Schlagwort: Russische Kunst

Wir durchblättern die pompösen Hefte der „Jar Ptitza“, jener russischen Kunstzeitschrift, die in Deutschland erscheint, um die Sehnsucht des über den ganzen Erdball verstreuten russischen Emigrantenheeres zu lindern, seinem Weh nach dem verloren gegangenen Heim, dessen einen Teil die Kunst jener Epoche bildete. Es geht also vornehmlich um die Kunst der Vorkriegszeit und um die Welt, die diese Kunst besingt.

Es handelt sich um die Gruppe des „Mir Iskusstwa“. Sie Impressionisten nennen, hieße auf ihre Schwächen hin weisen und gerade das Stärkste an ihnen verschweigen. Kaum jemand von dieser Gruppe, jedenfalls niemand von den Prominenten oder den auch im Ausland bekannt Gewordenen darf diesen Namen im Sinne der Franzosen tragen, kaum jemand befolgt die Methoden der wirklichen „Impressionisten“, Bis auf die kleine Gruppe der Neo-Cezannisten verschmähten es, scheint es, die russischen Maler von jeher, die Malerei nur um der Malerei willen zu betreiben; sie waren alle irgendwie Ideenmaler, bestimmt von irgend einem „literarischen“ Zwang, Seien es die Genremaler, seien es die politisch-bürgerlichenTendenzmaler vom Ende des vorigen Jahrhunderts, seien es die Archäisten, die modernen Historienmaler oder die extremen Theoretiker, die Konstruk-tivisten, die Suprematisten, Sie hatten immer den Kopf voll und das Herz übervoll, und ihre Hände gehorchten meist mehr ihrer Dichterphantasie als ihrem Malerauge,

Ssomow, der in Deutschland geschätzteste Maler Rußlands, der so zaubervolle Aquarelle geschaffen, kultiviert und raffiniert in der Technik der Wasserfarben, führt bis auf den heutigen Tag einen immer erbitterten, doch gleich unglücklichen Kampf mit dem Öl. Kustodjew, der verliebte, unermüdliche Schilderer russischer saftiger, üppiger Szenen aus dem Volks- und Moskauer Kaufmannsleben, hat eine Mal weise, die man barbarisch und roh nennen kann. Und diese selbe Bezeichnung verdienen so manche Russen, die trotzdem ganz ausgezeichnete und interessante Künstler sind, Von Ilja Repin, dem überragenden Haupt der „Wanderaussteller“ und Lehrer all der Mir-Iskusstwa-Leute, der neben hochanständig gemalten prachtvollen Kompositionen, klug, eindringlich und vertieft auf-gefaßten Porträts — so manche ganz unbegreifliche „Schinken“ zustande gebracht hat, die mit unglaublicher Geschmacklosigkeit gemalt sind — bis auf so manche, die erst in jüngster Zeit, und sogar in Paris zu Ehren gekommen sind, — Erfrischend und erquickend wirken, gerade durch ihren „barbarischen“ Ursprung und ihre Ursprünglichkeit, in ihrer Farbenfreudigkeit und durch ihren wirkungssicheren Farbensinn all die dekorativen Maler, die stark in der nationalen Volkskunst wurzelnd, von Lubock kommend, scheinbar naiv und draufgängerisch sich im Farbenrausch austoben. Dieser Natur, dieser Kraft verdanken die schönsten russischen Bühnenbilder ihr Dasein.

Eine führende Rolle spielt hierin Natalia Gontscharowa mit ihren ungemischten, flächig aufgetragenen Orgien von Gelb, Orange, Zinnober, Rot, Blau, Grün, Violett. Unerschöpflich, produktiv, humorvoll ist Ssudejkin, vernarrt in die russische Romantik und das russische Volksleben (ein ins üppig Russische, Schaffensfreudige übersetzter Scheurich), mit Behagen und Witz in zahllosen Kompositionen sich austobend. Remisow, der hier gezeigt wird, ist ein von Ssudejkin abhängiger, nach-schaffender Künstler, Nikolaj Roerich, der in Rußland, England und Amerika hochgeschätzte Künstler, den man allenthalben als konzentriert russischen Mystiker abgestempelt hat, ist, trotz aller Farbigkeit und all der Bilder aus dem vorgeschichtlichen Rußland, vielleicht viel mehr Schwede, der er seiner Abstammung nach ist.

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