Schlagwort: Rassegenossen


Die Gastfreundschaft gehört zu den wenigen guten Eigenschaften im National-Charakter der verschiedenen Eingeborenen-Stämme in Deutsch-Ostafrika. Zumal in den älteren, von der neuzeitlichen Kultur noch unberührten Zeiten beruhte aller Wandel und Verkehr in Ostafrika auf einem weitausgedehnten, gastfreundlichen Bewirtungs-System, das heutigen Tages eigentlich nur noch innerhalb der eigenen Stammesgemeinschaft und der, allerdings recht weit reichenden persönlichen Freundschaften ausgeübt wird. Schon hingst hat auch hier das zivilisierte System der Bezahlung mit klingender Münze die fremdenbewirtende Freigebigkeit der Naturvölker abgelöst, die bei einzelnen Stämmen an die Schilderungen des Tacitus über die Gastfreundschaft im alten Germanien erinnerte. Der Mammon übt auch hier mehr und mehr seine nivellierende Wirkung in der Völker-Psyche aus. Immerhin ist es heute noch geradezu erstaunlich, wie weitgehend ein Neger jederzeit bereit ist, seine Mahlzeit, seinen Haustrank und sein Obdach mit ihm gar nicht besonders nahestehenden Rassegenossen zu teilen, die der Zufall oder die Absicht in sein Haus oder Dorf gebracht hat.

Kolonie und Heimat

Nun reckt sich Österreich zur Weltmacht empor. Es nimmt Bosnien und die Herzegowina. Im Grunde war das gar nichts Besonderes, denn erstlich war der Besitz dieser beiden Länder schon ersessen, war von den fremden Regierungen schon stillschweigend anerkannt, und zweitens hatte zum mindesten Rußland schon längst, in den Abmachungen von Reichsstadt im Jahre 1876 der Donaumonarchie den beregten Gebietszuwachs zugestanden. Nun aber durchtobt auf einmal Empörung die Herzen der anderen Völker. Auf Recht oder Unrecht kommt es eben nicht an, sondern auf welche Konpunktur eine Tat stößt. Die Italiener hatten sich seit einer Reihe von Jahren Hoffnungen auf Albanien gemacht. Sie betrieben die friedliche Durchdringung der Contracosta auf jede Weise. Sie errichteten Dauerausstellungen italienischer Waren, sie schickten ihre rührigsten Agitatoren wie Podzardi, der sich in Innsbruck bewährt hatte, als Konsul nach Scutari, Durazzi, Valona und Santi Quaranta, sie unterstützten aus Staatsgeldern dieDampfergesellschaft Puglia. Selbst zur prähistorischen Forschung griffen sie, um auf die Stimmung in Albanien Eindruck zu machen. Sie suchten nachzuweisen, was ich persönlich für ganz berechtigt halte, daß die Bevölkerung Italiens zur Hälfte illyrischen Ursprungs sei. Ohnehin aber war die Unzufriedenheit mit dem Dreibund, und war noch mehr die Feindseligkeit gegen Österreich letzthin gewaltig gestiegen. Das bezeugte die rege Bautätigkeit in dem östlichen Alpengebiet, nämlich eine Tätigkeit, die sich auf die Errichtung neuer Sperrforts und die Erweiterung der schon bestehenden Festungen erstreckte. Besonders in der Heimat Tizians, bei Pieve di Cadore, von wo aus gut marschierende Truppen binnen 24 Stunden ins Herz von Tirol, nach Waidbruck am Ausgang des Grödner Tals gelangen können, wurde eifrig gebaut. Die Erregung der Italiener ist zu verstehen. Es ging und geht nicht um des Kaisers Bart sondern um sehr greifbare Werte, um die handelspolitische Durchdringung des Westbalkans und die Beherrschung der Adria. Es ist doch einmal geschichtlich so gewesen, daß von Karl V. bis zum Jahre 1866 also während vier Jahrhunderten, oder wenn man will, schon seit Rudolf von Habsburg, oder besser, seit Karl dem Großen, die österreichische, die deutsche Stellung an der Adria und in der Apenninhalbinsel selber das Haupthindernis für die italienische Einheit gewesen ist. Auch ist die Gefahr noch keineswegs ganz beseitigt, denn der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ist den Italienern sehr feindlich gesinnt. Die Italiener haben genug an der Bedrohung von Istrien und Dalmatien aus; nur begreiflich, daß sie eine völlige Flankierung längs des Adriatischen Meeres als eine Lebensgefahr empfinden würden. Die Erinnerung an Tegethof und Lissa ist für sie nicht gerade erfreulich, zeigt sie doch eine schlimme Inferiorität der italienischen Flotte. Auf der anderen Seite ist aber die Freihaltung der Adria eine Lebensfrage für die Donaumonarchie. Sobald das Adriatische Meer auf beiden Gestaden in Brindisi sowohl wie auch in Prevessa und Valona italienisch wird, so ist die Seegeltung Österreichs erschüttert. Eine Fußfassung der Italiener auf der Balkanhalbinsel muß vollends den Habsburgern äußerst unangenehm sein, da das Haus Savoyen mit einem Hauptfeind der Habsburger, mit Montenegro, durch dynastische Bande verknüpft ist. Das Zusammengehen der Italiener mit den Zenagorzen und deren Rassegenossen im Königreich Serbien kann leicht dazu führen, einen Querriegel gegen die österreichische Ausdehnung auf dem Balkan zu schaffen. So erklärt es sich, daß die Nachricht von der Einverleibung Bosniens und der Herzegowina helle Wut in Italien erregte.

Und England schürte den Brand. Von allen Seiten her hieß es die Meute gegen Österreich anbellen. Es schien zu sagen: siehst du, wie bequem hättest du es haben können, wenn du mit uns und unseren Freunden hättest einig gehen wollen; so aber, da du dich für Deutschland entschieden, sollst du einmal merken, wie unangenehm wir werden können!

Eine Diversion brachte die Spannung zwischen Japan und der Union. England ist bis 1915 mit dem Mikado verbündet. Außerdem stand die Union ausgezeichnet mit Deutschland, das zu bekämpfen König Eduard ausgezogen war.

Die Entscheidung wurde jedoch durch die Konstellation in Europa selbst herbeigeführt. Alles bereitete sich zu einem Ernstfälle vor. Die Russen zogen im Winter 1908/09 ihre Truppen von der Westgrenze zurück, und veränderten hierdurch grundstürzend die Möglichkeiten eines feindlichen Einmarsches. Die ganze russische Stellung von Warschau bis Kiew wurde um mehrere Tagesreisen weiter nach Osten hin geschoben. Strategisch ist dies vermutlich ein ganz richtiger Gedanke. Bei der neuen Konzentration kann man einem kombinierten Angriffe deutscher und österreichischer Heere besser begegnen. Hatte man doch aus dem Feldzuge in der Mandschurei gelernt, daß es durchaus nicht immer das Beste ist, dem Feinde sofort zu begegnen, sondern daß es sich häufig empfiehlt, statt eine langgestreckte, aber sehr dünne Vormarschlinie zu entwickeln, vielmehr weiter vom Feinde entfernt eine starke Konzentration zu bewirken und ihn dort gesammelt zu erwarten. Immerhin jedoch war das Zurückziehen der polnischen und westrussischen Armeekorps ein Zeichen von Schwäche. An dem Bewußtsein der Schwäche ist denn auch die ganze Offensive der von England geführten Mächtegruppe gescheitert. Im Vorfrühling drängte alles zur blutigen Entscheidung. Allein in Petersburg wollte man nicht. Man erklärte die militärische und finanzielle Erschöpfung sei zu stark, um sich in neue Abenteuer zu stürzen. Von Paris aus bot man sogar französische Generalstabsoffiziere an, um die zerrüttete russische Armee neu zu organisieren. In Petersburg erbaten sich die Machthaber Zeit zum Nachdenken, aber nach einigen Wochen erwiderten sie, Informationen hätten ergeben, daß die russische Armee sich die Bevormundung fremder Offiziere nicht werde gefallen lassen; daher müßte sie das freundliche Anerbieten ablehnen. Trotzdem wollte namentlich Italien vom Leder ziehen. Nun aber griff England beruhigend ein. Es machte geltend, daß ohne die Hilfe Rußlands ein entscheidender Erfolg doch nicht zu erwarten sei und wiegelte daher ab. Wie so oft in der Weltgeschichte, wurde die letzte Entscheidung auch hier durch den Charakter einer einzigen Persönlichkeit bestimmt. König Eduard war der geschickteste Diplomat seiner Zeit, aber eins fehlte ihm: Er konnte sich nicht aufraffen zu entscheidender Tat. Militärische Dinge, selbst Paraden, die doch seinem prunkliebenden Auge hätten gefallen müssen, waren ihm ein Greuel. Für einen wirklich schweren Krieg war er vollends nicht zu haben.

Die Entspannung erfolgte am ersten April 1909. Sie kam so plötzlich, daß man in Wien allgemein sagte, der Friede ist ausgebrochen. Der mitteleuropäische Block, das Bündnis zwischen Deutschland und Österreich hatte sich also doch der an Zahl weit überlegenen Kombination, an deren Spitze England stand, überlegen gezeigt. Von dem Augenblick an, noch ein Jahr vor dem Tode Königs Eduards, wanderte das Schwergericht der Weltpolitik nach Mitteleuropa zurück. Auf die Tragödie folgte ein Satyrspiel. Österreich hatte bereits an der serbischen Grenze mobilisiert. Die Mobilisation geschah zum Teil deshalb, weil eine großserbische Verschwörung in Kroatien entdeckt worden war. Nun wurde behauptet, die Schriftstücke, dieeinesolcheVerschwörung dartäten, seien gefälscht. Bis zum heutigen Tage ist der gerichtliche und parlamentarische Streit darüber nicht beendet. Masaryk, der als leicht gläubiger, wenn auch sonst gescheiter und wohlwollender Mann bekannt ist, behauptet die Unechtheit und im Anschluß daran, daß alle die Millionen für die Mobilisation umsonst ausgegeben seien. Aehrenthal setzte sich für die Echtheit ein. Im Grunde ist der ganze Streit nicht sehr wichtig. Denn das kleine Serbien kam doch eigentlich kaum in Betracht. Der Aufmarsch Österreich spichtete sich doch eigentlich gegen viel größere Mächte.

Wenn wir heute von den kaleidoskopartig schnellen Veränderungen der Weltpolitik sprechen, so ist die Türkei das bedeutsamste Beispiel dafür. In keinem anderen Reiche hat die Stimmung und Haltung der führenden Kreise so ungemein hurtig gewechselt, wie in dem osmanischen. Gestern gegen die Slawen in Mazedonien, heute mit den Bandenführern der Serben und Bulgaren. Morgen droht Krieg mit Serbien, übermorgen bereitet man ein Bündnis mit Serbien gegen Bulgarien vor. Und wie in Mazedonien, so in den übrigen Teilen des ausgedehnten Reiches. Dreimal ziehen die Krieger des Sultans gegen die Albanier zu Felde.; Und dreimal wird Versöhnung und Friede angebahnt; jetzt stehen wir vor dem vierten Ausbruch. Ähnlich in Kurdestan, ähnlich in Syrien und Arabien. Einmal bekämpft man die Araber in offener Feldschlacht, dann macht ihnen die Pforte Konzessionen und bietet ihnen alles an, was das Menschenherz nur verlangen kann, um dann abermals ganze Reihen von Bataillonen hinunter nach Yemen zu schicken und mit Kanonen die Autonomiegelüste der Araber niederzukämpfen. Nicht minder ist das Verhältnis mit dem Auslande einem gleich geschwinden Wechsel unterworfen. Die endgültige Einverleibung Bosniens und der Herzegowina entfacht in Konstantinopel einen heißen Zorn und man schreitet zur Boykottierung österreichischer Waren und Schiffe. Hierauf wird man wieder gut Freund mit der Donaumonarchie. Und dann beschuldigt man sie den Aufstand in Albanien gefördert zu haben. Mit England lebt man zuerst in herrlicher Harmonie. Als aber die Türken merken, daß es die Engländer auf Mesopotamien und Südarabien abgesehen haben, da rufen sie die Kräfte des Panislamismus zum Kampfe gegen Weltbritannien auf. Neuerdings jedoch haben sie die Konzession von Willcox in Mesopotamien bewilligt und haben zwei „Wagehälse“ (Dreadnoughts) bei britischen Werften bestellt.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
Weltkriege der Gegenwart : Blüte Nordamerikas
Weltkriege der Gegenwart : Japanisch-russischer Krieg
Weltkriege der Gegenwart : Hottentottenkrieg
Weltkriege der Gegenwart : Marokko
Weltkriege der Gegenwart : Eduard VII.

Männer; Völker und Zeiten

Die Gegenwart zeigt vielfach eine Art politischer Ellipsenbildung. Die großen Gewalten der Zeit sind das Angelsachsentum, das Slawentum, das Ostasiatentum und das Deutschtum.

Nirgends aber sind diese Gewalten zu einem einzigen Territorium vereinigt, im Gegenteil finden wir überall zwei Brennpunkte, wie in einer Ellipse. Dergestalt stehen sich Tokio und Peking gegenüber. Ferner Washington und London. In der Welt der Slawen herrscht ein gleicher Dualismus: das ausgedehnte Zarenreich im Norden und die kleinen, aber zahlreichen Brüder im Südwesten, nämlich Polen, Tschechen, Bulgaren, Mazedonen und Serben, von Slowenen, Ruthenen, Slowaken und so weiter zu geschweigen. Schwieriger wäre es, die romanische Welt in eine Ellipse einzuordnen. Immerhin ist auf der einen Seite das führende Frankreich, auf der andern der schwächeren, südeuropäischen Rassegenossen, sind Italiener, Spanier und Portugiesen. Selbst in der arabischen Welt kann man das gleiche Phänomen gewahren; das arabische Nordafrika hält dem arabischen Vorderasien ungefähr das Gleichgewicht.

Es sind erst zehn Jahre her, seit der Stern Schönerers und Wolfs zu verblassen begann. Vor der Wende des Jahrhunderts waren nicht nur die österreichischen Alldeutschen, sondern.auch viele tüchtige Männer der schwarz-weiß-roten Flagge der Überzeugung, besser könne es erst um die Deutschen werden, wenn die Brüder an der Donau und in den Alpen mit den nördlichen Volksgenossen durch ein einziges staatliches Band verknüpft würden. Wie das tun? Sehr einfach. „Mir haun alles z’samm.“ Mit Gewalt sollten die Habsburger unter die Hohenzollern gezwungen werden. Ich sage nicht einmal, daß solches Beginnen vollkommen unmöglich war; in jedem Falle aber war die Zeit dazu längst verpaßt. Es verhält sich mit solchen grundstürzenden Eingriffen in die Staatenkarte, wie mit dem Schmieden einer Eisenmasse. Ist die Masse noch im feurigen Fluß, so kann sie verhältnismäßig leicht bearbeitet werden, ist sie aber schon wieder erstarrt, so ist es völlig unmöglich, sie in die gewünschte Form umzuhämmern. Vielleicht bestand früher einmal die Möglichkeit, auch Österreich in den erweiterten Bundesstaat, den das neue Deutsche Reich darstellt, aufzunehmen: jetzt ist diese Möglichkeit (falls sie überhaupt bestanden hat) endgültig vorbei. Das Donaureich hat sich wieder befestigt und hat sogar, seit 1908, den Aufstieg zur Weltmacht begonnen. Die beiden mitteleuropäischen Staaten stehen sich wieder ebenbürtig gegenüber. Hier setzt nun unsre Ellipsentheorie ein. Genau so wie Angelsachsen und Ostasiaten, so scheinen auch die Deutschen dazu bestimmt zu sein, durch Pol und Gegenpol in Kreis- und Wechselströmen ihre Kraft zu entfalten.

Seitdem der Gedanke der Imperial Federation aufkam, seit dem Jahre 1884, haben sich führende Kreise in England heiß darum bemüht, Freundschaft in den volksverwandten Vereinigten Staaten zu wecken und zu steigern. Ebenso hat Japan, einige Zeitlang mit Erfolg, darnach getrachtet, China auszusöhnen, und den Himmelssohn zu gemeinsamem Handeln mit dem Mikado anzustacheln. Auch für uns handelt es sich darum, mit Österreich in dauerndem Einverständnis zu leben. Dies ist um so notwendiger, als durch ein kühles oder gar unfreundliches Verhalten Berlins Österreich geradezu unseren Gegnern, den Slawen, in die Arme getrieben würde. Genau wie später durch das feindselige Vorgehen der Japaner China den rassefremden Amerikanern zugeführt worden ist. Ohnehin sind die galizischen Polen und die Tschechen schon längst darauf aus, Österreich zu einer Slawenmacht umzuwandeln, jene vielen kleinen Slawenstämme, die im natürlichen Gegensatz zu den Russen stehen, hoffen darauf, in Wien den Kristallisationspunkt zu finden und sich dadurch Petersburg gegenüber zu behaupten. Die Nationalitätenkämpfe begannen in Österreich 1866; ernster wurden sie seit 1897 bis 1899.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
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Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg

Männer; Völker und Zeiten

Durch die Renaissance war hauptsächlich der Süden in seiner Bildung, wie auch seiner politischen Macht gefördert worden. Es war eben Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein, das die Renaissance, die Wiedererweckung des südeuropäischen Altertums ihm bot. Bei den Germanen war es dagegen ein Fremdstoff, der erst allmählich verdaut werden mußte. So ist eigentlich die Renaissance eine Wiedergeburt des Südens und eine Auflehnung gegen die Übermacht des Norden gewesen. Spanien war fortan das maßgebende Land in Europa. Durch den Einbruch der Osmanen war ohnehin das Schwergewicht der Weltgeschichte wiederum nach den Küsten des Mittelmeeres verlegt worden. Die strategisch so wunderbare Stellung Spaniens, die es zum Knauf Europas und zugleich zum Ausgangspunkt afrikanischer und amerikanischer Fahrten macht, kam in jeder Konjunktur aufs glänzendste zur Geltung. Zudem war Spanien der erste Einheitsstaat, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt. Selbst den Franzosen ging es in dieser Hinsicht noch um hundert Jahre voraus und noch weit mehr Rußland, Großbritannien und den anderen Ländern. Den Spaniern kam nun endlich die angeborene militärische Tüchtigkeit zugute, die sie bisher lediglich zur Verteidigung angewandt hatten, außer in Sizilien und Neapel, wo seit längerem Fürsten von Aragon herrschten. Im sechzehnten Jahrhundert waren die Spanier die besten Soldaten der Welt. Das mußten auch die Holländer verspüren. Sie ertrugen sechs Jahre das Schreckensregiment eines Herzogs von Alba. Nachdem sie sich unter Leitung Wilhelms von Oranien (eines Ahnherrn Kaiser Wilhelms des Zweiten) empört hatten, war es ihnen lange unmöglich, gegen die wohlgeübten technisch überlegenen Truppen des Feindes im Felde zu bestehen. Mit nur 7000Mann brachten es die Spanier fertig, Antwerpen, eine der größten und blühendsten Handelstädte Europas, einzunehmen. Übrigens spielte der religiöse Gegensatz zwischen dem katholischen Südvolke und den protestantischen Niederländern keine maßgebende Rolle. Der Aufstand brach erst aus, als sich die Niederländer in ihrem Geldbeutel bedroht sahen, als die fiskalischen Maßregeln Philipps des Zweiten (1555—1581) die wirtschaftliche Blüte des Landes dem Untergange nahe brachten. Gerettet hat die Holländer im Grunde England. Denn auch der Kleinkrieg, den die Geusen zur See führten, hat wohl den Feind belästigt und ihm hier und da Abbruch getan, aber hat nichts entschieden. England war gleich Frankreich, wo 1572 in der Bartholomäusnacht (23. August) die Hugenotten vernichtet wurden, lange durch religiös gefärbte Bürgerkriege beschäftigt. Unter Elisabeth gewann jedoch der Protestantismus die Oberhand. Nun wandte England seine junge Kraft gegen Philipp den Zweiten. Es brachte die katholische Schottenkönigin aus dem Hause der Guise 1587 aufs Schafott. Es schickte die Flibustier gegen die spanischen Silberschiffe aus, es unterstützte die Holländer, und reizte dadurch schließlich Philipp, der den Guisen in Frankreich half, dermaßen, daß er eine gewaltige Flotte, die große Armada in den Ärmelkanal entsandte. Im Hochsommer scheiterte die Armada durch Stürme, und der Rest fiel den Engländern in die Hände. Den Nutzen davon hatten jedoch zunächst die Holländer. Sie schlugen nicht nur die Spanier zurück, sondern errichteten auch in Asien, Afrika und Amerika große Kolonialreiche, zumeist auf Kosten Portugals, das seit der Spätzeit Philipps an Spanien angegliedert war. Zwar waren die Engländer nicht ganz untätig. Im Jahre 1591 kam Lancaster nach Indien.

Ein ewiger Kampf tritt zwischen die alte Kultur und die neu ihr unterworfene Rasse. Neben diesem Kampfe und durch ihn entbrennt zugleich ein Wettstreit verschiedener Kulturen untereinander, ein Streit, der ebenfalls die Eigenart der Gegnerinnen umgestaltet, zerstörend oder befruchtend, verflachend und vertiefend. So die Wechselwirkungen zwischen aztekischer und spanischer Kultur, zwischen Islam und Hinduismus, zwischen Buddhismus und der chinesischen Bildungswelt, zwischen der frisch belebten Antike, der Renaissance, und dem Vorstellungskreise der Scholastik, zwischen der verknöcherten, altüberkommenen, schemenhaft gewordenen Bildung der Chinesen und der angriffslustigen, jungen Zivilisation des Westens.

Durch das Aufkommen Portugals sank Venedig. Der verstorbene v. Zwiedeneck sagt darüber: Bei dem riesigen Kapitale, das die Venezianer angesammelt hatten, mit dem vortrefflichen Materiale von Matrosen, das ihnen reichlich zur Verfügung stand, und den ausgezeichneten technischen Einrichtungen ihrer Schiffs-werfte konnten sie die Konkurrenz mit den um so viel ärmeren Portugiesen ohne Zweifel aufnehmen. Die Strecke von den adriatischen, griechischen und apulischen Häfen bis zur Straße von Gibraltar verteuerte die Fahrten nach Indien nicht so bedeutend, um nicht ebenfalls auf dem neuen Wege die für den Handel erforderlichen Artikel erwerben zu können. Venedig hatte ein ausgedehntes Hinterland, dessen Aufnahmefähigkeit im Steigen begriffen war; das ganze Ostalpengebiet,Süddeutschland bis an den Main, Böhmen, Polen und Ungarn waren auf den Handel mit Venedig angewiesen, das ihnen für die Produkte beider Indien gewiß nicht höhere Preise abzunehmen brauchte, als die Holländer und Hanseaten, die sich ihre Waren aus Lissabon abholen mußten. Es war ja nicht notwendig, sich auf den gewohnten Verkehr mit deutschen Kaufleuten und Spediteuren im Fondaco und in Portugruaro zu beschränken, man konnte ihm neue Bahnen brechen, ihn verdoppeln und verdreifachen. Das Projekt des Suezkanals war für die Lagunentechniker, die täglich Baggerungen undKüstensicherungen vorzunehmen hatten, durchaus nicht unausführbar, es hätte nur Geld und Unternehmungslust gebraucht, es wäre nötig gewesen, alle anderen Interessen der Herstellung des nächsten und bequemsten Seewegs nach Indien unterzuordnen.

Diesen Entschluß hat die Signorie aber nicht gefaßt, ja sie hat ihn nicht fassen können, weil ihre Auftraggeber, die Familien des Libro d’oro, weder den Opfermut noch die Unternehmungslust ihrer Vorfahren besaßen. Allzu leicht und rasch erzielter Gewinn macht träge und genußsüchtig, nicht in der ersten, vielleicht auch noch nicht in der zweiten, um so gewisser in der dritten und in den folgenden Generationen. Die Reichtümer Venedigs waren aber schon seit einem Jahrhundert und länger aufgespeichert, und nun trennte man sich schwer für lange Zeit von ihrem Genüsse. Weite, beschwerliche und gefährliche Seefahrten waren nicht mehr nach dem Geschmacke der aristokratischen Jugend, die im Weichbilde von S. Marco aller Lebensfreuden teilhaft werden und sich mit der höfischen Gesellschaft in den vornehmsten fürstlichen Residenzen in ritterlichem Auftreten messen konnte. Die Schiffsherren waren Landbarone geworden; statt den Takt der Ruderschläge zu bestimmen und die Segel zu stellen, tummelten sie feurige Rosse und machten Jagdpartien. Darum hielten sie es für wichtiger, ihr Territorium zu vergrößern als sich die Herrschaft im Mittelmeer zu bewahren und mit den atlantischen Seefahrern zu wetteifern.

Das ist der Wendepunkt in den Geschicken der stolzesten und mächtigsten Republik, die seit dem Untergange der römischen entstanden war.

Während 1595 die Holländer einen großen Zug nach Inselasien und einen anderen, um die sehnsüchtig gesuchte nordöstliche Durchfahrt zu finden, nach Nowaja Semlja unternahmen, und die Spanier in Japan erschienen, während Batavia 1619 auf Java gegründet wurde und 1622 die Holländer sich auf den Peskadoren und dann auf Formosa festsetzten, versuchten die Engländer Ende des sechzehnten Jahrhunderts und dann zum zweiten Male 1607 die Kolonisation Virginias, besetzten 1608 Spitzbergen (das ja augenblicklich ein Streitapfel zwischen vier Nationen geworden ist); ferner entdeckte Hudson 1609 den Hudsonfluß und die nach ihm benannte Bai. Engländer tauchten in Grönland und in dem indischen Surate auf, sie entdeckten 1615 die Baffinsbai und besiedelten die Bermudainseln; endlich gingen 1620 die „Pilgerväter“ mit dem Schiffe Mayflower nach Plymouth in den „Neu-Englandstaaten“. Nur ungern sahen die Holländer das Eindringen ihrer Glaubens- und Rassegenossen in die überseeischen Länder. Sie veranstalteten 1622 eine Niedermetzelung aller Engländer auf der Mollukkeninsel Amboina. Aber der Tatendurst der Briten war nicht zu löschen. Sie landeten in dem letztgenannten Jahre auf der Insel Ormuzd. Sie schlugen 1630 die Portugiesen bei Surate, sie faßten das Jahr darauf in Westafrika Fuß und gewannen Barbados, eine der kleinen Antillen; 1634 wagen sie sich schon nach China. Das folgende Jahr errichten sie Niederlassungen in Connecticut, Maryland und Massachusetts, während Delaware von Schweden und Deutschen eingenommen wurde.

China hatte 1368 die Mongolen vertrieben.

Nun erfolgte abermals der Gegenstoß des Nordens gegen den Süden. Die Mandschu brachen 1618 auf, um das himmlische Reich zu erobern. Die goldenen Khane errichteten das Kalmückenreich und brachten Tibet in Abhängigkeit, die Mogule bemächtigten sich Südindiens. Im Westen zwangen die Großrussen Kleinrußland zum Anschluß, und Gustav Adolf zog aus Skandinavien bis nach München und in die Nähe von Wien. Die Besitzungen der Spanier und Portugiesen gingen allmählich in die Gewalt der Holländer und Engländer über. Zwar machte noch Frankreich, das zwischen Nord und Süd in der Mitte liegt, erfolgreiche Anstrengungen. Es gründete 1608 Quebeck. Lassalle erforschte den Mississippi, dessen Becken französisch wurde, ln Europa wurde Frankreich die ausschlaggebende Macht.

Dazu half in erster Linie die Schwächung der Habsburger. Durch den Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) wurde der spanisch – österreichische Block zerstört. Als die erste Hälfte des Krieges zu Ende ging, da schien es freilich, als ob Wallenstein jenem Block die Weltherrschaft zu Füßen legen könne. Der Kaiser Ferdinand II. aber, der die römische Kirche und den Romanismus in seinen Erblanden wieder befestigt hatte, beging den Fehler, Wallenstein abzusetzen.

Zu der Wiedererstarkung Roms trugen vor allem die Jesuiten bei. Ihr Orden, von dem baskischen Ritter Ignatius von Loyola gegründet, war jetzt drauf und dran, die größte geistige Macht in der ganzen Welt zu werden. Die katholischen Fürsten in Europa waren von Jesuiten beraten und auch über See, in Indien, Japan und Amerika, übte der Orden bedeutsamen Einfluß aus. In Paraguay bildete sich sogar ein Staat, der völlig von Jesuiten geleitet wurde.

Die zweite Hälfte des Dreißigjährigen Krieges, wobei die Franzosen zielbewußt eingriffen, entschied gegen die Habsburger. Die Schweden, von dem Kardinal Richelieu unterstützt, errangen Sieg auf Sieg. Wallenstein wurde zwar zum anderen Male an die Spitze der kaiserlichen Armeen gesetzt, allein da er nur lau vom Hofe unterstützt wurde und daher seinerseits lau wurde, so verdächtigte man ihn in Wien des Verrats und ließ ihn durch Meuchelmord aus dem Wege räumen. Ein wirres Durcheinander folgte, eine allgemeine Zermürbung und Zerrüttung unseres Vaterlandes, an der lediglich die Franzosen, Schweden und Polen ihre Freude haben konnten. Der Krieg hat die Bevölkerung Deutschlands und seinen Wohlstand sehr vermindert Er verschärfte die Übel, die aus mangelhafter Organisation entspringen. Auf politischem Gebiete zeigte sich der Mangel in der Viel- und Kleinstaaterei, auf wirtschaftlichem Gebiet in dem Auseinanderfallen und getrennten Wirken der ökonomischen Kräfte. Der Westen kümmerte sich nicht um das, was im Osten vorging, und der Süden wußte nicht, was der Norden tat. Das österreichische Wirtschaftsgebiet war mit Italien und Spanien in Verbindung, das preußische und sächsische neigte nach Skandinavien und Rußland. Von einer Industrie, wie sie in Frankreich und England erblühte, war noch kaum die Rede. Auch hatte Deutschland wenig Vorteil von den überseeischen Kolonien. Eigene Versuche, die von Augsburgern und Nürnbergern und später von Preußen gemacht wurden, verliefen im Sande. Die Kolonisation Pennsylvaniens, die von Frankfurt am Main aus durch Prätorius ins Werk gesetzt wurde, hatte zwar den schönsten Erfolg, aber kam lediglich den Angelsachsen zugute.

Trotz alldem war auf kulturellem Gebiete der Süden noch immer vorherrschend. Die spanische Tracht wurde in der vornehmen Gesellschaft Europas maßgebend; nicht minder romaniche Sprachen in aller Welt, insofern Portugiesisch und Spanisch bis ins 18. Jahrhundert hinein die ozeanischen Küsten beherrschte, während Italienisch und Französisch an den Höfen den Vorrang hatten. Das Vorbild der französischen Lebensart wurde auf dem ganzen Kontinent befolgt, und zwar in immer steigendem Maße von Franz I. bis auf Ludwig XV. Es waren glänzende Zeiten, wie sie uns für die Renaissance am schönsten die Schriften Ferd. Conrad Meyers, für das 17. Jahrhundert die drei Musketiere von Dumas schildern. Der Ruhm der Könige war nicht unverdient. Man nehme ein Abenteuer wie das des ritterlichen Franz I.

Es war am Tage der Vermählungsfeier des Herzogs von Guise mit Renata von Montpensier, der Tochter des Herzogs von Este-Ferrara und Enkelin Ludwigs II., als ein seit langen Jahren gefangengehaltenes Hauptschwein von nicht dagewesener Stärke und äußerster Wildheit im inneren Schloßhofe zu Amboise freigelassen ward, um es den Gästen zu präsentieren. Durch die vieltönigen Stimmen der Damen in den Fenstern und anhaltende Neckerei erregt, zertrümmert die wütende Bestie wider Erwarten ein kleines Nebenpförtchen, das in die Innenräume des Schlosses leitet; bricht sich, ehe jemand dazwischen zu treten vermag, Bahn und stürmt nun, mit dem charakteristischen Wetzen und Schlagen seiner Waffen, geradeswegs gegen das offene Gemach der übermütigen Neckerinnen.

Alles das hatte sich in wenigen Augenblicken vollzogen; niemand unter den Anwesenden war auf die Möglichkeit eines ähnlichen Angriffes und seine Abwehr im geringsten vorbereitet. Die unmittelbare Gefahr, der wildgrausige Anblick des jählings auf harten Schalen über die steinernen Fliesen des hohen Korridors heranpolternden Riesentieres mit wutfunkelnden Lichtern und schaumtriefendem Gebrech, aus dem die mächtigen Hauer blendend emporstehen, übt auf alle eine eigentümlich lähmende Wirkung: für eine Sekunde sitzt alles, wie gebannt, lautlos da — keiner der Kavaliere wagt, sich zu rühren, der Schrei selbst erstirbt auf den Lippen der Damen. Der König ist der einzige, der fast momentan die Fassung wiedergewinnt und sich dem Ernste des Augenblicks gewachsen zeigt. Er erhebt sich vom Sessel und tritt, mit Blitzesschnelle den Degen ziehend, von keinem gefolgt, festen Schrittes dem heranrasenden Keiler mitten in den Weg. Man sieht die hohe Gestalt sich tief Vorbeugen, und gleichzeitig erfolgt, fast vor der Schwelle des Gemachs, der furchtbare Zusammenstoß. Ein heiserer, eigentümlich pfeifender Laut wird vernommen — der grimme Basse sinkt verendend in sich zusammen. Die Gestalt des Königs richtet sich auf, unversehrt, indessen er die fast bis ans Heft eingedrungene Klinge aus der Brust des toten Keilers zieht. Fahle Blässe auf dem Antlitz, ein eigentümliches Leuchten im Auge, und mit einem Lächeln auf den Lippen reicht er die edle Waffe einem der herbeispringenden Edelleute zur Säuberung, sich selbst mit anmutigen Scherzen zu den Damen zurückbegebend.

Nicht verzeichnet hat uns die Chronik die Gefühle, welche in diesem Augenblicke die Brust des königlichen Weidmanns schwellten, dem — nach seinem eigenen Ausspruche — ein Hof ohne Frauen einem Jahr ohne Frühling zu vergleichen war, oder einem Lenz ohne Rosen.

Es bestätigte sich von neuem, daß Kriegszeiten auch die fruchtbarsten Kulturzeiten sind. Der Kanonenhall großer Schlachten erschüttert erfahrungsgemäß die Wolken, aus denen dann erwünschter Regen auf die Saaten herniederträufelt. Die wechselvolle Unruhe der Epoche spiegelte sich in den lebensvollen Dramen Shakespeares und den kräftigen, farbegesättigten Bildern eines Rubens und Velasquez. Der Krieg hatte aber auch Folgen in der Schichtung der Gesellschaft.

Da tritt kein andrer für ihn ein,

Für sich selber steht er da ganz allein!

Kleine Fehden sind zum Vorteil des Adels. Durch sehr große und sehr lange Kriege wird jedoch die Blüte des Adels dahingemäht. Man greift, um die Lücken der Heere auszufüllen, zum Ersatz aus anderen Schichten, nimmt Bauern und Handwerker und jüngere Söhne aus Bürgerkreisen. Auch ändert sich die Beschaffenheit des Adels selbst. Der Geburtsadel tritt zurück, der Grünadel von Beamten, reichen Kaufleuten und höfischen Günstlingen tritt hervor. Es ist jetzt nachgewiesen, daß auch die deutschen Patrizier lediglich aus dem Kaufmannsstande hervorgingen. Geld allein entschied. In Frankfurt wurde ein reich gewordener Krämer oder Handwerker geradezu gedrängt, in den Reihen der Patrizierseinen Platz zu suchen. Schon diedeutsche Kultur der Reformation ist zu einem guten Teile von reichen Kaufleuten getragen. Darnach werden die deutschen Fürsten wieder rühriger. Namentlich vollbringen sie große Bauten. Das Heidelberger Schloß ist eine der herrlichsten Schöpfungen aller Zeiten. Inzwischen wächst auch die untere Schicht der Gesellschaft. Das Volk, vielfach auf sich selbst angewiesen, wird selbstbewußter und trotziger. Die ersten Wehen des neuen Geistes zeigten sich in England und den Niederlanden. Der Herrscher wurde in den Niederlanden verjagt, in England sogar geköpft (Karl I. im Jahre 1648), und dafür erhob sich die Gewalt des Volkes. Für Holland war das nicht allzu günstig; in Großbritannien hatte das Volk hingegen das Glück, einen genialen Führer in der Person Cromwells zu erhalten. Der Feldherr der Puritaner, Cromwell, zwang nicht nur die vier Königreiche England, Schottland, Wales und Irland zur Einheit, zu einer strafferen, als sie selbst heute besteht, insofern Irland einfach zur englischen Provinz wurde, während es heute unter einem eigenen Vizekönig steht und die home rule, das heißt die Selbstverwaltung, anstrebt, sondern erverhalf dem englischen Namen auch nach außen zu frischem Ruhme.

Vom Glanz der Renaissance wurde ganz Europa geblendet; ihre Kunst erreichte England und Skandinavien und Polen. Aber auch das Barock (rund 1600—1715) ging von romanischen Ländern aus, um freilich in germanischen seine Vollendung zu finden. Nicht minder setzten sich italienische Oper und französisches Schauspiel auf dem ganzen Kontinente bis nach Rußland durch, während Shakespeare erst von 1770 an allgemeinere Geltung erlangte. Germanische Musik edleren Stils begann mit Bach um 1680, die höhere Schauspielkunst sogar erst ein Jahrhundert später.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika

Männer; Völker und Zeiten