Schlagwort: Rassenhaß

Unternehmungslustige Söhne des himmlischen Reiches — so wird der „Kiautschou-Post“ aus Berlin berichtet — haben erkannt, dass in Berlin noch ein Feld für merkantilistische Betätigung auch für die gelbe Rasse vorhanden ist. Während in dem berühmten Lande der Freiheit, in den Vereinigten Staaten, der Rassenhass ihnen das Geschäft erschwert, wenn nicht gar eines Tages ganz unmöglich macht, lässt sich im Lande der polizeilichen Willkür, wie unsre Sozis und Liberalen den preussischen Staat mit Vorliebe bezeichnen, auch für Angehörige andrer Rassen ein ganz angenehmes Dasein führen. Das Publikum hat noch eine besondere Vorliebe für alles Fremde, und die Gewerbefreiheit gibt den Ausländern gleiche Rechte wie den Einheimischen. So fühlen sich denn die Chinesen, die vor etwa Jahresfrist nicht Studien-, sondern erwerbshalber nach Berlin kamen, hier so wohl, dass sie inzwischen grossen Zuwachs erhalten haben. Es scheint also, dass der von ihnen betriebene Handel mit angeblich selbstgefertigten Waren recht gut geht, um weitere Landsmänner zur Übersiedelung nach Deutschland zu veranlassen.

Preussen ist ein Dorado für Hausierer. Zu den polnischen Bündeljuden und ihren galizischen Stammesgenossen, zu den Bosniaken mit den Rattenfallen und den Italienern mit „Gipsfiguri“ treten nun die Chinamänner mit ihren kunstgewerblichen Erzeugnissen, die hauptsächlich aus Nippessachen bestehen. Dass mit dem neuen Artikel von den Chinesen ein gutes Geschäft gemacht wird, kann man wohl ohne weiteres annehmen. Denn abgesehen davon, dass schon die eigenartige Erscheinung der Männer aus dem fernen Osten dem Käufer besonderes Interesse einflösst, es lässt sich auch keineswegs beurteilen, inwieweit die Waren preiswert sind. Den Zopf als Zeichen des Chinesentums haben diese Hausierer entweder fallen gelassen oder sie tragen ihn versteckt in ihrer europäischen Kleidung. Aber die andre Haupteigenschalt des Chinesen, die geschäftliche Gewandtheit, zeigt sich bei diesen Pionieren des chinesischen Handels in derausgeprägtesten Weise. So verstanden sich die ersten chinesischen Hausierer, die des Deutschen nur notdürftig mächtig waren, vortrefflich auf die Zeichensprache, und das war in gewisser Beziehung durchaus nicht zu ihrem Schaden. Denn wenn ihnen auch tüchtig „abgehandelt“ wurde, so werden sie daraufhin auch tüchtig vorgeschlagen haben. Viele Käufer aber, die mit den Handelsgebräuchcn des Orients nicht vertraut sind, wurden dabei tüchtig übers Ohr gehauen.

Weiteres aus der Reihe „Kolonie und Heimat“

Kolonie und Heimat

Während die Kontinentalstaaten von revolutionären Zuckungen zerwühlt wurden, schritt England auf dem Wege zur Weltherrschaft weiter. Auch England blieb von den Zuckungen nicht ganz verschont. Es erlebte heftige Stürme im Hause der Gemeinen, und erlebte eine Arbeiterrevolte, die Chartistenbewegung (1840). Allein der politische Sinn, der aus Erfahrungen von Jahrhunderten schöpfte, hat es in England stets verstanden, derartige Bewegungen, meist durch Konzessionen und Kompromisse, unschädlich zu machen. Ein jeglicher Uberschuß an Tatendurst kann sich seit vier Jahrhunderten bei den Engländern nach außen hin austoben. So kommt es, daß England mehr als irgendein anderer Staat der Erde von gefährlichen inneren Umwälzungen verschont geblieben ist. Die Briten hatten zwei große Aufgaben der äußeren Politik zu lösen: die Regelung der türkischen Verhältnisse, und die Gewinnung der Buren.

In der Türkei hatte sich ein Dualismus ausgebildet. Der Süden stand gegen den Norden, das Arabertum gegen das Türkentum. An der Peripherie zeigten sich autonome Neigungen: in Mesopotamien, wo Jussuf Pascha allmächtig waltete, in Albanien, wo Ali Tepelenli unumschränkt herrschte(1822auf einer Insel des Sees von Janina getötet),ferner in Kurdistan und Arabien, endlich inÄgypten. Der Khedive von Ägypten, dessen (möglicherweise albanische) Vorfahren aus der Gegend westlich von Saloniki auswanderten, Mehemed Ali, errang in Ägypten, Nubien, Arabien, Syrien und Mesopotamien eine äußerst starke Stellung. Die Türken aber, durch zwei Kriege mit den Russen (1812 und 1826/27), ferner durch den Aufstand der Griechen geschwächt, der durch die Einmischung der Großmächte und die Niederlage des Kapudan Pascha (Admiral, wörtlich Kapitän) bei Navarino 1827 entschieden wurde, waren in der übelsten Verfassung. Die Reformen von Mahmud dem Zweiten, der sich der Janitscharen durch ein Blutbad entledigte, und der westlichen Geist in Heer und Verwaltung einführen wollte, hatten zunächst nur das Ergebnis gehabt, daß die Auflösung und Verwirrung im Osmanischen Reiche noch größer wurde. Im Jahre 1833 zog der Khedive gegen die Türken, in deren Lager sich Moltke befand, durchzog Kleinasien, und erreichte fast den Bosporus. In seltsamer Eintracht rafften sich da aber die Mächte, die noch kurz zuvor bei Navarino die Kraft der Türkei gebrochen hatten, zum Schutze derselben Türkei auf und zwangen durch Gewalt den Khedive zur Umkehr. Die Russen legten Truppen an den Bosporus, die Engländer schickten Admiral Napier nach Syrien. Die ängstliche Sorgfalt für das Wohlergehen des Sultans — jetzt war Abdul Medjid am Ruder — war lediglich eine Frucht der Eifersucht. Keine Macht gönnte der anderen den Besitz von Konstantinopel. Die Engländer hatten weiters ein großes Interesse daran, sich nicht den Weg nach Indien über die Länder des östlichen Mittelmeeres versperren zu lassen; sie wünschten daher nicht, daß ein zu starker.Mann sich in dem strategisch wichtigsten Lande der Erde, in Ägypten, festsetzte.

Die andere Aufgabe der Briten lag in Südafrika. Teils durch Rassenhaß, teils durch die gewaltsame Beraubung ihrer Selbständigkeit erbittert, wurden die Buren neuerdings durch die Aufhebung der Sklaverei gereizt. Die Engländer wollten überall die Sklaverei abschaffen. Die erste Anregung dazu gab die philanthropische Agitation des Bischofs Wilberforce; bei der Durchführung spielte wohl die Hoffnung mit, die spanischen und portugiesischen Nebenbuhler zu ruinieren. Denn ohne Sklavenarbeit konnten die Pflanzungen in den tropischen Kolonien nicht mit dem Nutzen betrieben werden wie bisher. Daher richtete sich die Maßregel auch gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, in deren südlichen Gebieten die Sklaven die Hauptträger der Wirtschaft waren. Die Engländer selbst hatten damals noch wenig mit tropischen Pflanzungen zu tun; höchstens in Westindien und Mauritius. Im übrigen dachten die Engländer durch ein schmiegsames Verwaltungssystem die Vorteile der Sklaven Wirtschaft zu retten, ohne deren Gehässigkeit auf sich zu laden. Sie führten einfach eine hohe Steuer für Farbige ein; um diese zu bezahlen, mußten die Eingeborenen monatelang arbeiten. So hatten die weißen Herren doch die Arbeit umsonst, und brauchten die freien Arbeiter noch nicht einmal zu ernähren. In Kanada, am Kap und in Australien glaubte man vollends der farbigen Hilfe ganz entraten zu können. So war die Aufhebung der Sklaverei ein Schachzug gegen die anderen Kolonialmächte. Der Schlag traf auch die Buren hart. In ihrer wirtschaftlichen Gebarung und ganzen Lebensführung waren und sind die Buren noch heute auf schwarze Hilfskräfte angewiesen. Nun wurden ihnen mit einem Male die Xosa, Fingo, Tembu, Griqua und Basuto entzogen, die für sie gefrondet hatten. Zwar wurden viele Millionen von England ausgezahlt, um die Leibeigenschaft abzulösen, aber von den großen Summen gelangte nur ein Viertel bis ein Fünftel in die Hände der Buren. Den wirtschaftlichen Ruin vor Augen entschlossen sich die Buren 1835 zu dem großen Treck über den Oranjefluß. Sie trafen es schlecht, denn die Zulu waren, durch ihren Ober Induna Tschakka militärisch organisiert, mit ihren Impi (Regimentern) auf dem Kriegspfad, und überschwemmten „das ganze nichtbritische Südafrika. Gegen eine hundertfache Übermacht wehrten sich die Buren am Vechtkopp (16. Dezember 1836), dann fielen sie in Natal ein. Dort wurden sie bei Weenen (vom Weinen, das sich erhob) von den Zulu überrascht, aber schlugen sie bei Colenso. Natal ist immer für die Buren das blühende Land der Sehnsucht gewesen, ungefähr das, was Italien für die Deutschen ist. Hierauf säuberten die Buren das Gebiet jenseits des Vaalflusses von den Matabele, einem Stamme der Zulu. In den neu gewonnenen Gebieten gründeten sie drei unabhängige Staatswesen: den Oranjefreistaat, die Transvaalrepublik und die Niederlassung in Natal. Jetzt stellten die Engländer, denen der Treck durchaus unerwünscht war, eine überraschende Lehre auf. Wie es in der römischen Kirche heißt: einmal ein Priester, immer ein Priester, so behaupteten die Kapbehörden: einmal ein Engländer, immer ein Engländer. Nirgends also auf dem ganzen Erdenrund sollte man sich der Habsucht der Briten entziehen können! Die Engländer machten Ernst, zogen Truppen zusammen und unterwarfen Natal und den Oranjefreistaat. Lediglich weil das Oranjegebiet mehr zu kosten als einzubringen drohte, gaben es später die Engländer an die Buren zurück.

Die dritte Aufgabe Großbritanniens war in Südasien zu lösen. Noch war bei weitem nicht ganz Indien unterworfen, und schon strebten die Angelsachsen über die Grenzen Indiens hinaus. Sie mischten sich 1837 in Persien ein und besetzten Buschir, den Haupthafen am Persischen Golf. Sie führten 1838—1840 Krieg mit Afghanistan. Zum Teil war diese fast krankhafte Ausdehnungssucht durch die Sorge vor russischem Vordringen veranlaßt. Durch zwei große Kriege, den einen um die Jahrhundertwende, den anderen 1827—1828, beendet durch den Frieden von Turkmantschai (zwischen Rescht und Teheran), hatten die Russen große Stücke von Persien losgerissen. Allmählich nisteten sich die Russen in den mittelasiatischen Gebieten Südsibiriens ein, und im Jahre 1839 stellte Perowski eine Riesenkarawane zusammen, um Khiwa zu überrumpeln. Die Eroberung scheiterte völlig, mehr durch Sandstürme als durch Angriffe der Turkmenen; aber ebenso mißglückte der gleichzeitige Zug der Engländer, die in Afghanistan bis auf den letzten Mann aufgerieben wurden.

Den Mißerfolg machten die Engländer weiter im Osten wett, nämlich in China, Sie machten sich ans Werk, um das bisher fast hermetisch verschlossene Ostasien dem Weltverkehr und der europäischen Bildung zu eröffnen. Im Grunde war das nicht sehr schlau von den Europäern, denn aus den gelehrigen Schülern erweckten sie sich Feinde; sie lieferten Armstrongs und Krupps den Ostasiaten, um damit Weiße niederzuschießen; sie brachten ihnen eine Kenntnis von Fabriken bei, die sie dann zum Nachteil des Westens verwerteten. Der Antrieb zu der Erschließung Chinas war gerade wiebei der Aufhebung der Sklaverei, doppelter Art, sittlich und wirtschaftlich. Die Missionare, die schon einige Jahrzehnte am Platze waren, hofften, China und Korea, wie auch die Liu Kiu für das Christentum zu gewinnen, die Kaufleute trachteten nach einer Erweiterung ihrer Kundenzahl und ihres Absatzmarktes. Für die Staatskunst Großbritanniens kam lediglich der materielle Punkt in Betracht. Es war ungefähr das Gegenteil von christlicher Menschenliebe, das die Engländer zur Einmischung in Kanton veranlaßte. Die Chinesen wollten sich nicht mehr vom Opium vergiften lassen, das von Indien kam; für die Engländer aber war der Ertrag des Opiums und der Opiumsteuer, die in manchem Jahre auf sechshundert Millionen Mark stieg-, zu wichtig, als daß sie auf sie hätten verzichten mögen. So brach denn der Opiumkrieg 1839 aus. Mit leichter Mühe vernichtete eine englische Flotte die schlechten chinesischen Schiffe und bombardierte Kanton. China wurde gezwungen, mehrere seiner Häfen für den regelmäßigen Handel mit Kaufleuten der Westmächte zu eröffnen.

Während die erdumspannende Politik der Engländer — auch in Amerika waren sie nicht müßig und kamen über die Oregongrenze beinahe mit der Union in Streit— eifrig damit beschäftigt war, die Weltkarte rot zu färben, waren die Franzosen in Algerien und Westafrika an der Arbeit. Vorläufig berührten sich die Einflußkreise nur wenig, außer in Syrien, wohin 1840 ein französisches Heer abging. Da zugleich sich die beiden Westmächte durch die gemeinsame liberale Strömung verbunden fühlten, so entstand zwischen ihnen die Entente Cordiale, die allerdings erst ein Jahrzehnt später Früchte tragen sollte.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus

Männer; Völker und Zeiten

Von dem Freiheitskampfe der Yankees führt eine gerade Linie hinüber zu der französischen Revolution und von ihr zu 1848 und in die Volkskämpfe der Gegenwart. Wie immer waren wirtschaftliche Gründe der grobe Anstoß, um feinere Stimmungen auszulösen. Die Amerikaner begannen ihre Revolution, weil man ihnen eine (im Grunde zu rechtfertigende) Steuer auferlegen wollte; die Franzosen wurden ungebärdig, weil ihr König zu viel Geld brauchte. Da dem von Jahr zu Jahr steigenden Fehlbetrag gegenüber Ludwig der Sechzehnte nicht mehr aus noch ein wußte, berief er die Stände. Diese schlugen aus der Geldnot des Königs Kapital und rissen die Zügel an sich. Ludwig wurde eingekerkert und hingerichtet. Der Pöbel von Paris kam obenauf und verübte abscheuliche Ausschreitungen. Die europäischen Fürsten nahmen sich jedoch der gestürzten Bourbons an und eröffneten 1792 von allen Seiten den Feldzug gegen die französische Republik. Die gewaltige Umwälzung hatte jedoch in Frankreich schlummernde Kräfte geweckt. Carnot empfahl eine Massenerhebung, und zum ersten Mal in der Kriegsgeschichte — denn die Anstrengungen der Schweizer und Niederländer erstreckten sich immer nur auf einzelne Gaue — stand ein ganzes Volk in Waffen. Die französischen Heere drangen in Belgien, am Mittelrhein und in Oberitalien ein. Nachdem vollends durch den Sturz der Terroristen, besonders Robespierres, geordnete, wenn auch noch nicht ruhige Verhältnisse wieder herrschend geworden, tratBonaparte an die Spitze der in Italien kämpfenden Armee und führte sie von Sieg zu Sieg. In Korsika geboren — ein italienischer Dialekt war seine Muttersprache — hierauf in einer französischen Kadettenanstalt zum Artilleristen ausgebildet, beständig in großer Geldnot, zog Napoleon Bonaparte zuerst 1792 bei der Belagerung von Toulon die Augen auf sich und avancierte gleich vom Hauptmann zum Oberst. Neuerdings ins Elend zurückgeworfen, kam er 1795 nach Italien, wurde zwei Jahre darauf Generalissimus des französischen Heeres „und 1798 durch einen Staatsstreich Konsul. Nun ging er nach Ägypten, um von dort die Engländer in Indien anzugreifen. Er siegte bei den Pyramiden. „Vierzig Jahrhunderte“, sagte er zu seinen Soldaten, „schauen auf euch herunter.“ Hierauf wandte er sich nach Syrien und belagerte, aber vergeblich, Jerusalem. Sein Hauptgedanke, die Engländer aus Indien zu vertreiben, erwies sich indessen als unausführbar. Vorübergehend flackerte in der Seele des ehrgeizigen Mannes der Wunsch auf, in der mohammedanischen Welt eine Rolle zu spielen. Zu dem Ende wollte Napoleon zum Islam übertreten, ließ aber bald den abenteuerlichen Plan fallen. Mitten durch die britische Flotte hindurch kam er wieder nach Frankreich zurück, das inzwischen von den Waffen der verbündeten Mächte hart bedräng wurde. Napoleon kam, sah und siegte. Namentlich war sein Übergewicht bei Marengo, 1800, entscheidend. Nun setzte ersieh die Kaiserkrone aufs Haupt (1804), und machte den Papst zu seinem Gefangenen.

Die Feldherren Napoleons besetzten ganz Italien, Spanien, die österreichischen Küstenlandschaften und die jonischen Inseln mit Korfu, ferner die Schweiz, die aus einem freiheitsliebenden Lande — es war seit 1499 von Österreich losgelöst — zu einer argen Oligarchie erstarrt war, weiter Belgien, die Niederlande, die seit 1648 nicht mehr zum Reiche gehörten, endlich gewaltige Stücke Deutschlands. Das „heilige“ Deutsche Reich wurde 1806 zu Grabe getragen. An seine Stelle trat zum großen Teile der „Rheinbund“. Bayern, Württemberg, Sachsen wurden Königreiche von Napoleons Gnaden.

Am eifrigsten fochten gegen den Kaiser Österreich und England. Damals gehörte zu England noch Hannover, und hannoversche Soldaten schlugen meist die Schlachten der Briten. Im Jahre1803 überließ Frankreich Louisiana, das Gebiet vom unteren Mississippi bis nach Oregon, den Vereinigten Staaten. Die Berechnungwar dabei, die Yankees möchten nun stark genug werden, um den Briten empfindlichen Abbruch zu tun.

Die wenigen Jahre des Friedens benutzte der Kaiser, um ein großzügiges Gesetzgebungswerk durchzuführen. Die Ergebnisse sind im Code Napoleon niedergelegt. Auch war der Usurpator um Hebung von Handel und Wandel tatkräftig bemüht; selbst für die schwierige Technik der Börse hatte der Sohn des weltabgelegenen Korsika ein überraschendes Verständnis. Freilich war ja Mathematik seine starke Seite, war er mehr ein Mann des Kopfes als des Herzens. Gleichwohl hatte er viel Humor, zumeist den von der sarkastischen Färbung, wie ihn Eroberer gerne haben. Im Jahre 1805 loderte das Kriegsfeuer abermals empor. Österreich und Rußland schlossen sich gegen Frankreich zusammen. Napoleon durchzog in raschem Laufe Bayern und siegte über die vereinigten Truppen der beiden Mächte bei Austerlitz. Dagegen unterlag seine Flotte der englischen unter Nelson bei Trafalgar. Das war die letzte große Seeschlacht der Briten bis einschließlich der Gegenwart.

Nelson hatte das Kommando der Mittelmeerflotte, als Spanien, gereizt durch einen mitten im Frieden erfolgten Angriff englischer Kriegsschiffe auf ein spanisches Geschwader, am 12. Dezember 1804 an England den Krieg erklärte. Die 37 Linienschiffe, die es der französischen Seemacht zubrachte, sollten es dieser ermöglichen, eine zahlreiche Landmacht nach England hinüberzuwerfen, womit vielleicht das Schicksal des Inselreichs besiegelt gewesen wäre.

Lord Nelson befehligte eine aus 11 Linienschiffen bestehende Flotte, womit er die vom Admiral Villeneuve befehligten 12 französischen Linienschiffe in Toulon blockierte. Während aber Nelson zeitweilig absegeln mußte, um sich mit frischem Wasser zu versorgen, entkam Villeneuve am 17. Januar aus dem Hafen. Nelson durchsuchte nun alle Häfen des Mittelmeers nach der feindlichen Flotte, ohne sie zu finden; denn ungünstiges Wetter hatte Villeneuve zur Rückkehr nach Toulon genötigt. Es gelang diesem, noch ein zweites Mal, am 29.März, zu entkommen; ervereinigte sich in Carthagena mit sechs spanischen Linienschiffen und segelte durch die Straße von Gibraltar nach Westindien. Nelson folgte ihm mit zehn Linienschiffen über den Ozean und zurück, ohne ihn anzutreffen, vereinigte sich im Juli mit Admiral Cornwallis bei Quessant und steuerte dann wieder nach Gibraltar.

Jene Fahrt des französischen Admirals quer über den Ozean war ein von Napoleon angeordnetes Manöver, das den Zweck hatte, die englischen Flotten aus den europäischen Gewässern fortzulocken und dadurch der bei Boulogne versammelten Lan-dungsflotille Gelegenheit zur ungefährdeten Fahrt über den Kanal zu geben. Der kühn gefaßte Plan hätte gelingen können, wenn nicht bei der Ausführung verschiedenes versagt hätte. Die Vereinigung mit den in Brest und La Rochelle blockierten Flottenabteilungen gelang nicht, und Villeneuve, dem der erste Teil des Plans geglückt war, ward durch seine Unentschlossenheit und durch seine Überzeugung von der maritimen Überlegenheit der Engländer verhindert, den zweiten Teil mit der Energie anzufassen, die zu seinem Gelingen erforderlich war. Er wich furchtsam nach Cadiz aus, anstatt sich nordwärts zu wenden.

Die zurückkehrende französisch-spanische Flotte ward am 22. Juli 1805 bei Kap St. Vincent von der Flotte des Admirals Calder angegriffen und verlor zwei spanische Linienschiffe, worauf sie, wie erwähnt, nach Cadiz segelte. Nelson stieß mit seiner Flotte zu dem Geschwader des Vizeadmirals Collingwood, der mit 18 Linienschiffen die verbündeten Flotten blockierte. Am 19. und 20. Oktober liefen diese, kommandiert von den französischen Admiralen Villeneuve, Dumanoir und Magon und den spanischen Gravina und d’Alava, aus. Sie zählte 15 spanische und 18 französische Linienschiffe.

Der Wind war so schwach, daß die englische Flotte, obgleich sie alle Segel gesetzt hatte, die ziehen konnten, nicht mehr als zwei Knoten (eine halbe deutsche Meile) in der Stunde vorwärts kam. Dem Vorschlag seines Kapitäns, dem zweiten Schiffe in seiner Linie, dem „Temeraire“, den ersten Platz zu überlassen, stimmte Nelson zu, machte aber keinen Versuch, ihn zur Ausführung gelangen zu lassen. Um 5U11 Uhr erließ Nelson sein letztes Signal, das zu unsterblicher Berühmtheit bestimmte: „England expects every man will do his duty.“ (England erwartet, daß jedermann seine Pflicht tun wird.)

Der erste Schuß in der denkwürdigen Schlacht wurde von dem französischen Dreidecker „Fougueux“ um 10 Minuten vor 12 Uhr abgefeuert, worauf beide Flotten ihre Flaggen aufzogen. Collingwoods Flaggschiff setzte, von der „Santa Anna“ und deren nächsten Schiffen heftig beschossen, seinen Weg fort, ohne einen Schuß zu tun, so daß Nelson bewundernd ausrief: „Seht, wie prächtig Collingwood sein Schiff ins Gefecht bringt.“ Colling-wood aber, indem er sich der „Santa Anna“ näherte, äußerte zu seinem Kapitän: „Was würde Nelson darum geben, an meiner Stelle zu sein!“ Um 10 Minuten nach 12 Uhr durchbrach Collingwood diefeindliche Linie zwischen der „Santa Anna“ und dem „Fougueux“, wobei seine Backbordkanonen eine nach der anderen ihren Eisenhagel gegen die „Santa Anna“ entluden und die Breitseite der Steuerbordgeschütze dem „Fougueux“ zusandte. Dann luvte der „Royal Sovereign“ und legte sich an die Steuerbordseite der „Santa Anna“. Dabei hatte er auch das Feuer des „S. Leandro“ von vorn, des „Fougueux“ von rückwärts und des „S. Justo“und„Indomptable“ auszuhalten. Anderseits erhielt die „Santa Anna“ von dem nächsten britischen Schiffe, dem „Belleisle“, eine Breitseite; um 1 Uhr 20 Minuten fielen ihre drei Masten über Bord, und eine Stunde später strich sie die Flagge. Im weiteren Verlauf fiel Nelson, aber die Schlacht war gewonnen.

Das Jahr darauf zerschmetterte Napoleon Preußen bei Jena, 14. Oktober 1806. Friedrich Wilhelm III. König von Preußen, hatte beständig geschwankt, für wen er Partei ergreifen solle. Sein Vorgängerhattesichschon indem gleichenZwistbefunden; Friedrich Wilhelm II. hatte nämlich zuerst seine Truppen gegen die Sansculotten marschieren lassen, dann aber schloß er den Vertrag zu Basel. Darin wurde eine zehnjährige Neutralität Preußens ausgemacht. Der Geliebten des Königs, der Gräfin Lichtenau, wurden von englischer Seite zwei Millionen Mark angeboten, um den Herrscher zur Teilnahmean der europäischen Koalition gegen Napoleon zu bestimmen. Die Gräfin lehnte ab, und zwar aus Patriotismus, jedoch dieses Mal wäre es patriotischer von ihr gewesen, das Geld anzunehmen. Preußen erkannte nicht die Zeichen der Zeit und wiegte sich in dem Wahn, es allein könne sorgenlos abseits bleiben, während alle anderen sich die Hälse brachen. Wären die preußischen Soldaten zur rechten Zeit auf den Plan getreten, hätten sie noch bei Austerlitz mitgekämpft, so konnten sie einen entscheidenden Erfolg erzielen; so aber, allein gelassen, nachdem Österreich und Rußland gedemütigt waren, unterlag- das preußische Heer, und das ganze Land bis in den fernen Nordosten wurde von den Franzosen besetzt.

„Von allen heute existierenden Mächten ist Preußen diejenige, welche bei gutem äußeren Ansehen und bestem Schein von Festigkeit und Kraft die am weitesten im Verfall vorgeschrittene ist. Preußen befindet sich außerhalb des Prinzips, welches es gegründet hat und welches es existenzberechtigt macht; es entfernt sich alle Tage mehr davon. Es unterhält mit bedeutenden Kosten einen großen militärischen Apparat, aber es läßt durch den Rost der Zeit die Triebfedern zerstören, welche die Ruhe entnervt und welche die Bewegungen des Krieges allein erhalten können. Preußen vergißt, daß es nur ein Staat ist, weil es eine Armee war. Sein Prestige, einige Zeit durch frische Erinnerungen und Schaumanöver aufrechterhalten, wird der gefährlichen und verhängnisvollen Probe eines aufgezwungenen Krieges nicht widerstehen. An dem Tage, an welchem es alle schamvollen Ausflüchte einer ängstlichen Politik, die den Krieg vermeiden will, vergeblich versucht hat, wird es zu gleicher Zeit um seine Ehre und um seine Existenz kämpfen. An dem Tage, an welchem es seine erste Schlacht verloren hat, wird es aufgehört haben, zu bestehen.“

Dieses zwar nicht ganz von Mißgunst freie, im wesentlichen aber treffende Urteil über das Preußen von 1805 finden wir im Briefwechsel des Staatsrates im Auswärtigen Amte zu Paris Hautenve mit Talleyrand. Die im Schlußsätze ausgesprochene Vorhersage hat sich ein Jahr später wörtlich erfüllt. Der 14. Oktober 1806, der Tag der Doppelniederlage von Jena und Auerstedt, brachte den Zusammenbruch nicht nur des preußischen Heeres, sondern auch des Ansehens und der bisherigen Machtstellung der preußischen Monarchie.

Das Verhältnis zwischen Preußen und Napoleon hatte im Sommer 1806 einen Grad von Spannung erreicht, welcher einen Bruch unvermeidlich erscheinen ließ. Neben verletzender Gewalttätigkeit, wie der Besetzung der von Preußen angesprochenen Abteien Essen, Elten und Werden und der Einverleibung Wesels in das Kaiserreich, trieb Napoleon mit Preußen ein hinterlistiges Spiel mit dem Ratschlage, welcher dem König die Stiftung eines norddeutschen Bundes nahelegte, während er zugleich hinter Preußens Rücken gegen eine solche agitierte und Preußens völlige Isolierung betrieb. Die in der Nacht vom 5. auf 6. August eingehende Depesche Lucchesinis, daß Napoleon England das an Preußen gefallene Hannover wieder zurückzugeben beabsichtige, ließ die letzten Zweifel über des Kaisers wahre Absichten schwinden, und am 9. August befahl Friedrich Wilhelm III. die Mobilmachung des Heeres.

Nachdem aber um die Jahreswende 1805/06 die Armee zum größten Teile demobilisiert worden war, war man nicht entsprechend gerüstet, das Heer auch seinem inneren Zustande nach dem Gegner nicht gewachsen, und außerdem stand Preußen zur Zeit isoliert da und konnte, abgesehen von den Sachsen, auf rechtzeitige Unterstützung durch Alliierte nicht zählen.

Immerhin hatte Preußen durch die am 9. August befohlene Mobilmachung einen bedeutenden Vorsprung gegenüber der französischen Armee. Napoleon, welcher vor allem die Ratifizierung des am 20. Juli mit dem russischen Unterhändler Oubril geschlossenen Vertrages sichern wollte, mußte in hohem Maße angelegen sein, zu vermeiden, daß durch offenkundige Kriegsvorbereitungen der Verdacht übergriffiger Absichten erweckt werde, und so war die französische Armee vorerst auch andrerseits noch nicht vollkommen marschfähig. Wider Erwarten verzögerten sich die Verhandlungen in Petersburg und endeten schließlich mit der Verwerfung des Vertrages, wovon Napoleon erst am 3. September Nach rieh erhielt. Am 5. ergehen nun seine Anordnungen zur Vorbereitung auf einen größeren Krieg, jedoch erst am 20. an die sechs in Deutschland stehenden Korps die Befehle, welche die Operationen gegen Preußen einleiteten. Der Kaiser selbst verließ Paris in der Nacht zum 26. und traf am 28. Morgens in Mainz ein. Seine Streitkräfte sollten auf den drei, durchschnittlich einen starken Tagesmarsch voneinander entfernten Straßen über Bayreuth, Kronach und Koburg derart vorrücken, daß auf jeder je zwei Armeekorps vorzugehen, die Bayern der rechten Flügelkolonne in zweiter Linie zu folgen, in der Mitte außerdem die Division Dupont, die Garde und die Reservekavallerie nachzurücken hatten. Des Kaisers Operationsplan geht dahin, mit der versammelten Armee direkt gegen das Herz der preußischen Monarchie vorzurücken und den sich zum Schutze der Hauptstadt entgegenstellenden Gegner mit überlegener Kraft anzugreifen.

Die verbündete preußisch-sächsische Armee war indessen im Aufmärsche nördlich des Thüringerwaldes begriffen und hatte Vortruppen in diesen vorgeschoben. Ende September stand die Hauptarmee unter dem Herzog von Braunschweig, welcher zugleich den Oberbefehl über das gesammte Heer hatte, bei Naumburg, das rechte Flügelkorps unter General v. Rüchel bei Mühlhausen, das linke Flügelkorps unter dem Fürsten von Hohenlohe in Sachsen bei Chemnitz und Zwickau; General von Tauentzien nach Hof vorgeschoben, Blücher bei Göttingen, ein Reservekorps unter dem Herzog Eugen von Württemberg bei Fürstenwalde. Am 23. September war der König von Preußen mit der Königin im Hauptquartier zu Naumburg eingetroffen. In seiner Umgebung befanden sich der Feldmarschall v. Möllendorf, General von Phull vom Generalstab, die Generale v. Köckritz und von Zastrow, der Vortragende Generaladjutant Oberst v. Kleist, Major v. Rauch vom Generalstab und die Diplomaten Haugwitz und Lucchesini.

Da Friedrich Wilhelm III. den Oberbefehl nicht selbst übernahm, gleichzeitig aber auch die Leitung nicht uneingeschränkt in den Händen des zum Generalismus des gesammten Heeres ernannten Herzogs von Braunschweig beließ, so war die Anwesenheit des Königs mit seiner vielköpfigen Umgebung für die militärischen Operationen nur von nachteiligem Einfluß. Obwohl er die politische Lage vollkommen klar übersah, ließ ihn doch seine ausgesprochene Friedensliebe bis zum letzten Augenblick an der Hoffnung auf Erhaltung des Friedens fest-halten. Da er bei dem ihm eigenen Mangel an energischem Willen und an Selbständigkeit im Entschluß geneigt war, stets den Rat jedes einzelnen seiner Umgebung hören zu wollen und alle wichtigen Entscheidungen durch Konferenzen herbeizuführen, so entstand nicht nur häufig Verzögerung der Beschluß-fasssung, sondern bei der herrschenden Verschiedenheit der Anschauungen auch Mangel an Stetigkeit und Sicherheit in den Entschließungen, sowie Mangel an Konsequenz in ihrer Durchführung; auch mußte hiedurch die Autorität des Herzogs geschwächt werden. Die Tätigkeit und der Einfluß des Generalstabschefs des Herzogs, des trefflichen, unermüdlichen, weit und scharfblickenden Scharnhorst, war unter solchen Umständen durch Rücksichtnahmen und Friktionen aller Art in hohem Maße gehemmt und gelähmt. Andererseits gewann leider im Hauptquartier des Fürsten von Hohenlohe der Einfluß des dortigen Generalstabschefs, des Obersten von Massenbach, den des Fürsten Adjutant v. d. Marwitz treffend als Schwindelkopf und Konfusionsrat charakterisiert, umso breiteren Boden.

Nach dem am 24. und 25. September nach vielen Vorschlägen, Gegenvorschlägen und Beratungen im Hauptquartier des Königs zu Naumburg endlich gefaßten Endschluß sollte die Hauptarmee unter dem Herzog von Braunschweig und die Armee des Fürsten von Hohenlohe den Thüringerwald überschreiten, gegen den Main Vordringen und so die noch in der Zusammenziehung begriffene französische Armee in der Mitte durchbrechen, während zwei Flügelkorps im Bayreuthschen bezw. in Hessen durch Scheinbewegungen den Gegner zu einer unrichtigen Verteilung seiner Kräfte zu veranlassen bestimmt waren. Da man jedoch, in noch immer genährter Hoffnung einer möglichen Vermeidung bewaffneten Konfliktes, die Feindseligkeiten nicht vor dem 8. Oktober beginnen wollte, bis zu welchem Tage Napoleons Entscheidung auf das preußische Ultimatum gefordert war, verlor man kostbare Zeit und stand noch untätig am Nordfuße des Thüringerwaldes mit in diesen vorgeschobenen Vortruppen, als sich Napoleon bereits im Anmarsche befand. Da die hierüber am 3. Oktober in Naumburg eingegangenen Nachrichten die Ausführbarkeit der geplanten Offensive zweifelhaft machten, wurde nach längeren Beratungen endlich am 6. Oktober Abends beschlossen, den Thüringerwald nicht zu überschreiten, sondern eine Bereitschaftsstellung auf dem linken Saale-Ufer bei Erfurt zu nehmen und für den wahrscheinlichen Fall des weiteren Vorgehens des Feindes durch das Bayreuthsche auf das rechte Saale-Ufer abzurücken, woselbst noch die zu Hohenlohes Armee gehörigen sächsischen Truppen sich befanden. Als die eingehenden Nachrichten keinen Zweifel mehr ließen, daß der Kaiser auf dem rechten Saale-Ufer Vorgehen werde, wurde für die Verbündeten für den 9. Oktober eine engere Versammlung nahe dem linken Ufer zu einem allenfallsigen Uferwechsel befohlen und die noch auf dem rechten Ufer befindlichen Sachsen an die Saale herangezogen. Die Truppen der Hauptarmee waren bereits in Bewegung, um die befohlenen Märsche auszuführen, als man sich im Hauptquartiere wieder anders besann und die angeordneten Bewegungen auf den nächsten Morgen verschob. Inzwischen war der nach Hof vorgeschoben gewesene General GrafTauentzien, vor den anrückenden Franzosen zurückgehend, am 9. Oktober bei Schleiz geworfen, Hohenlohes Avantgarde unter dem Prinzen Louis Ferdinand am 10. Oktober bei Saalfeld bis zur Auflösung geschlagen worden, der Prinz hatte dort selbst den Tod gefunden. Durch diese unglückliche Einleitung des Feldzugs wurde die Stimmung der Armee, welche infolge von Verpflegungsschwierigkeiten bereits vielfach Mangel litt und in welcher durch unnötige Hin- und Hermärsche und die damit verbundene Erschöpfung der Truppen das Vertrauen in die Führung schon bedenklich geschwunden war, in hohem Grade gedrückt und verdüstert. Schon kommt es zu Exzessen der hungernden Truppen in den ihren Lagerplätzen naheliegenden Orten. Soviel über die Vorgeschichte von Jena, die noch heute beherzigenswert ist. Auch in der Schlacht selbst fehlte, außer bei Blücher, der Wille zum Sieg.

Friedrich Wilhelm der Dritte mußte seine Hauptstadt preisgeben. Er verlor, obwohl die Russen sich neuerdings ermannten und ihm zu Hilfe kamen, die blutige Schlacht bei Friedland und schloß den Frieden von Tilsit, einem Städtchen, das nicht fern von der russischen Grenze liegt. Der Zar Alexander der Erste wandte sich von Preußen ab und den Franzosen zu. Er ließ sich von des Korsen gleißenden Worten blenden und sich in den Glauben einwiegen, daß er, der Zar, von der Vorsehung dazu bestimmt sei, mit Napoleon die Herrschaft über die Welt zu teilen. Napoleon wälzte abermals ungeheure Pläne in seinem Gehirn. Aus Finkenstein, vom Schloß des Grafen Dohna, gab er den Befehl an General Gardanne, nach Teheran zu gehen, um den Schah für Frankreich zu gewinnen, und mit ihm einen gemeinsamen Zug nach Indien zu verabreden. In Persien wareine neue Dynastie, die der Kadscharen, 1794 auf den Thron gekommen. Es waren Türken von harter, grausamer Art. Der erste der Kadscharen, Aga Mohammed, ließ einmal 70000 Aufständigen die Augen ausstechen. Nun kam Feth Ali auf den Thron, den man wegen seiner großen Kinderzahl — er hatte zu seinen Lebzeiten dreitausend Nachkommen — den zweiten Adam nannte. Dessen Sohn, der Kronprinz Abbas Mirza, besetzte Tiflis und führte einen langwierigen Krieg gegen Rußland, der jedoch andauernd zu Ungunsten der Perser verlief. Im Jahre 1801 bemächtigten sich die Russen Georgiens, dessen Hauptstadt Tiflis ist, und faßten dadurch südlich vom Kaukasus Fuß; es dauerte noch ein halbes Jahrhundert, ehe der ganze Kaukasus unterworfen war. Auch während die Freundschaft zwischen Alexander dem Ersten und Napoleon bestand, hörte der Krieg zwischen Rußland und Persien nicht ganz auf. Zugleich aber mischten sich die Engländer ein, und schickten von Indien aus Offiziere, um dem Schah zu helfen.

Das europäische Festland lag jetzt zu Napoleons Füßen. Die Fürstenzusammenkunft zu Erfurt 1808 brachte dies deutlich zum Ausdruck; Könige mußten wie Kammerdiener im Vorzimmer des Eroberers warten.

Als gefährlicher Feind blieb nur noch England übrig. Um die stolze Seemacht zu brechen, ersann nun Napoleon die Kontinentalsperre. Da die Engländer am empfindlichsten an ihrem Geldbeutel zu treffen sind, so sperrte er das Festland für die englischen Waren, und suchte so den britischen Handel schwer zu schädigen. Es gelang ihm dies nicht völlig, da bei der ausgedehnten Küstenentfaltung Europas Schmuggel nicht zu vermeiden war, aber es stachelte doch die Engländer zu den höchsten Anstrengungen auf, um den Usurpator niederzuwerfen. Sie führten denKrieg von derPeripherieaus, auf Sizilien, Korsika, Korfu, in Neapel, in Dänemark, in Portugal, in den Niederlanden, wo sie die Insel Walcheren zu ihrem Waffenplatze machten, in Indien, wo sie die Anhänger Frankreichs zu Paaren trieben, und, wie berührt, in Persien, wo sie dem bedeutenden Einflüsse Gardannes entgegentraten; endlich in Südamerika. Durch die Eroberung Spaniens waren nämlich theoretisch auch die spanischen Kolonien an Frankreich gefallen, genau so, wie durch Besetzung der Niederlande die holländischen Kolonien. Dies nutzten die Engländer in ihrerWeiseaus.Sie nahmen 1806 dasKapland und griffen im gleichen jahre Argentinien und Uruguay an, wurden jedoch vor Buenos Ayres zurückgeschlagen. Außerdem besetzten sie das holländische Inselasien. Um wenigstens Südamerika für Frankreich zu sichern, schickte Napoleon 1807 einen Vertrauensmann nach Buenos Ayres. Der Erfolg1 war jedoch lediglich der, daß das lateinische Amerika weder an Frankreich kam, noch bei Spanien blieb. Es erklärte sich unabhängig. Den Anfang, ihre Freiheit zu erkämpfen, machten Argentinien und Chile, und zwar im Jahre 1810. Auch die Philippinen, einen anderen spanischen Besitz, wollte Napoleon gewinnen, und dachte außerdem zeitweilig an eine Besitzergreifung von Siam und Formosa; dazu reichte aber weder Zeit noch Kraft. Immerhin sind solche Pläne bezeichnend für die umfassenden Pläne des Kaisers, die denen heutiger Weltpolitik in nichts nachstehen. Dementsprechend ist denn auch der Name Napoleons überallhin gedrungen; selbst in dem fernen Angola in Westafrika, und in dem ostsibirischen Irkutsk galt nach seinem Tode Napoleon als eine Art Heiland, von dessen Rückkehr man Freiheit und ein goldenes Zeitalter erwartete.

In Europa regte sich der Widerstand gegen das neue Imperium. Nur wenige Völker hatten einen Vorteil von der französischen Herrschaft; so die Schweizer und Venezianer, die beide durch sie einer unerträglich und gänzlich unfruchtbar gewordenen Oligarchie entrissen wurden, ferner die Albaner, deren großer Führer, Ali Pascha aus Tepelen (nördlich von Dodona), sich zum Sultan der europäischen Türkei machen wollte, und die Serben, die gleich Ali mit Napoleon in Verbindung standen und von ihm zum Kampf wider die Türken ermutigt wurden, Die übrigen Völker erlebten zwar einen gewissen Aufschwung, des Verkehrs, da die Franzosen vortreffliche Straßen bauten, und zogen wohl auch Nutzen aus dem Abschneiden so mancher Verwaltungszöpfe; dafür wurden sie aber von den Fremdherrschern unbarmherzig ausgesogen, mußten ihnen schweren Tribut zahlen und ihnen Soldaten für ihre Feldzüge stellen. Dazu kam der Rassenhaß gegen die Fremden. Das erste Volk, das gegen den Korsen aufstand, war das spanische. Es folgten die Tiroler, die sich allerdings zuerst mehr gegen die Bayern, als gegen die Franzosen wandten; Tirol war nämlich dem neugebackenen Königreich Bayern verliehen worden. Die Aufstände der Spanier und Tiroler wurden niedergeschlagen. Ebenso die Putsche von Ferdinand von Schill und dem Herzog von Braunschweig. Der Krieg auf der iberischen Halbinsel wurde dagegen von England neu genährt, durch die Sendung Wellingtons, der sich indes lange auf die Defensive beschränken mußte.

Der Zar ward der Kontinentalsperre überdrüssig, da sie nicht nur den britischen, sondern auch den russischen Handel empfindlich schädigte. Eine Spannung entstand, die jedoch durch die überlegene Diplomatie Napoleons einstweilen überwunden wurde. So war Österreich allein, als es zum dritten Male gegen den Imperator zu Felde zog. Bei Wagram und Aspern schlugen sich die Österreicher mit bewundernswerter Tapferkeit, aber die Saumseligkeit des Erzherzogs Johann, der zu spät kam, rettete die Franzosen vor dem sicheren Untergang. Der Korse zog in Wien ein. Er erzwang den Frieden von Schönbrunn, und die Preisgabe Tirols. Eine Folge davon war die Heirat der Kaisertochter Marie Louise mit dem Usurpator, eine zweite die Erschießung Andreas Hofers zu Mantua.

Jetzt wandte sich der Eroberer nach Sachsen und Polen. Zugleich erhob er einen seiner Generäle, Bernadotte, der aus einer südfranzösischen jüdischen Bürgersfamilie stammte, zum König von Schweden. Hier ließ den Menschenkenner sein sonst so durchdringendes Urteil im Stich: Bernadotte hat keinen Dank erwiesen und war später einer der ersten, der gegen Napoleon Partei ergriff. Dabei waren die Interessen Schwedens eigentlich denen Rußlands entgegengesetzt; denn der Zar entriß 1809 dem Skandinavischen Reiche Finnland, ein Verlust, den Schweden bis heute noch nicht verschmerzt hat. Den Finnländern wurden übrigens alle ihre Privilegien ausdrücklich bestätigt, und wurde eigene Verwaltung zugesichert, Vorteile, die ihnen durch jüngste Maßregeln einseitig wieder entzogen wurden.

Es kam nun zum Bruche mit Rußland. In Warschau sammelte der Franzosenkaiser aus allen Gauen Europas ein Heer, das auf 560000 Mann beziffert wird. Es war die größte Invasionsarmee aller Zeiten bis auf 1870, wenigstens sind frühere Zahlen, die von noch größeren Heeren wissen wollen, so bei Chinesen und Hunnen, keineswegs vertrauenswürdig. Auch die Preußen mußten zähneknirschend ein bedeutendes Kontingent stellen. Zwar bereiteten sie, von Scharnhorst und Gneisenau geführt, eine Erhebung gegen die Fremdherrschaft vor, allein es war noch nicht so weit; man mußte sich noch gedulden und die harte Blutfron über sich ergehen lassen. Napoleon siegte bei Smolensk und Borodino, und rückte Ende September 1812 in Moskau ein. Friedensverhandlungen, die er eröffnete, führten nicht zum Ziel. Moskau geriet in Brand, und den obdachlosen Franzosen nahte der Winter. War es schon ein Fehler Napoleons gewesen, daß er zu so später Jahreszeit den Feldzug begann, so war es ein weiterer Fehler, daß er einen Monat untätig in Moskau verharrte, und ein dritter, daß er nicht einfach Winterquartiere in Rußland bezog. Er selbst hätte ja füglich nach dem Westen zurückkehren können, und dort während des Winters nach dem Rechten sehen können, während das Heer den Winter über einfach in Rußland verblieb. Es scheint jedoch, daß die ungeheuren, unaufhörlichen leiblichen und geistigen Anstrengungen, die von dem glutheißen Tale des Nils bis zu den Eisfeldern des Nordens führten, zeitweilig die Leistungsfähigkeit und Entschlußkraft des Eroberers geschwächt hatten, ähnlich wie im Grunde auch Alexander. Tatsächlich haben denn auch bei der ersten Niederwerfung Napoleons die Engländer keine irgendwie bedeutsame militärische Rolle gespielt. Ihre Subventionsgelder, die sie an das Festland zahlten, waren wichtiger als die Kriegstaten, die sie 1814 auf französischem Boden verrichteten.

In der Neujahrsnacht überschritt Blücher bei Caub den Rhein. Die anderen gingen zwar viel langsamer vor, und verzögerten viel kostbare Zeit auf dem Plateau von Langres, namentlich der österreichische Feldherr Schwarzenberg war mehr dafür, beherrschende Positionen inne zu haben, als Schlachten zu gewinnen. Trotzdem ging es mit dem Usurpator unaufhaltsam abwärts. Im Juni Unterzeichnete er seine Abdankung zu Fontainebleau. Man schickte ihn nach der Insel Elba in Verbannung, gab ihm jedoch 600 Soldaten mit, und ließ ihm auf der Insel völlige Freiheit.

In Wien versammelten sich die Fürsten und Diplomaten, um die gänzlich veränderte Karte Europas neu zu ordnen. Es war der vergnüglichste Kongreß, den die Weltgeschichte kennt. Eine Lustbarkeit, ein galantes Abenteuer folgte auf das andere. Das sonderbarste war, daß derVertreterderBesiegten,daß Talleyrand, seines Zeichens ein Bischof, seiner Anlage und Betätigung nach ein raffinierter Weltmann, die erste Violine spielte. Er brachte das durch einen kleinen Trick zuwege, durch die Erfindung der Legitimität. Nicht gegen Frankreich habe man gekämpft, so behauptete er, sondern gegen den korsischen Tyrannen. Nachdem der Tyrann gestürzt, kämen ganz von selber die rechtmäßigen, legitimen Herrscher, die Bourbons, wieder auf den Thron. Die Bourbons seien die natürlichen Freunde und Brüder der verbündeten Fürsten, die ja für das Legitimitätsprinzip den ganzen Kampf gegen Napoleon geführt. Sobald einmal die Auffassung Talleyrands durchgedrungen, war es für ihn ein leichtes, Preußen und Österreich zu verfeinden. Der Gegensatz zwischen den beiden Mächten spitzte sich zu, und schon war ein Angriffsbündnis zwischen Rußland, Österreich und Frankreich gegen Preußen vorbereitet — da platzte auf einmal wie eine Bombe in die Vergnügungen und Umtriebe des Kongresses die Nachricht hinein, Napoleon sei von Elba entflohen, und in Frankreich gelandet. Hätte der ungeduldige Korse nur wenige Monate gewar-tat, so wären seine früheren Gegner alle miteinander in ernsten Streit geraten. So aber war die Verhetzung Talleyrands noch nicht so weit gediehen, und mit überraschender Schnelligkeit faßten die bei dem Kongreß vertretenen Mächte den Beschluß, dem Usurpator, der inzwischen in Paris mit Jubel aufgenommen worden, und im Moniteur de France vom „Monstre“ zu Sa Majeste avanciert war, vereint entgegen zu treten. Die Herrlichkeit Napoleons währte diesmal nur hundert Tage. Es gelang ihm zwar, den alten Blücher bei Ligny zu schlagen, und beinahe hätte er die Engländer, die diesmal auch militärisch Anerkennenswertes leisteten, über den Haufen gerannt, als Blücher sein Versprechen einlöste, und, spät am Nachmittag, dem Herzog von Wellington zur Hilfe kam. Waterloo war Napoleons Ende. Er flüchtete nach England, wurde aber dort gefangen genommen. Um seine Rückkehr unmöglich zu machen, verbannte man ihn jetzt nach einer der einsamsten Inseln des Ozeans, nach St. Helena, wo er sechs Jahre darauf an Herzverfettung starb.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika

Männer; Völker und Zeiten