Schlagwort: Sammler

Die vergangene Ästhetik nährte sich von Legenden, Mythen und von der Geschichte. Der Künstler, der nicht versinken will im Unsicheren und in der Nachahmung, darf nur das Leben lieben, das er selbst lebt.

marinetti.

Sicher war es reines Genießertum, was das Sammeln von Kunstwerken begründete. Die ersten Kunstkammern der Fürsten und Mäzene häuften Schätze um Schätze und Ehrgeiz des Besitzes stritt oft mit dem Verständnis der Auswahl. Bestimmte Vorlieben brachten dann schon ein aktiveres Moment ins Sammlertum. Und immer, wenn es um zeitgenössische Kunst ging, stieß ein aktiver Sammlertypus kühn vorwärts, schuf dem Neuen Basis und Resonanz, woran die Zeit dann heranreifen konnte zu bewußtem Verstehen ihrer selbst.

Um solch aktives Sammlertum muß es auch heute wieder vor allem zu tun sein. Passiver Sammeleifer mag seine Sondergelüste pflegen, mag in Scherben und Fetzen Vollständigkeit erjagen oder — besser — in Meisterwerken, die die Zeit längst in unanfechtbare Neutralität hinaufgehoben hat, das ewige Gut der Kunstwelt wahren. Der kämpfende Sammler aber ist Gewähr der Zukunft. Ihm ist aufgegeben, Zeitlaunen und Zeittaten zu sondern, jene zu verwerfen, diese zu halten, bis die Allgemeinheit erkennt, in wessen Geist sie sich spiegelt.

Die großen Impressionisten-Sammler waren solche Kämpfer. Auch der Expressionismus hat seine Sammler gefunden. Immer wirkte das Objekt auf den Charakter der Sammlung zurück. So bargen die Sammler der letzten Generation unter den Werken ihrer Zeitgenossen gerne solche längstverklungener Epochen, in denen die lebende Kunst ein ihr Wahlverwandtes entdeckte. Da hängen neben frühen Heckeis die mittelalterlichen Tafeln, neben Paul Klee altpersische Miniaturen. Das Ewige expressionistischen Weltgefühls sollte erwiesen werden, Berechtigung wie Stoßkraft des Neuen erweisend.

Solche Erweiterung des Sammelns dämpfte aber ihre Aktivität doch in etwas wieder ab. Die Schwungweite der angeschlagenen Rhythmen absorbierte ihre Stoßkraft. Schon drohte wieder höchstes Genießertum, schon schwand der Elan des Nur-Heute. Solange die expressionistischen Impulse noch kraftvoll vorwärts stießen, war solche Einstellung günstig. Heute, in der etwas unsicheren Situation werdender Kunst, zeigen sich deutlicher die in solchem Sammlertum lauernden Gefahren.

Heute vermag nur noch präziseste Entscheidung eines aktiven Sammlers zu führen. Und die Zeit schafft sich, was sie braucht. Ein neuer Sammlerlyp übernimmt heute die Führung. Nicht mehr Einordnung des Gegenwärtigen in die Kunst aller Zeiten ist seine Mühe, — resoluteste Entscheidung für das Morgen, eindeutige Stellungnahme für den „Führer“ ist seine Tat. Nicht viele und nicht einen unter vielen wählt er aus, — den einen, auf den es ankommt, sucht er zu zeigen. Seine Werke häuft er, für ihn kämpft er, in ihm hat er seine leidenschaftliche Liebe für ein bewußtgemachtes Heute bewährt.

Mit solcher Einstellung reagiert der heutige Sammler nur auf die Situation dieser Tage überhaupt. Das Richtungsstreben der Vielen ist verebbt, — es hebt sich wieder der Einzelne heraus aus dem Strom. Im Einzelnen sammelt sich heute das Vermächtnis der vergangenen Jahre, das es zu halten gilt. Aber sein Stand ist schwieriger geworden. Den Halt, den ihm nicht mehr viele Mitstrebende gewähren, muß ihm vom Sammler geboten werden. Aus solcher Notwendigkeit zieht das, was hier als typisch modernes Sammeln angesprochen wurde, seine tiefste Berechtigung.

dr. oskar schürer.

Siehe auch:
Münchener Kunstausstellung-Glaspalast 1927
Die Kunst und die Gegenwart
Die Lebensfrage der Kunst
Die Landschaft ist ein Seelenzustand
Die Landschaft ist ein Seelenzustand

Kunstartikel