Schlagwort: Rasse und Nation

Wir wollen nicht mißverstanden werden:

Wir leugnen nicht die Seele, wenn wir die artgemäße Schönheit unserer Art als volksverpflichtende Frage des Blutes bejahen. Wir glauben nur, daß die Seele ebenso der Artbedingtheit unterworfen ist wie der Leib. Denn wie ließe es sich sonst erklären, daß es Feiglinge und Helden, vaterlandslose Gesellen und pflichtbewußte Landesverteidiger gibt!

Weil das alles aber so ist, muß uns das Weib guter Art, das gesunde Mädchen wertvollen Blutes wieder das werden, was es unseren Vorfahren schon war: heilig! Das Wort „heilig“ sagt, daß es uns „Heil“ bringen soll: wie uns „mächtig“ die „Macht“ und „zornig“ den „Zorn“ bringt. Das gutgeartete, gesunde Mädchen unseres Blutes soll uns wieder „Heil“ bringen.

Das Weib ist wie der Acker, der den Sämann braucht, um Korn wachsen lassen zu können. Und wie der Acker die Güte der Frucht bedingt, bedingt die Frau den Wert des Kindes.

Nachdem wir in diesem Jahrhundert gelernt haben, daß es eine Vererbung der menschlichen Eigenschaften gibt, ist es eine Folgerung des gesunden Menschenverstandes, sich auch den Gesetzen der Zucht zu unterwerfen. Mag es vor einem Vierteljahrhundert, ja, bis in unsere Zeit hinein noch einen entwertenden Beigeschmack gehabt haben, Gedanken der Zucht auf den Menschen übertragen zu wollen, so zwingen uns heute die neuen Erkenntnisse von der Vererbung und damit unser Wissen von der Heiligkeit unseres Blutes dazu, die Zucht zur Grundlage staatlicher Vernunft zu erheben.

Zucht als angewandtes Wissen von der Vererbung muß zum Hochziel strebenden Menschentums werden: Das ist die Aufgabe unserer Zeit.

Wenn Nietzsche ahnend forderte: „Nicht fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf“, so wird nunmehr seine seherische Hoffnung für uns eine wissende und damit verpflichtende Haltung gegenüber unserem Volk und unserem Blute. Man kann geradezu Voraussagen, daß das XX. Jahrhundert nicht das Jahrhundert der Technik sein wird. Sondern der Blutsgedanke und das Wissen von der Vererbung werden zum tragenden Gedanken unseres Jahrhunderts werden und werden schließlich sein Gesicht zeichnen. In der Forderung nach einer ahnenverantworteten Zucht und ihrer Bejahung innerhalb unseres Volkes wird dieses Jahrhundert seinen geprägten Ausdruck finden.

Es ist von der Vorsehung so bestimmt, daß der Same des Mannes im Schoße des Weibes zum Keime werde, aus welchem die Frucht sich entfalte, und ein neuer Mensch schließlich entsteht. Im ewigen Kreislauf des Seins vollzieht sich dieses Gesetz zur Erhaltung der Art.

Das Weib ist wie der Acker, der den Sämann braucht, um Korn wachsen lassen zu können. Und wie der Acker die Güte der Frucht bedingt, bedingt die Frau den Wert des Kindes. Gewiß, auch ein guter Acker versagt, wenn er schlecht gepflegt wird oder schlechte Saat erhält; aber sicher ist auch, daß die beste Saat nichts nutzt, wenn der Acker nichts taugt. Man kann auch ein anderes Gleichnis wählen: Wie ein guter oder schlechter Spiegel das Bild gut oder schlecht wiedergeben kann, so bestimmt das Blut der Mutter das Wesen des Kindes. Das Blut der Mutter bestimmt, wie der Vater sich in seinem Sohn wiederfindet. Wo das Blut der Mutter gut ist, wird der Vater sein Wesen wiederfinden oder gar gesteigert wiederfinden; wo das Blut der Mutter unterwertig, krank oder faulig war, wird der Sohn den Vater nicht erreichen oder gar ihm Schande bereiten.

Weil das alles aber so ist, muß uns das Weib guter Art, das gesunde Mädchen wertvollen Blutes wieder das werden, was es unseren Vorfahren schon war: heilig! Das Wort „heilig“ sagt, daß es uns „Heil“ bringen soll: wie uns „mächtig“ die „Macht“ und „zornig“ den „Zorn“ bringt. Das gutgeartete, gesunde Mädchen unseres Blutes soll uns wieder „Heil“ bringen.

In ihr wollen wir den schönsten, weil zukunftsträchtigsten Ausdruck unserer eigenen Art verehren. Wer sich verantwortungslos an ihr vergreift, ist ein Volksschädling: Dies muß auch zum neuen Gesetz einer neuen Zeit erhoben werden.

Das alles sind völlig neue Gesichtspunkte, die eine Neuordnung unseres Denkens in weitestem Umfange erfordern. Ein Beispiel: Auf das letzte durchdacht, ist dann die gesunde Schönheit des artgemäßen Weibes unseres Blutes nicht mehr nur eine Frage des Kunstgeschmackes oder ichbezüglichen Kunstgenusses, sondern wird zum Ausdruck unserer im Blute verankerten heiligsten Güter. Schönheit als Ausdruck der Art ist damit eine Aufgabe und eine Verpflichtung zugleich. Die Erziehung des Volksgenossen zum Erkennen der artgemäßen Schönheit und ihre Anerkennung an sich wird damit zu einer edlen Aufgabe des Staates, die um so umfassender ist, je eindeutiger sich der Staat zum Blute seines Volkes bekennt.

Wir wollen nicht mißverstanden werden: Wir leugnen nicht die Seele, wenn wir die artgemäße Schönheit unserer Art als volksverpflichtende Frage des Blutes bejahen. Wir glauben nur, daß die Seele ebenso der Artbedingtheit unterworfen ist wie der Leib. Denn wie ließe es sich sonst erklären, daß es Feiglinge und Helden, vaterlandslose Gesellen und pflichtbewußte Landesverteidiger gibt! Erst aus dem Zusammenklang von Leib und Seele entsteht das Bewußtsein als Anfang und Grundlage des menschlichen Verstandes und der gestaltenden Vernunft. Aus dem Bewußtsein heraus gestaltet erst der Mensch die ihn umgebende Welt zu jener Ordnung, welche ihm seine innere Stimme befiehlt und die daher zweifellos seelischen Ursprungs ist.

Wir leugnen daher nicht die Seele, wenn wir den Leib bejahen. Wir teilen nur beiden, dem Leibe sowohl wie der Seele, den entsprechenden Anteil am Zustandekommen des vollkommenen Menschen seiner Art zu. Eine edle Seele mag einen unedlen Körper durchleuchten und verklären, ein edler Leib ohne edle Seele mag peinlich wirken: jenes mag erfreuen, dieses beleidigen. Solche Feststellungen mögen in der Bewertung menschlicher Einzelschicksale eine große Rolle spielen, ja, sie vermögen hier oft von entscheidender Bedeutung bei der Bewertung eines Menschen zu sein. Trotzdem enthebt uns dies nicht der Aufgabe, in den Fragen der Art, d.h. in Fragen des Blutes, Leib und Seele zu berücksichtigen und zu werten. Und damit wird bei aller Bejahung der Seele die Vollkommenheit des Leibes, wenn sie Ausdruck artgemäßer und artgerechter Schönheit ist, zum verpflichtenden Grundgedanken einer ahnenverantworteten Zuchtaufgabe an unserem Blute.

3. Reich Leitgedanken

Nicht die mannigfachen Kämpfe oder der friedliche Kulturaustausch zwischen Hellenen und Barbaren bilden den Gegenstand der folgenden Darlegungen, wenn diese Vorgänge auch als historischer Hintergrund unentbehrlich sind, sondern die den beiden Völkernamen entsprechenden Begriffe werden nach Inhalt und Umfang untersucht und ihre Entwicklung im Laufe der Jahrhunderte aufgezeigt. Es handelt sich also im wesentlichen um die Frage: Was hat man im Altertum jeweils unter Hellenen und Barbaren verstanden, welche Wandlungen in der Auffassung haben die großen historischen Ereignisse mit sich gebracht, und wie stellte man sich zu den mit der Begriffsbildung zusammenhängenden politischen und sozialen Problemen ?

Forscht man zunächst nach dem Alter der beiden Namen, so wird es vielleicht überraschen, daß die Bezeichnung «Barbar» ungleich weiter zurückreicht. Einem semitischen barbaru freilich, welches «fremd, ausländisch» bedeutet, kann es schon deshalb nicht nachgebildet sein, weil sich kaum ein zweiter Fall finden wird, wo sich eine solche Benennung schließlich gegen das Volk kehrt, von dem sie stammt. Vielmehr ist barbar gut indogermanisch und bedeutet in lautmalender Doppelsetzung der gleichen Silbe ursprünglich so viel wie «stammelnd, stotternd, unverständlich plappernd».

Eine Erinnerung an diese Grundbedeutung hat sich noch später im Griechischen erhalten, wenn unartikulierte Laute und Geräusche aller Art, wie die Stimmen von Vögeln, Hunden und anderen Tieren, ja selbst das Brodeln eines siedenden Topfes als barbarische, d. h. unverständliche Laute bezeichnet und umgekehrt fremde Rede mit dem Gezwitscher der Schwalben und anderer Vögel verglichen wird. Da das Unverständliche zugleich geheimnisvoll klingt, wurden die Silben barbar gern in Zauberformeln, den sogenannten ephesischen Zeichen verwendet und oft mehrmals hintereinander wiederholt.

In der Literatur begegnet das Wort zum erstenmal bei Homer, aber nicht als Simplex, sondern in der Zusammensetzung barbarphönos als Beiwort der Karer (II. II 867), wodurch aber natürlich auch das Vorhandensein des einfachen Wortes erwiesen ist. Gilt bärbaros in der Urzeit von einer Person, die sich nicht verständlich machen kann, so lehrt die Zusammensetzung im Epos, daß es nunmehr auch die Unverständlichkeit einer Sprache bedeuten kann, die sich vom Griechischen unterschied. Folgender Bedeutungswandel hat sich also vollzogen: «stammelnd — unverständlich (zunächst von Personen, dann von Lauten) — nichtgriechisch, fremd». Die Karer heißen also «fremdsprachig».

Warum Homer das Wort weder auf die Troer selbst noch auf die übrigen nach II. II 804, IV 438 verschiedensprachigen Bundesgenossen anwendet, sondern gerade nur das eine Volk als fremdsprachig bezeichnet, hat nach dem Berichte Strabons (s. Anm. schon im Altertum Kopfzerbrechen verursacht. Aber die Troer waren dem Dichter nur aus der Sage bekannt, weder über ihre Sprache noch ihre nationale Eigenart war er unterrichtet, und so konnte er sie nur nach dem Vorbilde der Griechen schildern, d. h. er ließ alle nationalen Unterschiede außer Betracht. Die Bewohner der belagerten Stadt sprechen die gleiche Sprache, haben die gleichen Sitten, tragen die gleiche Tracht und Bewaffnung und verehren dieselben Götter wie die Griechen. Vom Barbarentum im späteren Sinne findet sich noch keine Spur.

An dieser naiven Gleichstellung hat ja auch die Bildkunst bis ins fünfte Jahrhundert hinein und großenteils auch weiterhin festgehalten: Hektor, Euphorbos, Äneas und andere Troer, ja selbst Paris und der Äthiopier Memnon treten auf Vasen ihren griechischen Gegnern als jonische Hopliten entgegen1. Auch die Amazonen, ebenfalls ein Hilfsvolk der Troer, die später gerne in barbarischer Tracht dargestellt werden, erscheinen noch in griechischen Waffen. Die Bogenschützen in skythischer Tracht aber, die auf manchen dieser alten Darstellungen neben den Hopliten auftreten, haben mit dieser Frage nichts zu tun, da sie gelegentlich auch auf griechischer Seite kämpfen, für die Trojaner also nicht charakteristisch sind.

Eine entschiedene Wendung tritt mit den Perserkriegen ein, durch die der politische Gegensatz zwischen West und Ost und die Erbfeindschaft zwischen Hellenen und Barbaren erst eigentlich begründet wird, so daß nun auch der Trojanische Krieg und das homerische Epos unwillkürlich mit anderen Augen betrachtet und die in der Gegenwart gewonnene Vorstellung der Barbaren in die mythischen Zeiten projiziert wird. Im Theaterkostüm wie in der Kunst macht sich dieser Reaismus bemerkbar, ohne freilich je ganz durchzugreifen, und er beherrscht auch die Auffassung in der Literatur. Bei den Tragikern sprechen die Troer bereits eine unverständliche barbarische Sprache und werden Barbaren oder Phryger genannt. Auch Herodot betont ihr Barbarentum und hat den Trojanischen Krieg den anderen historischen Zusammenstößen mit den Orientalen angereiht, und dabei bleibt es auch in der Folgezeit. Allerdings dem Dichter zuzumuten, daß er die Troer im Gegensatz zu den humanen Achäern bei jeder Gelegenheit als verächtliche Barbaren kennzeichnen wollte, blieb einem späteren, wahrscheinlich erst der Kaiserzeit angehörigen Erklärer Vorbehalten, der es auch zuwege brachte zu behaupten, sie hätten eine Tiara getragen. Da also Homer in Rasse und Nation zwischen Griechen und Troern noch keinerlei Unterschied machte, hatte er auch keinen Anlaß, auf die letzteren die Bezeichnung «Fremde, Barbaren» anzuwenden, ja es wäre dies geradezu ein Widerspruch.

Bei den Bundesgenossen der Troer steht die Sache insofern anders, als es sich um historische Völkerschaften handelt, mit denen die Griechen tatsächlich in Berührung kamen und deren Eigenart sie also kennen konnten. Wenn der Dichter hier nur ein einziges Mal das fremde Idiom hervorhebt, so bedarf diese Ausnahme einer besonderen Erklärung, die übrigens schon der alexandrinische Grammatiker Apollodoros richtig geahnt hat, wenn er auf die Feindschaft mit den Karern aufmerksam macht. Als Bewohner der Ägäischen Inseln und Kleinasiens sowie als gesuchte Söldner der alten Kulturreiche waren sie eben dasjenige Fremdvolk, mit welchem die grie chischen Stämme seit ihrer Einwanderung unaufhörlich in freundlicher und feindlicher Berührung standen und an dem sie daher den Klang fremder Laute in erster Linie beobachten konnten. So mag Homer das feste Beiwort schon in vorjonischen Heldenliedern in formelhafter Verbindung mit dem Namen der Karer vorgefunden haben.

Aber die vergeblichen Versuche, das Stammeln des Fremden zu verstehen, können auch die naive Vorstellung erwecken, daß dieser überhaupt kein Sprach vermögen besitzt, sondern man es mit einem Stummen zu tun hat, da ein solcher ja ebenfalls vergebliche Anstrengungen zu machen pflegt, sich mit seinen mühsam hervorgestoßenen unartikulierten Lauten verständlich zu machen. So kann Sophokles das Barbarenland das «Land ohne Sprache» nennen, und so ist bei den Slaven für den Deutschen der Name riemec (spr. njemetz,- nem = stumm) aufgekommen.

In der literarisch dunkeln nachhomerischen Zeit entzieht sich die weitere inhaltliche Ausgestaltung unseres Begriffes der Beobachtung, und es wirkt zunächst überraschend, wenn das im 6. Jahrhundert einsetzende Schrifttum ihn scheinbar un» vermittelt bereits in der uns geläufigen ungünstigen Ausdeutung verwendet. Aber das historische Zwielicht deckt eben jenen Zeitraum, in dem sich die Griechen von den bescheidenen kulturellen Anfängen der Völkerwanderung als erste bis zur Höhe wissenschaftlichen Denkens emporgeschwungen hatten und so das Selbstbewußtsein gewinnen konnten, an der Spitze der Menschheit zu schreiten und ihren Nachbarn in jeder Hinsicht überlegen zu sein. Im 4. Jahrhundert ist die Entwicklung im wesentlichen abgeschlossen und der Sprachgebrauch für die Folgezeit festgelegt, so daß auch die spätere Literatur bei der Bestimmung des Begriffsinhaltes wird herangezogen werden können.

Inzwischen war aber auch als äußeres Zeichen des griechischen Zusammengehörigkeitsgefühls der zusammenfassende Name Hellenes und Helläs aufgekommen. Er ist dunkel, scheint aber nach Nordgriechenland hinzuweisen, wo zunächst ein kleiner Volksstamm und sein Gebiet so benannt wurde. Der Name ist dann allmählich für ganz Griechenland verwendet worden wie etwa der des kleinen Urkantons Schwyz für die ganze Eidgenossenschaft. Homer allerdings läßt die Griechen zwar vereint gegen Troja ziehen und so ihr Stammesbewußtsein betätigen, einen Gesamtnamen gibt er ihnen aber noch nicht. Denn Hellenes (II. II 684) und Panhellenes (II. II 530) sowie Hellas sind bei ihm noch Teilbezeichnungen, und Thukydides (I 3.3) hat daher richtig beobachtet, daß die später übliche Gegenüberstellung «Hellenen — Barbaren» bei Homer noch nicht im Gebrauche war. Wir finden uns also der merkwürdigen Tatsache gegenüber, daß die Griechen für den negativen Begriff alles dessen, was nicht ihres Stammes war, früher einen Namen hatten, als für die positive Zusammenfassung der gleichsprachigen Volksgenossen. Dies sieht auf den ersten Blick unlogisch aus, ist aber doch menschlich begreiflich. Denn daß man sich mit seinem Nebenmenschen verständigen kann, ist ja für naive Betrachtung das Gegebene und Selbstverständliche, überraschend und daher sprachlicher Feststellung wert ist, daß es Wesen gibt, die wie Menschen aussehen, aber wie Tiere unverständlich stammeln.

Als Gesamtname der Nation erscheint Panhellenes zuerst bei Hesiod um 700 v. Chr., und wohl bald darauf hat sich für alle griechisch sprechenden Stämme die Bezeichnung Hellenen eingebürgert, während alle anderen Völker als Fremde, als Barbaren bezeichnet werden. Dieser Sprachgebrauch ist nunmehr der Ausdruck für das längst erwachte griechische Nationalgefühl, das in der für jeden echten Griechen unüberbrückbaren Verschiedenheit der Rasse, Sprache und Kultur begründet ist. Das sinnfälligste Unterscheidungsmerkmal ist die Sprache und die mit ihrer Pflege zusammenhängende Bildung, dann aber innerhalb der kulturellen Einrichtungen insbesondere die politische Verfassung, die in Griechenland jedem einzelnen gleiche Rechte gewährte, während die anderen Völker zumeist in schmählicher despotischer Knechtschaft dahinlebten. Frühzeitig wurde man auch auf den Mangel systematischer körperlicher Ausbildung aufmerksam, und auch der Mythos trug diesem Umstand bereits Rechnung, indem er sportlich geübte griechische Helden der rohen Gewalt der Barbaren entgegenstellte: den Herakles dem Antaios, Theseus dem Kerkyon, Polydeukes dem Amykos. Aber den Haupte stolz der Griechen bildete doch die geistige Schulung, insbesondere der Gipfelpunkt derselben, die Philosophie und Rhetorik, die den Barbaren durchaus abgesprochen werden. Im Gefühle ihrer absoluten Überlegenheit versetzen sie sich, wie übrigens jede selbstbewußte Nation, in den Mittelpunkt der Welt, betrachten ihre Hinrichtungen als allein maßgebend für die Beurteilung der Ausländer und legen fremden Sprachen und Sitten gegenüber eine hochmütige Ablehnung und Verachtung an den Tag, ja sie befinden sich mit allen Stammfremden und Barbaren sozusagen in ewigem Kriegszustand. Kein Wunder, wenn sie ihnen die Beteiligung an allen spezifisch hellenischen Veranstaltungen, insbesondere den Mysterien und den nationalen Wettkämpfen, verwehren. Wird ja durch Berührung mit den Barbaren alles Heilige, z. B. auch das Herdfeuer, verunreinigt.

Diese tiefe Kluft und der fundamentale, alles andere übertönende Gegensatz bringt es mit sich, daß die Unterschiede innerhalb der Masse hüben sowohl wie drüben verschwinden. Die kleinen griechischen Staaten lebten untereinander in steter Fehde, so daß nicht der Friedenszustand, sondern der Krieg das Normale war,- eine volle politische Einigung ist vor Philipp von Makedonien nie zustande gekommen. Aber gemessen an dem gewaltigen Abstande von der Barbarei tritt alles die einzelnen Griechenstämme Trennende zurück und entwickelt sich das Bewußtsein idealer Einheit und völkischer Zusammengehörigkeit. Anderseits gewöhnt sich der Grieche daran über die oft kolossalen Unterschiede zwischen den einzelnen Fremdvölkern hinwegzusehen, da sie im Vergleich zu dem, was ihn selbst von ihnen trennt, unbedeutend erscheinen. Und ebenso wie der Mensch in einseitiger Hervorhebung seiner eigenen Gattung die unendliche Mannigfaltigkeit der anderen Lebewesen mit der Bezeichnung «Tier» zusammenfaßt, so verschwimmen dem Griechen die so verschieden gearteten Fremdvölker zu dem einen Kollektivbegriff «Barbaren». Da die Distanz dem griechischen Dünkel beiderseits beinahe gleich groß erscheint, wird der Vergleich mit den Tieren zu einem geläufigen Gemeinplatz, und jedenfalls hat der Durchschnittshellene das Bewußtsein, sich auch physisch vom Barbaren zu unterscheiden. Dafür ist nichts bezeichnender als die von Aelian in seiner Tiergeschichte (11. 5 und 16. 24) erzählten Anekdoten, wonach selbst Tiere für den Unterschied eine sichere Witterung hatten. Das eine Mal sind es Tempelhunde, die die Hellenen mit Schweifwedeln, Barbaren aber mit Gebell empfangen, das andere Mal Stuten, die sich Griechen gegenüber zahm erweisen, vor Barbaren aber wiehernd fliehen.

So stehen sich nun Hellenen und Barbaren, Hellas und Barbarenland als A und nonA in scharfem Gegensatz gegenüber, und die Zusammenfassung beider Namen ergibt eine erschöpfende Bezeichnung für den gesamten Erdkreis:

«Hellenen und Barbaren» heißt so viel wie «alle Bewohner der Erde, die ganze Menschheit».

Die beiden Begriffe stehen in steter Wechselbeziehung, und jede Änderung an Umfang oder Inhalt des einen übt auch entsprechende Wirkung auf den anderen, eine Verengerung hüben bringt eine Erweiterung drüben mit sich und umgekehrt. Vom Standpunkt strenger Logik ist gegen diese Gliederung manches einzuwenden, vor allem, daß der dem Namen «Barbar» entsprechende Begriff eigentlich keine « Gattung» darstellt, sondern rein negativ durch Ausscheidung der Hellenen aus der Gattung «Mensch» zustände kommt. Diese Mängel sind später nicht unbeachtet geblieben .

Um nun eine Grundlage für unsere weiteren Betrachtungen zu gewinnen, haben wir vor allem zu ermitteln, welche Vorstellung der Grieche gemeiniglich mit der Bezeichnung «Barbar» verbunden, welche Merkmale er in diesem Begriff vereinigt hat. Die zahllosen Erwähnungen bei Schriftstellern aller Zeiten, die uns hierfür zu Gebote stehen, belehren uns darüber eingehend. Teils werden die Angehörigen fremder Völker nach ihren Eigenschaften und ihrem Gehaben geschildert und so charakterisiert, oder das Wort wird mit einem Synonymum verbunden und seine Bedeutung dadurch spezialisiert (z. B. «barbarisch und roh», «barbarisch und ungebildet»32), oder auch wohl durch den Gegensatz deutlich gemacht. Manche mal wiederum muß der Sinn erst aus dem Zusammenhänge erschlossen werden. Von solcher Art ist die älteste Prosastelle, die das Wort enthält, ein Ausspruch Heraklits: «Schlimme Zeugen sind Augen und Ohren den Menschen, sofern sie barbarische Seelen haben». Da wir aus Sextus Empiricus wissen, daß nach Ansicht des ephesischen Philosophen zur Erkenntnis der Wahrheit die Überprüfung der unverläßlichen Sinneswahrnehmung durch den Verstand notwendig ist, so sind «barbarische Seelen» eben solche, deren Verstand nicht geschult ist, d. h. also «ungebildete Seelen». Mit Unrecht zweifelte man daran, daß diese spezielle Bedeutung in so früher Zeit möglich war, und versuchte andere mehr oder minder gewundene Erklärungen.

Die Summe dieser Nachrichten gibt Aufschluß darüber, was der Grieche in den Ausdruck barbaros hineinlegte, und da ihm an den Fremden vor allem das Andersartige, Abstoßende und Häßliche auffiel, füllte sich der Begriff mit einem Inhalt, der sich hauptsächlich aus verächtlichen Eigenschaften und den verschiedensten Gebrechen zusammensetzt, die daher in der Vorstellung bei weitem vorwiegen.

Dem Barbaren mangelt die geistige Schulung, und er ist daher roh und ungebildet, abergläubisch, ungeschickt, unverständig und dumm. In sozialer Hinsicht steht er weit unter dem Hellenen, ist unzivilisiert, im Verkehr ungastlich und menschenfeindlich, gesetzlos und daher selbst ein Knecht ohne Rechtsschutz. Dem entsprechen dann seine moralischen Eigenschaften. Er ist einerseits sklavisch und feige, anderseits leidenschaftlich, zügellos und in jeder Hinsicht übertrieben (z. B. auch in der Trauer), ferner verwegen, jähzornig, ja wahnsinnig, daher anderen gegenüber wild, rauh, hart, grausam, gewalttätig, mordlustig, dann treulos, unzuverlässig und lügnerisch, desgleichen schwelgerisch, gefräßig, geldgierig, kurz in jeder Beziehung unmoralisch.

Es ist klar, daß wir hier einer Konstruktion gegenüberstehen, die allerdings aus Einzelbeobachtungen zusammengesetzt ist, deren Ergebnis aber einen Kollektivbegriff, einen Typus, in der Art der Charaktere Theophrasts darstellt, der offenbar das Gegenstück zu dem Idealbild eines Hellenen liefern soll. Wie dieses mit Intelligenz, Kultur und Zivilisation, mit Freiheitsliebe und ihrem heilsamen Gegengewicht, der griechischen Sophrosyne, ausgestattet wird, so wird jener mit allen Gebrechen und Lastern versehen, die diesen Tugenden entgegengesetzt sind. Das Gesamtbild aber ist womöglich noch ungünstiger als die Vorstellung, die wir heutzutage mit der Bezeichnung «Barbar» verbinden, die daher schon im Altertum ein Schmähwort war. Und wie wir mit schmerzlichem Befremden beobachten mußten, welche Verwendung es in jüngster Vergangenheit finden konnte, so dünkt es uns geradezu unglaublich, daß ein Name mit solchem Begriffsinhalt auch auf Völker wie die Ägypter, Babylonier, Assyrier, Phöniker angewendet wurde, die ja lange vor den Griechen eine hohe Stufe der Gesittung und Kultur einnahmen und ihnen daher, bevor sie selbst die überragende geistige Höhe erklommen hatten, vielfach Lehrmeister sein konnten. Stammte doch, um nur einiges zu erwähnen, von den Semiten die griechische Schrift samt den barbarischen Namen der «phönikischen Zeichen», kamen doch von Kleinasien Maße und Gewichte sowie der Kalender, Erfindungen der Babylonier, von den Lydern die Münzprägung, und macht sich von jeher der Ein® fluß der orientalischen Künste und Fertigkeiten auf griechischem Boden geltend. Völker, von denen solches zu lernen war, waren doch nicht Barbaren in dem geschilderten Sinne, sondern hochentwickelte Kulturnationen.

Dieser auf den ersten Blick unverständliche Widerspruch erklärt sich aus der Art, wie sich den Griechen die Kennt® nis fremder Völker erschlossen hat. Bei ihrer Einwanderung in die spätere Heimat Hellas etwa im 3. Jahrtausend v, Chr. fanden sie eine nichtindogermanische Urbevölkerung, wahrscheinlich die schon erwähnten Karer vor, die auch die Inseln des Ägäischen Meeres besetzt hielten und im Laufe der Jahrhunderte bis nach Kleinasien zurückgedrängt wurden. Die Erinnerung an diese Ausbreitung und erste Kolonisation ward in der Sage von der Seeherrschaft des griechischen Königs Minos und weiterhin vom Zuge gegen Troja festgehalten.

Rege Handelsbeziehungen spinnen ihre Fäden bald auch hinüber zu den großen Reichen in Asien und Ägypten, doch ist die Kenntnis von Land und Volk anfangs nur eine oberflächliche, da diese Kulturnationen bis ins 7. Jahrhundert fast vollkommen abgeschlossen und unzugänglich bleiben. Sie beschränkt sich etwa auf einzelne Küstenstädte wie z. B. das schon von Homer wegen des Kunsthandwerks gepriesene phönikische Sidon, oder sie mangelt so gut wie ganz und wird durch Phantasiegebilde ersetzt. Sollte dann die hohe Gesittung des Fremdvolkes gekennzeichnet werden, so mußte man, da nur ganz unklare Kunde herüberdrang, wie mit den Sagenvölkern verfahren und die Analogie der eigenen Kultur zu Hilfe nehmen, in die man etwa durch märchenhafte Steigerung eine fremde Note hineinzubringen suchte. Doch verraten die den Personen verliehenen griechischen Namen schon äußerlich die Übertragung. So verfährt Homer mit den Ägyptern (Od. IV 125f.. 227 f„ XIV 283 f.) wie auch mit dem Märchenlande der Phäaken. Sollte aber im Gegenteil die Ungastlichkeit und Unkultur betont werden, so wurden entsprechende Sagen erfunden, die man in die fremden Länder verlegte. Hierher gehört der Menschfresser Polyphemos sowie die späteren Erzählungen von den barbarischen Unholden Busiris und Antaios, dem grausamen König von Ägypten und dem gewaltigen Ringer in Libyen, die angeblich die ankommenden Fremdlinge töteten. Beide wurden von Herakles, dem Verbreiter hellenischer Kultur, unschädlich gemacht. Solche Sagen sind eben der Niederschlag der Hindernisse, die sich dem vordringenden Hellenentum beim Erschließen dieser fremden Länder entgegenstellten. Erst später gelingt es einzelnen Griechen auf beschwerlichen Reisen, seltener zu dauerndem Aufenthalt bis zu den Zentren dieser fremdartigen, aber hochwertigen Kulturen vorzudringen und sie näher kennen zu lernen,-so dem Philosophen Pythagoras, dem Historiker Herodot, dem Arzt Demokedes, dem Politiker Themistokles. Damals aber näherte sich das begabte Hellenenvolk bereits in gewaltigem kulturellem und politischem Aufschwung dem Höhepunkt seiner Entwicklung, wo ihm auch die höchstkultivierten Barbarenländer kaum mehr neue Anregungen bieten konnten und wo es in berechtigtem Stolze auf s£in Können auch auf jene glaubte mit Geringschätzung herabblicken zu dürfen.

So hat sich bei den Griechen der Begriff «Barbar» zum geringsten Teil an diesen alten Kulturnationen gebildet, vielmehr lieferten in erster Linie jene wilden Völker die Merkmale, bei denen die Griechen selbst als überlegene Kulturträger namentlich seit dem 8. Jahrhundert Ansiedlungen gründeten: in Italien und Sizilien und weiter im Westen, dann in Thrakien, der Propontis und am Schwarzen Meer. Die märchenhaften Erzählungen von Reiseabenteuern wie die Odyssee, die Argonautenfahrt oder die Heldentaten des Herakles spiegeln die tiefen Eindrücke solcher erster Begegnungen mit Barbaren wider, und die Erfahrungen der Kolonisten und Handelsleute kommen später ergänzend hinzu.

Aber all das hätte noch nicht jene lebendigen, auch gefühlsmäßig betonten Vorstellungen im Volke verbreitet, wenn dieses nicht Gelegenheit gehabt hätte, auch im eigenen Lande fremde Volkscharaktere kennen zu lernen. Das war aber reichlich der Fall. Kleinasien z. B. war frühzeitig Einfällen skythischer Horden ausgesetzt und wurde im 7. Jahrhundert von Kimmeriern überschwemmt, deren Reste sich schließlich in Kappadokien ansiedelten. Anderseits war das Mutterland seit alter Zeit das Ziel fremder Kauffahrer, aber auch von Abenteurern aller Art, mit denen nicht immer die besten Erfahrungen gemacht wurden. In erster Reihe steht hier das Handelsvolk der Phöniker, die schon in der Odyssee mit wenig schmeichelhaften Zügen ausgestattet werden. Sie erscheinen dort als hinterlistige Betrüger und Diebe, die auf Menschenraub ausgehen und den Menschen auch sonst viel Leid zufügen. Wir erblicken in dieser Schilderung die ersten Anzeichen der Abneigung gegen ein Fremdvolk. Dann kamen Lyder, Phryger, Syrer und andere Barbaren hinzu, die sich auch gerne als Metöken niederließen. Vor allem aber wimmelten später besonders die großen Städte von barbarischen Privat- und Staatssklaven, die zumeist aus minderkultivierten Teilen Kleinasiens, aus Syrien, Thrakien und den Küstenländern des Schwarzen Meeres stammten und die um so zahlreicher wurden, je mehr man davon abkam, griechische Landsleute in die Sklaverei zu verkaufen. In Athen waren z. B. der skythische Bogenschütze als Stadtpolizist oder der radebrechende thrakische Pädagoge bekannte Figuren, ja auch an Negersklaven scheint es nicht gefehlt zu haben. Stellten diese Typen an sich keineswegs eine geistige oder moralische Auslese ihrer Volksstämme dar, so wurden sie durch den Zustand der Knechtschaft noch mehr in ihrem Charakter verderbt und überhaupt durch die untergeordnete Stellung verächtlich, und mußten daher die landläufige Vorstellung von den Barbaren naturgemäß ungünstig beeinflussen.

Die grellsten Farben aber wurden dem häßlichen Bild ohne Zweifel durch die gewaltigen Erlebnisse der Perserkriege des 5. Jahrhunderts aufgesetzt, als sich die bewaffneten Horden aus allen Teilen des gewaltigen Perserreiches mordend, sengend und plündernd in die griechischen Gaue ergossen und die barbarischen Sitten den Hellenen so in greifbarste Nähe gerückt wurden. Die Erinnerung an diese Kriegsgreuel des Erzfeindes — der Perser ist der Barbar an sich — blieb dem Volke für alle Zeiten lebendig, und noch in späteren Jahrhunderten wurden im Laufe der Zeit verfallene oder abgebrannte Tempel vom Volksmund ohne weiteres als Opfer der Zerstörungswut des «Barbaren» hingestellt. Die Nennung dieses Namens weckte also unwillkürlich auch diese schaurigen Erinnerungsbilder. So hatte sich der Begriff durch Assoziierung von vorwiegend ungünstigen Merkmalen gebildet und dem Volke eingeprägt, und an diesem Ergebnis konnte die seit Alexanders Reichsgründung ermöglichte nähere Bekanntschaft mit den hochkultivierten Fremdvölkern des Ostens nichts mehr ändern, zumal die bald einsetzenden Einfälle der Gallier und die spätere Berührung der Griechen und Römer mit den Nordvölkern die gewonnene ungünstige Vorstellung zu bestätigen schienen. Die Bezeichnung «Barbar» hatte und behielt einen verächtlichen Klang und einen gehässigen Beigeschmack.

Wenn der gleiche Name nun auch auf hochkultivierte Fremdvölker mit ihren gebildeten Schichten, ihren Denkern, Priestern und Künstlern ausgedehnt wurde, so zeigt sich darin eine auffällige Inkongruenz von Umfang und Inhalt des Begriffes. Dem Umfange nach soll er in ethnographischer Verwendung rein negativ alles Nichtgriechische in sich schließen, der Inhalt aber beruht, wie wir sahen, auf unvollständiger und einseitiger Induktion hauptsächlich moralischer und psychischer Merkmale und will daher auf eine große Zahl von Einzelfällen nicht passen. Dieser unbefriedigende Zustand konnte natürlich nicht unbeachtet bleiben, wie denn das Verhältnis zu den Barbaren die Forschung und theoretische Betrachtung frühzeitig zu beschäftigen beginnt.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins


VVer es versteht das Gegenwartsbild einer Stadt als das Ergebnis des Wechsels historischen Geschehens auf der Grundlage des durch die unveränderte Naturlage gegebenen Bleibenden zu erfassen, der wird im Stadtbilde Konstantinopels die größte Fülle an Beobachtungsmaterial vorfinden, in einer Intensität und Geschlossenheit, wie sie wohl keine andere Großstadt der Welt aufzuweisen hat. Denn hier hat die Natur die mannigfaltigsten und tiefsten Gegensätze auf einem Terrain vereinigt, dessen eigentümliche Stellung im Weltganzen und dessen klare und bestimmte Abgrenzung die Ausbildung einer besonderen, in sich geschlossenen Individualität gewährleistet.

Wenn man Länder und Erdteile nicht als künstlich umgrenzte Gebiete, sondern als natürliche Einheiten sieht, deren verschiedene Natur den verschiedensten Lebens- und Menschheitsformen als Grundlage dient, so erscheint Konstantinopel als ein Gebilde, dessen Grenzstellung die größten Kontraste in sich begreift.

Das Wort »Konstantinopel, eine Brücke zwischen Europa und Asien«

bekommt erst seine Geltung, wenn man sich bewußt wird, worin eigentlich jener Unterschied besteht, den die Bezeichnung der beiden Erdteile in sich schließt. Da haben wir im Osten ein Gebiet, das trotz seiner ungeheuren Ausdehnung nur an einzelnen Flußläufen und Küstengebieten der Menschheit die Möglichkeit einer kulturkräftigen Besiedlung gewährt, während gewaltige Wüstentafeln und unwirtliche Hochlandsmassen diese Stellen nur als Inseln, als Oasen erscheinen lassen.

Das Lebensbild Westasiens zeigt den schärfsten Kontrast zwischen inselhaften Hochkulturen und ausgebreitetem Nomadentum, seine Geschichte den ewigen Kampf der wan® dernden Wüstenvölker um die fruchtbaren Kulturstreifen. Die Spitze dieses Länderkomplexes gegen Westen bildet Konstantinopel, seine Geschichte ist zum einen Teile die fortwährende Abwehr der anstürmenden Ostvölker, die in den Türken ihr Ziel erreichten, um seßhaft zu werden und die Aufgabe zu erfüllen, die ihnen die andere Natur, die des Westens vorschreibt.

Diese Natur aber ist eine doppelte: Das europäische Ländergebiet umfaßt einen Kern, der im Süden, Westen und Norden durch seine Auflösung in Halbinseln und Inseln einen Kranz der verschiedensten Länderindividualitäten um sich reiht, deren Gemeinsames zuvorderst aus ihrem maritimen Wesen entspringt. Das Meer wird ihnen zum Angelpunkte der Macht, seine Beherrschung zum Leitfaden ihrer Geschichte, der ewigen Konkurrenz um die günstigsten Bedingungen des äußeren Lebens. Die zentrale (östlichee) Masse der europäischen Länder dagegen, die nur ein Teilglied der Zone ist, die über den ganzen Norden Asiens streicht, bildet einen Körper, dessen wenig differenzierte, kontinentale Natur seine Geschichte nicht als den zeugenden Kampf verschiedener Individualitäten erscheinen läßt, sondern als das Beharren ohne Ringen um ein Mehr als um das, welches die Natur selbst bietet, — sofern dieses Beharren überhaupt als Geschichte bezeichnet werden kann. Nur an den Rändern, wo diese binnenländische Masse mit den anderen maritimen Naturen in Berührung tritt, werden die Erscheinungen der Geschichte ausgelöst, insoweit dort eben das Fremde mit der Stagnation in Kampf tritt.

Auch an diesen beiden westlichen Natur- und Lebensformen hat Konstantinopel durch seine Lage innigsten Anteil. Wie es einerseits eine Pforte zum Mittelmeerbecken bildet, wie dessen Vegetation an den Ufern des Bosporus, an den vorgelagerten Inseln des Marmarameeres Platz greift und wie die Mittelmeervölker und die europäischen Seevölker seit jeher diesen Punkt durch die Gründung von Faktoreien und Handelskolonien als einen der wichtigsten erkannten, so ist die Stadt anderseits durch die Balkanländer und durch das Schwarze Meer mit dem zentralen Teile Europas verbunden, dessen Steppenboden als eine vorgeschobene Insel bis an ihre Mauern reicht, dessen Völker immer nach ihrem Besitze strebten, dessen Kulturerscheinungen, Religion, Kunst, Staat usw. durch innige Fäden mit denen Konstantinopels verbunden waren. Nur insoweit diese Völker mehr und mehr von dem westeuropäischen Geiste erfaßt werden, insoweit wird auch das osteuropäische Wesen der Stadt verschleiert.

Drei Welten stoßen hier aneinander und vereinigten seit jeher drei Menschheitsindividualitäten auf diesem einen Punkte. Keiner dieser drei Welten gehörte Konstantinopel jemals in seinem Wesen ganz an, wie immer auch der Lauf der Geschichte der einen oder der anderen Vorrang und Macht gab. Das dauernde Gesetz seiner Naturlage läßt es inmitten des Wechsels historischen Lebens unveränderlich erscheinen, als ein alleinstehendes Individuum, das wohl das Kleid wechselt, innerlich aber immer dasselbe bleibt.

Wie die Lage im Erdkreise das Geschick und Wesen der Stadt bestimmt, so auch der Umkreis ihres engeren Bodens. Beides greift innigst ineinander und schafft in ihrer äußeren Erscheinung jene bestimmenden Züge, in denen der bewußt Schauende die einzigartige Eigentümlichkeit Konstantinopels erkennt.

Auf der einen Seite umfaßt das Meer, auf der andern das Goldne Horn als langgestreckter Meeresarm eine nach dem Lande zu sich verbreiternde Halbinsel. Damit war für das Wachstum und die Ausbreitung Stambuls, d. i. des eigentlichen alten Konstantinopel, Richtung und Ausdehnungsmöglichkeit gegeben, indem eine Erweiterung immer nur die westliche Verschiebung einer vom Meere zum Goldenen Horn gezogenen Linie bedeuten konnte. Als letzte dieser Linien bildet der große Zug der Landmauern im Westen eine ebenso starke Grenze wie die Ufer des Meeres. Denn diese Mauern sind die äußerste Linie, die als schützende Verbindung von Wasser zu Wasser in Betracht kommt, und kaum ein Jahrhundert nachdem Byzanz seine Weltstellung erlangt hatte, hatte es diese
Linie erreicht und hat sie bis heute innegehalten. In dem so umschriebenen Raume ging die Entwicklung der Stadt vor sich, nicht expansiv, sondern intensiv, immer im selben Boden wurzelnd und an ihn gebunden.

Die Beibehaltung dieser von der Natur gegebenen Grenzen ließ Stambul bis heute in jenem Entwicklungsstadium erscheinen, das unsere mittelalterlichen Städte zwang, den schützenden Mauerring nicht zu durchbrechen. Freilich ist jenseits des Goldenen Horns Galata—Pera emporgewachsen und durch Brücken mit der Stadt verbunden. Wie aber jene Seite seit jeher eine Stätte des Fremden war und nicht aus der Expansion des Stadtkernes entsprang, so ist auch heute noch Galata—Pera äußerlich und innerlich ein anderes als Stambul, das bei allem Wechsel historischen Lebens die unveränderlichen Züge bewahrte, die ihm von der Natur vorgeschrieben sind.

Das hügelige Terrain gab dem Stadtbilde von vornherein seinen bestimmten und bleibenden Charakter, indem es die Hauptstraßenzüge vorzeichnete und die natürlichen Grenzen der einzelnen Viertel bestimmte. Der Hauptrücken der durch die Hügel gebildeten Höhen verläuft ungefähr parallel dem Südufer des Goldenen Horns (etwa über die Punkte Edirne Kapu, Mehmedije, Seraskierat, Aja Sofia). Er gibt der Stadt die bestimmte Silhouette und schneidet einen schmalen, langgestreckten, gegen Norden steil abfallenden Teil von einem sich dreieckig erweiternden südlichen, der in sanfteren Wellen gegen das Meer abfällt. Dementsprechend steht im Grundriß der Unregelmäßigkeit des ersteren eine klarere Gliederung des letzteren gegenüber, die durch westöstlich durchlaufende Straßenzüge und deren Vergabelungen ins Auge fällt. Eine gedrängtere Verbauung in stufenartigem Übeeinander im Norden kontrastiert mit dem aufgelösteren von dem Grün des reicheren Baumwuchses und der Gemüsegärten der Niederungen durchsetzten Siedlungsbilde im Süden. Während dieser Teil dadurch ein etwas ländliches Gepräge erhält, wird der Norden durch den besten natürlichen Hafen, den das Goldene Horn bildet, zum Handels- und Marktplatz und damit auch zum Sitz der Reichen und der Behörden. Die großen Hane, Basare und Märkte, Lagerhäuser und Mühlen, die Gebäude des Kriegsministeriums (Seraskierats), der hohen Pforte, des Scheich ül Islamats, der orientalischen Gesandtschaftten, sowie der Komplex der Bahnhofs- und Duanenbauten, der Dette publique und anderer Verwaltungsgebäude geben diesem Teil auch äußerlich seinen besonderen Charakter, wie bereits in byzantinischer Zeit das Kapitol, das Munizipium, Handelsplätze und Foren deren Stelle einnahmen. Im südlichen Teile ist es aber vor allem der Straßenzug, der (als Diwan jolu) von der Hagia Sofia zum Kriegsministerium und von da über Akserai nach Jedikulete zum Goldenen Tore® führt, der als ältester Hauptstraßenzug das Ende der natürlichen Landstraße bildete, die seit den ältesten Zeiten längs des Marmarameeres in das Innere des Landes führte. Es ist die Mese, die Mittelstraße des alten Byzanz, auf der sich die Triumphzüge der Kaiser bewegten. Das Tal des Lykus, das südlich parallel dem angegebenen Haupthöhenzuge der Stadt verläuft, und bei Akserai die Mese trifft, gibt die Richtung der Zweigstraßen, die den südwestlichen Zwickel der Stadt durchqueren, und deren Mündung bei den Militärtoren des westlichen Mauerzuges die Gewähr für die Ursprünglichkeit ihrer Anlagen gibt.

Wie diese bestimmenden Straßenzüge heute noch dieselben sind wie vor Jahrhunderten, so war auch das Leben in den einzelnen Teilen der Stadt, durch die Naturgegebenheiten bestimmt, immer dasselbe, ohne daß durch Erweiterung oder Verschiebung der Grenzen neue Zentren geschaffen oder den einzelnen Teilen wesentlich andere Bedeutung gegeben wurde. Der Wechsel der Geschichte vollzog sich im räumlichen Übereinander, nicht im Nebeneinander, und wo einst der heidnische Tempel stand, dort erhob sich später die christliche Kirche und krönt heute die Moschee den Gipfel des Hügels. Und auch darin ist der alte mittelalterliche Geist fortwirkend derselbe geblieben, daß die Religion als beherrschende Staatsidee die beherrschenden Punkte für ihre Bauten auswählte und im Stadtbilde mehr als sonst wo zur Erscheinung gelangte. Ob es die Baumeister eines Justinian oder das Genie eines Sinan waren, die die Gipfel der Hügel als weit beherrschende Punkte durch monumentale Bauten künstlerisch auswerteten: die äußere Form, das Kleid mochte gewechselt werden, das Wesen und das Antlitz der Stadt blieb das gleiche. — Und selbst das Kleid blieb nur zu oft dasselbe. Denn wenn nun die Aja Sofia, wie so manche der altbyzantinischen Kirchen, der Halbmond krönt, und wenn jene großen Moscheen einzig auf diesem Boden und eben als Konstantinopler Moscheentypus charakteristisch die Bauform jenes einzigartigen christlichen Tempels nachahmen, so findet die dauernde Individualität der Stadt ihren beredten Ausdruck.

Aber nicht nur im Monumentalbilde der Stadt prägt sich dieser Zug der Unveränderlichkeit aus. Die Stambuler Straße erhält ihre Eigenart durch die Bauweise ihrer Häuser. Stambul ist aus Holz gebaut. Der große soziale Kontrast zwischen luxuriöser Macht und bescheidener Bedürfnislosigkeit, wie er für das ganze Gesellschaftsbild des Ostens typisch ist, wird in dem Bilde dieser Stadt nur zu deutlich, wenn man die Weitschweifigkeit und Großzügigkeit der Monumentalbauten, in denen dem Willen des einzelnen keine Schranken gesetzt waren, der Dürftigkeit der hölzernen Buden gegenüberstellt, die oft windschief und altersschwach kaum noch eine Stütze an der nächsten finden. — Auch darin ist Stambul gleich geblieben und nur zu oft wurde und wird auch heute noch diese Bauart ganzen Stadtteilen zum Geschicke. Denn so, wie es uns immer wieder aus den Tagen des alten Byzanz berichtet wird, so sind auch heute noch Riesenbrände nur zu häufige Geschehnisse: Das sich über ganze Viertel erstreckende Brandfeld ist eine typische Erscheinung im Stadtbilde Stambuls und zugleich ein Zeuge des Lebensgeistes seiner Bewohner. Denn für diese ist Leben nicht das organische Schaffen und Bauen auf Grund des Vergangenen mit der Sorge um die Zukunft. Für sie herrscht der Augenblick, der nur geben, dem Bedürfnislosen aber nichts nehmen kann. Die alte Wohnstätte ist zerstört, die Trümmer bleiben liegen bis das Grün sie überdeckt. Wozu das Vergangene fortführen, das Baufällige oder Gestürzte niederreißen um auf seinem Grunde Neues zu schaffen, wo doch die Zeit langsam und sicher dafür sorgt! — Nur die Notwendigkeit zwingt und der Glaube an das Kismet, die Bestimmung, ist nicht erfundene Philosophie, er ist der natürliche Lebensgeist der Bedürfnislosen.

Es ist der Geist des Orients, das Für den Tag leben der Wüsten und Steppenvölker, der hier in einem Gebilde zum Ausdruck gelangt, das sich Stadt — Großstadt nennt! —

Stambul ist Stadt im orientalischen Sinne: d.h, es ist ein Siedlungskörper, der dem Machtwillen seine Entstehung und Größe verdankt. Die herrschenden Völker Stambuls waren nie Städter in dem Sinne einer durch Arbeitsteilung differenzierten und Naturprodukte in industrielle Werte umsetzenden Schicht, mochten es auch die Kaiser oft versucht haben, mit fremden Kräften industrielle Organisationen zu schaffen.

Ist Stambul dadurch auch »Stadt« wie jede andere des Ostens, dessen Landvolk auf Industrieprodukte nicht angewiesen ist, so zwingt ihr doch die Natur ihren eigenartigen Charakter dadurch auf, daß die Gunst ihrer Lage als internationaler Hafen und Handelsplatz nicht ungenützt bleiben kann. Darin steht aber dem Bleibenden der dauernde Wechsel gegenüber, der den Lauf der Geschichte ganz Vorderasiens und Europas auf diesem einen Flecke widerspiegelt. Denn da diese Stadt nicht das Erzeugnis einer Volksschicht ist, die aus der einheitlichen Kulturfläche eines sie umgebenden Umlandes erwuchs, so konnte sie nur insoweit eine Eigenkultur schaffen, als das engste Stadtgebiet selbst einen Boden abgab, der — wenn auch nicht selbstschöpferisch — durch die Vereinigung der verschiedensten Elemente eine Verschmelzung, aber auch eine Intensierung derselben herbeiführte. Das aber unterscheidet Konstantinopel von anderen Seehandelsplätzen, daß es nicht ein unverbundenes Gemisch, das zufällige Nebeneinander der verschiedensten Kulturen auf einem kulturell undifferenten Flecke darstellt, sondern daß es die Verschiedenheiten zu einer Individualität zusammenfaßt. Das jeweils herrschende Volk, wie auch die handeltreibenden Fremden, paßten sich diesem Boden an.

Eine eigentümliche Art von Kulturaustausch fand zwischen beiden statt und auch hier spricht das Stadtbild eine deutliche Sprache für Gegenwart und Vergangenheit. Wie die noch stehenden Monumentalbauten der Byzantiner Byzanz als einen Punkt erkennen lassen, der die Elemente des Ostens, Kleinasiens, Syriens, Armeniens, Persiens, ja selbst Ostasiens absorbiert, wie jenes griechische Volk, dessen Kultur in Demokratie, Antropomorphismus, Naturphilosophie und in einer organisch-naturalistischen Kunst ihren Ausdruck fand, auf diesem Boden zu einem andern wurde, für das Asolutismus, eine mystische Religion, eine naturfeindliche Lebensanschauung und Kunst leitend wurden, so war diese Stadt für die Türken als Ostvolk ein natürlicher Boden, in dem sie Wurzel fassen konnten. Wie aber in byzantinischer Zeit die Kulturkreise des Ostens auf westlicher Grundlage, so spiegeln sich in den Denkmälern der türkischen Zeit, in der der historische Schwerpunkt immer mehr nach dem Westen rückte, Renaissance und Barock bis zum Rokoko, Klassizismus und Historizismus in steigender Intensität wider, ohne aber jemals einer dieser Stile im Wesen zu sein, ohne jemals den örtlichen Grundton zu verleugnen. Wie vor Hunderten von Jahren der Byzantiner in persische Stoffe gekleidet ging, so geht heute der Türke nach europäischem Schnitt, und doch blieb dieser wie jener in seinem Wesen ein anderer.

So sehr aber die Herrschenden immer das Fremde äußerlich annahmen, so sehr büßten es die Fremden, die hier ansässig wurden trotz Beibehaltung äußeren Scheines ein. Die massige Form der »Fanariotenhäuser« die die europäischen Kolonisten als ihre Wohnhäuser und Warenlager errichteten, mag wohl an alte italische Bauten erinnern. Im wesentlichen sind sie weder genuesisch noch venezianisch, vielmehr sind in ihnen die Elemente des heimischen Holzstiles mit seinen von Konsolen getragenen überkragenden Stockwerken, mit den Erkern und schattenden Dächern in Stein übertragen. Wie im Äußern schon die spitzbogige Form der Fensterabschlüsse die Anpassung an den islamischen Steinbau erkennen läßt, so richtet sich die Behandlung der Innenräume mit ihren fast bis zum Fußboden herabreichenden Fenstern und mit dem Mangel an Möbeln nach der Lebensweise der Türken, bei denen Stühle und Tische nicht nötig, Kasten und Schränke durch Wandnischen ersetzt werden, so daß Einrichtung und architektonisches Gefüge eine Einheit bilden. Mögen auch Säulchen und Stuckaturen den westlichen Geschmack als ein Kleid erscheinen lassen, das den Fremden hier immer noch als solchen erkennen läßt, die Lehensformen dieser Menschen sind andere geworden und mit diesen ihre Wohnungen. Und was kennzeichnet die Volksschicht der Levantiner mehr als der Umstand, daß es unter ihnen Menschen gibt, die alle Sprachen und doch keine ganz reden! Ein eigentümliches Doppelwesen ist diese Stadt, in der die Herrschenden ein fremdes Kleid anziehen, die Fremden zu Heimischenwerden. Dahinter steht aber das Dauernde, Unwandelbare ihrer Natur und Lage im geographischen Gesamtbilde Eurasiens, das dem historischen Geschehen die Gesetze vorschreibt.

Der Zug des Dauernden bei allem Wandel wird vielleicht am deutlichsten in der Besonderheit und dem Schidksal jenes Teiles, der die äußerste Spitze Stambuls einnimmt, und seit jeher gegenüber der übrigen Stadt seine auch äußerlich scharf gekennzeichnete Stellung behielt. Der Hügel der alten Akropolis blieb bis heute ein aus dem Leben der Stadt ausgeschiedener Teil. Die starke Trennung zwischen Herrscher und Volk, ein mittelalterliches Erbteil orientalischer Kultur, läßt auch heute noch das alte Serail als ein Allerheiligstes erscheinen, zu dem nicht jeder Sterbliche Zutritt hat. Vergegenwärtigt man sich die Beschreibungen des byzantinischen Kaiserpalastes als eines abgeschlossenen Bezirks, in dem im Grün üppiger Gärten Repräsentations« und Wohnbauten verstreut lagen, teils in geordnetem Zusammenhang, teils in freier zwangsloser Anordnung, vielfach wohl nur pavillonartige leichte Holzbauten, die leicht verheerenden Bränden zum Opfer fielen, — dies mag ja auch den Umstand erklären, warum so wenig von all dieser Pracht erhalten blieb — und halten wir dazu das Bild des heutigen Serails mit seinen Parkanlagen und Kiosken, mit all der üppigen aber leicht vergänglichen Pracht, die den Luxus des Ostens und Westens vereinigt: Mögen die Einzelheiten verschieden sein, in der Physiognomie der Stadt bleibt das Bild dasselbe, aus dem gleichen Geiste der Macht und des Wohllebens geboren, der den Kontrast, aber auch die notwendige Ergänzung zur Bedürfnislosigkeit des Volkes bildet.

So ist Stambul als Stadt bis heute dasselbe geblieben. Die Majestät seiner Gotteshäuser, die Bescheidenheit seiner Gassen und Winkel, das rege Treiben des Hafens und die lässige Ruhe und Gleichgültigkeit des kleinen Bürgers, die nur selten einer Erregung weicht, die eigentümliche Mischung der Kulturen, das Verwachsen von Heimischem und Fremdem in Natur und Geist, dies alles schließt die einzigartige großzügige Silhouette der Stadt in eine Einheit zusammen, die seit der Zeit der großen Kaiser dasselbe Gebiet umschloß. Und doch heute will es scheinen, als sei Stambul auf einem Zeitpunkte angelangt, in dem das Dauernde, Verharrende zum Flüssigem wird, in dem die mittelalterlichen Bande gesprengt werden und die Kraft der Zivilisation die Schranken der Natur überwindet. Schon hat die Eisenbahn den alten Mauerzug durchbrochen und führt europäische Ware und Zivilisationsprodukte bis in das Herz der Stadt. Die uralten Zypressenfriedhöfe, die außen die Linie der Mauer begleiten, beginnen Fabriken Platz zu machen, und schon trägt man sich mit dem Gedanken, vor dem Goldenen Tore neue, den modernen Verhältnissen entsprechende Hafenanlagen zu schaffen und die südwestlichen Viertel der Stadt als Arbeiterviertel auszugestalten. Der alte mittelalterliche Ring wird durchbrochen, die soziale Differenzierung des Westens beginnt die Stadt zu durchsetzen. Schon sieht man allenthalhalben die alten Holzhäuser dem modernen Ziegelbau weichen, ganze Viertel inmitten alten Bestandes zeugen von wachsendem Reichtum, neue Schulgebäude sorgen auch für die geistige Differenzierung des Volkes. Die elektrische Trambahn schafft die Konzentration der einzelnen Stadtteile, ihre Schienenstränge bezeichnen die Pulsadern, in denen nun der Europäismus Galata-Peras in den alten Bestand eindringt und das bisher getrennte Hüben und Drüben zu einer Einheit werden läßt.

Ungeheure Energien sind hier am Werke. Der moderne Geist steht hier im Kampfe mit dem Dauernden der Jahrhunderte, mit uralter Tradition. Es ist eine aus der Notwendigkeit historischen Geschehens geborene Evolution, in deren klarer Erkenntnis auf Ziel und Wirkung hin die Menschen der Stadt selbst noch in den Anfängen stehen. Noch suchen die zwei Naturen, an deren Grenze zeitlich und lokal die Stadt steht, in der Seele der jungen Türken einen Ausgleich. Denn die große als unabwendbar erkannte Aufgabe, eine Vormacht westlicher Zivilisation gegenüber dem Osten zu werden, die in der Revolution 1908 ihren ersten großenSchritt tat, hat ihren Gegenpol in dem erwachenden Bewußtsein von Rasse und Nation, deren östliche Grundlage dem organisierenden und differenzierenden Westlichen fremd ist. Die unabänderlichen Gesetze der Weltlage Konstantinopels finden darin auch im heutigen Zeitpunkte wieder ihren lebendigen Ausdruck. Und wie Galata—Pera jenseits des Goldenen Horns für das alte Stambul die treibende Zentrale des Westens bedeutet, und jetzt erst aus einer Vorstadt oder besser aus einer benachbarten Fremdstadt zu einem lebendigen Teilgliede im Gesamtorganismus einer Großstadt wurde, so Skutari auf der asiatischen Seite als der Rückhalt des konservativen orientalischen Geistes mit der Intimität eines unbefangeneren Kulturlebens.

Auf dem alten Boden Stambuls kämpft beides miteinander und sucht einen Ausgleich. Trotzdem aber die umgebenden Wasser keine hindernde Grenze mehr bilden und die Stadt auch landwärts den beengenden Gürtel sprengt, behält Stambul seine eigene Stellung bei und strebt als der lebendige Kern wieder nach seinem unwandelbaren Ziele, das seit jeher in dem Ausgleichen der Gegensätze durch die Kraft seiner eigenen Individualität bestand.

Siehe auch:
Konstantinopel – HISTORISCHE EINLEITUNG

Konstantinopel Stadtansichten