Schlagwort: Plutarch

Wir haben den Siegeszug des Hellenismus nach Osten verfolgt und dabei zunächst außer acht gelassen, daß die kolonsatorische Tätigkeit der Griechen sich gleich von allem Anfang an, seit dem 8. Jahrhundert, auch nach dem fernen Westen, nach Italien und Sizilien erstreckte. Von den Völkern, die sie in diesen fremden Ländern antrafen, standen zwar die Tyrrhener auf einer höheren Kulturstufe, aber selbst sie und noch mehr die übrigen machten ihnen schon durch die Sprache und Sitten wohl einen ähnlich wilden und barbarischen Eindruck wie die Menschen in Thrakien oder am Schwarzen Meere- Doch macht sich im Laufe der Zeit der kulturelle Einfluß der griechischen Kolonien geltend. Das Alphabet wird von den Italikern nachgeahmt, die Maß- und Gewichtsordnung findet Eingang, das älteste Recht läßt die Einwirkung des griechischen von Unteritalien erkennen, und aus Religion und Mythos wird vieles herübergenommen. All dies sowie die zunehmende Ausbreitung der Kenntnis der griechischen Sprache bleibt anfangs allerdings auf die Oberschichte beschränkt, während das knorrige, allem Fremden abholde latinische Bauernvolk diesem Fortschritt noch verständnislos gegenübersteht. Auch die Griechen haben ihn zunächst nicht gewürdigt. Als sich Postumius bei den Verhandlungen mit den allerdings feindseligen Tarentinern der griechischen Sprache bediente, wurde er wegen der Sprachfehler, die ihm unterliefen, ausgelacht und die Gesandten als Barbaren beschimpft und aus der Versammlung vertrieben .

Eine entschiedene Wendung tritt bald darauf in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts ein, also mit dem Moment, wo die Römer zum erstenmal in politischen Gegensatz zu Hellas gerieten. Die griechische Stadt Tarent, mit der sie in Fehde lagen, ruft König Pyrrhus von Epirus zu Hilfe, und er ist der erste Hellene des Mutterlandes, der den Römern mit den Waffen entgegentritt. Die nähere Berührung zwischen Rom und Griechenland erfolgte also zu einer Zeit, da das alte nationale Hellenentum bereits ausgestorben und einem neueren, umfassenderen gewichen war. Pyrrhus ist der richtige Vertreter dieser neuen Zeit, ein hellenistischer Fürst, der selbst, ähnlich wie einst die makedonischen Könige, um seine Zugehörigkeit zum Griechenvolke kämpfen mußte und sich durch Zurückführung seines Stammbaumes auf Aiakos und Achill als Grieche zu legitimieren suchte. Er wird besiegt, Tarent eingenommen, und als hätte sich ein Einfallstor geöffnet, ergießt sich von hier eine Welle hellenischer Kultur über Italien: Großgriechenland liefert dem stolzen Rom seine ersten lateinischen Dichter, und die Anfänge der römischen Poesie, Übersetzungen und Bearbeitungen nach griechischen Originalen, zeigen völlige Abhängigkeit von der fremden Literatur.

Kein Wunder, wenn sich die Römer der Überlegenheit des Hellenentums derart gefangen geben, daß sie sich ganz auf den griechischen Standpunkt stellen und ihre eigene Sprache, das Latein, als barbarisch, sich selbst als Barbaren bezeichnen. Plautus gibt z. B. im Prolog der Asinaria den griechischen Namen des Stückes und den Verfasser an und fügt hinzu, Maccus —¦ worunter er selbst zu verstehen ist —‘ habe es ins Barbarische, d. h. ins Latein übertragen. An anderen Stellen nennt er Latium ein Barbarenland, die lateinischen Städte Praeneste und Signia barbarische Städte, die römischen Gesetze barbarische und den Dichter „‚Naevius einen Barbaren. Da damit sicherlich keine Herabsetzung beabsichtigt ist, kann hier mit dieser Bezeichnung nichts anderes gemeint sein als «nicht griechisch», vom Standpunkt des Griechen «fremd». Und so verwendet sie auch im 2. Jahrhundert der Römerfreund Polybios, wenn er den akarnanischen Gesandten Lykiskos, der die Lakedaimonier für Philipp gewinnen will, die Warnung aussprechen läßt, sich nicht mit den barbarischen, stammfremden Römern zu verbinden, um die stammverwandten Achaier und Makedonen zu bekämpfen. Die Stelle konnte daher von Livius ohne Arg benutzt werden, und auch Cicero nimmt keinen Anstand von barbarischen, d. h. lateinischen Endungen bei griechischen Wörtern zu sprechen. Einen solchen unverfänglichen Sprachgebrauch konnte man, namentlich von einem Römer selbst, hinnehmen.

Aber das Wort hatte nun einmal die ungünstige Nebenbedeutung, die von ihm nicht zu trennen war und in griechischem Munde aus dem verächtlichen Unterton gewiß deutlich herausklang, und so kam es, daß die Römer es schließlich als Schimpf empfanden, so genannt zu werden. Cato beklagt sich daher seinem Sohne gegenüber mit den Worten: «Die Griechen bezeichnen auch uns als Barbaren und beschmutzen uns noch mehr als andere mit der Benennung Opiker.» Das war nämlich ein italischer Volksstamm ( Osker), dessen Name offenbar von den Westgriechen auf die Römer übertragen wurde und diesen noch gehässiger klang als «Barbar». Der römische Nationalstolz wehrt sich auch sonst gegen das Barbarentum und strebt Gleichberechtigung mit den Griechen an, und in der Tat wird der Ausdruck schon im 2. Jahrhundert von den Römern so verwendet, daß sie selbst nicht mehr mit inbegriffen erscheinen. Lucilius ist, soviel wir sehen, der erste, der Römer und Barbaren gegenüberstellt, und dieser Gegensatz besteht auch sonst, wenn Griechen nicht weiter in Betracht kommen. Treten auch sie hinzu, so ergibt sich eine Dreiteilung, und von Cicero und späteren wird die Erde eingeteilt in «Griechenland, Italien, Barbarenland». In der Kaiserzeit ist dieser Sprachgebrauch bei römischen Schriftstellern so eingebürgert, daß es eine starke Abhängigkeit von der griechischen Quelle verrät, wenn der Philosoph Seneca im 1. Jahrhundert n. Chr. noch ganz im griechischen Sinne die Menschheit als Griechen und Barbaren zusammenfaßt.

Seit jener Neuerung erscheint dann der Ausdruck bar-bariis in ähnlich übertragener Verwendung, wie wir sie beim griechischen Worte beobachtet haben, insbesondere kann es bedeuten: «roh, wild, unkultiviert, ungebildet» oder, auf die Sprache bezogen: «fehlerhaft». Und nur in diesem letzteren Sinne kann es auch bei lateinisch sprechenden Griechen angewendet werden.

Begründet ist das Ausscheiden der Römer aus dem Kreise der Barbarenvölker einerseits in ihrer fortschreitenden Hellenisierung, anderseits in dem wachsenden politischen Übergewicht. Der Einzug griechischer Bildung und Kultur vollzog sich allerdings nicht ohne heftige Opposition, doch konnten die immer wieder auftretenden nationalen Gegenströmungen das siegreiche Vordringen des internationalen Hellenismus nicht aufhalten. Der strenge Cato, der die Gegenbewegung einleitete und die lateinische Prosa schuf, um die griechische entbehrlich zu machen, lernte selbst in vorgerücktem Alter die verhaßte Sprache, und ein erbitterter Gegner des griechischen Wesens und Schrifttums wie C. Marius, der zwar ein großer Feldherr, aber kein Mann von feinerer Bildung war, hatte keinerlei Einfluß auf die maßgebenden vornehmen Kreise.

Je mehr Rom als Beherrscherin der Welt in den Vordergrund trat, desto reicher wurde der Zuzug griechisch Sprechender und desto weiter verbreitete sich die Kenntnis der griechischen Sprache. Gesandte, Bittsteller, Vorgeladene erschienen, makedonische Prinzen und griechische Vornehme nahmen, gezwungen oder freiwillig, für längere Zeit Aufenthalt in Italien und empfingen und spendeten Anregung, ganz zu schweigen von dem Heere von Ärzten, Philosophen, Lehrern, Kaufleuten, Sklaven und Freigelassenen sowie Abenteurern aller Art, die für die unteren Schichten die Kulturträger abgaben. Daß sich darunter auch recht fragwürdige Elemente herandrängten, vermochte den Respekt vor der griechischen Kultur nicht zu beeinträchtigen, hatte aber die Bildung jenes Typus des «Graecülus» zur Folge, dessen unsympathischste Züge wohl übrigens vorwiegend griechisch sprechende Orientalen geliefert haben. National gesinnte Patrioten beobachten diese Entwicklung mit Besorgnis und befurchten vor allem auch eine moralische Schädigung des römischen Volkes. Einen besonders drastischen Ausdruck verleiht diesem Gedanken Ciceros Vater mit den Worten: «Unsere Leute ähneln den syrischen Sklaven: je besser einer Griechisch kann, desto schlechter ist er». Aber Tatsache war, daß man die zweite Sprache immer weniger entbehren konnte. Denn schon um nur den Aufführungen im Theater mit Verständnis folgen zu können, mußte man Griechisch verstehen und mit griechischen Verhältnissen, namentlich der Mythologie vertraut sein, denn die aus dem Griechischen übertragenen Stücke, Tragödien wie Komödien, wimmelten von Fremdwörten und Anspielungen, abgesehen davon, daß griechische Stücke auch in griechischer Sprache aufgefuhrt wurden. So wurde die römische Gesellschaft frühzeitig zweisprachig, und die ältesten Geschichtsschreiber, die Annalisten, konnten sich, da eine lateinische Prosa noch nicht ausgebildet war, in griechisch geschriebenen Werken an die Gebildeten wenden, unter denen gediegene Kenntnis des Griechischen durchaus keine Seltenheit war. Dem T. Quinctius Flamininus kam es bei der Einnahme von Theben sehr zustatten, daß er des Griechischen mächtig war, und seine Statue in Rom trug gar eine griechische Inschrift. L. Aemilius Paullus konnte sich dem Perseus gegenüber der griechischen Sprache bedienen, und geradezu Aufsehen erregte der Statthalter der Provinz Asia P. Licinius Crassus dadurch, daß er seine Rechtsprüche je nach den Parteien im Schriftgriechisch ebenso wie in einem der vier Dialekte verlautbaren konnte. Von anderen wird erzählt, daß sie die Sprache wie geborene Griechen beherrschten. Politiker halten vor Griechen griechische Reden, so z. B. Ti. Gracchus bei den Rhodiern oder Cicero vor dem Rate von Syrakus, auch schriftstellerisch wurde die fremde Sprache weiterhin gemeistert (Rutilius Rufus, Cn. Aufidius, L. Licinius Lucullus, Cicero), ja sogar an griechische Verse wagten sich Dichterlinge heran. Ähnliche Verhältnisse herrschen dann unter den römischen Kaisern, deren Vorliebe für das Griechische vielfach bezeugt ist.

Aber nicht nur die Sprache wurde eifrig gepflegt, sondern auch Lebensweise, Sitten und Einrichtungen nachgeahmt. So wird, um nur einiges anzuführen, das Wohnhaus nach griechischem Geschmack umgestaltet, indem neben den primitiven altitalischen Lichthof, das Atrium, der prächtige griechische Säulenhof, das Peristyl, trat, das mit griechischem Wandschmuck ausgestattet wurde. Die massenhafte Verschleppung griechischer Kunstwerke bot Gelegenheit, öffentliche und private Gebäude mit wertvollen Originalen zu schmücken. Die von den Griechen übernommene Sitte, bei Tisch zu liegen, hatte eine entsprechende Einrichtung der Speisesäle zur Folge. Nach griechischer Art wurde das Rasieren des Bartes eingeführt, und selbst der athletische Sport, der mit seiner Nacktheit und der Ölmassage dem römischen Geschmack eher zuwider war, fand Liebhaber, Schon Scipio Africanus erregte dadurch Ärgernis, daß er im Jahre 204 im Gymnasion von Syrakus in griechischer Tracht umherging und sich mit Literatur und palästrischen Übungen befaßte. Bald hatte denn jedes bessere Landhaus seinen Turnplatz, seine Palästra. Ja selbst der Totenkult erhielt durch Einführung von Grabschriften und Denkmälern neue Anregung. Neben vielem Guten hielt freilich auch manche bedenkliche Sitte, ja manches Laster seinen Einzug, was insbesondere Juvenal mit unerbittlicher Satire geißelt. Er findet es unerträglich, daß Rom in Sprache und Sitten eine griechische Stadt geworden ist.

Das Wichtigste aber war die Hellenisierung des Unterrichtes, wodurch das Griechische als unentbehrlicher Bildungsbestandteil für die Römer und für alle Folgezeit anerkannt war. In den vornehmen Familien Roms gehörte es zum guten Ton, einen griechischen Hofmeister, womöglich einen Philosophen, im Hause zu haben, und diese Leute gelangten dann infolge ihrer Bildung und Gewandtheit zu maßgebendem Einfluß. Griechische Freigelassene haben schon in der Umgebung des Pompeius und Cäsar, noch mehr unter den Kaisern des julisch-klaudischen Hauses und weiterhin eine wichtige Rolle gespielt. Hervorragende Lehrer der Philosophie und Rhetorik, desgleichen Grammatiker, die mit Vorträgen öffentlich auftraten, hatten großen Zulauf der römischen Jugend, und daran vermochten auch wiederholte Ausweisungen wenig zu ändern. So entwickelte sich seit Ämilius Paullus ein höherer, auf allgemeine Bildung hinzielender griechischer Unterricht. Natürlich setzte auch hier die nationale Opposition ein, und ein Freund des Marius, L. Plotius Gallus war es, der nicht ohne Erfolg die erste lateinische Rhetorenschule gründete. Aber da in dieser zwar die griechische Sprache und Literatur ausgeschlossen wurde, die Lehre und Methode aber genau die griechische war, so war damit doch wieder nur eine griechische Schule, wenn auch mit lateinischer Unterrichtssprache, gewonnen.

Damit hat das Bildungsideal, das seit Isokrates die griechische Schule beherrschte, auch in Rom seinen Hinzug gehalten. Auch dort wurde griechische Literatur, belebt durch mythologisches und historisches Wissen, vor allem aber Rhetorik nebst Philosophie gelehrt162). Ja es bürgerte sich bei der römischen Jugend der Brauch ein, die Heimstätten griechischer Bildung selbst aufzusuchen und auf den hohen Schulen Athens, von Rhodos oder Pergamon die Studien zu vertiefen. So haben es Cicero, Brutus, Cassius und Cäsar gehalten. Das Ergebnis dieser modernen römischen Erziehung war ein Aufgehen in jener hellenisch gefärbten internationalen Bildung, die seit Alexander die Welt erfüllte und nun auch das Römertum in ihren Machtbereich gezwungen hatte. Politisch hat Rom Griechenland geknechtet und seiner Freiheit beraubt, kulturell mußte es sich ihm unterwerfen. Graecia capta ferum victorem cepit singt Horaz (Epist. II 1. 156): Das unterjochte Griechenland hat den rauhen Sieger durch seine Kunst und Kultur gefangen genommen. Die Römer wurden ihrem Volkstum nicht entfremdet, wohl aber vom Hellenentum derart erfüllt, daß sie, wenigstens in den obersten Schichten, an allen seinen geistigen Bestrebungen lebhaften und bestimmenden Anteil nehmen konnten. Neuerungen und Moden auf dem Gebiete griechischer Bildung und Literatur wurden in Rom nicht nur getreulich mitgemacht, sondern Meinungsverschiedenheiten und Kämpfe vielfach hier, im Zentrum des Reiches, ausgetragen. Hier ward der Sieg des Attizismus erfochten, der das Schicksal der griechischen Sprache und Literatur für alle Zukunft entschieden hat.

Auf römischem Boden wurde denn auch der Begriff höherer Menschlichkeit nicht nur verständnisvoll aufgenommen, sondern ausgestaltet und vertieft. Von der Sophistik angeregt, ist die Idee, wie wir sahen, durch Isokrates zunächst in dem engeren Rahmen des Hellenentums ausgebaut worden, um erst von den Stoikern auf die ganze Menschheit ausgedehnt zu werden. Durch einen namhaften Vertreter dieser Schule, Panaitios, wird der vornehme und gebildete Kreis des jungen Scipio für den Gedanken gewonnen, und hier erlangte jener Begriff die Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit, wie sie sich in den ciceronianisdien Schriften widerspiegelt. Er umfaßt jetzt jegliche Art wohlwollender Rücksicht gegen die Nebenmenschen ebenso wie alle geselligen Vorzüge und die Schönheiten der äußeren Formen, vor allem aber alle ernsten Früchte der Muße: Bildung und Gelehrsamkeit, Sinn für das Schöne in Dichtung und bildender Kunst, ja auch Lust zu eigenem literarischen Schaffen. Dem schroffen nationalen Römertum, wie es der alte Cato vertreten hatte, wird jetzt das Menschentum zwar nicht entgegengesetzt, aber doch als gewissermaßen übergeordneter Begriff an die Seite gestellt. Damit ist aber das völkische Moment eigentlich ausgeschaltet und ersetzt durch das kulturelLmoralische, wodurch die Bewertung des Menschen von Abstammung und Nationalität unabhängig gemacht und daher auch für die Römer das schmerzliche Schwanken in der Auffassung ihres Verhältnisses zum Barbarentum beendigt und die ganze Rassenfrage gegenstandslos wird. Daher die Erwägung Ciceros (Rep. 1. 58):

«War Romulus König von Barbaren? Wenn die Griechen mit Recht alle Menschen in Hellenen und Barbaren einteilen, dann, glaube ich, war er König von Barbaren wenn dieser Name aber auf die Sitten, nicht auf die Sprache zu beziehen ist, dann halte ich die Griechen für nicht minder barbarisch als die Römer».

Selbstredend gilt ihm nur die zweite Alternative, und er will sagen, daß bei den Griechen ebenso wie bei den Römern nur eine kleine Schar Auserlesener den Anforderungen feiner Gesittung genügt und sich dadurch aus der allgemeinen Barbarei erhebt.

Für diese die ganze Menschheit ohne Unterschied der Abstammung verbindende Gesinnung und Gesittung stellt sich in Rom auch der Name ein, der sich seitdem bis auf den heutigen Tag erhalten hat: humanitas, Humanität, während inhumanus das unsympathische Wort «Barbar» ersetzen kann. Isokrates glaubte noch mit dem Ausdruck paideia, Bildung, das Auslangen zu finden, doch mußte bald noch ein zweiter, philanthropia, Menschenfreundlichkeit, zu Hilfe genommen werden, an den sich der lateinische Name offenbar anlehnt, der Bedeutung nach aber beides zusammenfaßt. Freilich verführt der Wortsinn von humanitas das Volk dazu, den Begriff vielfach auf das eine Gebiet einzuengen und die Bedeutung «Bildung» mehr zurücktreten zu lassen, so daß diese erst wieder in Erinnerung gebracht werden mußte.

So stand das gebildete Rom ganz im Banne des Hellenist mus und hatte sich auf diese Weise auch in den Augen einsichtiger Griechen aus dem Barbarentum emporgearbeitet, ja es hat im Osten politisch die Aufgabe übernommen an Stelle der Griechen, die dies nicht mehr vermochten, die hellenische Kultur und Gesittung gegen den Ansturm östlicher Barbarenstämme zu verteidigen. Wäre Cäsar nicht den Dolchen der Verschwörer erlegen, so wäre auch das hellenische Königtum nach Rom verpflanzt worden. Erst Oktavian lenkte in national-römischem Sinne ein, und in der Schlacht bei Aktium prallen die beiden gegensätzlichen Strömungen: die westliche nationale und die hellenisch-orientalische aufeinander, und hier entschied es sich, daß das römische Element im Reiche die Oberhand behielt. Der Prozeß wurde dadurch freilich nur unterbrochen, nicht aufgehalten.

Die Hellenisierung Roms zeigt große Ähnlichkeit mit der Makedoniens. Hier wie dort ein mächtiges, ursprünglich barbarisches Reich, das die Herrschaft über Hellas erlangt, aber seine Kultur übernommen hat. Makedonien hat außerdem auch die Sprache angenommen und ist so ganz im Hellenentum aufgegangen. Dieses nach dem Osten zu tragen war seine historische Mission, während Rom, das seine nationale Eigenart voll bewahrt hat, die Aufgabe übernahm, den westlichen und nördlichen Provinzen die griechisch-römische Kultur zu vermitteln. Ebenso wie Makedonien unter diesen Umständen nicht auf die Dauer als Barbarenland gelten konnte, mußte auch Rom, die Beherrscherin der Welt, schließlich im Kulturverbande des Hellenismus als gleichwertiges Glied anerkannt werden.

Offiziell erfolgte diese Anerkennung sogar lange vor der Unterwerfung Griechenlands, im Jahre 229, als die Römer unter dem Jubel von Hellas das Adriatische Meer von der Plage der illyrischen Piraten befreit hatten. Die Korinther beeilten sich damals, die Befreier durch Zulassung zu den isthmischen Spielen als Landsleute anzuerkennen, und sie verliehen auch einem Römer namens Plautus den Siegeskranz im Stadionlauf. Auch die Athener schlossen Freundschaft und gewährten ihnen das Bürgerrecht und die Teilnahme an den eleusinischen Mysterien, von derBarbaren ausgeschlossen waren. Während von da ab auch bei anderen Festspielen Römer zugelassen wurden, scheint man in Olympia anfangs zurückhaltender gewesen zu sein,- denn der erste römische Olympionike, von dem wir erfahren, war der Stiefsohn des Augustus, der spätere Kaiser Tiberius, der wahrscheinlich im Jahre 1 n. Chr. im Wettrennen mit dem Viergespann den Sieg davontrug. Später trat Kaiser Nero im Sängerwettkampf zu Olympia auf. Wenn kein Römer unter den Siegern im Stadionlauf vorkommt, nach denen die Olympiade den Namen erhielt, so mag dies mit der Unzulänglichkeit der Römer im athletischen Sport Zusammenhängen.

Diese offizielle Gleichstellung des fremden Volkes scheint aber dessen Gleichwertigkeit nicht ganz außer Frage gestellt zu haben, denn sonst hätten es die römischen Annalisten und in Anlehnung an sie römerfreundliche griechische Literaten nicht nötig gehabt, immer wieder von neuem den Nachweis zu versuchen. Eine offenkundige Liebedienerei ist es allerdings, wenn Aristodemos von Nysa, der Erzieher der Söhne des Pompeius, den Homer auf Grund des Vergleiches römischer Sitten für einen Römer erklärt. Ernste wissenschaftliche Gründe hingegen glaubt, wie wir sehen werden, in augusteischer Zeit Dionysios von Halikarnaß vorzubringen und verficht in der Einleitung zu seiner römischen Geschichte (I 5. 3) mit großem Eifer die Behauptung, daß die Römer von Anfang an in Ansehung der Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Gesittung und kriegerischen Tüchtigkeit mit keinem griechischen oder barbarischen Volke den Vergleich zu scheuen hätten. Ein anderer Verfechter dieses Gedankens ist Plutarch, der in seinen Parallelbiographien den Versuch unternimmt, hervorragende Griechen und Römer als Angehörige ebenbürtiger Völker einander gegenüberzustellen, nachdem vorher schon der Kritiker Caecilius von Kaleakte in einer verlorenen Schrift die beiden größten Redner Demosthenes und Cicero in ihren Leistungen miteinander verglichen hatte.

Aber man geht noch weiter und versucht geradezu die Verwandtschaft der Römer mit den Griechen nachzuweisen, und zwar werden zu diesem Zwecke wie bei den Makedonen vornehmlich zwei Gründe ins Treffen geführt: die Verwandtschaft der Abstammung und die Verwandtschaft der Sprache.

Was den ersten Punkt anbelangt, so war in der Äneaslegende eine Anknüpfung an altgriechische Traditionen gegeben, die aber freilich nicht direkt zum Ziele führte. Der Troer Äneas, der Sohn des Anchises und der Aphrodite, hatte nach der schließlichen Fassung der Sage das brennende Troja mit seinem greisen Vater und seinem jugendlichen Sohne verlassen und ist unter Mitnahme der Heiligtümer der Stadt nach langen Irrfahrten auf italischem Boden gelandet. Dort gründete er mit seinen Trojanern die Stadt Lavinium und wurde der Ahnherr der Römer. Diese Erzählung ist verhältnismäßig jung. Bei Homer bleibt Äneas noch im Lande, Stesichoros erwähnt seine Ausfahrt mit Vater und Sohn gegen Hesperien, aber erst bei Timaios (um 300 v. Chr.) ist die Sage im wesentlichen abgeschlossen, um dann von den römischen Dichtern und Historikern im einzelnen ausgestaltet zu werden.

Damit war den Römern ein altehrwürdiger, vornehmer Stammbaum gesichert, aber hellenische Ahnen brachte er ihnen nicht: Äneas war ein Trojaner, also ein Barbar, und durch diesen Stammheros schien somit das Barbarentum des stolzen Volkes erst recht unterstrichen. Das Merkwürdige ist nun, daß keinerlei Versuch gemacht wurde, diese Tatsache zu verwischen oder zu beschönigen, daß die Äneaslegende vielmehr beim ganzen Volke, den Nationalisten wie den Philhellenen, in großem Ansehen stand und die Adelsfamilien Roms keinen größeren Ehrgeiz kannten, als ihren Stammbaum bis auf die Trojaner zurückzuführen. Ohne Scheu wird in der Literatur, auch bei den das julische Geschlecht verherrlichenden Dichtem, sogar der Ausdruck «barbarisch» mit Bezug auf die Trojaner angewendet und kein Bedenken getragen, Äneas den «Phiyger» zu heißen, obwohl «phrygisch» und «barbarisch» geradezu gleichbedeutend gebraucht wurde und dieser Volksstamm hauptsächlich dadurch bekannt war, daß er die trägsten und beschränktesten Sklaven lieferte. Es war eben zu klar, daß bei diesen Bezeichnungen die ungünstige Bedeutung gar nicht in Betracht kam, sondern lediglich vom Standpunkt der Griechen die Stammesverschiedenheit gekennzeichnet wurde, wobei immer die Hauptsache blieb, daß die Ahnen der Römer einem Volke angehörten, das den Griechen dereinst gleich geachtet gegenüberstand, mit dem sie vor tausend Jahren in schweren Kämpfen hatten ringen müssen.

Der römische Stammheld Äneas, ein zweiter Odysseus, war also zwar kein Grieche, aber den griechischen Helden vollkommen ebenbürtig. Der völkisch gesinnte Römer konnte sich diesem Bewußtsein mit Genugtuung hingeben und gerade diese Verschiedenheit der Abstammung dem vordringenden Hellenentum gegenüber betonen, der Philhellene sich der wohlwollenden Schilderung der Troer bei Homer und im Mythos erinnern und vor allem die alles überstrahlende Tatsache im Auge behalten, daß Äneas schließlich der Sohn einer griechischen Göttin war. Wenn Cäsar auf die Abstammung seines Geschlechtes von Äneas Sohn Iulus solches Gewicht legte, so sonnte er sich in dem Glanze seiner Stammutter, der Venus genetrix, und hatte gewiß nicht das Gefühl, dem Antonius nachzustehen, der sich stolz einen Nachkommen des Herakles nannte,- und wenn der Philhellene T. Quinctius Flamininus, der erste Römer, dem die Griechen göttliche Ehren erwiesen, auf einem Weihgeschenk in Delphi sich und sein Volk als Aineaden bezeichnete, so wollte er sich damit gewiß nicht als minderwertigen Barbaren hinstellen. Im Gegenteil, man hat in solchen Fällen das Gefühl, als würde Äneas wie ein Grieche angesehen, und ist daher auch nicht verwundert, wenn der Römerfreund Dionysios von Halikarnaß die Trojaner zu den «griechischesten Völkern» rechnet. Daß Ilion und die Troas in römischer Zeit längst hellenisiert und die zugehörigen Städte griechisch verwaltet waren, mag diese Auffassung unterstützt haben.

Der uralte politische Gegensatz bleibt davon allerdings unberührt, und es war in der Tat auf griechischer wie auf römischer Seite üblich gewordenem dieser Hinsicht die Gegenwart mit der Vorzeit in Beziehung zu setzen, ja die Verwandtschaft der Römer mit den Trojanern politisch geltend zu machen. So soll sich Pyrrhus von Epirus bei seinem Zuge gegen die Römer daran erinnert haben, daß er als Nachkomme des Achilleus gegen Abkömmlinge der Troer zu Felde ziehe, und in der gleichen Auffassung bewegt sich der zeitgenössische Dichter Lykophron, wenn er in der ihm eigenen Rätselsprache die trojanische Seherin Kassandra den Gegner des Pyrrhus Fabricius als ihren Bruder bezeichnen läßt. Einem König Seleukos von Syrien, wahrscheinlich dem II. Kallinikos, haben die Römer gegen 243 v. Chr. nur unter der Bedingung das erbetene Freundschaftsbündnis gewährt, daß er die ihnen verwandten Bewohner von Ilion von jeglicher Abgabe befreite. Den Akarnanen halfen bald darauf die Römer gegen die Aitoler mit Rücksicht auf die von ihnen vorgebrachte Tatsache, daß sie allein unter den Griechen nicht gegen Troja gezogen waren. Ganz besonders wertvoll aber wurde die alte Verwandtschaft, als ein Orakelspruch den Sieg über Hannibal von dem Besitz des heiligen Steines der Göttermutter abhängig machte. Um ihn aus Pessinus in Phrygien zu erlangen, machten die Römer mit Erfolg ihre Abstammung von dem «Phryger» Äneas geltend. So wurde diese Sage politisch verwertet. Mochte somit die Äneaslegende für Griechenschwärmer eine Quelle nationalen Stolzes gewesen sein, hellenische Abstammung bewies sie jedenfalls nicht. Wer diese geltend machen wollte, mußte andere Sagen und Traditionen heranziehen.

Solche Sagenformen aber, welche nicht den flüchtigen Trojanern, sondern den heimkehrenden Achäern oder anderen Griechen die Besiedelung Italiens zuschrieben, gab es seit Hesiod, wenn sie auch später von der zur Alleinherrschaft gelangten Äneaslegende verdrängt wurden. Natürlich stand ursprünglich der Seefahrer Odysseus im Vordergrund, ward aber schon im 5. Jahrh. v. Chr. von Hellanikos mit Äneas bei der Gründung von Rom zusammengebracht. Andere, vor allem Aristoteles, sprechen im allgemeinen von Achäern, und ähnlich bezeichnen römische Annalisten wie Cato und C. Sem-pronius Tuditanus die Aboriginer als Hellenen, die viele Menschenalter vor dem Trojanischen Krieg aus Achaia ausgewandert waren. Seit Fabius Pictor aber wird erzählt, daß der Arkader Euandros 60 Jahre vor dem Trojanischen Kriege die älteste Ansiedlung auf dem Palatium gegründet habe, er habe den Barbaren das äolische Griechisch übermittelt und diese Sprache sei auch von Romulus und seinen Leuten verstanden worden. Im Hinblick auf solche Gründungssagen konnte dann Rom von Griechen und Römern als hellenische Stadt, ihre Bewohner als Griechen angesehen werden. Dies tat der Platonschüler Herakleides Pontikos, der römische Annalist Coelius, Dionysios von Halikarnaß und Kaiser Julian. Und daß diese Auffassung auf griechischer Seite sogar offizielle Beachtung fand, beweist das Vorgehen des Demetrios Poliorketes, der gefangene Seeräuber aus Antium den Römern mit dem Bemerken zurücksandte, er schenke ihnen wegen ihrer Verwandtschaft mit den Griechen das Leben.

Sicherlich wurde von seiten der Römer auch diese Chance politisch ausgenutzt, wie ja der Kampf um die politische Obmacht im Osten vielfach ein Kampf um die Seele des hellenischen Volkes war. Schon Philipp von Makedonien hatte richtig gefühlt, daß den Griechen seine Herrschaft erträglicher erscheinen werde, wenn sie ihn als zugehörig anerkannten, und dies blieb die Politik seiner Nachfolger und der später hervortretenden asiatischen Machthaber. Der rührige Mithradates von Pontos gab sich als hellenischer Fürst und Vorkämpfer des Griechentums, und selbst die siegreich Vordringenden barbarischen Parther suchten vor allem das Vertrauen der Hellenen zu gewinnen. Auch die Römer konnten den gleichen Zweck um so leichter erreichen, wenn sie durch eine uralte Verwandtschaft unterstützt wurden. Dagegen lag es im Interesse politischer Gegner, solche Traditionen zu bekämpfen, und es ist eine ansprechende Vermutung, daß zu letzterem Zwecke von einem oppositionellen griechischen Schriftsteller die Erzählung von jenem in mehrfacher Hinsicht rätselhaften Asyl erfunden wurde, das Romulus eröffnet haben soll, um die neugegründete Stadt zu bevölkern. Die ersten Römer sollten dadurch im Gegensatz zu den landläufigen Sagen als hergelaufenes barbarisches und sklavisches Gesindel hingestellt werden.

Gegen solche Behauptungen wendet sich in begeisterter Schwärmerei für das Römervolk der schon wiederholt genannte Dionysios von Halikarnaß, der es in der Einleitung zu seiner römischen Altertumskunde als einen Hauptzweck seines Werkes hinstellt, die Unrichtigkeit jener Ansicht nachzuweisen, und ausdrücklich verspricht zu zeigen, «daß die Gründer Roms Hellenen sind und daß die Stämme, aus denen sie sich vereinigten, keineswegs zu den geringsten und schlechtesten gehören». Rom sei eben eine hellenische Stadt, deren Bewohner sich zusammensetzten aus Pelasgern, den Arkadern unter Euandros, den Peloponnesiern mit Herakles, schließlich den Trojanern, die sich den vorigen zugesellten, lauter Völkerschaften, die, wie er sagt, zu den ältesten und hellenischesten gehören. Nach seiner Ansicht können die Römer gar keine Barbaren sein, da sie sonst während ihrer bereits sieben Generationen währenden Herrschaft das hellenische Volk hätten barbarisieren müssen .

Solche nebelhafte Rekonstruktionen der Urgeschichte schienen eine gewichtige Bestätigung durch die Beobachtung der Sprache zu erhalten, die in Rom gesprochen wurde. Der Grieche, der im 2. Jahrhundert v. Chr. oder später die Reichshauptstadt besuchte, konnte sich dort wie zu Hause fühlen. In den vornehmen Häusern, in denen er Aufnahme fand, konnte er sich nicht nur in seiner Muttersprache verständigen, sondern er fand auch Interesse und Verständnis für alle geistigen Bestrebungen seines Volkes. Griechische Gesandtschaften, z. B. die drei Philosophen mit Karneades an der Spitze, die 155 v. Chr. nach Rom kamen, konnten sich vor dem Senate ihrer Sprache bedienen. Zwar wurden ihre Reden von einem Dolmetsch ins Lateinische übertragen, doch war das nur eine Formalität,-ihre sonst gehaltenen Prunkvorträge hatten großen Zulauf, und so konnten sie sicherlich auch im Senat an der gespannten Aufmerksamkeit der Zuhörer erkennen, daß sie unmittelbar verstanden wurden. Und so hat denn schon Sulla die Anhörung fremder Gesandten auch ohne Dolmetsch gestattet, und von Claudius und Nero wird uns berichtet, daß sie selbst sich gelegentlich, entgegen der strengen Regel, der griechischen Sprache

bedient haben. Infolge der weiten Verbreitung griechischer Sprachkenntnis konnte Rom bei oberflächlicher Betrachtung in der Tat den Eindruck einer griechischen Stadt machen, zumal auch der Name einen gut griechischen Klang hatte (rhome = Stärke).

Indes die Sprache des Volkes war doch lateinisch, also ein barbarisches Idiom! Aber auch da wußten die griechischen Verehrer der Römer Rat. Das Latein ist gar keine fremde Sprache, behaupteten sie, sondern es ist ein griechischer Dialekt. So verfaßte der jüngere Tyrannio, ein Freigelassener von Ciceros Gattin Terentia, ein Buch mit dem Nachweis, daß der römische Dialekt aus dem Griechischen stamme, und nach Dionysios ist die Sprache der Römer weder durchaus barbarisch, noch völlig griechisch, sondern eine Art Gemisch aus beiden, und zwar größtenteils äolisch. Die vielen Beimengungen hatten nur die eine Folge, daß die richtige Aussprache der Laute gelitten hat. Also mit anderen Worten, das Latein ist ein verderbtes Griechisch.

Diese Behauptung wird nicht näher begründet, aber es ist klar, daß sie auf der Beobachtung der in die Augen springenden Übereinstimmungen beruht. Abgesehen von solchen, die in der indogermanischen Verwandtschaft der beiden Sprachen ihren Grund haben, wie pater fero ego, sind es vor allem gegenseitige Entlehnungen aus einer Sprache in die andere. Die Hellenisierung Roms führte natürlich eine Flut von griechischen Wörtern in die lateinische Sprache ein. Wir wissen, daß fremde Einrichtungen in der Regel samt der fremden Terminologie übernommen werden. So sind unsere militärischen und diplomatischen Termini französisch, die der Musik und des Handels italienisch, die sportlichen Bezeichnungen englisch. Nun verdanken aber die Römer, abgesehen vom Staatswesen, dem Militär und dem Recht, so ziemlich auf allen Gebieten menschlicher Betätigung, namentlich in Kunst und Wissenschaft, den Griechen grundlegende Förderung, kein Wunder, wenn ihre Sprache hiervon reichliche Spuren trägt.

Erst in zweiter Linie steht dann umgekehrt die Aufnahme lateinischer Wörter ins Griechische, die, anfangs von geringem Belang, mit zunehmendem politischen Einfluß der Römer an Bedeutung gewann. Ein stetes Hindernis bildete hier die große Empfindlichkeit des griechischen Ohres gegen fremde Laute und das Bestreben der Gebildeten, ihre Sprache von Barbarismen rein zu erhalten und fremde Ausdrücke daher, so gut es ging, in der eigenen Sprache wiederzugeben. Aber ganz freihalten konnte man sich davon nicht, da auch nur annähernd Gleichwertiges nicht immer zu Gebote stand. Voranging in der Verwendung italischer Wörter die sizilische Posse, und der dortige griechische Dialekt kam wohl nicht zuletzt aus diesem Grunde bei den Vertretern der feinen Schriftsprache in Verruf. Weitere Fortschritte machte dieser Prozeß mit der Ausbreitung der römischen Macht nach dem Osten. Die offi-zielle Amtssprache und die Sprache des siegreichen Heeres und der nachströmenden Kaufleute konnte in den eroberten Ländern nicht ohne Einfluß bleiben, und insbesondere waren es gewisse technische Ausdrücke, die als unübersetzbar in die griechische Sprache aufgenommen werden mußten und so auch den Hellenen geläufig wurden. Sie betrafen staatliche und militärische Einrichtungen, das Münzwesen, Maße und Gewichte, den Kalender und dergleichen. Von den griechisch schreibenden römischen Annalisten in die Literatur eingefuhrt, wurden sie auch von griechischen Schriftstellern wie Polybios, Dionysios, Plutarch, Cassius Dio u. a. übernommen und vermehrt. Es sind dies Schriftsteller, die sich nicht ängstlich gegen die Koine abschließen oder die aus Vorliebe für das Römertum wenigstens gelegentlich den streng attizistischen Standpunkt verlassen. Die Koine aber, die Verkehrssprache des gewöhnlichen Lebens, war dem fremden Einfluß besonders ausgesetzt, seitdem Hellas und der Orient von den Römern kolonisiert, von Soldaten, Verwaltungsbeamten, Steueraufsehern und Kaufleuten aus Rom überflutet wurde. Die Römer konnten freilich über die Tatsache nicht hinweggehen, daß das Griechische die allgemein verstandene Geschäftssprache war, sie waren auch klug genug, es sogar als offizielle Kanzlei- und Verwaltungssprache zuzulassen, neben welcher, wie wir insbesondere in Ägypten beobachten können, das dem Volke unverständliche Latein nur wenig zur Geltung kam aber da nun die Orientierung des gesamten Staatslebens romwärts ging und das ganze politische Denken daher notwendig romanisiert wurde, bleibt auch die Wirkung auf die Sprache nicht aus: sowohl die griechische Kanzlei- und amtliche Verkehrssprache wie auch insbesondere die Umgangssprache ward mit Latinismen aller Art durchsetzt und entfernte sich auch in dieser Hinsicht immer mehr von der mit peinlicher Sorgfalt von allen Barbarismen freigehaltenen attizistischen Schriftsprache.

Für uns ist dieses volkstümliche Idiom freilich so gut wie verschollen, nur in Ägypten, wo dieser römische Einfluß vielleicht am wenigsten durchgreifend, wenn auch immerhin merklich war, ist es uns in den reichen Papyrusfunden lebendig geworden, während wir sonst auf einzelne Inschriften, vor allem aber auf die Sprache der Evangelien und der Apostelgeschichte angewiesen sind, deren auffällig reichliche Latinismen eben dadurch möglich waren, daß uns hier Denkmäler der von attischem Purismus freien Volkssprache vorliegen.

So hatten sich die beiden urverwandten Sprachen im Laufe der Entwicklung äußerlich stark angeglichen, und da somit das Latein eine Unzahl von Wörtern enthielt, die dem Griechen unmittelbar verständlich waren, so hatte die Behauptung von dessen griechischem Ursprung einen gewissen Schein der Möglichkeit für sich, ja es klang nicht einmal übertrieben, wenn Übereifrige sogar den Versuch machten, echt lateinische Ausdrücke aus dem Griechischen abzuleiten.

Aber im Grunde beweisen alle diese Versuche, die Römer zu echten Griechen zu stempeln, doch nur, daß die im hellenischen Volk, namentlich bei den Gebildeten verbreitete Ansicht die gegenteilige war. Für den selbstbewußten Sohn der alten Kulturnation bedeutete das Hellenentum den von keinem anderen Volke erreichten Gipfelpunkt der Bildung und Zivilisation, und auch der Römer blieb ihm daher trotz seiner Macht der minderwertige Fremde, der Barbar, wenn er ihm auch infolge der Verwandtschaft der Rasse und Sprache näher stand als etwa ein hellenisierter Syrer, Jude oder Ägypter. Dieser Gegensatz war nur durch die äußeren Verhältnisse, das Übergewicht des herrschenden Volkes und die Ohnmacht des geknechteten Griechenlands einigermaßen in den Hintergrund gedrängt, doch fanden sich zu allen Zeiten national fühlende Männer, die den Gegensatz hervorkehrten und ihrer Abneigung Ausdruck verliehen. Besonders pedantisch erweist sich in dieser Richtung der Philosoph Apollonios von Tyana, der im 1. Jahrh. n. Chr. als hellenischer Heiland umherzog. Er sprach in einem Briefe an die Bewohner von Smyrna seine Mißbilligung über den Barbarismus aus, daß sie in einen Gemeindebeschluß den römischen Namen Lucullus aufgenommen hatten, und er tadelte überhaupt die Sitte, statt der guten alten griechischen Namen neue römische anzunehmen.

Weitere Kreise ergriff diese oppositionelle Gesinnung, wenn der von seiten Roms ausgeübte politische Druck zeitweilig nachließ. Da stellte sich gleich wieder der alte Dünkel ein. Dies zeigte sich besonders, als der Philhellenismus Hadrians und der Antonine dem schwergeprüften, wirtschaftlich ausgebeuteten Hellas eine gewisse äußerliche Wohlfahrt, den Schein einer Autonomie und die Möglichkeit einer letzten Blüte schaffte. Dies hob das Nationalbewußtsein des Volkes und wendete seinen Blick zurück nach der ruhmreichen Vergangenheit, den alten Sitten und Einrichtungen und der alten Reinheit der Sprache. Mit dieser romantischen Schwärmerei verbindet sich naturgemäß ein vornehmes Hinwegsehen über die tatsächlichen drückenden Verhältnisse oder gar ein deutlich ausgesprochener Widerwille gegen die fremden Machthaber. Das war die Gesinnung, die aus manchen Werken der sogenannten zweiten Sophistik herauszufühlen ist, mag sie auch durch verbindliche Verbeugungen gegen das Siegervolk aufgewogen sein. Selbst Aristeides, der in festlicher Rede vom Lobe des Römertums überfließt, kann sich einen richtigen Kaiser ohne die Tugend des Philhellenismus nicht vorstellen. Der Syrer Lukian, der im Nigrinus und De mercede conductis seiner Antipathie gegen die Römer besonders deutlichen Ausdruck verlieh, hat allerdings im hohen Alter aus praktischen Gründen eingelenkt. Seine Stellungnahme ist auch sonst inkonsequent. Einmal findet er es lächerlich, lateinische Namen dadurch auszumerzen, daß man sie gräzisiert, und er verspottet einen attischen Historiker, der aus einem Saturninus einen Kronios, aus einem Fronto einen Phrontis, aus einem Titianus einen Titanios macht,- ein andermal aber vertauscht er seinen eigenen römischen Namen mit dem Schriftstellernamen Lykinos. Wie tief eingewurzelt übrigens die Vorstellung von dem Barbarentum der Römer war, beweist der Umstand, daß noch im 5. Jahrhundert ein christlicher Schriftsteller Theodoret an der bereits verwerteten Stelle, wo er den Barbaren Kunst und Wissenschaff und eine größere Weisheit als den Hellenen zuschreibt, unter den ersteren neben Indern, Ismaeliten und Ägyptern auch die Römer namhaft macht.

So bleibt bei den griechischen Literaten die kulturelle Gleichberechtigung der Römer und ihre Zugehörigkeit zum Hellenentum vielfach bestritten. Eben deshalb aber ist die Formel «Hellenen und Barbaren» längst unklar und zur Bezeichnung der ganzen Menschheit ungeeignet, da sie gerade die herrschende Nation nicht unzweideutig berücksichtigt. Sie unter den «Hellenen» mitzuverstehen verbot schon der landläufige Wortsinn, und bezog man den Namen nur auf Griechen von Geburt und Sprache, so blieben die Römer außer Betracht oder zählten gar als Barbaren. Den Römerfreunden unter den Griechen blieb also nichts anderes übrig, als jeneDreiteilung in «Griechen, Römer, Barbaren» zu übernehmen, die längst bei den römischen Schriftstellern üblich war. Cassius Dio (3. Jahrh. n. Chr.) z. B. gebraucht zur Bezeichnung der ganzen Menschheit die Wendung: «Die Hellenen und die Barbaren und auch die Römer selbst», und diese so erweiterte Formel wird nun neben der einfacheren älteren bis in die byzantinische Zeit angewendet.

Diese Berücksichtigung der Römer bei der Einteilung des gesamten Menschengeschlechts entsprach der überragenden politischen Stellung des herrschenden Volkes, mit der sich auch ein stetig zunehmender kultureller Einfluß verband. Bei dem fortschreitenden Niedergang Griechenlands beginnt das hellenisierte Rom auch die geistige Führung an sich zu reißen und erlebt zurZeit des Augustus einen literarischen Aufschwung, dem die Griechen nichts Ähnliches an die Seite zu setzen haben.

Im Westen und Norden waren die Römer unbestritten die Träger und Verbreiter der Zivilisation, in der östlichen Reichshälfte war dies dort der Fall, wo nicht bereits der Hellenismus festen Fuß gefaßt hatte, insbesondere in Moesien und Dakien. Hier vermochte das römische Militär und die Kolonisten die Romanisierung der Bevölkerung zu bewirkenm). Aber auch im eigentlichen Bereich des Griechentums war die Bevölkerung vielfach genötigt, sich mit der Sprache und Gedankenwelt des Siegervolkes vertraut zu machen, und es zeigte sich immer mehr, daß selbst in geistiger und sittlicher Beziehung nicht mehr der Hellenismus allein an der Spitze schritt, sondern auch das Römertum mächtig einwirkte. Weist noch Cicero (62 v. Chr.) auf den engen Bereich der lateinischen Literatur im Gegensatz zu der bei allen Völkern verbreiteten griechischen hin, so heben schon die Dichter der ersten Kaiserzeit mit Genugtuung hervor, daß sie auf der ganzen Erde gelesen werden. So konnte der ältere Plinius in stolzer Verallgemeinerung von Italien sagen, es sei die Nährmutter der ganzen Welt, von der Gottheit dazu ausersehen, die zerstreuten Reiche zu vereinigen, die Sitten zu veredeln und das wilde Sprachengewirr der zahlreichen Völker in einer Sprachgemeinschaft zusammenzufassen, den Menschen Verständigung und Bildung zu vermitteln, kurz für alle Menschen auf dem ganzen Erdkreis das gemeinsame Vaterland zu werden m). In der Tat, das Weltreich, das Alexander angestrebt, hatten die Römer mit ihren siegreichen Waffen begründet und so das große Ziel erreicht, die ganze zivilisierte Welt in einer bewundernswert organisierten Einheit zu umfassen.

Nicht zuletzt gelang ihnen das durch kluge Ausnutzung des mächtigen Kulturfaktors des Hellenismus, der ihnen vor« gearbeitet hatte, und um so leichter wurde es einsichtigen Hellenen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. In der Entwicklung des römischen Reiches zum Weltreich konnten sie die Verwirklichung der Idee des Weltbürgertums erblicken, und immer häufiger wurden Männer von der Gesinnung Epiktets, Plutarchs oder des Dion von Prusa, die bemüht waren, römische Eigenart zu verstehen und einen vermittelnden Standpunkt einzunehmen. So wurde in weiten Kreisen mit dem alten Vorurteil aufgeräumt und zugegeben, daß als Träger der Kultur nicht mehr bloß die Griechen, sondern auch die Römer den Barbaren gegenüberstehen und daß die große Aufgabe, die Zivilisation gegen die Barbarei zu schützen, nunmehr auf die einstigen «Barbaren» übergegangen war. Die Grenzen sind abermals weiter hinausgerückt und ein gewaltiges, durch das römische Schwert politisch geeinigtes, mit griechisch-römischer Kultur erfülltes Gebiet steht nun der umgebenden Unkultur gegenüber. Die Völker, die jetzt Barbaren heißen, befinden sich außerhalb der griechisch-römischen Welt an den Rändern der Oekumene, von den Galliern und Germanen im Westen angefangen bis zu den Indern und Afrikanern.

Als das tüchtigste Volk der Erde hatten sich also nicht die Griechen, sondern die Römer erwiesen, und der Architekt Vitruvius, ein Zeitgenosse des Augustus, hat vollkommen recht, die alte Klimatheorie, nach der die Griechen als Bewohner eines gemäßigten Himmelsstriches den übrigen Völkern überlegen waren, nunmehr in römisch-patriotischem Sinne umzudeuten. Danach nehmen nicht mehr die Hellenen, sondern das römische Volk die Mitte des Erdkreises ein. Italiens Stämme bilden mit ihren vollkommenen Mischungsverhältnissen die richtige Mitte zwischen den geistreichen, aber feigen Südvölkern und den kampfesmutigen, aber geistig schwerfälligen Nationen des Nordens: so hat der göttliche Ratschluß den römischen Staat in ein herrlich gemäßigtes Klima verlegt, auf daß er sich der Weltherrschaft bemächtige.

Trotz der Machtverschiebung ist das Ringen zwischen Römertum und Hellenentum keineswegs beendigt, sondern setzt sich in anderer Form bis ins Mittelalter fort. Die politische Position ist für die Griechen endgültig verloren, und sie versuchen sie kaum mehr wiederzugewinnen. Aber das kulturelle Übergewicht zu behaupten und auch in der Terminologie zum Ausdruck zu bringen wird doch gelegentlich, wenn auch vergebens, versucht. Noch im 4. nachchristlichen Jahrhundert möchte der hervorragende Sophist Libanios, der‘ als begeisterter Verfechter des Hellenismus den Römern nicht viel Anhänglichkeit entgegenbringt, die Römer ausschalten und die alte Zweiteilung «Hellenen und Barbaren» unverändert beibehalten. An den ihm befreundeten römischen Kaiser Julianus richtet er (15. 25) folgende Worte:

«Du bist gewissermaßen ein Hellene und herrschest über Hellenen denn so nenne ich lieber das Gegenteil der Barbaren, und das Geschlecht eines Äneas wird es mir sicherlich nicht übelnehmen.»

Er möchte also die Römer unter den Hellenen mitverstehen, ist aber im Hinblick auf den politischen Widersinn vorsichtig genug, eine beschwichtigende Bemerkung hinzuzufügen.

Den Gang der Ereignisse konnten solche romantische, von altererbtem Nationalstolz eingegebene Versuche natürlich nicht aufhalten. Die Zeiten, wo die griechische Kultur allein eine bevorzugte Stellung in der menschlichen Gesellschaft verbürgte und das Verhältnis zu ihr auch politisch bedeutsam war, sind eben endgültig vorbei. Während Mithradates von Pontos den Kampf wider Rom noch als Verfechter des Hellenismus geführt hatte und auch die Parther und Armenier sich als Philhellenen gaben, war es nunmehr im ganzen Reiche, auch in seinen östlichen Teilen, ratsam, ein gutes Verhältnis zu den Machthabern herzustellen und ihr Wohlwollen zu gewinnen. Es wurde immer vorteilhafter und galt als Ehre und Gewinn, wenn man das römische Bürgerrecht erlangen, sich einen lateinischen Namen beilegen und römische Tracht und Sitte annehmen konnte. Besonders verächtlich benahm sich in dieser Hinsicht der König Prusias II. von Bithynien, der Schwager des Perseus, der den bei ihm erscheinenden römischen Gesandten mit geschorenem Haupt und in der Tracht eines römischen Freigelassenen entgegentrat und sich als ihren libertus vorstellte, der sich ganz ihrer Art und Sitte ergeben wolle. Damit gab der Asiate das Hellenentum preis und unterwarf sich dem siegreichen Römertum. Antiochos, König von Kommagene, einer der letzten Seleukiden, glaubte noch eine mittlere Linie einhalten zu können und nannte sich Römerfreund und Griechenfreund (philorhömaios und philhellen), aber es ist ihm eine willkommene Auszeichnung, wenn ihm unter Cäsars Konsulat das Tragen der toga praetexta erlaubt wird. Asiatische Prinzen, wie die Nachkommen Herodes des Großen, die Söhne und Enkel des Partherkönigs Phraates oder der armenische Königssohn Tigranes, wurden nun nach der Welthauptstadt geschickt, um hier römische Erziehung zu erhalten. Mag auch die Grundlage der feineren Ausbildung im wesentlichen die hellenische gewesen sein, so nahmen sie doch auch römisches Wesen in sich auf.

So machte die Romanisierung des Orients Fortschritte, nicht durch Gewaltmittel, sondern durch die kluge Politik der Römer, die ähnlich wie dies Alexander getan, die Eigenart der Völker schonten und insbesondere das kulturell an der Spitze stehende hellenische Element bevorzugten. Besonders gut können wir dies wiederum in Ägypten beobachten, wo Oktavian die ein« geborenen Ägypter zu Unterworfenen  machte, die die Kopfsteuer entrichten mußten, während den Hellenen eine bevorzugte Stellung eingeräumt wurde. Hellenen hießen in Ägypten etwa seit der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert, wo die speziellen Herkunftsbezeichnungen (Athener usw.) zu« rücktraten, die Bürger der autonomen Gemeinden und gewisse nicht sehr zahlreiche Siedlerverbände mit loserer Verfassung im Delta, im Fayüm, in der Thebais, deren Merkmal die Ab« stammung und die Erziehung der Jugend im Gymnasion, d. h. die Ephebie war. Die bevorzugte staatsrechtliche Stellung, die, wie es scheint, zu einer Art Organisation der «Hellenes» führte, sowie der stets lebendig erhaltene Zusammenhang mit der gesamthellenischen Entwicklung mag auf die seit den Ptole« mäern fortschreitende Vermischung der Rassen hemmend ge« wirkt und die Annäherung der hellenischen und barbarischen Volksteile erschwert haben. Daß sie nicht aufzuhalten war, beweisen die ägyptischen Namen, die in die Listen der «Helleneseindringen, und es läßt sich beobachten, wie die Grenzen zwischen den letzteren und dem Mischvolk der Gräko« Ägypter, das insbesondere im Glauben dem ägyptischen Wesen verfallen war, immer mehr und mehr verschwimmen. Schließ« lieh wirkte auch hier wie in allen übrigen Teilen des Reiches der römische Einfluß ausgleichend. Schon die Anpassungs« fähigkeit der Römer in kultlichen Dingen, worin sie die Griechen noch übertrafen, und die Leichtigkeit, mit der sie die obskursten Barbarengötter anerkannten und wie ihre eigenen verehrten, förderten die Verschmelzung, ausschlaggebend aber war die zunehmende Freigebigkeit in der Erteilung des römischen Bürgerrechts.

In der Republik und in der ersten Kaiserzeit war man damit noch sparsam, dann aber mehrten sich die Fälle, wo um den Staat verdienten Fremden oder auch solchen, die durch Geburt, Reichtum oder geistige Eigenschaften hervorragten, das römische „Bürgerrecht erteilt wurde. Anfangs wurden hier wiederum die Hellenen bevorzugt, aber bald kamen auch andere Elemente hinzu. Sklaven wurden freigelassen und zu römischen Bürgern gemacht, gelangten zu Amt und Würden und bildeten zum Teil den neuen Beamtenadel der Kaiserzeit. Eine Hauptquelle der Ergänzung der römischen Bürgerschaft war aber das Heer. Den Legionssoldaten und den ausgedienten Hilfstruppen wurde das Bürgerrecht verliehen, und da die Provinzialen seit Hadrian immer mehr zum Kriegsdienst herangezogen wurden, gewannen auf diese Weise neben Griechen auch zahlreiche, selbst ungebildete, wenn auch in langjähriger Dienstzeit meist ganz romanisierte und jedenfalls an römische Zucht und Ordnung gewöhnte Barbaren das römische Bürgerrecht. Angehörige aller möglichen barbarischen Völker gelangten auf diesem Wege zu hohen Würden, ja bis auf den römischen Kaiserthron. Dieses Eindringen der Barbaren in einflußreiche Stellungen wuchs sich in der Folgezeit zu einer Gefahr für das Reich heraus, vor der einsichtige Männer wie der Bischof Synesios (um 400) vergebens warnten. Die Römer sollten trachten ihre alte militärische Tüchtigkeit wiederzuerlangen und die Barbaren vom Kriegsdienst wie auch von den Ämtern und dem Senat auszuschließen. Es sei ein unerhörter Widersinn, daß jene langhaarigen Blondköpfe (er spricht speziell von Skythen) bei den gleichen Menschen zu Hause Sklavendienste verrichten, in der Öffentlichkeit aber die Machthaber vorstellen.

Eine starke Vermehrung der Bürger brachte bekanntlich die Constitutio Antonina des Kaisers Caracalla im Jahr£ 212, und in der späteren Kaiserzeit machte dieser Prozeß solche Fortschritte, daß sich z. B. in Ägypten im 6. Jahrhundert Kopten der niedrigsten Schichten, Feldhüter und Hirten, den römischen Gentilnamen Aurelius beilegen konnten . Der Name «Hellene» war längst nicht mehr das Zauberwort, das einem den Zutritt zur Gesellschaft und den Weg zu Ansehen und Ehren eröffnete. Barbaren mit römischem Bürgerrecht waren jenen Griechen, die diesen Vorzug nicht genossen, in ihrer rechtlichen Stellung weit überlegen,- denn die ideellen gesellschaftlichen Vorteile, die mit der Zugehörigkeit zum hellenischen Kulturkreise verbunden waren, wurden dadurch mehr als aufgewogen. Kein Wunder, wenn dieses wertvolle Vorrecht allgemein hoch eingeschätzt und eifrig angestrebt wurde. Durch diese Verhältnisse ergibt sich aber vielfach eine Umschichtung der Bevölkerung, die sich auch in der Terminologie geltend macht. Denn wenn Liebedienerei die Römer als Hellenen pries, so konnte schließlich auch ein romanisierter Barbar von einiger Bildung diese Gleichstellung für sich in Anspruch nehmen, und so gerät die alte Einteilung in heillose Verwirrung. Nicht . nur behaupten nunmehr die einstmals als Barbaren mißachteten Römer den Vorrang unter allen anderen Nationen, auch Angehörige der eigentlichen Barbarenvölker werden durch Romanisierung dieses Vorrechtes teilhaftig. Der Unterschied der Rasse ist verwischt, das alte Nationalbewußtsein aufgelöst und an seine Stelle ein neuer Begriff der «Nation» getreten, der auf der staatlichen Zugehörigkeit aufgebaut ist.

Die Anfänge dieser Entwicklung liegen bereits der Schmeichelei zugrunde, die der bedeutendste Sophist und Stilist des 2. Jahrhunderts, Aelius Aristides, dessen römerfreundliche Gesinnung sich schon in seinem Namen kundgibt, in seiner überschwenglichen Lobrede auf Rom und die Römer eingeflochten hat: «Ihr habt bewirkt, daß der Name Römer nicht die Zugehörigkeit zu einer Stadt, sondern zu einer ganzen Nation bezeichnet, und zwar nicht zur ersten besten von allen, sondern die allen übrigen gegenübergestellt ist. Denn nicht in Hellenen und’Barbaren teilt ihr jetzt die Volksstämme ein, . . . sondern in Römer und Nichtrömer. Zu solcher Bedeutung habt ihr den Namen der Stadt erhoben».

Diese neue Einteilung beruht auf ähnlich kontradiktorischer Begriffsbildung wie die in Hellenen und Barbaren, nur daß für den negativen Begriff eine zusammenfassende Bezeichnung fehlt. Das Einteilungsprinzip ist neu, denn weder die Abstammung und Rasse, noch die geistige und sittliche Beschaffenheit, sondern die staatsrechtliche Stellung bedingt die Einordnung des Individuums. Da nun die Römer Alexanders gewaltigen Plan tatsächlich zur Ausführung brachten und fast die ganze bewohnte Erde unter ihrer Herrschaft vereinigten, war auch das alte Ideal der Weltbürgerschaft seiner Verwirklichung nähergebracht und dadurch auch längst die Sympathie der Stoa für die Bestrebungen des Herrschervolkes gewonnen. Mit dem stoischen hatte dieser neue Kosmopolitismus allerdings nur die Zurückstellung der Nationalität gemein. War dort der Weltbürger der geistig und sittlich hochstehende Weise, so ist es hier der römische Untertan. Und wie dem stoischen Weisen die ganze Welt offenstand und er in ihr überall zu Hause war, so kann derselbe Aristides nunmehr zum Preise der Römer sagen:

«Jetzt kann der Grieche und Barbar mit oder ohne seine Habe ohne Schwierigkeit wandern, wohin er will, als ginge er einfach von Vaterland zu Vaterland. Und weder ist das Kilikische Tor zu fürchten noch der enge und sandige Weg durch Arabien nach Ägypten, nicht unzugängliche Gebirge, nicht der Ströme unermeßliche Größe, nicht die ungeselligen Stämme der Wilden, sondern zur persönlichen Sicherheit genügt es ein Römer zu sein, vielmehr auch einer eurer Untertanen, und das Wort Homers ,die Erde ist aller Gemeingut habt ihr zur Tatsache gemacht».

Übrigens beweist diese Stelle wie eine andere vorhergehende, daß auch Aristides die alte Einteilung nicht entbehren kann und eigenelich auf dem Standpunkt der Dreiteilung «Römer, Griechen, Barbaren» steht.

Denn natürlich war mit der Erlangung der Civität und der Annahme eines römischen Namens die Abstammung und völkische Zugehörigkeit nicht beseitigt, zumal, namentlich in späterer Zeit, nicht einmal die Bedingung der lateinischen Sprachkenntnis eingehalten wurde. Die Hellenen in Ägypten, welche durch Caracalla das Bürgerrecht erhielten, nehmen zwar römische Namen an, werden aber in den erhaltenen Urkunden niemals ausdrücklich als Römer bezeichnet. Es sind eben Griechen mit römischem Bürgerrecht. Aus Eitelkeit oder in Fragen des praktischen Lebens wird das Römertum allerdings gern hervorgekehrt. Für einen geborenen Barbaren war jetzt die Romanisierung und Erlangung des römischen Bürgerrechts natürlich ein wirksameres Mittel seine Abkunft vergessen zu machen, als der Anschluß an die alte hellenische Weltkultur.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins

Der Fortschritt in den Wissenschaften beruht entweder auf der Entdeckung neuer, oder auf der verbesserten Erklärung alter Thatsachen. Erklärt ist aber eine rätselhafte Thatsache dann, wenn sie auf eine bekannte Thatsache, oder auf eine Gruppe von solchen, zurückgeführt ist. Im Grunde genommen, werden dadurch die Rätsel allerdings nicht gelöst, sondern nur zurückgeschoben; Newton führte die Bewegungen der Gestirne auf die irdische Schwerkraft zurück; aber was die Schwerkraft ist, bleibt gleichwohl ein Rätsel.

Wenden wir dieses auf die Orakel an. Die alten Schriftsteller berichten, dass in gewissen Tempeln Priesterinnen angestellt waren, die, nachdem sie in einen Zustand der Exaltation versetzt waren, über wichtige Staatsangelegenheiten, über grosse Unternehmungen befragt wurden und den Ausgang derselben prophezeiten. Diese Anstalten nannte man Orakel; sie haben Jahrhunderte lang eine grosse Rolle in der Geschichte Griechenlands gespielt, und es fragt sich nun, auf welche in unseren Tagen bekannte Erscheinung wir dieses rätselhafte Orakelwesen zurückführen sollen.

Es wäre wohl das Einfachste, wenn wir die Orakel als betrügerische Anstalten der Priester hinstellen könnten, die auf diese Weise einen Einfluss auf die Angelegenheiten des Staates nehmen wollten. Diese in der Aufklärungsperiode aufgestellte Hypothese scheitert aber daran, dass die zuverlässigsten Zeugen des Altertums die Fähigkeit jener Priesterinnen, wirklich in die Zukunft zu sehen, bezeugen. Die alten Historiker, Dichter und Philosophen versichern einstimmig, dass die Orakel von der höchsten Bedeutung für das Wohl Griechenlands gewesen sind. Gegen die Betrugstheorie spricht auch die lange Dauer der Orakel; denn Irrtum und Betrug sind kurzlebig. Der Ursprung der Orakel verliert sich in das graue Altertum, sie haben sich aber bis in die christliche Periode hinein erhalten, — erst Kaiser Theodosius schloss den delphischen Tempel, — und religiöse Gründe sind es, die zu ihrer Abschaffung führten. Nach Macrobius bestand das Orakel zu Dodona schon 1400 v. Chr.; schon Achilles ruft es an, und Herodot sagt, es seien ägyptische Priester gewesen, die nach Dodona das Weissagen brachten.

Noch mehr spricht gegen die Betrugstheorie das hohe Ansehen, welches die Orakel genossen, und zwar nicht etwa beim abergläubischen Volk, sondern bei den grössten Philosophen und Gelehrten:

Platon, Aristoteles, Sokrates, Hippokrates, Xenophon, Plutarch, Strabo, Älian, Pausa-nias, Apollodorus, Homer, Lucian, Diodorus, Varro, Tacitus, Sueton, Livius, Dionysius von Halikarnass, Florus, Plinius, Vergilius, Juvenalis, Ovidius etc. —

sie alle glaubten an die Orakel und waren von der höchsten Achtung für sie beseelt. Sogar die Peripatetiker, die jede andere Art von Weissagung verwarfen, Hessen doch die Göttlichkeit der Orakel gelten. Platon sagt mit Bezug auf den ekstatischen Zustand der weissagenden Priesterinnen:

„Nun aber werden der Güter grösste durch den Wahnsinn uns zu teil, der gewiss durch göttliche Huld uns verliehen wird, denn die Seherin zu Delphi und die Priesterinnen zu Dodona erzeugten im Wahnsinn Hellas viel Gutes, so im besonderen, wie im allgemeinen, im besonnenen Zustand aber wenig oder nichts. Und wenn wir anführen wollten, dass die Sibylle und andere mit Hilfe der begeisterten Seherkunst vieles, indem sie vielen das Zukünftige voraussagten, in das rechte Geleise brachten, so würden wir wohl, jeglichem Bekanntes erwähnend zu weitläufig werden. . . . Die Alten erklären den Wahnsinn für etwas Schöneres, als die Besonnenheit, indem der eine von der Gottheit, die andere von den Menschen ausgeht.“

Porphyrius bekundete seine Verehrung der Orakel durch die von ihm angelegte Sammlung ihrer Aussprüche. Proklus wandte der Deutung der Göttersprüche fünf Jahre hindurch, den grössten Fleiss zu und äusserte, dass er, wenn er zu befehlen hätte, alle alten Schriften, mit Ausnahme der Orakelsammlung und des Platonischen „Timäus“, der Kenntnis seiner Zeitgenossen entziehen würde. Lucanus beschreibt die Ekstase der Priesterin und nennt es das grösste Unglück seines Jahrhunderts, die Orakel, diese wunderbare Gabe des Himmels, verloren zu haben.

In keinem Lande standen die Orakel in so hohem Ansehen, als in Griechenland, und zwar zur Zeit der höchsten Aufklärung. Sie wurden in den wichtigsten Staatsangelegenheiten befragt, z. B. bei der Gründung von Kolonieen und Kriegserklärungen. In Ägypten galt das Orakel der Leto in der Stadt Buto als das untrüglichste;6) in Griechenland aber war vor allen anderen das zu Delphi berühmt, von welchem Plutarch sagt:

„Wenn ich bedenke, was für grosse Vorteile dieses Orakel den Griechen bei Krieg, Pest, Hungersnot und Anlage neuer Städte verschafft hat, so muss ich es für Sünde halten, wenn man die Erfindung und den Ursprung desselben nicht der göttlichen Vorsehung, sondern dem Zufall und dem blinden Ungefähr zuschreiben will.“

Er fügt bei, dass dieses Orakel schon seit mehr als dreitausend Jahren berühmt sei.

Delphi bestand ursprünglich aus zwei Ortschaften: Pytho und Lykorea. Daher wurde dieses Orakel das pythische genannt. Strabo sagt, von allen sei dieses am meisten wahr gewesen. Es wurde als der Mittelpunkt nicht nur Griechenlands, sondern der ganzen Erde angesehen. Der in der Mitte des Tempels befindliche steinerne Sitz wurde „Nabel der Erde“ genannt. Von dem athenischen König Amphiktyon, dem Sohne des Deukalion, wurde in Delphi der Rat der Amphik-tyonen, als Beschützer des Orakels, eingesetzt. Anfänglich nur Hüter des Tempels, wurden sie später Repräsentanten der griechischen Staaten, Schiedsrichter der Nation, entschieden über Krieg und Frieden und bildeten den höchsten Gerichtshof. Sie besassen die höchste Autorität in Sachen der Religion, des Völkerrechts, bei Entsendung von Kolonieen und überhaupt in den wichtigsten Staatsangelegenheiten.

Isokrates sagt vom Orakel zu Delphi, dass es von jedermann als uralt und als das zuverlässigste unter allen anerkannt werde, und Cicero sagt:

„Das wenigstens bleibt unleugbar, wenn man nicht die ganze Geschichte umstossen will, dass dieses Orakel viele Jahrhunderte hindurch wahrhaft gewesen ist“, —

womit er, nach Nägelsbach, nur den Glauben der ganzen alten Welt aussprach. In allen wichtigen Angelegenheiten schickte die Regierung zur Einholung eines Gutachtens Bevollmächtigte, Theoren genannt, nach Delphi; auch die Römer, da es kein eigentlich römisches Orakel gab, wendeten sich im Bedarfsfälle dahin. Als der Tempel 548 v. Chr. abbrannte, wurde er auf Befehl der Amphiktyonen in noch grösserer Pracht wieder aufgebaut; die Delphier zogen in den Städten umher und sammelten Gaben für den Tempelbau ein. Später erst, und auch nur vorübergehend, büsste dieses Orakel an Ansehen ein, als ein Bestechungsversuch der Priesterin durch Philipp von Makedonien bekannt wurde, wodurch Demosthenes veranlasst wurde, zu sagen, dass die Pythia philippisiere. Auch bei Herodot kommt ein solcher Bestechungsversuch vor.

Die Orakel waren also nicht alle von gleicher Berühmtheit, und die einzelnen standen nicht immer in gleichem Ansehen. Zu Ciceros Zeiten war das Orakel in Delphi verlassen, aber zu Plutarchs Zeiten sprach es wieder. Dies ist ein Umstand, der uns nicht nur die Betrugstheorie verbietet, — denn Betrug wäre überall und zu allen Zeiten gleich möglich gewesen, — sondern uns auch auf die richtige Erklärung leiten kann. Der Schluss, welchen Cicero daraus gezogen hat, ist noch heute gültig: —

„Wie es also jetzt weniger berühmt ist, weil die Richtigkeit der Orakelsprüche weniger hervortritt, so würde es damals nicht so berühmt gewesen sein, wenn es sich nicht durch die grösste Wahrheit ausgezeichnet hätte.“

Ein weiteres Merkmal für das hohe Ansehen von Delphi, und somit für die Zuverlässigkeit des Orakels, liegt in der Kostbarkeit der dort angehäuften Weihgeschenke. Die vom Orakel geoffenbarten Wahrheiten sind es nach Plutarch gewesen, die den Tempel mit Reichtümern der Griechen und Barbaren gefüllt haben. Die Geschenke, welche Krösus allein nach Delphi schickte, nachdem er durch eine angestellte Probe die Zuverlässigkeit dieses Orakels erkannt hatte, hatten einen Wert von zwanzig Millionen. Herodot hat uns ein ausführliches Verzeichnis dieser Geschenke aufbewahrt. Verschiedene Staaten unterhielten in Delphi eigene Gebäude zur Aufbewahrung ihrer Geschenke; der Kaiser Nero, der die Orakelstelle zerstörte, liess von dort 500 eherne Bildnisse von Göttern und Menschen hinwegführen.

Unter allen diesen Umständen ist es uns verwehrt, die Orakel aus blossem Priestertrug einerseits und aus dem Aberglauben der Befragenden andererseits zu erklären. Es wäre nicht wissenschaftlich, wollten wir den Orakeln die Gabe der Weissagung nur darum absprechen, weil diese der heutigen Denkmode widerspricht. Wir würden nicht nur unhistorisch, sondern auch unpsychologisch verfahren, wollten wir annehmen, dass ein Volk, welches auf einer seither nicht mehr erreichten Kulturstufe stand, durch seine Priester drei Jahrtausende hindurch sich hätte betrügen lassen. Jedenfalls aber würde eine solche Hypothese erst dann einigermassen berechtigt sein, wenn jede andere sich als unzulänglich erweisen würde. Erst wenn wir die Orakel mit ehrlichen Priestern nicht erklären können, dürfen wir zur Unehrlichkeit derselben greifen; erst wenn der Glaube an die Orakel mit Verständigkeit ihrer Verehrer nicht vereinbar ist, dürfen wir zu dem bedenklichen Mittel greifen, den grössten griechischen Philosophen den Verstand abzusprechen. Aus dem stark entwickelten Drange des abergläubischen Volkes nach Erforschung der Zukunft kann man nicht die Entstehung der Orakel — die zudem ursprünglich nicht vom Volk, sondern von den Staatslenkem benutzt wurden — erklären, sondern höchstens die eifrige Benutzung der schon bestehenden Anstalten.

Es deutet auf den wahren Sinn der Orakel, dass überall, wo solche bestanden, Quellen oder aus der Erde aufsteigende Dämpfe zu finden waren, aus welchen man die Weissagungsgabe erklärte. Daraus ist auch das Periodische bei manchen Orakeln zu erklären; der Betrug dagegen, als ein unveränderlicher Faktor, würde auch eine stetige Thätigkeit der Orakel erfordern. Manche Orakel schwiegen zeitweilig, später aber sprachen sie wieder. Das Orakel des Branchides schwieg zur Zeit des Xerxes und sprach zur Zeit Alexanders. Es fehlte also an einer für die angewendeten Begeisterungsmittel empfänglichen Priesterin, oder die Quelle der Begeisterungsmittel war eine veränderliche. Wenn gesagt wird, dass das delphische Orakel nur durch sechs Monate des Jahres sprach, dann aber nach Pataros in Lycien überging, so heisst das wohl, dass eine und dieselbe Priesterin zwei Orte zu versehen hatte; und wenn das Orakel des Teiresias in Orchomenos nach Eintritt einer Pest schwieg, so könnte daraus vielleicht geschlossen werden, dass die Priesterin der Pest erlag.

Zweierlei Punkte lassen sich aus den Berichten zuverlässig feststellen: die wirkliche Existenz weissagender Priesterinnenj und äussere Naturerscheinungen, durch welche die Begeisterung erweckt wurde. Plutarch sagt, dass, wo Quellen oder Dünste aus der Erde strömen, sich der Sitz eines Orakels bilde; wenn die Quelle versiege, erlösche auch das Orakel Höhlen mit aufsteigenden Dämpfen, besonders in dem Höhlenlande Böotien, sind daher häufig Sitz von Orakeln. Das zu Delphi verdankte seinen Ursprung einem Hirten Koretas; er bemerkte, dass seine Ziegen, wenn sie- sich einem dortigen Erdschlund näherten, in ausserordentliche Munterkeit gerieten, die sie durch wilde Sprünge kundgaben. Als er selbst hinzutrat, wurde er von prophetischer Begeisterung ergriffen und begann zu weissagen. Anfänglich wurden seine Reden verlacht; als aber die Weissagung eintraf, wurde er bewundert. Pindar sagt, dass die Dämpfe in Delphi manchmal so stark äusströmten, dass sie den ganzen Tempel durchzogen. Dieser aufsteigende Dampf wurde von einigen für natürlich, von anderen für göttlich gehalten. Die Erdspalte, woraus dieser göttliche Dunst hervorstieg, befeind sich in Delphi im Tempel; darüber stand der Dreifuss, auf den die Priesterin sich setzte, nachdem sie Lorbeerblätter gekaut und aus der kastalischen Quelle getrunken hatte. Darauf erhielt sie ihre Eingebungen.

Es fehlt nicht an Anzeichen, dass schon im Altertum einsichtige Männer in den aufsteigenden Dämpfen nicht die eigentliche Ursache, sondern nur die Bedingung der prophetischen Begeisterung vermuteten. Ammonius bei Plutarch sagt:

„Wenn jene Dünste einmal da sind, so werden sie gewiss auch den Enthusiasmus bewirken, und die Seele, nicht allein der Pythia, sondern jeder anderen Person, die sie berührt, in gleiche Begeisterung versetzen. Aus diesem Grunde ist es sehr abgeschmackt, dass man sich bei dem Orakel nur einer einzigen Frauensperson bedient, dieser so vieles Ungemach aufbürdet und sie ihr ganzes Leben hindurch keusch und unbefleckt zu erhalten sucht.“

Plutarch aber entgegnet, dass die Kraft des Dunstes nicht auf alle, ja nicht einmal auf dieselben Personen immer auf die gleiche Weise wirke; sie sei nur als der Anfang und der Zunder anzusehen, der auf die Empfänglichen einwirke. Ähnlich sagt Cicero:

„Die unsterblichen Götter zeigen sich zwar persönlich uns nicht, aber ihre Kraft verbreiten sie weit und breit; sie schliessen dieselbe teils in die Höhlen der Erde ein, teils verweben sie sie mit der Natur des Menschen. Denn die Kraft der Erde begeistert die Pythia zu Delphi, die der Natur die Sibylle.“ —

Nach dieser Ansicht liegt demnach die Weissagung in der Natur des Menschen als ihrer Ursache; sie kann aber durch äussere Mittel, als Bedingung, erweckt werden, sonst wäre es nicht möglich, dass auch ohne diese Bedingung, nämlich bei den Sibyllen, geweissagt wird.

Es ist vorweg zu erwarten, dass Plutarch, der selber Oberpriester in Delphi war, dieser richtigen Einsicht am nächsten kommen musste. Seiner Ansicht nach muss der Seele des Menschen selbst die Fähigkeit zugesprochen werden, in die Zukunft zu sehen, aber allerdings nicht im normalen, sondern im enthusiastischen Zustand. Er beschreibt aber diesen Zustand in einer Weise, dass wir daraus auf Somnambulismus schliessen müssen, der ja ohnehin fast der einzige erfahrungsmässig bekannte Zustand ist, in welchem Fernsehen stattfindet. Er sagt:

„Wenn wir der Wahrsagerkunst die Seele des Menschen als Materie und den begeisternden Dampf oder Hauch als ein Instrument oder Plektron zuschreiben, so wollen wir dadurch keineswegs den Einfluss der Gottheit und Vernunft auf dieselbe ableugnen. Denn fürs erste wird sowohl die Erde, die jene Dünste erzeugt, als die Sonne, die der Erde die Kraft zu jeder Mischung und Veränderung mitteilt, von uns nach der Vorschrift unserer Vorfahren als eine Gottheit betrachtet. Sodann lassen wir ja die Dämonen noch immer Aufseher, Wächter und Vorsteher dieser Mischung sein, welche, wie bei einer Musik, zur gehörigen Zeit das eine nachlassen, das andere anziehen, oder auch die allzuheftigen Wirkungen der Begeisterung mildem und die Bewegungen für die Menschen, die davon ergriffen werden, unschädlich machen.“

Diese Ungefährlichkeit der Begeisterung scheint jedoch nicht ausnahmlos gewesen zu sein; denn Plutarch selbst erzählt folgenden Fall:

„Wie ging es nun aber der Pythia ? Sie stieg zwar zum Orakel hinab, wiewohl ungern und wider Willen; allein gleich bei den ersten Antworten merkte man aus ihrer rauhen und gleich einem Schiffe mit Gewalt fortschiessenden Stimme, dass sie von einem bösartigen, das Reden hindernden Dunst ergriffen sei und deswegen nichts Deutliches hervorbringen könne. Zuletzt stürzte sie ganz ausser sich mit fürchterlichem Geschrei zur Thüre hinaus und warf sich zu Boden, so dass nicht allein die Seher, sondern auch der Prophet Nikander selbst und alle anwesenden Priester davon liefen. Nicht lange hernach gingen sie wieder hinein und trugen sie ganz sinnlos weg; aber sie lebte nur noch wenige Tage.“

Plutarch meint also, dass sowohl Apollo, als auch die Dämonen, seine Diener, bei den Orakeln thätig seien, aber doch nur insofern, als sie die für die Begeisterung notwendige Bedingung liefern. Es sei lächerlich anzunehmen, dass Apollo

„in den Leib der Wahrsager dringe, aus ihnen rede und Mund und Stimme wie Instrumente gebrauche.“

Und wenn er auch sagt, dass die Dämonen zeitweilig die Orakel verlassen, die alsdann

„wie ungebrauchte musikalische Instrumente unthätig und sprachlos liegen“

, so ist er sich doch klar darüber, dass die Priesterin nicht gleichsam als eine von Apollo besessene, passiv Begeisterte anzusehen sei, sondern als aktiv Hellsehende:

„Wenn die Seelen, die vom Körper, getrennt sind, oder die noch keinen gehabt haben, nach deiner und des göttlichen Hesiodus Behauptung Dämonen sind, warum wollen wir eben die im Körper befindlichen Seelen jener Kraft berauben, wodurch die Dämonen zukünftige Dinge zu wissen und vorher zu verkündigen im stände sind?“ —

Weiterhin spricht Plutarch einen Grund aus, den Jede transcendentale Psychologie anerkennen muss:

„Denn dass die Seelen erst nach ihrer Trennung vom Leibe eine , neue Kraft, oder Eigenschaft, die sie vorher nicht gehabt haben, bekommen sollten, ist gar nicht wahrscheinlich; weit eher lässt sich denken, dass sie alle ihre Kräfte beständig, auch während ihrer Vereinigung mit dem Körper, wiewohl in einer geringeren Vollkommenheit, besitzen. Einige derselben sind unmittelbar und verborgen, einige auch ganz schwach und stumpf, einige auch, wie wenn man durch einen Nebel sieht oder sich im Wasser bewegt, träge und unwirksam, und erfordern teils eine sorgfältige Wartung und Wiederherstellung in ihren gehörigen Zustand, teils eine Wegräumung und Reinigung alles dessen, was ihnen im Wege steht. Denn so wie die Sonne nicht erst dann, wenn sie den Wolken entweicht, glänzend wird, sondern es beständig ist und nur wegen der Dünste uns finster und unscheinbar vorkommt, ebenso erhält auch die Seele nicht erst dann, wenn sie aus dem Körper, wie aus einer Wolke, herausgeht, das Vermögen in der Zukunft zu sehen, sondern besitzt es schon jetzt, wird aber durch ihre genaue Vereinigung mit dem Sterblichen geblendet. … So schwach, so stumpf und unmerkbar nun auch dieses den Seelen eingepflanzte Vermögen sein mag, so geschieht es doch zuweilen, dass eine oder die andere gleichsam aufblüht und aus demselben in Träumen und bei den Mysterien Gebrauch macht, entweder weil der Körper alsdann gereinigt wird und die hierzu erforderliche Stimmung erhält, oder weil die Kraft zu denken und zu überlegen, jetzt, da sie von allem Gegenwärtigen losgerissen und befreit ist, sich mit der bloss von der Einbildung, nicht aber von der Vernunft abhängenden Zukunft beschäftigen kann. Euripides sagt zwar: ,Wer gut mutmassen kann, ist der beste Prophet; aber er irrt sich, denn der ist bloss ein gescheidter Mann, der der Leitung seiner Vernunft und den Gründen der Wahrscheinlichkeit folgt. Die Weissagungskraft hingegen ist an sich, gleich einer unbeschriebenen Tafel, ohne Vernunft und ohne Bestimmung, aber doch gewisser Vorstellungen und Vorempfindungen empfänglich und erreicht das Zukünftige ohne alle Vernunftschlüsse, vornehmlich aber dann, wenn sie aus dem Gegenwärtigen ganz herausgesetzt ist. Dies geschieht durch eine besondere Stimmung und Beschaffenheit des Körpers, und hieraus erfolgt dann diejenige Veränderung, die wir Enthusiasmus nennen.“ —

Mit anderen Worten: Die Seele des Menschen gehört zum Geschlecht der Dämonen, d. h. sie ist intelligibler Natur und als solche hellsehend; während des irdischen Lebens bleibt diese Fähigkeit latent und bricht nur ausnahmsweise in der Ekstase hervor. Nicht begeisternde Dämpfe, nicht magnetische Striche, ja nicht einmal der Tod könnte das Hellsehen erwecken, wenn es nicht schon in der Natur der Seele läge; sie können nur die Hindernisse hinwegräumen, die: dem Hellsehen entgegen stehen. Dieses Hindernis liegt in der Vereinigung mit dem Körper, d. h. im sinnlichen Bewusstsein. Der Mensch als transcendentales Subjekt ist fernsehend; aber sein irdisches Bewusstsein muss erst verdunkelt werden, wenn jenes Vermögen aus der Latenz, treten soll.

Der Zustand nun, in welchem erfahrungsmässig Fernsehen ein tritt, ist der tiefe Schlaf, als Annäherung an den Somnambulismus, und der Somnambulismus selbst. Wir werden also annehmen müssen, dass die Priesterinnen durch die aufsteigenden Dämpfe in Somnambulismus gerieten. Damit stimmt alles überein, was wir über den Zustand der Pythia erfahren, zunächst die sinnliche Bewusstlosigkeit und die Konvulsionen, die wir bereits kennen gelernt haben. Wir werden aber noch andere gemeinschaftliche Merkmale der Pythien mit unseren Somnambulen finden, die jeden Zweifel beseitigen: die Gedankenübertragung, das Sprechen in gebundener Redeform, das Hellsehen, das Fernsehen in Zeit und Raum und das erinnerungslose Erwachen.

Die Priesterinnen in Delphi waren anfänglich Mädchen, deren zwei in Thätigkeit waren, während eine dritte in Bereitschaft gehalten wurde. Als jedoch ein Thessalier, Echekrates, einst eine Priesterin verführte, nahm man nur mehr Frauen in vorgerückten Jahren. Man wählte sie sorgfältig unter den Bewohnerinnen von Delphi aus, suchte aber keineswegs gebildete, sondern im Gegenteil möglichst unwissende Frauen, Man erkannte also das weibliche, durch den Cölibat zur Hysterie disponierte Geschlecht als das geeignetere. Zunächst ist es dem Schlafleben unserer Somnambulen analog, dass die Priesterin innerhalb eines häufig mit Konvulsionen verbundenen Schlafes innerlich erwachte, in Ekstase, Enthusiasmus, Manie geriet und darin sprach. Dass die das Orakel Befragenden die Priesterin meistens gar nicht zu sehen bekamen, hatte wohl darin seinen Grund, dass man ihnen den Anblick solcher oft schreckhafter Zustände ersparen wollte. Bevor die Priesterin sich auf den Dreifuss setzte, schüttelte sie den dabei stehenden Lorbeerbaum, pflückte Blätter ab und kaute sie; sie war mit Lorbeerkränzen geschmückt, und der Dreifuss war mit Kränzen und Zweigen von Lorbeer bedeckt. Die Verwendung des Lorbeer zu solchen Zwecken ist nun auch unseren Somnambulen bekannt. Eine Somnambule Kerners sagt, dass der Lorbeer die magnetische Kraft mächtig verstärke; sie rät einer Kranken, in ihrem Zimmer Lorbeerbäume zu halten, und als sie selbst Lorbeerblätter in die Hand nimmt, sagt sie:

„Der Genuss von Lorbeerblättern — ich weiss es jetzt allein von den Blättern, weil ich nur diese in der Hand halte, — dient denjenigen Menschen, die Anlage zu den magischen Wissenschaften haben, dass sich diese in ihnen- mehr entwickeln. Will ein schwacher Magnetiseur stark einwirken, so soll er mit Lorbeerblättern magnetisieren.“

Zur Verstärkung ihres magnetischen Schlafes verordnete sie sich Kirschlorbeerwasser, ohne es je gekannt zu haben, und Kerner erzählt, dass ein Mädchen, dem er dieses Wasser tropfenweise verordnet hatte, aus Missverständnis der Wärterin einen Esslöffel voll auf einmal erhielt, worauf es in einen dreitägigen Somnambulismus verfiel.  Auch van Heimo nt erzählt, dass er durch den Genuss von „Napellus“ somnambul wurde und mit der Magengegend dachte.

Als Erregungsmittel des Somnambulismus wird auch das Wasser verschiedener Quellen angegeben. So bei den Orakeln zu Pergamus, Dodona, Epidaurus. Auch die Pythia trank aus dem kastalischen Quell, bevor sie den Dreifuss bestieg. Beim Orakel zu Klaros weissagte ein männlicher Prophet, der sich durch Fasten vorbereitete; wenn er dann von der dortigen Quelle getrunken hatte, wurde er bewusstlos und gab den Fragenden Antwort, worauf er allmählich wieder zu sich kam, ohne sich dessen zu erinnern, was er geredet. Beim Orakel zu Kolophon stieg der Priester in die Grotte hinab und trank von dem begeisternden Wasser. Über das merkwürdige Verhältnis der Somnambulen zum Wasser — abgesehen von der künstlichen Magnetisierung desselben — sagt Medizinalrat Schindler:

„Viele Somnambulen wurden von Wasserflächen angezogen, wie Fischer und Pfoot dies beobachteten; Hufeland erzählt, dass ein Frauenzimmer, über eine Brücke gehend, in unvollkommenen Somambulismus geriet, und Köttgens Kranke, über ein Brett gehend, stürzt unaufhaltsam in den Graben und sagt aus, wie sie vor dem Wasser gehütet werden müsse, und als man dies verabsäumt, stürzt sie besinnungslos in das Wasser, an dem sie Tücher schweift. Nicht allein, dass magnetisiertes Wasser den Somnambulen heilsam wird und ihr Hellsehen steigert, sie auch magnetisiertes Wasser genau von unmagnetisirtem unterscheiden: so hat auch Reichenbach die schlafmachende Wirkung des magnetisierten Wassers nachgewiesen und gezeigt, wie die Sensitiven Wasser, welches den Strahlen der Sonne und des Mondes ausgesetzt war, wohl von dem unterscheiden, welches im Schatten gestanden.“

Die Art, wie die Priesterin redete, erinnert ebenfalls an Somnambulismus, in welchem das Organ der Sprache oft krankhaft verändert erscheint. Tertullian sagt, dass die Priesterin von einem Gott erfasst zu sein glaubte und keuchend redete.Die Pythia wird eine Wahrsagerin aus dem Unterleib, womit nicht etwa Bauchrednerei gemeint ist, sondern das Organ des Propheten bezeichnet ist, wie es schon Jesaias beschreibt:

„Alsdann sollst du geniedrigt werden und aus der Erde reden, und aus dem Staube mit deiner Rede murmeln, dass deine Stimme sei wie eines Zauberers aus der Erde, und deine Rede aus dem Staube wispele.“

Aber noch in einem anderen Sinne heisst es, dass die Pythia oft Worte sprach, die niemand verstand, und die man Glossen nannte. So erfand auch Jakob Böhme Jur bekannte Dinge neue Namen, und sagte, es seien das die Wesennamen der Dinge. Die Seherin von Prevorst hatte ihre eigene innere Sprache, wovon Kerner einige Beispiele giebt. Dass die Priesterin zu Delphi ihr unbekannte Sprachen redete, wird ebenfalls berichtet und lässt sich vielleicht aus dem gesteigerten Erinnerungsvermögen erklären, das auch bei den Somnambulen häufig zu der Ansicht führt, dass sie in fremden Zungen reden. So jenes unwissende Bauernmädchen, das in der somnambulen Krise lateinisch sprach; man hielt das für ein Wunder, und es sollte bereits eine Wallfahrt in Szene gesetzt werden, als es sich herausstellte, dass die Worte dem Brevier entnommen waren; bei näherer Erkundigung nach ihrer Vergangenheit erfuhr man, dass sie vor mehreren Jahren bei einem Pfarrer diente, der sein Brevier laut zu lesen gewohnt war. In dieser Weise ist es vielleicht auszulegen, dass der Oberpriester in Ammon zu Alexander griechisch sprach, aber so, wie man eine fremde Sprache spricht. Es kommen Fälle vor, dass den Barbaren in ihrer Sprache geantwortet wurde, wie z. B. dem Boten des Mardonius. Als Mys in das Heiligtum des Ptoischen Apollo kam, weissagte der Oberpriester in karischer Sprache. Wo nun aber die gesteigerte Erinnerung zur Erklärung nicht ausreicht, müssen wir annehmen, dass die Priesterinnen sich im Zustand unserer Sprechmedien befanden.

Wie bei unseren Somnambulen, kam auch bei den Priesterinnen die Gedankenübertragung vor. Die Fragenden erhielten oft Bescheid, noch bevor sie ihre Fragen gethan hatten, daher es hiess, dass Apollo

„den Stummen versteht und in die Seele des Schweigenden sieht“

Plutarch sagt, dass die Pythia zuweilen, noch bevor sie befragt wurde, Orakel gab; denn sie diene einem Gotte, der von sich selber sage: — „Ich verstehe den Stummen, den Sprachlosen höre ich reden.“ Dies waren in der That die von der Priesterin in dramatischer Spaltung dem Apollo zugelegten Worte, als die Boten des Krösus, noch bevor sie sich ihres Auftrages entledigten, von der Pythia angeredet wurden. Andere Priesterinnen verlangten nur den Namen des Befragers und errieten sodann sein Anliegen.

Dass die Priesterin inspiriert sei, wurde nicht nur darum angenommen, weil die Theorie der transcendentalen Fähigkeiten noch nicht zum klaren Bewusstsein der Griechen gekommen war, sondern auch darum, weil dem Somnambulismus, wie jedem Traumzustand überhaupt, die Form der dramatischen Spaltung eigen ist. Auch unsere Somnambulen sprechen oft von ihren Schutzgeistern und Führern, von welchen sie vorgeben, inspiriert zu sein. Sogar die bei modernen Somnambulen vorkommenden Tauben als symbolische Inspiratoren scheinen auch im Altertum sich eingestellt zu haben. Beim Orakel zu Dodona kommt die inspirierende Taube vor, und die Priesterinnen selbst Messen sogar Tauben.

Wie bei den Somnambulen, ist auch bei den Priesterinnen zu unterscheiden zwischen dem Hellsehen im eingeschränkten Sinne des Wortes, d. h. dem Sehen des Gegenwärtigen ohne Vermittlung des Gesichtsinnes, und dem Fernsehen in Zeit und Raum. Das Hellsehen kommt vor in der ganz modernen Form des Lesens versiegelter Briefe. Trajan befragte in einer skeptischen Anwandlung das Orakel zu Heliopolis, indem er einen versiegelten Brief Mnsandte. Das Orakel befahl, ihm ein unbeschriebenes Stück Papier versiegelt zu senden. Trajan war darüber voll Bewunderung; denn auch er hatte einen leeren Brief gesendet.

Über das räumliche Fernsehen sind die Berichte zahlreich und so merkwürdig, dass der Rationalist Götte sagt:

,,Unglaublich ist die Schnelligkeit, mit welcher die Orakel von allen wichtigen Ereignissen Kunde erhielten. Wollte man die Wahrheit mancher Nachricht nicht in Zweifel ziehen, so möchte man sich das Wunder beinahe durch eine telegraphenähnliche Veranstaltung erklären.“

Schade nur, dass bei dieser Theorie alle Fälle des zeitlichen Fernsehens unerklärt bleiben. Das merkwürdigste Beispiel eines räumlichen Fernsehens erfuhr Krösus. Dieser König von Lydien wollte die verschiedenen Orakel auf die Probe stellen. Er sandte daher Boten zu den Orakeln nach Abä, zu den Branchiden bei Milet, nach Dodona, zu den Orakeln des Amphiaraus und Trophonius, nach Ammon und nach Delphi. Zwischen diesen wollte er alsdann eine Wahl treffen, um über seinen Feldzug gegen die Perser sich beraten zu lassen. Die nach Delphi geschickten Boten hatten den Auftrag, am hundertsten Tage, von der Abreise an gerechnet, das Orakel zu fragen, womit Krösus eben jetzt beschäftigt sei. Da sie nun in das Innere des Tempels kamen und eben im Begriff waren, sich ihres Auftrags zu entledigen, wurden sie von der Pythia in Versen angesprochen:

„Siehe, ich zähle den Sand, die Entfernungen weiss ich des Meeres, Höre den Stummen sogar, und den Schweigenden selber vornehm’ ich. Jetzo dringt ein Geruch in die Sinne mir, wie wenn so eben Mit Lammfleisch gemengt in Erz Schildkröte gekocht wird; Erz ist untergesetzt, Erz oben darüber gedecket.“

Diesen Spruch schrieben die Boten auf und eilten damit nach Sardes zurück, wo auch die übrigen Boten sich eingestellt hatten. Den Spruch von Delphi nahm Krösus mit grosser Verehrung an. Er hatte nämlich an dem bestimmten Tage etwas-ersonnen, was zu erraten unmöglich sein sollte: Er Hess eine Schildkröte und ein Lamm in Stücke schneiden und in einem ehernen Kessel zusammen kochen, auf den er einen ehernen Deckel gelegt hatte. Auch das Orakel des Amphiaraus soll Krösus bei dieser Gelegenheit als ein zuverlässiges erprobt haben; die übrigen Antworten, die nicht mitgeteilt sind, fanden seinen Gefallen nicht.

Häufiger noch wurde das Fernsehen in der Zeit auf die Probe gestellt, und Orakelsprüche dieser Art sind auch von den griechischen Tragikern behandelt worden. Den Lajos, der die Jokaste heiratete, hatte das Orakel gewarnt, keine Kinder zu erzeugen, da seine Söhne ihn töten sollten und sein ganzes Haus von Blut zu Blut wandeln würde.1) Er übertrat das Verbot, zeugte den Ödipus, den er Hirten übergab, um ihn auszusetzen oder zu töten. Dieser Ödipus erkundigte sich in Delphi nach seiner Abkunft und wurde gewarnt, in sein Vaterland zurückzukehren, da er seinen Vater töten und seine Mutter heiraten würde. Bei Phokis tötete er in der That den ihm unbekannten Vater, heiratete die Jokaste, zeugte mit ihr Eteokles und Polynikes, erfuhr aber erst dann das wahre Verhältnis. Seine Söhne stiessen ihn vom Throne, töteten sich aber später gegenseitig im Kampfe.

Zu den Orakeln, durch welche der Fragende über sein eigenes Schicksal Aufschlüsse erhielt, gehörte auch das, welches Timarchus in der Höhle des Trophonius bekam. Er vernahm eine Stimme, die ihn aufforderte, nach Athen zurückzukehren; nach drei Monaten würde er das, worüber er gefragt, viel deutlicher erkennen. Er kehrte zurück und starb nach drei Monaten.

Auch über das Schicksal anderer wurden Aufschlüsse erteilt. Krösus hatte einen Sohn, der stumm war, und befragte über ihn den delphischen Apollo, der manchmal auch als Heilgott Rat erteilte. Die Pythia gab die Antwort:

„Lydiens Sohn, und Herrscher von vielen, o thörichter Krösus!

Wünsche nur nicht zu vernehmen im Haus die ersehnete Stimme

Deines, des redenden, Sohnes! Fürwahr, es ist für dich besser!

Denn er wird reden zu dir am ersten Tage des Unglücks.“

Bei der Belagerung von Sardes nun, als die Veste genommen war, stürzte ein Perser auf Krösus zu, den er nicht kannte, um ihn zu töten. Krösus empfing den Angreifer ruhig, da er, von seinem Unglück gebeugt, sein Leben nicht retten wollte. Als jedoch der stumme Sohn den Perser heranstürzen sah, verlieh ihm der Schrecken die Sprache und er rief:

„O Mensch, töte doch nicht den Krösus!“

Es war dies das erste Wort, das er sprach, aber die Fähigkeit der Rede verblieb ihm für die ganze Zeit seines Lebens.In anderer Absicht befragte Lollia unter dem Kaiser Claudius das Orakel des karischen Apollo über die Vermählung des Kaisers. Sie wurde bestraft, da ihr der Gegenstand der Frage als Verbrechen angerechnet wurde.

Häufig wurden wichtige Ereignisse von den Orakeln vorher verkündet. Die Priesterin Phännis, die Tochter des chaonischen Königs, sagte den verheerenden Zug der Gallier ein Menschenalter vor dem Ereignis in ihren Sprüchen voraus. Plutarch spielt auf den Ausbruch des Vesuv, 79 n. Chr., an, wenn er sagt, dass die Ereignisse von Cumä schon in ältesten Zeiten in sibyllinischen Gedichten vorher gesagt wurden und als Schuld anzusehen seien, die nun von der Zeit bezahlt worden. Wenn aber Cicero sagt, dass die Weissagungen unbestimmt gehalten seien, Ohne Bezeichnung des Ortes und der Zeit, so stimmt auch das mit den Femgesichten unserer Somnambulen überein, die kein abstraktes Wissen enthalten, sondern anschauliche Bilder, denen örtliche und zeitliche Bezeichnungen nicht anhaften.

Schon in der griechischen Sagengeschichte kommt jener merkwürdige Umstand vor, dass die Versuche, das Eintreffen der von den Orakeln geweissagten Ereignisse zu vereiteln, fehlschlagen, ja dass das Ereignis eben durch jene Versuche herbeigeführt wird. Bei den Alten wird nun die Möglichkeit der Weissagung aus dem Begriff des Schicksals erklärt, und auf der Unvermeidlichkeit des Schicksals, auf der Notwendigkeit alles Geschehens beruht die Unentrinnbarkeit der Weissagung, die immer ein treffen muss. Darum wirft Cicero die Frage auf, wozu denn die Weissagung nütze, da ja doch die geweissagten Ereignisse sich nicht vermeiden lassen. Innerhalb des modernen Somnambulismus kommt nun diese Unververmeidlichkeit sehr auffällig vor beim zweiten Gesicht, weil bei diesen Ferngesichten, die ganz in Anschaulichkeit aufgehen, das geschaute Bild mit dem späteren Ereignis in jedem Detail übereinstimmt Schopenhauer sagt hierüber: —

„Am auffallendsten ist die empirische Bestätigung meiner Theorie der strengen Notwendigkeit alles Geschehens beim zweiten Gesicht. Denn das vermöge desselben oft lange vorher Verkündete sehen wir nachmals ganz genau und mit allen Nebenumständen, wie sie angegeben waren, eintreten, sogar dann, wenn man sich absichtlich und auf alle Weise bemüht hatte, es zu hintertreiben, oder die eintreffende Begebenheit, wenigstens in irgend einem Nebenumstand, von der mitgeteilten Vision abweichen zu machen; welches stets vergeblich gewesen ist, indem dann gerade das, was das Vorherverkündete vereiteln sollte, allemal es herbeizuführen gedient hat; gerade so, wie sowohl in den Tragödien, als in der Geschichte der Alten, das von Orakeln und Träumen verkündigte Unheil eben durch die Vorkehrungsmittel dagegen herbeigezogen wird. Als Beispiel nenne ich, aus so vielen, bloss den König Ödipus und die schöne Geschichte vom Krösus mit dem Adrastos im ersten Buche des Herodot c. 35—43. Die diesen entsprechenden Fälle beim zweiten Gesicht findet man mitgeteilt im dritten Heft des achten Bandes des „Archiv für tierischen Magnetismus“ von Kieser (besonders Beispiel 4. 12. 14. 16.); wie einen in Jung Stillings „Theorie der Geisterkunde“ § 155.“*)

Ein ähnliches Beispiel bietet Arkesilaus, der dem ihm ge-weissagten Tode entfliehen wollte und eben dadurch das Orakel erfüllte. Ebenso gehört hierher die „Geschichte des dritten Kalenders“ in „1001 Nacht.“ Den von mir bereits anderwärts erwähnten Fällen füge ich noch einen analogen Fall zweiten Gehörs aus neuerer Zeit bei. Es ist in Westfalen üblich, dass bei Todesfällen in Bauernhöfen die Särge im Hofe selbst vom Tischler hergestellt werden, dem dazu die nötigen Bretter geliefert werden. Ein solcher Bauer nun hatte, wie Dr. Kuhlenbeck berichtet, in seinem Holzschuppen ein Geräusch vernommen, als ob dort Bretter durchgesägt würden, was dort für einen Vorspuk gehalten wird. Wenige Tage später nun fand man den bis dahin rüstigen Vater des Bauers tot im Gehölz. Um nun den Vorspuk um jeden Preis zu vereiteln, befahl der Bauer dem Tischler, die nötigen Bretter zwar im Schuppen auszusuchen, aber in seiner eigenen Werkstatt zurechtzuschneiden. Dies geschah; aber als der Sarg beinahe fertig war, fehlte noch eine Leiste, daher der Tischler einen Gesellen in den Hof schickte, der nun im Schuppen ein passendes Stück von einem Brett absägte. Erst das jetzt zum zweitenmale ertönende Geräusch belehrte den Bauer, dass der für unvermeidlich geltende Vorspuk nun doch erfüllt sei.

Phoemohoe, die erste Priesterin zu Delphi, wird als Erfinderin des Hexameters genannt. Diodor sagt ferner, dass die Epigonen die böotische Stadt Tiphossäon nahmen und plünderten; Daphne, die Tochter des Sehers Teiresias, die in ihre Gewalt fiel, wurde einem Gelübde gemäss als Kriegsbeute nach Delphi dem Gotte geweiht. Diese war des Weissagens nicht weniger kundig, als ihr Vater, und durch den Aufenthalt in Delphi steigerte sich noch ihre Kunst Sie schrieb viele Orakel in sehr kunstreicher Form; selbst Homer soll aus ihren Gedichten sich manches angeeignet und seine Werke damit geschmückt haben. Weil sie aber oft von göttlicher Begeisterung ergriffen wurde und dann weissagte, nannte man sie „Sibylle“. Endlich sagt Plinius kurz, dass der Hexameter aus Delphi stamme. Auch darin liegt eines der vielen Anzeichen, dass die Priesterin somnambul war; denn auch bei den modernen Somnambulen ist es eine häufige Erscheinung, dass sie in Versen sprechen, und zwar auch dann, wenn es im Wachen ganz ausserhalb ihrer Fähigkeiten liegt. Medizinalrat Schindler behandelte eine Kranke, die sehr viel in Versen sprach, wie z. B. eine lange Ode auf Friedrich Wilhelm III., und ein Fieberkranker machte Verse über alle möglichen Gegenstände, von denen er nach dem Erwachen nichts mehr wusste; auch von der heiligen Hildegard wird erzählt, dass sie zur Ehre Gottes Hymnen sang, die sie nie erlernt. Das Sprechen in Versen finden wir auch ausserhalb der Orakel bei den Somnambulen des Altertums. Im Tempelschlaf erschienen den Kranken die geträumten Heilmittel entweder in ihrer Gestalt, oder in Symbolen, oder die Schlafenden sprachen in Versen davon.4) Nach Apulejus, der sich auf Varro beruft, wurde den Einwohnern von Tralles der Ausgang des mithridatischen Krieges von einem Knaben prophezeit, der in ein Wassergefäss schaute — die Visionen im Wasserglas kommen noch heute vor — und dann in 160 Versen die Zukunft schilderte. Erst in späterer Zeit kam die Prosa bei den Orakeln in Anwendung, doch sprach noch zu Plutarchs Zeiten die Pythia manchmal in Versen.

In der betreffenden Abhandlung behandelt Plutarch die aufgeworfene Frage: warum die Pythia die Orakel nicht mehr in Versen erteile, sehr ausführlich. Wer nämlich in den Orakelsprüchen Inspirationen des Gottes sah, musste sich natürlich schon damals wundern, dass die Verse, wie eben auch bei unseren Somnambulen, oft so herzlich schlecht waren und keineswegs der Anforderung entsprachen, die man gerade an den Gott der Sänger stellen durfte. Daher steht die Frage Plutarchs in Zusammenhang mit der anderen Frage: aus welcher Quelle die Orakel kommen, und wurde somit sehr wichtig. Plutarch aber, der in der Weissagung eine trans-cendentale Eigenschaft der menschlichen Seele erkannte, konnte folgerichtig in seiner Wertschätzung der Orakel durch die Minderwertigkeit der Verse nicht erschüttert werden. Diogenian sagt bei Plutarch, er habe sich oft über die schlechten und elenden Verse gewundert, in welchen“ die Orakel verfasst wurden; Apollo, als Führer der Musen, sollte sich nicht allein durch Beredsamkeit, sondern auch durch den Wohlklang der Lieder auszeichnen, ja Hesiod und Homer übertreffen. Die meisten seiner Orakel seien aber sowohl in Ansehung des Silbenmasses, als des Ausdruckes geschmacklos und fehlerhaft. Es sei eine ausgemachte Wahrheit, dass die Verse der Orakel schlecht seien, daher denn auch viele glauben, Apollo sei nicht der Verfasser derselben, und es rühre von ihm nur die erste Bewegung her, die im übrigen der Natur jeder einzelnen Prophetin entspreche. Wäre es eingeführt, dass die Orakel nicht mündlich, sondern schriftlich erteilt würden, so würde man die Buchstaben gewiss nicht dem Gotte zuschreiben, oder sie tadeln, wenn sie nicht schön geschrieben wären. Stimme, Ausdruck und Silbenmass gehörten also wohl nicht dem Gotte, sondern der Pythia an; der Gott gebe nur die Bilder und Vorstellungen ein und zünde in ihrer Seele das Licht an, dass sie die Zukunft erkenne.

Der Skeptiker wird nun allerdings geneigt sein, zu sagen, von Frauen Hessen sich andere, als schlechte Verse nicht wohl erwarten; aber diese Auslegung passt weder auf die Pythien, noch auf unsere Somnambulen, von welchen, ihrem Bildungsgrade gemäss, in der Regel überhaupt keine Verse, nicht einmal schlechte, zu erwarten wären. Plutarch sagt, dass die Priesterin zu Delphi zwar von guter und ehrlicher Herkunft war und eine Jungfrau von unbescholtenem Ruf sein musste, aber in dem Hause armer Leute erzogen, trete sie ohne eine Kunsterfahrung in das Orakel ein; dagegen werde von ihr im Orakeldienst gefordert, dass sie, wie auf der Bühne, nicht eine einfache und ungekünstelte, sondern eine hochtrabende, mit Silbenmass, Metaphern und Erdichtungen geschmückte Sprache führe.

Als nun mit der Zeit die Pythia aufhörte, in Versen zu sprechen, that dies, wie Plutarch sagt, der Glaubwürdigkeit der Orakel viel Eintrag, indem angenommen wurde, dass sie sich dem Gotte nicht mehr näherte, oder dass die Kraft des aus dem Schlunde steigenden Dunstes verschwunden wäre. Plutarch erkannte also den Zusammenhang der rhythmischen Sprache mit dem Zustande der Begeisterung, und aus der Abnahme jener schloss er auf die Abnahme auch dieser. Das Problem ist also für ihn ein sehr wichtiges, wiewohl er selbst sagt, dass auch die älteren Priesterinnen sehr viele Orakel in Prosa erteilten. Man könne nicht verlangen, dass alle Orakel in Versen erteilt werden und dass die in Prosa ohne Wahrheit seien, wie man auch nicht sagen könne, dass Sappho allein ein verliebtes Mädchen gewesen sei. Sogar lobt er die Prosa der Orakel, da viele der Ansicht seien, dass Metaphern, Rätsel und Zweideutigkeiten eben so viele Rückhalte und Schlupfwinkel bildeten, wohin man sich leicht zurückziehen könne, wenn einmal die Prophezeihung nicht eintreffe.

Bei unseren Somnambulen ist das Sprechen in Versen keineswegs die Regel, findet vielmehr nur bei hoher Begeisterung statt. Plutarch hätte also die Antwort auf seine Frage, warum die Pythia nicht mehr in Versen spreche, leicht finden können. Der Inhalt der Orakel musste daran Schuld sein. Plutarch selbst giebt zu, dass man die Orakel nicht mehr nur in verwickelten, geheimnisvollen und gefährlichen Angelegenheiten befrage, sondern in unbedeutenden Dingen, Erbschaften, Heiraten, Geldangelegenheiten, Reisen, Gesundheit, Gedeihen des Viehs, Wachstum des Getreides, kurz in Dingen, für welche der Vers nur ein sophistischer Schmuck wäre.

Das Dichten der Somnambulen ist ein merkwürdiges Problem, das auch auf die Psychologie der Dichtkunst ein interessantes licht wirft, dessen Behandlung aber nicht hierher gehört, wo lediglich die Tatsache dieses Dichtens als ein Parallelfall von Somnambulismus und Orakelwesen anzuführen war.

Eine andere Parallele ist die Zweideutigkeit der Orakel, wie mancher somnambulen Prophezeiung. Die Sprache der Orakel war oft eine dunkle Bildersprache, die so lange unverständlich blieb, bis der Ausgang der Sache die Dunkelheit aufhellte. Das Symbolische, Allegorische, Problematische, Ironische und Zweideutige spielt schon in unseren gewöhnlichen Träumen eine Rolle, und der Somnambulismus ist eben nur dem Grade nach vom gewöhnlichen Schlaf verschieden. Dieselbe dunkle Sprache finden wir bei den Propheten des Alten Testaments und in den Quatrains des Nostradamus. Von den Schamanischen. Zauberern wird gesagt, dass ihre Sprache oft so dunkel und poetisch lautete, dass der Dollmetscher sie nicht zu übersetzen vermochte. Von der Lenormand, der von Napoleon I. viel konsultierten Somnambulen, sagt ein Berichterstatter, ihre Aussagen über die Zukunft seien oft so rätselhaft gewesen, wie bei den Pythien und Sibyllen. Auch beim zweiten Gesicht sind die Visionen manchmal nicht dem späteren Vorgang entsprechend, sondern symbolisch, dem Visionär selbst unverständlich, der sich an einen Ausleger wendet. Beim Tode Glosters lässt Shakespeare den Cardinal Beaufort ausrufen: — „Geheimnisvolles Gericht Gottes! mir träumte diese Nacht, der Herzog sei stumm und könne kein Wort reden.“ Auch Goethe erzählt in „Dichtung und Wahrheit“ symbolische Wahrträume seines Grossvaters.

In gleicher Weise sagt nun Plutarch, dass Apollo in den Orakeln weder rede, noch schweige, sondern nur andeute. Auch Cicero sagt, die Orakel seien oft verschlungen und dunkel, so dass der Erklärer einen Erklärer nötig habe, oder so zweideutig, dass man sie einem Dialektiker vorlegen müsse. Die Lakedämonier, die wegen des Krieges mit Athen befragten, erhielten die Antwort, dass sie, wenn sie die Nachkommen des Pausanias nicht zurückriefen, mit silbernen Pflügen ackern müssten. Dies wurde so ausgelegt, dass eine Hungersnot eintreten würde und alles so teuer gekauft werden müsste, wie wenn sie mit silbernen Pflügen ackerten.4) Ein symbolisches Orakel erhielten die Chalkidier bezüglich ihrer Auswanderung:

 

„Dort, -wo der Apsia heiligster Strom sich mischt mit der

Meerflut,

Und an der Mündung selber das Weib sich freiet den Gatten,

Dort nur baue die Stadt!“

Als sie nun am Flusse Apsia eine Weinrebe fanden, die sich an einem wilden Feigenbaum emporrankte, erkannten sie in diesen Mann und Weib, und erbauten die Stadt.1) Als die Lakedämonier nach Delphi schickten, um zu erfahren, wo die Gebeine des Orestes begraben lägen, erhielten sie die Antwort:

„Liegt ja Tagea, die Stadt, in Arkadiens breiterem Flurland;

Alldort blasen, vom Zwange erzeugt, die zweierlei Winde —

Stoss antwortet dem Stoss, und Unheil liegt da auf Unheil.

Dort umschliesst die lebendige Erde den Sohn Agamemnons;

Bringst du dir diesen zurück, so hast du Tagea besiegt schon.“

Damit war nach der Ansicht des Lieh es, der in der That den Sarg mit den Gebeinen fand, eine Schmiede gemeint; unter den zwei Winden waren die Blasebälge verstanden, unter den Stössen Amboss und Hammer, und Unheil auf Unheil bedeutete das Eisen auf dem Eisen, welches zum Unheil der Menschen erfunden sei. Als die Athener nach Delphi schickten, um vor dem Kriege mit Xerxes das Orakel zu befragen, wurde ihnen geraten, Stadt und Land zu verlassen; nur die hölzerne Mauer würde unverheert bleiben, welchen Ausdruck Themistokles auf die Schiffe bezog, weshalb er zur Seeschlacht riet.

Mit Bezug nun auf diese Dunkelheit und das Gewundene seiner Aussprüche hatte Apollo den Beinamen „Loxias“f, verdreht4.) Oft aber hatte die Zweideutigkeit zur Folge, dass das Vertrauen in den Spruch enttäuscht wurde, ja dass der befolgte Rat zum Verderben des Fragenden ausschlug. Als Krösus fragte, ob er lange herrschen würde, erhielt er die Antwort:

„So lange, bis die Meder von einem Maultier beherrscht werden.“

Unter diesem Maultier war aber Cyrus verstanden, der einen Perser zum Vater, eine Medierin zur Mutter hatte. Dem Herkules, der wissen wollte, wann seine Dienstbarkeit unter der Königin Omphale enden würde, wurde die Befreiung von allen Leiden nach fünfzehn Jahren versprochen. Nach fünfzehn Jahren starb er. Als die Lakedämonier das Land Arkadien bekriegen wollten, riet das Orakel, sich auf Tegea zu beschränken; dort würden sie den Boden mit Füssen treten und das Land mit dem Masse der Leine messen. Sie unterlagen aber im Kampfe, mussten die Felder der Tegeaten bebauen und mit der Leine messen. Dem Kleomenes war gesagt worden, dass er Argos einnehmen würde; als er aber einen Hain in Brand stecken Hess, erfuhr er, derselbe sei Hain des Argos genannt, und hielt nun das Orakel für erfüllt. Den Athenern versprach die Pythia, dass sie alle Syrakusaner gefangen nehmen würden; es fiel ihnen aber nur die Namenliste des syrakusanischen Heeres in die Hände. Dem Pyrrhus weissagte das Orakel: „Aio, ie, Aeacida, Romanos vincere posse“; dabei konnte  „Romanos“ sowohl Subjekt als Objekt sein. Dem Epaminondas wurde in Delphi gesagt, er sollte sich vor dem Pelagus hüten; er vermied es daher, zu Schiff zu gehen, fiel aber bei Man-tinea in einem Walde, der Pelagus hiess.6) Nero wurde durch das Orakel in Delphi gewarnt, sich vor dreiundsiebzig Jahren zu hüten. Da er noch jung war, freute er sich dieser Antwort und dachte nicht an seinen Nachfolger Galba, der mit dreiundsiebzig Jahren den Thron bestieg. Daphitas, der das Orakel in Delphi zum Spott befragte, ob er sein Pferd wiederfinden würde, — da er doch gar keines besass, — erhielt die Antwort, dass er ein Pferd finden, aber herunterfallen und sterben würde; bald darauf fiel er in die Hände des Attalus und wurde von einem Felsen herabgestürzt, der „Pferd“ benannt war. König Pyrrhus hatte den Orakelspruch erhalten

,, er würde sterben, wenn er einen Wolf mit einem Stier kämpfen sähe; der Spruch erfüllte sich, als er auf dem Markte zu Argos ein Erzbild erblickte, das einen solchen Kampf darstellte; ein altes Weib tötete ihn durch einen Ziegelstein vom Dach herab. Als Krösus das Orakel frug, ob er die Perser bekriegen sollte, erhielt er die Antwort: Wenn er über den Halys ginge, würde ein grosses Reich zerstört werden. Dies erfüllte sich an seinem eigenen Reich. Als Alexander, König von Epirus, 325 v. Chr. von den Tarentinern nach Italien gerufen wurde, erhielt er vom Orakel zu Dodona die Warnung, sich vor dem Acherusischen Gewässer und der Stadt Pandosia zu hüten, wo ihm sein Ende beschieden sei. Desto eiliger setzte er nach Italien über, indem er Pandosia in Epirus fliehen wollte, fand aber seinen Tod bei Pandosia in Lucanien am Strome Acheros. Dieselbe Zweideutigkeit finden wir aber auch bei späteren Prophezeiungen. Dem König Heinrich IV. war vorhergesagt, er würde in Jerusalem sterben; er starb in der Abtei von Westminster in einem Zimmer, das Jerusalem genannt wurde. Ferdinand dem Katholischen war verkündet. Madrigal sterben, daher er diese Stadt vermied; er starb aber in einem unbekannten kleinen Dorfe desselben Namens. Dem Alvarez da Luna hatte ein Astrolog gesagt, sieh vor Cadahales zu hüten, welches der Name eines Dorfes bei Toledo war, aber auch Schaffet bedeutete; er starb auf dem Schaffot. Nostradamus prophezeite der Katharina von Medici, sie würde in St. Gennain sterben; sie starb in den Armen von St. Gennain. Wie unsere Somnambulen aus ihren1 Krisen erinnerungslos erwachen, was auch von Hypnotisierten gilt, so auch die Priester innen der Orakel. Jamblichus sagt, dass der Wahrsager in der Höhle des Trophonius von einer unterirdischen Quelle trank, nach der Weissagung aber sich nicht immer des Gesagten erinnerte. Von den Priesterinnen zu Dodona sagt Aristides, dass sie weder vor dem Ergriffensein durch den Geist wissen, was sie sagen werden, noch nachher, wenn ihr natürliches Bewusstsein zurückgekehrt, sich des Gesagten erinnern, so dass eher alle anderen, als sie, wissen, was sie gesprochen. So spricht denn alles, was wir vom Zustand der Weissagenden und von dem Inhalt der Weissagungen wissen, dafür, dass es sich bei den Orakeln um Somnambulismus handelte. Die merkwürdige Übereinstimmung aller dieser Merkmale lässt sich anders nicht erklären, und es ist um so weniger daran zu zweifeln, als auch die Mysterien und der Tempelschlaf uns beweisen, dass den Alten der Somnambulismus auch nach seinen andern Seiten wohl bekannt war. Endlich gab es aber auch solche Orakel, von welchen ausdrücklich berichtet wird, dass die Befragenden selber, nicht die Priester oder Priesterinnen, in einem Schlafzustand die erbetene Antwort erhielten. Beim Orakel des Amphiaraus musste, wer die Zukunft wissen wollte, einen Widder opfern, auf dessen Fell er sodann schlief und einen die Zukunft anzeigenden Traum erwartete. Beim Schlaforakel zu Theben erhielten nur die Fremden Antwort, nicht aber die Einheimischen; es scheint daraus hervorzugehen, dass die tellurischen Einflüsse, wodurch der Somnambulismus erzeugt wurde, auf die daran gewohnten Einheimischen nicht wirkten, sondern nur auf Fremde. In der Höhle des Trophonius bei Lebadäa in Böotien stiegen die Besuchenden in eine Höhle hinab und erhielten in einem Zustand zwischen Schlaf und Wachen die erbetene Aufklärung. Auch bei Vergil ist von einem solchen Traumorakel die Rede. Die ursprüngliche Meinung, dass die Weissagenden göttlich inspiriert seien, scheint sehr lange vorgehalten zu haben. Mit der Zeit aber nahmen die Erklärer ihre Zuflucht zu Dämonen. Plutarch sagt:

„Die Meinung, dass nicht die Götter, die allerdings der irdischen Geschäfte überhoben sein müssen, sondern die Dämonen, als Diener der Götter, den Orakeln vorstehen, ist eben nicht zu verwerfen.“

Aber Plutarch selbst schon schreibt dabei der Seele keine bloss passive Rolle zu: „Auf gleiche Weise scheint auch das, was man Enthusiasmus nennt, eine Vermischung zweier Bewegungen zu sein; der einen, die von aussen in der Seele bewirkt wird, und der anderen, die schon in der Natur der Seele liegt. Denn wenn es unmöglich ist, leblose Körper, die immer auf dieselbe Weise bestehen, ihrer Natur zuwider und mit Gewalt zu gebrauchen, und z. B. einen Cylinder wie eine Kugel oder einen Würfel zu bewegen, oder eine Leyer nach Art einer Flöte, eine Trompete wie eine Zither zu spielen; ja wenn auch, wie es scheint, gar keine andere Sache durch irgend eine Kunst sich anders brauchen lässt, als ihre Natur mit sich bringt: sollte man wohl ein lebendiges, sich selbst bewegendes Wesen, das mit Vernunft und Begierden begabt ist, anders, als nach der schon in ihm liegenden Naturkraft und Fertigkeit behandeln können?“—

Damit will Plutarch sagen, dass Apollo nur den ersten Anstoss bei den Orakeln giebt, dass aber mindestens die Form der Orakel der Pythia zugeschrieben werden muss. In weiterer Behandlung dieser Ansicht treten aber Götter und Dämonen noch weiter zurück, und die Weissagungsgabe wird der Seele des Menschen selbst zugeschrieben. So bei Jamblichus, welcher sagt, dass die Seele nicht durch göttliche Kräfte, sondern aus eigener Natur weissagen könne. Diese Ansicht musste in dem Masse Platz greifen, als neben dem irdischen Bewusstsein der Seele auch noch eine transcendentale Wesensseite derselben anerkannt wurde, mit anderen Worten, als der Seele selbst eine dämonische Natur zuerkannt wurde. Als Plotin gestorben war, befrug Amelius das Orakel zu Delphi, wohin dessen Seele gegangen sei; er erhielt als Antwort ein Lobgedicht auf den Philosophen, worin gesagt war, er sei nun ein Dämon.Timarchus erhielt in der Höhle des Tro-phonius über den Dämon des Sokrates einen Aufschluss, der die einzige richtige Lösung dieses Problems enthält: der Dämon des Sokrates sei dessen eigene Seele, also — modern gesprochen — sein eigenes transcendentales Subjekt. Damit sind ganz richtig die mystischen Fähigkeiten der Seele dem transcendental en Subjekt zugeschrieben. Plutarch erzählt, dass am Eingang des Tempels zu Delphi die Inschrift: „Erkenne dich selbst!“ zu lesen war, worüber viele philosophische Untersuchungen angestellt und aus jeder derselben, wie aus einem Samenkorn, eine Menge von Schriften hervorgewachsen seien. Daraus geht hervor, dass die Alten weit davon entfernt waren, dieser Inschrift einen rationalistischen Sinn zu geben, und nach einem mystischen suchten. Im gewöhnlichen Sinn ausgelegt, bedurfte die Inschrift in der That keiner philosophischen Untersuchung. An einem Tempel angebracht, in dessen Räumen von den trans-cendentalen Fähigkeiten des Menschen Gebrauch gemacht wurde, konnte auch der Sinn der Inschrift nur ein transcendentaler sein: Die mystische Selbsterkenntnis lässt die dämonische Natur der Menschenseele erkennen. Es liegt darin ein weiterer Beweis, dass die Tempelpriester nicht der Inspirationstheorie huldigten, sondern der Seele transcendentale Fähigkeiten zuschrieben. Dies war übrigens auch Lehre der Philosophen. Xenophon sagt nach Sokrates, dass die Seele des Menschen am Göttlichen Teil habe. Dies legt Platon so aus, dass Gott durch Emanation die Vielheit der einzelnen Seelen werden lasse, und so konnte er daraus, ganz entsprechend der Delphischen Inschrift, folgern, dass die wahre Selbsterkenntnis im Einblick der Vernunft in ihr göttliches Wesen bestehe.Alcibiades  lieh seien und nach der Trennung vom Körper ihnen die Rückkehr in den Himmel offen stehe. Platon drückt die Doppelnatur der Menschenseele, die einen Funken göttlichen Wesens habe, mythisch mit den Worten aus: nur eines der beiden Rosse sei edel und von guter Abkunft, das andere aber von entgegengesetzter Abstammung und Beschaffenheit. Endlich sagt Plotin noch deutlicher, es gebe eine doppelte Selbsterkenntnis; die eine beziehe sich auf die seelische Erkenntnis, die andere auf den Geist, und in dieser letzteren erkenne man sich nicht als einen Menschen, sondern als einen ganz anderen. Mit andern Worten: das sinnliche Selbstbewusstsein erschöpft nicht unser Wesen; der Mensch ist die Darstellungsform eines transcendentalen Subjektes, welches jedoch nicht ganz in diese irdische Erscheinung versenkt ist. Ohne Berücksichtigung der transcendentalen Psychologie ist also eine wahre Selbsterkenntnis nicht möglich. Dies ist es, was die Inschrift am Tempel zu Delphi sagen wollte.

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

Die Mystik der alten Griechen

Wenn aus entlegener Vergangenheit, und zwar übereinstimmend von den zuverlässigsten Autoren, Dinge berichtet werden, welchen wir gar kein Verständnis abgewinnen können, so darf man sicher sein, an einem Punkte zu stehen, dessen Aufklärung von weittragender Bedeutung wäre. Um aber solche Probleme auch richtig zu lösen, ist es vor allem nötig, die Erscheinungen genau so hinzunehmen, wie sie berichtet werden; die Brille des Jahrhunderts muss ganz abgelegt werden. Davon .geschieht aber meistens das Gegenteil. Der Rationalismus verfälscht in der Regel solche Erscheinungen, um sich die Erklärung derselben leichter zu machen; statt sich denselben anzupassen, nimmt er an ihnen solche Korrekturen vor, wodurch sie ihm angepasst werden; davon hat aber die Wissenschaft nur einen scheinbaren Gewinn, der Rationalismus dehnt nur scheinbar sein Erkenntnisgebiet aus, er schliesst mit dem Probleme einen faulen Frieden.

Ein solches vom Altertum aufgegebenes Rätsel ist der Tempelschlaf, über welchen die hervorragendsten Schriftsteller der Alten wie über eine vollkommen sichere Sache sprechen, Ja, diese Einrichtung, die wir in Ägypten, Griechenland und Italien finden, bestand mindestens ein Jahrtausend hindurch, ohne von den Gebildeten in Zweifel gezogen zu: werden. Und doch schüttelt der moderne Mensch ganz unwillkürlich das Haupt, wenn er liest, um was es sich dabei handelte. In der That, was sollen wir sagen, wenn wir erfahren, dass vor der Begründung der modernen Medizin durch Hippokrates die Kranken von Göttern unter Vermittlung der Priester geheilt wurden? Man versammelte sich in dem Tempeln gewisser Gottheiten; dort erschienen den Kranken diese Gottheiten im Schlafe, belehrten sie über ihren Krankheitszustand, gaben ihnen die Mittel der Heilung an, und das ganze Altertum preist die Wunderkuren des Tempelschlafes. Natürlich wird der Rationalist sich den Vorteil nicht entgehen lassen, den die Existenz des Wortes „Pfaffentrug“ bietet; bei näherem Zusehen dürfte es ihm aber schwer werden, bei dieser Erklärung zu verharren. Es ist wohl denkbar, dass trügerische Priester, welche geschickte Ärzte waren, Masken annahmen, um ihren Patienten als Gottheiten zu erscheinen, dass sie dann die Diagnose Vornahmen und Heilmittel angaben, wodurch — wie allgemein anerkannt ist — wunderbare Erfolge erzielt wurden; aber der Zweck solcher Umschweife ist nicht einzusehen. Die Priester hätten ihr Ansehen jedenfalls mehr gesteigert, wenn sie ihre Aussprüche nicht dramatisiert hätten. Auch geht die übereinstimmende Aussage aller Tempelschläfer dahin, dass ihnen die Heilgötter im Traum erschienen seien, nicht im. Wachen, und an diesem Punkt allein schon muss die Betrugstheorie scheitern.

Eine Theorie, durch welche der so rätselhafte Tempelschlaf seine Erklärung fände, dürfte neben dem philosophischen Verdienst mindestens noch ein psychologisches, wenn nicht einmedizinisches, für sich in Anspruch nehmen. Überschauen wir uns also die historischen Berichte, welche vorliegen, nehmen wir an, dass dieselben genau der Wahrheit entsprechen, und sehen wir dann zu, ob nicht an Stelle der Betrugstheorie eine bessere und minder gewaltsame sich finden lässt.

Diodor von Sizilien, der Ägypten besuchte, schreibt über den Tempelschlaf:

„Von der Isis erzählen die Ägypter, dass sie viele Arzneimittel entdeckt und grosse Erfahrungen in der Heilkunde besessen habe. Deshalb habe sie auch, nachdem sie eine der Unsterblichen geworden, die grösste Freude daran, die Menschen zu heilen, und im Traume zeige sie denjenigen Heilmittel an, welche sie darum bitten … Im Traume trete sie an das Lager der Leidenden und reiche ihnen Heilmittel gegen die Krankheit und wer an sie glaube, der werde in wunderbarer Weise gesund. Viele, denen wegen Unheilbarkeit von den Ärzten alle Hoffnung schon abgesprochen war, seien von ihr geheilt worden.“

Ähnlich preist Strabo den Serapis. Dies also ist der Kern der Sache, zu welchem andere Schriftsteller Einzelheiten hinzufugen, die wir noch kennen lernen werden. Aber nicht nur von der Isis, welche die Römer salutaris nannten, und von Serapis wird solches gerühmt, sondern auch vom Äskulap, in dessen Tempeln ebenfalls der Tempelschlaf ausgeübt wurde. Der berühmteste Isisterapel war nach Herodot der zu Busiris in Ägypten:

„In dieser Stadt ist das grösste Heiligtum der Isis.“

Dem Serapis geweihte Tempel gab es in Memphis, Alexandrien und Canopus. Der Ursprung des Tempelschlafes reicht sehr weit zurück; schon Isaias wirft den Heiden vor, dass sie in Tempeln schlafen. Aus Ägypten verpflanzte sich dieses System nach Griechenland und von dort nach Italien. Griechische und römische Schriftsteller sind es also, bei welchen wir nähere Mitteilungen finden, und welche mit mehr oder minder grosser Verehrung davon, sprechen:

Pythagoras, Homer, Herodot, Antisthenes, Philo, Seneca, Diodor, Macrobius, Plutarch, Sokrates, Hippokrates, Platon, Aristoteles, Xenophon, Plinius, Arrian, Varro, Artemidorus, Strabo, Cicero, Valerius Maximus, Pausanias, Herodian, Tacitus, Virgil, Marcus Aurelius, Aelian, Sueton, Tibullus etc.

Gehen wir zunächst nach Griechenland über. Nach Herodot sind fast alle Namen der griechischen Götter aus Ägypten nach Hellas gekommen. Dazu gehört auch Äskulap, den die Griechen den Traumsender nannten. Er hatte sehr zahlreiche Tempel  in Pergamus, Epidaurus, Thisorea in Phokis, Megalopolis, Ägä in Cilicien, Asopus in Lakonien, Athen, Astypalea auf der Insel Kos, Smyrna, Lebana auf der Insel Kreta, Pömanena in Mysien, Trikka in Thessalien etc. Philosophen, Dichter und Historiker zollten dem Äskulap Verehrung und es ist nur von einigen Epikuräern und dem Lustspieldichter Aristophanes bekannt, dass sie dem Tempelschlaf den Glauben versagten.

Von Griechenland aus verbreitete sich der Tempelschlaf — incubatio, incubare Aesculapio — nach Italien. Nach Plinius wurde der Äsculapkultus 463 zur Abwendung einer langwierigen Pestkrankheit von Epidaurus nach Rom verpflanzt; das hohe Ansehen aber, das dieser Kultus genoss, wird am besten bezeichnet durch das Verhalten der mächtigen römischen Kaiser zu demselben. Kaiser Julian sagt, Äskulap habe ihn häufig in Krankheiten geheilt, indem er ihm Träume sandte. Marcus Aurelius, der Philosoph auf dem Throne, der die Tempei der Isis, des Serapis und Äskulaps reichlich ausstattete, sagt:

„Ich danke Euch, dass mir durch Träume Heilmittel angegeben wurden gegen Bluthusten und Schwindel.“

Er nahm, wie er selbst sagt, den Tempelschlaf zu Cajeta vor. Caracalla besuchte den Tempel zu Pergamus, um einen Gesundheitsrat zu erhalten, und Julian flehte dort den Äskulap an. Die Kaiser Otho, Domitian, Commodus und Alexander verehrten den Isisdienst. Antonius liess dem Serapis einen Tempel bauen. Vespasian besuchte einen Serapistempel, Trajan den zu Heliopolis. Auf der Tiberinsel bei Rom stand ein Tempel, wo der Schlaf sehr gebräuchlich war. Die Römer schickten ihre kranken Sklaven dahin und die Besuche scheinen den Priestern lästig geworden zu sein, denn Claudius erliess ein Dekret, dass alle durch Tempelschlaf geheilten Sklaven als frei angesehen werden sollten. Auf dieser Insel wurden Marmortafeln aufgefunden, welche von den Heilungen berichten. Römische Schriftsteller reden vom Tempelschlaf. Plinius sagt: Hodie ab oraculis medicina petitur und Virgil beschreibt eine Inkubation.

Wie erwähnt, redet schon Isaias — ca. 600 v. Chr. — vom Tempelschlaf; andererseits sagt Origen es — 250 nach Chr. — dass er zu seiner Zeit noch sehr im Gebrauch war, und Eusebius erzählt, dass Constantin in Cilicien einen Tempel niederreissen liess, wohin eine Menge von Menschen, und sogar die Gebildetsten des Landes, kamen, um dort einen Dämon anzubeten, der ihnen erschien, wenn sie schliefen und ihre Krankheit heilte.

Es ist unnötig, die historischen Nachrichten noch weiter auszudehnen. Das Vorstehende genügt vollständig, uns eine Meinung zu bilden. Wir sehen, dass der Tempelschlaf in Ägypten, Griechenland und Italien, sogar im Innern von Afrika ungefähr 1000 Jahre hindurch in Blüte stand; die Anzahl der Heiltempel lässt sich ungefähr auf hundert schätzen, und da die gebildetsten Männer dieser Jahrhunderte den Götterdienst verehrten, so dürfte die Betrugstheorie sowohl dem Historiker, wie dem Psychologen gewiss unhaltbar erscheinen. Es handelt sich also darum, eine Theorie aufzustellen, welche nicht nur die Thatsache des Tempelschlafes, sondern auch die darüber berichteten verschiedenen Besonderheiten einschliesst und überdies auch den Erfolg der Kuren erklärlich macht. Im Nachfolgenden soll nun gezeigt werden, dass diese noch wenig erkannte Erscheinung des Altertums identisch ist mit einer noch wenig erkannten der Neuzeit: Der Tempelschlaf war ein durch magnetische Behandlung erzeugter Somnambulismus. Wer die alten Berichte über die Inkubation mit den Erscheinungen des Somnambulismus vergleicht, wird finden, dass sie sich gleichen, wie ein Ei dem andern.

Was geht beim Magnetisieren vor, falls dasselbe bis zur Erzeugung des Somnambulismus vorgenommen wird? Folgendes sind die Hauptpunkte:

1. Einem Menschen in sitzender oder liegender Stellung werden die Hände aufgelegt.

2. Mit den Händen werden magnetische Striche über den Leib gemacht.

3. Der Patient schläft ein.

4. Er erwacht innerlich, spricht von seiner Krankheit, nimmt die Diagnose seines Innern, die innere Selbstschau, vor.

5. Der Heilinstinkt erwacht in ihm und steigert sich bis zur anschaulichen Vorstellung der nötigen Heilmittel.

6. Dieser Heilinstinkt nimmt oft die dem ganzen Traumleben eigentümliche Form der Dramatisierung an und der ärztliche Rat wird objektiven Traumfiguren in den Mund gelegt.

7. Diese Heilmittel haben oft bedeutenden Erfolg.

8. Der Kranke spricht oft richtig vom künftigen Verlauf seiner Krankheit, und sein Fernsehen schweift häufig nach fremden Dingen ab.

9. Diese Fähigkeiten des Patienten erstrecken sich oft auf den Zustand anderer Kranken, mit welchen er in Verbindung gesetzt wird.

10. Die angeordneten Mittel weichen oft ganz von den gebräuchlichen ab und sind zum Teil von sehr heroischer Natur.

11. Die Somnambulen sprechen manchmal in gebundener Redeweise.

Die angeführten Punkte sind nun sämtlich von so eigentümlicher Natur, dass wenn von ihnen allen die Parallelerscheinungen im Tempelschlaf nachgewiesen, werden könnten, kein Zweifel mehr bestände, dass in den alten Tempeln der künstliche Somnambulismus angewendet wurde. Es ist daher nicht zu verwundern, dass bei der Wiederentdeckung des Magnetismus durch Mesmer und des Somnambulismus durch seinen Schüler Puysegur, sowohl diesen, wie ihren Nachfolgern die Ähnlichkeit sofort auffiel, und dass sie auf die Identität beider Erscheinungen schlossen.

1. Was das Auflegen der Hände betrifft, so giebt es ägyptische Skulpturen und Wandgemälde, die den Prozess des Magnetisierens darstellen: Ein Mensch liegt mit geschlossenen Augen auf einem Ruhebette — es ist kein Toter; denn oft ist er halb aufgerichtet oder sitzt, — ein anderer, vor ihm stehend, legt ihm die Hände auf verschiedene Körperteile. Bei Montfaucon finden sich die Abbildungen von ehernen Händen, wie sie dem Serapis zum Danke für die durch den Tempelschlaf gewonnene Heilung geweiht wurden. Diese Hände halten die drei ersten Finger ausgestreckt, die zwei letzten zurückgebogen. Sie bezeichnen also einen magnetischen Akt unsere Magnetiseure wenden zwar die ganze Hand an, aber sie behaupten, dass die drei ersten Finger die kräftigste Wirkung ausüben. Auch einzelne Zeigefinger finden sich als Weihgeschenke; sie endigen in einem langen Nagel, waren also wohl an der Mauer befestigt. Das Magnetisieren mit bloss einem Finger wird nun auch heute oft angewendet, und zwar besonders von den Somnambulen selbst, wenn sie veranlasst werden, jemanden zu magnetisieren. Bei den Römern hiess der Zeigefinger Medicus. Diese Hände und Finger sind nun aber gerade jenen Gottheiten geweiht, in deren Tempeln die Inkubation angewendet wurde.

Weitere Abbildungen, die mit dem ägyptischen Tempelschlaf in Verbindung stehen, finden sich bei Athan. Kircher (Sphinx mystag.), Denon (Voyage d’Egyple Bd. HL) und in der „Mythologischen Galerie“ von A. J. Millin.

Eine von der Umhüllung einer Mumie hergenommene Abbildung stellt einen auf dem Bett ausgestreckten Menschen mit offenen Augen dar, daneben eine stehende Figur, mit der Maske eines Hundes vor dem Gesicht, gegen den Kranken gewendet, die rechte Hand auf dessen Brust, die linke auf den Kopf desselben gelegt, die Augen auf ihn geheftet. Oberhalb sieht man die Gottheiten Isis, Osiris, Anubis, Horus. Der Magnetisierende ist hier offenbar ein Priester unter der Maske des Anubis. Aber auch Talismane — sogenannte Abraxas — finden sich bei Montfaucon abgebildet, welche gegen Krankheiten getragen wurden; man sieht darauf magnetische Akte eingeschnitten.

Da nun die Juden so lange in Ägypten waren, und insbesondere von Moses in der Bibel berichtet ist, dass er in der Wissenschaft der Ägypter unterrichtet war, so lassen sich bei ersteren vorweg Traditionen über Magnetismus und die Heilwirkung aufgelegter Hände vermuten. In der That zieht sich durch die ganze Bibel die Bestimmung der Hände, durch ihre Annäherung oder ihr Auflegen in Extase zu versetzen, Hellsehen zu erzeugen und zu heilen. Wenn Gott einen Propheten inspirierte, so heisst es in metaphorischer Übertragung eines magnetischen Verhältnisses regelmässig: „Die Hand des Herrn kam über ihn.“ Dann folgt die Inspiration und Eröffnung der Zukunft. Die heilende Wirkung der Hand kommt ebenso häufig im Neuen Testament vor. Aber auch im Alten Testament geht Naaman, der sich heilen lassen will, zu Elias, erhält aber den Rat, sich im Jordan zu waschen, worauf er zornig spricht:

„Ich dachte, er würde zu mir herauskommen, den Namen Gottes anrufen und mit seiner Hand den Ort der Krankheit berühren.“

Die Propheten heilten also durch Händeauflegen, wie später Christus und die Apostel. Eben darum warfen dem wunderwirkenden Christus seine Gegner vor, er hätte den Ägyptern ihre Geheimwissenschaft geraubt, die in den Tempeln gepflegt wurde: Aegyptiorum ex aditis furatiis est disciplinasp. Man nannte Christus einen Magier und behauptete, dass Männer, die in Ägypten gelerntdieselben Wunder — non minora miracula — verrichten könnten.

Der Magnetismus musste als menschliche Eigenschaft auch zu allen Zeiten bekannt gewesen sein, und zwar im allgemeinen als ein wohlthätiger Einfluss von Körper zu Körper, besonders aber als Ausfluss der menschlichen Hand. David schlief mit Abigail, ohne sie zu berühren. Plinius sagt, dass der ganze Körper bei manchen Menschen heilend sei und der starke Wille dem entströmenden Agens heilende Wirkung verleihe. Bei Christus war es hinreichend, ihn zu berühren, um gesund zu werden. Virgil spricht von der heilenden Hand.  Prosper Alpinus spricht von Frauen, welche Dyssenterie heilen, indem sie die Hände auf den Nabel des Kranken legen. Augustinus sagt, es gebe Leute, die durch Berührung, durch den Blick und den Hauch heilen. Sogar die Übertragbarkeit des Magnetismus scheint den Alten bekannt gewesen zu sein, wofür der Glaube an Talismane und Amulette spricht. Was insbesondere die Übertragbarkeit auf Wasser betrifft, so sagt Älian, dass die Phyllen den Biss giftiger Schlangen durch Auflegen ihres Speichels heilten und dass bei gefährlichen Wunden der Kranke Wasser trinken musste, dass sie im Munde geschwenkt hatten; endlich legten sie sich auf den Kranken. Aus seinen ferneren Worten, dass man das Bewusstsein verlöre, wenn man sich ihnen nahte, bis sie sich wieder entfernten, lässt sich auf somnambulen Schlaf schliessen, auf den somnus medicus, von dem Galenus spricht. Durch, das Orakel zu Memphis erhielten ein Gelähmter und ein Erblindeter den Rat, sich durch den in Ägypten anwesenden Kaiser Vespasian heilen zu lassen, der das Auge des einen mit Speichel benetzte, den anderen mit dem Fuss berührte.

Da nun auch Wischnu abgebildet wird mit vier Armen und acht Händen, aus welchen Flammen hervorgehen, und Philostratus von den indischen Weisen sagt, dass sie durch Handauflegen merkwürdige Kuren verrichteten, so scheint auch in Indien der Magnetismus bekannt gewesen zu sein. Vielleicht ist sogar das Segnen mit den Händen nur ein kulturhistorisches Überbleibsel jenes von ältesten Zeiten her bekannten magnetischen Aktes. Tommasini in seiner Abhandlung über die mysteriösen bronzenen Hände der Ägypter macht die Bemerkung, dass dieselben die Fingerhaltung segnender Priester haben.

2. In Bezug auf das magnetische Streichen können wir vielleicht bis auf Homer zurückgehen, bei weichem Hermes seinen Stab gebraucht, um damit die Augen der Männer einzuschläfern. Wir finden das Streichen sodann bei den als Zauberer und Hexenmeister berühmten Teichinen auf den Inseln Kreta und Rhodus, die wohl ihre Namen von diesem Streichen oder sanften Berühren hergenommen haben. In Bezug auf Rom aber ist der magnetische Strich und das Spargieren unserer Magnetiseure, und zwar als bereits ausserhalb der Tempel in Anwendung, nicht zu verkennen, wenn z. B. Martial sagt: Die Berührerin— Tractatrix — durchläuft mit geschickter Kunst den Körper und besprengt mit fertiger Hand alle Glieder. Ferner heisst es bei Plautus:

„Wie? wenn ich ihn mit der Hand langsam berührte, dass er schliefe (Tractim tangam, ut dormiat) ?“

 

3. Dass nun der Schwerpunkt bei der Behandlung in den Tempeln in der Erzeugung eines somnambulen Schlafes lag, geht aus allen Berichten hervor. Auf magnetische Striche deutet die Haltung des Operators auf ägyptischen Bildern und dass der Kranke, der vor ihm sitzt oder liegt, das Aussehen eines Schlafenden hat. Aber auch andere Mittel scheinen angewendet worden zu sein. Nach Plinius wurde die Inkubation durch Räucherungen und Narkose vorbereitet. Beim Tempelorakel der Ceres zu Paträ mussten die Kranken beten, räuchern und sich räuchern lassen, dann aber in einen Spiegel sehen, der in einen Brunnen so hinuntergelassen wurde, dass er das Wasser berührte; die Kranken erblickten sich darin lebend oder tot. Hier scheint also die Prognose, das Fernsehen in der Richtung des Krankheitsverlaufes, durch spiegelnde Flächen erweckt worden zu sein, die durch alle Zeiten hindurch eine Rolle als Erweckungsmittel der Ekstase spielen. Von opiatischen Getränken und Kräutern spricht auch Tibullus. Selbst die Verwendung von Gesang und Musik deutet darauf hin, dass es auf Erweckung des Schlafes abgesehen war, wie denn auch Mesmer seine Operationen am Baquet mit Musik verband, und die Steigerung magnetischer Wirkung durch Tönschwingungen unseren Magnetiseuren bekannt ist. Deutlich spricht es Jamblichus aus, dass es sich um somnambulen Schlaf in den Tempeln handelte; er sagt, dass der Zustand mit einer Schwere des Kopfes beginne und die Augen sich unwillkürlich schlossen (gravedo capitis, vei inchnatio et occupatiovisus.

Es lässt sich annehmen, dass die Priester ihre eigentlichen Manipulationen, um das Geheimnis besser zu bewahren» unter mystischem Beiwerk verbargen; aber eben dieser Zweckwurde am besten erreicht, wenn die eigentliche magnetische Behandlung erst nach eingetretenem Schlafe vorgenommen wurde.

4. Derselbe Jamblichus beschreibt nun auch das eintretende Hellsehen, zunächst das Sehen des Gegenwärtigen ohne Vermittlung der Augen, und die sodann eintretende innere Selbstschau. Manchmal sei es ein ruhiges und reines Licht welches von der Seele gesehen werde, obwohl die Augen geschlossen sind; man sehe die Gegenstände viel deutlicher, als im Wachen. So sehen auch unsere Somnambulen den Händen des Magnetiseurs das magnetische Agens entströmen und sie sprechen wie Jamblichus, welcher sagt, es dringe in alle Teile des Körpers und verjage die Krankheiten der Seele wie des Körpers. Der Redner Aristides spielt auf Krampfsomnambulismus an, wenn er sagt, dass er oft Konvulsionen gehabt, infolge deren sich sein Körper wie ein Bogen krümmte  — eine Erscheinung, die beim Autosomnambulismus der Besessenen und Hysterischen vorkommt. Dieser Aristides schildert seine lange Krankheit und den Tempelschlaf sehr ausführlich.

Die innere Selbstschau zeigt sich in einfachster Gestalt schon im gewöhnlichen Schlaf, wobei körperliche Empfindungen, die zu leise sind, um während des Wachens ins Bewusstsein kommen zu können, im Schlafe wahrgenommen werden und die später daraus entstehenden Zustände ankündigen, wobei aber, wie immer im Traum, solche Empfindungen dramatisiert, d. h. durch eine äussere Ursache motiviert werden. Einen solchen Traum, den ihm Äskulap geschickt habe, erzählt Aristides: Ein Stier ging auf ihn los, der ihn am Knie verwundete ; nach dem Erwachen zeigte sich dort eine Geschwulst Um nun die Wahrnehmungsfähigkeit dieser leiseren Empfindungen zu steigern, enthielten sich die Kranken aller Unmässigkeit, sie mussten fasten und sich vom Wein enthalten. Im Altertum war der Glaube allgemein, dass Speise und Trank welche körperliche Träume hervorrufen, wertvolle Träume verhindern. Die dramatisierte Empfindung des Innern steigert sich im Somnambulismus bis zur eigentlichen inneren Selbstschau, die man nicht deutlicher bezeichnen kann, als Hippokrates mit den Worten, dass die Seele mit verschlossenen. Augen den Zustand des Körpers sieht: Quae corpus contingunt,. eadurn animus cernit occulis clausis. In der That, Hippokrates hat entweder in den Tag hineingeschwätzt, oder er schildert mit diesen Worten den somnambulen Schlaf.

5. Innerhalb des Somnambulismus wiederum lag der Schwerpunkt in jenen Visionen, worin sich die für die Genesung nötigen Heilmittel darstellten. Solche Visionen, übereinstimmend mit den Aussagen unserer Somnambulen, sind auf den Tafelinschriften bezeichnet, die auf der Tiberinsel und an anderen Orten gefunden wurden.

 

Die Heilmittel erschienen, wie weder in ihrer wirklichen Gestalt von den Priestern gedeutet wurden. Eine ausführliche Erklärung solcher Visionen habe ich in der „Philosophie der Mystik“ versucht. Sie haben in der That nichts Wunderbares. Wenn es eine Naturheilkraft, einen inneren Arzt im Menschen giebt, so muss jede monistische Seelenlehre zugeben, dass — da es eine und dieselbe Seele ist, welche organisiert und welche denkt — diese Naturheilkraft nicht beschränkt sein kann auf das organische Wirken, dass sie auch in die Vorstellungssphäre übergreifen kann, wo sie als Heilinstinkt oder als Heilmittelvision auftritt. Nicht einmal der Materialismus, der ja auch im Geiste nur die Fortsetzung der Natur anerkennt, kann sich weigern, aus der Thatsache der Naturheilkraft die Möglichkeit von Heilmittelvisionen abzuleiten. Mit dem modernen Somnambulismus stimmt es nun überein, dass bei derartigen Träumen auch der Fundort des Heilmittels aQgezeigt wurde, wie z. B. bei der Wurzel, welche den Ptolomäus heilte.

6. Wie nun schon im gewöhnlichen Traum alles, was aus dem hinter dem Traumbewusstsein liegenden Unbewussten auftaucht, die dramatische Form annimmt, wie wir z. B. vermöge einer dramatischen Spaltung des Ich Antworten auf Fragen, Ein würfe u. s. w. den fremden Traumfiguren in den Mund legen, so ist das auch bei der Heilmittelvision der Fall. Unseren Somnambulen wird der Rat von ihren „Schutzgeistern“ gegeben, den alten Tempelschläfem von Äskulap, Isis, Serapis u. s. w. In beiden Fällen liegt nur dramatisierter Heilinstinkt vor, eine Form die allen Träumen eigentümlich ist. Alle unsere Träume bestehen aus dramatisierten inneren Empfindungen und könnten für die ärztliche Diagnose verwertet werden, wenn nicht die meisten, und zwar gerade die des leichten Schlafes und die von Erinnerung begleiteten, gestört wären durch Einmischung fremder Bestandteile: Erinnerungsfragmente aus dem wachen Leben, und die aus dem Verdauungsgeschäft und Alkoholwirkungen entspringenden körperlichen Empfindungen.

Aus der Ungetrenntheit der beiden Seelenfunktionen, Organisieren und Vorstellen, ergiebt sich also, dass im Schlafe, besonders im tiefen somnambulen Schlafe, die Naturheilkraft thätig ist und in der Vorstellungssphäre die Heilmittelvision erregt. Es ist eine ganz unwesentliche Seite der Sache, dass diese Vision im Tempelschlaf dramatisiert wurde, indem die Schläfer die Gestalten ihrer Heilgötter sahen; das Wesentliche ist die Vision überhaupt. So also ist es zu verstehen, wenn es z. B. bei Artemidorus heisst, dass Apollo sich im Traum den Kranken zeige und ihnen die Heilung anzeige;  wenn Jamblichus sagt, man höre im Schlafe Stimmen, welche sagen, was zu thun sei, dass ferner die Schläfer manchmal von Erscheinungen besucht werden, die rings um sie gleiten, und die nicht mit den Augen des Leibes gesehen werden, sondern durch einen inneren Sinn; wenn Diodor von der Hemithea in Kastabos sagt, sie erscheine den Kranken in sichtbarer Gestalt und zeige die Heilmittel an, wodurch schon mancher Kranker, dem alle Hoffnung auf Rettung abgesprochen war, Hilfe fand und gesund wurde.

Es begreift sich, dass trotz der hohen Anerkennung, welche die Heilorakel im Altertum genossen, manchem Zweifel über die Sache aufstiessen, weil man eben das Wesentliche der Sache, den Heilinstinkt, nicht durchschaute und den Accent auf das Unwesentliche, die dramatische Form, legte. So meint z. B- Aristoteles, es wäre schicklicher für die Götter, wenn sie sich den Menschen im Wachen offenbaren würden.Und Cicero sagt:

„Wenn Äskulap und Serapis zeigen könnten, wie man gesund wird, so müsste ebenso Neptun einen Lotsen unterrichten können, wie man Schiffe führt; und wenn Minerva einen Kranken heilen könnte, warum sollten nicht die Musen uns im Traum Lesen und Schreiben lehren können und uns in den schönen Künsten unterrichten!“

Von diesen beiden Einwürfen wird nun zwar jene Auslegung getroffen, welche im eigentlichen Sinne annahm, dass uns die Götter im Tempelschlaf ärztlichen Rat erteilen, nicht aber die richtige Auslegung, dass solche Träume dramatisierte Heilvorstellungen sind. Im Wachen ist das eben nicht möglich, wie Aristoteles wünschte. Im Wachen kann weder die Naturheilkraft, noch überhaupt die Reproduktionskraft so intensiv auftreten, wie im Schlaf; die feineren organischen Empfindungen und dadurch erregte Heil Vorstellungen können nicht im Wachen die Bewusstseinsschwelle überschreiten, sondern nur im Schlafe, wenn die Ablenkung des. Bewusstseins auf die Aussenwelt aufhört. Kurz die Zweifel des Aristoteles und Cicero treffen zwar die göttliche Inspirationstheorie, nicht aber die dramatisiert Inspiration durch unser eigenes transcendentales Subjekt. Diese dramatische Form muss aber jeder Traum überhaupt annehmen. Gerade wenn die Träume nicht auf fremder Inspiration beruhen, muss die Quelle derselben in unserem eigenen Organismus liegen. Allen den wunderbaren Szenerieen unserer Träume, allem Durcheinander der handelnden Figuren müssen organische Zustände unseres Innern korrespondieren, die sich in objektive äussere Vorstellungen umsetzen. Alle Reden, die wir an die Traumfiguren richten, alle Antworten, die wir von ihnen erhalten, entstehen aus uns selber; der Traumdialog ist ein dramatisierter Monolog, der durch eine dramatische Spaltung des träumenden Ich zu stände kommt.

7. Dass nun der Heilinstinkt im Traume das Richtige trifft, wie überhaupt jeder wirkliche Instinkt, das haben die Tempelschläfer so bestimmt behauptet, wie unsere Somnambulen. Die Berichte sprechen sich über erfolgreiche Kuren in den Tempeln sehr deutlich und anerkennend aus. Sogar ist es ein Arzt, der aus der Schule schwätzt und gesteht, dass

„die Heilungen in den Tempeln viel zahlreicher sind, als die unsrigen“.

Ebenso sagt Aristides:

„Für mich war es nicht zweifelhaft, dass ich dem Äskulap mehr gehorchen müsse, als den Ärzten.“

Und als er geheilt war und die Ärzte ihn sahen, bewunderten sie den Gott und lobten .den Gehorsam des Kranken gegen diesen.

Die geheilten Kranken Hessen kostbare Weihgeschenke in den Tempeln zurück: goldene und silberne Gefässe, Kunstsachen und Votivtafeln, die aufgehängt wurden. Auch Kronen, Leuchter, Opferschalen werden als Weihgeschenke . Zu Reggio fand man eine Inschrift, dass Valerius Symphorus und seine Frau dem Äskulap eine goldene Kette, sieben Pfund schwer, und anderes geweiht. Ärmere begnügten sich mit Votivtafeln aus Erz, Marmor und Holz, oder auch mit Inschriften, die in die Tempelsäulen eingegraben wurden. Auch aus Holz oder Elfenbein geformte Glieder, welche geheilt worden waren, wurden aufgehängt, eine Sitte; der wir bekanntlich noch heute auf dem Lande begegnen. Die Krankheitsgeschichten wurden, oft symbolisch, auf Gemälden dargestellt. Lateinische Inschriften, die den Dank an die Götter enthielten, sind bereits erwähnt worden; aber auch griechische haben sich erhalten.

An wirklichen Kuren scheint es also nicht gefehlt zu haben, und alle aufgeklärten Theorieen, welche aufgestellt werden, um dieses merkwürdige Problem des Tempelschlafes los zu werden, leiden an dem Übelstande, dass sie auf diesen nachweisbaren Erfolg der angeratenen Mittel keine Rücksicht nehmen. Die Ärzte, welche von gesteigerter Phantasie, von Halluzinationen u. s. w. der Tempelschläfer reden, wären in die grösste Verlegenheit versetzt, wenn von ihnen verlangt würde, durch Halluzinationen u. s. w. ihre Kranken zu heilen; ja wenn auch nur verlangt würde, sie sollten durch ein beliebiges Verfahren ausserhalb des Somnambulismus ihre Kranken von Heilmitteln träumen lassen, welche helfen, ja auch nur von solchen, welche nicht helfen. Solche rationalistische Ärzte, die im Tempelschlaf nur subjektive Täuschungen und Halluzinationen sehen, wären doch unfähig, auf diese von ihnen vermuteten Prinzipien eine Schule zu gründen, welche Jahrhunderte hindurch den Beifall der Gebildeten hätte.

8. Das Fernsehen der Somnambulen im magnetischen Schlafe betrifft in der Regel nur die künftigen Zustände des Organismus, indem sie Anfälle u. s. w. Vorhersagen — eine organisierende Seele muss eben auch die Entwicklungsgesetze des Körpers kennen — und schweift nur manchmal zu nebensächlichen Dingen ab, die nicht in der Linie des Krankheitsverlaufes liegen. So auch im Tempelschlaf. Aristides erzählt, der Gott habe ihm im Schlafe angezeigt, dass er am Flusse, wo er baden sollte, den Wächter des Tempels sehen werde und ein Pferd, das sich im Wasser bade. Die Erfüllung dieser Vision flösste ihm das grösste Vertrauen zu den Ratschlägen des Gottes ein. Diese Vermischung von Ferngesichten mit Heilverordnungen zeigt nun aber deutlich, dass eben beide eine gemeinschaftliche Quelle haben: die sowohl vorstellende, als organisierende Seele, ein neuer Beweis, dass dem Tempelschlaf der Somnambulismus zu Grunde lag, so dass man da das Fernsehen in der Richtung des Krankheitsverlaufes häufiger ist, als das in anderer Richtung — fast auf die Vermutung kommen könnte, erst aus dem Tempelschlaf hätten sich später die Orakel mit ihrem Fernsehen nach den anderen Richtungen abgezweigt. In der That wurde die Pythia in Delphi, deren Ferngesichte sich der grössten Berühmtheit erfreuten, manchmal auch medizinisch konsultiert. Auf eine solche Vermischung deutet auch der Bericht des Cicero über die Ephoren zu Sparta:

„Die oberste Behörde der Lakedämonier, nicht zufrieden mit der Sorge während des Wachens, legte sich im Tempel der Pasiphaö zum Träumen nieder, weil sie die Orakel während des Schlafes für wahr hielt.“

Man suchte also politische Ferngesichte im Tempelschlaf zu erreichen; andererseits erteilte das Orakel des Dionysos in Phokis therapeutische Ratschläge, und darum wurde der Gott ein Arz genannt. So haben wir also bei den Orakeln die medizinische Konsultation als Ausnahme, beim Tempelschlaf das Fernsehen als Ausnahme, eine Vermischung, die deutlich den Somnambulismus und eine Seelenthätigkeit nach ihren beiden Funktionsrichtungen, Organisieren und Vorstellen, anzeigt. Auch bei den Druiden waren die Ärzte zugleich Seher, und Pomponius Mela — oder wie sonst der Verfasser der betreffenden Schrift heisst — sagt, dass die Priesterinnen des Orakels auf der Insel Sena an der englischen Küste Krankheiten heilen und in die Zukunft sehen konnten.

9. Es ist die Regel, dass Diagnose, Prognose und Heilverordnung im Somnambulismus nur den Schläfer selbst betreffen; aber zunächst stehen die Somnambulen in Rapport mit dem Magnetiseur, von welchem Empfindungen und Gedanken auf sie übergehen, so das gleichsam eine Verschmelzung der beiden Nervensysteme stattfindet, und dieser Rapport kann ausnahmsweise auch zwischen dem Schläfer und anderen Personen hergestellt werden. Empfindungen fremder Organismen werden so mit empfunden und befähigen den Somnambulen zu einer sensitiven Diagnose. Das geschah nun auch im Tempelschlaf Prosper Alpinus sagt, dass wenn es den Kranken selbst nicht gelang, Heilmittel zu träumen, die Priester für sie schliefen, und dass diesen der Gott den Heiltraum nicht versagte. Im Tempel des Amphiaraus waren Priester, welche für andere träumten. Zu diesem direkten Rapport dar Schläfer mit dem magnetisierenden Priester kam auch noch der indirekte zwischen Schläfer und fremden Personen. Die Tempelschläfer träumten oft für andere, welche von ihnen Ratschläge für ihre Gesundheit zu haben wünschten. Perikies liess in Athen der Minerva eine Statue errichten, zum Danke dafür, dass sie ihm im Traum die Pflanze Parthenium geraten, womit er den Mnesikles, einen der Baumeister an den Propyläen, heilte. So wurde also der Tempelschlaf zu Gunsten der Kranken von Verwandten oder Freunden derselben ausgeübt. Für den sterbenden Alexander konsultierten seine Generale den Gott. Aristides sagt, dass er und sein Freund Zosimus gegenseitig für einander träumten; auch seine weitere Erzählung deutet atif solchen Rapport, dass er und ein Priester gleichzeitig einen Doppeltraum hatten, worin das von Aristides zu nehmende Medikament übereinstimmend in so starker Dosis verordnet wurde, dass noch niemand eine so grosse genommen hatte, was aber sehr guten Erfolg hatte.

Das eben erwähnte Merkmal der heroischen Mittel und von der offiziellen Medizin abweichender Medikamente ist nun gleichfalls dem Somnambulismus und Tempelschlaf gemeinschaftlich. Plinius spricht vom Dekokt aus wilden Rosen, wodurch ein Soldat und andere Patienten derselben Art geheilt wurden. Im Tempel des Serapis wurden einst nach Älian drei Kranke geheilt. Der eine hatte Blutspeien, der andere Schwindsucht, der dritte hatte Schlangeneier gegessen und glaubte sich in Gefahr; der erste musste Stierblut trinken, der zweite Eselsfleisch essen, dem dritten befahl der Gott, sich von einer Muräne an der Hand beissen zu lassen.

10. Eine sehr merkwürdige, dem Somnambulismus und Tempelschlaf gemeinschaftliche Thatsache ist ferner die gebundene Redeweise der Schläfer.

„Ich habe ganze Lebensregeln in dichterischer Mundart hersagen hören,“

sagte der mehrfach erwähnte Aristides. Die Tempelschläfer machten im Traum Verse, richtige Hexameter, oder sie schrieben solche psychographisch, wie ebenfalls unsere Somnambulen, sowie die Nachtwandler, ohne etwas davon zu wissen. Da nun dieselbe Erscheinung auch in der Blütezeit der Orakel vorkam, sogar der Hexameter als eine Erfindung der Pythia angesehen war, so ist es sehr tiefsinnig, dass den alten Griechen Apollo nicht nur als Gott der Seher galt, sondern auch der Dichter und der Arzneikunde. Die griechischen Somnambulen betrachtete man als durch Apollo inspiriert, und bei ihnen wie bei unseren Somnambulen kommt Fernsehen, Dichtung und Heilverordnung vor.

So haben wir also in allen wesentlichen Punkten die Identität der Erscheinungen bei Somnambulen und Tempelschläfern. Nur in einem Punkte herrscht Verschiedenheit‘. A. Gauthier, alle sonstige Übereinstimmung übersehend, legt den Accent auf diesen einen Punkt, dass nämlich die Tempelschläfer beim Erwachen sich an die erteilten Ratschläge erinnerten, während unsere Somnambulen erinnerungslos erwachen.  Dieser Unterschied bietet aber durchaus keine Schwierigkeit und widerlegt keineswegs die Identität. Bekanntlich liegt es vollständig in der Hand des Magnetiseurs und Hypnotiseurs, den Somnambulen die Erinnerung an alles aus ihrem Traumleben aufzuerlegen, wenn es ihnen oder was davon ihnen befohlen wird. Nur die sich selbst überlassenen Somnambulen erwachen erinnerungslos, und dann allerdings haben sie die eben erst von ihnen ausgesprochenen Verordnungen so gründlich vergessen, dass sie die Anwendung dieser Mittel auf den Arzt zurückführen. Dies ist wenigstens die Regel; dass aber das erinnerungslose Erwachen keineswegs mit allen somnambulen Zuständen notwendig verbunden ist, zeigen schon die Propheten im alten Testament, bei welchen beides vorkommt: Erinnerung und Vergessen. Unbestreitbar aber und durch die neuesten experimentalpsychologischen Untersuchungen der Franzosen Bern heim, Liebault, Li6geois, Cullerre, Beaunis neuerdings festgestellt, ist die fast unbeschränkte Macht des Magnetiseurs, nach Belieben Erinnerung oder Vergessen nach dem Erwachen ein-treten zu lassen, und zwar einfach vermöge des während der Krise erteilten Befehls. Dass nun die alten Priester, denen die: Erscheinungen des Somnambulismus besser bekannt waren als uns — dafür sprechen auch die Orakel und Mysterien — gerade davon nichts gewusst haben sollten, lässt sich nicht wohl annehmen. In der Höhle des Trophonius, dessen Orakel Pau-sanias beschreibt,1) überliess man es dem Belieben der Konsultierenden, ob sie Erinnerung oder Vergessenheit haben wollten; im ersten Falle mussten sie von der Quelle Mnemosyne trinken, im andern Fall von der Lethe.

Die rationalistische Erklärung des Tempelschlafes reicht nicht annähernd an das Problem hinan. Dass die Tempel an gesunden Orten gelegen waren, die Patienten zu vernünftiger Diät angehalten wurden, zu Leibesübungen, Jagen, Reiten und Waffenspielen, wobei sogar die Art der Bewegung und Waffen voigeschrieben war, und endlich Friktionen angewendet wurden, — die aber selber magnetisch wirken und verkannt sind, wenn man sie lediglich als mechanische Mittel ansieht — beweist noch nicht das Fehlen eines mystischen Kerns und berechtigt nicht, diese Anstalten mit unsem Kurorten zu vergleichen, mögen sie auch den sanitären Anforderungen, die an solche gestellt werden, mehr oder minder entsprochen haben. Die Kranken mussten feierlich geloben, die Vorschriften pünktlich zu erfüllen, aber auch unsere Somnambulen sind darin von der peinlichsten Genauigkeit; sie mussten fasten und sich vom Weintrinken enthalten,4) aber das ist eine notwendige Vorbedingung, um Träume allein durch die in die Vorstellungssphäre übergreifende Naturheilkraft bestimmen und durch das Verdauungsgeschäft nicht stören zu lassen. Kurz es ist nur ein rationeller Verlegenheitsspruch, wenn z. B. Prof. Ritters-hain sagt:

„Mögen die Spielereien in den Tempeln wie immer schwindelhaft gewesen sein, die Behandlung (abgesehen von Inkubation), die Regelung der Lebensweise, der Kost u. s. w. und manche direkte Ordination in der Vorbereitungszeit trugen in der That, soviel wir davon wissen, den Stempel ärztlichen Verständnisses an sich und machten, vielleicht- wenigstens an solchen Orten, wo ärztliche Schulen sich gebildet hatten, die Hauptsache aus.“

Geradezu gefälscht aber ist das Problem, wenn er weiter sagt, dass die Priester selbst die Ordination besorgten; denn alle Berichte sagen, dass die Heilmittel geträumt, und zwar meistens von den Kranken selbst geträumt wurden. Wenn er endlich sagt, die Priester hätten auch die Erscheinungen des Gottes besorgt, so ist das der charakteristische Fehler aller rationialistischen Zweifler, die lieber hundertjährigen Betrug annehmen, dem die grössten Geister zum Opfer gefallen wären, als Unkenntnis der zweitausend Jahre später auftretenden Kritiker. Der wahre Grund, warum solche rationalistische Auslegungen der Inkubation überhaupt möglich sind, liegt darin, dass in unsem Tagen die Geschichte der Medizin ein sehr vernachlässigtes Fach ist, und dass die Ärzte das Studium des Somnambulismus noch immer für entbehrlich halten, so dass ihnen für die Beurteilung des Tempelschlafes der richtige Massstab fehlt Darum haben sich auch nur sehr wenige Ärzte mit dem Problem beschäftigt und meistens nur die Altertumsforscher.

Um so befremdlicher muss es nun allerdings unseren Ärzten lauten, dass unsere moderne Medizin keinen anderen Ursprung hat, als eben den Tempelschlaf. Bekanntlich reisten Jahrhunderte hindurch die vornehmsten Weisen Griechenlands nach Ägypten. Diodor nennt als solche Orpheus, Melampus, Musäus, Homer, Lykurg, Herodot, Solon, Thaies, Pythagoras, Demokrit u. s. w. Platon soll dreizehn Jahre in Ägypten gewesen sein. So wurde der Tempelschlaf nach Griechenland verpflanzt; viele von den auf Votivtafeln verzeichneten Ordinationen wurden herühergebracht, und in Griechenland selbst wurden die Ordinationen kt die Thürpfosten und Tempelsäulen eingegraben. So wurde z. B. das dem Eudemus verordnete Rezept gegen den Biss giftiger Tiere an der Thüre des Äskulaptempels zu Kos eingegraben. Strabo sagt, dass in den Tempeln viele medizinische Wunder geschahen, wovon die berühmtesten Männer überzeugt seien, die für sich oder andere dort schliefen, und dass diese Wunderkuren auf Votivtafeln verzeichnet seien. Darum finden wir schon im Altertum die Ansicht ausgesprochen, dass in diesen Votivtafeln der Ursprung der Medizin zu suchen sei. Tibull redet die Isis an: „Hilf mir! Du kannst den Leiden der Kranken Erleichterung verschaffen; die Menge der in Deinem Tempel aufgehängten Bilder beweist die Menge der von Dir verliehenen Heilungen!“ Ja, speziell vom Vater der modernen Medizin, Hippokrates, wird behauptet, dass er einem Teil seiner Kenntnisse solchen Votivbildern verdankte, die er im Tempel zu Kos fand; und ebenso sagt Galenus, dass Heimes von Kappadokien im Tempel zu Memphis Ordinationen sammelte. Die Ärzte Celsus, Paul von Ägina und Galenus führen solche Ordinationen aus Tempeln an.8) Galenus sagt, dass noch zu seiner Zeit von Rezepten Gebrauch gemacht wurde, die als von der Isis kommend galten. Sogar einen Teil seiner eigenen ärztlichen Kenntnisse verdankt er der göttlichen Hilfe in nächtlichen Traumgesichtem. Jamblichus sieht ebenfalls den Ursprung der Medizin im Tempelschlaf und dessen nächtlichen Erscheinungen in göttlichen Träumen. Artemidorus sagt:

„Gar viele sind zu Pergamus, zu Alexandrien und an anderen Orten durch Rezepte geheilt worden, ja es giebt Leute, die den Ursprung der Medizin aus diesen Rezepten herleiten.“

Er fügt bei, dass Geminus aus Tyrus, Demetrius aus Phaleron — der als Redner und Staatsmann berühmte Schüler des Teophrast — und Artemon aus Milet, der erstere in drei, der andere in fünf, der letzte in zweiundzwanzig Büchern sehr viele Träume, meist von Serapis kommende Rezepte, gesammelt hätten.Kurz, der Glaube an den göttlichen Ursprung der Medizin war sehr allgemein. (Eine Sammlung von Aussprüchen darüber von alten Schriftstellern enthält die Abhandlung „De originibus et antiquiiaiibus medias“ in den von Walch herausgegebenen „Christophori Cellarii disseriaiiones academicae“.

In der That, wenn Hippokrates die Medizin der Träume die beste nannte, wenn er sagt, die Erkenntnis der Träume sei ein grosser Teil der Weisheit, wenn er zur grosse Verlegenheit seiner Ausleger von der Intervention des Göttlichen in den Krankheiten redet, so hat das nur einen Sinn, wenn er damit den Somnambulismus meinte.

Die Votivtafeln in den Tempeln waren also die ersten medizinischen Vorschriften, und Mesmer und Puysegur gebührt das Verdienst, uns den Sinn derselben enträtselt zu haben. Der Magnetismus war die primitive Medizin; die Ärzte, die ihn für Schwindel erklären, verleugnen damit ihre eigene Mutter. Man kann nun allerdings der materialistisch gewordenen Heilkunde keinen grösseren Hohn anthun, als den, ihren Ursprung aus der Mystik abzuleiten, für die sie ihrerseits nur Hohn hat. Indessen lässt die Wendung zum besseren, welche durch die hypnotischen Versuche der neuesten Zeit eingetreten ist, hoffen, dass sich auch an unserer Medizin das Wort erfüllen wird: Ou revient toujours ä ses peremiers amours.

Darin, dass die aus den Tempeln stammenden Ordinationen als starre Vorschriften auf ganze Krankheitsklassen ausgedehnt wurden, liegt nun allerdings ein Widerspruch mit den Prinzipien des Somnambulismus; die Heilvorschriften der Somnambulen beziehen sich nie auf Krankheitsklassen, sondern nur auf den individuellen Fall. Von einzelnen Rezepten abgesehen, dürfte sich daher gegen diese Erweiterung der Anwendung dasselbe einwenden lassen, was gegen die sympathetischen Kuren, die ebenfalls als somnambule Rezepte anzusehen sind, was nicht hindert, dass manche derselben eine allgemeinere Anwendung zulassen.

Jeder Aberglaube hat einen Wahrheitskem. Der Tempelschlaf wird uns verständlich durch den Mesmerismus, die darin erteilten Heilverordnungen durch den von Puysegur wieder entdeckten Somnambulismus. In den Aussprüchen unserer Somnambulen, die häufig die dramatische Form haben, sind die Orakel der alten Heilgötter wieder .aufgelebt. Wer die Identität von Somnambulismus und Tempelschlaf leugnet, müsste die unzulässige Hypothese aufstellen, dass das erste Kulturvolk, dem wir selbst unsere Bildung verdanken, in diesem Punkte tausend Jahre hindurch einer allgemeinen, von den grössten Geistern geteilten Verblendung anheimgefallen war.

Indessen ist dafür gesorgt, dass die Zweifel, denen heute noch der Tempelschlaf begegnet, nicht in den Himmel wachsen werden. Wer sich davon überzeugen will, mit welchen Riesenschritten die heutige Medizin, und zwar als Experimentalpsychologie, jener Anschauung über die Natur des Menschen entgegensteuert, von welcher die nächtlichen Manipulationen ägyptischer Priester in geheimnisvollen Tempeln geleitet waren, der kann nichts besseres thun, als die kürzlich — Juli 1886 — gegründete revue de Vhypnotisme nebst den darin erwähnten Schriften von ärztlichen Professoren durchzulesen. Er wird dann eine zeitgemässe Metamorphose des Tempelschlafes im neunzehnten Jahrhundert nicht mehr für unmöglich halten und Professor Kieser beistimmen, der schon vor einem halben Jahrhundert diese Hoffnung mit scharfem Tadel gegen die Ärzte seiner Zeit ausgesprochen hat:

„Die Heilkunst, die bei der grössten Zahl der heutigen Ärzte weder durch Intelligenz zu heilen versteht, weil sie, die Vernunft verachtend, lieber bequemer Empirie und Gedankenlosigkeit sich hingiebt, noch durch magische Kräfte des Gefühls heilen kann, weil sie, den Glauben verhöhnend, in ihrer Alterweisheit das Dasein derselben nicht ahnt, würde einen Gipfel erreichen, wie sie ihn noch nie erstiegen, seitdem das Menschengeschlecht besteht.“

Bei den Ägyptern lagen Seelsorge und Sorge für die leibliche Gesundheit in den gleichen Händen, wie später bei Christus und den Aposteln. Dass die Stände der Ärzte und Priester sich getrennt haben, entspricht einem allgemeinen Gesetze der Arbeitsteilung und Differenzierung in der Natur. Dass aber diese beiden Stände zu feindlichen Gegnern geworden, die von einander nichts lernen zu können glauben, das ist keineswegs für alle Zeiten beschlossen; vielleicht wird auch hier aus der Trennung allmählich wieder die Verbindung auf höherer Stufe sich ergeben.

Schliesslich könnte der Zweifler allerdings noch aus dem Untergang des Tempelschlafes die Wertlosigkeit dieser Institution folgern und sagen, dass eine wahrhaft nützliche Einrichtung, eine auf realen Kenntnissen beruhende Heilmethode niemals der Vergessenheit hätte anheim fallen können. Indessen darf man nicht vergessen, dass die Tempelpriester ihre Kenntnisse des Somnambulismus sehr geheim hielten, — von der Triftigkeit ihrer Gründe werden bald unsere Staatsanwälte zu erzählen wissen — so dass schon darum mit dem Untergang der Tempel auch die darin geübte Kunst verloren gehen musste. Mit der heidnischen Religion musste auch der Tempelschlaf untergehen, der an den Götterglauben geknüpft war. Hätte man erkannt, dass die Heilträume lediglich dramatisierter Heilinstinkt sind, dass die Göttererscheinungen in denselben dem Kem der Sache nur eine unwesentliche dramatische Form gaben, die dem damaligen Zeitbewusstsein entsprang, dann wäre der Tempelschlaf nicht zugleich mit der heidnischen Religion gefallen.

Übrigens sind die Kenntnisse der ägyptischen Priester nicht gänzlich verloren gegangen. Mit der Zeit sickerte das Geheimnis durch die Wände der Tempel. Bei den alexandrinischen Philosophen finden wir den Autosomnambulismus als Prinzip des Erkennens, und durch alle Jahrhunderte bis zum Auftreten Mesmers finden wir, wenn auch nur im Besitze von einzelnen, die Kenntnis des Magnetismus. Sogar der Tempelschlaf als solcher überdauerte noch das Heidentum. Aus den heidnischen Tempeln ging er in christliche Kirchen über. Prokopius sagt, dass Justinian den Märtyrer-Ärzten Cosmas und Damian einen Tempel errichtete, in welchem die von den Ärzten aufgegebenen Kranken schliefen; nach Gregor von Tours fuhren diese beiden Märtyrer auch nach ihrem Tode fort, Hilfe zu bringen; sie erschienen den Kranken und gaben ihnen wirksame Heilmittel an. In den Akten der Bollandisten wird ein Paralytischer angeführt, der zum Grabe des heiligen Litardus, Bischofs von Sentis, kam, vom Schlafe ergriffen wurde, und dem der Heilige, im Traum erscheinend, verkündete, er würde an einem Fusse gesund werden. Georg Fabricius sagt, dass er zu Padua Landleute gesehen, Jünglinge und Mädchen, die in der Kirche des heiligen Antonius die Inkubation vomahmen, da er im Rufe stand, Kranke zu heilen. In Italien war der Tempelschlaf noch Ende des siebzehnten Jahrhunderts in Gebrauch, und Spuren der Inkubation waren noch in neuerer Zeit zu finden, indem in Griechenland die Mütter zu Füssen der Heiligen für ihre Kinder schliefen.

Ob ausser den Votivtafeln unserer katholischen Kapellen noch andere Spuren dieses uralten Gebrauches in unseren Tagen nachweisbar sind, vermag ich nicht zu sagen. Aber wenn selbst die letzte verschwunden wäre, so ist er doch in unserem Somnambulismus in neuer Form gewissermassen wieder aufgelebt. Und so bewahrheitet sich das Wort des Horaz, welches Mesmer seiner DoktorDissertation eingefügt hat.

Text aus dem Buch:Die Mystik der alten Griechen (1888), Author: Du Prel, Karl Ludwig August Friedrich Maxmilian Alfred, freiherr.

Siehe auch:
Die Mystik der alten Griechen – Vorrede
Die Mystik der alten Griechen – Der Tempelschlaf.
Die Mystik der alten Griechen – Die Orakel.
Die Mystik der alten Griechen – Die Mysterien.
Die Mystik der alten Griechen – Der Dämon des Sokrates.

Die Mystik der alten Griechen