Schlagwort: Rasse

Auffälliger als das Verhalten des Euripides mag es erscheinen, wenn von den beiden Denkerfürsten Platon und Aristoteles der eine den von den Sophisten gewiesenen Weg zu weltumspannender Menschlichkeit nur mit großer Zurückhaltung betritt, der andere in dem stolzen Bewußtsein der unbedingten Überlegenheit seines Volkes die Barbaren geradezu als minderwertige feindliche Rasse bekämpft.

Platon ist unbefangen genug, um wenigstens in theoretischen Betrachtungen über die Scheidewand hinwegzusehen und eine gewisse natürliche Gleichberechtigung gelten zu lassen. Nicht entgangen ist ihm der Denkfehler bei der Bildung des Gattungsbegriffes «Barbar», der ja rein negativ im Gegensatz zu «Hellene» zustande kommt und sich daher mit dem disparatesten Inhalt füllt. Im Politikos (262Aff.) wird dem jungen Sokrates durch den Gastfreund aus Elea dargelegt, daß eine Zweiteilung der Menschheit in Hellenen und Barbaren unlogisch sei,- denn letztere seien nicht als einheitliche Gattung aufzufassen und unter einem Namen als zweiter Teil der Menschheit den Hellenen gegenüberzustellen, da es eine endlose Zahl verschiedener Barbaren gebe, die nichts miteinander gemein haben und schon durch die Sprache getrennt sind. Richtig wäre etwa eine Zweiteilung der Menschen in Männer und Frauen. Damit aber wird angedeutet, daß wenigstens in physiologischer Beziehung zwischen Griechen und Nichtgriechen ein Unterschied nicht besteht. Das gleiche Zugeständnis ist auch darin enthalten, daß, offenbar im Anschluß an Hippokrates, der Einfluß der geographischen Lage und der klimatischen Verhältnisse auf den Volkscharakter beachtet wird: im Norden, in Thrakien und im Skythenlande, sind die Menschen mutig, in Griechenland intelligent, in Phönikien und Ägypten gewinnsüchtig.

Verwischt sind auch die Grenzen, wenn im Gastmahl (182B) festgestellt wird, daß in Jonien und anderen von Barbaren beherrschten Ländern die in Griechenland allenthalben blühende Knabenliebe als schimpflich gilt. Diese sowie die Philosophie und der Sport seien von den Barbaren abgelehnt worden, um nicht durch Stärkung des Selbstbewußtseins und Ermöglichung freundschaftlichen Zusammenschlusses die despotische Herrschaft zu gefährden — ein hippokratisches Argument. Auch sonst erscheinen Hellenen und Barbaren als gleichwertiges Objekt der Forschung. Die Durchführbarkeit der von Platon vorgeschlagenen kriegerischen Erziehung der

Frauen wird durch einen Hinweis auf die aus Herodot und Hippokrates bekannten Sauromatinnen erhärtet (Legg.VII804H f.) und auch die Skythen wegen der gleichmäßigen Ausbildung der Linken beim Bogenschießen als Muster hingestellt (794 Dff.). Die Monarchie ist bei den Persern, die Demokratie bei den Griechen in ihrer Vollendung zu finden (III 693 D). Bei der Erörterung des Ursprungs der Sprache im Kratylos wird auch Nichtgriechisches als gleichberechtigt herangezogen, ja sogar das Vorhandensein barbarischer Lehnwörter im Griechischen zugegeben. Von Thukydides hat ferner der Philosoph gelernt die Vorfahren der Griechen kulturell mit den jetzigen Barbaren zu vergleichen und darauf historische Schlüsse aufzubauen.

Aber all dies ist doch nur graue Theorie. In Wirklichkeit fühlt auch Platon wie jeder national bewußte Grieche den unüberbrückbaren Gegensatz der Rasse. War ihm doch bereits der Vorzug der Rassenreinheit bewußt. Athen hat sich diese Reinheit und dadurch dem Perserkönig gegenüber den ungetrübten Rassenhaß bewahrt, während die Länder, in denen ein Pelops, Kadmos, Aigyptos oder Danaos, also Barbaren, als gleichberechtigte Hellenen aufgenommen wurden, zu einem schmählichen und verruchten Verrat der Griechen an den Barbaren bereit waren. Daher bleibt auch die Erkenntnis von der Unrichtigkeit der Zweiteilung der Menschen ohne praktische Anwendung. Ist der logische Fehler einmal erkannt, so durfte die gesamte Menschheit auch nicht in der Formel «Hellenen und Barbaren» zusammengefaßt werden. Doch wendet Platon die allgemein eingebürgerte Redensart unbedenklich an68). Die Griechen haben einen kulturellen Vorsprung und sind auch die ältere Nation. Es ist auch ganz im Sinne Platons, wenn der Verfasser der Epinomis (987E) nichts dagegen hat, Gutes von den Barbaren zu übernehmen, da die Griechen alles Übernommene schließlich veredeln.

Am lebhaftesten kommt Platons hellenisches Nationalgefühl in der Politie zum Ausdruck70). Sein Idealstaat ist naturgemäß als ein griechischer gedacht, und es wird erörtert, wie sich diese griechische Polis gegenüber Griechen und wie gegenüber Barbaren zu verhalten habe. Die griechischen Stämme sind untereinander verwandt und verschwistert, den Barbaren aber stehen sie fremd und feindlich gegenüber. Ein Krieg mit Griechen ist daher Bruderzwist und soll vermieden oder wenigstens human geführt werden: kein Verheeren griechischen Landes, keine Brandschatzung von Wohnstätten soll Vorkommen, die Besiegten nicht zu Sklaven gemacht werden. In dem eigentlichen Krieg, dem gegen die Barbaren, der bis zur Vernichtung geführt werden soll, werden solche Kriegssitten stillschweigend zugelassen. Platon führt hier einen ähnlichen Gedanken aus, wie ihn Gorgias in seinem Epitaphios in die berühmten Worte gekleidet hat, ein Sieg über Barbaren erheische Jubelgesänge, über Hellenen Klagelieder. An die im Jahre 408 in Olympia gehaltene glänzende Rede des gleichen Sophisten knüpft er an mit der Aufforderung, die Griechen sollten, statt sich zu bekriegen, sich lieber zum Kampfe gegen die Barbaren vereinigen, und er rühmt dementsprechend in den Gesetzen (III 692Cff.) das Verdienst von Athen und Sparta bei der Abwehr der durch den Einfall des Xerxes drohenden Knechtschaft. Sein Verhältnis zu den Barbaren ist damit hinlänglich gekennzeichnet.

Von Platon, aber auch von Sokrates und Thaies, ging ein Geschichtchen um, das sich schon durch dieses Schwanken als Wanderanekdote kundgibt, die für die Charakteristik dieser Männer wertlos, aber für die herrschende Meinung bezeichnend ist und daher hier Platz finden mag. Erzählt wird jedesmal übereinstimmend von dem Dank des Weisen an das Schicksal, daß er als Mensch und nicht als Tier, als Mann und nicht als Weib, schließlich als Grieche und nicht als Barbar auf die Welt gekommen sei73). Die ganze Fassung verweist die Erzählung in den Gedankenkreis der peripatetischen Schule.

Ungleich konservativer als Platon ist sein großer Schüler Aristoteles, der im ersten Buch seiner Politik die neue öleichKeitsiehre sogar energisch bekämpft. Die Sophisten lehren, wie wir wissen und wie auch Aristoteles wiederholt, daß der Unterschied, der zwischen Freien und Sklaven gemacht wird, nur auf Satzung und Sitte beruht und nicht in der Natur gegeben ist. Die Knechtung von Menschen sei ein Gewaltakt und daher ungerecht. Demgegenüber verteidigt Aristoteles die bestehende Ordnung, da die Unterschiede in der Natur begründet seien. Er hält die Sklaverei für etwas durchaus Notwendiges, da nicht einmal das einfache Hauswesen, geschweige denn der Staat ohne Sklaven bestehen könne. Die Sklaverei ist aber auch berechtigt, weil es Menschen gibt, die von Natur aus dazu bestimmt sind zu dienen. Denn es sind keineswegs alle von Natur aus gleich geschaffen, sondern die einen vermöge ihrer geistigen und körperlichen Anlagen für den Staatsdienst in Krieg und Frieden geeignet, während andere nur für die notwendigen groben Verrichtungen taugen. Die ersteren sind dann den letzteren ebenso überlegen wie die Seele dem Körper, das männliche Geschlecht dem weiblichen oder der Mensch dem Tier. Die anderen aber sind eben geborene Sklaven. Ein Krieg, der den Zweck hat, Menschen zu Sklaven zu machen, braucht daher durchaus nicht ungerecht zu sein. Er ist es dann, wenn er solche knechtet, die von Natur aus für die Freiheit bestimmt sind. Er ist aber vollkommen gerecht, wenn er sich gegen Menschen richtet, die von Natur aus dazu bestimmt sind Knechte zu sein, sich dem aber widersetzen. Denn es geschieht nur zu ihrem eigenen Glück, wenn sie von den anderen vollwertigen oder, wie wir sagen würden, von den Herrenmenschen beherrscht werden, ebenso wie etwa die Haustiere sich unter der Herrschaft des Menschen Wohlbefinden und ohne seine Leitung und Fürsorge zugrunde gehen müßten.

Wir sind nun gespannt zu erfahren, wie diese geborenen Sklaven erkannt und von den anderen Menschen unterschieden werden. Zu unserer Überraschung erhalten wir die Auskunft, daß die von Natur aus zur Sklaverei Bestimmten die Barbaren sind, denen also die Griechen.als Herrenvolk gegenüberstehen. Ein Beweis wird nicht versucht, sondern Aristoteles beruft sich nur auf die Dichter und zitiert den uns bekannten Vers desEuripides: «Über dieBarbaren sollen dieGriechen herrschen». Der große Denker gibt einfach die einem jeden selbstbewußten Griechen eingeimpfte Ansicht wieder und befindet sich somit ganz im Banne des nationalen Vorurteils, mit dem der Hellene auf andere Völker überlegen herabzublicken gewöhnt war. Ja er hat merkwürdigerweise auch darüber hinweggesehen, daß jenes allgemeine Urteil über die Barbaren als solches nicht aufrechtzuerhalten ist, sondern von zahlreichen Ausnahmen durchbrochen wird, die ihm nicht unbekannt waren, da er auch nichthellenische Staaten beachtet und reichhaltige Sammlungen barbarischer Bräuche angelegt hat.

Zu Inkonsequenzen führt z. B. schon die Berücksichtigung der geographischen Lage im Sinne des Hippokrates und Platon. Danach sind die Völker des Nordens mutig, aber minder intelligent, daher zwar frei, aber zur Bildung von Staatswesen und zur Beherrschung von Nachbarn ungeeignet. Die Bewohner Asiens sind intelligent und künstlerisch veranlagt, aber feige und daher zur Knechtschaft bestimmte Sklaven. Das Volk der Hellenen nimmt sowohl in Ansehung der geographischen Lage wie auch seiner Charaktereigenschaften eine Mittelstellung ein, es ist mutig und intelligent zugleich, daher nicht nur frei, sondern auch politisch reif und geeignet alle zu beherrschen, wenn es einen einheitlichen Staat bildete (Polit.7, 7). Abgesehen davon, daß hier unter dem geographischen Gesichtspunkt der Begriff »Barbar« gar nicht in die Erscheinung tritt und das Wort daher auch gar nicht vorkommt, werden die nordischen Völker, also etwa Thraker und Skythen, die als Barbaren Sklaven sein müßten, ausdrücklich als frei bezeichnet, dagegen außer acht gelassen, daß sich unter den « knechtischen » Asiaten doch auch Griechen befanden. Auch sonst muß das Prinzip mit Rücksicht auf die gegebenen Tatsachen von Aristoteles gelegentlich durchbrochen werden. So werden die Einrichtungen von Karthago gerühmt und mit zwei der besten hellenischen Verfassungen, der kretischen und lakonischen, in eine Reihe gestellt. Soll aber ein solcher Musterstaat, wenn auch barbarisch, aus lauter Sklavenseelen bestehen?

So finden wir den großen Philosophen in ähnliche Schwierigkeiten verstrickt, wie sie schon eingangs beobachtet wurden, und die sich daraus erklären, daß sich Aristoteles die allgemein übliche ungenaue Ausdrucksweise zu eigen gemacht hat, die nicht unpassend als eine Art Lockerheit des Sprachgebrauches bezeichnet wurde. Das Wort «Barbar» bedeutete allgemein den Fremden, den Nichtgriechen aber die damit verbundene Vorstellung hat sich, wie gezeigt wurde, einseitig an Repräsentanten roher und kulturell zurückgebliebener Völker gebildet, die sich zu Hause vielfach von despotischen Herrschern knechten ließen und die ja auch das Hauptkontingent der Sklaven in Griechenland lieferten. So konnte sich die Gleichung Barbarsklave einstellen und dann in «lockerer» Anwendung eine allgemeinere Geltung erlangen, als es in den Tatsachen begründet war. Auf diese Weise mag man sich die auffällige Stellungnahme des Aristoteles die Sklaven und Barbaren betreffend verständlich machen. Ihr letzter Grund ist sein echt hellenisches Nationalbewußtsein, das ja auch in seiner politischen Überzeugung trotz seines Verhältnisses zum makedonischen Hof zum Ausdruck kam. Seine Theorien hätten leicht auch in der Weltgeschichte praktische Bedeutung gewinnen können,- war doch der größte Philosoph des Altertums der Erzieher des genialsten Heerführers und Monarchen, des Eroberers ausgedehnter Barbarenländer und Begründers eines gewaltigen Weltreiches.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins