht gehemmt worden zu sein scheint. Der Tempel zu Eleusis, der Ceres und Proserpina gewidmet, war der schönste in Griechenland; das Innere desselben war so gross, wie ein Theater, und fasste zwanzig bis dreissig Tausend Menschen. Es fehlte denn auch nicht an solchen, welche die Einweihung erschwert wissen wollten. Platon, welcher sagt, dass man mit gemeinen Leuten gar nicht darüber reden sollte, weil sie es nicht zu fassen vermögen und nichts glauben, was sie nicht zu sehen gewohnt seien, spricht den Wunsch aus, den Zutritt zu den Mysterien durch grössere Opfer zu erschweren. Noch in den Zeiten des politischen Verfalls genossen die Mysterien ihr ungeschmälertes Ansehen. Dem Kaiser Valen-tinian sagte der Prokonsul von Achaja, dass den Griechen ohne die Mysterien das Leben unerträglich sein würde. Die Alten sprechen von Vorbereitungen, welchen sich die Einzuweihenden zu unterwerfen hatten; sie mussten fasten und in strenger Keuschheit leben. Als verbotene Speise wird insbesondere die Bohne erwähnt, und ein orphischer Vers sagt, man müsse das Essen von Bohnen so sehr verabscheuen, als wenn es das Haupt des eigenen Vaters wäre. In der indischen Mystik herrscht noch heute diese Anschauung. Man musste ferner durch die kleinen Mysterien hindurchgehen, um die grossen zu erreichen. Die Eingeweihten der kleinen Mysterien Messen Mysten, die der grossen Epopten. Plutarch erzählte es als einen ausserordentlichen Fall, dass die Athener den Demetrius Poliorketes auf sein dringendes Verlangen sogleich in die grossen Mysterien einweihten. Bei den Eleusinien ist von drei Stufen die Rede: i. die Reinigung eine mit Entbehrungen und Kasteiungen verbundene Vorbereitung.  Die kleine Einweihung – Die erst nach mehrjähriger Vorbereitung zu erlangende grosse Einweihung — enonnsia. Die Vorbereitungen sind ungemein geeignet, uns über das wahre Wesen der Mysterien aufzuklären. Von Pythagoras wird erzählt, dass er vor seiner Einweihung in Ägypten schweren Prüfungen unterworfen wurde. Von den ägyptischen Priestern wird ferner gesagt, dass sie sich zu den wichtigen religiösen Handlungen durch siebentägige bis zweiundvierzigtägige Enthaltungen vorbereiteten. Dieses Fasten der Priester selbst scheint darauf hinzudeuten, dass es sich um Erweckung mystischer Fähigkeiten handelte, die bei den Mysterien notwendig waren. Dies wird noch deutlicher bei den Mithrasgeheim-nissen, die aus Persien stammten und unter Trajan in Rom eingeführt wurden. Der Sonnengott Mithras wurde noch verehrt, als die übrigen Götter bereite verschwunden waren, und bei seinen Mysterien wurden besonders schwere Prüfungen auferlegt. Menippus erzählt, dass er nach Babylon gereist sei, um von den Nachfolgern des Zoroaster in den Hades und wieder zurückgeführt zu werden; unter seinen Prüfungen erwähnt er Hunger, Durst, Schläge, lange Wanderungen zu Fuss, das Schwimmen durch grosse Wasser, Durchgang durch Feuer und Eis. Der Einzuweihende wurde durch ein gezücktes Schwert erschreckt, und dass dabei auch Blut floss, ja dass Kaiser Commodus sogar angeklagt war, dort einen Menschen getötet zu haben, hat, vielleicht irrtümlich, zu der Ansicht Veranlassung gegeben, dass bei diesen Mysterien Menschenopfer gebracht wurden. Auch Nonnus sagt, dass in die Mithrasgeheimnisse niemand ohne schwere Prüfungen eingeweiht wurde, deren es achtzig Grade gab; der Einzuweihende musste mehrere Tage durch grosse Wasser schwimmen und durch Feuer gehen, dann in der Einsamkeit fasten und Übungen vornehmen, bis er die achtzig Stufen überwunden. Dann erst, wenn er mit dem Leben davonkam, wurde er eingeweiht. Dies ist nun eine ganze Reihe von Punkten, die ganz entschieden auf den Spiritismus hindeuten. Nicht um Belehrung handelte es sich dabei, sondern man wollte den Einzuweihenden durch gewaltsame Massregeln physisch in einen bestimmten Zustand versetzen. Bei der Voraussetzung nun, dass er, sei es zum Medium, sei es zum Adepten herangebildet werden sollte, werden diese sonderbaren Prüfungen sehr klar. Einsamkeit, Fasten und Kasteiungen waren dazu — wie noch heute in Indien — die ersten Vorbereitungen. Das Schwimmen durch grosse Wasser konnte natürlich keine Schwimmprobe im gewöhnlichen Sinne des Wortes sein; denn von einem Nichtschwimmer konnte vernünftigerweise nichts anderes erwartet werden, als dass er ertrank. Dieses Schwimmen war also Prüfung auf eine mystische Begabung, wie sie auch bei den Neuplatonikern vorkommt und als Wasserprobe der Hexen im Mittelalter. Es handelte sich also um eine Eigenschaft, die nicht in der normalen Naturanlage des Menschen liegt, um die mystische Verringerung des spezifischen Gewichtes, die Crookes am Medium Home sogar als übertragbar experimentell festgestellt hat. Eine eben solche Eigenschaft ist aber auch die Feuerfestigkeit. Beim Gehen durchs Feuer wollte man nicht etwa den Mut erproben, etwas zu thun, was er als normaler Mensch nimmermehr ungefährdet thun konnte, sondern seine mystische Fähigkeit, es ungefährdet thun zu können, wurde geprüft; er musste beweisen, dass er ein Medium sei. Wenn bei unseren modernen Medien die Wasserprobe abhanden gekommen ist, so liegt das nur an der Unbequemlichkeit des Verfahrens; die Feuerfestigkeit aber ist am Medium Home mehrfach zur Beobachtung gelangt. Bringen wir ferner das „Erschrecken durch ein gezücktes Schwert“ in Verbindung mit dem Umstand, dass nicht jeder mit dem Leben davonkam, ja dass Commodus sogar einen Menschen tötete, so stellt sich das in Parallele mit den schweren Selbstprüfungen tibetanischer Priester und arabischer Fakire, die nach den Berichten des Missionärs Huc und der Fürstin Belgiojoso greuliche Selbstverwundungen magisch heilen. Ohne dass man also genötigt wäre, absichtliche Tötungen oder gar Menschenopfer anzunehmen, lässt sich doch denken, dass manchmal unzulänglich entwickelte Medien verfrühten oder zu starken Prüfungen unterworfen wurden, so dass bei diesen „Züchtigungen“ — wie man die Proben bei den Mithrasgeheimnissen nannte — dann und wann jemand das Leben verlor, wie ja auch bei der Wasserprobe der Hexen die hochentwickelten Medien auf dem Wasser schwammen und alsdann verurteilt wurden, während die schwächer entwickelten untersanken und herausgezogen werden mussten, was, als normale Eigenschaft des Menschen, zur Freisprechung führte. Dass die alten Priester den Somnambulismus kannten, das zeigen die Orakel und der Tempelschlaf. Auch in den Mysterien finden wir ihn so bestimmt ausgesprochen, dass dem Kenner der Mystik der philologische Verzicht auf die Lösung dieser Rätsel unbegreiflich erscheint. Aber wie bei den Priesterinnen zu Delphi, so nahm auch bei den Mysterien der Somnambulismus oft eine sehr ungeregelte Gestalt an. Scyles, König der Scythen, wollte in die Mysterien des Dionysus Bacchus eingeweiht werden; die Scythen aber schmähten über die Hellenen wegen dieses bacchischen Dienstes, weil es unvernünftig sei, einen Gott zu ersinnen, der die Menschen zur Raserei treibe. Nachdem nun aber Scyles eingeweiht war. lief einer von den Borystheniten zu den Scythen und sprach: Ihr spottet über uns, weil wir am bacchischen Feste schwärmen und der Gott uns ergreift; jetzt hat dieser Gott auch Euren König ergriffen, und er ist rasend von dem Gotte. Der Redner Aristides, indem er vom Tempelschlaf spricht, dem ei sich mehrmals unterwarf, sagt:

„Ich glaubte ordentlich den Gott zu berühren, sein Nahen zu fühlen, und ich war dabei zwischen Wachen und Schlaf; mein Geist war ganz leicht, so dass es kein Mensch sagen und begreifen kann, der nicht initiiert ist. Da nun in die Geheimnisse des Tempelschlafes niemand eingeweiht wurde, so wollte Aristides wohl sagen, dass der Zustand des Tempelschläfers — in dessen Beschreibung er mit jedem Wort an Somnambulismus erinnert — nur dem in die Mysterien Eingeweihten verständlich sei, bei welchen also ebenfalls der Somnambulismus erregt wurde. Darauf deutet auch der Umstand hin, dass mit den Mysterien in den Tempeln häufig ein Orakeldienst verbunden war. Ganz ungeregelt erscheint der Somnambulismus auch bei den Korybanten, den Priestern der Cybele, die ihn an sich selber in ähnlicher Weise hervorriefen, wie noch heute die Derwische; sie tanzten in verschlungenen Windungen und verbanden damit Geisselungen und blutige Verwundungen, Brust und Schultern waren entblösst und im Gürtel trugen sie ein scharfes Messer. Die Unterdrückung des sinnlichen Lebens, als negative Seite des Somnambulismus, spricht sich aus in der Übereinstimmung zwischen manchen Zeremonieen bei der Einweihung und anderen bei Begräbnissen und Trauerfeierlichkeiten, weil die Eingeweihten durch einen totenähnlichen Zustand hindurchgingen. Plutarch spricht von den Gemütsbewegungen, dem Schrecken und Beben der Eingeweihten und vergleicht ihren Zustand mit dem Sterbender, ja er nennt geradezu den Tod eine Einweihung in die grossen Mysterien. Nach Porphyrius muss der Zustand der Seele im Sterben so sein, wie während der Mysterien, d. h. ohne Leidenschaft. Ebenso deutlich sind aber auch die positiven Seiten des Somnambulismus geschildert, d. h. die Erwerbung transcendental-psychologischer Eigenschaften, und dieser Zustand wurde in Parallele gesetzt mit dem Zustand nach dem Tode. Schon der Anfang der Mysterien, die Reinigung, wird als ein mystischer Tod bezeichnet,und wenn Themistius von den Seligkeiten des künftigen Lebens eine Vorstellung geben will, so vergleicht er sie mit den Mysterien. Es ist also nicht als mündliche Belehrung zu verstehen, sondern als Erweckung des transcenden-talen Zustandes — die einzige in der Erfahrung uns gegebene Antizipation des transcendenten Zustandes —, wenn gesagt wird, dass in den Mysterien die Unsterblichkeit gelehrt wurde. Cicero behauptet das in den von Ernesti herausgegebenen Fragmenten von allen Mysterien. Porphyrius sagt es von den persischen Mithrasgeheimnissen, und Celsus erwidert dem Origenes, dass in den Mysterien jenseitige Belohnungen und Strafen gelehrt werden. Da nun aber diese Unsterblichkeit auch Lehre der Philosophen war, so muss auf Seite der Mysterien noch ein Überschuss gewesen sein, und dieser Überschuss konnte wohl nur in dem empirischen Beweis für die Unsterblichkeit liegen, den man teilweise schon im Somnambulismus fand, mehr aber noch in den eigentlich spiritistischen Bestandteilen der Mysterien. Es klingt ganz indisch, wenn Proclus sagt, dass die Seele bei den grossen Mysterien von einem dem Tode ähnlichen Leben zur Gottheit hinaufgeführt werde; denn auch bei den Indiern wird das mit dem Absterben des sinnlichen Lebens verbundene transcendentale Erwachen als Vereinigung mit Brahma bezeichnet Weil auch den Griechen diese Erwerbung transcendentaler Eigenschaften als Teilnahme an der göttlichen Natur erschien, wird die Einweihung als Vergöttlichung.  Stobaeus vergleicht die Einweihung mit dem Tode; die Seele empfinde im Tode eben das, was der in die grossen Mysterien Eingeweihte; die Worte kommen mit den Worten, die Sachen mit den Sachen überein: denn zsXsvtäv heisst sterben. Apulejus der selbst eingeweiht war, nennt die Einweihung einen freiwilligen Tod und eine Wiedergeburt in ein neues Leben; es geschehe bei der Einweihung in die grossen Mysterien der Isis ein freiwilliges Hingeben zum Tode, und das dabei wiedererlangte Leben müsse als ein von dieser Göttin erbetenes Geschenk betrachtet werden, durch deren Gnade man gleichsam wiedergeboren, zu neuem Leben zurückgerufen werde.  Er wusste auch, dass man durch magische Künste ebenfalls diesen Zustand erwecken kann:

„Auch bedenke ich, dass der menschliche Geist, zumal der kindische und einfältige, durch Zauberlieder oder Räucherdunst eingeschläfert und bis zur Vergessenheit der gegenwärtigen Dinge entzückt werden kann. So kehrt der allmählich seines Körpers Vergessende zu seiner ersten Natur zurück, welche nämlich unsterblich und göttlich ist, und kann auf diese Art, gleichsam im Schlummer, künftige Dinge voraussehen. (Quin et illud tnecum reputo, posse animum humanum, et puerilem praesertim simplicemque, seu carminum avocamento, seu odorum delinimento soporari et ad oblrvionem prae-sentium externari; et paulisper remoto corporis memoria redigi ac redire ad naturam suam, quae est immortalis scilicet et divina, atque ita veluti quodam sopore, futura rerum praesagire“.

Hier ist also der somnambule Zustand, nach seiner negativen wie positiven Seite unverkennbar bezeichnet, mit dem vorgeburtlichen und künftigen in Verbindung gebracht.  Deutlicher noch spricht Hierokles den Zustand aus, der in den Mysterien erweckt wird; er nennt diese Religionsgebräuche Mittel zu den telestischen Tugenden, wodurch die Menschen Dämonen werden. Durch die Philosophie des Platon zieht sich die Lehre, dass die wahre Philosophie und die Seelenreinigung in den Mysterien mit einander übereinstimmen, welche Reinigung in einer Absonderung der Seele vom Körper bestehe, indem sie gleichsam aus den Fesseln desselben befreit wird.2) Was aber der Philosoph durch ein geordnetes, auf das Übersinnliche gerichtetes Leben erzielt, das wird in den Mysterien momentan erzielt durch Versetzung in den somnambulen Zustand. Dass es sich um denselben Somnambulismus handelt, den die Griechen auch im Tempelschlaf anwendeten, das zeigt Aristophanes an, wenn er sagt, dass den Kranken auch zum Zwecke der Heilung die Mysterien erteilt wurden. Den durch die Mysterien erweckten Zustand stellt Platon dem vor der Geburt gleich. Durch die Mysterien wird die Erinnerung an die vormals geschauten und erkannten Dinge geweckt, d. h. an die Ideen, die ausserhalb der Körperwelt existierenden immateriellen Urwesen der körperlichen Dinge. Es werden also Dinge geschaut, die vorher sinnlich nicht wahrnehmbar waren; Zweck der Mysterien sei, die Seele dort wieder hinaufzuziehen, woher sie herabgefallen. Proclus aber bemerkt, es sei Zweck der Mysterien, die Seele vom körperlichen Leben abzuziehen — kataieptischer Zustand — und mit den Göttern zu vereinigen — somnambule Vision. Auch die kabirischen Geheimnisse hiessen  und wurden als  eine Aufnahme in den Bund von Göttern betrachtet.

„Der Eingeweihte wurde durch die empfangenen Weihen selbst ein Glied jener magischen Kette, er selber ein Kabir, aufgenommen in den unzerreissbaren Zusammenhang und, wie die alten Inschriften sich ausdrückten, dem Heere der oberen Götter gesellt.“

Die Mysterien stehen also im Zusammenhang mit dem Glauben an Präexistenz und Seelen Wanderung; die Präexistenz hat die Seelenwanderung schon zur Voraussetzung, daher denn Platon auch beide immer verbindet und die Präexistenz als Lehre der Mysterien bezeichnet. Die irdische Geburt ist ein Glied dieser Seelenwanderung und sie erscheint wegen der Höherstellung des somnambulen Lebens als ein Sündenfall. Im Phädrus und Timäus ist die Seelen Wanderung als Unglück und Strafe geschildert, verschuldet durch die Sünden in einem früheren, besseren und vollkommneren Zustand; dieser Zustand wird in den Mysterien wieder erreicht, und wenn es auch nur vorübergehend geschieht, so liegt darin doch eine Gewähr für die Unsterblichkeit und das Wiedererwachen zu jenem Leben, in welchem die Seele die immateriellen Ideen schaut. Das gegenwärtige Leben ist eine Frucht des früheren und der Keim des künftigen. Im Cratylus nennt Platon den Leib ein Gefängnis der Seele, und im Gorgias sagt er, er habe von den Weisen gehört, dass unser gegenwärtiges Leben wahrer Tod sei und der Leib das Grab der Seele. Da nun Platon in Ägypten unterrichtet worden war, so lässt sich annehmen, dass dieses die Lehre der Mysterien war. Die irdische Geburt ist ihm ein Abfall von einem seeligen und göttlichen Leben. Die Seelen an sich sind Dämonen. Der Körper  ist das Grab der Seele, aus dem sie wieder zur Seligkeit hinaufgeführt werden soll. Cicero führt diese Anschauung als eine solche an, die in allen Mysterien gelehrt wurde, und vergleicht die Verbindung der Seele mit einem Körper mit jener Strafe, welche etruskische Seeräuber an ihren Gefangenen vollzogen, indem sie diese mit den Leichnamen Getöteter zusammenfesselten. Im Pbädon wird der Zustand derEingeweihtenmit demZustand vor dem Sündenfall verglichen; die ehemalige Seligkeit sei dem Zustand der Eingeweihten ähnlich gewesen, aber noch reiner und vollkommener; gleichwohl sei es eine grosse Lehre der Mysterien, dass der Mensch aus dem irdischen Gefängnis sich nicht selbst erlösen dürfe. Platon schreibt die Anschauung, dass die Seele wegen früherer Schuld im Körper, wie in einem Gefängnis sich befinde, den Orphikern zu. Nach dieser Lehre, einer metaphysischen Auslegung des goldenen Zeitalters, ist der Mensch nicht eigentlich ein irdisches Geschöpf, sondern ein himmlisches, ein Dämon. Auch dem Empedokles sind die Menschenseelen gefallene Dämonen, die vorher ein besseres Leben führten, allmählich aber ihre ursprüngliche Seligkeit wieder erlangen werden; der Tod ist die Wiedergeburt eines lange verwiesenen Dämons. Der Sündenfall, die Seelenwanderung oder Palingenesie, die ursprüngliche Dämonennatur des Menschen, die in abnormen Zuständen wieder erweckt werden kann, das sind eben Probleme, womit sich, wenn auch mit Veränderung der Ausdrücke eine jede Philosophie auseinandersetzen muss, welche die Thatsachen der Mystik zu ihren Spekulationen verwertet; insofern aber kann man allerdings sagen, dass wir über Platon noch nicht hinausgekommen sind. Bei den Neuplatonikern führten diese Anschauungen zur Theurgie, zum Bestreben, die latente dämonische Natur des Menschen zu erwecken und die Verbindung mit einer höheren Geisterwelt wieder herzustellen. Sie haben sich aber noch länger erhalten: die gnostische Sekte der Karpokratianer lehrte, dass der Leib ein Kerker der Seele sei. (Corpus enim dicunt esse carcerem. Die Gnostiker glaubten, sie seien Dämonen, die vor dem irdischen Leben in einem höheren Zustand gewesen und zur Strafe für Sünden in einen Körper eingeschlossen wurden. So deutet denn alles darauf hin, dass es sich bei den Mysterien nicht um Belehrung im reflektiven Sinne handelte, sondern um Erweckung eines mystischen Zustandes, der alsdann allerdings Stoff genug zu philosophischen Spekulationen bot, weil dieser Zustand sich als vom irdischen ganz verschieden und, wenn auch in beschränkter Richtung, darüber erhabener zeigte, welchen mit Präexistenz und Postexistenz zu vergleichen sehr nahe lag. Dieser Zustand stimmt mit dem überein, was wir als Somnambulismus kennen, in negativer Hinsicht — als Unterdrückung des sinnlichen Bewusstseins — und in positiver Hinsicht — als Erwerbung transcendentaler, mit Visionen verbundener Fähigkeiten. In negativer Hinsicht ergiebt sich die Vergleichung der Mysterien mit Schlaf und Tod; darum nennt Plutarch den Schlaf die kleinen Mysterien des Todes, der also seinerseits mit den grossen Mysterien zu vergleichen ist. Im Sterben, sagt Porphyrius, soll die Seele so sein, wie während der Mysterien, frei von Leidenschaften, Hass, Neid, Zorn — was an die moralische Steigerung der Somnambulen in der Hervorkehrung ihres transcendentalen Bewusstseins erinnert. Dieser Mysterienzustand ist es auch, dem der Weise im Leben nachstrebt. Im Phädrus sagt Sokrates, dass die Reinigung der Seele, das Bestreben, sie von den Banden des Körpers freizumachen, Zweck der wahren Philosophie und der Mysterien sei. Nur derjenige sei künftiger Seligkeit fähig, der durch sinnliche Entsagung die Seele vom Körper getrennt und dadurch ihre Reinigung verursacht hätte. Durch die Entsinnlichung in den Mysterien erreiche der Eingeweihte schon in diesem Leben die Seligkeit, die ihm im künftigen Zustand zu Teil werden soll und welche die Seele durch Versenkung in die Leiblichkeit verloren. Dieser Zustand der Eingeweihten wird bewirkt durch Zeremonieen und Handlungen, und es wurde alles aufs genaueste beobachtet, um die gehoffte Wirkung zu erreichen. Daher sagt der Redner Lysias, dass nie jemand sich unterfangen habe, bei den Mysterien Neuerungen einzuführen, nicht einmal bei den ungeschriebenen Gesetzen derselben,1) und Jamblich us spricht von der göttlichen Vereinigung, die nur erreicht werden könne durch strengste Beobachtung der Zeremonieen und des festgesetzten Rituals. (Nam unio illa deifica non acquiritur nisi per ceremoniarum ineffabilium observaiionem, per operaiiones riie factas. Damit ist im allgemeinen auch die positive Seite des durch die Mysterien erreichten Zustandes bezeichnet, den die Alten nicht hoch genug preisen konnten. Es war ein heiliger Wahnsinn der mit der Begehung der Mysterien erbunden war, eine Seligkeit, nicht in Gedanken, sondern in wirklicher Erfahrung. Nach Euripides werden die Teilnehmer in einen ausser-gewöhnlichen Zustand der Seligkeit versetzt, der ihnen schon auf Erden ein Glück, gewährt, das der Uneingeweihte nicht kennt. Der höchste Zustand, die inomsia, die auf die mit dem Sterben verglichene , wird als höchste Seligkeit gepriesen. Es war Redensart bei den Griechen, zu sagen:

„Ich scheine mir im Zustand des Epopten, des die Geheimnisse Schauenden“, wie wir sagen: „Ich bin wie im Himmel.“

Diese Seligkeit wird verglichen mit der, die uns im Tode erwartet; sie wird nicht in der materiellen Welt, nicht mit dem Leib, sondern nur in der Befreiung von diesem empfunden. Mit anderen Worten: der somnambule Zustand ist ein transcendentaler; er ist nicht aus dem Körper zu erklären, sondern tritt trotz desselben ein, in äquivalenter Steigerung mit der Unterdrückung des sinnlichen Lebens. Daher sagt Sophokles in einem Fragment:

Wie höchstbeglückt gelangen die ins Schattenreich,

Die eingeweihet sind. Sie leben dort allein,

Den andern ist nnr Not und Ungemach bestimmt.

In einem Hymnus an Demeter heisst es mit Bezug auf die Eleusinischen Weihen:

Selig, welcher das schaute der sterblichen Erdenbewohner!

Aber wer dieser Weihen nicht teilhaft, hat nicht ein gleiches

Los im Tode, sobald er ins düstere Dunkel hinabstieg.

Wie Herkules bei Euripides sagt:

„Ich war glücklich, da ich die Geheimnisse sah“

, so preisen auch unsere Somnambulen ihren ekstatischen Zustand als eine Seligkeit Dass es sich in den Weihen um Somnambulismus handelte, geht daraus hervor, dass Epimenides, den die Kretenser als Priester des Zeus einen Kureten nannten,5) nicht nur in göttlicher Ekstase weissagte, — das Fernsehen der Somnambulen — sondern auch die Dichtkunst betrieb — das Dichten der Somnambulen — und dass er sich während seines Schlafes mit ovofxia, d. h. mit der Bereitung wunderbarer Heilmittel aus der Pflanzenwelt beschäftigte — die Heilmittelverordnung der Somnambulen.Wer die Aussagen unserer Somnambulen in Bezug auf die Ähnlichkeit ihres Zustandes mit dem Sterben kennt, ihre felsenfeste Überzeugung von einem Fortleben nach dem Tode, der wird vom Standpunkt unserer Hypothese ein Gleiches bei den Mysterien zu finden erwarten. In der That war es allgemeine Ansicht, dass die Mysterien die Furcht vor dem Tode benehmen, und sie findet sich schon ausgedrückt in der Sage, dass Herkules seine Kühnheit, in die Unterwelt hinabzusteigen, durch die Eleusinischen Weihen erhalten habe. Das heisst doch wohl, dass man durch die Mysterien mit dem Hades in einer Weise bekannt wurde, die weniger schrecklich war, als die Volksvorstellung. Isokrates sagt, dass die Menschen vermöge des Geschenkes, das sie von der Ceres durch die Mysterien erhalten, mit weit besserer Hoffnung auf die Zukunft aus der Welt scheiden. Plutarch verweist seine um den Tod der Tochter trauernde Frau an die Mysterien, bezüglich der Hoffnung eines künftigen Lebens; man wisse es aus den Mysterien, dass die Seele nach dem Tode noch lebe und empfinde :

„Du weisst es aus den Überlieferungen deiner väterlichen Religion und aus den mystischen Symbolen der Orgien, in die wir beide eingeweiht worden, dass die Meinungen der enigen Philosophen falsch sind, welche den Tod als gänzlichen Untergang des Menschen, als das Ende aller Freuden und Leiden ansehen.“

Aber nicht nur die Überzeugung von der Unsterblichkeit überhaupt wurde den Eingeweihten erteilt, sondern es war ihnen auch im Gegensatz zu den Nichteingeweihten und im Gegensatz zum Volksglauben, der nur einen freudelosen Hades kannte, ein besonders glücklicher Zustand versprochen. Von den Eleusinien wird es entschieden betont, dass sie den Eingeweihten tröstliche Hoffnungen für das Jenseits gewähren, und es wird den Mysterien im allgemeinen nachgerühmt, dass sie nicht nur für dieses Leben, sondern auch für das künftige die besten Aussichten eröffnen. Bei Platon bildet dieser Unsterblichkeitsglaube die Vollendung der Philosophie; im Phädrus wird er als selige Vergangenheit gelehrt, im Phädon als selige Zukunft. Die Erhebung der Seele über die Sinnlichkeit bildet ihm eine Gewähr für die Fortdauer, die im Tode nicht beseitigt, sondern vollendet wird. Das Streben der Philosophen ist auf Sterben und Tod gerichtet; der Philosoph verachtet den Körper, sucht ihm zu entrinnen und selbständig zu werden. Der Tod erscheint im Phädon nicht als ein Übel, sondern als Weg zu den höchsten Gütern. Darum trinkt Sokrates den Giftbecher heiter und ohne Furcht; er begrüsst den Tod als Erretter von der Krankheit des Lebens, und sein letztes Wort ist, dass er dem Heilgott Asklepios einen Hahn schulde, das gebräuchliche Opfer, welches die von einer Krankheit Genesenen darbringen. Dem irdischen Leben gegenüber erscheint der künftige Zustand als ein höheres Leben; darum sagt Euripides in einem Fragment:

Wer weiss, ob nicht das Leben ist Gestorbensein,

Doch das Gestorbensein für Leben unten gilt ?

Plutarch aber, der als Oberpriester zu Delphi über Orakel und Mysterien am besten belehrt sein musste, war nicht nur von der Unsterblichkeit überhaupt überzeugt, sondern musste auch als Beobachter und philosophischer Ausleger der mystischen Phänomene notwendig zu der Ansicht kommen, dass das jenseitige Leben dem irdischen an Wert überlegen sei. Zwar leitet er die Geburt des Menschen aus einer Neigung der Seele zur Erde ab, aber diese Neigung findet am Inhalt des Lebens nicht ihre Rechnung, und wird vielleicht von Plutarch selbst als durch anderweitige Motive veranlasst gedacht Er sagt:

„Wenn die Seele mit dem Körper verbunden ist, befindet sie sich in derselben Lage, wie Ulysses, der sich an dem wilden Feigenbaum anklammerte und ihn fest in die Arme schloss, nicht etwa aus Liebe und Zuneigung zu ihm, sondern nur aus Furcht vor der unten befindlichen Charybdis.Ebenso ist es auch nicht die Liebe und ein Wohlgefallen, wodurch die Seele an den Körper gefesselt ist und mit ihm innigst verbunden wird, sondern bloss die Furcht vor der Ungewissheit des Todes; denn wie der weise Hesiodus sagt:

»Vor uns Menschen halten die Götter das Leben verborgen/ Sie haben also nicht die Seele mit fleischlichen Banden an den Körper gefesselt. Um sie darin festzuhalten, erfanden sie ein besonderes Mittel, eine ganz eigene Art von Banden, nämlich die Ungewissheit und Zweifel in Bezug auf den Zustand nach dem Tode. Wenn die Seele von der Glückseligkeit, welche die Menschen nach dem Tode erwartet, fest überzeugt wäre, so würde sie sich, wie Heraklit sagt, durch nichts auf der Welt zurückhalten lassen.“

Die Unsterblichkeitsüberzeugung wurde also nicht reflektiv gelehrt, und auch szenischen Darstellungen aus dem Leben im Hades würde nur das Gewicht dichterischer Phantasieen erteilt worden sein; sie wurde also erworben durch eigene Erfahrung auf transcendental-psychologischem Wege. Diese subjektive Erfahrung wurde aber noch verstärkt durch objektive Bestandteile der Mysterien, die uns geradewegs nötigen, dieselben mit den spiritistischen Sitzungen unserer Tage zu vergleichen. Damit erst erklärt sich vollständig das Geheimnis, womit sie umgeben waren. Darum ist es aber auch nicht verwunderlich, dass unseren Philologen, die im Spiritismus nur Betrug und Täuschung vermuten, der wahre Sinn der Mysterien entgangen ist, und dass sie darin noch immer ein unlösliches Problem sehen. Was in den Mysterien nicht gelehrt, sondern gezeigt wurde, hatte Bezug auf die Gottheiten der Unterwelt und erweckte die feste Überzeugung von der Unsterblichkeit. Daraus allein schon könnte man schliessen, dass in den Mysterien Nekromantie getrieben wurde, und diese Vermutung wird vollkommen bestätigt. Was die alten Schriftsteller davon enthüllen, musste allerdings, weil das Geheimnis so streng gehütet wurde, allen Nichteingeweihten ganz unverständlich bleiben und konnte nur von den Eingeweihten verstanden werden. Dieses Verhältnis besteht aber noch heute: Wer mit Kenntnissen des Spiritismus an das Studium der Mysterien geht, dem sprechen die Alten eine verständliche Sprache, so geheimnisvoll sie auch thun; wer aber die moderne Nekromantie nicht kennt, dem bleiben die Mysterien ein Rätsel, und er wird, wie unsere Philologen, die Flinte ins Korn werfen d. h. auf eine Erklärung verzichten. Der moderne Spiritist befindet sich also in der Lage des Eingeweihten im Altertum: er versteht die dunklen Andeutungen der Schriftsteller Plutarch sagt, dass die Athener vor alters die Verstorbenen Demetreier genannt hätten. Der Demeterdienst hatte also Bezug auf die Unterwelt. In der Unterwelt herrschte Proserpina über die Schatten der Verstorbenen; darum war ihr die Cypresse geweiht und es galt als gleichbedeutender Ausdruck, in die Unterwelt hinabzusteigen oder der Proserpina Opfer zu bringen,8) was sich sehr gut erklärt, wenn die Opfer zum Behufe der Nekromantie geschahen. Andrerseits ist die Antizipation des künftigen Zustandes durch die Einweihung in die Mysterien als Rückkehr zu dem, diesem identischen, Zustand vor der Geburt aufzufassen. Im Phädrus erscheint als Wirkung der Mysterien die Versetzung des Bewusstseins aus dem Reich des Materiellen in das Reich der geistigen Potenzen; Platon sagt, dass die Seele in ihrem früheren Zustand, ehe sie in die materielle Welt kam, Orgien feierte. Da damit auch die Einweihung bezeichnet wird, war sie Rückkehr in diesen ehemaligen Zustand.

Immerhin ist bei den Alten die Beziehung der Mysterien auf den künftigen Zustand vorwiegend betont, und zwar konnte der Vorzug derselben vor den religiösen und philosophischen Vorstellungen nur darin bestehen, dass zum dogmatischen und logischen Unsterblichkeitsbeweise der empirische hinzutrat; nur darin konnte der Überschuss und höhere Wert der Mysterien begründet sein. Schelling sagt mit Recht:

„Man muss immer zuerst die Frage aufwerfen: Welche Quelle könnten die Mysterien haben, die nicht auch der Philosophie zugänglich waren? Denn solche Quellen mussten sie haben, um sich auch im Zeitalter der schon mächtig entwickelten Philosophie, in Zeitaltern, die schon einen Sokrates, Platon und Aristoteles kannten, in ihrem Werte zu behaupten.“

Würde es sich um Dinge von ganz anderer Art handeln, als welche von der Philosophie behandelt wurden, so würden wir im Unklaren bleiben. Nun legen aber die Mysterien den Accent auf die Unterwelt und die Unsterblichkeit, die einem Platon als Vollendung der Philosophie galt. Es konnte also kein diametraler Gegensatz zwischen Philosophie und Religion und andererseits den Mysterien bestehen, sondern nur ein Gegensatz der Stufen. Eine wirklich höhere Stufe konnte nur in dem Erfahrungsbeweise der Unsterblichkeit liegen, der teils auf dem Wege der transcendentalen Psychologie erreicht wurde, durch Somnambulismus, teils durch objektive Phänomene mystischer Natur, durch Spiritismus. In unseren spiritistischen Sitzungen sind die Hauptbestandteile : Physikalische Phänomene und das Erscheinen von Phantomen. Sehen wir also zu, ob die Berichte der Alten deutlich genug sind, um auf solche Phänomene schliessen zu lassen. Der Glaube an Geister ist in unseren Tagen so gering, dass gerade die durchschnittlich gebildeteren Klassen in den physikalischen Kundgebungen nur Trivialitäten sehen, die eines wirklichen Geistes ganz imwürdig wären. Bei dieser Ansicht übersieht man die Gesetzmässigkeit der intelligiblen Welt und verwechselt die objektive Beschränktheit der Eingriffsmöglichkeiten in unsere Welt mit subjektiver, geistiger Beschränkung der Eingreifenden. Im Altertum dagegen war der Glaube an das Übersinnliche noch sehr lebendig, und ohne Bezug auf dasselbe hätten die Mysterien ihr hohes Ansehen nicht gewinnen können; physikalische Manifestationen konnten also von Leuten, die auf das zu Erwartende gar nicht vorbereitet waren, nur mit einem gelinden Grauen aufgenommen werden; denn dem Gespensterleugner kann es nicht schwer fallen, bei Manifestationen, die er für Betrug hält, mutig zu bleiben, der Gespenstergläubige dagegen wird diesen Mut nicht unter allen Umständen auf bringen. Bei den Alten ist nun sehr viel von dem Schrecken die Rede, womit die Mysterien erfüllen. In einem dem Plutarch zugeschriebenen Fragment bei Stobäus ist davon die Rede, dass die mit der Einweihung verknüpfte Seligkeit nicht sofort erreicht wird; zuerst finde langes Umherirren statt, beschwerliche Wege, und aus einem gewissen Dunkel verdächtige und zu keinem Ausweg führende Wege; dann, vor dem Ende selbst, alles Furchtbare, Schauer, Zittern, Angstschweiss und Entsetzen. Sodann aber kommt ein wundervolles Licht dem Einzuweihenden entgegen, glänzende Auen und Ebenen mit Stimmen und Chortänzen, ehrwürdige Laute und göttliche Erscheinungen. Dann erst begeht der Eingeweihte, freigeworden und entlassen umhergehend, gekrönt die eigentliche Feier. Er geht sodann mit heiligen und reinen Menschen um, die uneingeweihte Menge der Nichtgeweihten von oben her sehend, wie sie in tiefem Schlamm und Qualm von sich selbst zertreten und umhergetrieben und aus Unglauben an jene höheren Güter mit der Furcht des Todes allen anderen Übeln preisgegeben bleiben. Pausanias spricht von dem Grauen, welches die Uneingeweihten von den Mysterien zurückhält und es entspricht ganz dem Hexensabbath und den oft sehr unsanften Berührungen bei spiritistischen Sitzungen, wenn es heisst:

„Einige werden zu Boden geworfen, bei den Haaren ergriffen, geschlagen, ohne in der Finsternis den Thäter entdecken zu können.“

Aber auch was in dem eben angeführten Fragment bei Stobäus von der nachträglichen Stimmung der Eingeweihten gesagt ist, entspricht sehr gut dem aristokratischen Gefühl, womit manche Spiritisten auf die Schar der Nichtspiritisten herabsehen zu dürfen glauben.

Dass die erwähnten göttlichen Erscheinungen als Phantome, als Materialisationen, angesehen werden müssen, wird aus den Berichten klar. Dabei finden sich, wie eben auch in unseren Tagen, die drei möglichen Auffassungsweisen, dass man es mit guten Dämonen, oder bösen Dämonen, oder mit verstorbenen Menschen zu thun habe. Plutarch spricht von den Dämonen, die für gewöhnlich ihren Aufenthalt im Mond haben, zuweilen aber auf die Erde herabkommen, um die Orakel zu besorgen, den erhabensten Mysterien beizuwohnen und an der Feier derselben teilzunehmen. Wenn sie sich etwas zu Schulden kommen lassen, so werden sie auf die Erde verstossen und in menschliche Körper eingeschlossen. Als solche verstossene Dämonen nennt er nun Mysterienpriester, die Daktylen in Kreta — die ältesten Bewohner Kretas, denen als Wohlthätern der Menschheit göttliche Ehren erwiesen wurden — und die Korybanten in Phrygien, jene Priester der Cybele, welchen übermenschliche Eigenschaften zugeschrieben wurden, vermöge ihrer mystischen Kenntnisse. Apulejus sagt von seiner Einweihung:

„Ich war in Gemeinschaft der oberen und niederen Götter und habe sie in grosser Nähe verehrt.“

Von bösen Dämonen — Antihei — wird gesagt, dass sie sich einstellen, wenn im Rituale etwas verfehlt wird. Vielleicht ist es in dieser Weise zu erklären, wenn von den ägyptischen Priestern gesagt wird, dass sie ihren Göttern sogar drohen. Jedenfalls werden neben den höheren Göttern auch solche von niederer Art angenommen. Apulejus sagt, dass die Dämonen mit den eigentlichen Göttern die Unsterblichkeit, mit den Menschen die Leidenschaften gemein haben, dem Zorn und der Erbarmung zugänglich seien. Dieser Ansicht neigt sich auch Plutarch zu:

„Aus diesem Grunde thut man wohl am besten, wenn man alles, was von Typhon, Osiris und Isis erzählt wird, nicht für Begebenheiten einiger Götter und Menschen, sondern gewisser grosser Dämonen hält, welche, wie auch Platon, Pythagoras, Xenokrates und Chrysippus mit den alten Theologen übereinstimmend behaupten, zwar stärker sind, als die Menschen, und von Natur eine grössere Macht besitzen, als wir, aber auf der anderen Seite auch nicht eine ganz reine und unvermischte Gottheit, sondern so, wie wir, eine Seele und einen Körper haben, die Vergnügen und Schmerzen empfinden können, und allen den damit verbundenen Abwechslungen und Leidenschaften unterworfen sind, welche einige mehr, andere weniger beunruhigen, indem unter den Dämonen so gut, als unter den Menschen, in Ansehung der Tugend und des Lasters eine grosse Verschiedenheit stattfindet.“

Der Übergang zu der Vorstellung, dass die Dämonen verstorbene Menschen seien, finden wir bei Heliodor, wo Kalasiris sagt:

„Götterund Dämonen nehmen, wenn sie zu uns kommen und von uns gehen, höchst selten Gestalten von anderen Geschöpfen, meistenteils die von Menschen an, um von uns besser bemerkt zu werden. Den Uneingeweihten können sie nun leicht verborgen bleiben, dem Scharfblick des Klugen entgehen sie nicht: er erkennt sie an dem scharf und unverwandt blickenden Auge, dessen Lider sich niemals schliessen, und mehr noch an ihrem Gang, indem sie nicht ausschreiten und dieFüsse abwechselnd setzen, sondern indem sie die Luft in einem widerstandslosen Zuge und Schweben mehr durch-schneiden als durch wandeln.“

Man kann nicht deutlicher reden, und das passt vollkommen auf Phantome. Endlich finden wir es aber auch, wenn nicht geradezu ausgesprochen, so doch als implidte Folgerung, dass die Erscheinungen bei den Mysterien verstorbene Menschen seien. Nach hellenischer Ansicht sind nämlich die Verstorbenen unkörperliche Gebilde, aber nicht unleiblich und es verbleibt ihnen sogar Geschlecht und Alter. Man kann sie nicht greifen, aber sehen, wie „dampfenden Rauch“, sie sind also nicht rein immateriell; sie haben Gesicht, Grösse, Kleidung und Stimme, wie sie im Leben hatten. Es mangelt ihnen Besinnung und Gedanke, die man durch das Zusammensein von Körper und Seele bedingt hielt. Sie müssen Blut trinken, um zur Besinnung zu kommen. Es war also den Nekromanten ausserhalb der Mysterien und musste noch mehr den Mysterienpriestern bekannt sein, dass Phantome durch Verwendung organischer Stoffe zur deutlichen Materialisierung gebracht werden können. Dazu kommt noch, dass nach der Lehre griechischer Philosophen die Seelen der Menschen ehemals Dämonen waren, die zur Strafe in menschliche Leiber versenkt wurden und erst wieder glücklich werden, wenn sie sich in die Gesellschaft der anderen Geister hinaufschwingen, also wieder Dämonen werden; und so erscheint es natürlich, dass die Dämonen ihrerseits als verstorbene Menschen bezeichnet werden. Schon in dem goldenen Gedicht des Pythagoras kommen neben Göttern und Heroen auch die Dämonen vor; unter letztere rechnete man aber auch die abgeschiedenen Menschenseelen, die teils im Lufträume, teils unter der Erde sich aufhalten, und nicht selten den Menschen erscheinen. Wie schon Heraklit und Demokrit bezeichnet auch Xenokrates die Seele des Menschen als seinen Dämon. Hesiod nennt die Geschlechter der früheren Menschen gute Dämonen.Josephus hält die Dämonen für die Seelen verstorbener Menschen. Bei Philo sind Engel, Dämonen und Seelen nur verschiedene Namen für dieselben Wesen; von der Lust zur Erde getrieben steigt ein Teil dieser Seelen herab, um sich mit sterblichen Leibern zu verbinden. Auch Apulejus rechnet die menschlichen Seelen zum Geschlecht der Dämonen, sowohl während ihres irdischen Lebens, als nach ihrer Befreiung; doch seien es nur Dämonen niedriger Ordnung, die in den Leib eingehen. Cicero sagt:

„Erinnere dich, weil du doch eingeweiht bist, was man in den Mysterien hört, und du wirst von selbst einsehen, wie allgemein wahr es sei, dass unsere Götter ehemals Menschen waren.‘‘

Es ist nicht schwer, darin Anschauungen zu erkennen, die allmählich durch die ägyptischen und griechischen Tempelmauern hindurchsickerten. Porphyrius nennt die Seelenwanderung eine Lehre der Mithrasmysterien Cicero bezeichnet es als Lehre der Mysterien, dass die Menschen wegen der in einem früheren Leben begangenen Sünden zur Strafe auf die Erde gesetzt seien. Andrerseits wird nach Proklus die Seele durch die Mysterien von dem körperlichen und sterblichen Leben abgesondert und in die Gemeinschaft der Götter versetzt, und auch im Phä-rus wohnen die Eingeweihten mit den Göttern zusammen. Demgemäss erscheint das irdische Leben als ein mittleres zwischen zwei anderen Existenzen, in welchen sich die Seelen der Verstorbenen mit den Dämonen vermischen; der Totenkultus wird zu einem Bestandteil des Dämonenkultus. Daraus ergeben sich für die Mysterien zwei Hauptbestandteile:

1. Die menschlichen Seelen wurden zu Dämonen erhoben, und dies kommt unserem heutigen Somnambulismus am nächsten.
2. Die Dämonen wurden zur irdischen Materialisierung gebracht, d. h. wir können die göttlichen Erscheinungen in den grossen Mysterien unseren Phantomen im Spiritismus gleichstellen. Der Begriff des Mediums scheint sich, begrifflich wenigstens, aus den mystischen Phänomenen des Altertums nicht deutlich herausgeschält zu haben; die Materialisationen wurden mehr durch Verwendung organischer Stoffe und Räucherungen erleichtert. Bei Jamblichus ist die Rede von Bildern der Götter, die in der Luft, in den mit Feuer angemachten Dämpfen erscheinen. Bei den Opfern, die der Ceres dargebracht wurden, nahm man Honig, Wein, Salz, Milch und Mehl, brannte auch Weihrauch- oder, wie Ovidius sagt: Harzfackeln. Auch dass die Phantome in den Mysterien sprachen, wird berichtet. Proklus sagt, dass in den heiligsten der Mysterien durch gewisse den Einweihungen vorhergehende Schrecken die teils durch Worte, teils durch gezeigte Gegenstände erregt werden, die Seele dem Göttlichen unterworfen und fügsam gemacht wird; noch deutlicher sagt Dio Chrysostomus, dass der Schrecken durch seltsame und unerklärliche Stimmen, teils durch mystische Erscheinungen erregt wurde, und abwechselnd Licht und Finsternis den Einzuweihenden empfingen. Celsus sagt dass, um die Zuschauer bei den Mysterien in einen heiligen Schrecken zu versetzen, neben anderen Mitteln auch das Erscheinen von Phantomen angewendet wurde. Wenn in den Mysterien der Begriff des Mediums nicht auseinandeigesetzt ist und vielleicht überhaupt nicht deutlich erfasst wurde, finden sich doch sehr deutliche Anzeichen, dass die Einweihung eben darin bestand, mediumistische Kräfte zu entwickeln. Zunächst sind die Priester selbst nach modernen Begriffen teils als Medien, teils als Adepten anzusehen. Von den Teichinen, den pelasgischen Priestern, heisst es, dass sie in ihren religiösen Gebräuchen zu Wundem und Fascinationen ihre Zuflucht nahmen. Bei Diodor heisst es:

„Man sagt von ihnen, dass sie Zauberer gewesen seien und Wolken, Regen und Hagel anwenden konnten, wenn sie wollten, desgleichen auch Schnee herbeiführen. Und das sollen sie in der Weise gemacht haben, wie es auch die Magier thun. Auch konnten sie ihre eigene Gestalt verwandeln; andern aber ihre Künste zu lehren, darin waren sie zurückhaltend.“

Den Korybanten, phrygischen Priestern, wurde eine Ekstase von göttlicher Herkunft zugeschrieben; mit der Zeit wurden sie selbst zu untergeordneten Gottheiten erklärt. Hyginus sagt, dass sie Lares genannt wurden, und Servius noch deutlicher: Corybanies daemones sunt. Gleiches gilt von den Kabiren, welche durch Magie und Theurgie die höheren Wesen zur Wirkung brachten.

Schelling sagt:
„Unmittelbare Abkömmlinge der Kabiren, Korybanten oder Samothraker sind nach Sanchuniaton , die die Kenntnis der Kräuter, Heilung giftiger Bisse und die Beschwörungen zuerst erfunden. Strabo sagt, nach einigen seien die Korybanten, die Kabiren, die idäischen Daktylen und die Teichinen einerlei, nach andern Verwandte und nur durch geringe Unterschiede von einander getrennt. Von den idäischen Daktylen aber sagt Schol. Apoll. Paris. L. I, S. 113t,und auch hier war Zauber und Gegenzauber. Nämlich die linken, wie Pherekydes lehrte, die den Zauber knüpfenden, die rechten aber die den Zauber lösenden. Einige lehrten, die rechten (Finger, Daktylen) seien männlich, die linken seien weiblich. Von denselben sagt der euhemerisierende Diodor Sic. V, S. 392, da sie Zauberer gewesen, haben sie sich der Beschwörungen, Einweihungen und Geheimlehren beflissen und, auf Samothrake verweilend, die Einwohner durch dies alles in nicht geringes Staunen gesetzt, fast gleichlautend mit manchen Erzählungen von Othin und seinen Gesellen. Über die Zauberkräfte der Teichinen s. Diodor V, c. 55. Strabo XIV, S. 653 etc. Hesych. h. v. u. a.“

Auch die schon bei den Ägyptern gebräuchliche Erblichkeit der Priesterwürde spricht dafür, dass es sich bei denselben weniger um Kenntnisse, als um mystische Eigenschaften von persönlicher und erblicher Natur handelte. Ebenso scheint nun aber auch die Einweihung in die höchsten Grade nicht so fast in reflektiver Belehrung, sondern darin bestanden zu haben, dass der Schüler zum passiven Medium oder aktiven Adepten entwickelt wurde. Darauf deutet schon die Vorbereitung durch Fasten und Keuschheit hin. Die Orphiker, die den Dienst des Bacchus besorgten, enthielten sich der Fleischnahrung. Die Gelehrsamkeit der ägyptischen Priester mag noch so gross gewesen sein, so war sie doch gewiss nicht so unerschöpflich, dass ein Pythagoras und andere zehn bis zwanzig Jahre ihres Lebens in diesem Unterricht hätten verbringen müssen. Dagegen wird deren langer Aufenthalt in Ägypten sehr verständlich, wenn die Schüler magische Eigenschaften erwerben sollten, die ja dem Pythagoras wirklich zugeschrieben wurden. Die Einweihung in die höheren Mysterien bestand also darin, den Schüler zum passiven Werkzeug für transcendente Einflüsse auszubilden — Medium — oder die latenten transcendentalen Fähigkeiten des Menschen in ihm aktiv zu machen — Adept. Dafür hatten Fasten und Keuschheit einen Sinn; für eine reflektive Belehrung waren sie überflüssig. Porphyrius sagt;

„In den Eleusinien enthielt man sich von Geflügel, Fischen und Bohnen, der Granaten und der Äpfel; ebenso macht unrein der Beischlaf und das Berühren von Kadavern. Wer die Natur der Geistererscheinungen kennt, der weiss, weshalb man sich aller Vögel enthalten muss, zumal wenn man strebt, von der Erde weggenommen und zu den himmlischen Göttern versetzt zu werden.“

Der Zusammenhang zwischen Fasten, Somnambulismus und Mediumität ist hier sehr klar. In den Mysterien des Mithras mussten die Einzuweihenden Hunger, Durst und Kälte ertragen — es scheint mit der Zeit ein forciertes Verfahren angewendet worden zu sein —; sie mussten grosse Wasserstrecken mehrere Tage hintereinander durchschwimmen — Wasserprobe der mittelalterlichen Hexen — und sich ins Feuer werfen — Feuerfestigkeit moderner Medien. Bestanden sie diese Proben, so wurden sie zur Einweihung zugelassen — d. h. wohl, man verwendete sie alsdann als ausgebildete Medien zur Nekromantie.

Auf einem in Tirol gefundenen, auf den Mithrasdienst deutenden Monumente sind Relieffiguren dargestellt, die solchen Proben unterworfen werden. Die einen werden ins Wasser geworfen; andere liegen ausgestreckt auf einem Bett mit schmerzerregenden Spitzen — Unempfindlichkeit der Somnambulen —, anderen sind beide Füsse in der Erde vergraben, oder sie sind in gezwungener und schmerzlicher Körperhaltung,— hypnotische Katalepsie —; endlich halten sie die Hand ins Feuer. Aus einer späteren Zeit werden wir durch Apulejus aufgeklärt. Derselbe war zu Hadrians Zeiten Oberpriester in Karthago und in alle Mysterien von Griechenland eingeweiht. Er war als Magier verschrieen, schrieb auch eine Apologie der Magie, und nach seinem Tode setzte man ihn sogar einem Apollonius von Tyana gleich und bewies damit gegen die Christen, dass auch andere die Wunder verrichten konnten, die man Christus zuschrieb. Dieser Apulejus geht in seinen Eröffnungen über die Mysterien weiter, als irgend ein anderer; aber seine Worte, ganz rätselhaft und sinnlos für den Rationalisten, werden erst verständlich, wenn man den Massstab der Mystik daran legt:

„Ich ging bis zur Grenzscheide zwischen Leben und Tod — somnambule Ekstase —; ich betrat die Schwelle der Proserpina, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren — Wasserprobe, Feuerfestigkeit, Erheben in die Luft— kehrte ich wiederum zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Lichte leuchten — mystische Lichtphänomene. Ich schaute die unteren und die oberen Götter von Angesicht zu Angesicht — Materialisationen — und betete sie in der Nähe an.“

Weiterhin spricht er davon, dass es noch eine höhere Weihe in die Geheimnisse des Osiris gebe, und dass er auch diesen von Angesicht zu Angesicht gesehen. Dazu bemerkt Burkhardt:
„Dies sind Dinge, über welche man nie ins klare kommen wird“, und bezüglich des Zauberwesens, dass „die Geschichte ewig umsonst nach dem objektiven Thatbestand fragen wird.“ Aber, wie wir sehen, rächt sich hier — wie in so vielen Wissenszweigen — nur die Vernachlässigung mystischer Studien, die allerdings über diese Dinge viel Klarheit verbreiten, so viel auch des Rätselhaften noch übrig bleibt.

Dass es sich bei den Mysterien um spiritistische Phänomene handelte, geht auch daraus hervor, dass sie in der Finsternis gehalten wurden. Die Mysterien des Mithras wurden in dunklen Höhlen gefeiert. Der Tempel zu Eleusis hatte einen unterirdischen Teil,4) — Reichenbachische Dunkelkammer —; von den Thesmophorien, von welchen Männer ausgeschlossen waren, heisst es, dass sie nachts gefeiert wurden; ebenso von den Mysterien des Bacchus. Demetrius von Phalerä sagt, dass bei den Mysterien alles auf Schrecken, Bestürzung und Schauen angelegt war.6) Wenn der Einzuweihende in den Tempel trat, sagt Themistius, so war er zuerst von Schrecken und wie von Schwindel befallen, von Kummer und einer gänzlichen Bestürzung eingenommen, da er keinen Schritt vorwärts zu thun vermochte, noch einen Weg zu finden, der ins Innere führte, bis endlich der Vorhang des Tempels weggezogen wurde. Die Mysterien der Isis begannen bei einbrechender Nacht, wie Apulejus in der erwähnten Stelle sagt. Nach Cicero wurden auch die Eleusinien nachts gefeiert. An die Verwendung von Musik— die Mesmer in seine Behandlung aufnahm und die auch im Spiritismus zur Verwendung kommt — erinnert eine Stelle bei Aristoteles.

Endlich dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass Magie und Nekromantie auch ausserhalb der Mysterien in Gebrauch waren. Schon in der ägyptischen Weisheit unterscheidet Heliodor zweierlei Arten:

„Die eine ist für den Pöbel und wandelt sozusagen immer niedrig auf der Erde; sie hat mit Gespenstern zu thun und balgt sich mit Leichen, klebt an Kräutern und stützt sich auf Zauberformeln; ihr Endzweck ist niemals etwas Gutes, weder an sich, noch für den, der sie zu Rate zieht; in ihren Wegen geht sie meistenteils fehl; gelingt ihr einmal etwas, so ist es etwas Abscheuliches und Garstiges; bald giebt sie Dinge zu sehen, die nicht sind, bald täuscht sie gehegte Hoffnungen, bald verhilft sie zu unerlaubten Handlungen und ist ungezügelten Lüsten dienstbar. Die andere aber, die wahre Weisheit, um die wir Priester und Propheten uns von Jugend auf bemühen, blickt zum Himmel empor, verkehrt mit den Göttern und hat Teil an der Natur der mächtigen Wesen; sie erforscht die Bewegung der Gestirne und gewinnt das Vorherwissen der Zukunft.“

Diese thatsächliche Anerkennung der schwarzen Magie, deren Beschreibung an das mittelalterliche Zauberwesen erinnert, neben der weissen lässt um so mehr die grosse Heimlichkeit begreifen, mit welcher die Mysterien umgeben waren; man fürchtete eben den Missbrauch mystischer Kenntnisse und transcendentaler Fähigkeiten. Darum war man so strenge, dass der Hierophant von Eleusis sogar den Apollonius von Tyana als einen Magier von den Mysterien mit den Worten zurückwies, er würde niemals die Eleu-sinischen Geheimnisse einem Menschen entdecken, der die göttlichen Dinge profaniere. Apollonius, der sodann seine höheren Kenntnisse in der Geheimlehre betonte, wies dann seinerseits den nun willfähriger gewordenen Oberpriester zurück und erklärte, er würde sich erst durch dessen Nachfolger einweihen lassen, den er nannte, und dem in der That vier Jahre später der Tempel übergeben wurde.

Über die Nekromantie ausserhalb der Mysterien sind die Nachrichten sogar sehr vielfältig, und wenn sie auch bei den sogenannten Totenorakeln noch mit Geheimnis umgeben war so kommt sie doch auch von Privaten getrieben vor. Die Beschwörung der Toten, um durch sie auf vorgelegte Fragen, Antworten zu erhalten, Zukünftiges und überhaupt Verborgenes zu erfahren, kommt schon bei Homer vor. Herodot erwähnt ein Totenorakel in Thesprotien, wo man durch Anwendung geheimer Mittel die Seelen der Verstorbenen zu erscheinen und Antwort zu geben nötigte. In Italien bestand ein solches Orakel am Averners ee in Misenum; nach geschlachtetem Opfer und Ausgiessung des Trankopfers rief man dort den Toten, worauf ein Phantom erschien, zwar dunkel und nicht leicht zu erkennen, das aber doch redete und nach gegebener Antwort verschwand. Auch andere erwähnen dieses der Persephone heilige Orakel. Solche bestanden auch in Pigalia in Arkadien, im thrakischen Heraklea, am See Aomos in Thessalien u. s. w. Nach alter Vorstellung haben die chthonischen Gottheiten die Herrschaft im Hades, daher wurden sie in der Nekromantie angerufen7) und wurde der Hekate die Macht zugeschrieben, Tote erscheinen zu lassen. Lucian verspottet die Geister, die sich am Wohlgeruch des Opferdunstes und des Räucherwerks ergötzen, und diese Verwechslung von Nahrungsmittel und Materialisationsmittel scheint dem ganzen Altertum anzugehören. Dem Hades, der Hekate und den Erinnyen wurde Honig geopfert und Honig wurde auch bei Totenbeschwörungen verwendet.3) Blut als Materialisationsmittel war sehr im Gebrauch, ja es liegt wohl eben darin die eigentliche unverstandene Bedeutung der blutigen Opfer, von welchen sogar Menschenopfer nicht ausgeschlossen waren. Por-phyrius belastet damit sogar die Mysterien in Kreta:

„Istros in seiner Sammlung kretensischer Opfer sagt, dass die Kureten von altersher gewohnt waren, dem Saturn Knaben zu opfern. Pallas, der das beste über die Mithrasmysterien geschrieben hat, sagt, dass die öffentlichen Menschenopfer erst unter Kaiser Hadrian abgeschafft wurden.“

Leicbenopfer an Pluto und Proserpina werden erwähnt, und bei Heliodor finden wir die sehr ausführliche Beschreibung einer Totenbeschwörung, woraus die Verwendung von Blut als Materialisationsmittel sogar im Privatgebrauch erhellt.

Solche Privatleute als Nekromantiker kommen im ganzen Altertum vor. Bei Plutarch sagt Simmias, dass er am Grabe des Lysis die Totenopfer verrichtete und die Seele des Lysis beschwor, damit sie bezüglich seiner Beerdigung ihren Wunsch kundgebe; er sah die ganze Nacht hindurch nichts, glaubte aber eine Stimme zu hören, die ihm einen Befehl erteilte. Der Grammatiker Apion behauptete, den Schatten des Homer um sein Vaterland und seine Eltern befragt zu haben, verschweigt aber die Antwort. Appius, Zeitgenosse des Cicero, gab sich mit Totenbeschwörung ab. Nero beschwor den Geist seiner ermordeten Mutter,2) Garacalla die Geister seines Vaters und Bruders. Dem Vatinius wirft Cicero vor:

„Du pflegst die Geister der Verstorbenen heraufzubeschwören und den Göttern der Unterwelt Eingeweide der Knaben zu opfern.“

Auch dem Nero wird vorgeworfen, dass er es bei seinen magischen Operationen an Menschenopfern nicht fehlen liess. Catilina und die Kaiser Heliogabalus, Didius Julianus und Valerianus stehen im Verdachte der Kinderopfer. Pollentianus handelte nach dem Gebrauch, einer schwangeren Frau die unreife Frucht herauszuschneiden, um Geister zu beschwören, und das Gleiche wird dem Maxentius nachgesagt. Nach dem Tode des Kaisers Julian fand man in dem von ihm zu geheimen Mysterien benutzten Tempel zu Carrä ein an den Haaren aufgehängtes Weib mit aufgeschnittenem Leibe, von welchem Verfahren schon Lucanus berichtet. Die Unkenntnis des Begriffes „Medium“ hatte also arge Scheusslichkeiten zur Folge. Sogar Spyridion, Bischof von Cypem, wird als Totenbeschwörer erwähnt: Ein Bekannter hatte seiner Tochter Irene einen wertvollen Gegenstand anvertraut; sie starb und Spyridion, der den Schatz zurückgeben sollte, aber den Ort der Aufbewahrung nicht wusste, beschwor ihren Schatten, bis sie ihm aus dem Grabe heraus Kunde gab. Noch im Mittelalter finden wir die Totenbeschwörung in ihrer scheusslichsten Gestalt bei Gilles de Laval, Baron von Rez, dem französischen Marschall, in dessen Schloss bei Nantes Hunderte von Kindern verschwanden, bis er 1440 zum Tode verurteilt wurde.

Wenn wir nun sehen, dass ein so wichtiger Bestandteil der Mysterien, wie die Totenbeschwörung, nicht hinter den Mauern der Tempel verborgen blieb, und im Privatgebrauch, wo der Begriff des Mediums unbekannt war, in grässlicher Weise verwilderte, so werden wir vorweg annehmen dürfen, dass mysteriöse Lehren, die von den Philosophen so hochgeschätzt waren, allmählich auch in die Systeme derselben drangen. Die Philosophen waren nachweisbar in beständiger Fühlung mit den Mysterien und hatten wohl ihre besten Einsichten aus diesen entlehnt. Thaies wurde von ägyptischen Priestern unterrichtet, Pythagoras wurde von den Priestern in Memphis und Theben eingeweiht, nachdem er alle vorgeschriebenen schweren Prüfungen durchgemacht. Vorher schon war er in Biblos und Tyrus eingeweiht worden. Er blieb in Ägypten volle zweiundzwanzig Jahre, und ging dann nach Chaldäa und Persien, um sich dort von den Magiern unterrichten zu lassen. Daher werden ihm auch magische Künste zugeschrieben. Seine Zahlenlehre hatte er von den Ägyptern. Seine Dämonenlehre stimmt überein mit der des Hesiod. Er lehrte Seelenwanderung, und auch von den Mysterien des Mithras heisst es, dass man dort von der Seelenwanderung überzeugt wurde. Von den Pythagoräem heisst es im allgemeinen, dass sie Freunde der Theurgie und Divination waren, und Jamblichus sagt, dass in dieser Schule alles mündlich als göttliches Geheimnis sich fortpflanzte. Heraklit lehrte den Übergang der Seele aus ihrem dämonischen Zustand in den menschlichen, ünd in einem Bruchstück nennt er die Götter unsterbliche Menschen, die Menschen sterbliche Götter. Platon Hess sich ebenfalls in Ägypten unterrichten, und hätten ihn die Kriegsunruhen nicht abgehalten, so würde er sogar nach Persien zu den Magiern gereist sein. Dass die platonische Philosophie dieselbe sei, wie die der Orphischen Mysterien, sagt Proklus geradezu, und allgemein schreibt Herodot die Ausbildung der Mysterien den Philosophen zu. In der That hätte Platon die Philosophie nicht das Höchste, was man lernen kann genannt, wenn ihm auf Seite der Mysterien ein Überschuss geblieben wäre, und er nicht vielmehr selbst diesen Überschuss, immerhin unter Wahrung von Geheimnissen, in seine Philosophie gemengt hätte. Er lehrte Präexistenz und Unsterblichkeit und die dem griechischen Geiste fremde Vorstellung, dass der Körper ein Kerker der Seele sei. Unser gegenwärtiges Los ist ihm abhängig von einem früheren Leben und Verhalten, das künftige Los vom gegenwärtigen Verhalten. Sein Unsterblichkeitsbeweis ist mystisch aus der Verwandtschaft der Seele mit den Ideen geführt. Die Seele verbringe, was auch von den Eingeweihten gesagt werde, nach dem Tode die Zeit mit den Göttern. Die der Philosophie ergebene Seele erwarte nach dem Tode keine neue Wanderung, sondern, wenngleich kein körperloser Zustand, doch ein vom Körper möglichst wenig beschwertes Dasein ätherischer Art. Wie dieses an die Phantome der Mysterien erinnert, so seine Vorstellung, dass die am Körper hängende Seele ruhelos das Grab umschweift, an Nekromantie. Dass die griechischen Mysterien aus Ägypten kämen, scheint hervorzugehen aus der Identität der ägyptischen Isis mit der griechischen Ceres und der fast völligen Gleichheit ihrer Mysterien. Das eigentliche Heimatland der Mysterien ist aber wohl Indien. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass die Philosophen, welche eingeweiht waren, wie Empedokles, Platon, Pythagoras, Apollonius, auch von der indischen Magie hoch dachten und sie zum Teile kannten. Es sollen sogar die Worte , womit nach Beendigung der Eleusinien die Versammlung aufgehoben wurde, aus dem Sanskrit stammen, und sollen sich die Brahminen nach Beendigung ihrer religiösen Feierlichkeiten derselben ebenfalls bedienen. Wenn nun auch zugegeben werden muss, dass in den Mysterien

,,an eine lehrhafte Überlieferung einer reineren Gottesaufifassung, eine Ausdeutung der Mythen nicht zu denken ist“

und die dramatische Natur der Mysterien jetzt allgemein anerkannt ist; wenn es ferner richtig ist, dass die Philosophen in ihrer exoterischen Lehre es für erlaubt hielten, wenn von den Volksgöttern, der Seele und den Geistern die Rede war, zu Erdichtungen ihre Zuflucht zu nehmen, so dürfte doch das Urteil Zellers, dass die griechische Philosophie nichts Erhebliches von den Mysterien entlehnt habe, bedeutend einzuschränken sein. Er selbst giebt zu, dass der Unsterblichkeitsglaube aus den Mysterien hervor gegangen zu sein scheine. Es verdankten gerade die eleusinischen Mysterien ihre Berühmtheit nicht nur der Pracht, die darauf verwendet wurde, sondern hauptsächlich dem herrschenden Glauben, dass der dort Eingeweihte eine sichere Bürgschaft jenseitiger Seligkeit besitze, was doch wohl heisst, dass man in Eleusis die überzeugendsten, also empirischen Beweise von der Unsterblichkeit erhielt. Die Beeinflussung der Philosophie durch die Mysterien wird allerdings erst in der späteren Zeit griechischer Philosophie recht deutlich. Nachdem durch die römischen kaiserlichen Edikte die Mysterien bedroht waren, nahmen sie die Maske der Philosophie an und flüchteten in die alexandrinischen Philosophenschulen, wo theurgische Beschwörungen getrieben wurden. Sie hatten Mysterien, bei welchen man zur Anschauung der Götter gelangte, die in verschiedenen Gestalten, namentlich menschlichen, oft auch nur durch gestaltlosen Lichtglanz, sich offenbarten, was mit spiritistischen Manifestationen verglichen, ungemein verständlich wird, aber bei Zeller, der rationalistisch urteilt, als Absurdität erscheint. Damit stimmt auch die Dämonenlehre des Plot in überein. Er versetzt diese in das Zwischenreich zwischen dieser und der anderen Welt; sie sind ewig, wie die Götter, aber den Leidenschaften unterworfen; sie haben Erinnerung, sinnliche Empfindung, ja sogar die Sprache, einen Leib aus intelligibler Materie, hören auf Anrufungen und nehmen, um zu erscheinen, Luftleiber an.

Aus der dämonischen Natur der menschlichen Seele folgt für Plotin die Unterscheidung einer doppelten Selbsterkenntnis; in der einen erkennt sich der Mensch als irdisches, bewusstes Wesen, in der anderen als transcen-dentales Subjekt. Die berühmte Inschrift am Tempel zu Delphi

„Erkenne dich selbst!“

, die rationalistisch ausgelegt nicht viel mehr als ein Gemeinplatz ist, wird also wohl an einem Tempel, darin die Priesterin im Somnambulismus weissagte, im Sinne jener zweiten Selbsterkenntnis gemeint gewesen sein. Der Mensch soll nicht seine zeitliche Natur erkennen, sondern seine ewige, die sich in seinen transcendentaien Fähigkeiten erweist. So genommen, ist jene delphische Inschrift noch heute nicht veraltet und dürfte an sämtlichen Universitäten angebracht werden. Porphyrius anerkennt gute, wie böse Dämonen; sie sind bald sichtbar, bald unsichtbar und mit luftartigen Leibern versehen. Sie können zur Materialisation gebracht werden, indem sie an den Trankopfern und am Fettdampf der Brandopfer sich laben, wodurch ihr Geist selber zu Fett wird; denn er lebe nur vom Brodem der Opfer und werde stark durch den aufsteigenden Dampf von Opferfleisch und Blut. Diese Verwechslung von Nahrung und Materialisationsmittel ist wohl ebenso unrichtig, wie die Ansicht des Augustinus, dass nicht, wie Porphyr und andere meinen, der Geruch der Opfertiere die Dämonen ergötze, da sie ja derlei Gerüche überall finden könnten, sondern dass sie sich an der ihnen erwiesenen göttlichen Ehre erfreuen. Jamblichus glaubt unter echten Erscheinungen auch an trügerische, welche die Fehler der theurgischen Operationen benützend, sich den höheren Dämonen unterschieben. Die Analogie mit den spiritistischen Phänomenen geht aber noch weiter und bis ins Detail. So z. B. wenn es von Ädesius, dem Schüler des Jamblichus, heisst, dass er einst den Hexameter, den ihm der Gott im Schlaf gesagt, vergass, aber nach dem Erwachen in seine linke Hand geschrieben fand, was an mystische blutunterlaufene Schriften auf dem Arm bei Medien erinnert. Dieser Ädesius ist es, der seinem Schäler, dem Kaiser Konstantin, (in Bezug auf die dämonische Natur des Menschen) sagt:

„Wenn du einst an den Mysterien teilnimmst, wirst du dich schämen, überhaupt nur als Mensch geboren zu sein“

Bei Jamblichus sind Phänomene, deren jedes an Spiritismus anklingt, zusammengedrängt in dem Satze:

„Viele der Inspirierten fühlen das Feuer nicht; sie schreiten durch das Feuer und schwimmen über Ströme in wunderbarer Weise. Ihre Körper dehnen sich aus nach der Breite und Höhe und erheben sich in die Luft“ —

was alles auf das Medium Home und andere zutrifft —; „das Tönen ihrer Stimme ist oft gleich-mässig, oft unregelmässig, oft stark, oft schwach“ — wie bei Sprechmedien. Dass es sich auch bei den Neupythagoräern — deren Schule in sieben Städten Unteritaliens blühte: Croton, Sybaris, Catanea, Rhegium, Himera, Agrigent, Thauromenium — mehr um mystische Entwicklung, als um lehrhafte Doktrinen handelte, und nicht so fast der Charakter geprüft wurde, sondern die Mediumität, geht daraus hervor dass sie drei Jahre lang im Stande der Prüfung lebten und in der zu führenden Lebensweise unterrichtet wurden, vielleicht auch aus dem grossen Gewicht, das sie der Musik beilegten, die eines der besten Steigerungsmittel des Somnambulismus ist.

Demgemäss fällt denn auch das Ende der Mysterien zusammen mit dem Untergang der alexandrinischen Philosophie. Durch Justinian wurden die Philosophen dieser Schule genötigt, das römische Reich zu verlassen, und von ihnen, welche praktische Mystik trieben, ist es ganz verständlich, dass sie, um Freiheit zu geniessen, nach Persien übersiedelten. Damit waren die Mysterien im grossen und ganzen beseitigt, nachdem sie achtzehn Jahrhunderte hindurch bestanden hatten. Einiges davon scheint sich gleichwohl noch länger erhalten zu haben, und zwar bei den Gnostikern. Von der Sekte der Prepuzier wird gesagt, dass sie bei der Einweihung Phantome erscheinen Hessen, ja sie standen sogar im Rufe, kleine Kinder zu opfern; sie ahmten auch äusserlich die Mysterien nach und hatten ihre Einweihungen. Bei den Christenverfolgungen scheinen sie gelinder behandelt worden zu sein, weil die Verwandtschaft ihrer Lehre mit der der Mysterien zu ihren Gunsten sprach. Die Marcioniten und Marcosier hatten ihre Weissagerinnen und es erinnert wieder an Sprechmedien — im Mittel-alter Besessene genannt — wenn sie von Geistern sprechen, welche den Menschen bewohnen und beherrschen.

Die Mysterien waren die festeste Stütze des untergehenden Heidentums, weil sie eben durch Thatsachen belehrten. Daraus lässt sich aber indirekt schliessen, dass auch das aufsteigende Christentum mystische Thatsachen, magische Heilungen u. s. w. zur Verfügung haben musste; denn mit blossen Gegendogmen hätte es die Mysterien nicht verdrängen können. Noch der Kaiser Julian wurde Apostat, nachdem er die Mysterien kennen gelernt hatte.

Es lag daher sehr im Interesse der Kirchenväter, die Mysterien herabzuwürdigen. Sie thaten aber das nicht in der flachen rationaUstischen Weise der heutigen Gegner des Spiritismus. Sie zeigen sich unterrichtet über die Mysterien, weil denn doch der geheimnisvolle Schleier von denselben allmählich weggezogen worden war, und sind weit davon entfernt, die Thatsachen als solche zu leugnen. Arnobius giebt sogar die Zauberei in ihrem ganzen Umfang zu, nur dass er die Wunder der Magier auf die Dämonen zurückführt. Wenn auch Betrug zugegeben wurde, und der heilige Hippolyt in seiner „Widerlegung der Ketzerei“ eine Anzahl von Betrügereien der Zauberer enthüllte, so wurde doch die Betrugstheorie nicht verwendet, um das ganze Gebiet der heidnischen Mystik los zu werden und der Erklärung sich entschlagen zu dürfen. Wenn wir die exoterische Vorstellung der Griechen über den traurigen Zustand der Verstorbenen im Hades erwägen, der den Schatten des Achilleus sagen lässt:

Lieber möcht’ ich fürwahr dem unbegüterten Meier,
Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld bau’n,
Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen —

so können wir uns die Begeisterung, welche die Mysterien genossen, wohl erklären. Denn allerdings sagt Platon, dass die Griechen zu seiner Zeit die Sagen vom Hades und den dortigen Strafen, so lange sie gesund waren, für lächerlich hielten; er fügt aber bei, dass wenn sie dem Tode sich näherten, sie die Angst vor denselben nicht unterdrücken konnten. Diese Stimmung gegen die anerzogenen religiösen Vorstellungen ist eben eine allgemein menschliche, und sie findet sich auch in unseren Tagen. Darum können wir aber auch jene Begeisterung der alten Griechen in Parallele stellen mit jener, womit in unseren Tagen der Spiritismus aufgenommen wurde, der sich in vier Jahrzehnten rascher verbreitete, als seinerzeit das Christentum in vier Jahrhunderten. Es gaben eben die Mysterien sowohl, als der Spiritismus, der Menschheit eine Hoffnung zurück, die damals eine skeptische Philosophie und heute der Materialismus ihr genommen hatten.

Eines jedoch hat das Altertum vor unserer Zeit voraus. Nach griechischer Anschauung verdiente keine Wissenschaft, die nur auf sinnliche Dinge gerichtet ist, den Namen Weisheit, und Materialisten, wie Kritias und Hippon, werden von Aristoteles zu den plumpen Denkern gezählt. Gerade die grössten Geister des Altertums drängten sich daher zu den Mysterien, ja sie schreckten sogar vor den beschwerlichen Reisen nach Ägypten und Persien nicht zurück, um in Sachen der Mystik neue Aufschlüsse zu erhalten. Bei uns dagegen ist der Enthusiasmus für den Spiritismus beschränkt geblieben, und gerade die Vertreter der Wissenschaft, mit wenigen Ausnahmen, finden ihr Genügen an der sinnlichen Erscheinung des Menschen, haben für den Spiritismus nur Spott und Hohn, oder sagen gar, wie Huxley, dass diese Dinge, selbst wenn sie wahr wären, sie nicht interessieren.

Im Altertum war es ein blosser Tempelschreiber, Pankrates, der ein funfundzwanzigjähriges Studium (im Sinne des Adepten) nicht scheute, um endlich in den Besitz der ägyptischen Gelehrsamkeit zu gelangen. Unsere Gelehrten dagegen, die, statt weiter Reisen, nur um die nächste Strassenecke zu gehen nötig hätten, um sich die anschauliche Überzeugung von der Einseitigkeit ihrer Weltanschauung zu holen, geben sich trotzdem oder vielleicht eben darum diese Mühe nicht. Man kann ihre Zweifel begreiflich finden, sogar ihre apriorische Negation verzeihen; aber die Weigerung, mit eigenen Augen zu sehen, was sie in nächster Nähe finden könnten, geht jedenfalls über das Mass des Verzeihlichen hinaus. In dieser Hinsicht ist also der Vergleich unserer Zeit mit dem Altertum für uns in hohem Grade beschämend.

Wenn wir nun sehen, dass in den Mysterien der Alten es sich um Spiritismus handelte — eine Hypothese, die meines Wissens noch nicht aufgestellt worden ist — so lässt sich daraus allerdings noch kein absoluter Beweis für die Wahrheit des Spiritismus führen; aber die Betrugstheorie der Modernen erscheint jedenfalls lächerlich gegenüber der Thatsache, dass die Mysterien, wiewohl sie von den grössten Geistern des Altertums beständig kontrolliert waren, doch an zweitausend Jahre bestanden, was nimmermehr möglich gewesen wäre, wenn in der That nur Betrug darin gewesen wäre. Unsere Rationalisten werden sich daher vielleicht bestimmen lassen, etwas weniger vorschnell über den Spiritismus abzusprechen, wenn sie bedenken, dass sie in dieses Absprechen zugleich die hervorragendsten griechischen Philosophen einbeziehen müssen. Darum ist zu hoffen, dass der Spiritismus, und die Mystik im allgemeinen, eine neue Bekräftigung erhalten werden, wenn einmal die Philologen sich entschliessen werden, den Massstab der Mystik an die alten Klassiker zu legen. Es wird ihnen dann nicht schwer fallen, den Beweis für die Richtigkeit der hier vorgetragenen Hypothese in viel gründlicherer Weise zu führen, als es mir bei meinen beschränkten Kenntnissen über das klassische Altertum möglich war.

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

Die Mystik der alten Griechen

Der Fortschritt in den Wissenschaften beruht entweder auf der Entdeckung neuer, oder auf der verbesserten Erklärung alter Thatsachen. Erklärt ist aber eine rätselhafte Thatsache dann, wenn sie auf eine bekannte Thatsache, oder auf eine Gruppe von solchen, zurückgeführt ist. Im Grunde genommen, werden dadurch die Rätsel allerdings nicht gelöst, sondern nur zurückgeschoben; Newton führte die Bewegungen der Gestirne auf die irdische Schwerkraft zurück; aber was die Schwerkraft ist, bleibt gleichwohl ein Rätsel.

Wenden wir dieses auf die Orakel an. Die alten Schriftsteller berichten, dass in gewissen Tempeln Priesterinnen angestellt waren, die, nachdem sie in einen Zustand der Exaltation versetzt waren, über wichtige Staatsangelegenheiten, über grosse Unternehmungen befragt wurden und den Ausgang derselben prophezeiten. Diese Anstalten nannte man Orakel; sie haben Jahrhunderte lang eine grosse Rolle in der Geschichte Griechenlands gespielt, und es fragt sich nun, auf welche in unseren Tagen bekannte Erscheinung wir dieses rätselhafte Orakelwesen zurückführen sollen.

Es wäre wohl das Einfachste, wenn wir die Orakel als betrügerische Anstalten der Priester hinstellen könnten, die auf diese Weise einen Einfluss auf die Angelegenheiten des Staates nehmen wollten. Diese in der Aufklärungsperiode aufgestellte Hypothese scheitert aber daran, dass die zuverlässigsten Zeugen des Altertums die Fähigkeit jener Priesterinnen, wirklich in die Zukunft zu sehen, bezeugen. Die alten Historiker, Dichter und Philosophen versichern einstimmig, dass die Orakel von der höchsten Bedeutung für das Wohl Griechenlands gewesen sind. Gegen die Betrugstheorie spricht auch die lange Dauer der Orakel; denn Irrtum und Betrug sind kurzlebig. Der Ursprung der Orakel verliert sich in das graue Altertum, sie haben sich aber bis in die christliche Periode hinein erhalten, — erst Kaiser Theodosius schloss den delphischen Tempel, — und religiöse Gründe sind es, die zu ihrer Abschaffung führten. Nach Macrobius bestand das Orakel zu Dodona schon 1400 v. Chr.; schon Achilles ruft es an, und Herodot sagt, es seien ägyptische Priester gewesen, die nach Dodona das Weissagen brachten.

Noch mehr spricht gegen die Betrugstheorie das hohe Ansehen, welches die Orakel genossen, und zwar nicht etwa beim abergläubischen Volk, sondern bei den grössten Philosophen und Gelehrten:

Platon, Aristoteles, Sokrates, Hippokrates, Xenophon, Plutarch, Strabo, Älian, Pausa-nias, Apollodorus, Homer, Lucian, Diodorus, Varro, Tacitus, Sueton, Livius, Dionysius von Halikarnass, Florus, Plinius, Vergilius, Juvenalis, Ovidius etc. —

sie alle glaubten an die Orakel und waren von der höchsten Achtung für sie beseelt. Sogar die Peripatetiker, die jede andere Art von Weissagung verwarfen, Hessen doch die Göttlichkeit der Orakel gelten. Platon sagt mit Bezug auf den ekstatischen Zustand der weissagenden Priesterinnen:

„Nun aber werden der Güter grösste durch den Wahnsinn uns zu teil, der gewiss durch göttliche Huld uns verliehen wird, denn die Seherin zu Delphi und die Priesterinnen zu Dodona erzeugten im Wahnsinn Hellas viel Gutes, so im besonderen, wie im allgemeinen, im besonnenen Zustand aber wenig oder nichts. Und wenn wir anführen wollten, dass die Sibylle und andere mit Hilfe der begeisterten Seherkunst vieles, indem sie vielen das Zukünftige voraussagten, in das rechte Geleise brachten, so würden wir wohl, jeglichem Bekanntes erwähnend zu weitläufig werden. . . . Die Alten erklären den Wahnsinn für etwas Schöneres, als die Besonnenheit, indem der eine von der Gottheit, die andere von den Menschen ausgeht.“

Porphyrius bekundete seine Verehrung der Orakel durch die von ihm angelegte Sammlung ihrer Aussprüche. Proklus wandte der Deutung der Göttersprüche fünf Jahre hindurch, den grössten Fleiss zu und äusserte, dass er, wenn er zu befehlen hätte, alle alten Schriften, mit Ausnahme der Orakelsammlung und des Platonischen „Timäus“, der Kenntnis seiner Zeitgenossen entziehen würde. Lucanus beschreibt die Ekstase der Priesterin und nennt es das grösste Unglück seines Jahrhunderts, die Orakel, diese wunderbare Gabe des Himmels, verloren zu haben.

In keinem Lande standen die Orakel in so hohem Ansehen, als in Griechenland, und zwar zur Zeit der höchsten Aufklärung. Sie wurden in den wichtigsten Staatsangelegenheiten befragt, z. B. bei der Gründung von Kolonieen und Kriegserklärungen. In Ägypten galt das Orakel der Leto in der Stadt Buto als das untrüglichste;6) in Griechenland aber war vor allen anderen das zu Delphi berühmt, von welchem Plutarch sagt:

„Wenn ich bedenke, was für grosse Vorteile dieses Orakel den Griechen bei Krieg, Pest, Hungersnot und Anlage neuer Städte verschafft hat, so muss ich es für Sünde halten, wenn man die Erfindung und den Ursprung desselben nicht der göttlichen Vorsehung, sondern dem Zufall und dem blinden Ungefähr zuschreiben will.“

Er fügt bei, dass dieses Orakel schon seit mehr als dreitausend Jahren berühmt sei.

Delphi bestand ursprünglich aus zwei Ortschaften: Pytho und Lykorea. Daher wurde dieses Orakel das pythische genannt. Strabo sagt, von allen sei dieses am meisten wahr gewesen. Es wurde als der Mittelpunkt nicht nur Griechenlands, sondern der ganzen Erde angesehen. Der in der Mitte des Tempels befindliche steinerne Sitz wurde „Nabel der Erde“ genannt. Von dem athenischen König Amphiktyon, dem Sohne des Deukalion, wurde in Delphi der Rat der Amphik-tyonen, als Beschützer des Orakels, eingesetzt. Anfänglich nur Hüter des Tempels, wurden sie später Repräsentanten der griechischen Staaten, Schiedsrichter der Nation, entschieden über Krieg und Frieden und bildeten den höchsten Gerichtshof. Sie besassen die höchste Autorität in Sachen der Religion, des Völkerrechts, bei Entsendung von Kolonieen und überhaupt in den wichtigsten Staatsangelegenheiten.

Isokrates sagt vom Orakel zu Delphi, dass es von jedermann als uralt und als das zuverlässigste unter allen anerkannt werde, und Cicero sagt:

„Das wenigstens bleibt unleugbar, wenn man nicht die ganze Geschichte umstossen will, dass dieses Orakel viele Jahrhunderte hindurch wahrhaft gewesen ist“, —

womit er, nach Nägelsbach, nur den Glauben der ganzen alten Welt aussprach. In allen wichtigen Angelegenheiten schickte die Regierung zur Einholung eines Gutachtens Bevollmächtigte, Theoren genannt, nach Delphi; auch die Römer, da es kein eigentlich römisches Orakel gab, wendeten sich im Bedarfsfälle dahin. Als der Tempel 548 v. Chr. abbrannte, wurde er auf Befehl der Amphiktyonen in noch grösserer Pracht wieder aufgebaut; die Delphier zogen in den Städten umher und sammelten Gaben für den Tempelbau ein. Später erst, und auch nur vorübergehend, büsste dieses Orakel an Ansehen ein, als ein Bestechungsversuch der Priesterin durch Philipp von Makedonien bekannt wurde, wodurch Demosthenes veranlasst wurde, zu sagen, dass die Pythia philippisiere. Auch bei Herodot kommt ein solcher Bestechungsversuch vor.

Die Orakel waren also nicht alle von gleicher Berühmtheit, und die einzelnen standen nicht immer in gleichem Ansehen. Zu Ciceros Zeiten war das Orakel in Delphi verlassen, aber zu Plutarchs Zeiten sprach es wieder. Dies ist ein Umstand, der uns nicht nur die Betrugstheorie verbietet, — denn Betrug wäre überall und zu allen Zeiten gleich möglich gewesen, — sondern uns auch auf die richtige Erklärung leiten kann. Der Schluss, welchen Cicero daraus gezogen hat, ist noch heute gültig: —

„Wie es also jetzt weniger berühmt ist, weil die Richtigkeit der Orakelsprüche weniger hervortritt, so würde es damals nicht so berühmt gewesen sein, wenn es sich nicht durch die grösste Wahrheit ausgezeichnet hätte.“

Ein weiteres Merkmal für das hohe Ansehen von Delphi, und somit für die Zuverlässigkeit des Orakels, liegt in der Kostbarkeit der dort angehäuften Weihgeschenke. Die vom Orakel geoffenbarten Wahrheiten sind es nach Plutarch gewesen, die den Tempel mit Reichtümern der Griechen und Barbaren gefüllt haben. Die Geschenke, welche Krösus allein nach Delphi schickte, nachdem er durch eine angestellte Probe die Zuverlässigkeit dieses Orakels erkannt hatte, hatten einen Wert von zwanzig Millionen. Herodot hat uns ein ausführliches Verzeichnis dieser Geschenke aufbewahrt. Verschiedene Staaten unterhielten in Delphi eigene Gebäude zur Aufbewahrung ihrer Geschenke; der Kaiser Nero, der die Orakelstelle zerstörte, liess von dort 500 eherne Bildnisse von Göttern und Menschen hinwegführen.

Unter allen diesen Umständen ist es uns verwehrt, die Orakel aus blossem Priestertrug einerseits und aus dem Aberglauben der Befragenden andererseits zu erklären. Es wäre nicht wissenschaftlich, wollten wir den Orakeln die Gabe der Weissagung nur darum absprechen, weil diese der heutigen Denkmode widerspricht. Wir würden nicht nur unhistorisch, sondern auch unpsychologisch verfahren, wollten wir annehmen, dass ein Volk, welches auf einer seither nicht mehr erreichten Kulturstufe stand, durch seine Priester drei Jahrtausende hindurch sich hätte betrügen lassen. Jedenfalls aber würde eine solche Hypothese erst dann einigermassen berechtigt sein, wenn jede andere sich als unzulänglich erweisen würde. Erst wenn wir die Orakel mit ehrlichen Priestern nicht erklären können, dürfen wir zur Unehrlichkeit derselben greifen; erst wenn der Glaube an die Orakel mit Verständigkeit ihrer Verehrer nicht vereinbar ist, dürfen wir zu dem bedenklichen Mittel greifen, den grössten griechischen Philosophen den Verstand abzusprechen. Aus dem stark entwickelten Drange des abergläubischen Volkes nach Erforschung der Zukunft kann man nicht die Entstehung der Orakel — die zudem ursprünglich nicht vom Volk, sondern von den Staatslenkem benutzt wurden — erklären, sondern höchstens die eifrige Benutzung der schon bestehenden Anstalten.

Es deutet auf den wahren Sinn der Orakel, dass überall, wo solche bestanden, Quellen oder aus der Erde aufsteigende Dämpfe zu finden waren, aus welchen man die Weissagungsgabe erklärte. Daraus ist auch das Periodische bei manchen Orakeln zu erklären; der Betrug dagegen, als ein unveränderlicher Faktor, würde auch eine stetige Thätigkeit der Orakel erfordern. Manche Orakel schwiegen zeitweilig, später aber sprachen sie wieder. Das Orakel des Branchides schwieg zur Zeit des Xerxes und sprach zur Zeit Alexanders. Es fehlte also an einer für die angewendeten Begeisterungsmittel empfänglichen Priesterin, oder die Quelle der Begeisterungsmittel war eine veränderliche. Wenn gesagt wird, dass das delphische Orakel nur durch sechs Monate des Jahres sprach, dann aber nach Pataros in Lycien überging, so heisst das wohl, dass eine und dieselbe Priesterin zwei Orte zu versehen hatte; und wenn das Orakel des Teiresias in Orchomenos nach Eintritt einer Pest schwieg, so könnte daraus vielleicht geschlossen werden, dass die Priesterin der Pest erlag.

Zweierlei Punkte lassen sich aus den Berichten zuverlässig feststellen: die wirkliche Existenz weissagender Priesterinnenj und äussere Naturerscheinungen, durch welche die Begeisterung erweckt wurde. Plutarch sagt, dass, wo Quellen oder Dünste aus der Erde strömen, sich der Sitz eines Orakels bilde; wenn die Quelle versiege, erlösche auch das Orakel Höhlen mit aufsteigenden Dämpfen, besonders in dem Höhlenlande Böotien, sind daher häufig Sitz von Orakeln. Das zu Delphi verdankte seinen Ursprung einem Hirten Koretas; er bemerkte, dass seine Ziegen, wenn sie- sich einem dortigen Erdschlund näherten, in ausserordentliche Munterkeit gerieten, die sie durch wilde Sprünge kundgaben. Als er selbst hinzutrat, wurde er von prophetischer Begeisterung ergriffen und begann zu weissagen. Anfänglich wurden seine Reden verlacht; als aber die Weissagung eintraf, wurde er bewundert. Pindar sagt, dass die Dämpfe in Delphi manchmal so stark äusströmten, dass sie den ganzen Tempel durchzogen. Dieser aufsteigende Dampf wurde von einigen für natürlich, von anderen für göttlich gehalten. Die Erdspalte, woraus dieser göttliche Dunst hervorstieg, befeind sich in Delphi im Tempel; darüber stand der Dreifuss, auf den die Priesterin sich setzte, nachdem sie Lorbeerblätter gekaut und aus der kastalischen Quelle getrunken hatte. Darauf erhielt sie ihre Eingebungen.

Es fehlt nicht an Anzeichen, dass schon im Altertum einsichtige Männer in den aufsteigenden Dämpfen nicht die eigentliche Ursache, sondern nur die Bedingung der prophetischen Begeisterung vermuteten. Ammonius bei Plutarch sagt:

„Wenn jene Dünste einmal da sind, so werden sie gewiss auch den Enthusiasmus bewirken, und die Seele, nicht allein der Pythia, sondern jeder anderen Person, die sie berührt, in gleiche Begeisterung versetzen. Aus diesem Grunde ist es sehr abgeschmackt, dass man sich bei dem Orakel nur einer einzigen Frauensperson bedient, dieser so vieles Ungemach aufbürdet und sie ihr ganzes Leben hindurch keusch und unbefleckt zu erhalten sucht.“

Plutarch aber entgegnet, dass die Kraft des Dunstes nicht auf alle, ja nicht einmal auf dieselben Personen immer auf die gleiche Weise wirke; sie sei nur als der Anfang und der Zunder anzusehen, der auf die Empfänglichen einwirke. Ähnlich sagt Cicero:

„Die unsterblichen Götter zeigen sich zwar persönlich uns nicht, aber ihre Kraft verbreiten sie weit und breit; sie schliessen dieselbe teils in die Höhlen der Erde ein, teils verweben sie sie mit der Natur des Menschen. Denn die Kraft der Erde begeistert die Pythia zu Delphi, die der Natur die Sibylle.“ —

Nach dieser Ansicht liegt demnach die Weissagung in der Natur des Menschen als ihrer Ursache; sie kann aber durch äussere Mittel, als Bedingung, erweckt werden, sonst wäre es nicht möglich, dass auch ohne diese Bedingung, nämlich bei den Sibyllen, geweissagt wird.

Es ist vorweg zu erwarten, dass Plutarch, der selber Oberpriester in Delphi war, dieser richtigen Einsicht am nächsten kommen musste. Seiner Ansicht nach muss der Seele des Menschen selbst die Fähigkeit zugesprochen werden, in die Zukunft zu sehen, aber allerdings nicht im normalen, sondern im enthusiastischen Zustand. Er beschreibt aber diesen Zustand in einer Weise, dass wir daraus auf Somnambulismus schliessen müssen, der ja ohnehin fast der einzige erfahrungsmässig bekannte Zustand ist, in welchem Fernsehen stattfindet. Er sagt:

„Wenn wir der Wahrsagerkunst die Seele des Menschen als Materie und den begeisternden Dampf oder Hauch als ein Instrument oder Plektron zuschreiben, so wollen wir dadurch keineswegs den Einfluss der Gottheit und Vernunft auf dieselbe ableugnen. Denn fürs erste wird sowohl die Erde, die jene Dünste erzeugt, als die Sonne, die der Erde die Kraft zu jeder Mischung und Veränderung mitteilt, von uns nach der Vorschrift unserer Vorfahren als eine Gottheit betrachtet. Sodann lassen wir ja die Dämonen noch immer Aufseher, Wächter und Vorsteher dieser Mischung sein, welche, wie bei einer Musik, zur gehörigen Zeit das eine nachlassen, das andere anziehen, oder auch die allzuheftigen Wirkungen der Begeisterung mildem und die Bewegungen für die Menschen, die davon ergriffen werden, unschädlich machen.“

Diese Ungefährlichkeit der Begeisterung scheint jedoch nicht ausnahmlos gewesen zu sein; denn Plutarch selbst erzählt folgenden Fall:

„Wie ging es nun aber der Pythia ? Sie stieg zwar zum Orakel hinab, wiewohl ungern und wider Willen; allein gleich bei den ersten Antworten merkte man aus ihrer rauhen und gleich einem Schiffe mit Gewalt fortschiessenden Stimme, dass sie von einem bösartigen, das Reden hindernden Dunst ergriffen sei und deswegen nichts Deutliches hervorbringen könne. Zuletzt stürzte sie ganz ausser sich mit fürchterlichem Geschrei zur Thüre hinaus und warf sich zu Boden, so dass nicht allein die Seher, sondern auch der Prophet Nikander selbst und alle anwesenden Priester davon liefen. Nicht lange hernach gingen sie wieder hinein und trugen sie ganz sinnlos weg; aber sie lebte nur noch wenige Tage.“

Plutarch meint also, dass sowohl Apollo, als auch die Dämonen, seine Diener, bei den Orakeln thätig seien, aber doch nur insofern, als sie die für die Begeisterung notwendige Bedingung liefern. Es sei lächerlich anzunehmen, dass Apollo

„in den Leib der Wahrsager dringe, aus ihnen rede und Mund und Stimme wie Instrumente gebrauche.“

Und wenn er auch sagt, dass die Dämonen zeitweilig die Orakel verlassen, die alsdann

„wie ungebrauchte musikalische Instrumente unthätig und sprachlos liegen“

, so ist er sich doch klar darüber, dass die Priesterin nicht gleichsam als eine von Apollo besessene, passiv Begeisterte anzusehen sei, sondern als aktiv Hellsehende:

„Wenn die Seelen, die vom Körper, getrennt sind, oder die noch keinen gehabt haben, nach deiner und des göttlichen Hesiodus Behauptung Dämonen sind, warum wollen wir eben die im Körper befindlichen Seelen jener Kraft berauben, wodurch die Dämonen zukünftige Dinge zu wissen und vorher zu verkündigen im stände sind?“ —

Weiterhin spricht Plutarch einen Grund aus, den Jede transcendentale Psychologie anerkennen muss:

„Denn dass die Seelen erst nach ihrer Trennung vom Leibe eine , neue Kraft, oder Eigenschaft, die sie vorher nicht gehabt haben, bekommen sollten, ist gar nicht wahrscheinlich; weit eher lässt sich denken, dass sie alle ihre Kräfte beständig, auch während ihrer Vereinigung mit dem Körper, wiewohl in einer geringeren Vollkommenheit, besitzen. Einige derselben sind unmittelbar und verborgen, einige auch ganz schwach und stumpf, einige auch, wie wenn man durch einen Nebel sieht oder sich im Wasser bewegt, träge und unwirksam, und erfordern teils eine sorgfältige Wartung und Wiederherstellung in ihren gehörigen Zustand, teils eine Wegräumung und Reinigung alles dessen, was ihnen im Wege steht. Denn so wie die Sonne nicht erst dann, wenn sie den Wolken entweicht, glänzend wird, sondern es beständig ist und nur wegen der Dünste uns finster und unscheinbar vorkommt, ebenso erhält auch die Seele nicht erst dann, wenn sie aus dem Körper, wie aus einer Wolke, herausgeht, das Vermögen in der Zukunft zu sehen, sondern besitzt es schon jetzt, wird aber durch ihre genaue Vereinigung mit dem Sterblichen geblendet. … So schwach, so stumpf und unmerkbar nun auch dieses den Seelen eingepflanzte Vermögen sein mag, so geschieht es doch zuweilen, dass eine oder die andere gleichsam aufblüht und aus demselben in Träumen und bei den Mysterien Gebrauch macht, entweder weil der Körper alsdann gereinigt wird und die hierzu erforderliche Stimmung erhält, oder weil die Kraft zu denken und zu überlegen, jetzt, da sie von allem Gegenwärtigen losgerissen und befreit ist, sich mit der bloss von der Einbildung, nicht aber von der Vernunft abhängenden Zukunft beschäftigen kann. Euripides sagt zwar: ,Wer gut mutmassen kann, ist der beste Prophet; aber er irrt sich, denn der ist bloss ein gescheidter Mann, der der Leitung seiner Vernunft und den Gründen der Wahrscheinlichkeit folgt. Die Weissagungskraft hingegen ist an sich, gleich einer unbeschriebenen Tafel, ohne Vernunft und ohne Bestimmung, aber doch gewisser Vorstellungen und Vorempfindungen empfänglich und erreicht das Zukünftige ohne alle Vernunftschlüsse, vornehmlich aber dann, wenn sie aus dem Gegenwärtigen ganz herausgesetzt ist. Dies geschieht durch eine besondere Stimmung und Beschaffenheit des Körpers, und hieraus erfolgt dann diejenige Veränderung, die wir Enthusiasmus nennen.“ —

Mit anderen Worten: Die Seele des Menschen gehört zum Geschlecht der Dämonen, d. h. sie ist intelligibler Natur und als solche hellsehend; während des irdischen Lebens bleibt diese Fähigkeit latent und bricht nur ausnahmsweise in der Ekstase hervor. Nicht begeisternde Dämpfe, nicht magnetische Striche, ja nicht einmal der Tod könnte das Hellsehen erwecken, wenn es nicht schon in der Natur der Seele läge; sie können nur die Hindernisse hinwegräumen, die: dem Hellsehen entgegen stehen. Dieses Hindernis liegt in der Vereinigung mit dem Körper, d. h. im sinnlichen Bewusstsein. Der Mensch als transcendentales Subjekt ist fernsehend; aber sein irdisches Bewusstsein muss erst verdunkelt werden, wenn jenes Vermögen aus der Latenz, treten soll.

Der Zustand nun, in welchem erfahrungsmässig Fernsehen ein tritt, ist der tiefe Schlaf, als Annäherung an den Somnambulismus, und der Somnambulismus selbst. Wir werden also annehmen müssen, dass die Priesterinnen durch die aufsteigenden Dämpfe in Somnambulismus gerieten. Damit stimmt alles überein, was wir über den Zustand der Pythia erfahren, zunächst die sinnliche Bewusstlosigkeit und die Konvulsionen, die wir bereits kennen gelernt haben. Wir werden aber noch andere gemeinschaftliche Merkmale der Pythien mit unseren Somnambulen finden, die jeden Zweifel beseitigen: die Gedankenübertragung, das Sprechen in gebundener Redeform, das Hellsehen, das Fernsehen in Zeit und Raum und das erinnerungslose Erwachen.

Die Priesterinnen in Delphi waren anfänglich Mädchen, deren zwei in Thätigkeit waren, während eine dritte in Bereitschaft gehalten wurde. Als jedoch ein Thessalier, Echekrates, einst eine Priesterin verführte, nahm man nur mehr Frauen in vorgerückten Jahren. Man wählte sie sorgfältig unter den Bewohnerinnen von Delphi aus, suchte aber keineswegs gebildete, sondern im Gegenteil möglichst unwissende Frauen, Man erkannte also das weibliche, durch den Cölibat zur Hysterie disponierte Geschlecht als das geeignetere. Zunächst ist es dem Schlafleben unserer Somnambulen analog, dass die Priesterin innerhalb eines häufig mit Konvulsionen verbundenen Schlafes innerlich erwachte, in Ekstase, Enthusiasmus, Manie geriet und darin sprach. Dass die das Orakel Befragenden die Priesterin meistens gar nicht zu sehen bekamen, hatte wohl darin seinen Grund, dass man ihnen den Anblick solcher oft schreckhafter Zustände ersparen wollte. Bevor die Priesterin sich auf den Dreifuss setzte, schüttelte sie den dabei stehenden Lorbeerbaum, pflückte Blätter ab und kaute sie; sie war mit Lorbeerkränzen geschmückt, und der Dreifuss war mit Kränzen und Zweigen von Lorbeer bedeckt. Die Verwendung des Lorbeer zu solchen Zwecken ist nun auch unseren Somnambulen bekannt. Eine Somnambule Kerners sagt, dass der Lorbeer die magnetische Kraft mächtig verstärke; sie rät einer Kranken, in ihrem Zimmer Lorbeerbäume zu halten, und als sie selbst Lorbeerblätter in die Hand nimmt, sagt sie:

„Der Genuss von Lorbeerblättern — ich weiss es jetzt allein von den Blättern, weil ich nur diese in der Hand halte, — dient denjenigen Menschen, die Anlage zu den magischen Wissenschaften haben, dass sich diese in ihnen- mehr entwickeln. Will ein schwacher Magnetiseur stark einwirken, so soll er mit Lorbeerblättern magnetisieren.“

Zur Verstärkung ihres magnetischen Schlafes verordnete sie sich Kirschlorbeerwasser, ohne es je gekannt zu haben, und Kerner erzählt, dass ein Mädchen, dem er dieses Wasser tropfenweise verordnet hatte, aus Missverständnis der Wärterin einen Esslöffel voll auf einmal erhielt, worauf es in einen dreitägigen Somnambulismus verfiel.  Auch van Heimo nt erzählt, dass er durch den Genuss von „Napellus“ somnambul wurde und mit der Magengegend dachte.

Als Erregungsmittel des Somnambulismus wird auch das Wasser verschiedener Quellen angegeben. So bei den Orakeln zu Pergamus, Dodona, Epidaurus. Auch die Pythia trank aus dem kastalischen Quell, bevor sie den Dreifuss bestieg. Beim Orakel zu Klaros weissagte ein männlicher Prophet, der sich durch Fasten vorbereitete; wenn er dann von der dortigen Quelle getrunken hatte, wurde er bewusstlos und gab den Fragenden Antwort, worauf er allmählich wieder zu sich kam, ohne sich dessen zu erinnern, was er geredet. Beim Orakel zu Kolophon stieg der Priester in die Grotte hinab und trank von dem begeisternden Wasser. Über das merkwürdige Verhältnis der Somnambulen zum Wasser — abgesehen von der künstlichen Magnetisierung desselben — sagt Medizinalrat Schindler:

„Viele Somnambulen wurden von Wasserflächen angezogen, wie Fischer und Pfoot dies beobachteten; Hufeland erzählt, dass ein Frauenzimmer, über eine Brücke gehend, in unvollkommenen Somambulismus geriet, und Köttgens Kranke, über ein Brett gehend, stürzt unaufhaltsam in den Graben und sagt aus, wie sie vor dem Wasser gehütet werden müsse, und als man dies verabsäumt, stürzt sie besinnungslos in das Wasser, an dem sie Tücher schweift. Nicht allein, dass magnetisiertes Wasser den Somnambulen heilsam wird und ihr Hellsehen steigert, sie auch magnetisiertes Wasser genau von unmagnetisirtem unterscheiden: so hat auch Reichenbach die schlafmachende Wirkung des magnetisierten Wassers nachgewiesen und gezeigt, wie die Sensitiven Wasser, welches den Strahlen der Sonne und des Mondes ausgesetzt war, wohl von dem unterscheiden, welches im Schatten gestanden.“

Die Art, wie die Priesterin redete, erinnert ebenfalls an Somnambulismus, in welchem das Organ der Sprache oft krankhaft verändert erscheint. Tertullian sagt, dass die Priesterin von einem Gott erfasst zu sein glaubte und keuchend redete.Die Pythia wird eine Wahrsagerin aus dem Unterleib, womit nicht etwa Bauchrednerei gemeint ist, sondern das Organ des Propheten bezeichnet ist, wie es schon Jesaias beschreibt:

„Alsdann sollst du geniedrigt werden und aus der Erde reden, und aus dem Staube mit deiner Rede murmeln, dass deine Stimme sei wie eines Zauberers aus der Erde, und deine Rede aus dem Staube wispele.“

Aber noch in einem anderen Sinne heisst es, dass die Pythia oft Worte sprach, die niemand verstand, und die man Glossen nannte. So erfand auch Jakob Böhme Jur bekannte Dinge neue Namen, und sagte, es seien das die Wesennamen der Dinge. Die Seherin von Prevorst hatte ihre eigene innere Sprache, wovon Kerner einige Beispiele giebt. Dass die Priesterin zu Delphi ihr unbekannte Sprachen redete, wird ebenfalls berichtet und lässt sich vielleicht aus dem gesteigerten Erinnerungsvermögen erklären, das auch bei den Somnambulen häufig zu der Ansicht führt, dass sie in fremden Zungen reden. So jenes unwissende Bauernmädchen, das in der somnambulen Krise lateinisch sprach; man hielt das für ein Wunder, und es sollte bereits eine Wallfahrt in Szene gesetzt werden, als es sich herausstellte, dass die Worte dem Brevier entnommen waren; bei näherer Erkundigung nach ihrer Vergangenheit erfuhr man, dass sie vor mehreren Jahren bei einem Pfarrer diente, der sein Brevier laut zu lesen gewohnt war. In dieser Weise ist es vielleicht auszulegen, dass der Oberpriester in Ammon zu Alexander griechisch sprach, aber so, wie man eine fremde Sprache spricht. Es kommen Fälle vor, dass den Barbaren in ihrer Sprache geantwortet wurde, wie z. B. dem Boten des Mardonius. Als Mys in das Heiligtum des Ptoischen Apollo kam, weissagte der Oberpriester in karischer Sprache. Wo nun aber die gesteigerte Erinnerung zur Erklärung nicht ausreicht, müssen wir annehmen, dass die Priesterinnen sich im Zustand unserer Sprechmedien befanden.

Wie bei unseren Somnambulen, kam auch bei den Priesterinnen die Gedankenübertragung vor. Die Fragenden erhielten oft Bescheid, noch bevor sie ihre Fragen gethan hatten, daher es hiess, dass Apollo

„den Stummen versteht und in die Seele des Schweigenden sieht“

Plutarch sagt, dass die Pythia zuweilen, noch bevor sie befragt wurde, Orakel gab; denn sie diene einem Gotte, der von sich selber sage: — „Ich verstehe den Stummen, den Sprachlosen höre ich reden.“ Dies waren in der That die von der Priesterin in dramatischer Spaltung dem Apollo zugelegten Worte, als die Boten des Krösus, noch bevor sie sich ihres Auftrages entledigten, von der Pythia angeredet wurden. Andere Priesterinnen verlangten nur den Namen des Befragers und errieten sodann sein Anliegen.

Dass die Priesterin inspiriert sei, wurde nicht nur darum angenommen, weil die Theorie der transcendentalen Fähigkeiten noch nicht zum klaren Bewusstsein der Griechen gekommen war, sondern auch darum, weil dem Somnambulismus, wie jedem Traumzustand überhaupt, die Form der dramatischen Spaltung eigen ist. Auch unsere Somnambulen sprechen oft von ihren Schutzgeistern und Führern, von welchen sie vorgeben, inspiriert zu sein. Sogar die bei modernen Somnambulen vorkommenden Tauben als symbolische Inspiratoren scheinen auch im Altertum sich eingestellt zu haben. Beim Orakel zu Dodona kommt die inspirierende Taube vor, und die Priesterinnen selbst Messen sogar Tauben.

Wie bei den Somnambulen, ist auch bei den Priesterinnen zu unterscheiden zwischen dem Hellsehen im eingeschränkten Sinne des Wortes, d. h. dem Sehen des Gegenwärtigen ohne Vermittlung des Gesichtsinnes, und dem Fernsehen in Zeit und Raum. Das Hellsehen kommt vor in der ganz modernen Form des Lesens versiegelter Briefe. Trajan befragte in einer skeptischen Anwandlung das Orakel zu Heliopolis, indem er einen versiegelten Brief Mnsandte. Das Orakel befahl, ihm ein unbeschriebenes Stück Papier versiegelt zu senden. Trajan war darüber voll Bewunderung; denn auch er hatte einen leeren Brief gesendet.

Über das räumliche Fernsehen sind die Berichte zahlreich und so merkwürdig, dass der Rationalist Götte sagt:

,,Unglaublich ist die Schnelligkeit, mit welcher die Orakel von allen wichtigen Ereignissen Kunde erhielten. Wollte man die Wahrheit mancher Nachricht nicht in Zweifel ziehen, so möchte man sich das Wunder beinahe durch eine telegraphenähnliche Veranstaltung erklären.“

Schade nur, dass bei dieser Theorie alle Fälle des zeitlichen Fernsehens unerklärt bleiben. Das merkwürdigste Beispiel eines räumlichen Fernsehens erfuhr Krösus. Dieser König von Lydien wollte die verschiedenen Orakel auf die Probe stellen. Er sandte daher Boten zu den Orakeln nach Abä, zu den Branchiden bei Milet, nach Dodona, zu den Orakeln des Amphiaraus und Trophonius, nach Ammon und nach Delphi. Zwischen diesen wollte er alsdann eine Wahl treffen, um über seinen Feldzug gegen die Perser sich beraten zu lassen. Die nach Delphi geschickten Boten hatten den Auftrag, am hundertsten Tage, von der Abreise an gerechnet, das Orakel zu fragen, womit Krösus eben jetzt beschäftigt sei. Da sie nun in das Innere des Tempels kamen und eben im Begriff waren, sich ihres Auftrags zu entledigen, wurden sie von der Pythia in Versen angesprochen:

„Siehe, ich zähle den Sand, die Entfernungen weiss ich des Meeres, Höre den Stummen sogar, und den Schweigenden selber vornehm’ ich. Jetzo dringt ein Geruch in die Sinne mir, wie wenn so eben Mit Lammfleisch gemengt in Erz Schildkröte gekocht wird; Erz ist untergesetzt, Erz oben darüber gedecket.“

Diesen Spruch schrieben die Boten auf und eilten damit nach Sardes zurück, wo auch die übrigen Boten sich eingestellt hatten. Den Spruch von Delphi nahm Krösus mit grosser Verehrung an. Er hatte nämlich an dem bestimmten Tage etwas-ersonnen, was zu erraten unmöglich sein sollte: Er Hess eine Schildkröte und ein Lamm in Stücke schneiden und in einem ehernen Kessel zusammen kochen, auf den er einen ehernen Deckel gelegt hatte. Auch das Orakel des Amphiaraus soll Krösus bei dieser Gelegenheit als ein zuverlässiges erprobt haben; die übrigen Antworten, die nicht mitgeteilt sind, fanden seinen Gefallen nicht.

Häufiger noch wurde das Fernsehen in der Zeit auf die Probe gestellt, und Orakelsprüche dieser Art sind auch von den griechischen Tragikern behandelt worden. Den Lajos, der die Jokaste heiratete, hatte das Orakel gewarnt, keine Kinder zu erzeugen, da seine Söhne ihn töten sollten und sein ganzes Haus von Blut zu Blut wandeln würde.1) Er übertrat das Verbot, zeugte den Ödipus, den er Hirten übergab, um ihn auszusetzen oder zu töten. Dieser Ödipus erkundigte sich in Delphi nach seiner Abkunft und wurde gewarnt, in sein Vaterland zurückzukehren, da er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten würde. Bei Phokis tötete er in der That den ihm unbekannten Vater, heiratete die Jokaste, zeugte mit ihr Eteokles und Polynikes, erfuhr aber erst dann das wahre Verhältnis. Seine Söhne stiessen ihn vom Throne, töteten sich aber später gegenseitig im Kampfe.

Zu den Orakeln, durch welche der Fragende über sein eigenes Schicksal Aufschlüsse erhielt, gehörte auch das, welches Timarchus in der Höhle des Trophonius bekam. Er vernahm eine Stimme, die ihn aufforderte, nach Athen zurückzukehren; nach drei Monaten würde er das, worüber er gefragt, viel deutlicher erkennen. Er kehrte zurück und starb nach drei Monaten.

Auch über das Schicksal anderer wurden Aufschlüsse erteilt. Krösus hatte einen Sohn, der stumm war, und befragte über ihn den delphischen Apollo, der manchmal auch als Heilgott Rat erteilte. Die Pythia gab die Antwort:

„Lydiens Sohn, und Herrscher von vielen, o thörichter Krösus!

Wünsche nur nicht zu vernehmen im Haus die ersehnete Stimme

Deines, des redenden, Sohnes! Fürwahr, es ist für dich besser!

Denn er wird reden zu dir am ersten Tage des Unglücks.“

Bei der Belagerung von Sardes nun, als die Veste genommen war, stürzte ein Perser auf Krösus zu, den er nicht kannte, um ihn zu töten. Krösus empfing den Angreifer ruhig, da er, von seinem Unglück gebeugt, sein Leben nicht retten wollte. Als jedoch der stumme Sohn den Perser heranstürzen sah, verlieh ihm der Schrecken die Sprache und er rief:

„O Mensch, töte doch nicht den Krösus!“

Es war dies das erste Wort, das er sprach, aber die Fähigkeit der Rede verblieb ihm für die ganze Zeit seines Lebens.In anderer Absicht befragte Lollia unter dem Kaiser Claudius das Orakel des karischen Apollo über die Vermählung des Kaisers. Sie wurde bestraft, da ihr der Gegenstand der Frage als Verbrechen angerechnet wurde.

Häufig wurden wichtige Ereignisse von den Orakeln vorher verkündet. Die Priesterin Phännis, die Tochter des chaonischen Königs, sagte den verheerenden Zug der Gallier ein Menschenalter vor dem Ereignis in ihren Sprüchen voraus. Plutarch spielt auf den Ausbruch des Vesuv, 79 n. Chr., an, wenn er sagt, dass die Ereignisse von Cumä schon in ältesten Zeiten in sibyllinischen Gedichten vorher gesagt wurden und als Schuld anzusehen seien, die nun von der Zeit bezahlt worden. Wenn aber Cicero sagt, dass die Weissagungen unbestimmt gehalten seien, Ohne Bezeichnung des Ortes und der Zeit, so stimmt auch das mit den Femgesichten unserer Somnambulen überein, die kein abstraktes Wissen enthalten, sondern anschauliche Bilder, denen örtliche und zeitliche Bezeichnungen nicht anhaften.

Schon in der griechischen Sagengeschichte kommt jener merkwürdige Umstand vor, dass die Versuche, das Eintreffen der von den Orakeln geweissagten Ereignisse zu vereiteln, fehlschlagen, ja dass das Ereignis eben durch jene Versuche herbeigeführt wird. Bei den Alten wird nun die Möglichkeit der Weissagung aus dem Begriff des Schicksals erklärt, und auf der Unvermeidlichkeit des Schicksals, auf der Notwendigkeit alles Geschehens beruht die Unentrinnbarkeit der Weissagung, die immer ein treffen muss. Darum wirft Cicero die Frage auf, wozu denn die Weissagung nütze, da ja doch die geweissagten Ereignisse sich nicht vermeiden lassen. Innerhalb des modernen Somnambulismus kommt nun diese Unververmeidlichkeit sehr auffällig vor beim zweiten Gesicht, weil bei diesen Ferngesichten, die ganz in Anschaulichkeit aufgehen, das geschaute Bild mit dem späteren Ereignis in jedem Detail übereinstimmt Schopenhauer sagt hierüber: —

„Am auffallendsten ist die empirische Bestätigung meiner Theorie der strengen Notwendigkeit alles Geschehens beim zweiten Gesicht. Denn das vermöge desselben oft lange vorher Verkündete sehen wir nachmals ganz genau und mit allen Nebenumständen, wie sie angegeben waren, eintreten, sogar dann, wenn man sich absichtlich und auf alle Weise bemüht hatte, es zu hintertreiben, oder die eintreffende Begebenheit, wenigstens in irgend einem Nebenumstand, von der mitgeteilten Vision abweichen zu machen; welches stets vergeblich gewesen ist, indem dann gerade das, was das Vorherverkündete vereiteln sollte, allemal es herbeizuführen gedient hat; gerade so, wie sowohl in den Tragödien, als in der Geschichte der Alten, das von Orakeln und Träumen verkündigte Unheil eben durch die Vorkehrungsmittel dagegen herbeigezogen wird. Als Beispiel nenne ich, aus so vielen, bloss den König Ödipus und die schöne Geschichte vom Krösus mit dem Adrastos im ersten Buche des Herodot c. 35—43. Die diesen entsprechenden Fälle beim zweiten Gesicht findet man mitgeteilt im dritten Heft des achten Bandes des „Archiv für tierischen Magnetismus“ von Kieser (besonders Beispiel 4. 12. 14. 16.); wie einen in Jung Stillings „Theorie der Geisterkunde“ § 155.“*)

Ein ähnliches Beispiel bietet Arkesilaus, der dem ihm ge-weissagten Tode entfliehen wollte und eben dadurch das Orakel erfüllte. Ebenso gehört hierher die „Geschichte des dritten Kalenders“ in „1001 Nacht.“ Den von mir bereits anderwärts erwähnten Fällen füge ich noch einen analogen Fall zweiten Gehörs aus neuerer Zeit bei. Es ist in Westfalen üblich, dass bei Todesfällen in Bauernhöfen die Särge im Hofe selbst vom Tischler hergestellt werden, dem dazu die nötigen Bretter geliefert werden. Ein solcher Bauer nun hatte, wie Dr. Kuhlenbeck berichtet, in seinem Holzschuppen ein Geräusch vernommen, als ob dort Bretter durchgesägt würden, was dort für einen Vorspuk gehalten wird. Wenige Tage später nun fand man den bis dahin rüstigen Vater des Bauers tot im Gehölz. Um nun den Vorspuk um jeden Preis zu vereiteln, befahl der Bauer dem Tischler, die nötigen Bretter zwar im Schuppen auszusuchen, aber in seiner eigenen Werkstatt zurechtzuschneiden. Dies geschah; aber als der Sarg beinahe fertig war, fehlte noch eine Leiste, daher der Tischler einen Gesellen in den Hof schickte, der nun im Schuppen ein passendes Stück von einem Brett absägte. Erst das jetzt zum zweitenmale ertönende Geräusch belehrte den Bauer, dass der für unvermeidlich geltende Vorspuk nun doch erfüllt sei.

Phoemohoe, die erste Priesterin zu Delphi, wird als Erfinderin des Hexameters genannt. Diodor sagt ferner, dass die Epigonen die böotische Stadt Tiphossäon nahmen und plünderten; Daphne, die Tochter des Sehers Teiresias, die in ihre Gewalt fiel, wurde einem Gelübde gemäss als Kriegsbeute nach Delphi dem Gotte geweiht. Diese war des Weissagens nicht weniger kundig, als ihr Vater, und durch den Aufenthalt in Delphi steigerte sich noch ihre Kunst Sie schrieb viele Orakel in sehr kunstreicher Form; selbst Homer soll aus ihren Gedichten sich manches angeeignet und seine Werke damit geschmückt haben. Weil sie aber oft von göttlicher Begeisterung ergriffen wurde und dann weissagte, nannte man sie „Sibylle“. Endlich sagt Plinius kurz, dass der Hexameter aus Delphi stamme. Auch darin liegt eines der vielen Anzeichen, dass die Priesterin somnambul war; denn auch bei den modernen Somnambulen ist es eine häufige Erscheinung, dass sie in Versen sprechen, und zwar auch dann, wenn es im Wachen ganz ausserhalb ihrer Fähigkeiten liegt. Medizinalrat Schindler behandelte eine Kranke, die sehr viel in Versen sprach, wie z. B. eine lange Ode auf Friedrich Wilhelm III., und ein Fieberkranker machte Verse über alle möglichen Gegenstände, von denen er nach dem Erwachen nichts mehr wusste; auch von der heiligen Hildegard wird erzählt, dass sie zur Ehre Gottes Hymnen sang, die sie nie erlernt. Das Sprechen in Versen finden wir auch ausserhalb der Orakel bei den Somnambulen des Altertums. Im Tempelschlaf erschienen den Kranken die geträumten Heilmittel entweder in ihrer Gestalt, oder in Symbolen, oder die Schlafenden sprachen in Versen davon.4) Nach Apulejus, der sich auf Varro beruft, wurde den Einwohnern von Tralles der Ausgang des mithridatischen Krieges von einem Knaben prophezeit, der in ein Wassergefäss schaute — die Visionen im Wasserglas kommen noch heute vor — und dann in 160 Versen die Zukunft schilderte. Erst in späterer Zeit kam die Prosa bei den Orakeln in Anwendung, doch sprach noch zu Plutarchs Zeiten die Pythia manchmal in Versen.

In der betreffenden Abhandlung behandelt Plutarch die aufgeworfene Frage: warum die Pythia die Orakel nicht mehr in Versen erteile, sehr ausführlich. Wer nämlich in den Orakelsprüchen Inspirationen des Gottes sah, musste sich natürlich schon damals wundern, dass die Verse, wie eben auch bei unseren Somnambulen, oft so herzlich schlecht waren und keineswegs der Anforderung entsprachen, die man gerade an den Gott der Sänger stellen durfte. Daher steht die Frage Plutarchs in Zusammenhang mit der anderen Frage: aus welcher Quelle die Orakel kommen, und wurde somit sehr wichtig. Plutarch aber, der in der Weissagung eine trans-cendentale Eigenschaft der menschlichen Seele erkannte, konnte folgerichtig in seiner Wertschätzung der Orakel durch die Minderwertigkeit der Verse nicht erschüttert werden. Diogenian sagt bei Plutarch, er habe sich oft über die schlechten und elenden Verse gewundert, in welchen“ die Orakel verfasst wurden; Apollo, als Führer der Musen, sollte sich nicht allein durch Beredsamkeit, sondern auch durch den Wohlklang der Lieder auszeichnen, ja Hesiod und Homer übertreffen. Die meisten seiner Orakel seien aber sowohl in Ansehung des Silbenmasses, als des Ausdruckes geschmacklos und fehlerhaft. Es sei eine ausgemachte Wahrheit, dass die Verse der Orakel schlecht seien, daher denn auch viele glauben, Apollo sei nicht der Verfasser derselben, und es rühre von ihm nur die erste Bewegung her, die im übrigen der Natur jeder einzelnen Prophetin entspreche. Wäre es eingeführt, dass die Orakel nicht mündlich, sondern schriftlich erteilt würden, so würde man die Buchstaben gewiss nicht dem Gotte zuschreiben, oder sie tadeln, wenn sie nicht schön geschrieben wären. Stimme, Ausdruck und Silbenmass gehörten also wohl nicht dem Gotte, sondern der Pythia an; der Gott gebe nur die Bilder und Vorstellungen ein und zünde in ihrer Seele das Licht an, dass sie die Zukunft erkenne.

Der Skeptiker wird nun allerdings geneigt sein, zu sagen, von Frauen Hessen sich andere, als schlechte Verse nicht wohl erwarten; aber diese Auslegung passt weder auf die Pythien, noch auf unsere Somnambulen, von welchen, ihrem Bildungsgrade gemäss, in der Regel überhaupt keine Verse, nicht einmal schlechte, zu erwarten wären. Plutarch sagt, dass die Priesterin zu Delphi zwar von guter und ehrlicher Herkunft war und eine Jungfrau von unbescholtenem Ruf sein musste, aber in dem Hause armer Leute erzogen, trete sie ohne eine Kunsterfahrung in das Orakel ein; dagegen werde von ihr im Orakeldienst gefordert, dass sie, wie auf der Bühne, nicht eine einfache und ungekünstelte, sondern eine hochtrabende, mit Silbenmass, Metaphern und Erdichtungen geschmückte Sprache führe.

Als nun mit der Zeit die Pythia aufhörte, in Versen zu sprechen, that dies, wie Plutarch sagt, der Glaubwürdigkeit der Orakel viel Eintrag, indem angenommen wurde, dass sie sich dem Gotte nicht mehr näherte, oder dass die Kraft des aus dem Schlunde steigenden Dunstes verschwunden wäre. Plutarch erkannte also den Zusammenhang der rhythmischen Sprache mit dem Zustande der Begeisterung, und aus der Abnahme jener schloss er auf die Abnahme auch dieser. Das Problem ist also für ihn ein sehr wichtiges, wiewohl er selbst sagt, dass auch die älteren Priesterinnen sehr viele Orakel in Prosa erteilten. Man könne nicht verlangen, dass alle Orakel in Versen erteilt werden und dass die in Prosa ohne Wahrheit seien, wie man auch nicht sagen könne, dass Sappho allein ein verliebtes Mädchen gewesen sei. Sogar lobt er die Prosa der Orakel, da viele der Ansicht seien, dass Metaphern, Rätsel und Zweideutigkeiten eben so viele Rückhalte und Schlupfwinkel bildeten, wohin man sich leicht zurückziehen könne, wenn einmal die Prophezeihung nicht eintreffe.

Bei unseren Somnambulen ist das Sprechen in Versen keineswegs die Regel, findet vielmehr nur bei hoher Begeisterung statt. Plutarch hätte also die Antwort auf seine Frage, warum die Pythia nicht mehr in Versen spreche, leicht finden können. Der Inhalt der Orakel musste daran Schuld sein. Plutarch selbst giebt zu, dass man die Orakel nicht mehr nur in verwickelten, geheimnisvollen und gefährlichen Angelegenheiten befrage, sondern in unbedeutenden Dingen, Erbschaften, Heiraten, Geldangelegenheiten, Reisen, Gesundheit, Gedeihen des Viehs, Wachstum des Getreides, kurz in Dingen, für welche der Vers nur ein sophistischer Schmuck wäre.

Das Dichten der Somnambulen ist ein merkwürdiges Problem, das auch auf die Psychologie der Dichtkunst ein interessantes licht wirft, dessen Behandlung aber nicht hierher gehört, wo lediglich die Tatsache dieses Dichtens als ein Parallelfall von Somnambulismus und Orakelwesen anzuführen war.

Eine andere Parallele ist die Zweideutigkeit der Orakel, wie mancher somnambulen Prophezeiung. Die Sprache der Orakel war oft eine dunkle Bildersprache, die so lange unverständlich blieb, bis der Ausgang der Sache die Dunkelheit aufhellte. Das Symbolische, Allegorische, Problematische, Ironische und Zweideutige spielt schon in unseren gewöhnlichen Träumen eine Rolle, und der Somnambulismus ist eben nur dem Grade nach vom gewöhnlichen Schlaf verschieden. Dieselbe dunkle Sprache finden wir bei den Propheten des Alten Testaments und in den Quatrains des Nostradamus. Von den Schamanischen. Zauberern wird gesagt, dass ihre Sprache oft so dunkel und poetisch lautete, dass der Dollmetscher sie nicht zu übersetzen vermochte. Von der Lenormand, der von Napoleon I. viel konsultierten Somnambulen, sagt ein Berichterstatter, ihre Aussagen über die Zukunft seien oft so rätselhaft gewesen, wie bei den Pythien und Sibyllen. Auch beim zweiten Gesicht sind die Visionen manchmal nicht dem späteren Vorgang entsprechend, sondern symbolisch, dem Visionär selbst unverständlich, der sich an einen Ausleger wendet. Beim Tode Glosters lässt Shakespeare den Cardinal Beaufort ausrufen: — „Geheimnisvolles Gericht Gottes! mir träumte diese Nacht, der Herzog sei stumm und könne kein Wort reden.“ Auch Goethe erzählt in „Dichtung und Wahrheit“ symbolische Wahrträume seines Grossvaters.

In gleicher Weise sagt nun Plutarch, dass Apollo in den Orakeln weder rede, noch schweige, sondern nur andeute. Auch Cicero sagt, die Orakel seien oft verschlungen und dunkel, so dass der Erklärer einen Erklärer nötig habe, oder so zweideutig, dass man sie einem Dialektiker vorlegen müsse. Die Lakedämonier, die wegen des Krieges mit Athen befragten, erhielten die Antwort, dass sie, wenn sie die Nachkommen des Pausanias nicht zurückriefen, mit silbernen Pflügen ackern müssten. Dies wurde so ausgelegt, dass eine Hungersnot eintreten würde und alles so teuer gekauft werden müsste, wie wenn sie mit silbernen Pflügen ackerten.4) Ein symbolisches Orakel erhielten die Chalkidier bezüglich ihrer Auswanderung:

 

„Dort, -wo der Apsia heiligster Strom sich mischt mit der

Meerflut,

Und an der Mündung selber das Weib sich freiet den Gatten,

Dort nur baue die Stadt!“

Als sie nun am Flusse Apsia eine Weinrebe fanden, die sich an einem wilden Feigenbaum emporrankte, erkannten sie in diesen Mann und Weib, und erbauten die Stadt.1) Als die Lakedämonier nach Delphi schickten, um zu erfahren, wo die Gebeine des Orestes begraben lägen, erhielten sie die Antwort:

„Liegt ja Tagea, die Stadt, in Arkadiens breiterem Flurland;

Alldort blasen, vom Zwange erzeugt, die zweierlei Winde —

Stoss antwortet dem Stoss, und Unheil liegt da auf Unheil.

Dort umschliesst die lebendige Erde den Sohn Agamemnons;

Bringst du dir diesen zurück, so hast du Tagea besiegt schon.“

Damit war nach der Ansicht des Lieh es, der in der That den Sarg mit den Gebeinen fand, eine Schmiede gemeint; unter den zwei Winden waren die Blasebälge verstanden, unter den Stössen Amboss und Hammer, und Unheil auf Unheil bedeutete das Eisen auf dem Eisen, welches zum Unheil der Menschen erfunden sei. Als die Athener nach Delphi schickten, um vor dem Kriege mit Xerxes das Orakel zu befragen, wurde ihnen geraten, Stadt und Land zu verlassen; nur die hölzerne Mauer würde unverheert bleiben, welchen Ausdruck Themistokles auf die Schiffe bezog, weshalb er zur Seeschlacht riet.

Mit Bezug nun auf diese Dunkelheit und das Gewundene seiner Aussprüche hatte Apollo den Beinamen „Loxias“f, verdreht4.) Oft aber hatte die Zweideutigkeit zur Folge, dass das Vertrauen in den Spruch enttäuscht wurde, ja dass der befolgte Rat zum Verderben des Fragenden ausschlug. Als Krösus fragte, ob er lange herrschen würde, erhielt er die Antwort:

„So lange, bis die Meder von einem Maultier beherrscht werden.“

Unter diesem Maultier war aber Cyrus verstanden, der einen Perser zum Vater, eine Medierin zur Mutter hatte. Dem Herkules, der wissen wollte, wann seine Dienstbarkeit unter der Königin Omphale enden würde, wurde die Befreiung von allen Leiden nach fünfzehn Jahren versprochen. Nach fünfzehn Jahren starb er. Als die Lakedämonier das Land Arkadien bekriegen wollten, riet das Orakel, sich auf Tegea zu beschränken; dort würden sie den Boden mit Füssen treten und das Land mit dem Masse der Leine messen. Sie unterlagen aber im Kampfe, mussten die Felder der Tegeaten bebauen und mit der Leine messen. Dem Kleomenes war gesagt worden, dass er Argos einnehmen würde; als er aber einen Hain in Brand stecken Hess, erfuhr er, derselbe sei Hain des Argos genannt, und hielt nun das Orakel für erfüllt. Den Athenern versprach die Pythia, dass sie alle Syrakusaner gefangen nehmen würden; es fiel ihnen aber nur die Namenliste des syrakusanischen Heeres in die Hände. Dem Pyrrhus weissagte das Orakel: „Aio, ie, Aeacida, Romanos vincere posse“; dabei konnte  „Romanos“ sowohl Subjekt als Objekt sein. Dem Epaminondas wurde in Delphi gesagt, er sollte sich vor dem Pelagus hüten; er vermied es daher, zu Schiff zu gehen, fiel aber bei Man-tinea in einem Walde, der Pelagus hiess.6) Nero wurde durch das Orakel in Delphi gewarnt, sich vor dreiundsiebzig Jahren zu hüten. Da er noch jung war, freute er sich dieser Antwort und dachte nicht an seinen Nachfolger Galba, der mit dreiundsiebzig Jahren den Thron bestieg. Daphitas, der das Orakel in Delphi zum Spott befragte, ob er sein Pferd wiederfinden würde, — da er doch gar keines besass, — erhielt die Antwort, dass er ein Pferd finden, aber herunterfallen und sterben würde; bald darauf fiel er in die Hände des Attalus und wurde von einem Felsen herabgestürzt, der „Pferd“ benannt war. König Pyrrhus hatte den Orakelspruch erhalten

,, er würde sterben, wenn er einen Wolf mit einem Stier kämpfen sähe; der Spruch erfüllte sich, als er auf dem Markte zu Argos ein Erzbild erblickte, das einen solchen Kampf darstellte; ein altes Weib tötete ihn durch einen Ziegelstein vom Dach herab. Als Krösus das Orakel frug, ob er die Perser bekriegen sollte, erhielt er die Antwort: Wenn er über den Halys ginge, würde ein grosses Reich zerstört werden. Dies erfüllte sich an seinem eigenen Reich. Als Alexander, König von Epirus, 325 v. Chr. von den Tarentinern nach Italien gerufen wurde, erhielt er vom Orakel zu Dodona die Warnung, sich vor dem Acherusischen Gewässer und der Stadt Pandosia zu hüten, wo ihm sein Ende beschieden sei. Desto eiliger setzte er nach Italien über, indem er Pandosia in Epirus fliehen wollte, fand aber seinen Tod bei Pandosia in Lucanien am Strome Acheros. Dieselbe Zweideutigkeit finden wir aber auch bei späteren Prophezeiungen. Dem König Heinrich IV. war vorhergesagt, er würde in Jerusalem sterben; er starb in der Abtei von Westminster in einem Zimmer, das Jerusalem genannt wurde. Ferdinand dem Katholischen war verkündet. Madrigal sterben, daher er diese Stadt vermied; er starb aber in einem unbekannten kleinen Dorfe desselben Namens. Dem Alvarez da Luna hatte ein Astrolog gesagt, sieh vor Cadahales zu hüten, welches der Name eines Dorfes bei Toledo war, aber auch Schaffet bedeutete; er starb auf dem Schaffot. Nostradamus prophezeite der Katharina von Medici, sie würde in St. Gennain sterben; sie starb in den Armen von St. Gennain. Wie unsere Somnambulen aus ihren1 Krisen erinnerungslos erwachen, was auch von Hypnotisierten gilt, so auch die Priester innen der Orakel. Jamblichus sagt, dass der Wahrsager in der Höhle des Trophonius von einer unterirdischen Quelle trank, nach der Weissagung aber sich nicht immer des Gesagten erinnerte. Von den Priesterinnen zu Dodona sagt Aristides, dass sie weder vor dem Ergriffensein durch den Geist wissen, was sie sagen werden, noch nachher, wenn ihr natürliches Bewusstsein zurückgekehrt, sich des Gesagten erinnern, so dass eher alle anderen, als sie, wissen, was sie gesprochen. So spricht denn alles, was wir vom Zustand der Weissagenden und von dem Inhalt der Weissagungen wissen, dafür, dass es sich bei den Orakeln um Somnambulismus handelte. Die merkwürdige Übereinstimmung aller dieser Merkmale lässt sich anders nicht erklären, und es ist um so weniger daran zu zweifeln, als auch die Mysterien und der Tempelschlaf uns beweisen, dass den Alten der Somnambulismus auch nach seinen andern Seiten wohl bekannt war. Endlich gab es aber auch solche Orakel, von welchen ausdrücklich berichtet wird, dass die Befragenden selber, nicht die Priester oder Priesterinnen, in einem Schlafzustand die erbetene Antwort erhielten. Beim Orakel des Amphiaraus musste, wer die Zukunft wissen wollte, einen Widder opfern, auf dessen Fell er sodann schlief und einen die Zukunft anzeigenden Traum erwartete. Beim Schlaforakel zu Theben erhielten nur die Fremden Antwort, nicht aber die Einheimischen; es scheint daraus hervorzugehen, dass die tellurischen Einflüsse, wodurch der Somnambulismus erzeugt wurde, auf die daran gewohnten Einheimischen nicht wirkten, sondern nur auf Fremde. In der Höhle des Trophonius bei Lebadäa in Böotien stiegen die Besuchenden in eine Höhle hinab und erhielten in einem Zustand zwischen Schlaf und Wachen die erbetene Aufklärung. Auch bei Vergil ist von einem solchen Traumorakel die Rede. Die ursprüngliche Meinung, dass die Weissagenden göttlich inspiriert seien, scheint sehr lange vorgehalten zu haben. Mit der Zeit aber nahmen die Erklärer ihre Zuflucht zu Dämonen. Plutarch sagt:

„Die Meinung, dass nicht die Götter, die allerdings der irdischen Geschäfte überhoben sein müssen, sondern die Dämonen, als Diener der Götter, den Orakeln vorstehen, ist eben nicht zu verwerfen.“

Aber Plutarch selbst schon schreibt dabei der Seele keine bloss passive Rolle zu: „Auf gleiche Weise scheint auch das, was man Enthusiasmus nennt, eine Vermischung zweier Bewegungen zu sein; der einen, die von aussen in der Seele bewirkt wird, und der anderen, die schon in der Natur der Seele liegt. Denn wenn es unmöglich ist, leblose Körper, die immer auf dieselbe Weise bestehen, ihrer Natur zuwider und mit Gewalt zu gebrauchen, und z. B. einen Cylinder wie eine Kugel oder einen Würfel zu bewegen, oder eine Leyer nach Art einer Flöte, eine Trompete wie eine Zither zu spielen; ja wenn auch, wie es scheint, gar keine andere Sache durch irgend eine Kunst sich anders brauchen lässt, als ihre Natur mit sich bringt: sollte man wohl ein lebendiges, sich selbst bewegendes Wesen, das mit Vernunft und Begierden begabt ist, anders, als nach der schon in ihm liegenden Naturkraft und Fertigkeit behandeln können?“—

Damit will Plutarch sagen, dass Apollo nur den ersten Anstoss bei den Orakeln giebt, dass aber mindestens die Form der Orakel der Pythia zugeschrieben werden muss. In weiterer Behandlung dieser Ansicht treten aber Götter und Dämonen noch weiter zurück, und die Weissagungsgabe wird der Seele des Menschen selbst zugeschrieben. So bei Jamblichus, welcher sagt, dass die Seele nicht durch göttliche Kräfte, sondern aus eigener Natur weissagen könne. Diese Ansicht musste in dem Masse Platz greifen, als neben dem irdischen Bewusstsein der Seele auch noch eine transcendentale Wesensseite derselben anerkannt wurde, mit anderen Worten, als der Seele selbst eine dämonische Natur zuerkannt wurde. Als Plotin gestorben war, befrug Amelius das Orakel zu Delphi, wohin dessen Seele gegangen sei; er erhielt als Antwort ein Lobgedicht auf den Philosophen, worin gesagt war, er sei nun ein Dämon.Timarchus erhielt in der Höhle des Tro-phonius über den Dämon des Sokrates einen Aufschluss, der die einzige richtige Lösung dieses Problems enthält: der Dämon des Sokrates sei dessen eigene Seele, also — modern gesprochen — sein eigenes transcendentales Subjekt. Damit sind ganz richtig die mystischen Fähigkeiten der Seele dem transcendental en Subjekt zugeschrieben. Plutarch erzählt, dass am Eingang des Tempels zu Delphi die Inschrift: „Erkenne dich selbst!“ zu lesen war, worüber viele philosophische Untersuchungen angestellt und aus jeder derselben, wie aus einem Samenkorn, eine Menge von Schriften hervorgewachsen seien. Daraus geht hervor, dass die Alten weit davon entfernt waren, dieser Inschrift einen rationalistischen Sinn zu geben, und nach einem mystischen suchten. Im gewöhnlichen Sinn ausgelegt, bedurfte die Inschrift in der That keiner philosophischen Untersuchung. An einem Tempel angebracht, in dessen Räumen von den trans-cendentalen Fähigkeiten des Menschen Gebrauch gemacht wurde, konnte auch der Sinn der Inschrift nur ein transcendentaler sein: Die mystische Selbsterkenntnis lässt die dämonische Natur der Menschenseele erkennen. Es liegt darin ein weiterer Beweis, dass die Tempelpriester nicht der Inspirationstheorie huldigten, sondern der Seele transcendentale Fähigkeiten zuschrieben. Dies war übrigens auch Lehre der Philosophen. Xenophon sagt nach Sokrates, dass die Seele des Menschen am Göttlichen Teil habe. Dies legt Platon so aus, dass Gott durch Emanation die Vielheit der einzelnen Seelen werden lasse, und so konnte er daraus, ganz entsprechend der Delphischen Inschrift, folgern, dass die wahre Selbsterkenntnis im Einblick der Vernunft in ihr göttliches Wesen bestehe.Alcibiades  lieh seien und nach der Trennung vom Körper ihnen die Rückkehr in den Himmel offen stehe. Platon drückt die Doppelnatur der Menschenseele, die einen Funken göttlichen Wesens habe, mythisch mit den Worten aus: nur eines der beiden Rosse sei edel und von guter Abkunft, das andere aber von entgegengesetzter Abstammung und Beschaffenheit. Endlich sagt Plotin noch deutlicher, es gebe eine doppelte Selbsterkenntnis; die eine beziehe sich auf die seelische Erkenntnis, die andere auf den Geist, und in dieser letzteren erkenne man sich nicht als einen Menschen, sondern als einen ganz anderen. Mit andern Worten: das sinnliche Selbstbewusstsein erschöpft nicht unser Wesen; der Mensch ist die Darstellungsform eines transcendentalen Subjektes, welches jedoch nicht ganz in diese irdische Erscheinung versenkt ist. Ohne Berücksichtigung der transcendentalen Psychologie ist also eine wahre Selbsterkenntnis nicht möglich. Dies ist es, was die Inschrift am Tempel zu Delphi sagen wollte.

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

Die Mystik der alten Griechen