Zum Begriff des Menschlichen gehört als dritter Bestandteil das Kindliche. Das deutsche Wort Kind ist, wie ich schon früher erwähnte, von der Wurzel gen, ken abgeleitet; es betont also das Entstehen und die Abstammung, führt nicht zu Merkmalen, die für uns wesentlich sein könnten. Ebenso bezeichnet das griechische Wort teknon (Zusammenhang mit Degen?) nur das Erzeugen, Erzeugt- und Geborenwerden (tikto = gebären, erzeugen). Im Lateinischen gehört in diese Zusammenhänge ein Plural liberi = die Kinder, ein Wort, das als die „Heranwachsenden“ zu der indogermanischen Wurzel leudh- hervorkommen, wachsen gehört (got. liudan, ahd. liotan, nhd. Leute, ab. ljud = Volk, lat. über, gr. eleutheros = frei, auch der lateinische Gottesname Liber als Gott der Zeugung). Schon eher gibt das englische Wort child eine Beziehung zu dem Menschlichen, da es möglicherweise mit got. kilthei = Gebärmutter zusammenhängt. Dagegen führt das französische enfant mitten in die unterscheidenden Merkmale hinein, die das tägliche Leben für die Begriffe kindlich und erwachsen aufstellt. Enfant ist spätlateinisch infans (in = Verneinung, fari = sprechen), das Wesen, das nicht spricht (unmündig). Damit ist eine bestimmte zeitliche Grenze, zwar nicht für den Gebrauch, aber für den Begriff gegeben.

Infans: ein Wesen, das nicht sprechen kann, so eine Art Tier, ein Wurm, eine nette Pflanze oder gar ein Püppchen, jedenfalls ein Wesen, das nicht Recht noch Unrecht (fas und nefas von fari) kennt, dessen persönlichen Wert noch keine fama (Gerücht, Ruhm) in die Welt posaunt, das keine confessio (fateor = bekennen), kein Glaubensbekenntnis, ja nicht einmal einen Glauben hat, das ebensowenig von dem fatum (fari), dem allmächtigen Schicksal etwas weiß wie von dem allmächtigen Gott, das keine fabula mit unvermeidlicher Moral ersinnt, sondern nur babbelt (schwed. babbla, nhd. babbeln, engl, baby, allgemein baba, Urwurzel von fari und infans bha- sprechen) und bampft und pampft = essen (dieselbe Wurzel bha-), ein infans, ein Wesen, das nicht spricht, das heißt das nicht denkt; denn denken, so höre ich, tut man in Worten (en arche en ho logos = Im Anfang war das Wort, Theos en ho logos = Gott war das Wort, Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht).

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Der Mensch als Symbol Kunstartikel

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Die Zeiten, in denen griechisch-römische Kultur als höchstes Ideal und als einziges oder doch vornehmstes Bildungsmittel erschien, sind vorüber; die Gegenwart hat es gelernt, auf eignen füßen zu stehen. Wenn wir aber auch von antikem Wesen nicht mehr direkt abhängig sind, so werden wir uns doch hütten müssen, die Beschäftigung mit dem Altertume überhaupt als antiquiert und unnütz zu erklären.

Antike Kunst bietet bietet so viel herrliches und Großes, antike Technik so viel Herrliches und Großes, antike Technik so viel erstaunlich Durchdachtes, antikes Privatleben so viel liebenswürdiges Anheimelndes, daß wir der alten Kultur nie den Rücken wenden dürfen. Wir haben aufgehört, direkt praktisch von Griechen und Römern zu lernen – wenigstens bis zu einem gewissen Grade; wenn wir sie näher kennen lernen, sie zu lieben. Recht wenigen freilich, ist eine solch eingehende Beschäftigung mit dem Altertume möglich; allen denen aber, die der antiken Welt nicht durch eigne Studien nahe stehen, soll hier, soweit es auf engen Raume möglich war, ein Bild jener Kultur gegeben werden, der nicht nur unser deutsches Volk, sondern ganz Europa und die ganze europäische Welt ihre Bildung verdankt.



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