Schlagwort: Revolution

Der Nationalismus hob immer höher sein Haupt. Wie in Japan, so war er in Deutschland und Italien, in Serbien, Rumänien und Bulgarien, ja, selbst in Abessinien am Werke. Am ersten gelang es den Italienern, die Einheit zu erringen. Freilich glückte es nicht ohne fremde Hilfe. Das Haus Savoyen ist vor einem halben Jahrtausend nach Piemont vorgerückt, und hat 1416 die Stadt Turin angelegt. Während der französischen Revolution geriet Turin in die Gewalt der Franzosen, nur 1799 war es vorübergehend von Österreichern und Russen besetzt. Seit dem Wiener Kongreß kam Sardinien zu Piemont. Victor Emanuel und sein großer Minister Cavour hielten es 1859 an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen, und die Österreicher, die noch immer die Hälfte Italiens besaßen, zurückzudrängen. Zu dem Ende sollte Louis Napoleon helfen. Dieser war nach der Revolution von 1848 Präsident der Republik, und am 2. Dezember 1852, durch ein allgemeines Plebiszit, Kaiser geworden. Der Kern seiner Politik war der, durch kriegerische und diplomatische Erfolge den Ruhm Frankreichs nach außen hin zu mehren, und dadurch seine eigene, seine usurpierte Herrschaft zu sichern. Daher pflegte Louis Napoleon, der übrigens ein Großneffe des Korsen war, die Freundschaft mit England, brachte es aber fertig, allmählig selbst, anstatt der Königin Victoria (regierte 1836 bis 1901), in den Mittelpunkt zu treten. Er beteiligte sich am Krimkriege, der durch den Frieden von Paris 1856 beendet wurde. Durch eine prächtige Weltausstellung wurde der Friedensschluß gekrönt. Durch Erfolge in Marokko und China verstärkte Louis Napoleon weiterhin sein Ansehen. Begierig ergriff er die frische Gelegenheit, Lorbeeren zu ernten, die ihm Cavour bot, und ließ seine Truppen nach Oberitalien marschieren, um den Italienern zu helfen. Bei Solferino wurden 1859 die Österreicher, die sich zwar tapfer schlugen, aber schlecht geführt waren, besiegt. Victor Emanuel konnte den größten Teil der Lombardei einstecken und in Florenz einziehen; Louis Napoleon aber entriß seinem lieben Bundesgenossen Savoyen mit der Hauptstadt Nizza.

Nun muß man sich vorstellen, daß seit dem Ausgange der römischen Kaiserzeit, seit bald anderthalb Jahrtausenden, die Apenninenhalbinsel ewig uneins undzersplittertwar.Wohl wurde, aber auch dies nur ganz selten, durch deutsche Kaiser eine vorübergehende Verwaltungseinheit hergestellt, die nahezu ganz Italien umfaßte. Allein selbst Karl der Große und Otto der Große ließen einige Striche noch den Byzantinern sowie den Arabern. Nicht minder widerstrebte der Kirchenstaat, der sich auf eine angebliche Schenkung Konstantins, des römischen Kaisers, stützte. Weder Langobarden noch Normannen haben es vermocht, ganz Italien zu beherrschen; den Langobarden fehlte Süditalien und Sizilien, den Normannen Mittelitalien und die Lombardei, ln der späteren Zeit teilten sich spanische, bourbonische und habsburgische Herrscher mit dem Papste und Piemont in die Herrschaft des schönen Landes. Vor der Renaissance gab es wohl über hundert souveräne Herrschaften auf der Halbinsel; zumeist Stadtstaaten. In der Zeit von Solferino gab es noch sieben selbständige Gebilde. Das Großherzogtum Toskana und das Herzogtum Modena standen unter habsburgisch-lothringischen Herrschern; in Parma blühte ein Zweig der spanischen Bourbonen, und die Romagna (südlich vom unteren Po) bildete einen Teil des Kirchenstaates. Das Hauptstück besaß Franz II., König beider Sizilien, womit Unteritalien mit der Hauptstadt Neapel und die Insel Sizilien bezeichnet wurden. In den Rest teilten sich Österreich und Piemont.

Während in der Lombardei die Heere kämpften, machten die Bevölkerungen von Toskana, Parma, Modena und der Romagna eine Revolution und erwählten Volksvertretungen, die September 1859 zusammentraten, und den Anschluß an Piemont, oder, wie es damals hieß, Königreich Sardinien verkündeten.

Es ist nicht ohne Reiz, hier einzuflechten, wie Bayern mit jenen südlichen Reichen verknüpft ist. Die frühere Herzogin von Modena, die Schwester des Prinzregenten Luitpold, und ebenso eine enge Verwandte von ihm, die Königin von Neapel, leben noch heute hochbetagt in Bayern. Noch weiter nach Süden reichten bayrische Beziehungen in Griechenland. Dorthin kam der Wittelsbacher Otto; ihm folgten 4000 Bayern, die sich in und bei Athen niederließen. Otto wurde 1861 durch eine Revolution vertrieben; an seiner Stelle wurde ein Dänenprinz, Georg, zum König erwählt.

Durch ein Plebiszit wurde Anfang März 1860 der Anschluß Toskanas, Parmas, Modenas und der Romagna angenommen, und am 18. März von Victor Emanuel bestätigt. Das neue Reich, das „Italien der Italiener“, beginnt laut königlichem Dekret am 13. April 1860.

Noch aber fehlte die Südhälfte. Zunächst dachten jedoch weder Victor Emanuel noch sein großer Minister Cavour an die Eroberung des Königreichs beider Sizilien; sie erstrebten im Gegenteil eine Bundesgenossenschaft. Der Piemontese bot sie am 23. April unmittelbar Franz II. an, wobei er freilich die Notwendigkeit einer Verfassung für Neapel betonte. Seinen Brief schloß er mit den Worten:

„Wenn Ew. Majestät einige Monate verstreichen lassen, ohne meinen freundlichen Vorschlägen zuzustimmen, dann werden Sie erkennen, welche Bitterkeit die Worte „Zu spät“ enthalten können“.

Franz II. wandte sich an den Papst; dieser bestürmte ihn, abzulehnen. Nun brach Garibaldi der Freischarenführer mit tausend Mannen auf und schiffte sich nach Sizilien ein. Das war am 11. Mai. Er landete in Marsala. In überraschend schnellem Anstürme eroberte er die ganze Insel und danach Süditalien. Die ganze Expedition dauerte vier Monate. Franz II. betrachtete die ganze Expedition anfänglich als eine „wilde Piratenfahrt“. Er konnte nicht daran glauben, daß ein ganzes Volk hinter der roten Mütze des großen Helden marschierte. Nach der Niederlage oktroyierte er eine Verfassung, Freiheit und Reformen. Es war zu spät. Als Garibaldi sich der Hauptstadt näherte, mußte der König flüchten. Nur wenige harrten bis zur Flucht aus. Alle die Herzoge Fürsten und sonstigen Höflinge hatten den König schon bei den ersten Anzeichen des Sturmes verlassen. Der König ging, wie zwölf Jahre früher der Papst, nach Gaeta, dessen Verteidigung die Königin mit Geschick leitete. Am 7. September bemächtigte sich Garibaldi Neapels, ohne auf Widerstand zu stoßen.

Während diese Ereignisse sich im Süden abspielten, gingen zwei sardinische Armeekorps auf den Kirchenstaat zu. Am 18. September 1860 wurde die päpstliche Armee unter Lamo-riciere zersprengt, und am 29. ergab sich die Garnison von Ancona. Die Freiheitsarmee, an deren Spitze Victor Emanuel stand/näherte sich nun dem früheren Königreich Neapel, in dessen Hauptstadt Victor Emanuel am 2. November 1860 einzog. Der letzte Widerstand der Franz II. treu gebliebenen Truppen fiel am 20. März 1861. Schon am 14. März hatte Victor Emanuel den Titel: „König von Italien aus der Gnade Gottes und dem Willen der Nation“ angenommen. Am 27. März erhob das Parlament Rom zur Hauptstadt des neuen Reiches. Das war vorläufig nur Theorie.

Die weiteren Schritte waren jedoch leicht. In der Hauptsache war die Einheit Italiens errungen. Es bedurfte nur noch einiger Scharmützel mit den päpstlichen Gardisten, um auch den ganzen Kirchenstaat einzustecken. Rom aber und auch Venedig fehlte einstweilen noch als Abschluß des Ganzen.

Etwas später als die italienische Bewegung setzte die deutsche ein. Während bei unserem südlichen Nachbar die verschlagene Diplomatie eines Cavour und das tollkühne Landsknechttum eines Garibaldi zusammenwirkten, um das gewünschte Ziel zu erreichen, ist die deutsche Einheit, nachdem die Demokraten-und Freischärlerversuche gescheitert, dem Planen und Tun eines einzigen Mannes zu danken: Bismarcks. Er hat in Frankfurt, Petersburg und Paris seine Sporen verdient. Gleich seine erste Tat, die er als Ministerpräsident ausführte, war sein schwierigstes Meisterstück: die Gewinnung Schleswig-Holsteins. Dann galt es, sich mit Österreich auseinanderzusetzen. Seit dem Wiener Kongresse waren die Verhältnisse der deutschen Länder so geordnet, daß die einzelnen souveränen Staaten, unter denen Österreich von selber den Vorrang hatte, im Frankfurter Bundestag vertreten waren, und daß dieser Bundestag über gemeinsame Interessen zu entscheiden hatte. So war die Theorie. Tatsächlich aber hatte der Bundestag nur eine geringe Autorität; in der Hauptsache taten wenigstens die größeren Staaten, was sie wollten. Gerade ein halbes Jahrhundert lang hat sich dies Elend hingezogen, und der Bundestag war schon zum Gespötte der Welt geworden, da griff Bismarck mit eiserner Faust durch. Er sah, daß nicht zwei Sonnen am Himmel leuchten können, und entschloß sich zur Trennung. Im Frühjahr 1866 erklärte er an Österreich und die mit ihm verbündeten Staaten Bayern, Sachsen, Hannover und Hessen den Krieg. Die Preußen waren entschieden in der Minderheit; dazu mußten sie gewärtigen, daß die Franzosen und möglicherweise auch die Russen herbeieilen! und einen neuen allgemeinen Krieg wie den dreißigjährigen entfachen würden, dessen Kosten Deutschland zu tragen hätte. Noch schlimmer aber: die Stimmung in Preußen selber war scharf gegen Bismarck, und sein König, Wilhelm 1., der seit acht Jahren an die Stelle seines geisteskrank gewordenen Bruders getreten war, schwankte. Nur einer schwankte nicht, das war Bismarck selbst. Gegen die Feinde draußen und die Nörgler drinnen setzte er alles aufs Spiel. Die einzige Hilfe, freilich keine sonderlich wirksame, leisteten die Italiener, die die schöne Gelegenheit benutzten, um nun auch noch Venetien den Österreichern zu entreißen. Aus eigener Kraft hätten das die Italiener schwerlich vermocht, wie ihnen ihr großer Dichter Carducci immer vorgeworfen hat, daß sie lediglich durch fremde Kraft ein selbständiges Königtum gewannen. Die Österreicher mußten eben den Kern ihrer Truppen nach Böhmen lenken, wo die Preußen mit starken Heereskräften, von den Strategen Moltke und Blumenthal beraten, eingerückt waren. Dafür siegte der österreichische Admiral Tegethoff gegen die überlegene italienische Flotte bei Lissa an der dalmatinischen Küste, gegenüber von Ancona. Tegethoff war ein streitbarer Held. Er zwang das Glück durch das Rammen des feindlichen Admiralschiffs. Als ihn später eine Dame fragte, ob das Rammen schwer sei, erwiderte er: Nein! Aber man muß das Herz dazu haben. —

Die preußische Armee befolgte in Böhmen den Grundsatz Moltkes, getrennt zu marschieren und vereint zu schlagen. Sie traf die Österreicher nicht schlecht vorbereitet. Nur haperte es, wie fast immer bei den Österreichern, an der höheren Führung, außerdem an der finanziellen Rüstung. Noch in letzter Stunde war Benedek von Italien, das er gut kannte, nach Böhmen, dessen Verhältnisse er fast garnicht kannte, berufen worden. Benedek selbst sträubte sich heftig gegen diese Berufung, aber es half ihm nichts. So wurden denn, nach einigen kleinen Niederlagen, die Österreicher in der großen Schlacht bei Königgrätz aufs Haupt geschlagen. Bald darauf streiften preußische Reiter bis vor die Tore Wiens, und bis nach Preßburg an der Donau. Für die Österreicher bestand wenig Aussicht sich sammeln zu können. Trotzdem stand für Preußen alles auf des Messers Schneide. Nämlich diplomatisch. Durch die preußischen Siege gereizt, drohte Louis Napoleon mit der Einmischung-; auch war es durchaus im Bereich der Möglichkeit, daß trotz Nizza die alte Waffenfreundschaft wieder auflebte zwischen Frankreich und Italien. In diesem kritischen Augenblicke bewies Bismarck, gegenüber dem Drängen der Militärpartei, eine rühmliche Mäßigung; um Österreich nicht zu Verzweiflungsschritten zu drängen, gewährte er ihm außerordentlich günstige Bedingungen. Zwar konnte er nicht verhindern, daß sein erbitterter Gegner, der sächsische Graf Beust, ein aufgeblasener Wichtigtuer und Intrigant, von dem man nie verstehen wird, weshalb er zu so verantwortungsvollen Stellungen befördert wurde, Ministerpräsident in Wien ward und alle seine Kräfte für einen Revanchekrieg einsetzte; aber Bismarck erreichte durch sein .besonnenes Maßhalten doch, daß auf goldenen Brücken später Osterreich zurückkehrte, umFreundschaft mit Preußen zu schließen. Das wurde in erster Linie dadurch ermöglicht, daß die Donaumonarchie keinen Fußbreit Landes herzugeben brauchte.

Immerhin konnte Preußen reichliche Früchte ernten. Es nahm Hannover, Hessen und die freie Reichsstadt Frankfurt, die elfhundert Jahre hindurch ein Mittelpunkt des Deutschen Reiches gewesen war, in Besitz. Es errichtete den Norddeutschen Bund, es erweiterte den Zollverein, dessen Anfänge in die 1830er Jahre zurückreichen. Ein neuer Strom von Lebensfreude und nationalem Selbstgefühl durchdrang alle Gaue des Vaterlandes; auch die Angegliederten verschmerzten, mit Ausnahme der Welfen, in nicht langer Zeit den Verlust ihrer Selbständigkeit. Aus dem bestgehaßten Manne seiner Zeit, Bismarck, war der Gefeiertste und Beliebteste geworden, und mit ihm sein König, den man einst den Kartätschenprinz genannt hatte.

Die Franzosen aber schnoben „Rache für Sadowa“, wie sie nach einem kleinen, in der Nähe befindlichen Dörfchen den Tag von Königgrätz bezeichnen. Zunächst versuchte Louis Napoleon, in Luxemburg frische Lorbeern zu pflücken. Das gelang ihm nicht. Ebenso wenig glückte es ihm in Mexiko. Mit dem bewußten Zwecke, das Romanentum gegen das übermächtig aufstrebende Germanentum zu stärken, hatte Louis Napoleon eine Eroberung Mexikos begonnen. Seinen französischen Truppen hatte er — Ironie des Schicksals — einen deutschen Fürsten, den Habsburger Maximilian, als Oberführer mitgegeben. Maximilian hatte zuerst Erfolg, und wurde zum Kaiser von Mexiko ausgerufen. Da sich aber die Vereinigten Staaten einmischten, die nach Beendigung des langwierigen Bürgerkrieges die Hände frei hatten, und da, von Washington aus ermutigt, der Vollblut-Indianer Juarez mit einheimischen Streitkräften die Lage beherrschte, sah sich Maximilian sehr bald auf die Stadt Mexiko und Umgebung beschränkt. Im Jahre 1868 nahte die Katastrophe.

Der Kaiser von Napoleons Gnaden wurde gefangen genommen und erschossen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika

Männer; Völker und Zeiten

In der jungtürkischen Presse, ebenso wie in französischen und englischen Blättern hat man sich während der letzten Wochen auffällig eingehend mit dem Verhältnisse Deutschlands zur Türkei beschäftigt. Der Zweck der Auslassungen jungtürkischer, englischer und französischer Politiker und Zeitungsschreiber läuft darauf hinaus, Deutschlands Stellung zum neuen Regiment in Konstantinopel als zweideutig zu schildern und der deutschen Regierung gewisse politische Absichten zuzuschreiben, die für die Türkei und ihren inneren Frieden angeblich gefährlich sein sollen.

Unter Abdul Hamid stand Deutschland in gutem Ruf nicht nur in der näheren Umgebung des jetzt entthronten Herrschers, sondern auch in weiteren Schichten der Bevölkerung. Namentlich die Unterstützung, die das deutsche Kapital den vom Sultan geplanten Bahnunternehmungen in Klein-Asien und Mesopotamien gewährte, machte den deutschen Namen in der Türkei populär. In den Gebieten von Mesopotamien, durch die die Bagdadbahn einst ziehen wird, konnte jeder deutsche Reisende gewärtig sein, von den türkischen Beamten, ebenso wie von Armeniern, Kurden und Arabern mit Achtung empfangen zu werden. Der Deutsche wurde als der Repräsentant des großen Bahnprojekts betrachtet, das dazu berufen sein sollte, jene Länder aus jahrhundertelangem Schlummer zu erwecken. Im Gebiete der Anatolischen Bahn galt der Deutsche als der Kulturträger — und tatsächlich haben deutsche Ingenieure und Bodenkulturtechniker dem Lande unermeßlichen Segen gebracht. In Konstantinopel waren die Deutschen als die Reorganisatoren der türkischen Wehrkraft gern gesehen. Der deutsche Kaufmann genoß den Ruf eines zuverlässigen Geschäftsmanns und war in den Bazaren stets willkommen. Die deutsche Politik gefährdete an keiner Stelle irgendwie die Machtstellung der türkischen Regierung, noch viel weniger den Besitzstand der Türkei. Die türkische Regierung konnte ihr daher volles Vertrauen entgegenbringen.

So lagen die Verhältnisse, als vor anderthalb Jahren die große politische Umwälzung, deren Folgen heute noch nicht überwunden sind, in Konstantinopel eintrat. Da hielt man in London und gleicherweise auch in Paris den Augenblick für gekommen, die politische und wirtschaftliche Stellung Deutschlands in der Türkei zu untergraben. In einer über das Maß des Erforderlichen hinausgehenden Weise nahm man dort Partei für die jungtürkische Revolution, nur um die zur Macht gelangten Jungtürken für sich zu gewinnen. Gleichzeitig scheute man sich nicht, das durchaus loyale Verhalten der deutschen Regierung zu verdächtigen und die Legende zu verbreiten, als ob Deutschland im Grunde genommen die politischen Veränderungen ungern sähe und heimlich die Anhänger der alttürkischen konservativen Kreise im Lande unterstütze. Dieselben Politiker aber in London, die vor den angeblichen Machenschaften Deutschlands warnten, benutzten ihren Einfluß in Konstantinopel, um mit Hilfe von Kiamil Pascha ihre Stellung zu befestigen und einen Einfluß auf die türkische Regierung zu gewinnen, wie ihn Deutschland niemals beansprucht und angestrebt hatte.

Ein Vorgang war allerdings geeignet, bei den Türken nach dem Umsturz des alten Regimes Mißtrauen gegen die Bestrebungen Deutschlands zu erwecken: das Eintreten der deutschen Regierung für das Vorgehen Oesterreich-Ungarns bei der Annexion Bosniens und der Herzegowina. Man würdigte aber schließlich das damalige Verhalten Deutschlands, das durch sein enges Bündnisverhältnis zu der Habsburgischen Monarchie bedingt war, und machte der deutschen Regierung offiziell keinen Vorwurf daraus. Es mag sein, daß durch die damaligen Geschehnisse in manchen Kreisen der Türkei, namentlich soweit sie den Jungtürken nahestanden, eine Verstimmung gegen Deutschland hervorgerufen wurde. Aber darüber sind wir heute hinaus; die Türkei hat sich mit der Abtretung seiner zwei Provinzen, die de facto doch seit Jahrzehnten aus dem Reichsverbande schon ausgeschieden waren, abgefunden, mit Oesterreich-Ungarn sich ausgesöhnt, und kann daher auch gegenüber Deutschland seines damaligen Verhaltens wegen keinen Groll mehr hegen.

Gleichwohl suchen die Gegner Deutschlands am Goldenen Horn weiter zu wühlen und zu hetzen; sie sprechen von den „Krallen des deutschen Geiers“, der die Türkei zuzeiten Abdul Hamids erfaßt hätte, von dem „Drängen“ nach Osten, das die Deutschen beherrsche und zu phantastischen Plänen treibe, die der Türkei Gefahr bringen könnten, und von sonstigen Märchen mehr. Der Führer der Jungtürken, Dr. Nazim Bey, deutete in einer Unterredung mit dem Korrespondenten eines deutschen Blattes an, daß Deutschland infolge seiner geographischen Lage leicht zu Eroberungsplänen verleitet werden könnte. Wie bedauerlich, daß leitende Politiker der Türkei, wie Nazim Bey, sich durch Einflüsterungen ihrer englischen Freunde zu solchen Ungereimtheiten verleiten lassen!

Die Leute außerhalb der politischen Zunft sind auch in der Türkei vorsichtiger, und wissen besser zu unterscheiden, an welcher Stelle politische Uneigennützigkeit zu finden ist und von woher politische Gefahr droht. Als in Mesopotamien vor Jahren bekannt wurde, daß der Ausbau einer Bahn bis Bagdad und Bassra von Deutschland unterstützt und gefördert würde, regte sich außer dem englischen Residenten in Bagdad niemand über den Plan auf, denn vernünftigerweise dachte dort niemand daran, daß Deutschland, trotz seiner Beteiligung am Bagdadbahnbau dem türkischen Reiche politisch gefährlich werden könnte. Ganz anders die Stimmung der Bevölkerung jetzt, nachdem bekannt geworden war, daß einer englischen Gesellschaft, wenn auch nicht offen, so doch in verschleierter Form, das Schiffahrtsmonopol auf dem Euphrat und Tigris erteilt worden sei. Sofort machte sich eine lebhafte Beunruhigung in der Einwohnerschaft von Bagdad bemerkbar, die vom richtigen politischen Instinkt geleitet, die Gefahr erkannte, die der Selbständigkeit Mesopotamiens aus dem Vorgehen Englands in Zukunft erwachsen könnte. Ist es doch ein offenes Geheimnis dort unten im Süden von Mesopotamien, daß England mit Rücksicht auf die Lage Indiens und die Verhältnisse am Persischen Golf seine politische Stellung in Mesopotamien zu stärken gewillt ist. Ein erster Schritt hierzu ist das Schiffahrtsmonopol auf dem Euphrat und Tigris; das weitere überläßt man zunächst Sir Willcocks, dem Wasserbautechniker, unter dessen Leitung die neuen Bewässerungsanlagen in Mesopotamien erstehen und englische Kapitalien neue Werte im Lande schaffen sollen; alles zu Nutz und Frommen der hohen englischen Politik. Darin liegt ja der Unterschied zwischen den wirtschaftlichen Plänen Deutschlands und Englands in der Türkei: Deutschland verfolgt mit seinen Unternehmungen — Bahnbauten und Bewässerungsanlagen — in Klein-Asien und Mesopotamien nur wirtschaftliche Ziele; politische Absichten liegen ihm völlig fern. England dagegen ist infolge seiner politischen Stellung im Orient darauf angewiesen, auch in Mesopotamien, wie vor Jahren in Aegypten, politische Aufgaben zu erfüllen. Deutschland wird es hieran nicht hindern, wenn ihm die Durchführung seiner wirtschaftlichen Pläne gesichert wird; aber von deutscher Seite kann dann auch verlangt werden, daß die Verdächtigungen, denen die Pläne Deutschlands in Klein-Asien und Mesopotamien ausgesetzt sind, endlich aufhören. Den Jungttirken aber und ihren Vertretern im Kabinett wäre zu empfehlen, einmal nachzuprüfen, ob wirklich die Freundschaft Englands so einwandfrei und ehrlich gemeint ist, daß die Türkei ohne Gefahr ihre auswärtige Politik auf sie aufbauen kann. Vielleicht fühlt man in jungtürkischen Kreisen die eigne schwache Lage England gegenüber und heuchelt Enthusiasmus für das „freie, parlamentarisch regierte“ England nur, um die Furcht vor Englands Macht zu bemänteln und im Falle eines Rückzuges, wie in der „Lynch-Affäre“, die bittere Pille durch den Gedanken schmackhafter zu machen, daß sie ja von dem „Freunde“ England herstammt. Vielleicht ist in diesen Gedankengängen die psychologische Erklärung für das Verhalten der Jungtürken England gegenüber zu suchen; sind das die wahren Ansichten der Jungtürken, dann allerdings haben sie das Schicksal verdient, das ihnen droht: Sklaven zu werden der Macht, der sie ihre Freundschaft angeboten.

Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die türkische Marine im Juli 1910 war ein deutliches Zeichen dafür, daß die deutsche Regierung gern bereit ist, der Türkei, soweit möglich, bei Ausgestaltung ihrer maritimen Streitkräfte behilflich zu sein. Die durch den Vorgang hervorgerufene Polemik in französischen und englischen Zeitungen führte zur Veröffentlichung des folgenden Artikels:

D. 0. K. 1910, 19. August

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.

Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte

»Was bleibet aber stiften die Dichter.«.

Hölderlin.

». . . Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig —

Der Augenblick ist Ewigkeit.«

Goethe.

LLES Revolutionäre unterliegt und dient dem Gesetz, daß es dem bekämpften Dauernden in seinem besten Wesen gerade zu weiterer Dauer verhelfen muß. Revolution, vor allem geistige — aber jede Revolution ist zuletzt geistig — ist das Jungbad des Dauernden. Catilina ist, mit Nietzsche, die Präexistenzform jedes Cäsar: alles groß Legitime hat das Stadium anrüchiger und verbrecherischer Illegitimität zu durchmessen; aber alles Cäsarische bedarf auch immer wieder der Taufe des Catilinarischen. Cäsar ist immer schon ein Erbe, der sich einer thronräuberischen Kraft in sich erinnern muß, um nicht in bloßer augustischer Legitimität zu verdorren; aber Catilina ist auch schon Cäsars Ahnherr und in den Ablauf der Dinge noch in der Empörung bereits legitim eingeordnet. Immer sind die Bringer des frevelnd Neuesten und Unerhörtesten zugleich gerade die Wahrer und Wiederheraufführer des am längsten Gehörten. Das wahrhaft Revolutionäre, echt Neueste, das ist Lebendigste einer Epoche, ist immer zugleich das irgendwie am tiefsten ahnenhaft im Alten Verwurzelte — nemo contra regem nisi rex ipse. Den catilinarischen Trägern des Neuen kommt dies ihr einwohnendes Gesetz zumeist gar nicht oder ganz spät an der Schwelle der eigenen Legitimität zum Bewußtsein. Denn vom Winde des Geistes darf keiner ahnen, von wannen er kommt, noch wohin er geht, soll er Segel zu neuen Küsten hin ermutigen; keiner darf ahnen, daß die Umsegelung seiner Erde ihn nur in den eigenen Hafen zurückführen kann. Und es gehört wohl mit zu der rätselhaften, sehr seltnen und immer Verhängnisvollen Doppelbrechung von Nietzsches Natur, die hermaphroditisch Erkenntnisdrang und dämonische Blindheit vereinigt, daß er, der Genuesergeist und Sucher fernster Meere, unentdecktester Küsten des Wissens und der Seele, dennoch zu gleicher Zeit und schon von früh auf um jene Ahnenbedingtheit, jene Einordnung seiner selbst, ja um seine tragische Grenze zu wissen scheint. Daß er weiß, »woher ich stamme« — und wo er enden wird. Vielleicht ist jene Scheinoffenbarung der Ewigen Wiederkunft, dies trügerisch äffende Wahnmysterium des späten Nietzsche, nur die Symbolisierung des Schauders, des Schwindelgefühls im Anblick des unentrinnbar sich schließenden Ringes, der Hafenrückkehr zu sich selber. Je mehr man kennt, je mehr man weiß, Erkennt man: alles dreht im Kreis — sagt Goethes mystisch warnender Spruch. Die ewige Wiederkunft der Dinge in sich selber, das mit festlich ausschweifender Ekstase drohende erzieherische Geheimnis des geistigen Weltenumseglers, die triumphierend bewußte Verdammnis zum ewig selben Ausgangshafen, das scheint nur die metaphysische Form, die dämonische Formel des tiefen Ahnengefühls, das in Nietzsches Blut und Geist von Anbeginn pocht. Dieser Verwandlungssüchtigste, Verwandlungsfreudigste, seiner Verwandlungen Bewußteste — »nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt« — unterliegt dennoch, wie kaum ein anderer Seelenführer und Geisterverführer, der stärksten inneren Bindung und Bewahrung durch bewußte Tradition, durch die Idee erblicher Dauerwerte, durch bejahte Ahnendeterminiertheit. Der die Alten Tafeln zerbrechen heißt und die Liebe zu »eurer Kinder Land« lehrt — Ahnenehrfurcht ist dennoch in allem, was er predigt, ja noch darin, wie er es predigt. Der hoffnungberauschte Jünger Wagners, dem die Kunst seines Meisters die wahre »Musik der Zukunft«, die Ankündigung einer völlig neuen Kultur bedeutet, er schreibt, in den Vorstudien zu »Richard Wagner in Bayreuth«:

»Ich könnte mir auch eine vorwärtsblickende Kunst denken, die ihre Bilder in der Zukunft sucht. Warum gibt es solche nicht? Die Kunst knüpft an die Pietät an.«

Welch seltsames Bild, dieser Radikale und Umwerter der Werte, dem »Dauer auf Erden ein Wert ersten Ranges« ist. Dieser Verherrlicher der dionysischen Rauschgegenwart, des Heiligen Augenblicks, der zugleich bekennt, nicht die Stärke, sondern die Dauer der hohen Empfindung mache die hohen Menschen! Er, der in jedem Sinne nicht den Frieden, sondern das Schwert zu bringen wähnte, zu verherrlichen stolz war

(»ich schwöre Ihnen zu, daß wir in zwei Jahren die Erde in Konvulsionen haben werden«)

, der nämliche gelobt seinem Herzen:

»Ich will den Menschen die Ruhe wieder geben, ohne welche keine Kultur werden und bestehen kann. Auch im Stil ein Abbild dieses Strebens, als Resultat der konzentriertesten Kraft meiner Natur.«

Der umwertende Kulturrevolutionär, dem Stifters Nachsommer, die ruheseligste aller deutschen Dichtungen, eines der am meisten geliebten Bücher war, sein Leittraum ist die große fruchtbar sich erneuernde Dauer der höchsten menschlichen Werte. Aller menschlichen Dauer Mutter aber, Urquelle und Gewähr ist das Gedächtnis. Gedächtnis schuf den Menschen, wie es jede Art menschlicher Gemeinschaft schuf. »Wer Gedächtnis hat, sollte niemand beneiden« — das zeichnet nicht der rückschauende späte, sondern der vorweimarische Goethe seinem Tagebuch ein. Sich mitten im lebendig jugendlichsten Augenblick derjenigen Kraft mit Ehrfurcht bewußt zu bleiben, deren Magie allein den Augenblick zur Ewigkeit erweitert: — wenn das goethisch ist (und goethisch auch die Neidlosigkeit im und aus dem Besitzgefühl dieses Gedenkenkönnens) — so ist es vor allem auch nietzschisch. Trotz immer der Unzeitgemäßen Betrachtung über Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben; welche Schrift als ein entschlossenes Heil- und Gegenmittel gegen die eigenen inneren Versuchungen zu übertriebenem Kult aller großen Tradition, alles nur retrospektiven Gedenkens — eine Romantikerversuchung — zu verstehen und zu deuten ist. (Wie immer bei Nietzsche ist auch hier nur in der äußerlichen Sphäre ein Gegner außerhalb seiner gemeint und bekämpft — sein im Allzuhistorischen verdorrendes Zeitalter; tiefer nach innen ist das Buch, wie jedes einzelne dieser erlittensten Bücher ihres Jahrhunderts, einer Auseinandersetzung mit sich, ein Kampf mit seiner jeweils dringendsten und geliebtesten Gefahr, ist eine Selbstverteidigung und ein Opfer.) Dankbarkeit des Gedächtnisses, bewußte, stilisierend gesteigerte und fruchtbar gedeutete Abhängigkeit vom Vergangenen, biologisch, geistig, seelisch — darauf, als einer entscheidenden psychologischen Grundtatsache, baut sich ein wichtiger Teil von Nietzsches denkerischem Leben auf. Die einzige der Alten Tafeln, die während gewisser radikaler Perioden sein mühsam und künstlich gehärteter Hammerwille unzertrümmert ließ, war die Ahnentafel. Dauer, Kontinuität, ehrfürchtige Überlieferung als Grundlage jeder menschlichen Kultur, Geistigkeit, Humanität — hier haben wir eine der mächtigsten Grundvorstellungen, die den jungen Pfortenser zur Philologie der Alten zogen, den Freigeist des Menschlichen, Allzumenschlichen zum Visionär des Zarathustra hinauf und hinübertrieben. »Erhaltung der Tradition ist Hauptaufgabe« heißt es in der ersten Basler Zeit; »in der Höhe großartiger Freiblick. Beides verträgt sich wohl«.

»In Revolutionen wird alles vergessen,«

sagte Napoleon, und deshalb haßt Nietzsche alles Revolutionäre, wie es wohl kaum jemals ein Mensch gehaßt hat. Tief in ihm selber ist jener »Wille, Instinkt und Imperativ« der Tradition lebendig, den er in der Götzendämmerung als Voraussetzung jeder dauernden Insth tution kennzeichnet, ein Wille, »antiliberal bis zur Bosheit: der Wille zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte hinaus, zur Solidarität von Geschlechterketten vorwärts und rückwärts in infinitum«. Tradition — so oft nichts als eine Zuflucht und Formel der Unschöpferischen und Vergreisten, hier ist sie Leidenschaft, Rausch, ja dämonisches Getriebenwerden. Keiner unserer Denker verrät, bei solcher individualistischen Vereinsamung, zugleich solche Ahnensucht, keiner fast ein so stark betontes »Denken in Generationen«. Das alte »Weh dir, daß du ein Enkel bist« erscheint hier geradezu ins Gegenteil gewandt: »Alles Gute ist Erbschaft« — das ist einer der erlebtesten, am tiefsten in seiner Natur verwurzelten Sätze Nietzsches. »Die guten Dinge,« sagt selbst noch die Götzendämmerung,

»sind über die Maßen kostspielig: und immer gilt das Gesetz, daß, wer sie hat, ein anderer ist, als wer sie erwirbt. Alles Gute ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang.«

Wohl weiß daneben Zarathustra, daß es gefährlich ist, Erbe zu sein. Aber Gefahr adelt ja für ihn, Gefahr legitimiert, beweist, bezeugt Wert, Gefahr ist Wert. Die Gefahr der Erbschaft, das eben ist für Nietzsche nur das Glück, die Auszeichnung der Erbschaft.

In völlig einzigartiger Weise mischt sich dies doppelte Erbgefühl — Erbe zu sein ist Gnade und Gefahr, jeder Erbe ist ausgezeichnet und gezeichnet — in Nietzsches eigentümlich starkem und eigenwillig betontem Familiengefühl. Jeder Leser Nietzsches spürt die merkwürdig bewußte Blutsgebundenheit, den stolzen Fatalismus seiner phantastischen und strengen Ahnenliebe, die mit den Jahren nur immer mehr zunimmt (»erst im Manne wird das Familientypische völlig sichtbar; am wenigsten bei leicht erregbaren, anregbaren Jünglingen. Es muß erst Stille eingetreten sein«, lautet es im Nachlaß zur Umwertung; und ebendort sogar:

»Man ist viel mehr das Kind seiner vier Großeltern als seiner zwei Eltern. Die Keime des großväterlichen Typus werden in uns reif, in unseren Kindern die Keime unserer Eltern«). Der besonderen Mischung seines Blutes aus entgegenstrebenden Eiementen (entgegengesetzt im Sinne des Volkstums, der Temperamente, des eingeborenen Ethos, des Grades an Vitalität), solcher von ihm noch ins Legendäre, Überdeutsche und Halbdeutsche gesteigerten und stilisierten biologischen Mischung meint er die Einzigartigkeit seiner in jedem Sinne so extremen Natur zu verdanken. Erbschaft aus zwei streitenden Komponenten bestimmt ihm sein Leben als Aufgabe, als Auszeichnung, als Verhängnis. Denn der Mensch der weitesten Spam nungen erlebt und erleidet das Leben als eine Aufgabe der Versöhnung, der Vereinigung des Nichtzuvereinenden. Er ist die aus feindlicher Polarität geborene gewittertragende Wolke, die sich zu Verderben entladen, zu Segen fruchtbar entbinden kann. Das Ecce homo vor allem fugiert dies Thema, das in seinem Kernmotiv den romantischen Musiker verrät, so antiromantisch seine Durchführung sich geben möchte. Aber schon zwei Jahre vorher schreibt aus solcher Grundempfindung heraus Nietzsche an die Schwester von »unserem eigentlichen Familientyp, der seine Kunst im Versöhnen zwischen Kontrasten hat«.

Und die Schwester selber urteilt einmal, ihr Bruder habe die Idealität von seinem Vater, aber den Sinn für die Realität und den Skeptizismus menschlichen Vorgängen gegenüber von seinen mütterlichen Vorfahren geerbt; Nietzsche selber habe dies empfunden. Gleich mit den ersten Worten seiner Autobiographie formuliert Nietzsche das Grundgefühl der Abhängigkeit von der besonderen Ahnenmischung in ihm:

»Warum ich so weise bin. Das Glück meines Daseins, seine Einzigkeit vielleicht, liegt in seinem Verhängnis: ich bin, um es in Rätselform auszudrücken, als mein Vater bereits gestorben, als meine Mutter lebe ich noch und werde alt. Diese doppelte Herkunft, gleichsam aus der obersten und der untersten Sprosse an der Leiter des Lebens, decadent zugleich und Anfang — dies, wenn irgend etwas, erklärt jene Neutralität, jene Freiheit von Partei im Verhältnis zum Gesamtproblem des Lebens, die mich vielleicht auszeichnet.«

Welche Dankbarkeit, einige Seiten später, für das väterliche Erbe seines so besonderen Lebens: »Ich betrachte es als ein großes Vorrecht, einen solchen Vater gehabt zu haben: es scheint mir sogar, daß sich damit alles erklärt, was ich sonst an Vorrechten habe, — das Leben, das große Ja zum Leben nicht eingerechnet. Vor allem, daß es für mich keiner Absicht dazu bedarf, sondern eines bloßen Abwartens, um unfreiwillig in eine Welt hoher und zarter Dinge einzutreten: ich bin dort zu Hause, meine innerste Leidenschaft wird dort erst frei . . Um nur etwas von meinem Zarathustra zu verstehn, muß man vielleicht ähnlich bedingt sein, wie ich es bin, — mit einem Fuße jenseits des Lebens . .« Denn ein ungemein merkwürdiges Gefühl mystischer Abhängigkeit, ja geheimnisvoll überkausalen Zusammenhangs verbindet ihn mit der früh entrückten Existenz des Vaters:

»Mein Vater starb mit sechsunddreißig Jahren: er war zart, liebenswürdig und morbid, wie ein nur zum Vorübergehen bestimmtes Wesen, — eher eine gütige Erinnerung an das Leben als das Leben selbst. Im gleichen Jahre, wo sein Leben abwärts ging, ging auch das meine abwärts: im sechsunddreißigsten Lebensjahre kam ich auf den niedrigsten Punkt meiner Vitalität — ich lebte noch, doch ohne drei Schritt weit vor mich zu sehn.«

Diese geheimnisvoll gesteigerte Wiederholung des väterlichen Lebens im Leben des Sohnes tönt auch im Zarathustra wieder:

»Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich den Sohn als des Vaters entblößtes Geheimnis.«

Mystisch klingt ein Genueser Brief gerade der Zarathustrazeit an Gast:

»Es regnet in Strömen, aus der Ferne klingt Musik zu mir. Daß mir diese Musik gefällt und wie sie mir gefällt, weiß ich nicht aus meinen Erlebnissen zu erklären, eher noch aus denen meines Vaters. Und warum sollte nicht —?«

hier bricht der Brief geheimnisvoll ab. Und ein anderer Brief der Zarathustrazeit gesteht an Overbeck:

»Von meiner Kindheit an hat sich der Satz ,im Mitleiden liegen meine größten Gefahren immer wieder bestätigt — vielleicht die böse Konsequenz der außerordentlichen Natur meines Vaters, den alle, die ihn kannten, mehr zu den ,Engeln als zu den Menschen gerechnet haben.«

Nietzsches Freund Deußen erzählt in seinen Erinnerungen, daß Nietzsche ihm im August 1887 bei einem Besuche in Sils Maria ein Requiem zeigte (offenbar den Hymnus an das Leben), welches er für seine eigene Totenfeier komponiert hatte, und dabei sagte:

»Ich glaube, daß es nicht mehr lange mit mir dauern wird; ich bin jetzt in den Jahren, in welchen mein Vater starb, und ich fühle, daß ich demselben Leiden erliegen werde, wie er.«

Aber betonen solche merkwürdigen Einzelgeständnisse gern die Gefahr, selbst den Fluch des väterlichen Erbes, so kommt doch die Gesamtwertung dieses Erbes ganz aus einer stolzen Dankbarkeit, aus einer Art Adelsgefühl. Der bewußte und festgehaltene Familienstolz auf

»die Rasseneigenschaft derer, die Nietzsche heißen«

, begleitet ihn bis in seine letzten Jahre hinauf:

»Lieber sterben, als ihre Sache im Stich lassen: aber das ist nietzschisch!«

schreibt er von der Schwester 1887, der er ein Jahr später bekennt:

»Wie stark fühle ich bei allem, was du sagst und tust, daß wir derselben Rasse angehören: du verstehst mehr von mir als die anderen, weil du dieselbe Herkunft im Leibe hast. Das paßt sehr gut zu meiner , Philosophie«.

Ähnlich an den Schwager:

»in summa es erwartet meine Schwester eine tapfere Zukunft. In dem allen tut sie mir es gleich: es scheint, dies gehört zur Rasse.«

Oder an den Freund Gersdorff:

»Unsere nietzschische Art, die ich mit Freude selbst an allen Geschwistern meines Vaters wiedergefunden habe, hat nur am Fürsichsein ihre Freude, weiß sich selber zu beschäftigen und gibt eher den Menschen, als daß sie viel von ihnen fordert.«

Sinnlich und symbolisch verdichtet wird der Stolz auf die väterliche Rasse in der Nietzsche so teuren Legende von der ursprünglich polnischen Herkunft seiner Familie. Man weiß, wie diese genealogisch so äußerst fragwürdige Hypothese ihn, mit all ihrer Ausdeutbarkeit, beinahe rührend beglückte; wie sie sein ganzes Schicksal, seine Aufgabe und seinen Ausgang ihm bereits aus- und vorzuzeichnen schien. Eine genealogische Prophezeiung seiner selbst, ein schattenhaftes »es steht geschrieben«, ein Fatum liest Nietzsche aus der für ihn ausgemachten Tatsache seiner überdeutschen Herkunft, seiner gefährlich genialen Erbmischung heraus; und im Ecce homo tut er das mit dem unverkennbaren Akzent einer groß fatalistischen Genugtuung darüber, daß »erfüllt wurde die Schrift«. Der amor fati — »es muß also gehen« — gilt gerade dort auch den Ahnenwurzeln seiner Existenz. Aber schon den Knaben beschäftigt und berauscht die legendarische Familientradition, steigert und erzieht unbewußt die Leitvorstellung seiner besonderen verpflichtenden Abkunft. Die Schwester bezeugt ausdrücklich, daß in ihrer ganzen Kinderumgebung nichts gewesen sei, was dazu aufgefordert hätte; niemand in der Familie habe der adligen Abkunft irgendwelche Bedeutung beigelegt. Und schon der Knabe zieht aus jener eingebildeten und liebevoll gepflegten Ahnenlegende bezeichnend genug einzig eine moralisch verpflichtende Folgerung, wie die Schwester berichtet:

»Übrigens war Wahrheit und Lüge das einzige, worin wir beide (ich durch meinen Bruder beeinflußt) ein gewisses hochmütiges Standesbewußtsein untereinander äußerten: wir logen nicht, weil sich das für uns, die Grafen Nietzky, nicht schickte. Mochten andere lügen, soviel ihnen beliebte, für uns beide geziemte sich: Wahrhaftigkeit.«

Wahrscheinlich ist es eine Beobachtung des Bruders, was die Schwester bei dieser Gelegenheit mit charakteristischer Haltung hinzufügt:

»Vielleicht brach bei uns ein nietzschischer Familienzug als Standesbewußtsein hervor; ich erinnere mich, daß eine der Tanten einmal mit kühlem Stolz sagte: ,Wir Nietzsches verachten die Lüge‘«.

Eigene Aufzeichnungen Nietzsches aus dem ersten Zarathustrajahr erzählen von dem bestimmenden Eindruck der Ahnenlegende auf den Knaben;

»Man hat mich gelehrt, die Herkunft meines Blutes und Namens auf polnische Edelleute zurückzuführen . . Ich will nicht leugnen, daß ich als Knabe keinen geringen Stolz auf diese meine polnische Abkunft hatte. Es wollte mir scheinen, als sei ich in allem Wesentlichen trotzdem Pole geblieben . . im Auslande, in der Schweiz wie in Italien hat man mich oft als Polen angeredet . . Ein kleines Heft Mazurken, welches ich als Knabe komponierte, trug die Aufschrift ,Unserer Altvordern eingedenk!‘ — und ich war ihrer eingedenk in mancherlei Urteilen und Vorurteilen . . Es tat mir wohl, an das Recht des polnischen Edelmanns zu denken, mit seinem einfachen Veto den Beschluß einer Versammlung umzuwerfen; und der Pole Copernicus schien mir von diesem Rechte gegen den Beschluß und Augenschein aller anderen Menschen eben nur den größten und würdigsten Gebrauch gemacht zu haben . . An Chopin verehrte ich namentlich, daß er die Musik von den deutschen Einflüssen . . freigemacht habe.«

Man fühlt leicht die eigentümliche Genugtuung heraus, mit der hier wie an anderen Stellen (namentlich im Ecce homo) Nietzsche sein »gutes Europäertum«, seine strenge Kulturkritik und romantische Hyperionverdammung alles Deutschen und Allzudeutschen mit der gewissermaßen biologischen Legitimitätseiner (inWahrheit so dürftig gesicherten und bestenfalls durch seine deutschen Ahnenkomponenten nahezu aufgesogenen) polnischen Urabstammung unterbaut, dem hohen Undeutschtum gerade seiner letzten Jahre eine ehrwürdige Altnotwendigkeit zu verleihen sucht. (So liebte es schon Nietzsches großer philosophischer Lehrer, seine doch so echt deutsche innere Universalität durch genealogische Ableitung zu erklären; Schopenhauers Biograph sagt von ihm geradezu:

»Von keiner Schwäche war er freier als vom Nationalstolze .. er schämte sich, wie mancher große Deutsche vor ihm, ein Deutscher zu sein und gedachte mit Vorliebe des Herkommens seiner Ahnen aus den Niederlanden.«

Man sieht, der scheinbar so individualistische Zug von Nietzsches Kult seiner ausländischen Ahnen ist zugleich ebenso deutsch wie »philosophisch«. Aber genau wie Nietzsche andrerseits dennoch »vielleicht mehr deutsch ist, als jetzige Deutsche, bloße Reichsdeutsche es noch zu sein vermöchten — er, der letzte antipolitische Deutsche« (Ecce homo), so ist auch wiederum sein Stolz auf die mütterliche »sehr deutsche« Herkunft ungemein charakteristisch, und es hat etwas Rührendes, zuweilen beinahe leise Komisches, mit welchem Eifer er im Ecce homo, wie auch in biographischen Abrissen der Briefe die mütterlichen Ahnen dem wichtigsten deutschen Kulturkreise, dem von Weimar, einzuordnen bemüht ist. »Es könnte scheinen,« sagt er im Blick auf seine vermeintliche polnische Abkunft, »daß ich nur zu den angesprenkelten Deutschen gehörte, aber meine Mutter, Franziska Oehler, ist jedenfalls etwas sehr Deutsches; insgleichen meine Großmutter väterlicherseits, Erdmuthe Krause. Letztere lebte ihre ganze Jugend mitten im alten guten Weimar, nicht ohne Zusammenhang mit dem goetheschen Kreise.« (An Brandes, im selben Jahr heißt es, stilisierender, bereits kurzweg: meine Großmutter gehörte zu dem Schiller-Goetheschen Kreise Weimars.)

»Ihr Bruder . . wurde nach Herders Tode als Generalsuperintendent nach Weimar berufen. Es ist nicht unmöglich, daß ihre Mutter, meine Urgroßmutter, unter dem Namen ,Muthgen‘ im Tagebuch des jungen Goethe vorkommt. Sie verheiratete sich . . mit dem Superintendenten Nietzsche in Eilenburg; an dem Tage des großen Kriegsjahres 1813, wo Napoleon mit seinem Generalstabe in Eilenburg einzog, am 10. Oktober, hatte sie ihre Niederkunft.«

(Man bemerkt hier eins der zahllosen Beispiele für ahnensüchtige Datierungen und geheimnisvoll weissagendes Zusammentreffen von Daten der großen Historie mit persönlichen oder familiengeschichtlichen.) »Sie war, als Sächsin, eine große Verehrerin Napoleons; es könnte sein, daß ich’s auch noch bin.« Womöglich noch eigentümlicher und bezeichnender für die Pietät vor familienhaft überlieferten Wertungen und Schätzungen ist Nietzsches Festhalten an gewissen dynastischen Respekten; mit fast naiv anmutender Genugtuung berichtet er von der Tätigkeit seines Vaters als Prinzessinnenerzieher. Er erwähnt die »tiefe Pietät« des Vaters für Friedrich Wilhelm IV.: »die Ereignisse von 1848 betrübten ihn über die Maßen«. Er selbst, am Geburtstage des genannten Königs geboren, am 15. Oktober, erhielt, »wie billig«, die Hohenzollernnamen Friedrich Wilhelm. Man liest wie einen rührenden Anachronismus gegen die eigene Geschichte Nietzsches das kleine Geständnis im Ecce homo — so seltsam im Munde des Zarathustra Dichters, denn »was liegt noch an Königen«? —, daß Ort und Landschaft von Portofino durch die große Liebe, welche Kaiser Friedrich III. für sie fühlte, seinem Herzen noch näher gerückt seien; »ich war zufällig im Herbst 1886 wieder an dieser Küste, als er zum letzten Mal diese kleine vergeßne Welt von Glück besuchte«. Und man erinnert sich angesichts dieser so lange bewahrten Gefühlsreste ererbter legitimistischer Pietät jenes uns überlieferten mündlichen Bekenntnisses des geistigen Revolutionärs Nietzsche, daß ihm im letzten Grunde »alles Illegitime eigentlich entsetzlich« sei. Legitimität — welch wunderlicher Klang im Munde des Umwerters! Und doch nicht wunderlich — denn sie ist ja ein Siegel, eine Bürgschaft aller Kontinuität und Dauer. Tatsächlich ist Nietzsche ein Verehrer und Verfechter der Legitimität in ihrem intensivsten und Ursprünge lichsten Sinne: im Sinne der Familie, des Blutes, der Ahnenkette, ja der bewußt verengten und verengenden Tradition, wo sie durch Einseitigkeit aus Kraft steigernd, züchtend, vorbereitend wirkt. Nur im Vordergrund erscheint es seltsam, Nietzsche den Ahnenstolz rechtfertigen zu hören, ihn, der den »neuen Adel« predigt. Aber ist nicht Ahnenstolz auch Ahnenverantwortung? Und was klänge nietzschischer, als das Wort »Verantwortung«? Eine frühe Stelle schon betont solche Ahnenverantwortung. »Auf eine ununterbrochene Reihe guter Ahnen bis zum Vater herauf darf man mit Recht stolz sein . . Die Herkunft von guten Ahnen macht den echten Geburtsadel aus; eine einzige Unterbrechung in jener Kette, ein böser Vorfahr also, hebt den Geburtsadel auf« (Menschliches). Das ist bereits ungemein nietzschisch: die Kostbarkeit, die relative Seltenheit des guten Erbes liegt eben in dieser Vorbedingung einer nicht unterbrochenen Kette, einer gleichmäßigen Anhäufung des Erbes durch Generationen. »Ein böser Vorfahr hebt den Geburtsadel auf« — so streng hat vielleicht noch niemand den Begriff des Geburtsadels zu nehmen gewagt. Aber Dauer, das ist: nie unterbrochene Überlieferung, ist eben auch hier für Nietzsche ein Wert ersten Ranges. Wille zur Macht formuliert, unbedingter, geradezu: »Es gibt nur Geburtsadel, nur Geblütsadel. (Ich rede hier nicht vom Wörtchen ,von‘ aus dem Gothaischen Kalender: Einschaltung für Esel.) Wo von »Aristokraten des Geistes geredet wird, da fehlt es zumeist nicht an Gründen, etwas zu verheimlichen; es ist bekanntermaßen ein Leibwort unter ehrgeizigen Juden. Geist allein nämlich adelt nicht, vielmehr bedarf es etwas, das den Geist adelt. Wessen bedarf es denn dazu? Des Geblüts.« Solch geistiges Geblüt aber entsteht nur durch ununterbrochene, lange fortgesetzte Züchtung: »Es ist kein Zweifel: wenn eine Art Mensch ganze Geschlechter hindurch als Lehrer, Ärzte, Seelsorger und Vorbilder gelebt hat, ohne beständig nach Geld oder Ehren oder Stellungen auszublicken: so entsteht endlich ein höherer, feinerer und geistigerer Typus. Insofern ist der Priester, vorausgesetzt, daß er sich durch kräftige Weiber fortpflanzt, eine Art der Vorbereitung für die einstmal ge Entstehung höherer Menschen« (Nachlaß zur Umwertung). Denn, in der Formulierung des Jenseits, es ist aus der Seele eines Menschen nicht wegzuwischen, was seine Vorfahren am liebsten und beständigsten getan haben: »Der Krämer Nachkommen sind unanständig« (Nachlaß zum Zarathustra). »Geht in den Fußstapfen, wo schon eurer Väter Tugend ging,« rät Zarathustra den höheren Menschen; »wie wolltet ihr hochsteigen, wenn nicht eurer Väter Wille mit euch steigt? Wer aber Erstling sein will, sehe zu, daß er nicht auch Letztling werde! Und wo die Laster eurer Väter sind, darin sollt ihr nicht Heilige bedeuten wollen!«

Deutlich schimmert ein Autobiographisches, eine Analyse und Wertung des eigenen Typus, der eigenen Ahnengeschichte in solchen Stellen durch. Der Antichrist, der sich selbst als »Nachkommen ganzer Geschlechter von christlichen Geistlichen« empfand, sieht bedeutsam genug im Lehrer, Seelsorger, Priester als Kaste eine Art der Vorbereitung für Zarathustras künftige höhere Menschen. Ja, sich selber, den höheren Menschen in sich, dankt er diesem ganze Geschlechter hindurch gehäuften Ahnenschatze: »Mir fiel ein, lieber Freund«, schreibt er noch 81 an Gast, »daß Ihnen an meinem Buche (Morgenröte) die beständige innerliche Auseinandersetzung mit dem Christenturne fremd, ja peinlich sein muß: es ist aber doch das beste Stück idealen Lebens, welches ich kennen gelernt habe; von Kindesbeinen an bin ich ihm nachgegangen, in viele Winkel, und ich glaube, ich bin nie in meinem Herzen gegen dasselbe gemein gewesen. Zuletzt bin ich der Nachkomme ganzer Geschlechter von christlichen Geistlichen — vergeben Sie mir diese Beschränktheit!« Eine Ahnenpietät, die noch Zarathustra mit ihm teilt:

»Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir still an ihnen vorüber und mit schlafendem Schwerte . . mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch noch in dem ihren geehrt wissen.«

Auch Zarathustra ist Erbe, und mehr Erbe als Zarathustra selber weiß: Brücke nach rückwärts vielleicht mehr noch als Brücke ins Kinderland. Wie ja auch in den unerhörtesten Worten seiner Prophetenspräche gerade ein uralt gesammeltes, alttestamentlich überkommenes Priestererbe erneuert zum letzten Male aufglüht — und sich in spätem Rausch verschwendet. Aber alle Menschen des Wortes, alle Propheten und alle Künstler, »insgleichen die Redner, Prediger, Schriftsteiler«, sind für Nietzsche Erben; Erben und aufgehäuftes Erbteil zugleich: »alles Menschen«, wie die Fröhliche Wissenschaft sagt, »welche immer am Ende einer langen Kette kommen, Spätgeborene jedesmal . . und ihrem Wesen nach Verschwender . .«; sie verschwenden den in ganzen Rassen und Geschlechterketten langsam gesammelten Überschuß in der Kraft und Kunst der Mitteilung, »ein Vermögen, das sich allmählich aufgehäuft hat und nun eines Erben wartet, der es verschwenderisch ausgibt.« »Große Männer«, nimmt noch die Götzendämmerung diesen Gedanken wieder auf, »sind wie Explosivstoffe, in denen eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist. Ihre Voraussetzung ist immer, historisch und physiologisch, daß lange auf sic hin gesammelt, gehäuft, gespart und bewahrt worden ist — daß lange keine Explosion stattfand.« Verschwenden können, vielmehr verschwenden müssen macht somit das Glück des Erben aus, seine »schenkende Tugend«. Und auch seine Gefahr, insofern er in jedem Sinne leicht das Ende der Reihe bleibt, an einen Abgrund gerät, über den keine Brücke mehr ins Künftige führt, es sei denn die des Wunsches und Wahns. Vom innerlich gehäuften Erbe gesprengt zu werden, für eine weitere Reihe unfruchtbar gemacht zu werden, so daß das jüngste und reichste Glied der Geisterkette auch das letzte wird — das ist immer die eine nahe »Gefahr des Erben«.

»Die Gefahr, die in großen Menschen und Zeiten liegt, ist außerordentlich«, heißt es in der Götzendämmerung; »die Erschöpfung jeder Art, die Sterilität folgt ihnen auf dem Fuße. Der große Mensch ist ein Ende.. Das Genie — in Werk, in Tat — ist notwendig ein Verschwender: daß es sich ausgibt, das ist seine Größe«.

Die andere, moderne und untragischere, aber fast noch nähere Erbgefahr jedoch ist für Nietzsche die Möglichkeit, ja die anwachsende Wahrscheinlichkeit, der Kreuzungspunkt zweier einander widerstreitender, innerlich unverschmelzbarer langer Erbketten zu sein, in den problematischen Wirbel einer jähen Mischung zu geraten, deren beide Komponenten in ihrer Art gleich stark sind. Es ist die spezifisch moderne Gefahr des Erben, und Nietzsches Analyse ist auch hier nur im Vordergründe unbeteiligt und erkenntniskühl. Mischung — das heißt der Mangel eines lenkenden und bestimmenden Erbes und Generationswillens, im biologischen und natürlich auch im geistigen Sinne — ist das moderne Verhängnis. »Der moderne Mensch stellt biologisch einen Widerspruch der Werte dar, er sitzt zwischen zwei Stühlen. Er sagt in einem Atem ja und nein . . Wir alle haben wider Wissen, wider Willen Werte, Worte, Formeln, Moralen entgegengesetzter Abkunft im Leibe, — wir sind, physiologisch betrachtet, falsch« (Fall Wagner). Mischung aus widersprechenden Werten, in solchem Sinne, ist die Ursache, »weshalb alles Schauspielerei wird — dem modernen Menschen fehlt: der sichere Instinkt (Folge einer langen gleichartigen Tätigkeitsform einer Art Mensch); die Unfähigkeit, etwas Vollkommenes zu leisten, ist bloß die Folge davon« (Wille zur Macht). Denn »auch der Begabteste bringt es nur zu einem fortwährenden Experimentieren, wenn der Faden der Entwicklung einmal abgerissen ist« (Menschliches). Das verräterische Kennzeichen aber solch innerer zwiespältiger Herkunft, solchen Kampfs heterogener langer Tätigkeitsformen (sei es innerhalb eines Individuums, einer Klasse, einer Kulturgeneration), und folglich das Stigma der Modernität, das ist die Skepsis. »Skepsis«, formuliert Nietzsche im »Jenseits«, »ist der geistigste Ausdruck einer gewissen vielfachen physiologischen Beschaffenheit . . sie entsteht jedesmal, wenn sich in entscheidender und plötzlicherWeise lang voneinander abgetrennte Rassen oder Stände kreuzen. In dem neuen Geschlechte, das gleichsam verschiedene Maße und Werte ins Blut vererbt bekommt, ist alles Unruhe, Störung, Zweifel, Versuch; die besten Kräfte wirken hemmend, die Tugenden selbst lassen einander nicht wachsen und stark werden. In Leib und Seele fehlt Gleichgewicht, Schwergewicht, perpendikuläre Sicherheit. Was aber in solchen Mischlingen am tiefsten krank wird und entartet, das ist der Wille . .«

Tief autobiographisch auch das: kein Zweifel, Nietzsche redet auch hier von sich, von einer überwundenen Gefahr, überwunden dank dem Triumph einer Selbsterziehung zum langen Willen. Er empfindet die eigene innere und gefahrvolle Problematik bedingt durch das Zusammentreffen einmal der langen Ahnenreihe, des Erbgutes ganzer Geschlechter von christlichen Geistlichen und dann des Faktors einer jähen Mischung, die irgendwie, wenn auch nicht in dem von ihm angenommenen grelleren Sinne eines plötzlichen Atavismus auf das polnische Bluterbe, hinzugekommen ist. (Man denkt an jenes »Versöhnen zwischen Kontrasten«, an die elterlichen Gegenbilder des Ecce homo; und erinnert sich auch der breiten, immer noch wirksamen slawischen Grundschicht in der biologischen und geistigen Zusammensetzung gerade des obersächsischen Stammes und seines besonderen Wesens — eine Tatsache, welche die polnische Hypothese noch entbehrlicher macht, sogar zur Erklärung des Familiennamens, und die gleichwohl fast die nämlichen Vermutungen und Folgerungen gestattet, die Nietzsche aus seiner genealogischen Legende zog.) In ihm ist das »Gute« der lange gesammelten Erbschaft, die seine mächtig aufbauenden und dankbar erhaltenden Kräfte speist, verhängnisvoll gemischt mit der Skepsis, dem Zwielicht alles Erlebens und der schweren Erschütterung des Instinktwillens, die Nietzsche in sich selbst beobachtete und bekämpfte. Der in aller Geistesgeschichte unerhörte Wechsel seiner geistigen und seelischen Haltung vor doch immer den wandellos selben, fast erinnyenhaft ihn bedrängenden Problemen (». . nichts um mich als meine alten Probleme, die alten rabenschwarzen Probleme« 1886), er ist ein vereinfachtes Sinnbild dieser bis in die Ahnenwurzeln seines Wesens hinabreichenden Zwiespältigkeit und Mischung aus starrster glaubenswilliger Treue und reizbar mißtrauischer Skepsis. Er selbst ist, und noch vor sich selber, die typische Kreuzungs- und Grenzfigur, und jene Gefahren sind die seinen. Es ist von tieferer als nur zufälliger Sinnbildlichkeit, wenn Nietzsche den Ahnherrn seines ZarathustraTchs, den frühhellenischen Propheten»’Philosophen Empedokles (dem er, gleich Hölderlin, eine Tragödie zu weihen gedachte), wenn er diesen neben Heraklit frühessten geistigen Ahnen seiner selbst nicht nur als den großen Alliebenden, hölderlinisch einheitlich, faßt, sondern ihn zugleich auch (in seiner Vorlesung über die vorplatonischen Philosophen) als typische Grenzfigur charakterisiert, eindringlich selbstbildhaft: »Er schwebt zwischen Arzt und Zauberer, zwischen Dichter und Rhetor, zwischen Gott und Mensch, zwischen Wissenschaftsmensch und Künstler, zwischen Staatsmann und Priester, zwischen Pythagoras und Demo« krit . .« In ihm ringen zwei Zeitalter: das Zeitalter des Mythos, der Tragödie, des Orgiasmus, und das des demokratischen Staatsmannes, Redners, Aufklärers, Allegorikers, des wissenschaftlichen Menschen. Er ist, wie Nietzsche an anderer Stelle sagt, eine Doppelnatur — er vereinigt das Agonale, Kämpferische und das Liebende. Das bewußte Erlebnis solchen empedokleischen Zwiespalts wird Nietzsche geradezu eine Methode seines Denkens: Darwins Gesetz des Atavismus, des namentlich geistigen Rückschlags auf Ahnenstufen und die Folgen der Kreuzung solcher Atavismen, die Deutung des individuellen Wesens oder Faktums aus seiner Ahnenschaft, die Analyse des Erben, — das dient Nietzsches physiologischer Forschung als wertvollstes heuristisches Prinzip. (Wie bezeichnend ist nicht schon der Titel der Genealogie der Moral! Wie einseitigeigensinnig die Methode dieses Buches, oder etwa des Kapitels »Was ist vornehm?« in Jenseits von Gut und Böse! Welche genealogische Spürlust und kombinatorische Skepsis bei der Aufstellung der Ahnentafel für Tugenden und Wertschätzungen!) Ja, er verwertet dies Mittel zum Durchschauen und Aufspüren gelegentlich so bedenkenlos, so leidenschaftlich interpretierend, wie es nur mit einer Methode geschieht, die zugleich Erlebnis ist. Die Fröhliche Wissenschaft bietet vielleicht die meisten Zeugnisse dieser methodischen Leidenschaft, dieses Erspahens der »verborgenen Gärten in uns«. »Manchen Zeitaltern scheint dies oder jenes . . ganz zu fehlen, wie manchen Menschen: aber man warte nur bis auf die Enkel und Enkelskinder, wenn man Zeit hat zu warten, — sie bringen das Innere ihrer Großväter an die Sonne, jenes Innere, von dem die Großväter selbst noch nichts wußten. Oft ist schon der Sohn der Verräter seines Vaters: dieser versteht sich selber besser, seit er seinen Sohn hat. Wir haben alle verborgene Gärten und Pflanzungen in uns; und . . wir sind alle wachsende Vulkane, die ihre Stunde der Eruption haben werden . .« Das typische durchgeführte Beispiel solcher Methodik zeigt etwa der Abschnitt desselben Buches »Von der Herkunft der Gelehrten«. Die genealogischen Schichten des gegenwärtigen europäischen Gelehrtenstandes werden hier, ganz in der positivistischen Art des »diesseitigen« mittleren Nietzsche, gleichsam im Schema verdeutlicht. Der Gelehrte wachse in Europa aus aller Art Stand und gesellschaftlicher Bedingung heraus, als eine Pflanze, die keines spezifischen Erdreichs bedürfe: darum gehöre er wesentlich und unfreiwillig zu den Trägem des demokratischen Gedankens. Aber diese Herkunft verrät sich. »Fast immer wird man hinter der intellektuellen Idiosynkrasie des Gelehrten — jeder Gelehrte hat eine solche — die Vorgeschichte des Gelehrten, seine Familie, insonderheit deren Berufsarten und Handwerke zu Gesicht bekommen. Wo das Gefühl zum Ausdruck kommt, ,das ist nunmehr bewiesen, hiermit bin ich fertig, da ist es gemeinhin der Vorfahr im Blute und Instinkte des Gelehrten, welcher von seinem Gesichtswinkel aus die gemachte Arbeit gutheißt, — der Glaube an den Beweis ist nur ein Symptom davon, was in einem arbeitsamen Geschlechte von alters her als

»gute Arbeit angesehn worden ist. Ein Beispiel: die Söhne von Registratoren und Bureauschreibern jeder Art, deren Hauptaufgabe immer war, ein vielfältiges Material zu ordnen, in Schubfächer zu verteilen, überhaupt zu schematisieren, zeigen, falls sie Gelehrte werden, eine Vorliebe dafür, ein Problem beinahe damit für gelöst zu halten, daß sie es schematisiert haben . . . ihnen ist das Formale des väterlichen Handwerks zum Inhalte geworden. Das Talent zu Klassifikationen, zu Kategorientafeln verrät etwas; man ist nicht ungestraft das Kind seiner Eltern. Der Sohn eines Advokaten wird auch als Forscher ein Advokat sein müssen: er will mit seiner Sache in erster Hinsicht recht behalten, in zweiter vielleicht recht haben. Die Söhne von protestantischen Geistlichen und Schullehrern erkennt man an der naiven Sicherheit, mit der sie als Gelehrte ihre Sache schon als bewiesen nehmen, wenn sie von ihnen eben erst nur herzhaft und mit Wärme vorgebracht worden ist: sie sind eben gründlich daran gewöhnt, daß man ihnen glaubt, — das gehörte bei ihren Vätern zum Handwerk! Ein Jude umgekehrt ist, gemäß dem Geschäftskreis und der Vergangenheit seines Volks, gerade daran — daß man ihm glaubt — am wenigsten gewöhnt; man sehe sich darauf die jüdischen Gelehrten an — sie alle halten große Stücke auf die Logik, das heißt auf das Erzwingen der Zustimmung durch Gründe . . selbst wo Rassen- und Klassenwiderwille gegen sie vorhanden ist, wo man ihnen ungern glaubt.«

Und fast bis zur Parodie geht die Anwendung dieser biologischen Deutungsmethode etwa bei der Analyse der darwinistischen Dogmatik:

»Daß unsere modernen Naturwissenschaften sich dermaßen mit dem spinozistischen Dogma (vom sogenannten Selbsterhaltungstrieb) verwickelt haben (zuletzt noch und am gröbsten im Darwinismus mit seiner unbegreiflich einseitigen Lehre vom Kampf ums Dasein —), das liegt wahrscheinlich an der Herkunft der meisten Naturforscher: sie gehören in dieser Hinsicht zum ,Volk‘. Ihre Vorfahren waren arme und geringe Leute, welche die Schwierigkeit, sich durchzubringen, allzusehr aus der Nähe kannten. Um den ganzen englischen Darwinismus herum haucht etwas wie englische Übervölkerungsstickluft, wie Kleiner Leute  Geruch von Not und Enge. Aber man sollte, als Naturforscher, aus seinem menschlichen Winkel herauskommen: und in der Natur herrscht nicht die Notlage, sondern der Überfluß, die Verschwendung sogar bis ins Unsinnige.«

Im Typus der deutschen Gelehrten spricht ihm ein ähnliches atavistisches Gesetz:

»Die deutschen Gelehrten, welche den historischen Sinn erfunden haben, verraten samt und sonders, daß sie aus keiner herrschenden Kaste stammen; sie sind als Erkennende zudringlich und ohne Scham« (Nachlaß zur Umwertung).

Doch sieht Nietzsche sein Gesetz der Herkunft natürlich nicht etwa überwiegend im Kleinlich-Negativen tätig: gerade das kostbar Seltene gilt es ja als Erbgut nachzuweisen; und so ist ihm das Kostbarste, der bedeutende Mensch, geradezu selber ein Atavismus — wie man sieht, eine nahezu romantischreaktionäre Ideenfolge. Die seltenen Menschen einer Zeit versteht er (in der Fröhlichen Wissenschaft) »am liebsten als plötzlich auftauchende Nachschößlinge vergangener Kuh turen und deren Kräften: gleichsam als den Atavismus eines Volks und seiner Gesittung . . Jetzt erscheinen sie fremd, selten, außerordentlich: und wer diese Kräfte in sich fühlt, hat sie gegen eine widerstrebende andere Welt zu pflegen, zu verteidigen, zu ehren, großzuziehn: und so wird er damit entweder ein großer Mensch, oder ein verrückter und absonderlicher; sofern er überhaupt nicht beizeiten zugrunde geht . . Die erhaltenden Geschlechter und Kasten eines Volks« — fährt Nietzsche weiterhin bezeichnend und auch hier latent autobiographisch fort — »sind es vornehmlich, in denen solche Nachschläge alter Triebe Vorkommen, während keine Wahrscheinlichkeit für solchen Atavismus ist, wo Rassen, Gewohnheiten, Wertschätzungen zu rasch wechseln.«

Die Mission der erhaltenden Geschlechter und Kasten ist damit im extrem aristokratischen Sinne — gewissermaßen dem eines Adels im zweiten Grade — festgelegt: sie sollen nicht etwa nur einen wertvollen Typus gleichmäßig konservieren, sie sollen vielmehr gerade die Möglichkeit des seltenen Menschen bewahren, des nach rückwärts aus der Art schlagenden Menschen sehr alten Kulturerbes und längster biologischer Erinnerung; sie sollen solche Rück- und Nachschläge uralt kostbarer Triebe und Antriebe weiterhin ermöglichen, innerhalb einer immer rapideren demokratischen Mischung von Rassen, Gewöhnheiten und Wertschätzungen. Der atavistische Mensch ist somit, in konsequenter Durchführung dieser Lieblingsidee, geradezu auf die oberste Stufe der biologischen Wertordnung vorgerückt. Denn ein Geschlecht, eine Kaste, eine Rasse kann — so sagt es ein Nachlaßfragment — »wie sonst irgendein organisches Gebilde nur wachsen oder zugrunde gehen; es gibt keinen Stillstand. Eine Rasse, die nicht zugrunde gegangen ist, ist eine Rasse, die in einemfort gewachsen ist. Wachsen heißt vollkommen werden. Die Dauer im Dasein einer Rasse entscheidet mit Notwendigkeit über die Höhe ihrer Entwicklung: die älteste muß die höchste sein«. Deshalb sind die seltenen Menschen immer die Menschen des inneren längsten Gedächtnisses. Deswegen sind ihm die Juden »im unsicheren Europa die stärkste Rasse: denn sie sind dem Rest durch die Länge ihrer Entwicklung überlegen«; darum ist »Jud beinahe eine Formel für Überlegenheit«. Daß die großen Menschen »über ihre Zeit Herr werden, liegt nur darin, daß sie stärker, daß sie älter sind«, sagt die Götzendämmerung; »zwischen einem Genie und seiner Zeit besteht ein Verhältnis wie zwischen . . alt und jung: die Zeit ist relativ immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer«. Deshalb, »weil Napoleon anders war, Erbe einer stärkeren, längeren, älteren Zivilisation als die, welche in Frankreich in Dampf und Stücke ging, wurde er hier Herr, war er allein hier Herr«. Der atavistische Mensch ist notwendig Herr, ist notwendig selbst Cäsar — das ist die äußerste Konsequenz dieser Theorie vom Primat des biologischen Gedächtnisses. Und gleich folgerichtig nimmt innerhalb dieser höchsten Kaste der Seltenen, der papabili ihrer Zeit wiederum für Nietzsche der Philosoph den vornehmsten, den eigentlich cäsarischen Rang ein, als der Mensch des umfänglichsten Gedächtnisses (Gedächtnisses in Blut und Geist), als abgekürzte Chronik und lebendige Selbsterinnerung der Menschheit. Aus dem erlebten Wissen um die stolze Erbarmungslosigkeit aller ererbten inneren Rangordnung heraus schließt kategorisch der Abschnitt »Wir Gelehrten« des Jenseits:

»Für jede hohe Welt muß man geboren sein; deutlicher gesagt, man muß für sie gezüchtet sein: ein Recht auf Philosophie — das Wort im großen Sinne genommen — hat man nur dank seiner Abkunft, die Vorfahren, das ,Geblüt´ entscheidet auch hier. Viele Geschlechter müssen der Entstehung der Philosophen vorgearbeitet haben. Jede seiner Tugenden muß einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt worden sein, und nicht nur der kühne, leichte, zarte Gang und Lauf seiner Gedanken, sondern vor allem die Bereitwilligkeit zu großen Verantwortungen, die Hoheit herrschender Blicke und Niederblicke . . die Lust und Übung in der großen Gerechtigkeit . .«

Jenseits der bloßen Blut- und Züchtungsvoraussetzungen wird dann der Ahnengedanke ins immer Geistigere hinaufgesteigert, die stolze Dankbarkeit für ein auszeichnendes Vätererbe des Bluts zuletzt zum Bewußtsein einer mystischen Ahnenreihe aus Geisterblut großartig verwandelt:

»Mein Stolz ist: ich habe eine Herkunft«

— lautet es in einigen kritischen persönlichen Bemerkungen der Zarathustrajahre —

»deshalb brauche ich den Ruhm nicht. In dem, was Zarathustra, Moses, Muhammed, Jesus, Plato, Brutus, Spinoza, Mirabeau bewegte, lebe ich auch schon, und in manchen Dingen kommt in mir erst reif ans Tageslicht, was embryonisch ein paar Jahrtausende brauchte. Wir sind die ersten Aristokraten in der Geschichte des Geistes — der historische Sinn beginnt erst jetzt.«

Und weiterhin, in Abwandlung dieses Gedankens der geistigen Ahnentafel, mit Enkelstolz:

»Wenn ich von Plato, Pascal, Spinoza und Goethe rede, so weiß ich, daß ihr Blut in dem meinen rollt — ich bin stolz, wenn ich von ihnen die Wahrheit sage — die Familie ist gut genug, daß sie nicht nötig hat zu dichten oder zu verhehlen: und so stehe ich zu allem Geeesenen, ich bin stolz auf die Menschlichkeit und stolz gerade in der unbedingten Wahrhaftigkeit.«

Endlich ganz zusammengedrängt noch eine letzte Ahnenreihe aus der Entstehungszeit des Zarathustra:

»Meine Vorfahren Heraklit, Empedokles, Spinoza, Goethe.«

Es ist die echteste, die älteste, die vornehmste Ahnenreihe der Welt, welche auf Zarathustra hinzielt, und über ihn hinweg gegen das Enkelsternbild des Übermenschen weitergeht. Ihr Zusammenhang ist enger, älter, geheimnisvoller als der irgendeiner Ahnenlinie des Blutes. Denn der groß zusammenschauende, weltbindende, philosophischreligiöse Künstlergeist — den jene letzten großen Vier vielleicht am reinsten versinnbildlichen —, er ist auf Erden die mächtigste Form, in welcher das Gesetz des Atavismus, der geheimen Urenkelschaft sich manifestiert; ja geradezu die Form einer heraklitischen Wiederkehr des Gleichen in der geistigen Sphäre, einer platonischen Erinnerung des uralt einst Angeschauten. So sagt es das Jenseits: die verschiedenen Philosophen »laufen unter einem unsichtbaren Banne immer von neuem noch einmal dieselbe Kreisbahn: sie mögen sich noch so unabhängig voneinander mit ihrem kritischen oder systematischen Willen fühlen, irgend etwas in ihnen führt sie, irgend etwas treibt sie in bestimmter Ordnung hintereinander her . . Ihr Denken ist in der Tat viel weniger ein Entdecken als ein Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen uralten Gesamthaushalt der Seele . . Philosophieren ist insofern eine Art von Atavismus höchsten Ranges«. Und vom Künstler gilt, in minder platonischem Zusammenhang, ein ähnliches Gesetz; man wird ihn, sagt das Menschliche, bald

»als ein herrliches Überbleibsel ansehen und ihm, wie einem wunderbaren Fremden, an dessen Kraft und Schönheit das Glück früherer Zeiten hing, Ehren erweisen, wie wir sie nicht leicht unseresgleichen gönnen. Das Beste an uns ist vielleicht aus Empfindungen früherer Zeiten vererbt, zu denen wir jetzt auf unmittelbarem Wege kaum mehr kommen können . .«

Wie stark und vor allem wie umfänglich die Idee des Atavismus Nietzsche beherrscht, dafür zeugen fast noch deutlicher die kleinen verräterischen Neigungen seines assoziativen Denkens. Ein seltsames Bedürfnis nach Symbolen eines geistigen Ahnenzusammenhanges, nach mystischen Vordeutungen und Vorbedeutungen seines eigenen Schicksals, nach legitimierender Einordnung in ein großes Fatum, nach verborgenen Götterwinken und Prophezeiungen auf ihn selber wurzelt tief, fast antik zu nennen, in seinem Wesen. Viele Stellen seiner Werke und Briefe reden geradezu beglückt von solchen Fragmenten einer vorindividuellen Biographie, von orakelhaften Hinweisen und orakelerfüllenden Zufällen. Humanistisches wie theologisches Geisteserbe offenbart sich in dieser Vorliebe: wie man auf alten Glasgemälden und Altartafeln wohl typologische Gegenüberstellungen vordeutender Szenen des Alten Testaments, erfüllender des Neuen sieht, wie die Predigt noch heute solche Parallelthematik liebt, so überträgt der Enkel ganzer Geschlechter von christlichen Geistlichen diese christlich mythologische Predigt und Anschauungstechnik unbewußt auf den Text des eigenen Lebens, bis er ihn, im Ecce homo, wirklich bewußt als Legende behandelt und hintergründlich vertieft. Kein Predigereifer kann passionierter nach exegetischen Gedankenverbindungen dieser Art suchen, als Nietzsche nach solchen, oft miniaturhaft winzigen Assoziationen und Datenverbindungen Ausschau hält, die ihn, zuweilen beinahe strindbergisch, in ganz besonderer Weise mit »Machten« verknüpft, sein Geschick von Mächten durchwaltet erscheinen lassen. Es ist wohl die seltsamste Seite von Nietzsches Ahnenkult, dies Streben nach Selbsteinordnung in eine mystische Tradition. »Ich bin auf dem Schlachtfelde von Lützen geboren. Der erste Name, den ich hörte, war der Gustav Adolfs« (an Brandes 1888). Sein Vater wird 1813 geboren am selben Tag, wo Napoleon in die kleine sächsische Landstadt einzieht, in welcher der Großvater als Superintendent lebt. Nietzsche verschmäht es nicht, in seiner kleinen Vita für Brandes anzumerken, sein Pulsschlag sei so langsam gewesen, wie der des ersten Napoleon: gleich sechzig. (Wie er denn sogar in den »physiologischen Niederträchtigkeiten« seiner Krankheitsanfälle »eine Abundanz von Symbolik und Sinn empfindet«.) Die Urgroßmutter kommt in Goethes Jugendtagebuch vor. Ins Buch der Universität Leipzig trägt er sich 1865 zufällig gerade an dem Tage ein, an dem vor hundert Jahren Goethe sich in das Album eingezeichnet hatte; und der dreiundzwanzigjährige Student schreibt noch zwei Jahre später:

»Ich kann nicht sagen, wie erfrischend dieses zufällige Ereignis auf mich wirkte; sicherlich war es ein gutes Omen für meine Leipziger Jahre, und die Zukunft hat dafür gesorgt, daß es mit Recht ein gutes Omen heißen konnte.«

Die in jedem Sinne entscheidende erste Begegnung mit Schopenhauers Hauptwerk vollzieht sich nicht ohne dämonische Überschattung; in einem Leipziger Antiquariat findet er das ihm völlig fremde Buch:

»Ich weiß nicht, welcher Dämon mir zuflüsterte: nimm dir dies Buch mit nach Hause. Es geschah jedenfalls wider meine sonstige Gewohnheit, Büchereinkäufe nicht zu überschleunigen.«

Das schreibt schon der Leipziger Student. In derselben Zeit heißt es an Rohde:

»Wie sehr wir beide wirklich dieselbe Straße ziehn, ist mir wieder an einem wirklich amüsanten Synchronismus klar geworden; wir trieben nämlich genau zur selben Zeit Romantik und sogen mit gieriger Nase anheimelnde und verwandte Düfte, ohn daß der eine von des andern immerhin abnormer Beschäftigung wußte«

(abnorm — denn man schrieb 1868). »So etwas Zufall zu nennen, wäre Sünde wider den heiligen Geist Schopenhauers.« Nach dem Erscheinen der Geburt der Tragödie: »Die erste Anzeige meines Buches ist auch erschienen und sehr gut ausgefallen — aber wo? In der italienischen Rivista Europeal Das ist hübsch und symbolisch!« Das Wagnererlebnis scheint dem späten Nietzsche besonders reich an solchen vordeutenden Fügungen. Als der Basler Jünger zum erstenmal nach Tribschen kommt und vor dem Eintritt in das Landhaus lange draußen stillsteht, hört er von drinnen einen immer wiederholten schmerzlichen Akkord: es war, wie Nietzsche später entdeckt, die Stelle aus dem dritten Akt des Siegfried: »Verwundet hat mich, der mich erweckt.« »Durch ein Wunder von Sinn im Zufall« kommt gleichzeitig mit der Übersendung des voltairischen Menschlichen Allzumenschlichen an Wagner bei Nietzsche ein schönes Exemplar des Parsifaltextes an .  »seinem teuren Freunde Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Kirchenrat«. Diese Kreuzung der zwei Bücher — ihm ist es, als ob er einen ominösen Ton dabei hörte. »Klang es nicht, als ob sich Degen kreuzten? Jedenfalls empfanden wir es beide so, denn wir schwiegen beide.« Die Schlußpartie des Zarathustra wird »genau in der heiligen Stunde fertig gemacht, in der Richard Wagner in Venedig starb . .« Unüberhörbar sind die Obertöne der schicksalhaften Verbundenheit mit Wagner noch in den wenigen Zeilen gleich nach dem Empfang der Todesnachricht, an Gast: »Soeben kommt die Nachricht seines Todes aus Genua. Ich bin heute ohne allen Grund hierher gereist und kaufte eben, wider meine Gewohnheit, die eben erschienene Abendnummer des Caffaro. Mein erster Blick fällt auf das Telegramm aus Venedig.« Das Erdbebenschicksal Ischias erschüttert ihn auf eine ganz besondere »eigene schauerliche Weise: diese Insel lag mir so in den Sinnen: wenn Sie Zarathustra II zu Ende gelesen haben werden, wird dies Ihnen deutlich sein, wo ich meine glückseligen Inseln suchte. ,Cupido mit den Mädchen tanzend ist nur in Ischia sofort verständlich . . Kaum bin ich mit meiner Dichtung fertig, bricht die Insel in sich zusammen.« Und ganz im Banne dieser mystischen Zusammenhänge fügt er unmittelbar an: »Sie wissen, daß in der Stunde, in der ich den ersten Zarathustra im Druckmanuskript vollendete, Wagner gestorben ist. Diesmal bekam ich in der entsprechenden Stunde Nachrichten, die mich so empörten, daß es wahrscheinlich in diesem Herbst ein Pistolenduell gibt« (1883 an Gast). In den letzten Briefen aus der euphorischen Jahreswende um Weihnachten 1888 steigert sich dieser Mystizismus: »Es gibt keine Zufälle mehr: wenn ich an jemand denke, tritt ein Brief von ihm höflich zur Tür herein . .« »Es gibt jetzt in meinem Leben Curiosa von Sinn im Zufall, die nicht ihresgleichen haben . .«

Nicht anders sieht Nietzsche auch die Orte und Aufenthalte seiner Wahl — seine »Residenzen« — mit Vorliebe ahnenhaft überschattet; ja, er trifft seine Wahl gelegentlich geradezu aus dem Bedürfnis nach solchen bedeutsamen und bestärkenden Reminiszenzen. In Rom verprießt ihn dieser für den Dichter des Zarathustra unanständigste Ort der Erde über die Maßen: »Ich versuchte loszukommen,ich wollte nach Aquila, dem Gegenbegriff von Rom, aus Feindschaft gegen Rom gegründet, wie ich einen Ort dereinst gründen werde, die Erinnerung an einen Atheisten und Kirchenfeind comme il faut, an einen meiner Nächstverwandten, den großen Hohenstaufenkaiser Friedrich den Zweiten. Aber es war ein Verhängnis bei dem allen: ich mußte wieder zurück. Zuletzt gab ich mich mit der Piazza Barberini zufrieden, nachdem mich meine Mühe um eine antichristliche Gegend müde gemacht hatte.« »Ich bin also wieder in meiner guten Stadt Turin, dieser Stadt, welche auch Gobineau so sehr geliebt hat — wahrscheinlich gleicht sie uns beiden.« »Zuletzt muß ein Energie gebendes Element hier, in Turin, in der Luft sein: wenn man hier heimisch ist, wird man König von Italien . .« Über die in Genua vollendete Morgenröte schreibt er an Gast, nicht viele Bücher hätten soviel Inhalt: »Rede ich jetzt als Vater des Buchs? Ich glaube nicht. Meine drei Genueser Schutzpatrone Columbus, Mazzini und Paganini haben, wie mir scheint, etwas die Hand im Spiele gehabt.« In der Zarathustrazeit wünscht er sich ein Holzhaus auf der Halbinsel Chaste im Silser See zu erbauen, »auf der einst ein römisches Kastell gestanden hat« — in Wahrheit weiß man dort nur von kärglichen Resten einer mittelalterlichen Burg —, ähnlich wie schon der junge Mulus auf seiner ersten Rheinreise Römerstraßen oder Trümmer römischer Kastelle zu betreten liebte. 1885 möchte er am liebsten nach Korsika »und zwar nach Corte, meiner Residenz, wie sie als solche schon seit vier Jahren mir im Kopfe spukt. Dort ist Pasquale Paoli Herr der Insel gewesen, der wohlgeratenste Mensch des vorigen Jahrhunderts; dort ist die Stelle für ganz große Konzeptionen (Napoleon wurde dort, 1768, konzipiert; in Ajaccio ist er nur geboren!)«. Ein Jahr später abermals: »Corte ist die Stadt der Empfängnis Napoleons . . Scheint es nicht, daß eine Wallfahrt dorthin eine geziemende Vor> bereitung für den »Willen zur Macht. Versuch einer Umwertung aller Werte4 ist?« Und die Landschaft des Engadin empfindet ei sogar, »mit angenehmem Grausen«, als doppelgängerisch, »mir innig vertraut und blutsverwandt, ja noch mehr«.

Zuletzt gedenkt man hier auch der vielen, das eigene Leben stilisierenden Rückdatierungen; sie sind für Nietzsche typisch, diese Zurückschiebungen gewisser Eindrücke oder geistiger Erlebnisse in die Morgendämmerung seines Daseins, die Versuche, schon das Kind, in einem besonders intensiven Sinn des Goethewortes, als des Mannes Vater erscheinen zu lassen. Das eigene Leben wird durch diese Vertiefung der Perspektive ins früh Verdämmernde gewissermaßen nach rückwärts verlängert, in die Sphäre eigener Ahnenschaft getaucht und verzaubert. »In einer absurd frühen Zeit, mit sieben Jahren«, wußte er bereits, daß ihn »nie ein menschliches Wort erreichen werde«. »Mit Byrons Manfred muß ich tief verwandt sein: ich fand alle diese Abgründe in mir, — mit dreizehn Jahren war ich für dies Werk reif.« An die Schwester schreibt er einmal, die Gestalt seines Zarathustra habe er schon als Kind im Traum gesehen. Ein andermal: »Mit zwölf Jahren habe ich Gott in seinem Glanze gesehen« — Äußerung eines halbbewußten starken Drangs nach Selbststilisierung ins legendem haft Typische, Religionsstifterliche; wie er denn auch wirklich einmal, als fünfhunderttausend christliche Gesangbücher mit einer, wie ihm scheint, boshaften Symbolik den Druck des Zarathustra verzögert hatten, nur halb selbstironisch an Gast schreibt: »Das sind ganz »religionsstifterliche Erlebnisse41« Bereits als dreizehnjährigem Knaben geht ihm das Problem vom Ursprung des Bösen nach: ihm widmet er, in einem Alter, wo man »halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen« hat, sein erstes literarisches Kinderspiel, seine erste philosophische Schreibübung — »und was meine damalige »Lösung des Problems anbetrifft, nun, so gab ich, wie es billig ist, Gott die Ehre und machte ihn zum Vater des Bösen. Wollte es gerade so mein. ,A priori´ von mir?« fügt Nietzsche höchst charakteristisch hinzu, »jenes neue, unmoralische, mindestens immoralistische A priori . , dem ich inzwischen immer mehr Gehör und nicht nur Gehör geschenkt habe?« Als er 1882 in Naumburg der Schwester den Parsifal vorspielt, überfällt ihn eine seltsame Doppelgängerempfindung: ganz diese Art Musik, weiß er plötzlich, hat er als Knabe gemacht, damals, als er sein »Oratorium« komponierte — »und nun habe ich die alten Papiere hervorgeholt«, schreibt er ganz erregt an Gast, »und, nach langer Zeit, wieder abgespielt: die Identität von Stimmung und Ausdruck war märchenhaft! Ja, einige Stellen, zum Beispiel der Tod der Könige, erschienen uns beiden ergreifender als alles, was wir uns aus dem Parsifal vorgeführt hatten, aber doch ganz parsifaleskl Ich gestehe: mit einem wahren Schrecken bin ich mir wieder bewußt geworden, wie nah ich eigentlich mit Wagner verwandt bin«. »Als Knabe war ich Pessimist, so lächerlich dies klingt,« lautet eine Aufzeichnung in den Vorredenstudien der letzten Jahre; »einige Zeilen Musik aus meinem zwölften, dreizehnten Lebensjahre sind im Grunde von allem, was ich an rabenschwarzer Musik kenne, das Schwärzeste und Entschiedenste. Ich habe bei keinem Dichter oder Philosophen bisher Gedanken und Worte gefunden, die so sehr aus dem Abgründe des letzten Neinsagens heraus kämen.« Selbst eine Art Abkehr von Wagner sieht ein Rückblick derselben Zeit schon früh vorgedeutet: »Als Knabe liebte ich Handel und Beethoven: aber Tristan und Isolde kam, als ich fünfzehn Jahre alt war, hinzu als eine mir verständliche Welt. Während ich damals den Tannhäuser und Lohengrin als unterhalb meines Geschmacks empfand: — Knaben sind in Sachen des Geschmacks ganz unverschämt stolz.«

Endlich zeigt sich das Bedürfnis nach solch vertiefender Zurückdatierung sogar im Verhältnis zu den eigenen Büchern, von denen er in der zweiten Vorrede zum »Menschlichen« 1886 sagt: »Alle meine Schriften sind, mit einer einzigen, allerdings wesentlichen Ausnahme zurückzudatieren; — sie reden immer von einem Hintermir . .« Das ist die Tendenz des Ecce homo, welche dort bewußt eine künstliche Perspektive, eine gewollte Distanz zu sich selber schafft, um das Recht zur eigenen Legende zu gewinnen, um das noch im Fleische wandelnde Ich schon als Ahnherrn seiner künftigen geistigeren Gestalt sehen zu dürfen. Diese besondere Neigung und Fähigkeit, in Ahnenform zu denken und anzuschauen, sich anzuschauen vor allem, verrät, bis in jene kleinsten Züge, daß sie eine Sache des Instinktwillens ist, keine retrospektive Liebhaberei des zum Historiker Erzogenem Denn ersichtlich unterscheidet sich Nietzsches stolzer oder ehrfürchtiger Ahnenkultus völlig sowohl von einer bloß historizistischen Neigung wie von einer passiv gestimmten Determiniertheit, einem Gefühl des lastenden Erbgeschicks, das gerade in den Jahren seiner Produktivität, unter dem Einfluß darwinistischer Vorstellungen, die Mode des öffentlichen Denkens vielfach bestimmte. Noch weniger als für Goethe hat jenes »So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehn« für Nietzsche in irgendeiner seiner Epochen etwas fatalistisch Lähmendes. Wohl wird er immer entschiedener Fatalist, je näher er dem Fatum kommt, das hinter dem Ecce homo lauert. Aber es ist ein aktiver Fatalismus, ist jener nicht resignierte, sondern genesungsfrohe amor fati, der auch seine Stellung zu aller »Krankheit«, aller Unzulänglichkeit seines Lebensablaufs kennzeichnet. Zweierlei hebt seinen Ahnenglauben über bloßen Determinismus entscheidend hinaus. Einmal der starke Willensimperativ einer säkularen Verantwortung, jener Wille zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte hinaus, zur Solidarität von Geschlechterketten vorwärts und rückwärts in infinitum; die in Generationen denkende Verantwortlichkeit, welche in dem erzieherischen Idol, dem hinaufziehenden Phantasma des Zarathustra sich ihr Bild schafft, und die ihre steilste fordernde Formel in dem Worte Übermensch findet. »Dort wars auch, wo ich das Wort Übermensch vom Wege auflas, und daß der Mensch . . eine Brücke sei«, aus bejahter Vergangenheit hinüber in das größere Ja seiner Zukunft. Zum andern aber wird jeder Rest von Determinismus im passiven, resignierten Sinne vernichtet durch die absolute Willenshaltung nicht nur zum Künftigen, sondern auch zum Vergangenen; durch einen seherisch überglänzten Willen zur Erlösung des Vergangenen, eine Erlösung, in der alles Einst nicht verneint, sondern gesteigert wird. Vor diesem Willen ist Vergangenheit nicht nur ein Gleichnis und zaghafter Vortraum künftiger Möglichkeiten; sie ist eine Schöpfung des Seher Dichters selbst, nicht eine Interpretation nur, sondern eine Wahrdichtung. Das Romantikerwort vom Historiker als dem rückwärts gekehrten Propheten vertieft sich erst hier zum innersten Brunnengrund seines Sinnes; und Zarathustra, der sich selber befragt, ob er ein Versprechender sei oder ein Erfüllen ein Eroberer oder ein Erbender, ein Herbst oder eine Pflugschar, — ein Dichter oder ein Wahrhaftiger, antwortet sich selber:

»Ich wandle unter Menschen als den Bruchstücken der Zukunft: jener Zukunft, die ich schaue. Und das ist all mein Dichten und Trachten, daß ich in Eins dichte und zusammentrage, was Bruchstück ist und Rätsel und grauser Zufall . . als Dichter, Rätselrater und Erlöser des Zufalls lehrte ich sie an der Zukunft schaffen und alles, das war —, schaffend zu erlösen . .«

Die Vergangenen zu erlösen und alles »Es war« umzuschaffen in ein »So wollte ich esl« — diese Erlösung und Erfüllung aller Ahnenehrfurcht durch einen aktiven Fatalismus, dies nicht sentimentale sondern wollende Gedächtnis macht die Haltung des Historikers Nietzsche, des rückwärts gekehrten Propheten zu einem ganz einzigartigen Bild in der Geistesgeschichte. Kaum irgendwo anders in seinem Werk scheint jener Rausch der Synthese, die Trunkenheit im Vereinen des nicht zu Vereinigenden, die sein romantisches Erbgut ist, zu einer so ergreifenden Willensekstase gesteigert — es wäre denn im Verhältnis zur eigenen Vergangenheit, zur Krankheit und Unzulänglichkeit des eigenen Ichs. Das Synthesenfreudige Rauschgefühl der deutenden Mitte zwischen Vergangenem und Künftigem, das Brückenglück des hohen Mittags zwischen Einst und Dereinst ist auch nicht erst seit der Zarathustrazeit Nietzsche eigen und eigentümlich, wiewohl es hier und im letzten Jahre des Ecce homo zur Verzückung erhöht und verwandelt wird; mit vollkommener Klarheit wird bereits in der Zweiten Unzeitgemäßen das »Maß der Mitte«, der höchsten Kraft der Gegenwart und des göttlichen Augenblicks an die Vergangenheit gelegt, wird schon hier der echte Historiker als rückwärts und aufwärts gerichteter Prophet gefordert und gepredigt;

»Wer nicht einiges größer und höher erlebt hat als alle, wird auch nichts Großes und Hohes aus der Vergangenheit zu deuten wissen. Der Spruch der Vergangenheit ist immer ein Orakelspruch: nur als Baumeister der Zukunft, als Wissende der Gegenwart werdet ihr ihn verstehen.«

»Nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart dürft ihr das Vergangene deuten.«

»Jetzt geziemt sich zu wissen, daß nur der, welcher die Zukunft baut, ein Recht hat, die Vergangenheit zu richten.«

Und mit reifer Klarheit stellt die Frohliche Wissenschaft nicht die Forderung, aber das Gesetz auf, daß jeder große Mensch eine rückwirkende Kraft habe:

»Alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus ihren Schlupfwinkeln, hinein in seine Sonne. Es ist gar nicht abzusehen, was alles einmal noch Geschichte sein wird« —

das ist Nietzsches entscheidendste geschichtsphilosophische Wendung. »Die Vergangenheit ist vielleicht immer noch wesentlich unentdeckt! Es bedarf noch so vieler rückwirkender Kräftel« Der Historiker formuliert nicht Historie, er schafft das Ge-schehene: Geschichte ist Schöpfung, Gewesenes ist Werden. »Zarathustra will keine Vergangenheit der Menschheit verlieren, alles in den Guß werfen,« lautet ein Satz des nachgelassenen Materials zum Zarathustra; will »einem neuen Geiste die alten Opfer bringen, die alte Seele durch einen neuen Leib umwandeln.«

Nietzsches mißtrauisches intellektuales Gewissen erlaubt ihm indessen nicht, die Gefahren zu übersehen, die aus solchem Schmelz- und Verwandlungswillen, aus solchem hohen Wunsch zur Deutung und Entdeckung des Vergangenen unvermeidlich mit erwachsen. Wie, wenn das Wissen um die totenerweckende Magie solcher rückwirkenden Kraft den Wunsch nach ihrem Besitz erweckte, ihr Besitz zum Gebrauch als Mittel zu persönlichen, nur persönlichen Zielen verführte? Wenn es zuletzt, verborgen, halbbewußt, eine Magie des raffiniertesten Ehrgeizes, eine schwarze Magie würde, die tausend Geheimnisse der Vergangenheit aus ihren Schlupfwinkeln gerade in die eigene Sonne zu locken? Wie, wenn der orphische Seelenführer und Entführer der Schatten aus dem Hades aller Vergangenheit zum listigen Rattenfänger würde, der die erweckungssüchtigen Seelen insgesamt in den Zauberberg der eigenen Verherrlichung zwänge? Dieser böseste Verdacht war Nietzsche nicht fremd. Die Geistesgeschichte seines Jahrhunderts wies ihm mehr als ein Schaubeispiel der großartigen perspektivischen Vergewaltigung alles Vergangenen durch einen mächtigen Willen, einen deutenden und toteweckenden philosophisch-künstlerischen Willen, der alle Wege des Einst perspektivisch auf sich zuwandern wähnt, der die Wasser alles Gewesenseins durch die Stromenge seines Ich gebieterisch hindurchbrausen läßt. Für die Geistigkeit der frühen goethenahen Romantik, deren Enkel und Erbe Nietzsches Gedanke ist (ohne jemals zu ahnen bis zu welchem Grade innerer Identität), für sie war es ein Grunderlebnis, daß, mit Novalis, die Welt ursprünglich ist wie ich sie will; daß die Welt eine ursprüngliche Fähigkeit hat, durch mich belebt zu werden. In Schopenhauers stolz ehrfürchtiger Aufstellung einer geistigen Ahnentafel, die sich in der Welt als Wille und Vorstellung großartig vereinigt — Goethe und Kant, Platon und Indien —, noch mehr in Hegels souveränem Pyramidenaufbau der geistigen Welt von oben her, zum eigenen Gipfelstandort herauf, hatte Nietzsche die denkbar mächtigsten und gefährlichsten Bilder einer solchen Unterjochung des Vergangenen durch geistige Gewaltherren vor sich. Und in seiner allernächsten, schmerzhaft persönlichen Nähe überdies das Schauspiel eines ungeheuren Künstlcrehrgeizes nach einer legitimen geistigen Ahnentafel, einer fast theologischen Unterbauung der eigenen Frohen Botschaft, zu der immer auch irgendein Altes Testament mit vordeutenden Gestalten und typologischen Ahnungen gehört. Mehr als alles: Nietzsche weiß und spürt diesen Versucher in sich. Er weiß um die Versuchungen Zarathustras, um den brennend eifersüchtigen Wunsch Catilinas, sich selber noch als Cäsar zu sehen, den tragischen Neid aller Vorläuferschaft auf den Erben, ihren eigenen Erben — »wenn ich mein Enkel gewesen wäre!« war der verräterische Seufzer Napoleons am Ende seiner Bahn — und er selber kennt aus menschlichster Nähe das schier Übermenschliche des großen Johannesverzichtes, den die Schrift den Täufer tun läßt: »Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen . .« Er weiß um den unlöschbaren bösen Macht und Ehrgeiz, der nicht nur die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit erobern und vergewaltigen möchte. »Vor allem heißt es sich des Geistes versichern, in dem Geschichte geschrieben werden soll«, war die Maxime des korsischen Cäsar Catilina. Das ist die verschlagenste Weisheit des Ehrgeizes, wie das »Menschliche« sie durchschaut: »Weil die Menschen eigentlich nur alles Altbegründete, Langsamgewordene achten, so muß der, welcher nach seinem Tode fortleben will, nicht nur für Nachkommenschaft, sondern noch mehr für eine Vergangenheit sorgen, weshalb Tyrannen jeder Art (auch tyrannenhafte Künstler und Politiker) der Geschichte gern Gewalt antun, damit diese als Vorbereitung und Stufenleiter zu ihnen hin erscheine.« Dieser großartig zweckbewußte Wille zur Vergangenheit, zur geistigen Ahnentafel veranschaulichte sich samt seinen Gefahren für Nietzsche am deutlichsten im Bilde Wagners, dieses nach den Wonnen der Legitimität durstigsten Condottieres, den der Bereich der Kunst jemals gesehen. Schärfer noch auf Wagner zielend konzentriert den Gedanken eine andere Stelle des »Menschlichen«: »Es gibt so anmaßende Menschen, daß sie eine Größe, welche sie öffentlich bewundern, nicht anders zu loben wissen, als daß sie dieselbe als Vorstufe und Brücke, die zu ihnen führt, darstellen.« Endlich wird die Ahnensucht Wagners — in der hier Nietzsche schon dunkel die ihm selbst innewohnende Tendenz und Gefahr befehdet, wie immer, wenn sein Stimmklang gereizt, seine Beobachtung rachsüchtig scharf wird — in den Vorarbeiten zu Richard Wagner in Bayreuth, merkwürdig früh, 1874, mit vollkommener Schonungslosigkeit charakterisiert: »Eine besondere Form des Ehrgeizes Wagners war es, sich mit den Größen der Vergangenheit in Verhältnis zu setzen: mit Schiller , Goethe, Beethoven, Luther, der griechischen Tragödie, Shakespeare, Bismarck. Nur zur Renaissance fand er kein Verhältnis; aber er erfand den deutschen Geist gegen den romanischen. Interessante Charakteristik des deutschen Geistes nach seinem Vorbilde.« Noch in den Zarathustra ist das Bild dieser wagnerischen Herrschsucht über alles groß Vergangene hinübergenommen, die alles, was war, zu ihrer Brücke umdeutet: »Ein großer Gewaltherr könnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« Und so ist, bedeutsam, Zarathustras erstes Mitleid mit allem Vergangenem, daß er sieht: »es ist preisgegeben, — der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes preisgegeben, das kommt, und alles, was war, zu seiner Brücke umdeutetl« Aber sogleich wird wieder die Ahnenlosigkeit, die Ehrfurchtlosigkeit vor dem Vergangenen zur drohenden anderen Gefahr und zum anderen Mitleiden Zarathustras:

»wer vom Pöbel ist, dessen Gedanken geht zurück bis zum Großvater, — mit dem Großvater aber hört die Zeit auf. Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es könnte einmal kommen, daß der Pöbel Herr würde und in seichten Gewässern alle Zeit ertränke.«

Von beiden Gefahren erlöst kann das Vergangene nur durch ein Einziges werden: »Darum . . bedarf es eines neuen Adels, der allem Pöbel und allem Gewaltherrischen Widersacher ist.«

Dieser neue Adel, gleich entfernt von Tyrannis wie von Ochlokratie des Geistes, verkörpert sich Nietzsche eben in Zarathustra, dem sehnsüchtigen Wunsch- und Wahnbild eines tausendjährigen Vorläufers und Erben seiner selbst. In Zarathustra sieht er den Menschen einer historischprophetischen Synthese, den Menschen des längsten Willens und der längsten Erinnerung; den neuen Wissenden, der sein leidvolles Wissen um alles Vergangene zum bejahenden Schauen des Künftigen steigert, den Dichter, der mit der verdichtenden Kraft seiner Intuition die Vergangenheit beschenkt, um ihr verworrenes Bild ins Fruchtbare, Zukunftvordeutende erhoben zu vereinfachen. Ein solcher Seher Dichter wäre der eigentliche Übermensch, den Zarathustra lehrt, das ist der Mensch jener zukünftigen wahren Menschlichkeit, welcher vor Zarathustra schon in der Fröhlichen Wissenschaft als Vision erscheint; dort, wo der erste Ansatz solcher Menschlichkeit gerade in der »eigentümlichen Tugend und Krankheit des historischen Sinns« gefunden wird: der Mensch, der »die Geschichte der Menschen insgesamt als eigne Geschichte zu fühlen weiß . . der Mensch eines Horizonts von Jahrtausenden vor sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit alles vergangenen Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adligste aller alten Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen gleichen noch keine Zeit sah und träumte: dies alles auf seine Seele nehmen, Ältestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der Menschheit; dieses alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl zusammendrängen: — dies müßte doch ein Glück ergeben, das bisher der Mensch noch nicht kannte, — eines Gottes Glück voller Macht und Liebe, voller Tränen und voll Lachens . . dieses göttliche Gefühl hieße dann — Menschlichkeit!«

Damit ist, in letzter kühner Hinaufwendung, ein äußerster Triumph jenes »Versöhnens zwischen Kontrasten« erobert, durch das Nietzsche seinen Familientyp gekennzeichnet fand; eine der vorbildlichen Syn diesen geschlossen, an denen seine Denkerleidenschaft ihre tiefsten Beglückungen erlebt. In der Idee höchster Menschlichkeit schaut er die Vereinigung von Historie und Prophetie, im Bild des Neuen Adels Ahnentafel und Kinderland. Das ist der Sinn von Nietzsches Selbstbezeichnung als des ersten Aristokraten, dies die eigentliche Füllung seines paradoxen Wortes, daß es erst von ihm ab historischen Sinn gebe (gegen dessen lebenerdrosselndes Übermaß seine Anfänge selber protestiert hatten). Rückwärts gerichtete Prophetie, vorwärts gesandte Ahnensehnsucht — das ist Nietzsches göttliches Gefühl der Menschlichkeit. Das Individuum reif und verantwortungsbewußt die ganze Last menschlicher Tradition tragend, höchster Wölbepunkt der zwischen Einst und Dereinst schwebenden Brücke, göttlicher Augenblick »auf hohem Joche«, gleich Zarathustra, »zwischen zwei Meeren, zwischen Vergangenem und Zukünftigem als schwere Wolke wandelnd«, — das ist Nietzsches Mensch der eigentlichen zukünftigen Menschlichkeit. In seinem Sinn ist der Dichter der Schöpfer der Vergangenheit, der Stifter alles dessen, was bleibt; der Wissende aber und Weise ist der Prediger und Sucher des Künftigen: »Wer über alte Ursprünge weise wurde,« sagt Zarathustra, »siehe, der wird zuletzt nach Quellen der Zukunft suchen und nach neuen Ursprüngen.« Das Vergangene zu erlösen, indem man es als zukunftstragend bejahend deutet; am Künftigen zu bauen, indem man ihm die gläubigen Kräfte der Jahrhunderte als dauerschenkende Krypta unterwölbt — damit geschieht die großartige Verschmelzung der frühen »philologischen« Ideale Nietzsches mit dem dionysischen Traumrausch des fordernden Zarathustrawillens. Geschieht eine Vermählung, kein Kompromiß der scheinbaren Gegensätze, ganz im Endsinn jener reinen »humanistb sehen« Menschlichkeit, von der Nietzsches früheste Bildung ausging und in die er mit dem Besten seinerWirkungen wiederum einmündet und fortlebt — einer goethisch neidlosen Humanität, neidlos, weil einzig sie ein menschlich Höchstes zugleich bewahren und fruchtbar steigern darf: das Gedächtnis, diese edelste atavistische Kraft, die allein uns, zur platonischen Erinnerung erhöht, nach rückwärts wie nach vorwärts mit dem zeitlos Göttlichen verbindet.

Siehe auch:
Nietzsche: Versuch einer Mythologie – EINLEITUNG

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Nietzsche: Versuch einer Mythologie