Die Normannen besetzten vom europäischen Festlande aus die britischen Inseln. Später wandten sie sich, die allerdings niemals ihrenpBesitz in der Normandie aufgegeben hatten, nach dem Festlande zurück und eroberten mit gewaltiger Faust ein gutes Drittel von Frankreich, zeitweilig sogar die Pyrenäen überschreitend. Ganz ähnlich sind „die 10000 Inseln“im fernen Osten, wenn anders der Sinologe Parker recht hat, um 200 n. Chr. von tungusischen Herrschern, von Tan shih-kwei besetzt und seinem ungeheuren Reiche, das sich in einer Ausdehnung von beiläufig 18 Millionen Kilometer bis zum Eismeer und im Westen bis mindestens zum Balkasch-See erstreckte, zugefügt worden. Höchst wahrscheinlich ist aber dies Unternehmen nicht das einzige seiner Art gewesen. In noch früherer Zeit muß eine ganze Reihe von tungusischen und mongolischen Zügen nach Japan gegangen sein. Das ergibt sich schon aus der Sprache. Denn wie man schon seit Grunzei wußte, und wie jüngst durch ein erschöpfendes wissenschaftlich grundlegendes Werk von Winkler abermals bestätigt wurde, gehört das Japanisch zur Altaischen Sprachgruppe. Ich würde allerdings nicht annehmen, daß es ohne Rest in das Altaische aufgeht, sondern würde nicht unwesentliche malajische Einflüsse und außerdem solche, wenn auch geringere, der Dra-vida- und der Tibeto-Barmaner annehmen, von der in ihren Zusammenhängen noch immer rätselhaften Sprache der Aino ganz abgesehen. Genug, ein weitgehender linguistischer Zusammenhang zwischen Japan und dem asiatischen Festland ist vollauf bewiesen und die notwendige Folgerung daraus ist, daß in Urzeiten die japanischen Inseln vom Festlande aus besetzt worden sind. In der Gegenwart machen es nun die Japaner so, wie einst die Normannen. Sie kehren nach dem Festland zurück und suchen, mit ihren Inseln nicht zufrieden, auch auf*dem Kontinente weiträumigen Besitz zu erwerben. Die erste Stufe war die Angliederung der ganzen Südhälfte der Mandschurei.

Die Bevölkerung Dai-Nippons ist in rascher Zunahme begriffen. Man kann den Zuwachs auf eine halbe Million im Jahre schätzen. Das Kaiserreich beherbergt jetzt mehr als 51 Millionen Bewohner, davon reichlich 47 3/4 Millionen Japaner (die angegliederten Gebiete auf dem Festlande nicht mitgerechnet). Schon längst erscholl denn auch der Ruf: Land, neues^Land! Bei den geringen Löhnen und den steigenden Preisen der Lebensmittel, bei dem unerbittlichen Wettbewerb des Wirtschaftslebens in der Gegenwart haben die Berater des Mikado schon seit Jahrzehnten nach Mitteln und Wegen gesucht, um den Überschuß der Bevölkerung geeignet unterzubringen. Zunächst haben sie dabei Lücken in dem eigenen Landeauszufüllengesucht. Eine starke Auswanderung wurde nach dem Norden der Hauptinsel Hondo und besonders nach der Insel Jesso, heute gewöhnlich Hokkaido geheißen (ungefähr „Nordgebiet“), gelenkt. Noch vor einem Menschenalter betrug die Bevölkerung Jessos kaum 160000 Seelen; j etzt hat sie eine Million überschritten. Blühende Städte haben sich dort erhoben, wo noch unlängst Urwälder wuchsen und der Bär hauste; die Häfen werden von zahlreichen Schiffen angefahren und sogar eine Art Universität wurde in Saporo errichtet. Allein für die rasche Zunahme der Bevölkerung genügte Jesso allein bei weitem nicht. Nun wurde auch noch Formosa gewonnen. Es scheint jedoch seltsamer Weise, als ob den Kindern Amaterasus, der Sonnengöttin, die tropische Hitze weniger zusagt, als arktische Kälte. Auch konnte man schon bei dem Kriege von 1895 beobachten, daß auf Formosa nicht weniger als 12000 Soldaten durch Krankheiten zugrunde gingen, während der mandschurische Feldzug nur 3000 Opfer durch Krankheiten erforderte. Vielleicht ist diese auffallende Erscheinung dadurch zu erklären, daß eben doch viel mehr Japaner aus Sibirien und Nachbarländern stammen, als aus malayischen und Dravida-gegenden. In Übereinstimmung mit dieser Beobachtung steht es, daß bis zum heutigen Tage, nach einer fünfzehnjährigen Besetzung, nicht mehr als 65 bis 80000 Japaner — es ist sehr schwer, genaue Statistiken zu erlangen — sich dauernd auf der schönen Insel niedergelassen haben. Also auch hier, auch in der tropischen Erwerbung, war nicht Raum genug für den Geburtenüberschuß des tatkräftigen, beständig wachsenden Volkes. Seit etwa anderthalb Jahrzehnten hat man es dann weiter mit einer überseeischen Auswanderung versucht. Zehntausende von Kindern Nippons ergossen sich nach Sibirien, um dort an der großen Bahnodersonstwozu arbeiten, nach Siam und Australasien, nach der weitzerstreuten Inselflur der Südsee, nach der Torresstraße, wo die Auswanderer besonders in der Perlenfischerei Beschäftigung fanden, endlich nach Australien, Amerika und sogar nach Südafrika. Der Mittelpunkt dieser überseeischen Auswanderung wurde Hawaii. Die Zahl der Japaner dort soll heute auf 125000 angeschwollen sein. Vor dem Jahre 1895, als die Eilandgruppe von den Vereinigten Staaten eingesteckt wurde, hatte die Zahl nur 26000 betragen. Im Jahre 1907 kam es bereits darüber zu einem ernstlichen Streite, dem jedoch nach längeren Schwankungen zuletzt die finanziell erschöpften Japaner aus dem Wege gingen.

In ganz Nordamerika, dem der Briten, der Yankees und der Mexikaner dürfte die Menge von Japanern gegenwärtig an 70000 betragen, doch ist vorläufig keine Aussicht vorhanden, daß sie in Zukunftnoch mehr anschweile, da ja die Abneigung der Angelsachsen und infolge dessen die Ausschließungsmaßregeln hier einen Riegel vorgeschoben haben und da andererseits in Mexiko die Pflanzungskolonien japanischer Kulis, besonders in der tropischen, außerordentlich ungesunden Provinz Chiapas, eben wegen des schlechten Klimas, vollkommen scheiterten und heute so ziemlich wieder aufgegeben worden sind. Ebenso sind die Niederlassungen solcher Kulis auf Kuba und im französischen Guadeloupe nicht von Dauer gewesen. Immerhin waren sie in der französischen Kolonie so bedeutend, daß einmal ein Aufstand des Kuli-Elementes erfolgen konnte, um allerdings mit verhältnismäßig leichter Mühe niedergeschlagen zu werden. Am meisten Erfolg versprechen bis jetzt die Anknüpfungen in Südamerika. Hier hat China vorgearbeitet. Schon im Jahre 1877 sind tausende von chinesischen Minenarbeitern nach den Silbergruben Perus abgegangen; die Mißstände waren dort aber so schrecklich, daß es zu diplomatischen Protesten kam und daß zuletzt, da die Proteste nichts fruchteten, das damalige Auswärtige Amt des himmlischen Reiches, das Tsungli-Yamen, kurzerhand die Auswanderung nach Peru verbot. Der erste, der eine japanische Auswanderung nach Südamerika ins Werk setzte, war Herr Asano, der Gründer und Leiter der drittgrößten Rhederei des Landes, der Tojo Kisen Kaisha. Ich machte zufällig seine Bekanntschaft, als er im Jahre 1896 die ersten Schritte dazu tat, um eine Schiffahrtsverbindung mit Sandiego in Südkalifornien ins Leben zu rufen. Damals waren die Augen des Herrn Asano noch ganz auf Nordamerika gerichtet. In der Folge aber, zumal durch Versprechungen von Regierungshilfe angestachelt, wandte er sich mehr den südamerikanischen Freistaaten zu. Seit 1901 wurde eine Reihe von Verträgen mit solchen Staaten, namentlich mit Brasilien und Peru, abgeschlossen, um eine Auswanderung dorthin im großen Stil zu schaffen. Die Tojo Kisen Taisha spielte dabei immer eine Hauptrolle. So recht fruchtbar sind aber die Verträge erst seit dem Jahre 1908 geworden. Besonders die brasilianische Regierung zeigte ein ungemeines Entgegenkommen. Sie ging so weit, die Einwanderer sogar mit Geld zu unterstützen.

Wenn man nun über, alle diese vielen und weitzerstreuten Unternehmungen einen Überschlag macht, so muß man sich doch sagen, daß sie bis jetzt noch nicht recht gelohnt haben. Die Gesamtziffer des Bevölkerungsüberschusses, die derart in überseeischer Fremde versorgt wurde, kann nicht mehr als auf höchstens 250000 veranschlagt werden. Das ist noch nicht die Hälfte der alljährlichen Bevölkerungszunahme. Auch Formosa ist, wie gesagt, in dieser Beziehung ein Fehlschlag gewesen, wenn es auch durch den Betrieb von Pflanzungen und Goldminen sowie Schiffahrt und sonstige Geschäfte nicht verächtliche Ergebnisse gebracht hat. Es ist zu verstehen, daß unter solchen Verhältnissen die Sehnsucht der Japaner, anderswo Spielraum für die Ernährung seiner allzu großen Bevölkerung zu erringen, nur noch verstärkt wurde. Da blieb lediglich das asiatische Festland übrig. Werfen wir unsere Augen auf Korea, das seit August 1910 amtlich zu Dainippon gehört! Der japanische Besitz auf der Halbinsel an Land wurde Ende 1909 auf ungefähr 270 Mill. Mark veranschlagt, wozu noch Gebäude im Werte von 12 Mill. Mark kamen. Ich habe kürzlich eine Statistik gesehen, derzufolge die Mannen des Mikado in Korea bereits die steile Höhe von anderthalb Millionen Seelen erklommen hätten. Eine solche Menge erscheint mir völlig unglaublich. Man muß wissen, daß die ganze Halbinsel der „ewig weißen Berge“ nach der letzten Zählung nur 10 Millionen Bewohner beherbergt. Daß mit einem Schlage diese Ziffer um mehr als ein Siebentel vermehrt worden wäre, ist nicht glaublich. Die übertriebene Statistik geht auf einen britophilen Inder zurück, der in der Fortnigthly Review behauptete, daß Asien von Japan noch mehr Tyrannei zu befürchten habe, als von den Europäern. Er zielte dabei namentlich auf die Unterdrückung der Koreaner. Nur zeigte er sich recht schlecht unterrichtet. Er gab an, daß bereits anderthalb Millionen Japaner in das Land der Morgenfrische eingewandert seien. Tatsächlich beträgt nach amtlicher Angabe, der zu mißtrauen kein Grund, die Zahl nur 146000, dergestalt, daß nicht mehr als 15 Japaner auf je 1000 Koreaner kommen. In jedem Falle ist diese Ziffer ganz bedeutend geringer als die Auswanderung, die die Russen nach dem benachbarten Sibirien ins Werk gesetzt haben. Denn allein im Jahre 1909 sind über Tscheljabinsk, die Kontrollstätte der Auswanderer, 688000 Leuten nach Sibirien gekommen; zurückgewandert sind allerdings in dem gleichen Jahre nicht weniger als 182000. Immerhin bleibt der beträchtliche Uberschuß von mehr als 400000 für ein einziges Jahr, also mehr, als seit einem halben Menschenalter Japaner überhaupt in alle Länder der Welt ausgewandert sind. Auch sind die Aufwendungen der zarischen Regierung viel bedeutender als die der japanischen. Denn iu Petersburg hat man für 1910 an 26 Millionen Rubel für die neuen Siedler bereit gestellt.

Besonders eifrig sind die japanischen Einwanderer in Korea um bergbauliche Konzessionen bemüht. Es wurden im verflossenen Jahre 474 Anträge auf Erwerbung von Minenrechten eingereicht und davon 46 genehmigt. Auch koreanische Adlige sicherten sich einige Gerechtsame, aber sie wollten gar nicht selbst Bergbau treiben, sondern nur die Kommission für die Konzessionsvermittlung ergattern. In erster Linie steht Gold. Doch hat die Jahresausbeute 10 Millionen Mark noch nicht überstiegen. Es ist Alluvial- und Quarzgold. Die deutschen Goldgräber haben jüngst eine neue Mine in der Nähe von Sönschen eröffnet. Die Amerikaner, die Hauptbesitzer, sind schon seit einer Reihe von Jahren in dem gebirg- und waldreichen Norden der Provinz Kinjang. Sie sagen, sie hätten die zweitgrößte Goldgrube der Welt; aber man weiß ja, was man von Yankee-Enthusiasmus zu halten hat. Engländer sind bei Sack-Tschu am Jaluflusse tätig; eine Gesellschaft, die inzwischen in Südafrika und Australien arbeitet, hat auch dort am Jalu eine Option sich gesichert. Die Franzosen setzen ebenfalls ihre Hoffnung auf die Jalufelder; sie haben sich bei Tschang-söng niedergelassen. Nicht minder sind Japaner, wie eine Gesellschaft des Großkapitalisten Barons Chibusava, und Koreaner darauf aus, durch Gojdminen ungefähr in derselben Gegend ihr Glück zu machen. Überhaupt ist der Strich am Jalu sehr aussichtsreich. Kupfer, Eisen und Kohle gibt es dort in größerer Menge. Kohle wird schon jetzt am Tatong-Flusse ausgebeutet, das ist nicht ohne Wert für die Schiffahrt, da die Mündung des sehr malerischen Tatong, in dem die Flut über 70 Kilometer bis fast an die Stadt Pingjang vom Meere heraufdringt, nicht weit von den großen Straßen des Weltverkehrs abliegt. Dagegen hat man mit Holz gar keine sonderlichen Gewinste eingeheimst, obwohl doch um eine Holzkonzession der ganze Krieg von 1904 ausbrach. Die Wälder sind zu weit oben am Jalu. Das Flößen erfordert an 40Tage. Eine japanischchinesische Holzgesellschaft, die dort arbeitete, erlitt zuerst ansehnliche Verluste. Erst seit 1908 sollen Gewinne eingelaufen sein. Das Holz, so hofft man, soll sogar bis Deutschland versandt werden. Die Bestände sind hauptsächlich Lärche, Kiefer und Tanne, sodann einiges Hartholz. Man sieht nicht recht ein, wie der Transport von solchen Arten bis nach Deutschland sich jemals lohnen könne. Die Holzfäller sind Chinesen, die am abgehärtesten sind und daher den Winter am leichtesten überstehen.

Die Bahnen auf der Halbinsel gehören sämtlich dem japanischen Staate. Ihre Schienenlänge beträgt rund 1300 Kilometer. Es sind die Linien Fusan—Söul in der Südhälfte, Söul—Wiju in der Nordhälfte und im Westen die schon 1896 von Amerikanern gegründete, 1901 von Japanern vollendete Linie Söul— Chemulpo und die 1905 fertig gestellte, hauptsächlich strategische und denn auch von der japanischen Armee gebaute Linie arnrajoschin—Masampo. Technisch sind die Bahnen, im Gegensatz zu den mandschurischen und chinesischen, durchweg recht schwierig; sie erfordern zahlreiche Kunstbauten und Tunnels. Trotzdem sind die Kosten, zumal ja in der Regel Soldaten verwendet wurden, ganz bedeutend geringer gewesen, als sie in anderen überseeischen Ländern, geschweige denn in Europa zu sein pflegen. Allerdings war ja auch das Gelände billiger zu erwerben und ist die Ausrüstung der Bahnen lange nicht so gediegen, wie auf amerikanischen oder europäischen Strecken. Der Kilometer kostete unter 90000 Mark. Um so auffallender ist es, daß keine einzige Linie mit Gewinn jemals abgeschlossen hat. Im Jahre 1908 betrug der Gesamtverlust 77000 Yen. Dabei ist nicht einmal deutlich, ob bei den Ausgaben die Kapitalzinsen mit verrechnet werden. Höchstwahrscheinlich nicht. Allerdings hat auch nach einem zwanzigjährigem Zeiträume die sibirische Bahn noch niemals den geringstenüberschußerbracht, sondern hat stets mit einem Verluste, der in manchen Jahren auf 6 Millionen Rubel und mehr stieg, gearbeitet. Der Grund hierfür ist bei den Russen freilich nicht in der mangelnden Rentabilität, sondern in der mangelnden Ehrlichkeit des Betriebs zu finden. Eine jüngste amtliche Untersuchung hat allein in der Wesihälfte Westsibiriens Unterschlagungen, die sich vermutlich auf mehrere Jahre erstreckten, in der Höhe von 50 Millionen Rubel aufgedeckt.

Wenn wir nun noch einen flüchtigen Blick auf das Geld- und Bankwesen in Korea werfen, so ist anzuerkennen, daß da die Japaner Nützliches geleistet haben. Sie haben 1905 die Goldwährung durchgeführt und haben an Münzen fast 8 Millionen Yen geprägt, dazu auch allerdings noch Banknoten von bald 11 Millionen Yen ausgegeben, mehr als die Dai-Ichi-Dinko, die diese Transaktion durchführte, durch ihr Statut ermächtigt war. Außer dieser Bank sind noch einige kleinere mit zusammen etwa 8 Millionen Yen vorhanden und an einheimischen koreanischen ebenfalls drei mit zusammen nur 3,65 Millionen Yen, und auch von diesen ist noch nicht viel angezahlt. Die Einnahmen Koreas betrugen 1909/10 über 221 Millionen Yen, die Ausgaben balan-zierten so ziemlich damit. Die Schulden beliefen sich auf 30 1/2 Millionen Yen nebst einer „außerordentlichen Anleihe“ von 6,3 Millionen. Das gesamte Nationalvermögen wird auf 2,3 Milliarden Yen geschätzt. Das wäre also ungefähr ein Fünfzigstel des deutschen Nationalvermögens.

Für Bauern werden, zumal das Land der Morgenfrische durchaus nicht übermäßig fruchtbar ist, nicht allzu große Möglichkeiten eröffnet. Überhaupt sind nur an vier Stellen der Halbinsel größere Flächen vorhanden, wo sich eine dichtere Bevölkerung ansässig machen kann: im Nordosten in der Nähe von Wönsan oder Port Lazareff, auch Gensan geheißen; im Nordwesten am unteren Laufe desTatong, in dem malerischen Striche vo nPing-jan; in der Gegend zwischen Söul und Chemulpo; endlich zwischen Fusan im Süden und der Kreishauptstadt Teiku. Sonst erschweren überall ragende Gebirge die Niederlassung. Gebirge, die noch vielfach durch große Scharen von Tigern unbewohnbar gemacht werden. Wenn auch durch die Gefechte der letzten vier Jahre beiläufig 70000 Koreaner aus dem Wege geräumt wurden, so glaube ich doch nicht, daß noch für sehr viele neue Ansiedler Raum sein wird. Gleiche Erwägungen müssen den Japanern schon längst gekommen sein, die denn auch nur durch schärfste Maßregeln, gar nicht selten durch einfache Vertreibung der früheren Besitzer, brauchbares Gelände in die Hand bekommen haben. Wenn also überhaupt noch ein Ausweg gebahnt werden, wenn der überheizte esse! nicht platzen soll, so muß nach irgendeinem neuen, wirklich aussichtsreichen und wirklich weiträumigen und viele neue Siedler noch zulassende Lande der überströmende Strom geleitet werden.

Dies Land glaubte man in der Mandschurei zu finden. Die Mandschurei ist nun mehr als die Hälfte größer als das Deutsche Reich. Sie hat noch viele Möglichkeiten. Sie beginnt erst etzt erschlossen zu werden. Auch ist sie bis jetzt nur dünn bevölkert gewesen. Es ergab sich, daß reiche Kohlenlager und sonstige Mineralien in der Mandschurei sind, und ergab sich ferner, daß die Landwirtschaft dort viel verspricht, geradezu berühmt ist ja in letzter Zeit die Soya-Bohne geworden, die einen Stapelartikel im Werte von etwa 24 Millionen Mark jährlich darstellt, Recht bedeutend ist die Gewinnung von Rohseide; sie beträgt über 7 Millionen Mark. Die Seide ist gut und sehr billig. Ich selbst hatte einmal einen Anzug aus mandschurischer Rohseide und hatte den Stoff dazu an Ort und Stelle gekauft; er kostete nur 6 Mark. Nicht minder ist der Anbau von Tabak lohnend, er liefert eine brauchbare Mittelsorte. Endlich ist die Viehzucht ziemlich entwickelt. So schien denn die Mandschurei den Japanern alles zu bieten, was sie nur verlangen konnten. Sehr bald aber stellte sich heraus, daß die schönsten Träume sich nie restlos verwirklichen. Die bösen Anderen sind immer eben auch da. In die so schwach bevölkerte Mandschurei drangen Millionen von Chinesen ein, und an dem aufstrebenden Lande wollten auch die Europäer teilhaben. So hat denn das Geschäft in der Mandschurei zu einer Fülle von diplomatischen Verwicklungen geführt, Allein die Japaner dachten sich wohl: Jedes Geschäft ist eine Kette von Unannehmlichkeiten! und sie blieben bei der Stange. Wenn jetzt die Bevölkerung der Mandschurei auf höchstens 14 Millionen veranschlagt werden darf, so ist das eine Volksdichtigkeit, die noch immer um das Zwanzigfache hinter der Japans zurückbleibt. Der diplomatischen Schwierigkeiten aber wurde man dadurch Herr, daß man mit den Russen, namentlich mit den russischen Eisenbahninteressen, sich verbündete, während man die Chinesen, soweit es irgend angängig war, einfach ignorierte.

Gerade in der Mandschurei haben die Japaner im Grunde sich glänzend eingeführt. Sie haben auf die unzweideutigste Art bewiesen, daß sie kolonisieren, daß sie latente Schätze an die Oberfläche bringen, daß sie unerschlossene Striche entwickeln können. Zunächst haben sie mit der Eisenbahn Antung—Mukden etwas Tüchtiges und Ertragreiches geschaffen. Sodann haben sie die gewaltige Kohlenmine von Tuschung erschlossen. Hierüber sagteinerder letzten, der jene fernen Gegenden bereist hat, Fritz Wertheimer: Die Stadtanlage Fuschun ist in Wirklichkeit eine der größten kolonialen Leistungen der Japaner. Daß sie hier richtig erkannt haben, was Klima und Land verlangen, beweist, daß das Nichterkennen dieser Notwendigkeiten in anderen Kolonien nicht auf Unvermögen, sondern auf andere Dinge zurückgeht. Hier sind für die Japaner, die doch ihre luftigen Holzhäuser gewöhnt sind, feste Steinbauten mit wind- und kältesicheren Doppelfenstern gebaut, die ganze Stadtanlage wird von einer Zentrale aus mit weißem Dampf geheizt. Aber im Innern der Häuser ist alles japanisch mit Matten und Papierschiebetüren eingerichtet, so daß der Japaner sich da ganz wohl fühlt. Die Kohlenmine lohnt auch alle diese Auslagen. Sie ist eine der allerreichsten im ganzen Osten. Bis jetzt förderte sie etwa 2000 Tonnen pro Tag, ihre geringere Förderung lag aber am zeitweiligen Wagenmangel der Eisenbahn. Jetzt ist die Förderung auf 5—6000 Tonnen täglich gestiegen. Neben chinesischen und koreanischen Arbeitern sind an 3000 Japaner in der Kohlenmine beschäftigt.

Der große Sieg des Feldzuges 1904/05 ist in zweifacher Hinsicht für die Kinder des Morgensonnenlandes eine herbe Enttäuschung gewesen. Der Sieg hat ihnen weder den erwünschten Landzuwachs noch die so heiß ersehnten Entschädigungsmilliarden gebracht. Erfindungsreich jedoch, wie die Japaner sind, haben sie sich nicht verdrießen lassen und haben es wiederum mit einem neuen Mittel versuchen wollen. Sie schlossen Freundschaft mit dem soeben noch befehdeten Rußland. Sie sicherten sich dadurch gegenüber einer Bedrohung von Norden und bekamen ihre Kräfte frei gegen China.

Taten schatten besser ab als Worte. Die Praxis sieht in der Regel ganz anders aus als in der Theorie. Die Japaner begannen damit, daß sie den Ostasiaten die Befreiung von dem europäischen Drucke versprachen, sie endeten damit, daß sie Korea unterjochten. Ganz ähnlich haben sie im Reich der Mitte damit angefangen, daß sie dem Pekinger Kabinette ein Zusammenwirken gegen die Westmächte in Aussicht stellten, und liebten es, darauf hinzuweisen, daß ja auch Deutschland und Osterreich nach 1866 zu einer innigen Annäherung gelangt seien; sie enden damit, daß sie überall den Chinesen Schwierigkeiten machen, überall gegen sie Partei ergreifen und zu guter Letzt sich anschicken, den chinesischen Einfluß in den Außenprovinzen des himmlischen Reiches durch japanischen zu ersetzen. Dazu hatten die Japaner eine gewisse Ermächtigung durch frühere geschichtliche Vorgänge.

Seit rund 2000 Jahren hatdmmer ein oder gleich ; eine ganze Reihe von Pufferstaaten zwischen China und nördlicheren Staatswesen bestanden. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert bildete sich dergestalt ein Reich der Südhunnen und ein anderes, das aus Stämmen der südlichen Tungusen aufgebaut war. In der Folge entstand eine Anzahl von halbzivilisierten Herrschaften, die eine schwankende Zwitterstellung zwischen den Toba und Sung in der Südhälfte des himmlischen Reiches und den nordbarbarischen Herrschaften ihrer Rassengenossen weiter im Norden einnahmen, ungefähr in der Art, wie die Bayern und Burgunder sich zwischen Byzanz und das Reich Theoderichs auf 4er einen Seite und das aufstrebende Frankenreich auf der anderen Seite legten. Die folgenden Jahrhunderte brachten mehrfache Wiederholungen von diesem Typus. Am ausgeprägtesten war die Eigenart des Pufferstaates in dem Kalmückenreich der goldenen Khane, das um 1700 eine große Bedeutung erlangt hat. Kurz zuvor hatte sich die russische Macht über ganz Nordasien ausgedehnt, während durch Kanghi China neuerdings zu einer Großmacht erwachsen war. Zwischen den Russen und Chinesen erstreckte sich nun das neue Kalmückenreich von den Kalkhamongolen in der Mongolei bis an die Schwelle Fer-ganas, also bis an die Grenzen Persiens. Und zeitweilig sogar über Tibet, wo bei der Besetzung der Dalailamas die goldenen Khane maßgebend wurden. Alle diese Pufferstaaten haben nicht allzulange Bestand gehabt. Entweder reckten sie sich selbst zur Großmacht empor und verschluckten halb China, oder aber sie wurden von übermächtigen Nachbarn allmählich aufgerieben. Im Falle des Kalmückenreiches taten die Mandschu dem Zaren Peter dem Großen den Gefallen, ihm das ärgerliche Hindernis seiner sibirischen Ausdehnung aus dem Wege zu räumen. Kang-his Heere zerstörten die Macht der Kalmücken, nachdem eine Weile ein Kondominium Rußlands und Chinas daselbst gewaltet hatte. Ganz bestimmte Anzeichen deuten nun darauf, daß Japan in der Bahn solcher früherer Pufferbildungen zu schreiten trachtet. Am bedeutsamsten ist in diesem Zusammenhänge die religiöse Propaganda.

Verschiedene Fürsten bewarben sich um die Gunst des Papstes, die fränkischen und die burgundischen, später auch die normännischen, später auch noch Knut der Große, der sich Kaiser und König nannte, sowie ein Engländer und ein Spanier, ebenfalls die Hände nach dem Kaiserthrone ausstreckend. Dazu machte der Kaiser von Byzanz noch Jahrhunderte hindurch den Anspruch, der Schutzherr des Papstes zu sein. Eine ähnliche Bedeutung, wenn auch nicht ganz so gewaltige, wie der Papst, hat der Dalailama. Die buddhistische Welt hat ja noch mehr Mittelpunkte als lediglich Lhassa und hat noch mehr Spitzen als nur den Lama, der da so tief und unermeßlich ist wie das Meer; allein darüber kann doch kein Zweifel sein, daß der Herr von Potala der wichtigste unter den höchsten Geistlichen der buddhistischen Welt ist, daß er alle seine Nebenbuhler überstrahlt. Auch um die Gunst des Dalailama haben sich in buntem Wechsel verschiedene Herrscher bemüht. Zuerst die mehrfach genannten Kalmücken, die zwar äußerlich mit Gewalt vorgingen, die aber doch diplomatisch dieFormen geistlicherUnterordnung wahrten; sodann verschiedene Oberhäuptlinge der Mongolei; endlich die Mandschu. Der große Kaiser Kanghi erkannte, daß die neue Dynastie trotz ihrer überragenden militärischen Erfolge doch auf die Dauer einer kirchlichen Hilfe nicht entraten könne, um auf die Chinesen einen dauernden Eindruck zu machen und sie beständig unter der Faust der Mandschu zu halten. Denn einmal war doch offenbar die Kultur der Besiegten viel höher als die der Sieger und zweitens war ihre Zahl, damals etwa eine Viertelmilliarde gegen über 430 Millionen heute — die geringeren Zahlen sind durch jüngste Forschungen endgültig beseitigt — unvergleichlich der der Mandschu, die man allerhöchstens, nebst verwandten Tungusenstämmen, auf 3 Millionen schätzen konnte, überlegen. So schloß denn der Kaiser im Jahre 1720 ein förmliches Konkordat mit dem Kirchen fürsten zu Lhassa, des Inhalts, daß die kaiserliche Gewalt überall und jederzeit die Lamaistische Kirche schützen werde, daß aber dafür der Dalailama auch der kaiserlichen Regierung immer hold und gewärtig sei, und daß er seinen Einfluß dafür aufbiete, um auch alle die, so auf seinen Spruch hörten, den Geboten der Zentralregierung gefügig zu machen. Dieses Konkordat hat 170 Jahre lang bestanden. Nur einmal wurde das gute Einvernehmen zwischen Kaiser und dem lamaistischen Papste unterbrochen, im Jahre 1792, als chinesische Truppen Lhassa besetzten und sogar bis Nepal vordrangen, wo ihnen dann die Engländer Halt geboten. Im Jahre 1890 kam der Großfürst-Thronfolger nach Indien und wünschte eine Zusammenkunft mit dem Dalai-Lama. Die Engländer hintertrieben dies und besetzten außerdem Sikkim. Hierüber empört wandte sich der Dalai-Lama nach Peking um Schutz. Der wurde verweigert. Da kündigte der Herr von Lhassa das Konkordat, da die Zentralregierung zu Peking eine der Hauptbestimmungen des Konkordats, nämlich die Verpflichtung zum Schutze der Kirche, verletzt habe. In Peking scheint man diese Kündigung ruhig hingenommen zu haben. Die Folge jedenfalls davon war, daß sofort der Dalai-Lama sich vollkommen unabhängig; fühlte und als souveräner Herrscher — genau wie der Papst bis 1870 war er ja nicht nur Geistlicher, sondern auch Territorialherrscher — Verträge mit fremden Staaten abschloß. Es handelte sich um die Annäherung an Rußland, die durch den Fürsten Uchtomski und einige hochstehende Buriaten eingeleitet wurde, und die in einer vorläufigen Anerkennung der russischen Oberhoheit von seiten Tibets gipfelte. Der Vertrag, zu dem der Buriate Dorshieff am meisten beigetragen hatte, und der zwei Gesandtschaften des Dalai-Lama an den Zaren zeitigte, wurde 1902 unter Beihilfe des russenfreundlichen Kanzlers Yunglu von China bestätigt.

Fast ein halbes Jahr vorher war jedoch bereits das Bündnis zwischen England und Japan abgeschlossen worden, am 30. Januar 1902. Beide Mächte sahen es äußerst ungern, daß der Zar, in dem sie ihren gemeinsamen Feind erblickten, sich in Tibet festsetzte und zugleich sich eine Art von Schutzherrschaft über die Lama-Kirche anmaßte. England hat ungefähr 8 Millionen Buddhisten, die fleißig nach Lhassa pilgern, in Assam und Barma. Japan aber gedachte die Rolle zu spielen, die der Himmelssohn aus Nachlässigkeit oder Schwäche aufgegeben hatte. Japanische Pilger, sogar ein Standesherr darunter, gingen in Verkleidung nach Lhassa. Vorerst jedoch haben sie wenig ausgerichtet. Etwas mehr Förderung wird der allbuddhistische Kongreß gebracht haben, der im Jahre 1903 zu Kioto abgehalten wurde. Man hat zwar nie etwas Rechtes über das erfahren, was dort verhandelt und beschlossen wurde, doch wurde schon vor dem Zusammentritt des Kongresses in der ganzen buddhistischen Welt es freudig begrüßt, daß nach mehr als 2000 Jahren, nach dem Konzile des Gupta-Herrschers Asoka jetzt wieder zum erstenmal Abgeordnete aller buddhistischen Sekten friedlich Zusammenkommen sollten. So lange nämlich hatte das Schisma gedauert, das durch das ökumenische Konzil unter Chanischka um 120 nach Chr. verschärft und formell fegelegt worden war.

Der Mandschurische Krieg brachte eine weitere Betätigung der Japaner auf buddhistischem Felde. Japanische Sendlinge durchstreiften die Mongolei. Wichtiger freilich als die geistlichen Agenten waren zurZeit die militärischen. Sie wiegelten die mongolischen Horden auf, brachten ihnen Gewehre, stellten sich auch wohl selbst als Führer an die Spitze reisiger Abteilungen, die, von Räuberscharen nicht leicht zu unterscheiden, dem Kriegsschauplätze zustrebten und dort der russischen Armee in die Flanke fielen. Der Oberhäuptling Adachi hat damals nicht weniger als 15000 Reiter mit neuzeitlichen Waffen ausgerüstet. Schon träumten die Mongolen davon, eine Wiederauferstehung der Zeiten Tschingiskhans feiern zu können. Nicht minder erzielten jene Sendboten dadurch Erfolge, daß sie die Buriatenbevölkerung diesseits und jenseits der Grenze zu einer Störung1 der sibirischen Bahn aufstacheltenc An mehreren Stellen südöstlich vom Baikalsee wurde denn auch tatsächlich die Bahn unterbrochen, allerdings nicht für sehr lange. Selbst die christlichen Buriaten waren damals nicht gut auf Rußland zu sprechen, weil eine Abordnung von ihnen in Petersburg unfreundlich empfangen worden war. Lediglich infolge von bureaukratischem Mißgeschick, nicht etwa aus besonderen politischen Gründen. Nachdem Kriege haben dieSendlinge ihre Wühlarbeit wieder eifrig aufgenommen. Ist es ja doch für Japaner besonders leicht, unbemerkt die Mongolei zu durchreisen, da der japanische Typus dem mongolischen sehr nahe steht und z. B. von ihm viel weniger abweicht als von dem chinesischen. So manche japanischen Errungenschaften stammen aus der Mongolei, so das kleine Steppenpferd, der spitze breitrandige Hut und sonst noch das eine oder das andere in der Tracht. Der eben erwähnte Name Adachi kommt auch in Japan nicht selten vor. Diesmal aber scheint die Propaganda überwiegend kirchlicher Art gewesen zu sein. Der Fürstabt der Wanjan-Sekte sandte eifrige Jünger aus Japan, um das Gelände vorzubereiten. Die Tätigkeit dieser Männer war so auffallend, daß trotz aller Heimlichkeit, in der ja die Japaner Meister sind, Mongolen, Chinesen und auch Russen aufmerksam wurden. Was tat nun inzwischen der Dalai-Lama? Vertrieben von den Engländern, floh er, wenige Tage bevor die britischen Truppen Lhassa erreichten, aus seinem Palast zu Potala und ging zunächst nach Urga, wo ihn sein Nebenbuhler Gegen mit saurer Miene empfing und wo zum erstenmal Europäer, darunter der berühmte russische Forschungsreisende Kosloff mit ihm zusammentrafen. Von, Urga ging der verbannte Kirchenfürst nach Kumbun im Tangutenlande, wo ihn der Deutsche Tafel und verschiedene andere Reisende trafen. Nach einem Aufenthalt, der ungefähr ein- Jahr dauerte, begab sich dann der Dalai-Lama nach Peking. Aus dieser Zeit ist besonders anziehend die Beschreibung, die der französische Major d’Ollone von dem Verbannten, den er in Wo-Tai-Tschan traf, gegeben hat. Tubdan-Gyatso war damals 35 Jahre alt. Sein Gesicht bekam durch den starken Schnurrbart einen gewissen kriegerischen Ausdruck, während sein Gesicht im übrigen nur von tiefer Ermüdung und Abgespanntheit sprach. Ihrem Schnitte nach weichen sie von dem eines Europäers nicht viel ab, aber merkwürdig ist die Gesichtsfarbe: sie ist nämlich geradezu orange. Stellt man sich dazu noch vor, daß der Dalai-Lama einen langen orangefarbenen Mantel, gelbe Hosen und hohe gelbe Stiefel trug, so kann man sich wohl den einigermaßen phantastischen Eindruck vergegenwärtigen, den dieser „Papst in Gelb“ auf den Franzosen hervorbringen mußte. Er war barhäuptig und sein Haar kurz geschnitten. Die Unterhaltung zwischen d’Ollone und dem Dalai-Lama war etwas schwierig. Es gehörten dazu drei Dolmetscher. In Peking wurde der Verbannte zwar ehrenvoll aufgenommen, aber von dem weltlichen Arm vollkommen an die Wand gedrückt. Nur wenige Tage vor ihrem Tode, Herbst 1909, Unterzeichnete die Kaiserin Tsü-Hsi einen Erlaß, in dem dem Dalai-Lama sein Standpunkt gehörigklar gemacht wurde. Das Ergebnis war, daß der Dalai-Lama hinfort sich nur als einen Vasallen zu betrachten hatte, der die von Peking ausgehenden Geheiße gehorsam zu befolgen hatte. Wiederum ein Jahr brachte er auf der Rückreise nach Tibet zu. Unterdessen waren die Chinesen nicht untätig gewesen, der Vizekönig von Szetschwan hatte eine ansehnliche Streitmacht zusammengebracht und marschierte mit ihr nach Lhassa. Nur zwei Monate weilte der Dalai-Lama in seinem Palaste zu Potala, als er von dem Herannahen jener Streitmacht hörte. Da floh er abermals, diesmal nach Indien; jetzt ist er in Kalkutta.

Die Japaner sind auf jeden Fall mit Tubdan-Gyatso in Verbindung getreten. Auch in Indien war dies eher noch leichter als früher, da ja Scharen von Fremden, sogar von Europäern, beständig bei dem Dalai-Lama aus- und eingingen. Aber die klugen Ratgeber des Mikado hatten mehr als einen Pfeil im Köcher. Mit dem englischen Bündnis, mit den kirchlichen Treibereien in Hochasien noch nicht zufrieden, knüpften sie auch mit ihren Feinden von gestern, mit den Russen wieder an und schlossen mit ihnen Ende Juni 1910 ein Bündnis ab. Die Spitze dieses Bündnisses richtet sich gegen das Reich der Mitte. Vielleicht zielte es auch noch auf andere Möglichkeiten, aber die können wir hier außer acht lassen; in jedem Falle war es einer der seltsamsten Saltomortale, die bisher noch nie die Weltpolitik erlebt hat. Die Solidarität der gelben Rassen gesprengt und der Malaio-Altaier Schulter an Schulter mit dem Slaven, um gegen die „100 Familien“ zu fechten. China hat denn auch schon längst die Gefahr erkannt, die ihm von beiden Gegnern droht und hat in den letzten jahren die Auswanderung aus dem eigentlichen China nach den Außenprovinzen auf jede Weise begünstigt. Man rechnet, daß mehrere Millionen Chinesen in den letzten Jahren in der Mandschurei und Mongolei sich angesiedelt haben. So sollte ein lebendiges Bollwerk gegen die Angriffe von Norden und Osten errichtet werden.

Nun kommt aber das Inselreich mit seinem Meisterstreich. Es will sowohl den Russen als auch den Chinesen ein Paroli bieten und will eine Staatengruppe auf der Grenze zwischen Zarenreich und dem Blumenkönigreich errichten. Natürlich hofft es in jener Gruppe den maßgebenden Einfluß ausüben zu können. Damit wäre die Entwicklung auf das Kalmückenreich von 1700 und auf die Staatsbildungen im ersten aachchristiichen Jahrtausend zurückgeführt.

Zugleich bemühte sich Japan, stark um die Freundschaft der Türkei. Seit den Tagen des Prinzen Konoje, der 1898 die ostasiatische Gesellschaft in Tokio gründete, und der feurig ein Zusammengehen von China und Japan befürwortete, ist die Sehnsucht der Mikadoleute stetsauf einen Zusammenschluß asiatischer Kräfte gegenüber den Weißen gerichtet gewesen. Sehr bald erweiterten sich die japanischen Pläne von einer ostasiatischen zu einer allasiatischen und von dieser sogar zu einer allorientalischen Vereinigung, die bis zu den Gestaden Marokkos ihre Fühlfäden ausstrecken sollte. Das Anklopfen an der Hohen Pforte war zunächst erfolgreich. Im Dezember 1910 wurde beschlossen, eine japanische Botschaft in Konstantinopel und eine türkische in Tokio zu errichten.1 Dadurch kam der Mikado in mittelbare Berührung mit dem mitteleuropäischen Block. Zwar besteht sicherlich keine Militärkonvention zwischen Deutschland und der Türkei, obwohl die unaufhörlichen Reisen von der Goltz’ eine solche glaubhaft zu machen geeignet wären; eine Konvention ist aber auch gar nicht nötig, da sich die Waffenbrüderschaft im Ernstfälle von selbst ergeben würde. Ein neuer Dreibund zwischen Deutschland, Österreich und der Türkei, ein Bund, der sich von der Nordsee bis nach dem persischen Golf erstreckt, wurde damals in die weltpolitische Rechnung eingestellt. Die türkisch-japanische Annäherung wäre auch für diesen neuen Dreibund von Wichtigkeit. Einstweilen jedoch wurde die Annäherung noch vertagt.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
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Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
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Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
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Männer; Völker und Zeiten

Abbildungen Propaganda Poster der norwegischen Partei "Nasjonal Samling" (1933-1945)