Schlagwort: Propheten

Abbildungen Die Bamberger Apokalypse-Miniaturen der Apokalypse

In allen islamitischen Ländern ist die Regierung die mittlere Linie zwischen dem demokratischen Sinn der Bevölkerung und der absoluten Vollmacht des Kalifen. Der Koran predigt ja, daß alle Mohammedaner Brüder, alle einander gleich seien. In der Tat ist denn auch der Sohn einer Negerin genau so erbberechtigt, wie der Sohn ihrer begünstigteren hellhäutigen Nebenbuhlerin. Auch sind der Rassenanlage nach die meisten Träger des Islam, namentlich Türken und Araber, demokratisch. Bei den neuesten Vorgängen haben die Ulema ausdrücklich erklärt, und zwar selbst die, die in Konstantinopel bei der Gegenrevolution mitgewirkt hatten, daß der Sultan die Verfassung nicht wieder antasten dürfe, und daß jeder Muslem nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet sei, dem Sultan im Falle einer Übertretung zu widerstehen. Der Sultan ist vor allem den Bestimmungen des Koran unterworfen, sodann den Ordnungen der Multeka, einer Sammlung von Sprüchen und Entscheidungen, die Mohammed und seine ersten Nachfolger getan haben. Dagegen wird das Kanon-Nameh Suleimans des Glorreichen, eine Sammlung von Hatti-Scherifs Suleimans selbst und seiner Vorgänger, zwar sehr geachtet, ist jedoch nicht bindend. Es gibt allerdings gefällige Gesetzesinterpreten, die, z. B. von der Tatsache ausgehend, daß der Prophet nur vier legitime Frauen erlaubt, und selber doch vierzehn besessen habe, die Meinung aufstellen, dem Kalifen sei schlechterdings alles gestattet. In jedem Falle hat sich der Absolutismus so mancher Sultane tatsächlich einfach über die Bestimmungen des Korans hinwegsetzt.

Der Sultan ernennt selbst — auch beim neuesten Regime — die zwei höchsten Reichsbeamten, den Sadrazan (Sdar-azam, persisch) oder Großwesir als oberste weltliche Autorität, und den Scheich ül Islam, das Haupt der Kirche. Bei der Wahl des letztgenannten haben jedoch die Ulema, die man demnach den Kardinälen vergleichen kann, mitzuwirken. Die Ulema stellen aber zugleich die obersten Juristen und besetzen die Theologieprofessuren. Ihnen eng verbunden sind die Mufti, die Ausleger des Korans. Westliche Einflüsse in der Verwaltung enthält zuerst das Hatti-Hamayun von 1856. Dem Großwesir steht ein Kronrat oder Medschlis i Haß zur Seite.

Bekannt genug ist die Einteilung des Reiches in Vilajets, Sandschaks, Kazas und Nahiets, die einem Wali, Mutessarif, Kaimakan und Mudir unterstehen. Wali kommt, was vielleicht weniger bekannt ist, aus dem Arabischen, wo es ursprünglich „oben“ bedeutet. Dieselbe Wurzel steckt im Vilajet, wo es lautgesetzlich ebenso von Wali gebildet ist, wie Kilafyet von Kalif.

Im übrigen ist das Osmanenreich zur größeren Hälfte nur Fortsetzung des byzantinischen. Selbst der Halbmond ist ursprünglich wahrscheinlich byzantinisch.

In der Bevölkerung bildet den Hauptunterschied die Religionsangehörigkeit. Nur die Mohammedaner sind verpflichtet, ja nur sie berechtigt, Waffen zu tragen und in den Krieg zu ziehen. Die Christen oder Rayah sind ohne weiteres die Untergebenen der Mohammedaner. So will es ausdrücklich der Koran. Mithin ist schon dadurch das Gesetz des Korans übertreten worden, daß später die Juli-Revolution Gleichheit aller Konfessionen bestimmte. In einem islamitischen Staate ist eine derartige Gleichheit schlechterdings nicht durchzuführen. Angenommen, das Waffentragen könnte allen Bürgern zugestanden werden, so ist schon allein das Eherecht eine Klippe, an der die Gleichheit vor den Gerichten scheitern muß. Ist doch für die Christen die Einehe gesetzlich, während für die Anhänger des Propheten die Vielehe, wenn nicht geboten, so doch vollkommen legitim ist. Auf der anderen Seite ist aber ebenfalls das Gesetz des Korans von dem absolutistischen Regime und seinen Trabanten außerordentlich oft in der Vergangenheit und vielfach auch in der Gegenwart verletzt worden, insofern der Koran zwar zur Bedrückung der Ungläubigen auffordert, allein ihr Leben unter Schutz stellt. Rein praktisch war ja auch eine Ausrottung der Ungläubigen nicht durchzuführen, aus sehr begreiflichen Gründen war vielmehr deren Erhaltung im Interesse des Staates. Denn die Rayah zahlten eine Kopfsteuer, die, namentlich in den ersten Jahrhunderten der arabischen Eroberung, den Hauptstock der Staatsfinanzen bildete.

Für die islamischen Herren war es dabei stets, auch in Nordafrika und Persien, von der größten Bedeutung, daß die Christen durch ihre konfessionellen Streitigkeiten gespalten waren und noch sind. Noch im Jahre 1881 wollten die römisch-katholischen Albanesen lieber mit den Mohammedanern als mit den griechisch-unierten Montenegrinern Zusammengehen. Im Februar 1909 lehnten sich die arabischen Christen gegen die griechisch-unierten auf, und es kam in Jerusalem zu blutigen Zusammenstößen. Von den Nestorianern und Armeniern haben sich viele der englischen Hochkirche angeschlossen, während 1898 an 15000 Ne-storianer in das Lager der russischen Prawoslavie übergingen. Auf der islamischen Gegenseite freilich fehlt es auch nicht an Spaltungen. Die Wahabiten, deren Sekte seit rund 1720 besteht, haben so manchen Padischah arg zu schaffen gemacht. Noch in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts haben verschiedene Wahabitenfürsten, darunter der berühmte Jahja, die Vilajets Asyr, El Hasa und das Nedschd von der Herrschaft des Kalifen losgerissen. Am fühlbarsten war stets die Kluft zwischen Sunniten und Schiiten. In der jüngsten Zeit soll sich die Zahl der Schiiten in Mesopotamien, besonders in der Nähe von dem schiitischen Wallfahrtsort Kerbela, wesentlich vermehrt haben. Auch einige wenige Kurdenstämme sollen, wie ich bei meiner Reise durch Adherbaitschan hörte, der Schia anhängen. Genaueres ist darüber nicht zu erfahren. Andere Kurdenstämme gehören der pantheistischen Sekte der Kisilbaschi an, die im Grunde mit dem Islam ebensowenig zu tun hat, wie der Sufismus. Auch im Libanon ist eine Sekte, die sich mit den orthodoxen Satzungen des Islams in Widerspruch befindet. Nichtsdestoweniger ist aber doch die religiöse Einheit bei der mohammedanischen Bevölkerung des osmanischen Reiches viel stärker ausgeprägt als bei der christlichen.

Um so größer sind sowohl bei den Mohammedanern als auch bei den Christen die Unterschiede und Spaltungen der Volkheiten und Rassen. Im ganzen Reiche gibt es zum mindesten ein Dutzend verschiedener Rassen, als da sind: Türken, Slaven, Griechen, Albanesen, Wlachen, Armenier, Tscherkessen, Lasen und Georgier, Jyrücken, Kurden, Syrer und Araber; Juden, Zigeuner und Levantiner nicht einmal mitgerechnet. Im allgemeinen gehören die einzelnen Rassen ausschließlich ganz bestimmten Religionen, an, eine Ausnahme machen jedoch Albanesen und Araber, die sich in Islam und Christentum teilen. Von den Georgiern bemerke ich, daß im Gegensatz zu ihren christlichen Volksgenossen im Kaukasus die Engeloj Mohammedaner sind. Natürlich gibt es noch eine große Menge von Konvertiten, die teils ganz in das Türkentum aufgehen, wie einst die Janitscharen, wie noch in der Neuzeit der Magdeburger Osman Pascha und der polnische Graf Tschaikowsky, der um 1880 Wali des Libanon wurde.

Um in der Erscheinungen Flucht einigermaßen festen Boden zu gewinnen, wird ein Überblick über die Kopfzahl der einzelnen Nationen von Nutzen sein. Allerdings muß man eine Unsicherheit in der Statistik mit in Kauf nehmen, an der außer Japan alle orientalischen Staaten kranken. Sie erklärt sich durch den Chauvinismus der Bewohner, die gern ihre Kopfzahl viel zu hoch angeben, so daß bei Schätzungen zwischen ihnen und ihren Gegnern Unterschiede von ungefähr 1000% Vorkommen; so schätzensich dieSerben von Mazedonienselbstauf zwei Millionen ein, während die Bulgaren sie nur auf zweihunderttausend berechnen. Da würde die Wahrheit nicht einmal in der Mitte liegen, sondern man muß eine weit geringere Zahl als richtig erkennen. Zu diesen Schwierigkeiten allen gesellt sich noch für die Statistik die sehr beträchtliche Einwanderung, die seit 1855, und stärker seit 1877 stattfand. Im Jahre 1902 haben sich die Mohammedaner Anatoliens laut einer Schätzung des Obersten von Diest seit dem russisch-türkischen Kriege fast verdoppelt, und von der Goltz Pascha erzählt uns von ganzen osmanischen Dörfern, die er zu seinem Erstaunen im Östlichen Mazedonien vorfand, ohne daß sie auf den Karten irgendwo verzeichnet gewesen wären. Die Geometer, meist christlichen Glaubens, hatten es eben nicht für nötig gefunden, die große Zahl der Mohammedaner noch besonders hervorzuheben. Der Zensus aber hängt, wie überall, mit dem Steuersystem zusammen, und so erklärt es sich, warum sich viele der Statistik entziehen. Auf Grund dieser vielen Mißstände ist es ziemlich schwierig, auch nur annähernd zuverlässige Zahlen anzugeben. Doch sei folgende Aufstellung versucht.

Hübner-Juraschek nimmt nur 24 Millionen an. Ebenso das Statesmans Yearbook. Beide nach den offiziellen Schätzungen. Nicht nur in der Hauptzahl, auch in den Zugehörigkeiten der Einzelzahlen herrscht, wie schon angedeutet, viel Unstimmigkeit. So beanspruchen namentlich die Hellenen die griechisch redenden Albanesen und Wlachen für sich, was deren jüngst erwachter Nationalismus aber nicht bestätigen will.

Ein Hauptproblem türkischer Politik bildet der Nationalitätenkampf. Araber undTürken hassen sich gegenseitig, wie jüngst wieder zwei vortreffliche Kenner, Hartmann und der Graf Mülinen, betont haben. Der Türke sieht mit Verachtung auf die ungeleckten Kurden herab. Der Albanese geht oft mit dem Türken, aber er fühlt sich doch sehr deutlich und sehr bestimmt als ein ganz anderer Mensch. Daß weder Kurden und Armenier noch Bulgaren und Serben und Griechen an einem Strange ziehen, ist bekannt genug. Der beständige Wechsel der Gruppierungen der Volks- und Bandenbündnisse, der in den letzten zehn Jahren Platz gegriffen hat, könnte einem Spezialisten der Variations und Permutationsrechnung ein gutes Material abgeben. Die Griechen waren vor allem und seit Jahrhunderten gegen die Slaven. Dann beehrten sie, besonders seit den Albanisierungs-bestrebungen des großen Ali Pascha Tepelenli die Albanesen mit ihrer Feindschaft; im Anfang des 20. Jahrhunderts entflammten sie plötzlich in heller Wut gegen die Rumänen und Wlachen, sie gingen sogar, trotz 1897, wieder mit den Türken. Dieses Paradigma kann man ähnlich auf Albanesen und Kurden und ütti quanti anwenden.

Am wichtigsten ist die Arabische und die Albanische Frage. Es war schon von den Bestrebungen arabischer Kreise die Rede, kraft deren das Kalifat auf einen Araber übertragen werden sollte. Die Anschauungen und Bemühungen der Senussi und verwandter Orden gehen denen der jetzigen Reformer, der verächtlich Pariser oder Ferengy-Türken genannten, entgegen. Andererseits haben jene eifrigen Verteidigerder koranischen Weltanschauung doch auch westliche Gedanken aufgenommen. In Ägypten haben sich mohammedanische Freimaurerorden aufgetan, und stehen mit englischen, politisch stark gefärbten Freimaurern in reger Verbindung. Der scheinbare Widerspruch solcher Bestrebungen spiegelt sich in dem Widerspruche englischer Politik. Denn die Liberalen haben sich seit der Zeit Gladstones, wenigstens theoretisch, stets für die unterdrückten und nach Emanzipation ringenden Völker erwärmt, während sie doch gleichzeitig die britischen Interessen wahrnahmen und sich daher manchmal gerade gegen jene Emanzipationsgelüste stellten. Das hat man in den Tagen Cannings und Palmerstons wie auch 1882 bei der Beschießung Alexandrias gesehen. Und wollten die Liberalen nicht, so wurden sie eben von den Konservativen, den Unionists, abgelöst, die sich nicht an etwaige Abmachungen ihrer Vorgänger im Amte hielten. Die Arabische Frage greift selbst bis nach Persien und nach Marokko hinüber. Eine persische Provinz, Chuzistan, ist zur größeren Hälfte von Beduinen bewohnt, und wie sehr die arabisch-panislamitische Agitation in Nordafrika den Franzosen zu schaffen machte, ist ja genugsam bekannt.

Zwar nur auf ein kleines Gebiet beschränkt, aber in ihren inneren Gegensätzen und ihren äußeren Ausstrahlungen nicht minder verwickelt, ist die Albanische Frage. Lediglich um ihre Nationalität zu retten, sind einstens viele Albanesen zum Islam übergegangen. Ihr Volkstum stand ihnen höher als die Religion. In der Gegenwart hat dies Gefühl einen weiteren Schritt gezeitigt. Christen und Mohammedaner haben sich zusammengeschlossen. Das geschah schon 1879. Dann griffen wieder Stammesfehden Platz. Neuerdings aber wurde ein allalbanischer Kongreß abgehalten, der im November 1908 zu Monastir zusammentrat. Die Albanesen wollen weder ein Vorrücken der Griechen noch ein Übergewicht italienischen Einflusses. Sie bekämpfen offen eine Vormacht der Türken und halten sich sehr reserviert gegenüber dem Gedanken einer Annäherung an Österreich. Am liebsten möchten sie die Autonomie. Da sie sehr wohl wissen, daß sie sich mit ihrer geringen Zahl im Wechselspiel der Großmächte nicht allein behaupten können, so erkennen sie die Notwendigkeit eines Schutzes an. Als Suzerän wäre ihnen der Herrscher am liebsten, der ihnen am meisten Freiheit im Innern gewährte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Die Ausdehnung der Araber, die schon lange eingesetzt hatte, hat nach 600 ein unerhört rasches Tempo angenommen. Einer der wenigen Propheten, die zugleich Staatsmänner und Feldherrn waren, Mohammed war der Urheber der neuen Phase. Im Jahre 622 wurde er aus Medina vertrieben. Sein Auszug, arabisch Hedschra,. aus der Stadt Medina ist der Anfang der mohammedanischen Ära. Bald nach seiner Demütigung erlebte der Prophet seinen höchsten Glanz. Er wurde erst von den meisten Beduinen und dann auch den Städtern anerkannt. Mekka und Medina, die schon vorher Hauptkultstätten und Mittelpunkte des arabischen Lebens gewesen waren, erhob er zu den heiligen Stätten des Islams. In nur 80 Jahren nach seinem Tode, der 631 eintrat, hatten die Araber alle Länder überrannt, von den Toren Konstantinopels bis nach Zansibar, von dem indischen Pend-schab bis Spanien. Im Jahre 635 war Syrien und Damaskus, 641 war Ägypten, 652 Persien gefallen; 680 folgte Turkistan, seit 711 Spanien und ein Teil Indiens. Von 706—716 wurde Konstantinopel hart belagert, aber das griechische Feuer wurde erfunden und rettete die Byzantiner. Noch zwanzig Jahre später durchzogen arabische Heere Südrußland, Südfrankreich und Südmarokko. Im Jahre 846 erstürmten die Araber einen Teil von Rom, erbauten Raubburgen in Piemont und wagten sich sogar bis in die Schweiz und noch später nach Ungarn vor. Die Nachfolger des Propheten, die zugleich seine geistliche wie seine weltliche Würde erbten, nannte man die Kalifen. Sehr bald kam es zwischen ihnen zu erbitterten Fehden und Thronstreitigkeiten, durch die aber die Erfolge nach außen nur wenig aufgehalten wurden.

„Heil und Heimat der Semiten ist die Wüste, der Germanen Wald und Berg, der Turanier die Steppe.“

So Alexander von Peez. Unsere Nebenbuhler um die Weltherrschaft waren nicht tüchtiger als wir, wenn jedoch ihre Reiche viel größere Ausdehnung gewannen als die germanischen, so hatten sie eben die Gunst der Lage für sich. Vom Altai und Tarbagatai bis nach Holland dehnt sich die ungeheure Ebene. Nirgends ein Hindernis als die Flüsse, und auch die waren mit Ausnahme der westlichsten im Winter gefroren, daher die turanischen Eroberer ihre Züge gern in den Winter verlegten. Ganz ähnlich bot den Arabern die Wüste einen „bequemen Durchgang nach Mesopotamien und Indien, nach Ägypten und Marokko. In der Wüste ist leicht zu marschieren, leicht zu reiten. Man gelangt daher, wofern nur, was auch nicht überschwer ist, für Wasser gesorgt ist, gut und schnell vorwärts. Die Wüste ist weiterhin, worauf noch mehr ankommt, nicht oder wenig bewohnt. Die Schranken der Natur sind nie so schlimm, wie Hindernisse von Menschen aufgeführt. Man kommt heute noch leichter nach den Polarregionen, als nach Afghanistan, als zu den Berbern von Ostmarokko. Mithin ist die Unbewohnbarkeit der Wüste wie der nordsibirischen Taiga geradezu ein unschätzbarer Vorteil für durchziehende Heere. So läßt es sich erklären, daß die Türken in 30 Jahren (rund 550—580) von Schantung bis Konstantinopel streiften, daß die Kosaken in 40 Jahren (bis 1643) vom Ob bis an das Ochozkische Meer kamen, und so auch, daß die Araber in je 6 Jahren einmal Ägypten bis Tripolis und dann die Gegenden von Tripolis bis zum Atlantischen Meere in Besitz nehmen konnten.

Zur ersten Landnahme erschienen 40000 Araber unter Abdallah Ben Said — eine enorme Zahl bei der Geringfügigkeit der Bevölkerung in den östlichen Oasen. Beim zweiten Zuge wurde bereits eine arabische Stadt, das rasch aufblühende Kaiman gegründet. Doch konnte an der Küste, namentlich in Karthago die byzantinische Herrschaft noch nicht beseitigt werden, was erst bedeutend später (692) gelang.

Die Ursitze der Bantu sind an den großen Seen und ostwärts. Eine Wanderung der Bantu hat vor Christi und eine zweite um rund 700—900 eingesetzt. Die Wanderströme gingen südwärts; ihre Spuren verrät noch gelegentlich ein Ortsname. So hieß Natal in früheren Zeiten Embo, woraus zu schließen, daß ein Strom der Or-ambo nach der Ostküste, ebenso wie nach der Westküste Südafrikas flutete. Andere Wanderungen bewegten sich der Guineaküste zu, den Kongo abwärts und nach Nordwesten zu dem Kamerunberge.

Die Anfänge der Malaien liegen noch ganz im Dunkeln. Es ist möglich, daß Urstämme von ihnen an den Südosthängen Tibets saßen. Die eigentlichen Malaien entstanden in Malakka und Sumatra. Leider sind wir aber bei ihnen nicht so günstig gestellt, wie bei den Dravida, von denen Megastenes schon 300 v. Chr. einige Zahlwörter überliefert. Die Urmalaien gelangten einerseits nach Japan und, was nicht ausgeschlossen, sogar bis zur Küste Kolumbiens und Perus; andererseits nach Java und im Westen bis Madagaskar. Für den Weststrom haben wir einen zeitlichen Anhalt an den Sanskritwörtern, die in das Madegassisch eingesprengt sind und die zum mindesten einen nachchristlichen Ursprung der — immerhin recht altertümlichen — Madagaskar-Malaien dartun. Die Urmalaien mischten sich mit Melanesiern und Papua, mit urtümlichen Waldstämmen, deren kümmerliche Reste noch jetzt im tiefsten Innern von Borneo und Celebes leben, weiters mit Verwandten der Mon Khmer und, so denke ich, auch mit etwas Hindublut. Mit 600 n. Chr. scheint eine größere — zweite — Wanderung der Malaien zu beginnen. Wir wissen von Einfällen der Inselbarbaren um diese Zeit in Fokien, auf den Liukiu und in Japan. Um rund 800 entstehen die ersten Schriftdenkmäler der Malaien, die uns erhalten sind, sie stammen aus Java. Erst gegen 1200 erfolgt dann eine weitere Ausdehnung nach der Eilandflur der Südsee.

Die Südrassen werden gleich den Nordrassen in die Kulturwelt einbezogen, die sich jetzt über den 50° N und bis jenseits des Gleichere erweitert. Koreaner, Japaner, Annamiten werden von der chinesischen Kultur erobert; die Mon-Khmer, die Dra-vida urid die Sunda-Malaien von der indischen, die Bantu von der arabischen, die Berber von der römischen und arabischen Kultur. Von den Nordrassen verfallen Hunnen und Tungusen dem Reich der Mitte, die Tibeter und Barmaner teils der chinesischen, teils der indischen Bildung, die Horden Turkestans der iranischen, die Germanen der römisch-griechischen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
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Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung

Männer; Völker und Zeiten

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Das sechste Jahrhundert ist nicht nur die Zeit der ersten wirklichen Weltmacht, sondern auch die Zeit einer die Erde umspannenden geistigen Bewegung. Die Epoche, in der die homerischen Lieder gesammelt wurden, hatzugleich die Sammlung religiöser Überlieferungen hervorgebracht. Bei den Chinesen hat dies Konfuzius getan. Bei den Hindu trat Buddha auf, der zwar gegen die Macht der Priester, gegen das Brahmanentum ankämpfte, der aber doch auch viel von dem indischen Geiste in sich verkörpert. Die Juden vereinigten ihre priesterlichen, rechtlichen, politischen und dichterischen Überlieferungen der älteren Zeit zu der Thora, dem Kern des alten Testamentes; dazu kamen die Reden und Schriften der Propheten. Das waren Agitatoren und Journalisten, die ihr Volk zu kühner Tat anspornen wollten und die nicht einmal vor des Königs Gebot zurückwichen. In der hellenischen Welt wirkte eine ganze Anzahl von Philosophen, deren Lehren bis in die Gegenwart die Grundlagen unseres erkenntnistheoretischen Denkens geliefert haben. Dualismus und Monismus, Pantheismus und Monotheismus, Empirismus, Materialismus und Atomlehre ist eben so gut schon bei den „jonischen Naturphilosophen“, bei einem Thaies, Anaximander, Herakleitos, Pythagoras (dessen Geschichtlichkeit freilich angezweifelt wird), Theophanes und Empedokles vertreten, wie auch Okkultismus und Mysticismus. Alle diese Denker, Religionsstifter und Propheten lebten in dem gleichen Zeiträume, der um rund 500 zu Ende geht. Gewöhnlich wird in diese Epoche auch Zarathustra gesetzt, der Heiland der Perser. Es ist sehr merkwürdig, daß in allen Ländern vom stillen Ozean bis zum tyrrhenischen Meere dieselbe Bewegung gleichzeitig auf taucht. Die verschiedenen Völker waren eben, ein jedes selbständig, zu der gleichen Stufe der Entwicklung gelangt. Nur in wenigen Fällen läßt sich eine Wechselwirkung zwischen den Religionen und philosophischen Systemen der einzelnen Länder vermuten, so zwischen Indien und Griechenland. Im übrigen hat auch noch die alte ägyptische Geheimlehre der Priester auf die griechischen Denker eingewirkt.

Der ganz Eurasien umspannenden geistigen Bewegung ging eine Ausweitung des geographischen Horizontes parallel. Um 600 sollen phönizische Schiffer ganz Afrika umsegelt haben, freilich entstehen hier zwei Fragen, nämlich einmal ob die Um-segelung überhaupt ihre Richtigkeit hat, sodann, wenn die Sache geschah, ob sie zum erstenmal geschehen ist.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

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Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
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