Schlagwort: Priesterkönig von Salem


Wenn man von Jerusalem nach Samaria und Galiläa reist, so erblickt man schon am ersten Tage in der Ferne einen mächtigen Bergrücken, neben dem sich ein anderer gleich hoch über die übrigen Höhen des Gebirgshorizonts erhebt. Es ist der Garizim, der heilige Berg der Samariter. Kommen wir näher* „so sehen wir sich vor demselben eine grosse Thalebene mit reichem Wiesen- und Getreidewuchs, das Gefilde Machneh ansbreiten, auf welche mehre stattliche? Dörfer herabsehen. Es ist das Blachfeld, wo der Erzvater Jakob einst seine Heerden weidete, wo Melchisedek, der Priesterkönig von Salem gewohnt haben soll, und wo noch jetzt das Grab Josephs und der Jakobsbrunnen gezeigt wird, an dessen Rande Jesus, zur Samariterin von dein Wasser redete, das in’s ewige Leben fliesset. Ein anderer wasserreicher Quell der bei den Hütten des Dorfes Balata entspringt, verbreitet seihe Fluthen in kleinen Bächen über die Stelle; wo zwischen Ebal und Garizim in der Urzeit des Landes die Stadt Sichem stand, vielgenannt, in der Genesis und im Buch der Richter, und auch später noch nicht ohne Bedeutung in der Geschichte des Volkes Israel.

Lenken wir um den Fuss des Garizim, so sehen, wir, wie die Strasse sich in einen grossen Wald von Olivenbäumen verliert, hinter welchem Minarets auftauchen; während rechts und links eine Strecke an den Berghängen hinauf, von Quellen getränkt, Gärten mit allerlei Gebüsch sich zeigen. Es ist die Stadt Nablus, der wir uns nähern, die zweitgrösste und die am schönsten gelegene Palästinas. Um sie in ihrer ganzen Anmuth, die, wenn Kleines mit Grossem verglichen werden darf, der von Damaskus gleichkommt, zu sehen, wenden wir uns rechts und steigen ein Stück am Fuss des Ebal hinauf, etwa nach der Stelle, von wo der Maler sie zeichnete, der unser Bild schuf.

Es ist wie ein Paradies, dieses Thal, in das wir von hier hinabschauen, ein echter Rest des gelobten Landes, das sich sonst auf weite Strecken in ein ziemlich ödes und unfruchtbares verwandelt hat. Die gelbgrauen Häuser der Stadt ziehen sich meist auf den Terrassen eines der Abhänge des Garizim hin. Was in der Tiefe liegt,  versteckt sich zum Theil hinter den Wipfeln des Waldes von Fruchtbäumen, der die Thalsohle beschattet und die Stadt „wie ein grüner Kranz einfasst. In anmuthigster Mischung vertheilt sich in diesem Dickicht, in welchem allerorten Brunnen sprudeln und Bäche sich winden, das zierliche graue Laub der Olive zwischen dem hellen Grün der Jujuben und Orangen, dem dunkleren Blätterschmuck der Feigen- und Maulbeerbäume und den fast schwarzen Laubkronen der ulmenartigen Kalsis. Ueber dem plumpen fetten Kaktus erhebt sich die schlanke Palme. Neben Mandelbüschen und Aprikosenbäumen öffnen Granatensträucher ihre brennend rothen Blüthen, prangen Citronenbänme mit der Fülle ihrer goldenen Früchte. Und wo die Cultur am Berghang ihre Grenze fand, setzte die Natur durch allerhand wildwachsende Pflanzen, Kapernsträuche und Steineichengestrüpp, Farrenkraut und Venushaar die Ausschmückung der Felsen fort.

Auch die Stadt selbst mit den Schlössern des hiesigen Adels, mit ihren Kuppeln und Minarets, ihren Erkern und Arkaden, ist nicht ohne malerische Wirkung, wenn auch nur aus der Ferne betrachtet. Das Innere hat dieselben düstern engen Gassen und denselben Schmutz und Verfall wie Jerusalem. Interessante Werke der Architektur finden sich nur wenige. Doch mag erwähnt werden, dass das Spitzbogenportal, welches auf den Vorhof der Hauptmoschee führt, offenbar einem Kirchenbau der Kreuzfahrerzeit angehört, und dass der Khan El Tudschar die imposanteste Kaufhalle Palästinas ist. Man sieht hier weniger europäische Waaren ausgelegt, als in Jerusalem, dagegen mancherlei Erzeugnisse orientalischen Ilandwerkergeschmackes, die dort nicht zu finden oder doch seltener sind. Auch die ganze Sitte und Denkart der Eimwohner ist, schon vreil sich hier nur einige hundert Christen und so gut wie gar keine Franken niedergelassen haben, morgenländischer. Es herrscht hier im Allgemeinen selbst unter den Ulema nur eine sehr mässige Weltkenntniss und ein starkes Uebelwollen gegen fremden Glauben und Brauch, und wenn sich die wüthenden Angriffe des hiesigen Pöbels auf die Christen, welche vor einigen Jahren stattfanden, nicht wiederholt haben, so wird diess nur durch die Erinnerung an die schweren Strafen verhindert, die wegen jener Excesse über die Stadt verhängt wurden. Man kann eben nicht mehr wie man möchte, und so macht man eine Faust in der Tasche, wenn ein schwarzer Christenturban oder ein fränkischer Hut vorbeigeht.

Die einzige Merkwürdigkeit, welche Nablus für den reisenden Europäer besitzt, sind die hundertundzwanzig Samariter, die hier leben und wie vor achtzehnhundert Jahren auf den Messias warten und die Juden hassen. Der einzige Rest eines Volkes, welches einst ganz Samaria inne hatte und in verschiedenen Städten Syriens und Aegyptens Colonien besass, sind sie jetzt auf den südwestlichen Winkel der Stadt Nablus, ein Quartier beschränkt, welches nach ihnen Haret Es Samera, das Samariterviertel, heisst und zu dem Hauptstadtbezirk Haret Es Jasmineh oder Jasminquartier gehört. Ihren Unterhalt erwerben sie sich vorzüglich durch Anfertigung wollener Jacken für die Fellahs der Nachbarschaft und durch Handel. Einige sind auch als Schreiber angestellt, fast alle aber leben nebenher von den Almosen, welche ihnen die Theilnahme der durchreisenden Franken reicht. In der Tracht unterscheiden sie sich von den übrigen Bewohnern der Stadt nur dadurch, dass sie blassrothe Turbane um die Tarbusche tragen.

Wie für die Jerusalemer Juden der Moriah-Hügel, so ist für die Samariter der Garizim Gegenstand ihrer Verehrung und Hoffnung, und was jene von ihrem Meschiach erwarten, das soll diesen der Talieb bringen. Auf dem Garizim häuft der Glaube der Schomerim, wie die Samariter sich selbst nennen, alle grossen Ereignisse der heiligen Geschichte. Hier errichtete nach ihrer Behauptung Adam den ersten Altar, hier kam Noahs Arche zuerst wieder auf das Trockene, hier wollte Abraham seinen Sohn Isaak opfern, hatte Jakob den Traum von der Himmelsleiter, richtete Josua nach Ueberschreitung des Jordan die zwölf Steine auf, auf welchen das Gesetz Mosis geschrieben stand. Der Hohepriester der Secte, Kahin Amram, weiss diese Stellen so genau anzugeben, wie die Mönche von Jerusalem die Stätten der Passionsgeschichte. Prosaische Augen finden nur einen edelgeformten Berg mit einer schönen Aussicht und neben der Moschee des Gipfels Spuren eines alten Baues, die vielleicht dem Samaritertempel angehört haben, welcher von dem Hohenpriester Manasse erbaut und von dem Makkabäerfürsten Johannes Hy rcanus zerstört wurde. Jährlich dreimal zieht die Gemeinde in Prozession nach diesen Ruinen hinauf: am Laubhütten, am Wochen- und am Passahfest, bei welchem letzteren eine Anzahl Lämmer geopfert werden.

Nicht ohne Interesse ist die „Kirche“, arabisch Kenisa, der Samariter. Sie ist, jetzt etwa fünfthalbhundert Jahre alt, ein unregelmässiges mit drei Nischen versehenes Gemach, das sein Licht von der Decke her empfängt, an den Wänden samaritanische Inschriften auf Steinplatten enthält und mit Strohmatten ausgelegt ist. Vor dem Tabernakel hängt ein sehr alter Vorhang, der, von einem Samariter in Damaskus verfertigt, in Goldstickerei auf schwerem Seidenstoffe die Stiftshütte mit ihren Vorhöfen und allen heiligen Geräthschaften zeigt. Der grosse Schatz dieses kleinen Heiligthums aber ist eine Handschrift des Pentateuch, die auf starkes Pergament geschrieben ist und sieben- bis achthundert Jahre alt sein mag, nach den Angaben der Samariter dagegen ein Werk Abisas, des Urenkels Aarons ist und somit ein Alter von mehr als dreitausend Jahren hat.

Nach gewöhnlicher menschlicher Berechnung würde dieser Rest der Samariter in nicht sehr langer Zeit aussterben. Sie selbst aber halten sich noch zu grossen Dingen berufen. In wenigen Jahren, so hoffen sie, erscheint der Taheb, versammelt einen Congress der Fürsten und Weisen aller Völker, überzeugt sie, dass nur auf dem Garizim das Heil zu finden und führt sie zuletzt auf dessen Gipfel, wo die Gesetztafeln Mosis und die alten Tempelgeräthe wieder entdeckt werden. Alles ordnet sich alsdann aufs Beste: die Menschheit glaubt an die Thora und erkennt den Taheb als ihren König an. So besteht die Welt fort, bis sie ihr siebentes Jahrtausend erfüllt hat. Dann beginnt das jüngste Gericht, die Todten stehen auf mit ihren Leibern, um sich von dem Weltrichter ihr Urtheil sprechen zu lassen. Die Guten kommen in das Paradies, welches auf dem Garizim, die Bösen in die Hölle, die in Jerusalem ist.

So wenigstens berichtete der jetzige Hohepriester dem Professor Petermann, dem er sogar das Jahr anzugeben wusste, in welchem der Taheb auftreten wird. Es ist das Jahr 1868 unserer Zeitrechnung. Die Hoffnung der guten Leute hat also nicht lange mehr auf ihre Erfüllung zu warten, doch kommt es bisweilen vor, dass solche Berechnungen täuschen.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan
Bilder aus dem Orient – Mar Saba
Bilder aus dem Orient – Bethlehem

Bilder aus dem Orient