Schlagwort: Rio Negro


Unser Aufenthalt bei dem liebenswürdigen Volke der Kobeua neigt sieb seinem Ende zu. Wenige Tage vor unserer Abreise kommt eine Bande Yulämaua vom Querary, Verwandte einiger in Namocoliba verheirateter Frauen. Es sind sieben Männer und Knaben, durchweg muskulöse Gestalten, auffallend durch die starken StirnwUlste, die den Gesichtern einen etwas finsteren Ausdruck verleihen. Sie wollen Arundinaria-Halme schneiden, die in ihrer Heimat nicht wachsen, als Einlage für Blasrohre. Mit den Kobeua tauschen sie Körbe und Siebe.

Die Frauen geben zu Ehren ihrer Stammesbrüder ein kleines Kaschiri, das jedoch die tägliche Arbeit nicht unterbricht. Der Zauberarzt ist eifrig damit beschäftigt, in der Nähe Wald für eine neue Pflanzung zu roden. Den ganzen Tag erschallt das lange anhaltende, donnerähnliche Krachen und Rauschen der niederstürzenden Bäume. Trinkend und gemütlich plaudernd sitzen wir am Abend beisammen. Gegen neun Uhr findet ein Tanz statt. Ein Dutzend Tänzer, nur wenige mit einfachen Federreifen geschmückt, bewegt sich im raschen Tanzschritt in der üblichen Runde. Die linke Hand ruht auf der rechten Schulter des Nebenmannes. Die rechte Hand hält einen am oberen Ende mit Fußklappern umwundenen, schmucklosen Holzstab, der bei jedem Schritt rasselnd aufgestoßen wird. Tanz und Gesang beginnen feierlich langsam, werden immer rascher und endigen langsam und feierlich. Zum Schluß stellen sich alle Tänzer in einer Reihe, dem Eingang zugewendet, in der Maloka auf, singen und stampfen noch eine Zeitlang sehr langsam weiter und gehen dann nach drei kurzen, lauten Schreien und schrillen Pfiffen durch die Zähne auseinander. Die Tänze dauern bis zum frühen Morgen. Auch Frauen nehmen daran teil. Es ist ganz so, wie seinerzeit am Aiary; nur die viehische Trunkenheit fehlt.

Schmidt macht mir in diesen Tagen schwere Sorge. Er bekommt jeden Abend zu einer gewissen Stunde heftige Magenkrämpfe und Hustenanfälle, die ihn zum Erbrechen reizen und öfters mit Fieber verbunden sind. Es sei Zaubergift von den Colombianern, meint der Häuptling. Ich halte es für Keuchhusten. Eine Frau leidet unter denselben Anfällen. Auch die Frau des Häuptlings liegt mehrere Tage mit fürchterlichen Schmerzen wimmernd in der Hängematte. Auf dem Weg zur Pflanzung ist sie an zwei Tagen hintereinander von Vogelspinnen an der Hand und am Fuß gebissen worden.

Am 12. Dezember nehmen wir Abschied. Aus allen umliegenden Malokas sind Leute gekommen, um uns Lebewohl zu sagen. Die Bewohner von Surubiroca, die uns nach Matapy bringen wollen, sind vollzählig erschienen. Ihr Häuptling hält mir mitten auf dem Dorfplatz vor versammeltem Volk eine lange Lobrede in Lingoa geral, die mit dem alten Missionsgruß „Yasu tupana irumo!“ („Geh mit Gott!“) feierlich ausklingt. Alle geben uns das Geleit zum Hafen. Die Frauen reichen mir noch einmal ihre Kinder. Jeder will mir die Hand drücken. Selten ist mir ein Abschied so schwer geworden. —

Es war eine unvergeßlich schone Zeit. Man hat uns volles Vertrauen entgegengebracht, und nie ist unser Vertrauen getäuscht worden. Nie wurde unsere Eintracht ernstlich gestört. Niemals wurde uns das geringste entwendet, obwohl wir die Koffer bisweilen offen stehen ließen. Bei unserer Abreise zum oberen Caiary blieb der größte Teil unseres Gepäcks in Namocoliba zurück. Der Häuptling ließ vor unseren Augen in einer Ecke der Maloka ein Gerüst errichten und unsere Kisten und Ballen dort aufstapeln. Als wir nach einem Monat zurückkehrten, lag eine dicke Staubschicht auf den Sachen. Niemand hatte daran gerührt, obwohl alle wußten, daß sie Kostbarkeiten, Perlen, Äxte, Messer, enthielten.

Ich lernte hier so recht das reiche Seelenleben kennen, durch das sich die indianische Frau auszeichnet. Sie ist nichts weniger als das „stumpfsinnige Lasttier“, wie sie so oft von flüchtigen Beobachtern dargestellt wird. Während der Mann seine Kräfte mehr dem Gemeinwesen widmet, spielt sich das Leben der Frau im engen Kreise der Familie ab. Mit den Hauptpflichten in der Familie übernimmt sie auch die Hauptrechte. Ihr Leben ist wohl reich an Mühe und Arbeit, aber gerade dadurch findet sie Gelegenheit, alle ihre Fähigkeiten zu entfalten und ihre seelischen Eigenschaften zur vollen Entwicklung zu bringen. Ihre große Intelligenz ist angenehm verbunden mit einer reinen Gutmütigkeit, die sie nicht nur gegen Angehörige ihrer Familie und ihres Stammes, sondern auch gegen Fremde betätigt, die ihr Vertrauen gewonnen haben. Wir wurden von den Frauen wie Stammesgenossen behandelt. Sie ließen es nie an Speise und Trank für uns fehlen und waren eifrig für unser Wohlergehen besorgt. Besonders war es die Frau des Häuptlings, die Mutterstelle an uns vertrat, und deren liebevoller Fürsorge ich mich erfreute. Es wurde mir wirklich nicht schwer, die gütige Alte „meine Mutter“ anzureden, zumal wenn ich sah, welche freudige Genugtuung ich damit ihr und ihren Angehörigen bereitete, und ich freute mich ebenso, wenn sie mich „mein Sohn“ nannte. Jeden Morgen, sobald ich erwachte, schickte sie mir ihre kleine Tochter mit einer Kalabasse frischen Wassers zum Mundausspülen und Zähneputzen, und manchen Extrabissen, manchen erfrischenden Trank danke ich ihr. Beim Abschied fehlten „meine Mutter“ und „meine kleine Schwester“. Sie waren schon vor Tagesanbruch auf die Pflanzung gegangen, um in der Scheidestunde nicht zugegen zu sein. —

Der Caiary hat infolge des sehr niedrigen Wasserstandes ein ganz anderes Aussehen angenommen. Überall ragen riesige Felsen, zwischen denen das Wasser verschwindet; weithin leuchten weiße Sandbänke. An allen Malokas, besonders bei den Stromschnellen, sieht man jetzt merkwürdige Zäune aus entrindeten Stangen, die an der Spitze bisweilen noch Fiederblätter tragen. Auf den Kreuzungspunkten der Stangen liegen Bündelchen gelber Rinde. Es sind „Badeanstalten“ der Indianer. Mit der Rinde, die, mit Wasser gerieben, einen dicken Schaum wie Seife erzeugt, reinigen sie den Körper und auch Kleider. Jedes Bündelchen Rinde hat seinen bestimmten Besitzer.

Schon am 16. Dezember gelangten wir nach Matapy. Bei der Aufwärtsfahrt haben wir zu derselben Strecke volle vierzehn Tage gebraucht. Wir bleiben hier einen Tag, um die Montaria zu kalfatern, die durch den schwierigen Transport über die unzähligen Felsen wieder ganz leck geworden ist. Der „Herr Professor“ willigt sofort ein, uns mit einigen Desana und Uanana und drei Maku bis Yauarete zu bringen.

Diese Maku gehören zu einer Bande Ton einigen zwanzig Männern, Weibern und Kindern, die eines Tages vom Papury her nach Matapy gekommen sind. Fünf Männer mit ihren Familien hat der Häuptling behalten; zwei hat er dem Oberhäuptling in Caruru überlassen; die übrigen sind in der Umgegend verteilt worden. Sie wohnen nicht in der Maloka, sondern halten sich in der Nähe im Walde unter erbärmlichen Hütten auf und werden nur zu besonderen Dienstleistungen herangerufen. Sie helfen auch beim Ausbessern unseres Bootes und werden bezahlt wie die anderen. Der Häuptling fragt sie, was sie haben wollen. Es sind also hier keine Haussklaven, wie z. B. bei den Tukano an der Pary-Cachoeira des Tiquie, sondern eine Art Tagelöhner. Die Weiber, die mir zu Gesicht kommen, sind abschreckend häßlich. Einige hübsche, großäugige, aber unbeschreiblich schmutzige Bänderchen schreien mörderisch, sobald wir Weißen uns ihnen nahen. Die Männer machen im Verkehr keinen unsympathischen Eindruck, zeigen aber in dem wenig proportionierten Körperbau, den breiten Nasenflügeln und dem schnauzenförmigen Mund den häßlichen Makutypus. Mit Hilfe des Desana, das sie beherrschen, nehme ich eine Wörterliste ihrer fürchterlichen Sprache auf, die bisher unbekannt war. Sie scheint mit dem Maku des Querary, von dem ich einige Wörter bei den Kobeua hörte, identisch zu sein, ist aber in den meisten Wörtern gänzlich verschieden von dem Maku des Tiquiö und Curicuriary. Nur wenige Ausdrücke zeigen eine entfernte Verwandtschaft, die mit dem Tiquiö-Maku größer zu sein scheint als mit dem Maku vom Curicuriary.

Das Uanana mit seinem halblauten, verschwommenen Lispeln und hochgeschraubten, singenden Tonfall mutet uns jetzt, nachdem wir monatelang nur das rauhe, stark gutturale und nasale Kobeua gehört haben, ganz sonderbar an. Der Typus der Desana ist im ganzen Caiarygebiet sehr einheitlich. Meine Ruderer sind an den langen Köpfen, dem struppigen Haar und den schräggestellten, geschlitzten Augen sofort als Angehörige dieses Stammes zu erkennen. An der Caruru-Cachoeira haben wir ein Erlebnis, das uns noch tagelang Stoff zur Heiterkeit gibt. Beim Frühstück erscheint plötzlich eine sehr korpulente Indianerin, mit einem langen geblümten Rock nebst eng anschließender Taille bekleidet, ein weißes türkisches Tuch um den vollen Nacken geschlungen, an den nackten Füßen feine Lederpantöffelchen. Es ist meine alte Bekannte vom Jahr vorher. Sie redet mich in gewähltem Portugiesisch an, so daß ich ganz verlegen werde, denn ich habe mein bißchen Portugiesisch über der Lingoa geral und dem Kobeua fast vergessen. Sie erkundigt sich eingehend nach „Don Rafaelo“, wo ich ihm begegnet sei, was er mit mir gesprochen habe, wann er wieder flußabwärts käme, ob er nicht ein Boot herunterschicken wolle usw, usw. Nach manchem komischen Hin und Her stellt es sich heraus, daß sie die Uanana ist, die der Colombianerchef Raphael Tobar kürzlich zur Gattin erkoren hot. Zu ihrer Beruhigung können wir ihr mitteilen, daß er uns gesagt habe, er wolle ein Boot schicken, um sie zu sich zu holen. Ihre „zivilisierte“ Erscheinung wirkt in der nackten Umgebung ungeheuer komisch, und wir atmen auf, als sie sich endlich verabschiedet; denn es war schwer, die Fassung zu bewahren, besonders als der böse Schmidt sie fragte, wie viele Rinder sie habe, und sie gekränkt antwortete: .Was denken Sie denn? Ich bin ja noch Jungfrau!“ Wußten wir doch, daß diese „Jungfrau“ jahrelang die Geliebte unseres einstigen Kobeuaführers Jostf-Kadyu war. —

Sonst sind die Colombianer weniger begehrt. Überall fragt man ängstlich nach diesen sauberen Herren, die eine Art Popanz für die Uaupes-Indianer zu sein scheinen. In einer Maloka sitzen die jungen Männer am Eingang und verfertigen Pfeile. Sie sehen mich erst, als ich dicht vor ihnen stehe. Mit dem Schreckensruf „Kolombiano!“ stieben sie auseinander, kommen aber sofort zurück, als sie ihren Freund „Dotoro“ erkennen. Um ein Haar wäre ich untergegangen. Die Stromschnelle von Uacariaca oberhalb Yauarete ist jetzt sehr reißend und nur durch einen Zickzackkanal zu passieren. Ich fahre mit zwei halbwüchsigen Knaben in einem Einbaum, unserem Jagdboot, während Schmidt die Montaria befehligt. Mein einziger Ruderer bringt das lange und schwere Kanu im entscheidenden Augenblick nicht herum. Es wird wider einen Felsen geschlagen und durch den Andrang der Wogen daran festgehalten. Die Last rutscht; das Boot füllt sich halb mit Wasser, und nur der Gewandtheit und Geistesgegenwart meiner beiden kleinen Genossen ist es zu verdanken, daß wir nicht sinken und in der tosenden Schnelle alles verlieren. Mein Ruderer springt sofort, als er die drohende Gefahr bemerkt, in das Wasser, stemmt sich mit den Füßen gegen den Felsen und hält das Kanu mit den Händen einigermaßen davon ab, während ich mich rasch auf die andere Seite werfe und das Boot, über dem schon die Wogen zusammenschlagen, wieder ins Gleichgewicht bringe. Der Pilot fischt unterdessen mein Ledertäschchen und einen kleinen Blechkasten, der außer Briefen sämtliche Tagebücher und Vokabularien enthält, aus der Stromschnelle auf. Die halbe Nacht trocknen wir Papiere auf einem großen Bratrost. Zwei Maku, die in einem leeren Kanu uns folgten und als echte Waldläufer gar nichts vom Rudern verstanden, haben sich einfach treiben lassen und kamen ohne Unfall durch. In derselben Schnelle haben schon verschiedene Weiße Boote und Last verloren, auch die Colombianer, diese Pechvögel.

Vom 22. bis 25. Dezember liegen wir in Yauarete fest, da wir keine Ruderer bekommen. Wir lagern anfangs am unteren Hafen unter einigen überhängenden Bäumen (Tafel I), siedeln aber dann, weil das Wetter sehr schlecht wird, in die vernachlässigte Maloka des alten Häuptlings JoAo über, die ein paar hundert Meter landeinwärts an einem Nebenbach liegt. Auch hier ist eine Signaltrommel. Nach längeren Verhandlungen bekomme ich endlich zur Weiterreise bis Säo Felippe elf Mann mit dem Häuptling. Zum Transport der Signaltrommel, die wir seinerzeit auf einer nahen Insel gekauft haben, und zur Rückfahrt der Mannschaft miete ich noch eine kleinere Montaria.

Außer einem halben Dutzend Yurupary-Instrumente von der gewöhnlichen Form, die wiederum mit aller Vorsicht und der üblichen Geheimniskrämerei im Kielwasser der Montaria versteckt werden, erwerbe ich von JoAo zwei sehr alte Maskenanzüge, wie sie von den Tariana, Uanana und anderen Stämmen des Caiary bei großen Yurupary-festen getragen und vor den Weibern streng geheim gehalten werden. Solche Maskenanzüge waren seinerzeit die Veranlassung zur Vertreibung der Missionare. Es sind eigentümliche ärmellose Kapuzen, aus braunen Affenhaarstricken zusammengenäht und mit Menschen-haareu durchflochten, Haupthaaren, die den MädcheD bei der ersten Menstruation abgeschnitten werden; ein deutlicher Hinweis auf den Zusammenhang dieser Feste mit der Pubertät. Löcher dienen zum Durchstecken der Arme und für Augen und Mund. Ein langer Behang aus Palmfasern verdeckt die Beine der Tänzer. Die Spitze der Kapuze wird beim Fest mit einer Federkrause und einem Anhänger auB dem Balg eines kleinen Säugetieres geschmückt. Die größere Maske nennt der Häuptling „Mann“, die kleinere „Frau“. Sie treten stets paarweise auf und stellen den Dämon des Yuruparyfestes und seine Frau dar. . In der Regel besitzt jeder Stamm nur ein Paar, das der Oberhäuptling in Verwahrung hat und an andere Malokas für die Dauer des Festes verleiht. Die Feste, bei denen mit diesen Masken getanzt wird, sind mit schweren Geißelungen der Teilnehmer verbunden.

Am unteren Hafen von Yauareté findet sich eine künstliche Felsritzung, die man mit einiger Phantasie für eine Tapirspur halten könnte. In uralter Zeit, als Yaperikuli noch unter den Menschen weilte, sei ein riesiger Tapir von hier aus in den Fluß gesprungen und habe die Spur hinterlassen. Auf der Weiterfahrt erzählt man uns, Indianer hätten in der Abwesenheit Abilios sein Haus geplündert. .Das haben die Leute von Ipanoris getan!“ sagt sofort Joäo, aus dem die alte Todfeindschaft zwischetf den beiden Abteilungen des Tarianastammes spricht. Am Ort der Tat stellt sich die .große Plünderung“ als ein kleiner Diebstahl heraus. Durchreisende Indianer haben einen Koffer erbrochen und etwas Kattun und Perlen daraus entwendet. Das ist alles! — So wächst eine Nachricht im Munde der Indianer von Ort zu Ort lawinenartig an. Die Stromschnelle von Ipanorä umgehen wir mit dem Gepäck auf einem Pfad über Land. Die leeren Boote fahren die Leute durch den nördlichen Hauptarm, da der schmale und harmlose Nebenarm, den wir auf der Hinreise benutzten, trocken liegt. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Montaria wäre in den großen Strudel gezogen worden. Schmidt, der an der tollen Fahrt teilnahm, stand eine nicht geringe Angst aus. Vor Jahren verlor hier ein Weißer ein großes Boot mit der gesamten Mannschaft; alle Indianer ertranken in den furchtbaren Strudeln.

Über die Entstehung der zahlreichen Stromschnellen des Caiary und seinen vielfach gewundenen Lauf haben die Indianer folgende Sage: Vor vielen, vielen Jahren kam von Westen her eine riesige Schlange. Die anderen Tiere wollten sie töten. Überall, wo heute Stromschnellen sind, stellten sie ihr Hindernisse in den Weg: Bei Taiasu suchte eine Reihe von Wildschweinen sie aufzuhalten, bei Yacar£ ein großer Alligator; bei Tapira-girao hatten die Tapire eine große Falle (girao) gebaut, um die Schlange zu fangen; bei Matapy hatten die Tiere eine gewaltige Reuse gelegt; bei Yandu hatte eine große Spinne ihr Netz ausgespannt; bei Arara kamen viele große Araras geflogen und ließen Felsen, die sie im Schnabel trugen, auf sie herabfallen, usw. Doch die Schlange war stärker und überwand alle Hindernisse. Die Bewohner des unteren Caiary hatten schon einen großen Topf verfertigt, um das Ungeheuer darin zuzubereiten. Nun stülpten sie den unnütz gewordenen Topf um, der bis auf den heutigen Tag in der abgerundeten Kuppe der Panella-uitera zu sehen ist. Bei .Süo Gabriel wurde die Schlange endlich gefangen und getötet. Noch heute sieht man dort die „Kessel“, runde Löcher in den Felsen, in denen sie gekocht wurde.

In Nanarapecuma treffen wir Salvador und Hildebrando, die mit einem kleinen Lastboot auf der Fahrt nach Ipanore sind. Wir erhalten die traurige Nachricht, daß am 8. November Salvadors Haus mit dem ganzen Inhalt und alle Hütten flußabwärts davon niedergebrannt sind. Es war noch ein Glück, daß gerade ein scharfer Nordwind wehte; sonst wäre von der sauberen Ansiedlung nichts übrig geblieben. Der Brand war durch die Unvorsichtigkeit einer indianischen Dienerin entstanden, die auf offenem Herd mit Petroleum Feuer angezündet hatte. Salvador war während des Unglücks mit seiner Familie auf dem Fischfang an einer nahen Lagune. Sie haben nur gerettet, was sie auf dem Leibe trugen. Auch der Rest meiner Ausrüstung, der in Salvadors Haus lagerte, Flinten, Munition, Tauschwaren u. a, ist verbrannt. Ich bange um meine Tagebücher und Wörterlisten, Früchte meiner Reisen zum Issana und Tiquie, und verbringe einige schlaflose Nächte, bis ich in Säo Felippe, wo wir am 1. Januar 1905 ankommen, erfahre, daß ich am Tage unserer Abreise diese Schätze Don Gennano anvertraut hatte, dessen Haus vom Feuer verschont geblieben ist. Ich wäre sonst noch einmal zum Issana gefahren.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Durch die Stromschnellen des Rio Negro
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Baniwa-Stämmmen am Rio Issana
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zu den Huhuteni- und Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – In Cururu-cuara
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Tanzfest in Ätiaru
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Jagdwaffen und Jagd am Aiary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kaua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Über Land zum Gaiary-Uaupes
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Krankheit, Tod, Begräbnis, Hochzeit bei den Siusi-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Curicuriary
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bei den Tukano- und Desana-Indianern
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – An der Pary-Cachoeira und zurück nach São Felippe
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Bis Yauareté
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Fischfang und Fischereigerät
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Es gibt keine Hölle für die Cachoeirafahrer
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Ins Quellgebiet des Caiary-Uaupes. Die Umaua
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Die Kobeua-Indianer und ihre Maskentänze
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Anbau und Verarbeitung der Maniok
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Flechten und Weben
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Töpferei
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Hausschmuck

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens


Am nächsten Morgen fahren wir ab. Mit Mühe passieren wir die ersten Stromschnellen, aber bereits am 25. Juli müssen wir oberhalb Camanaos, einer kleinen Ortschaft auf dem linken Ufer, das Boot mit unserem gesamten Gepäck verlassen, da es ein starkes Leck bat. Vierzehn lange Tage liegen wir hier fest, unter einem elenden, nach allen Seiten offenen Indianerschuppen, der gegen die jeden Tag und fast jede Nacht niedergehenden schweren Wetter mit Sturm nur ganz ungenügenden Schutz gewährt. Der Führer des nach São Gabriel zurückgesandten, lecken Bootes, der uns in wenigen Tagen mit einem besseren Boot abholen wollte, hält sein Versprechen nicht, so daß wir gezwungen sind, uns an den Subprefeito (Polizeipräfekt) unterhalb Camanaos zu wenden. Meine offiziellen Empfehlungen verschaffen uns nach einigen Weitläufigkeiten ein Fahrzeug mit der nötigen Mannschaft. Am 8. August geht es weiter, über eine Reihe schlimmer Stromschnellen, die je nach dem Wasserstande einen sehr gefährlichen oder ganz harmlosen Charakter haben. Malerisches Felsengewirr zeichnet die Cachoeira das Furnas aus. Auf ihrem schroff abfallenden Ufer bilden übereinandergetürmte Felsblöcke eine tiefe Grotte (furna), die dem Platz den Namen gegeben hat. Nicht weit davon ruht ein riesiger Felsen mit seinem spitzen Ende auf einem anderen, hart an der Grenze der Möglichkeit, wie ein gewaltiger Pilz; ein beängstigender Anblick. Zwei Tage später kommen wir in São Gabriel an, wo wir drei Wochen vorher hätten sein müssen.

São Gabriel, die „Hauptstadt“ des oberen Rio Negro, ist heute ein erbärmliches Nest, fast ohne Einwohner. Die Häuser sind zum großen Teil verlassen und liegen in Ruinen. Die einzige Straße ist dicht mit Gras und Unkraut bewachsen, mit Kothaufen bedeckt, ein Tummelplatz des lieben Viehes. Der felsige Boden trägt nur eine dünne Humusschicht und ist wenig fruchtbar, höchstens als Viehweide zu benutzen. Etwas Rindvieh wird gehalten, ein paar magere Schweine, die nachts in den Häuserruinen ihren Unterschlupf finden. Die wenigen Bewohner des Städtchens haben selbst nichts zu essen. Dort herrscht das umgekehrte Verhältnis als gewöhnlich: die Einwohnerschaft nährt nicht die Durchreisenden, sondern wartet, bis diese ihr Lebensmittel bringen. Doch — São Gabriel ist der Sitz der Regierung, des Superintendenten mit einer Leibwache von fünf Polizeisoldaten, die in einem halbverfallenen Hause, das den stolzen Namen „Quartel“ (Kaserne) führt, tatenlos ihre Tage verbringen. Die Umgebung des Städtchens ist reizvoll: dicht dabei erhebt sich eine steile Anhöhe, eigentlich ein einziger riesiger Felsblock, der von den Ruinen einer Festung aus alter, besserer Zeit gekrönt ist. Die wie das Innere von üppiger Vegetation überwucherten Umfassungsmauern sind in unregelmäßigem Fünfeck angelegt und noch bis zu den Schießscharten wohl erhalten. Im Innenraum, vom Gestrüpp halb versteckt, liegen an mehreren Stellen alte, plumpe, eiserne Kanonenrohre, vom Rost zerfressen und zerbrochen, die anscheinend aus dem Ende des siebzehnten oder Anfang des achtzehnten Jahrhunderts stammen und der Grenzwacht gegen die spanischen Besitzungen flußaufwärts den nötigen Nachdruck verleihen sollten.

Die „Fortaleza“ muß früher ein militärischer Punkt erster Ordnung gewesen sein. Nach allen Seiten beherrscht sie, an einer scharfen Biegung des Flusses gelegen, weithin die Umgegend. Die Aussicht von der Höhe ist herrlich: Im Osten, jetzt in der Feme verschleiert, erblickt man die schroffen Abfälle der Serra de Curicuriary; im Westen hebt sich das sphinxähnlich geformte Cabarygebirge scharf vom Horizont ab. Dahinter erkennt man Höhenzüge des Rio Caiary-Uaupes. Am Fuße des Felsens liegen zerstreut die hellen Häuschen des Ortes. Auf den zahlreichen Inseln ira Strom lugen braune Palmstrohhütten aus frischem Grün. Stille Buchten, von malerischen Gruppen der Yauary-Palme eingefaßt, laden ein zu erfrischendem Bad. Oberhalb braust mit riesigem Wogenschwall die Cachoeira da Fortaleza, die bedeutendste und gefährlichste der Stromschnellen des Rio Negro. Dazu herrscht hier oben trotz der Hitze des Äquators eine reine, gesunde Gebirgsluft. — In allem ein herrliches Bild und, sieht man von dem verrotteten Menschenwerk ab, ein herrliches Fleckchen Erde. Zum Stützpunkt für meine künftigen Unternehmungen kann ich diesen Platz nicht wählen. Die Arbeit in den Kautschukwäldem beginnt jetzt, und in kurzem wird das ganze Nest leer stehen. So will ich der Einladung meiner Freunde vom Dampfer folgen und zunächst Herrn Garrido in Säo Felippe aufsuchen. Dort werde ich, wie man mir versicherte, die weitestgehende Hilfe finden. Von dort aus hoffe ich auch am besten eine Reise zum Rio Issana unternehmen zu können, den man mir als Sitz einer Reihe kunstfertiger Indianerstämme gerühmt hat.

In einem größeren Boot, das mir der Superintendente zur Verfügung stellt, beginnt am 1Ö. August abermals die beschwerliche Bergfahrt. Am dritten Tag haben wir alle Stromschnellen hinter uns und machen einen kurzen Halt in Süo Joaquim, einem Indi&nerdorf an der Mündung des Caiary-Uaupes, um Ruderer zu wechseln. Auch diese Ortschaft steht unter dem Zeichen der Heiligenfeste; doch gibt es unter der Menge der Festteilnehmer keinen einzigen Betrunkenen, was nicht etwa einer ausnahmsweise nüchternen Gesinnung zu verdanken ist, sondern dem traurigen Umstande, daß die Würze des Festes, der Schnaps, ausgegangen ist, den sie nun von uns haben wollen. Das ganze Schnellengebiet des Rio Negro, in dessen Mittelpunkt ungetähr Silo Gabriel liegt, besteht eigentlich aus einer fortgesetzten Stromschnelle, die von den Anwohnern nach den einzelnen Abstürzen und Fel8vorBprüngen an beiden Ufern in etwa vierzig verschiedene Schnellen mit besonderen Namen geteilt wird.

Am 22. August passieren wir das Indianerdorf Santa Anna auf dem linken Ufer, eine ehemalige Mission, an die noch die ruinenhafte Kapelle erinnert. Die Bewohner sind alle beim Fest in Säo Joaquim. Gegen Mittag landen wir an einer langgestreckten Bank aus weißem Sand, hinter der einige helle Häuschen in einer Reihe liegen. Wir sind in São Felippe. Dank der Intelligenz und der dreißigjährigen rastlosen Tätigkeit eines Mannes bildet Säo Felippe eine wohltuende Ausnahme in den verlotterten Zuständen des Rio Negro. Don Gennano Garrido y Otero, ein geborener Nordspanier, führt hier ein strenges, aber gerechtes Regiment. Das ganze kleine Gemeinwesen mit seinen sauberen, freundlichen Häuschen, die von Germano und seinen beiden ältesten Söhnen mit ihren Familien bewohnt werden, glänzt von Ordnung und Wohlstand. Die vorgelagerte, riesige Sandbank, das weithin sichtbare Wahrzeichen von São Felippe, bietet in ihrer blendenden Reinheit gewissermaßen ein Sinnbild des ganzen Ortes und des Charakters seiner Bewohner. Ich werde hier auf das herzlichste aufgenommen und lerne in Don Germano einen in jeder Beziehung außergewöhnlichen Mann kennen. Er hat sich sein europäisches Wesen und Denken treu bewahrt, und das will viel heißen in diesem Lande, zumal dort an der äußersten Grenze – europäischer Gesittung. Wenn ich hier bei der Schilderung dieses besten meiner brasilianischen Freunde länger verweile, so ist es ein Herzensbedürfnis und

eine Pflicht der Dankbarkeit dem gegenüber, der an dem Gelingen meiner Reisen einen großen Anteil bat. leb habe kaum je einen Mann in seinem Alter getroffen, der über eine so vielseitige Bildung, eine solche Spannkraft des Körpers und Geistes und jugendliche Begeiste-rungsfahigkeit verfügt, wie mein alter Freund. Ich habe ihn oft bewundert, wenn er nach schwerer Tagesarbeit bis spät in die Nacht hinein in lebhaftem und anregendem Gespräch aushielt. Ich muß gestehen, er brachte mich oftmals in die größte Verlegenheit, wenn er in einem Atem über das europäische Gleichgewicht, den Nobelpreis, die „gelbe Gefahr*“ u. a. diskutierte, wenn er in der alten, neueren und neuesten Geschichte den besten Bescheid wußte und aus den Schlachten der Napoleonischen Kriege genau die Namen der führenden Offiziere und die Stellungen der einzelnen Armeekorps kannte. Über die Weltlage ist er wohl unterrichtet, denn er hält gute Zeitungen, wenn auch die Neuigkeiten infolge des weiten Weges erst einen Monat später nach Säo Felippe gelangen. Sein größter Stolz ist seine kleine Bibliothek, die nur gute Bücher der verschiedensten Wissenschaften und von Schriftstellern verschiedener Nationalität in spanischer und portugiesischer Übersetzung enthält. Meinen Studien brachte Don Germano das größte Interesse entgegen und suchte mir stets die Wege zu ebnen. Seine unbeschränkte Gastfreundschaft, seine uneigennützige Hilfe, die nie versagte, seine wahrhaft väterliche Liebe werde ich nie vergessen. Als ich nach meinen zweijährigen Kreuz- und Querfahrten endgültig von dem prächtigen Alten Abschied nahm, da war es ein schwerer Abschied für uns beide.

Zwischen den beiden größten und volkreichsten Nebenflüssen des oberen Rio Negro, dem Caiary-Uaupes und dem Issana, und nur wenige Tagereisen von der venezolanischen Grenze, an einer geraden, ruhigen Flußstrecke hat Säo Felippe eine vortreffliche beherrschende Lage. Es ist die natürliche Station für die großen venezolanischen Lastboote, die den Verkehr zwischen San Carlos und Manaos, zwischen Venezuela und Brasilien vermitteln. Seinen Hauptverdienst aber findet das Haus Garrido, wie so viele andere, im Kautschukhandel. Während der Regenzeit, wenn der Fluß seinen hohen Stand hat und die Schiffahrt bequemer und weniger gefahrdrohend ist, schickt Don Germano allmonatlich ein Lastboot flußabwärts nach Trindade oder Sta. Lsabel, um die Waren zu holen, die der Manaosdampfer auf seine Bestellung dorthin gebracht hat, und die dann in Säo Felippe aufgestapelt werden. Kommt die Trockenzeit heran, der „Sommer“, der gewöhnlich vom August bis in den Februar hinein dauert, dann rüstet man sich zur Kautschukernte. Don Germano sendet seine stattlichen Söhne aus, die teils am unteren Caiary mit halbzivilisierten Indianern selbst Kautschuk ausbeuten, teils den oberen Rio Negro bis zur venezolanischen Grenze befahren, um Kautschuk gegen europäische Waren einzutauschen. Sind mehrere tausend Kilo beisammen, so bringt sie ein großes Lastboot zum Manaos-dampfer, wo sie von dem Vertreter des Hauses Araujo Rozas & Co. in Empfang genommen und nach dem jeweiligen Preis berechnet werden; eine etwas unsichere Spekulation, da der Preis für den Kautschuk beständig schwankt.

Das fortwährende Hin- und Herfahren in den großen Ruderbooten und die Ausbeutung der Kautschukwälder erfordern natürlich das ganze Jahr hindurch eine Menge Arbeitskräfte, die für São Felippe in erster Linie der untere Issana stellt. Die dortigen Indianer stehen, ebenso wie ein guter Teil der Indianer des unteren Caiary, zum Hause Garrido in einer Art von Schuldsklavenverhältnis, das am ganzen Rio Negro von den weißen Grundbesitzern und Händlern gegenüber den Eingeborenen angewendet wird. Der Weiße liefert dem Indianer so viele Waren, wie er haben will, auf Vorschuß und berechnet sie je nach seiner Ehrlichkeit mit entsprechend hohen Preisen. Der Schuldner muß nun die oft sehr großen Summen abarbeiten, entweder durch Lieferung von Maniok-grütze und anderen Landesprodukten oder durch Arbeit in den Kautschukwäldern. Bisweiten wird er auch monatelang in der nächsten Umgebung des Herrn als Jäger und Fischer verwendet. Bei der Abrechnung wird es stets so eingerichtet, daß der Indianer nicht aus der Schuld herauskommt. Selbst wenn er seine ganze Schuld getilgt hat, erhält er wieder so viele neue Waren auf Vorschuß, daß er immer in Abhängigkeit bleibt. Dieses System der Schuldsklaverei ist vom rein moralischen Standpunkte aus gewiß zu verwerfen, aber es ist in diesen Gegenden ein durchaus notwendiges Übel, um überhaupt Arbeitskräfte zu bekommen, und hat seinen Grund in der Indolenz der Indianer und ihrem Widerwillen gegen ungewohnte Arbeit. Es bedarf eines gewissen Druckes, um den Indianer zu einer regelrechten Arbeit zu bewegen, und dieser Druck wird eben durch die Schulden ausgeübt. Gewissenlose Händler und Ansiedler machen sich freilich dieses System häufig zunutze und beuten die armen Indianer in unverantwortlicher Weise aus.

Don Germano sucht mit aller Macht diesem Unwesen zu steuern und die Indianer vor ihren Ausbeutern zu schützen. Sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn zeigt sich gerade in seiner Stellung zu seinen zahlreichen Untergebenen. Er behandelt seine Indianer mit patriarchalischer Strenge, aber doch mit Güte, wie ein Vater seine Kinder. Die Indianer wissen, daß sie von ihm nie mißbraucht, oder übervorteilt werden. Sie wissen, daß er ihr Freund ist, und suchen bei ihm Schutz vor den Übergriffen anderer. Die Abhängigkeit der Indianer von einzelnen großen Herren kann für den Reisenden eine Kette von Verzögerungen werden. Auch für viel Geld und gute Worte kann man oft am Rio Negro keine Boote und Ruderer bekommen, da die Bewohner entweder auf Arbeit abwesend sind, wie in der Kautschukzeit, oder doch beständig ihren Herren zur Verfügung Btehen müssen. Nur die Freundschaft mit letzteren öffnet einem meistens die Wege. In meinem Entschluß, zunächst den Rio Issana und die anwohnenden kunstfertigen Stämme der Aruakgruppe zu untersuchen, werde ich von Don Germano bestärkt. Es trifft sich günstig, da Bein Sohn Salvador, mit dem ich schon auf dem Dampfer Solimöes Freundschaft geschlossen habe, in den ersten Tagen des September den Issana ein gutes Stück aufwärts fahren soll, um Maniokgrütze aufzukaufen und Indianer für die bevorstehende Arbeit in den Kautschukwäldern zu holen. Unsere Abreise wird jedoch sehr verzögert. Unangenehme Zwischenfälle versetzen die Indianer der ganzen Umgegend in Aufregung. Der Kommandant der brasilianischen Grenzstation Cucuhy, acht Tagereisen oberhalb Silo Felippe, ein simpler Leutnant mit fünf Mann, treibt einen schwunghaften Handel mit Venezuela. Er läßt Waren in Transit von drüben kommen und schmuggelt sie über die Grenze. Als Ruderer für seine Boote hat er durch seine Soldaten — es sind gerade nicht die besten, die in diese entlegenen Grenzstationen gesteckt werden — am unteren Issana Indianer mit Gewalt und unter argen Mißhandlungen ausheben lassen. Freilich sind sie ihm bald wieder entlaufen, aber die Nachricht von diesen Gewalttätigkeiten hat sich rasch am ganzen Fluß verbreitet und die Bewohner weithin bewogen, ihre Dörfer zu verlassen und sich in die Wälder zu flüchten. An eine Reise zum Issana ist unter diesen Umständen vorläufig nicht zu denken.

Meine unfreiwillige Wartezeit verstreicht nicht unbenutzt. Ich kann meine Kenntnisse in der Lingoa geral, diesem einzigen Verkehrsmittel auch mit entfernter wohnenden Stämmen, befestigen und in aller Ruhe photographische und sprachliche Aufnahmen machen, wodurch ich eine gute Grundlage für meine späteren Unternehmungen gewinne. Abgesehen von den zahlreichen Hausbediensteten, die verschiedenen Stämmen angehören, herrscht in Säo Felippe ein starker Verkehr von Indianern des Issana und des Caiary-Uaupes. Don Germano stellt mir alles bereitwilligst zur Verfügung und läßt oft Leute von weither kommen, um mir dienlich zu sein. Eines Tages bringt ein Massenbesuch der Wanderameise die kleine Ansiedlung in komische Aufregung. Ein dichter Zug dieser energischen Tierchen kommt vom Walde her und richtet sich gerade auf die Häuser. Einen großen Schuppen, unter dem Bauholz und Piassabataue lagern, haben sie bereits in Besitz genommen; die Termiten verlassen entsetzt ihre Schlupfwinkel. Wir befürchten schon, daß sie auch den Wohnhäusern einen unliebsamen Besuch abstatten würden, denn kein Hindernis hält sie auf ihrem Wege auf, aber sie scheinen sich eines Besseren zu besinnen und wenden sich in einem großen Bogen wieder dem Walde zu. Eine solche Einwanderung ist bisweilen so arg, daß selbst die Menschen zeitweise das Feld räumen, d. h. ihre Häuser verlassen müssen, solange die Reinigungsarbeit dieser fleißigen Tiere dauert. Alles Ungeziefer, Schaben, Termiten, Skorpione, Tausendfüße, selbst Schlangen werden erbarmungslos von ihnen vertilgt. Auf meinen späteren Reisen sah ich mich mehrfach gezwungen, das Wald-lager mitten in der Nacht abzubrechen und an das andere Ufer zu fahren, um ihren schmerzhaften Bissen zu entgehen. In verhältnismäßig kurzer Zeit sollen diese Ameisen auf ihrem unaufhaltsamen Zuge große Strecken zurücklegen.

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Auf dem Rio Negro bis Trindade

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens

Einen ganzen Monat schon bin ich in Manaos, der für den Kautschukhandel bedeutendsten Stadt des inneren Amazonasgebietes. Hart an der Grenze des Unbekannten, am Rande des ewigen Urwaldes gelegen, bildet sie ein eigenartiges Gemisch von Zivilisation und Wild heit, von Großstadt und Indianerdorf. Für den 27. Juni (1903) war die Abfahrt des Rio Negro-Dampfers festgesetzt, der mich bei dem hohen Wasserstande bis Trindade unterhalb der großen Stromschnellen bringen soll. Von einem auf den anderen Tag wird, treu der sprichwörtlichen brasilianischen „paciencia“, die Reise verschoben. Endlich am 30. Juni wird es Ernst. Das Schiffchen hat die Ausfahrtsflagge aufgezogen. Um fünf Uhr abends soll es losgehen — es wird den andern Morgen zwischen vier und fünf Uhr.

Der Gouverneur des Staates Amazonas hat mich mit den besten Empfehlungen an alle Behörden des Rio Negro-Gebietes ausgestattet. Meine Ausrüstung habe ich in Manaos sehr vervollständigt und als Diener einen jungen Brasilianer gewonnen, Sohn deutscher Eltern, namens Otto Schmidt aus Victoria in Espiritu Santo. So sind alle Vorbedingungen erfüllt. Unser alter Radkasten „Solimöes“ gehört dem großen Handelshaus Araujo Rozas & Co. in Manaos, das den Handel im Rio Negro-Gebiet fast ausschließlich beherrscht. Er ist mit Fracht überladen und geht sehr tief, was bei seiner Altersschwäche wenig vertrauenerweckend ist. Wir Passagiere sind eine bunt zusammengewürfelte Gesellschaft: Eingeborene Brasilianer und Venezolaner, Spanier und Portugiesen, ein Korse und ein Syrer vom Libanon, Handelsleute vom oberen Fluß, die sich ein paar Wochen in Manaos aufgehalten haben, um Geschäfte abzuschließen und nebenbei etwas „Großstadtluft“ zu atmen. Sie fuhren eine Menge Waren mit sich als Lohn für die Arbeiter in der kommenden Kautschukernte. Das Oberdeck, das zugleich die I. Kajüte verkörpert, ist bei diesen kleinen Flußdampfern überdacht, aber nach den Seiten offen und dient zugleich als Speise-, Rauch- und Schlafraum. Nachts hängt hier eine Hängematte neben der andern; denn in den dumpfen Kabinen zu schlafen, ist kein Genuß. Sie sind für einige Frauen und Kinder und das Handgepäck der Passagiere bestimmt. Moskiten gibt es am Rio Negro nur wenige, und wenn man nachts auch einmal vom Regen überrascht wird, man gewöhnt sich bald daran, kriecht unter die warme Decke und schläft weiter trotz Sturm und Ungewitter. Während wir in Manaos schon mitten in der Trockenzeit waren, haben wir bereits eine Tagereise flußaufwärts merkwürdigerweise eine ganz andere Jahreszeit und fast jede Nacht, häufig auch am Tage heftige Regengüsse, bisweilen echte wütende Tropenunwetter, von denen man sich in Europa keine rechte Vorstellung machen kann; ein unheimliches und zugleich großartiges Schauspiel. Die dichten Wände der Ufervegetation sind in der finsteren Nacht von ununterbrochenen Blitzen grell beleuchtet. Schmetternde Donnerschläge lassen das Schiff erzittern und finden ihren lange anhaltenden Widerhall in den Gründen des Urwaldes; dazu tobt der Sturm, und ein Regen gießt herab, den man eigentlich nicht mehr „Regen“ nach unseren zahmen Begriffen nennen kann: der Himmel bricht zusammen.

Das Essen auf unserem Dampfer ist erträglich, doch spielen „Garne secca“ (getrocknetes Salzfleisch) und geräucherter Pirarucu-Fisch in verschiedener Form der Zubereitung eine große — nach dreitägiger Fahrt die einzige — Holle. Die Fleischtöpfe von Manaos liegen hinter uns. Auch das „Zwischendeck“, d. h. das Hinterdeck unter uns, ist stark besetzt. Überall liegen die Leute in den kreuzweise übereinander gespannten Hängematten, auf dem Gepäck und am Boden umher, in friedlicher Nachbarschaft des Proviantochsen. Unter ihnen befindet sich ein halbes Dutzend Indianer, Bare und Baniwa vom oberen Rio Negro, Bedienstete der Kajütpassagiere. Täglich treibe ich mit ihnen Sprachstudien bis zur gegenseitigen Ermüdung, ich glaube, zum Entsetzen der meisten Passagiere, die lieber Tag und Nacht Hasard spielen.

Die Fahrt auf dem unteren Rio Negro bietet viel Abwechslung, schon wegen der zahlreichen Ansiedlungen, die teils die hellen Häuschen der wenigen weißen Anwohner zeigen, teils die braunen Palmstrohhütten der mehr oder weniger zivilisierten Indianerbevölkerung, die am ganzen Fluß überwiegt. Oft liegen wir stundenlang an kleinen Plätzen still, um Holz einzunehmen zur Heizung des Dampfkessels. Malerische Palmengruppen unterbrechen bisweilen die schöne Hochwaldvegetation der Ufer; hohe Wände aus rötlichem Sandstein wechseln mit längeren Strecken flachen Landes, die das Hochwasser überschwemmt hat. Besonders das nördliche Ufer ist niedrig und der Überschwemmung ausgesetzt, weshalb sich auch auf dem südlichen höheren Ufer fast alle Niederlassungen befinden. Ohne bemerkenswerte Strömung, wie ein riesiger See, breitet sich die dunkle Flut aus. Zahlreiche Inseln verbergen das andere Ufer. Die Tierwelt ist außerordentlich arm; wenn das Wild sich von den Ufern zurückzieht, und die Fische sich in dem überschwemmten Walde verlieren, sind die Bewohner bisweilen ernstlichen Nahrungssorgen ausgesetzt.

Am frühen Morgen des 3. Juli laufen wir Moura an, die erste größere Ortschaft seit Manaos. Im Halbdunkel unterscheiden wir einige Häuschen und Hütten, in Reih und Glied am Ufer aufmarschiert. Wir befinden uns hier an klassischer Stelle. Gegenüber mündet der westliche Arm des geheimnisvollen Rio Yauapery, des Schlupfwinkels der „Indios bravos“, der „anthropophagos“, vor denen einst sogar Manaos gezittert haben soll. Im Jahre 1875 überfielen sie plötzlich in zwölf großen Kanus die Ortschaft Moura. Sie zwangen die Bewohner, sich auf eine Insel im Strome zu flüchten, wo sie sie mehrere Tage lang belagerten und mit Pfeilen beschossen, was diese mit Kugeln aus ihren Feuerwaffen erwiderten, bis endlich ein beherzter Mann einige Soldaten von Manaos holte, die die Indianer wieder in ihre Wälder jagten.

Bald oberhalb Moura passieren wir das Delta des Rio Branco, des größten linken Nebenflusses. Scharf hebt sich das helle Wasser des „weißen Flusses“ von dem dunkeln des Rio Negro ab und soll noch über 100 km neben diesem herfließen, ohne sich mit ihm zu vermischen.

Am 4. Juli liegen wir einige Stunden vor Barcellos, der Hauptstadt des mittleren Rio Negro. Seit 17B6 — Manaos war damals noch ein unbedeutendes Indianernest — war Barcellos, das ehemalige Indianerdorf Mariua, die Hauptstadt der ganzen „Capitania Rio Negro“ und hatte mehrere tausend Einwohner. Jetzt zählt es deren kaum ein paar hundert und macht mit seinen halbverfallenen Häusern einen verwahrlosten, öden Eindruck. Die Bewohner sind bleich, hohlwangig, vom Fieber zerrüttet. Von den Beamten in Manaos geht niemand gern dorthin. Auch wir geben dem Friedhof unseren Tribut, einen Bar£indianer, der auf der Reise im Zwischendeck gestorben ist. Zwei Kameraden tragen ihn in der Hängematte zur letzten Ruhestätte, die anderen folgen im Gänsemarsch. Schon dreimal hat der Dampfer getutet, und keiner der Leidtragenden kommt zurück. Schließlich muß der Kapitän sie durch Matrosen auf dem Gottesacker zusammenlesen lassen. Sie haben zuviel auf die Auferstehung des Toten getrunken.

Barcellos liegt am Beginn eines riesigen Flußbeckens, dessen größte Breite 5 bis 6 Legoas, etwa 35 000 m, betragen soll. Der Rio Negro ist hier bedeutend breiter als der Amazonenstrom unter demselben Längengrade. Nur wenige Inseln durchsetzen den Fluß. Das südliche Ufer erhebt sich in steilen Granitwänden. Am Nachmittag des 6. Juli kommen wir in Santa Izabel an, dem für den Handel des oberen Stromes wichtigsten Punkte des Rio Negro. Der Ort besteht aus wenigen mit Wellblech gedeckten Häuschen und einigen Indianerhütten, die, zerstreut und halb im Waldesgrün versteckt, auf dem südlichen Ufer und auf einer fast baumlosen Insel liegen. Im Hafen sehen wir neben schlanken Einbäumen einige große, plumpe Lastboote, die bisweilen 15 000 kg fassen und dazu dienen, die Waren über die bösen Stromschnellen des oberen Rio Negro zu schaffen. In Santa Izabel herrscht fast während des ganzen Jahres zu bestimmten Zeiten ein reger Verkehr. Es ist die Endstation der Dampfer, die nur bei sehr hohem Wasserstande bis Trindade, an den Fuß der großen Stromschnellen, fahren können. Hier ist, abgesehen von den wenigen Weißen, schon alles indianisch, merkwürdig häßliche Typen. Die „Lingoa geral“ (Gemeinsprache), dieses aus dem alten Tupi geschaffene Kunstprodukt der Missionare, das sich im Laufe der Zeit über einen großen Teil des Amazonasgebietes ausgebreitet hat, dient hier schon als unentbehrliches Verkehrsmittel.

Am anderen Morgen fahren wir weiter. Die Lastboote haben einen Teil der Fracht übernommen und werden an der Seite des Dampfers angebunden oder in das Schlepptau genommen, wo sie bei jeder Veränderung des Steuerruders weit herumschlenkern. Die Besatzung dieser Boote besteht nur aus Indianern. Einige neue Passagiere sind hinzugekommen, unter ihnen Salvador Garrido aus Sáo Felippe, der Herr eines Lastbootes, und Ricardo Vicente Cluny, Super-intendente1 von Sáo Gabriel, der Hauptstadt des oberen Rio Negro, an den ich offizielle Empfehlungen habe; ein günstiger Zufall. Gleich hinter der Niederlassung braust die erste Stromschnelle Tapuru-cuara (Raupenloch), wie sie in der Lingoa geral heißt, und gibt uns einen kleinen Begriff von dem, was unser stromaufwärts harrt, aber nur einen ganz kleinen. Wir haben zu wenig Dampf und können sie nicht nehmen. Der Dampfer steht zeitweise still, obwohl wir mit aller Kraft fahren. RechtB vom Schiff ragen gewaltige Felsen aus dem schäumenden Wasser hervor. Wir geraten in Gefahr, auf sie aufgetrieben zu werden. Allseits große Aufregung und viel Geschrei, besonders auf den nachschleppenden Booten, die von der Brandung heftig hin und her geschleudert werden. Zwei und eine halbe Stunde stehen wir so auf demselben Fleck und kommen trotz aller Anstrengung nicht weiter. Der Dampf geht aus, und unser alter Kasten gleitet zurück. Mehr Dampf wird angesetzt, ein neuer Anlauf genommen, und endlich gelingt es. Wir überwinden den toten Punkt und fahren langsam an den gefährlichen Felsen vorbei in ruhigeres Wasser.

Oberhalb Tapuru-cuara wird der Fluß viel schmäler und hat fortgesetzt starke Strömung, die sich an den vorspringenden Granitfelsen des rechten Ufers bricht und zahlreiche Strudel bildet. Wir sind in die Gebirgsregion eingetreten. Gegen Mittag kommen voraus im Westen auf dem rechten Ufer kegelförmige Berge in Sicht, eine ganze Kette, Serra de Jacami. Wir passieren die Ansiedlung Boa Vista. Ein hübsches Wohnhaus von ganz zivilisiertem Aussehen, einige bescheidenere Häuschen und Hütten, reizend unter schlanken Palmen und hoben Laubbäumen auf felsigem, sanft ansteigendem Ufer gelegen, rechtfertigen den Namen. Mit Sonnenuntergang legen wir uns angesichts des Gebirges für die Nacht an einem Baume fest, dessen Krone daa Hochwasser erreicht hat. Wir haben nur einen Lotsen, der zwölf Stunden ununterbrochen Dienst tut, und die Fahrt in den engen Kanälen zwischen den Felsen, dio bisweilen nur wenig unter Wasser liegen, bietet mancherlei Gefahren.

In den nächsten Tagen passieren wir mehrere kleinere Stromschnellen und nähern uns dem Curicuriaiy-Gebirge, das sich auf dem rechten Ufer nahe der Mündung des gleichnamigen Nebenflusses in majestätischer Massigkeit bis zu 1000 m erhebt und mit seinen kahlen, schroff abfallenden Felskuppen aus rötlichem Gestein einen herrlichen Anblick gewährt. Von diesem Gebirge erzählt man sich wunderbare Geschichten. Auf dem Gipfel des höchsten Berges breite sich ein großer See aus, und auf ihm sei ein steinernes Boot aus uralter Zeit. An einer anderen Stelle finde man ein hohes Steintor und dahinter Felsen in Gestalt von allen möglichen Tieren. Indianerlügen und Übertreibungen, die „Lust zu fabulieren“, die gerade in dieser Tropenwelt die üppigsten Blüten zeitigt. Vor einigen Jahren habe eine schwache Erderschütterung stattgefunden, und ein Teil des Gebirges sei abgestürzt.

In den dortigen Wäldern streifen zahlreiche wilde Maku, die teilweise noch in der Steinzeit leben sollen. Bisweilen erscheinen sie am Ufer des Rio Negro, um europäische Kleinigkeiten gegen Jagdbeute einzutauschen. Kurz oberhalb der Mündung des Curicuriary liegt die Niederlassung Trindade, unser vorläufiges Reiseziel, wo wir am 10. Juli ankominen. Sie ist das Besitztum des Portugiesen Jose Antonio dos Reis, der am ganzen Rio Negro unter seinem Spitznamen Salabardot bekannt ist, und besteht aus einem halben Dutzend Häuschen und Indianerhütten und einer Kapelle, die einzustürzen droht. Die Ameisen haben sie untergraben. Hinter der Ansiedlung erstreckt sich bis zum Urwald eine künstliche Savanne, auf der zahlreiches Vieh weidet. Die Vegetation darauf sieht ganz europäisch aus, rote Mähen und blaue Blümchen, ähnlich unserer „Männertreu“. Und doch ist es anders. Die Luft, die Beleuchtung stimmt nicht dazu, und das frische Grün unserer Fluren fehlt. Es ist eine bemerkenswerte Erscheinung, die wir jedoch auch in Europa beobachten können, daß an Stellen, wo der Wald abgerodet wird, sofort eine ganz andere, sich stets gleichbleibende Vegetation emporschieüt, deren Samen bis dahin im Boden schlummerten. Charakteristisch für derartige Grasflächen, aber weniger erfreulich sind unzählige, winzig kleine rote Milben, deren Stich höchst unangenehm juckende Pusteln hervorruft.

Eine Landungsbrücke führt zum Fluß. Daneben steht ein etwas primitives Lagerhaus. Das Ufer wimmelt von Indianern, der Hafen von Lastbooten und Kanus, die auf den Dampfer warten, der ihre Herren und die Waren bringen soll. Zu meiner Freude treffe ich hier einen halben Landsmann, einen Engländer deutscher Abkunft, Alfred Stock-man, der über den Casiquiare zum Orinoco fahren will, um die dortigen Wälder auf Kautschuk zu untersuchen. —Während der nächsten vier Wochen teilen wir als gute Kameraden Freud und Leid der Reise. Hier entwickelt sich sofort eine fieberhafte Tätigkeit. Die Waren werden aus dem Dampfer auf die Boote übergeladen. Eine Unmenge Rum ist dabei, dieser würdige Helfershelfer der sogenannten Zivilisation. Es ist erstaunlich, welche schweren Lasten diese Indianer, wohlgebaute, sehr muskulöse, wenn auch durchschnittlich kleine Leute, auf dem bloßen Rücken schleppen können. Auch wir bringen unser Gepäck einstweilen in einem der Häuser unter bis zur Ankunft des Bootes, das uns der Superintendente von Sáo Gabriel versprochen hat. Nach zwei Tagen fährt der Dampfer nach Manaos zurück, und wir nehmen damit für längere Zeit gewissermaßen Abschied von der zivilisierten Welt. Nachmittags setzen sich auch die plumpen Lastboote, von den kräftigen Indianergestalten taktmäßig gerudert, stromaufwärts in Bewegung. Meine Freunde haben mich noch wiederholt eingeladen, sie auf ihren Besitzungen zu besuchen, und mir jede Hilfe zugesichert.

Diese Lastboote haben je nach ihrer Größe zehn bis sechzehn Ruderer, die, auf einem erhöhten Verdeck am Bug stehend, das Fahrzeug an ruhigeren Stellen mit langstieligen Paddelrudern {fortbewegen. Das Heck bedeckt die mehrere Meter lange Tolda, ein aus Latten und mehreren Lagen Palmblätter festgefügtes Sonnendach. Am äußersten Ende des Bootes, das Querholz des mächtigen Steuerruders mit fester Hand haltend, waltet der Pilot seines verantwortungsreichen Amtes, der Tüchtigste der Mannschaft, der jeden Stein in den oft sehr engen Kanälen der Stromschnellen kennen muß, und von dessen Können und Kaltblütigkeit häufig das Leben aller Insassen abhängt. Bei stärkerer Strömung wird das Fahrzeug mit Haken am Ufergebüsch weitergezogen und mit gabelförmig auslaufenden Stangen fortgestoßen. In den Stromschnellen aber dient vor allem die Espia, ein armdickes, etwa 50 m langes Tau, das aus den sehr widerstandsfähigen Fasern der Piassabapalme (Attalea funifera Mart.) geflochten ist. Die Herstellung solcher Taue, die sich zu diesem Dienst besonders eignen, da sie auf dem Wasser schwimmen und nicht faulen, bildet einen einträglichen Erwerbszweig der zahmen Indianer des oberen Rio Negro. Auch Besen werden aus diesen Fasern gemacht. In den Stromschnellen fährt die Bedienungsmannschaft der Gspia im leichten Kanu voraus, schlingt das Tau fest um einen Uferbaura und kehrt mit dem anderen Ende zum Lastboot zurück. Die Ruderer des Bootes holen nun das Tau ein und ziehen so das Fahrzeug stromaufwärts. Das Kanu ist währenddessen an der Seite des Lastbootes befestigt und nimmt das Tau auf, das sorgfältig in regelmäßigen Windungen aufgescbichtet wird, damit es sich nicht verwirrt. Oben angekommen, wiederholt sich dieselbe Sache. Bisweilen werden vier bis fünf solcher Taue zusammengebunden. In den größeren Stromschnellen, besonders an Abstürzen, wird das Lastboot entladen und mit großer Mühe und Zeitverlust vorsichtig weiterbugsiert und über die Felsen geschoben, wobei man noch von Glück sagen kann, wenn das Fahrzeug nicht von den heftigen Wogen wider die zackigen Klippen geschleudert wird und zerschellt. Daher kommt es, daß eine solche Reise nur sehr langsam vonstatten geht, und daß man z. B. zum Durchfahren der Stromschnellen des Rio Negro flußaufwärts eine Woche braucht, während man dieselbe Strecke bei der Talfahrt in einem Tage zurücklegt.

Die Wartezeit bis zur Ankunft unseres Bootes wird mit Studien an den zahlreichen Indianern ausgefüllt. In Jucaby, einer kleinen Ansiedlung nahe der Mündung des Curicuriary, wohin ich am 14. Juli einen Abstecher im Kanu mache, lerne ich auch die Sprache der Maku kennen. Der Besitzer des Platzes unterhält mit diesen Waldnomaden einen freundschaftlichen Verkehr und zieht sie vielfach zu der Arbeit in seinen Kautschukwäldern heran, läßt sie Piassaba-Fasern holen, die am Curicuriary häufig Vorkommen, oder beschäftigt sie als Jäger und Fischer. Man stellt mir einen kleinen alten Kerl vor, gerade keine Schönheit seines Geschlechts, mit verkniffenem Gesicht, auffallend dicken Stirnwülsten, schief gestellten, schielenden Augen und struppigem Haar. Er ist nur 1,52 m hoch und hat sehr dunkle Hautfarbe. Schon an den ersten Wörtern, die ich abfrage, erkenne ich zu meiner Freude, daß ich es mit einer ganz neuen Sprache zu tun habe, und zwar nicht mit irgendeinem unbekannten Dialekt einer der großen Sprachgruppen, sondern mit einem Idiom, das nirgends in Südamerika eine Verwandtschaft hat. Die Sprache weist eine Menge Dasaler und gutturaler Laute auf und ist sehr undeutlich, besonders in den Wortendungen. Die Wörter werden zum Teil, wohl infolge der vielen konsonantischen Endungen, kurz abgehackt gesprochen, bald scheu hervorgestoßen, bald zögernd verhalten, tierisch, wie das ganze Wesen dieser niedrigstehenden Waldbewohner ist. Nur bei scharfem Hinhören und mehrmaliger Wiederholung kann ich die merkwürdigen Laute festhalten. Uber die Lebensverhältnisse dieser Maku erfahre ich von dem Indianer selbst, der auch die Lingoa geral spricht, und von den Ansiedlern manche interessanten Einzelheiten. Man faßt unter dem Namen „Maku“ eine Menge Horden zusammen, die das rechte Ufer des Rio Negro in einer Ausdehnung von fünf Längengraden besetzt halten und verschiedene Dialekte sprechen. Unstet und flüchtig, ohne feste Wohnsitze, streift der Maku durch die Wälder, verachtet und verfolgt von dem höherstehenden Nachbar, dem er als Sklave in Haus- und Feldarbeit dienen muß, und von dem er bisweilen Tür europäische Waren an die Weißen verhandelt wird. Ein Makujunge gilt eine einläufige Vorderladeflinte und weniger. So kommt es, daß man in fast allen Ansiedlungen des oberen Rio Negro Makusklaven antrifft, die wegen ihrer angeborenen Intelligenz und ihrer ausgezeichneten Jägereigenschaften sehr geschätzt sind. Ihr falsches, lügnerisches Wesen, ihr diebischer Sinn und ihr Hang zur Trunksucht sind freilich die Kehrseiten der Medaille. Die wilden Maku führen Bogen mit verschiedenen Arten Pfeile, darunter Giftpfeile mit Spitzen aus hartem Palmholz, Blasrohre mit Giftpfeilchen und Keulen; die Stämme des Innern sollen noch Steinbeile im Gebrauch haben. Das Kanu kennen sie nicht, sondern passieren die Flüsse schwimmend oder durch Untiefen watend.

Am 19. Juli kommt endlich das Boot, das mir der Superintendente von Sáo Gabriel geschickt hat, aber in der Nacht löst es sich auf geheimnisvolle Weise vom Ufer und treibt mit der starken Strömung weit flußabwärts. Erst nach drei Tagen wird es zurückgebracht. So muß ich auch noch die „festa da trindade“, das „Fest der Dreifaltigkeit“, über mich ergehen lassen, das eine Menge Indianer und Mischlinge von nah und fern in Trindade vereinigt. Trotz des fadenscheinigen christlichen Mäntelchens, trotz Heiligenbilder und im höchsten Diskant schreiend vorgetragener Lobgesänge ist es ein echt heidnisches Fest. Denn am Rio Negro gibt es zwar viele Kapellen, aber keinen einzigen Priester, und so feiert das „christliche“ Volk die Heiligenfeste nach seinem Geschmack, d. h. mit ausgiebigem Lärm und Strömen von Schnaps. Salabardot, der Gastgeber, der „imperador da festa“, weilt zur Zeit in seiner Heimat Portugal, aber seine energische Gattin, eine Mestizin, Donna Antonia, macht vortrefflich die Honneurs und kommandiert die Leute mit Stentorstimme, so daß der „juiz do mastro“, der eigentliche Festordner und Zeremonienmeister, ein harmloser, zerlumpter Indianer, neben ihr nur eine klägliche Rolle spielt. Der „juiz do mastro“ hat die Vorbereitungen zum Fest zu besorgen und die Masten aufzurichten, an deren Spitzen Bananen und Orangen als Geschenke gehängt werden; daher auch sein Name. Die ganze Komödie dauert acht Tage und kostet den Festgeber einige tausend Mark. Alle Tage linden Prozessionen statt mit wehenden Fahnen, auf die geschmacklose Heiligenbilder gemalt sind, unter dem Lärm der Trommeln und Flöten und anderer Radauinstrumente. In helle Festgewänder gekleidete, braune Schönen tragen die kleinen Heiligenfiguren. Unaufhörlich knattern Freudenschüsse und zischen Raketen im Sonnenschein.

Am Abend des 22. Juli erstrahlt ganz Trindade in feenhafter Beleuchtung. Alle Wege sind illuminiert. Da die Lampen nicht aus-reichen, tun auch mit Petroleum gefüllte halbe Orangenschalen gute Dienste. Wir sind von Donna Antonia zu Tisch gebeten. Nachdem alle Gäste, sämtliche Diener und Dienerinnen und alle Ruderknechte der im Hafen liegenden Boote mit Kaffee, Tee, Marmelade, süßem Gebäck und dünnen Maniokfladen reichlich bewirtet sind, schreitet man zum Tanz, der in einer großen überdeckten Halle am Hause stattfindet. Walzer wechselt mit Polka und Galopp nach den Klängen einer Ziehharmonika. Man unterhält sich anscheinend gut, wenn auch die Konversation zwischen Tänzer und Tänzerin gleich Null ist. Vielleicht ist man noch nicht recht aufgetaut und fühlt Scheu vor den Fremden. Zwischendurch werden Zigaretten und ausgezeichneter Portwein gereicht, viel besserer, als icli seinerzeit in Oporto für schweres Geld getrunken habe. Erst als einheimische Tänze an die Reihe kommen, werden die braunen Leutchen lebhafter. So tanzen sie eine originelle „Ronda“. Zunächst machen zwei Trommler und Vortänzer einen Rundgang, trommelnd und eintönig singend. Immer mehr Teilnehmer schließen sich ihnen im Gänsemarsch an, Männer und Weiber, erstere als Begleitung taktmäßig in die Hände klatschend, bis alle Tänzer zuletzt einen großen Kreis bilden. Zuweilen machen die Trommler beim raschen Vorwärtsschreiten eine Linkswendung nach der Mitte zu, der alle folgen. Auf ein Zeichen der Trommler stellen sich alle mit dem Gesicht nach der Mitte hin auf, und nun beginnen die Einzeltänze. Zwei Tänzer treten in den Kreis, tanzen eine Zeitlang durch den Saal voreinander hin und her, während die andern im Takt dazu trommeln, klatschen und singen. Darauf fassen sie sich, einander zugewendet, mit dem gekrümmten rechten Fuß und versuchen, auf dem linken Beine hüpfend, sich zu drehen. Manche machen ihre Sache schlecht und werden ausgelacht. Die Weiber tanzen nur zu zweien in hüpfenden und drehenden Bewegungen in der Mitte des Kreises herum. Währenddessen krachen draußen unaufhörlich eine kleine Messingkanone und Flinten, die fast bis zur Mündung geladen sind. Alle diese Tänze haben nur wenig Indianisches und sind wahrscheinlich afrikanischen Ursprungs, ebenso wie einige der dabei verwendeten Instrumente, die Trommeln, mit Schlangenhaut überspannte Holzzylinder, und ein vielfach eingekerbtes Bambusstück, auf dem der Musiker mit einem Holzstab hin und her streicht und kratzende Geräusche hervorruft, die nur höchst unkultivierten Ohren angenehm klingen mögen.

Später gehen wir zum Volk, das in einer Strohhütte tanzt. Ein kleiner Raum, von wenigen schwelenden Öllampen düster beleuchtet; ein wüster Haufe betrunkener und mit heiseren Kehlen grölender Menschen, die in den tollsten Sprüngen tanzen und sich wie die leibhaftigen Teufel gebärden. An den Wänden sitzen halbnackte braune Weiber mit nackten Kinderchen, die zum Teil noch an der Brust liegen und so den Schnaps mit der Muttermilch einBaugen. Dazu der dumpfe Lärm der Trommeln, der Staub, den die Tänzer aufwirbeln, der Qualm der unvermeidlichen Zigaretten, der scharfe Geruch von den Ausdünstungen der vielen Menschen, das Ganze durchtränkt vom Duft des Rums. Ein Bild voll Häßlichkeit und düsterer Romantik. —

Wir sind froh, als wir wieder draußen die frische Nachtluft atmen. Noch lange können wir vor dem Lärm nicht zur Ruhe kommen. Hexensabbat überall! Segnungen der Zivilisation! —

Text aus dem Buch: Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens (1923), Author: Koch-Grünberg, Theodor.

Siehe auch:
Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens – Vorwort

Zwei Jahre bei den Indianern nordwest-Brasiliens

Heiden und Christen


Wir haben Carmen de Mojos verlassen und sind den Rio Blanco hinauf zu den Guarayúmissionen gerudert. Steigt man auf den Kirchturm in Ascencion, der größten dieser Missionen, so hat man eine herrliche Aussicht. So weit das Auge reicht, sieht man gewaltige Palmenwälder, hier und da von Hügeln, Bergen und vereinzelten Pampas unterbrochen. Es ist ein Meer von Grün, in dem besonders die langblättrigen Cusipalmen vorherrschen.

Weit weg in diesen schwerdurchdringlichen Wäldern wohnen noch die wilden Siriono, die Todfeinde der Guarayüindianer und der Schrecken vieler Weißer. In der Nähe der Mission ist der Wald nunmehr arm an Wild. Tiefer im Urwald leben dagegen zahlreiche Wildschweine, Tapire und Jaguare. Da klettern die Affen in großen Scharen durch das Gewirr der Lianen. Ähnlich, wenn auch nicht so großartig, ist die Aussicht von Yaguarü und Urubicha, die nebst S. Pablo, Yotaú und Ascencion die fünf Missionsstationen bilden, wo alle christlichen Guarayü wohnen. Zwei Flüsse fließen durch dieses Gebiet, das nach seinen Bewohnern Guarayos heißt. Diese sind der Rio Blanco, den wir schon kennengelernt haben, und der Rio S. Miguel, Flüsse, die sich später mit dem Rio Guapore vereinigen, der erstere unter seinem alten Namen, den er in Guarayos führt, der andere als Rio lton-ama. Innerhalb Guarayos sind diese Flüsse während der Regenzeit für kleinere Ruderboote und Kanus schiffbar. Die kleinen Dampfer, die den Rio Guapore und Rio Mamore befahren, können jedoch nicht nach Guarayos hinaufgehen. Stromschnellen und große Mengen von Wasserpflanzen verhindern dies. Von Trinidad, Sta. Cruz de la Sierra und Chiquitos führen Wege durch die großen Urwälder nach Guarayos. Flüsse und Seen sind fischreich, der Boden ist sehr fruchtbar, das Klima gesund und fast fieberfrei. Guarayos ist ein gutes Land, ein Land, das man in einen einzigen großen Garten verwandeln könnte. Vielleicht ist Guarayos das herrlichste Gebiet in ganz Ostbolivien. Es ist ein Land der Zukunft.

Wir haben eine kleine dahinschwindende Mission bei den Yuracáre und Trümmer einer mächtigen Missionsgewalt in Mojos kennengelernt. Hier begegnen wir Missionen in ihrer vollen Blüte und können Beobachtungen anstellen über die Frage „Indianer und Weiße“. Die Mönche hier sind mächtig und können ohne äußere Einmengung ihren Geschäften obliegen. Hier wenden sie ihr Erziehungssystem an, ohne daß unverschämte Gouverneure, die vielleicht Freimaurer sind, sich in ihre Angelegenheiten mischen. Von besonderem Interesse sind die Guarayümissionen schon deshalb, weil dort dasselbe System angewendet wird wie in den früheren Jesuitenmissionen in Mojos. Die Guarayúmissionen sind gegründet und geleitet von Franziskanern, hauptsächlich Österreichern und Italienern.

Die wichtigsten Arbeiten über diese Indianer sind von d’Or-bigny, Cardüs, W. Priewasser, B. Pesciotti * und F. Pierini. Im Jahre 1832 besuchte d’Orbigny6 die Guarayüindianer. Er schildert sie als sehr sympathisch. Damals waren sic noch größtenteils von den Weißen unabhängig, bloß ein einziger Missionar, der edle Padre de Cueva, lebte bei ihnen. Während meiner letzten Reise lernte ich die Guarayü recht gut kennen. Ungefähr einen Monat hielt ich mich bei ihnen auf, und mehrere Monate lang hatte ich Guarayüindianer als Begleiter. Sie sind jetzt fast alle Missionskinder, schon über ein halbes Jahrhundert von Franziskanermönchen erzogen, unter deren Vormundschaft sie leben. Die Mönche haben unter den Guarayü eine großartige Arbeit geleistet. Mit Erfolg haben sie diese Indianer gegen die gewissenlosen Weißen verteidigt, die so viele andere Indianerstämme ruiniert und ausgerottet haben. Die Missionen sind blühende Gemeinschaften, die den Missionaren alle Ehre machen. Sie haben die Indianer viele Handwerke gelehrt, sie haben den Ackerbau der Indianer entwickelt und sicherlich deren Existenzbedingungen verbessert.

Die Guarayü sind nun Christen!

Sind die christlichen Guarayü bessere Menschen, als die heidnischen zu d’Orbignys Zeit waren? Das glauben die Missionare; es geht aus ihren Schilderungen hervor. Interessant ist es jedoch, die Eindrücke zu vergleichen, die d’Orbigny von den heidnischen Guarayü bekam, mit denen, die ihre christlichen Nachkommen auf mich machten. Ein solcher Vergleich kann dazu beitragen, die Entwicklung des menschlichen Charakters unter verschiedenen Erziehungssystemen zu verstehen. D’Orbignys heidnische Guarayú waren stolz und gradsinnig. Die alten Männer flößten durch edle Züge und ihre Würde Respekt ein. D’Orbigny lobt die Guarayú als ehrlich im Gegensatz zu den christlichen Indianern im Chiquitos. Er schildert sie als gastfreundlich, als gute Väter und gute Gatten. Die Kinder bewiesen den Alten Achtung.

Charakteristisch für die Guarayú war die Rede, die ein alter Mann an d’Orbigny hielt, als er ihm einen Knaben übergab, der den Forschungsreisenden begleiten sollte:

„Dieses Kind, das ich zu dir bringe, ist mein Enkelkind, es heißt Mbuca ori (frohes Lachen). Ich gebe ihn dir, weil er seinen Vater verloren hat, und weil ich dich für würdig erachte, Vaterstelle an ihm zu vertreten; betrachte ihn als deinen Sohn und mache ihn zu einem Mann; sehe vor allem zu, daß er nie stehlen lerne, denn das verachten wir, und daß er immer würdig bleibt, ein Guarayú zu sein.“

Sind dies nicht stolze Worte aus den Urwäldern, die d’Orbigny als ein irdisches Paradies schildert? Stolz war der heidnische Guarayúindianer, als er sagte: „Bloß die Chiquito sind Indianer, sie sind Sklaven; ich aber bin frei und kein Indianer; ich bin ein Guarayú.“

Ich glaube nicht, daß d’Orbignys Schilderung eine Schönmalerei ist, denn dieser Forschungsreisende zeichnete sich stets durch große Objektivität aus.

Das war 1832. Ganz verschieden waren meine Eindrücke 1909.

Der christliche Guarayúindianer weiß, daß jedes Vergehen in der Mission mit Prügel bestraft wird, und er weiß, daß es unter den eigenen Stammesfreunden Angeber und Spione gibt. Wenn die Knaben nicht ordentlich in die Messe gehen, bekommen sie Prügel. Gehorchen sie nicht blindlings dem Befehl der Mönche, bekommen sie Prügel.

So hatte zum Beispiel einer der Mönche einem Guarayá ein Paar Schuhe zum Ausbessern gegeben mit dem Auftrag, sie sollten zu einer bestimmten Zeit fertig sein. Anstatt zu arbeiten, hatte der Schuhmacher getrunken. Der Mönch ließ ihm dafür fünfundzwanzig Peitschenhiebe aufzählen, eine Behandlung, die wirklich empörend war. Auch die Frauen werden mit der Peitsche bestraft, besonders wenn sie bei einer Sünde gegen das sechste Gebot ertappt werden.

Man muß jedoch zugeben, daß die Mönche in ihrer Strenge konsequent sind, daß sie trachten gerecht zu sein.

Die Folge dieses Systems, gegründet auf Spionieren, Angeberei und Strenge, ist ganz einfach die, daß die Indianer versuchen, durch Gefügigkeit die Missionare zu täuschen. Ihr einst von d’Orbigny so gepriesener Stolz ist verschwunden. Sie haben gelernt zu kriechen.

D’Orbigny schreibt wiederholte Male von der Ehrlichkeit der Guarayúindianer. Damals waren sie Heiden. Jetzt, da sie das siebente Gebot kennen, stehlen sie gern, nicht am wenigsten von den Missionaren. Das habe ich selbst gesehen. So sah ich zum Beispiel, wie in Yaguarú die Weiber dem Missionsvorsteher große Mengen getrockneten Fleisches stahlen. Die Gastfreundschaft ist verschwunden. Wie ist es mit der Sittlichkeit? Die Polygamie haben die Missionare ausgerottet. Die Sittlichkeit ist jedoch nicht so streng wie in der heidnischen Zeit. Nach Pierini betragen die unehelichen Kinder, die bei den Guarayú geboren werden, nur vier vom Hundert, gegen neunzig vom Hundert in Mojos und Chiquitos. Die Ziffern sind vermutlich richtig. Sicherlich sind auch die Verhältnisse in Guarayos unvergleichlich besser als in Mojos. Man möge sich aber vor Augen halten, daß in Guarayos deshalb keine Kinder außer der Ehe geboren werden, weil sich die Indianerinnen im Mannbarkeitsalter verheiraten. Tatsache ist jedoch, daß es auch recht leichtsinnige Guarayú weiber gibt, die sich an die Weißen verkaufen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet.

Um völlig gerecht zu sein, muß ich aber hinzufügen, daß die Guarayú viel besser sind als die meisten anderen christlichen Indianer. Die Missionare suchen sie zu erziehen und halten die Strenge für die einzig richtige Methode. Die meisten anderen Weißen wollen die Indianer nur ausnützen und verderben. Die Missionare haben die Einfuhr von Branntwein bei den Guarayú mit Erfolg verhindert; sie haben sie zu tauglichen, oft recht behenden Arbeitern erzogen. Da gibt es zum Beispiel unter diesen Indianern geschickte Weber, Tischler, Schmiede, Sattler, ja sogar Goldschmiedarbeiter. Die Kinder werden von klein auf an regelmäßige Arbeit gewöhnt. Sie müssen säubern, Baumwolle und Reis reinigen u. dgl. Während die zivilisierte Indianerbevölkerung in ganz Nordostbolivien in letzter Zeit stark abgenommen hat, ist die Zahl der Guarayüindianer bedeutend gewachsen. Nach P. Viudez gab es 1849 kaum 3000 Guarayú. Cardüs1 gibt für 1884 die Zahl 4439. Ducci* spricht 1893 von 5299 und Pierini3 1906 von 5801. Die Vermehrung betrug also in zweiundzwanzig Jahren 1362. Im Jahre 1906 wurden in Guarayos3 305 Kinder (156 Knaben und 149 Mädchen) geboren. In derselben Zeit starben 277 Personen, davon 192 Kinder. Im folgenden Jahre4 beliefen sich die Geburten auf 413 (202 Knaben, 211 Mädchen) und die Toten bloß auf 185, davon 109 Kinder. Seit 1884 hat die Mission keinen Nachwuchs durch Zuströmen heidnischer Indianer gehabt. Dagegen sind etliche Guarayü geflohen, um sich der Vormundschaft der Mönche zu entziehen. Sie begaben sich aber nicht in die Urwälder, sondern zu den Weißen. Sicher haben sie bei diesem Tausch nichts anderes gewonnen als leichteren Zutritt zum Branntwein.

Wir sehen, daß sich die Guarayü vermehren. Das ist sehr wichtig in diesem Lande, das bei der spärlichen Bevölkerung einen starken Nachwuchs notwendig braucht und das eine viel größere Anzahl Menschen ernähren kann, als jetzt dort leben. Sicherlich sind die Guarayü hier die einzigen zivilisierten Indianer, die von den Weißen abhängig sind und die an Zahl in den letzten Jahrzehnten nicht abgenommen haben. Aus den Ziffern, die ich von den Guarayü angeführt habe, ersehen wir, daß die Sterblichkeit unter den Kindern 1906 enorm war. Die Sterblichkeit bei Kindern zarten Alters ist bei allen Indianern sehr groß. Koch-Grünberg1 hält dies für die Ursache, warum sich die Indianer am Rio Negro in Brasilien nicht vermehren, und warum manche Stämme an Zahl direkt abnehmen2.

D’Orbigny sagt, daß sich die heidnischen Guarayú für glücklicher hielten als andere Menschen. Unzufriedenheit fehlte ihnen, die große treibende Kraft, die zur Schaffung der Zivilisation beigetragen hat, auf die wir mit Recht oder Unrecht so stolz sind. Ich glaube nicht, daß es den Missionaren trotz aller Erziehung gelang, das fruchtbringende Gift der Unzufriedenheit in das Gemüt der Guarayüindianer zu träufeln. Wenn sie dürften, würden sie sicher wieder ihr altes Urwaldleben führen wollen, unbekümmert darum, ihre Stellung zu verbessern und der Wohltaten der Zivilisation teilhaftig zu sein. Wir müssen uns immer vor Augen halten, daß der Hauptunterschied zwischen freien Indianern und Weißen der ist: die ersteren finden, daß es ihnen gut geht, die letzteren aber wollen es immer besser haben. Infolge des Erziehungssystems der Mönche sind die Guarayü sehr untergeben und unselbständig. Sie könnten daher eine leichte Beute von rücksichtslosen Weißen werden, die sie, wenn die Mönche nicht wären, leichter ausnützen könnten, als wenn sie frei in den Urwäldern lebten. Sie haben gelernt auf die Mönche zu vertrauen, diese für sich denken und ihr Schicksal lenken zu lassen. Bevor sie etwas unternehmen, bevor sie mit den Weißen ein Geschäft machen, fragen sie immer die Missionare um Rat. Das geht so weit: will man zum Beispiel in Guarayos sein Hemd waschen lassen, so muß man mit dem Hemd zum Missionsvorsteher gehen, der es dann der Wäscherin übergibt. Es ist unmöglich, unter diesen Hunderten von Indianern einen Mann zum Graben zu bekommen außer durch die Mönche. Diese bestimmen alles, was ihre Mündel tun dürfen.

Insofern ist dieses System berechtigt, als es die Indianer davor schützt, von den Weißen betrogen zu werden — aber es ist sehr gefährlich für die Zukunft der Indianer, denn es erhöht ihre Unselbständigkeit. Wie Geier nach Aas spähen, so spähen die Besitzer der Kautschukbaracken nach den Arbeitskräften, die es in Guarayos gibt. Sie hoffen die Mönche wegzubringen, hoffen auf neue Arbeitskräfte, um den verdammten Kautschuk zu sammeln, auf neue Ruderer zu den Madeirafällen, auf neue Menschen zum Ausrotten. Werden die Mönche aus den Missionen vertrieben, so verschwinden die blühenden Dörfer in Guarayos.

„Werden die Mönche vertrieben und die Missionen säkularisiert, so werden die Pfarrherren und Corregidores die Indianer verkaufen und den Gewinn teilen“,

sagte einmal ein Weißer, der nicht klerikal war, zu mir. Und er hatte sicher recht. Trotz aller Bemerkungen werden die Bolivianer eines Tages den Franziskanern dafür danken, was diese für sie getan haben, indem sie die Guarayü in die Zukunft hinüberretteten, d. h. wenn sie nicht planlos zerstören, was die Mönche aufgebaut haben. Solange die Mönche da sind, gibt es keinen Raubbau mit diesen Menschen. Nur müssen die Guarayü, ehe die Mönche das Land verlassen, zur Selbständigkeit erzogen werden. Der gegenwärtige Missionspräfekt, Padre Francisco Pierini, scheint dies zu verstehen. Ich ersah es aus mehreren seiner Äußerungen.

So sagte er unter anderem, er versuche eine Oberklassc unter den Guarayü zu schaffen, damit in Zukunft der Klassenunterschied nicht ausschließlich Rassenunterschied sei.

Ist dies nicht charakteristisch! Bei den Guarayú gibt es oder gab es wenigstens früher keinen Klassenunterschied. Sollen sie in die Gesellschaftsordnung passen, so muß man sic in Ober- und Unterklasse teilen. Zum Besten der Indianer hoffe ich, daß er und seine Mönche sie nicht verlassen werden, che diese Indianer gelernt haben, sich selbst zu helfen, ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten in Ordnung zu halten und ihre Rechte als bolivianische Mitbürger zu bewachen. Es ist von größter Bedeutung, daß die Mönche ihnen Spanisch beibringen, daß alle lesen, schreiben und rechnen lernen und sich auf den Wert ihrer Produkte und des Geldes verstehen.

Man muß die Guarayü lehren, daß das erste Gebot in dem Katechismus der Weißen lautet: „Du sollst das Geld mehr lieben als alles andere.“ Können sie dieses Gebot nicht lernen, so gehen sie unter. Einen Indianerstamm kenne ich, der dies teilweise begriffen hat. Das sind die Aymaraindianer. Mehrere von diesen besitzen auch eine gute Stellung in Bolivia, so gut, daß sie als Weiße etikettiert werden1. Die Mönche müssen ihr egoistisches System aufgeben, mit den Guarayü immer in deren eigener Sprache zu verhandeln. Das festigt freilich den Einfluß der Mönche, aber es ist gefährlich für die Indianer. Sich selbst überlassen sind sie ganz hilflos, wenn sie nicht Spanisch können. Die Handwerke, die sie von den Missionaren lernten, müssen sie auf eigene Faust ausüben können, sonst haben sie in Zukunft keinen Nutzen davon, sondern vergessen gleich den früheren Missionskindern bei den Baure und Mojo fast alles, was sie gelernt haben. Die Mönche in Guarayos betonen, daß sie sich bemühen, das System der früheren Jesuitenmissionen anzuwenden. Wir wissen, daß die Jesuiten im ganzen Innern von Südamerika während des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts mächtige Missionen hatten, von denen besonders die in Paraguay bekannt sind2. Dort blühte Industrie und Ackerbau, dort herrschte großer Wohlstand, solange die Jesuiten bleiben durften. Aber als sie vertrieben wurden, zerfiel ihr Werk in Trümmer. Die Jesuiten führten sicher ein strenges Regiment, aber sie waren Baumeister, die ihre mächtige Herrschaft mit eiserner Konsequenz aufbauten. Als man sie vertrieb, da war es mit dem Aufbau vorbei. Da kamen die Zerstörer, da kam der Raubbau. Die Jesuiten schützten wohl die Indianer, aber sie verstanden es nicht, sie zur Selbständigkeit zu erziehen.

Kein ehrlicher Mensch kann leugnen, daß die Vertreibung der Jesuiten aus Südamerika im Jahre 1767 eine Dummheit war. Ja, es war ein Verbrechen. Es war ein Sieg des Raubbaus. Denn sie verteidigten die Indianer gegen die Sklavenjäger und schützten sie vor der Plünderung. Es ist wohl wahr, daß die Jesuitenmissionen Käfige waren. In diesen Käfigen verloren die Indianer ihre Freiheit, aber sie waren vor den Raubtieren geschützt. So ist es auch in Guarayos. Die Arbeit in den Guarayúmissionen ist ebenso wie in den Jesuitenmissionen organisiert; drei Tage der Woche arbeiten die Männer für die Mission und drei Tage für sich selbst. Der siebenteTag ist dem Hause Gottes und dem Chichatrinken gewidmet. Die verheirateten Frauen liefern ihren Tribut in Baumwollgarn und Palmöl, die Kinder, d. h. die Nichtverheirateten, arbeiten auch für die Mission.

Zum Ersatz für diese Arbeit verteilen die Missionare an die Indianer Kleider, Fleisch, Werkzeug u. a. und unterhalten völlig elternlose Kinder und Greise. Die Missionen in Guarayos brauchen keine Almosen. Keine alten Damen in Europa nähen Kleider für kleine nackte Guarayü-kinder. Durch Export von Ackerbauprodukten und Industrieerzeugnissen bezahlen die Missionare alle Ausgaben. Die katholischen Missionare sind ausgezeichnete Administratoren und Ökonomen. Die Einkünfte der Missionen betrugen 1907 152371 BoIivianos 53 Cent und die Ausgaben 149789 Bolivianos 70 Cent1. Hier hatten unsere protestantischen Missionare viel zu lernen.

Dank der Arbeit der Mönche und der Guarayüindiancr werden viele Lebensmittel in die Kautschukwälder geschickt. Guarayos ist die Kornkammer dieser Gegend und kann noch mehr dazu entwickelt werden. Unter den Exportprodukten der Guarayümissionen steht auch der Branntwein. Das ist recht originell. Die Missionskinder werden vor dem Alkoholismus geschützt, aber man scheut nicht davor zurück, ihn anderswo zu verbreiten. Diese Industrie empfehle ich natürlich nicht den protestantischen Missionaren.

In Bolivien habe ich mehrmals die Behauptung gehört, die Guarayümissionen seien so ausgezeichnete Melkkühe, daß die Mönche jährlich große Geldsummen nach Europa senden könnten. Das ist sicher nicht wahr. Leider ist jedoch der Wohlstand eine Gefahr für den Bestand der Missionen. Andere Weiße wollen Kapital aus dem schlagen, was die Mönche durch Umsicht und geschickte Administration aufgebaut haben. Der Reichtum war das Unglück der Jesuitenmissionen. Der Wohlstand kann gefährlich werden für die Franziskaner. Die Missionare glauben sich im Besitze eines vollständigen Monopols auf die Indianer. Das haben ihnen die Behörden mit Unrecht streitig gemacht, als sie die Missionare zwangen, Indianer zu Wegarbeiten u. dgl. zu kommandieren in Gegenden, die von den Missionen weit abliegen. Empörend ist es, daß etliche Guarayü als Ruderer an die Madeirafälle gesandt wurden. Dank dieser Reisen gibt es hier mehrere ganz junge Witwen. So waren zum Beispiel 1907 in Guarayos zweihundertachtunddreißig Witwen und nur einundsechzig Witwer. Wer daran schuld ist, wage ich nicht zu sagen.

Die Mönche belästigen sicher die Guarayü viel zuviel mit Pater noster, Ave Marie, Credo u. dgl. Für sie ist die religiöse Bekehrungsarbeit die Hauptsache. Das ist ihr Glaube und das kann nicht geändert werden, denn der Glaube ist notwendig, um als Missionar arbeiten zu können. Aus rein humanitären Gründen ist noch keine Mission gegründet worden. Ohne Glauben opfert sich selten ein Mensch für den anderen. Unter den katholischen Missionaren gibt es nicht selten sehr aufopferungsvolle Menschen, enthusiastisch für ihre Sache und bereit, alles für Religion und Kirche zu opfern. Und doch sind die katholischen Missionare ungewöhnlich frei von Sentimentalität.

Die Tätigkeit, welche die katholischen Missionare in Südamerika entwickelten, ist unerhört. Während meiner Reisen habe ich dort nur einen einzigen nichtkatholischen Missionar gesehen, und das war ein amerikanischer Gentleman, der die Katholiken zu Methodisten bekehrte. Well, ich glaube, daß er nicht mehr Erfolg hatte als ein Landsmann von ihm, der unter den Indianern im Chaco, die nicht lesen konnten, Bibeln in spanischer Sprache verbreitete. Er hätte ebensogut eine chinesische Auflage der Heiligen Schrift verteilen können, für die Statistik wäre es gleich gut gewesen.

Ich habe versucht, den Lesern auf meine Weise eine Vorstellung von den Missionen in Guarayos zu geben. Wir wissen sehr gut, daß alle Indianerstämme früher oder später von unserer Kultur zerrieben werden müssen. Das ist der Gang der Entwicklung. Daher ist es trotz allem das beste, daß Missionare sich zuerst ihrer^annehmen, denn diese kommen nicht, um zu nehmen, sondern um zu geben.

Text aus dem Buch: Indianer und Weisse in Nordostbolivien (1922), Author: Nordenskiöld, Erland.

Siehe auch:
Indianer und Weisse in Nordostbolivien (Einleitung und Vorwort)
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Der skulptierte Berg bei Samaipata
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Das Herz von Südamerika
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Die Grenze von Sta. Cruz
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Churápaindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Im Motorboot zu den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zwei Ausflüge mit Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Bei den Yuracáreindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Arbeit und Kleinkunst
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Den Rio Mamoré hinab
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zu den Chacoboindianern
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Schmuck und Kleidung der Chacoboindianer
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Indianisches Klubleben
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Maloka
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Kampf ums Dasein. Arbeit. Einige Sitten und Gebräuche
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zurück zum Rio Mamoré
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Zum Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – In den Kautschukwäldern am Rio Guaporé
Indianer und Weisse in Nordostbolivien – Märchen und Religion der zivilisierten Indianer

Indianer und Weisse in Nordostbolivien