Schlagwort: Schlesien

Abbildungen


Friedrich der Große stand allein gegen eine Welt. Er hatte zu gleicher Zeit gegen Österreicher, Franzosen, Russen und Schweden, sowie die Reichsarmee und das ferne Spanien zu fechten. Er hat mit unerhörter Zähigkeit und mit nie verzagendem Mute das ungeheure Wagnis durchgeführt. Es handelte sich um den Besitz Schlesiens. Nur die zwei ersten Jahre, da er die Siege von Lobositz, Prag, Roßbach und Leuthen gewann, gingen für den König gut aus. Von 1758 bis 1762 mußte er sich auf die Verteidigung beschränken. Sein Unglück wurde durch die Niederlage bei Hochkirch eingeleitet, an der allerdings Friedrich in seiner Tollkühnheit nicht ganz unschuldig war, und durch Kunersdorf, das dem Könige 25000 Mann kostete, verschärft. Dagegen blieb Friedrich in der Schlacht bei Liegnitz überlegen, ebenso Ziethen bei Torgau. Trotzdem zog sich der Ring der Feinde immer enger und enger, sodaß der König schon bei den Tataren in der Krim und bei der Hohen Pforte Hilfe suchte: da kam die Rettung durch Rußland, das aus einem Feinde zum Freunde wurde.

Im übrigen ging es den Österreichern wenigstens finanziell noch schlechter als den Preußen, die durch straffe Ordnung und Sparsamkeit die finanzielle Rüstung bis zu Ende auf der Höhe hielten.

Wenn man die Sache genau betrachtet, so muß man trotz aller Bewunderung Friedrichs doch sagen, daß seine Taten wohl die höchste moralische und kriegstechnische, hingegen im Grunde keine weltpolitische Bedeutung hatten. Die deutsche Frage blieb ungelöst, und das Verhältnis zwischen Österreich und Preußen blieb bis zum Jahre 1866 in der Schwebe. Auch ist unmittelbar nach den Erfolgen des Siebenjährigen Krieges, ist schon zu Lebzeiten Friedrichs das preußische Heer, und ist nach seinem Tode das Ansehen des Staates zurückgegangen. Immerhin war die Angliederung Schlesiens ein dauernder Gewinn. Durch dieses Land, das keilförmig in die Slawenwelt hineinragt, kann Preußen am leichtesten Einfluß auf Südosteuropa gewinnen.

Friedrich war nicht nur als Feldherr und Staatsmann groß, sondern auch als Verwalter, und weiters als Förderer der Kultur. Er schrieb Verse, die freilich nicht sehr hervorragend waren, er war Geschichtschreiber von hohem Wurf, wenn es ihm auch mehr auf die Zusammenhänge, und gelegentlich (genau wie dem Julius Cäsar) mehr auf die Beschönigung seiner Schritte, als auf die Genauigkeit ankam; er war endlich ein Philosoph und liebte Kunst und Wissenschaft. Wie das ganze Zeitalter war auch er für „Aufklärung“, und er stellte als obersten Grundsatz auf, daß jeder nach seiner Fasson selig werde. Freidenker und Jesuiten waren ihm gleich willkommen, wenn sie nur dazu beitrugen, nützliche Kenntnisse zu verbreiten. In einem entfernte ersieh stark von dem volkstümlichen Empfinden: er bevorzugte französische Gelehrte, und schrieb sogar seine eigenen Werke ausnahmslos auf Französisch.

Eigentlich war die Aufklärung, der Friedrich und mit ihm ganz Berlin (Nikolai) und Leipzig (Gottsched) huldigte, ein Überbleibsel einer schon entschwindenden Zeit. Siegreich hatten Dichter und Männer der Wissenschaft den Kampf gegen sie aufgenommen. Die Aufklärung begann um 1700 in England, und wurde dann von den Enzyklopädisten in Frankreich weiter ausgebildet. Sie war der Rückschlag gegen die strenge Orthodoxie, aber sie entartete zuletzt selber und verfiel in Plattheit und Nüchternheit. Das rief dann seinerzeit einen Rückschlag hervor. Man suchte das Leben wieder farbig zu gestalten, suchte den Glauben und die Begeisterung wieder zu beleben. Auf religiösem Gebiete bemühten sich darum die Pietisten und Herrenhuter seit 1715, auf literarischem tat dies eine Bewegung, die um 1770 begann, seit 1773 (Götz von Berlichingen) anschwoll und die nach einem Schauspiel des Frankfurters Klinger „Sturm und Drang“ genannt wird. Vorkämpfer der Bewegung waren Goethe und Schiller, Herder und Kleist. Die Geisteswissenschaften beleben sich wieder.

Die deutsche Philosophie, die schon durch Leibnitz (um 1710) eine hohe Stufe erreicht hatte, erringt durch Kant, Fichte, Schel-ling und Hegel den ersten Rang in der Welt. Die Geschichtschreibung erlebt in Göttingen einen glänzenden Aufschwung und erweitert sich, durch die Auffassung Voltaires vorbereitet, zu weltumspannender Forschung. Neue Fächerentstehen: Anthropologie und vergleichende Naturkunde. Von großem Einfluß auf die Gemüter war die Entstehung der Kunstgeschichte, zu deren Bau Winckelmann (um 1760) die ersten Steine zusammentrug. Erfindungen der Technik kamen hinzu.

In diesem Zeitalter geistiger Rührigkeit erstarkte der Hang zur Freiheit und Unabhängigkeit. Die Vereinigten Staaten rissen sich von England los, und die französische Revolution verkündete die Menschenrechte.

Die Polen dagegen verloren ihre Freiheit, weil sie keinen guten Gebrauch davon zu machen wußten. Schon Voltaire sagte in einem Briefe an den Marquis d’Argenson:

J’ai toujours regarde la Pologne comme un beau sujet de harangue et comme un gouvernement miserable; car, avec tous ses beaux Privileges, qu’est ce qu’un pays oú les nobles sont sans discipline, le roi un zero, le peuple abruti par l’esclavage, et oü Ton n’a d’argent que celui qu’on gagne á vendre sa voix?

Polen wurde 1773 zwischen Rußland, Preußen und Österreich aufgeteilt. Weitere Teilungen folgten 1793 und 1795.

Im Jahre 1774 hob der Papst Innocenz XIV. Ganganelli den Jesuitenorden auf. Die Jesuiten hatten überall den bedeutendsten Einfluß erlangt und wurden der Kurie selbst unbequem. Sie hatten sich in vielen Ländern verhaßt gemacht. In Frankreich hatten sich ihrer Einführung mehr als drei gewichtige Faktoren widersetzt: die Sorbonne, das Parlament und der Erzbischof von Paris. Aus katholischen Ländern wurden die Jesuiten im ganzen siebenundzwanzig Mal vertrieben. Zuerst geschah dies in Graubünden im Jahre 1561. England folgte bald nach, weil die Jesuiten Mordversuche gegen die Königin Elisabeth gemacht oder unterstützt hatten. Eine ganze Reihe von Ländern, darunter Frankreich, die Niederlande, Venedig, und selbst so streng katholische Länder wie Polen, das Königreich beider Sizilien und Spanien schlossen sich an. Der Papst tat mit seiner Aufhebung nur, was die ganze Welt von ihm zu fordern schien. Kurz darauf starb Ganganelli — wie es heißt, vergiftet.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte

Männer; Völker und Zeiten


Die Entwicklung der städtischen Kultur in Böhmen, von welcher sich die Städtebildung in Mähren und Schlesien geschichtlich nicht trennen läßt, stellt ein recht kompliziertes Kapitel der Wirtschaftsgeschichte dar.

Städte im verfassungsrechtlichen Sinne gibt es in den Sudetenländern erst seit dem Anfang des 13. Jahrhunderts. Vor dieser Zeit kann — vielleicht mit einziger Ausnahme der deutschen Kaufmannsgemeinde zu Prag — von einem städtischen Gemeinwesen nicht gesprochen werden.

Es ist bemerkenswert, daß die erhaltenen Werke der romanischen Baukunst (ungefähr bis 1230) sich nicht in den Städten, sondern nur an Burgen, Klöstern und Dorfkirchen finden; auch diesbezüglich bildet Prag fast die einzige Ausnahme. Der planmäßige Städtebau beginnt mit dem Auftreten der Gotik.

Nach Lippert1) sind alle Städte in Böhmen „das Produkt einer planmäßigen Veranstaltung“; dies kann jedoch allgemein nur für den verfassungsrechtlichen Begriff „Stadt“, keineswegs aber auch für alle Stadtgrundrisse gelten.

Es muß hier auf den grundlegenden Unterschied zwischen der Stadt als Rechtsbegrifi und der Stadt als Siedlungsform hingewiesen werden. Die historische Forschung hat klargestellt, daß in dem Jahre 1200 keine Ansiedlung Böhmens über jene Privilegien verfügte, welche das Wesen des Stadtrechtes ausmachen: die genossenschaftliche Autonomie zur Ordnung der inneren Angelegenheiten, das Marktiecht und die eigene Gerichtsbarkeit. Da aber Baugeschichte nicht mit Rechtsgeschichte, sondern mit Siedlungsgeschichte Hand in Hand gehen muß, haben wir die Wurzel für so manchen Stadtgrundriß in viel früheren Zeiten zu suchen2).

Die Begriffsverwirrung, welche hier Platz gegriffen hat, wurde noch erhöht durch die Berücksichtigung kriegstechnischer Einflüsse; wenngleich die Befestigung mit Wall und Graben zu den charakteristischen Merkmalen einer mittelalterlichen. Stadtanlage gehörte, so kennen wir anderseits doch auch Städte, die keinen Mauerschutz, aber auch Marktorte, welche noch kein Stadtrecht, wohi aber Befestigungen besitzen.

1) Sozialgeschichte Böhmens, II. Bd., S. 276.

2) Bretholz, Geschichte Böhmens und Mährens, 1912, steht wohl hauptsächlich deswegen im Widerspruch mit der allgemein geltenden Auffassung, weil er die Entstehung des Städtewesens unter dem Gesichtswinkel der Siedlungsgeschichte, weniger der Rechtsgeschichte betrachtet.

Wie anderwärts, so lassen sich auch in Böhmen die Städte in die zwei Gruppen der „gewordenen“ und der „gegründeten“ unterscheiden. Wenn wir berücksichtigen, daß Böhmen, Mähren und Schlesien ebenso wie die deutschen Gebiete östlich der Elbe und Saale ihre städtische Besiedelung dem großen ostdeutschen Kolonisationswerke verdanken, so ist es leicht einzusehen, daß in diesen Ländern die überwiegende Mehrzahl der Städte durch planmäßige Gründung entstanden ist, während nur ein verhältnismäßig kleiner Teil aus den gegebenen Bedingungen von selbst herausgewachsen ist. Früher galt die Altstadt von Prag als die einzige Stadt allmählicher Entstehung; Zycha1), welcher neben den urkundlichen Geschichtsquellen auch die Stadtpläne in den Kreis seiner Betrachtungen zog, hat noch fünf weitere Städte in diese Kategorie eingereiht. Im folgenden soll gezeigt werden, daß die Klarstellung dieser Frage infolge der mannigfaltigen Einflüsse, welche teils fördernd, teils störend auf den Städtebau eingewirkt haben, außerordentlich erschwert wird.

Die Cechoslawen, welche seit der Völkerwanderung ihre heutigen Wohnsitze innehaben, haben bereits vor dem Einsetzen der planmäßigen deutschen Besiedelung ihre eigenen, bodenständigen Siedlungsformen entwickelt.

1. Das slawische Stammdorf, die volkstümliche Siedelung, hervorgegangen aus dem landwirtschaftlichen Betrieb auf der Grundlage des familiären Kommunismus, ist das Runddorf (der Rundling). Seine charakteristische Anlage und Flurteilung, welche im Grundriß die ursprüngliche Wirtschaftseinheit des Ganzen klar erkennen läßt, ist genugsam bekannt2).

2. Eine jüngere, gleichfalls volkstümliche, d. h. „gewordene“ Form ist das Haufendorf, das seine Gehöfte ohne erkennbaren Mittelpunkt regellos aneinanderreiht. Diese Form, welche überall auftritt, wo disziplinlose Verbauung des Geländes stattfindet, kann man daher nicht als spezifisch slawisch bezeichnen. Sie ist als ein Ausdruck der Unordnung und mangelnder Organisation Gemeingut aller Völker und aller Zeiten.

1) Über den Ursprung der Städte in Böhmen, Prag 1914, S. 31 ff.

2) Grueber, Die Kunst des Mittelalters in Böhmen. IL, S. 16.

3. Das altslawische Gründungsdorf (Lhota) ist ein Produkt der inneren Kolonisation des 12. und 13. Jahrhunderts; in ihm boten Adel und Geistlichkeit dem unfreien Bauernstand ein vertragsmäßig befristetes Freigut zum Zwecke der Rodung des Markwaldes und der Urbarmachung des Bodens1). Die großen Hofreuten sind um einen länglichen, mehr oder weniger rechteckigen Dorfanger gruppiert. Die ganze Anlage sowie die Flurteilung läßt die planmäßige Gründung nicht verkennen2).

Lippert und Zycha haben gezeigt, daß schon vor dem Einsetzen des groß angelegten deutschen Kolonisationswerkes der Unternehmungsgeist deutscher Kaufleute in der Siedlungsgeschichte des Landes eine Rolle spielte. So entwickelten sich neben den rein agrarischen Siedelungen der unfreien slawischen Landbevölkerung frühzeitig, nachweislich schon im 10. Jahrhundert, Marktplätze, welche in rechtlicher Hinsicht zu dem Ausbau eines umfangreichen Privilegiensystems Anlaß boten. Cosmas, der um das Jahr 1100 seine Zeitgeschichte schrieb, verzeichnet 15 solcher Marktorte, deren einige später in mehr oder weniger veränderter Form als Städte wiederkehren: Bilin, Saaz, Königgrätz, Leitomischl u. a.1). Solche alte, aus dem praktischen Bedürfnis allmählich entstandene Marktformen sind von Wichtigkeit, weil sie sehr häufig als Kerne für spätere Stadtgründungen dienten und dabei nicht selten unverändert dem Stadtplan einverleibt wnrrden. Als „forum“ oder „villa forensis“ bezeichnen die Urkunden diese Siedelungen, wo wir in der Regel unter dem Schutze einer benachbarten Burg, an einem Flußübergang oder im Bereiche eines Klosters neben der Landwirtschaft frühzeitig eine handel- und gewerbetreibende Bevölkerung vorfinden.

In welcher Weise die natürlich verlaufende Handelsstraße durch Erweiterung ohne vorgefaßten Plan zur Marktstätte umgestaltet wurde, soll in einem späteren Abschnitt ausführlicher besprochen werden.

So lagen die Verhältnisse bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts; Grund und Boden befanden sich im Besitze des Landesfürsten, der Kirche und des Landadels; die Bevölkerung war den Grundherren untertan; unfreie, zinspflichtige, geradezu rechtlose Nutznießer des herrschaftlichen Bodens. Keine der bestehenden Siedelungen konnte die Bezeichnung „Stadt“ in unserem Sinne in Anspruch nehmen.

Erst als in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts, durch  die Politik der letzten Przemysliden gefördert, die deutsche Kolonisation mächtig einsetzte, kamen mit den deutschen Ansiedlern auch deutsche Rechtsformen und deutsche Siedlungsformen ins Land. Im Laufe von kaum 1oo Jahren vollzog sich jener Prozeß, welcher die nationalen Gegensätze im Lande schuf und damit Probleme aufrollte, deren Lösung seit einem halben Jahrtausend vergeblich gesucht wird.

1) Lippert, Sozialgeschiclte, I., S. 277. — s) Grueber, 1. c„ S. 17. — 3) Lippeit, I. c , L, S. 92.

Dem Beispiel der Könige, unter denen namentlich Ottokar II. als Städtegründer hervortritt, folgten alsbald weltliche und geistliche Landherren; denn eine Stadt- (Markt- oder Dorf-) Gründung war für den Grundherrn stets ein gutes Geschäft. Der bisher brachliegende Boden wurde an die Kolonisten verkauft, und zwar in einer Form, welche der Kasse des Grundherrn dauernde Einkünfte sicherte. Der Ansiedler tritt zu seinem Grundherrn in ein Verhältnis, welches Lippert mit folgenden Worten definiert: „Er hat nur einen Teil des Kauf Schillings bar zu erlegen, den Rest aber vom Grundherren als unkündbares Darlehen auf den so erkauften Grund zu nehmen und diese Hypothek nun mit einem Erbzinse oder Erbpachte an den Herrn zu verzinsen. Der Grundherr kann wohl den Zins, nicht aber den Grund weiterbegeben oder verkaufen, der Erbpächter aber kann den Grund samt der Zinspflicht beliebig vererben, verkaufen oder verschenken, doch immer nur unter solchen Voraussetzungen, welche den Vertrag mit dem Grundherrn aufrechterhalten“1). Bei der städtischen Verfassung tritt nun zwischen den Grundherrn und den Grundnehmer die Bürgergemeinde als Mittelsperson, wodurch das Grundsteuersystem zentralisiert wird, so daß man das Besitzverhältnis des Stadtbürgers als Erbeigen bezeichnen kann, während bei der ländlichen Besiedelung die Bezeichnung „Erbpacht“ zutreffender ist.

Ein Beispiel für die Höhe des Zinses und zugleich für die Bewertung der Baustellen bietet eine Urkunde der Stadt Neu-Byd-schow: dort zinste die Hofstätte eines Eckhauses 6 M., die der übrigen Häuser am Ringplatz 4 M. Die Baustellen in den beiden langen Gassen von einem Tor zum andern zinsen 3 M., andere Gassen 2 M., jeder Gartengrund vor der Stadt eine halbe Mark2). (Vgl. Plan 40.)

Die Einführung des deutschen Bodenrechtes bildete eine völlig neue Gesellschaftsschicht im Lande, und eine ebenso neue Erscheinung stellen die Grundformen des deutschen Kolonistendorfes und der Kolonistenstadt vor. Während die ländliche Kolonisation den fränkischen Typus des Waldhufendorfes bevorzugte, zeigen die Stadtgründungen eine auffallende Übereinstimmung mit der Formenreihe, welche gleichzeitig in deutschen Landen für den Städtebau maßgebend war, und welche in Pommern, Posen, Sachsen, wie in Böhmen, Ungarn und Polen in der Zentralanlage der ostdeutschen Kolonistenstadt den vollendetsten Ausdruck des städtebaulichen Wollens des deutschen Mittelalters gefunden hat.

1) Lippert, 1. c., II., S. 160. — 2) Lippert, 1. c., II., S. 310.

Die Durchführung einer Ortsgründung vollzog sich nach einer ganz bestimmten Methode. Die Grundherrschaft, bei königlichen Städten die königliche Kammer, sonst ein Landadeliger, ein Bischof oder eine Klostergemeinde, trat nicht mit den einzelnen Ansiedlern in direkte Verhandlung, sondern übertrug das ganze Geschäft einem Generalagenten, welcher in dem Latein der Urkunden als Lokator bezeichnet wird. Dessen Aufgabe war es, das für die Ansiedlung bestimmte Gelände zu übernehmen, die Ansiedler herbeizurufen, den Grund aufzuteilen, die Parzellen zu verkaufen und die vereinbarte Kaufsumme an den Grundherrn abzuführen. Dafür genoß er selbst gewisse Vorteile, welche in einer größeren Grundzuteilung und dem erblichen Richteramt bestanden. Als solche Lokatoren lernen wir durchwegs welterfahrene und geschäftskundige Männer kennen, deren deutsche Herkunft in den meisten Fällen verbürgt ist. Wir werden in der Annahme kaum fehlgehen, daß die Person des Lokators zugleich auch die Baubehörde der neuen Stadt darstellte; er war es offenbar, welcher den Stadtgrundriß angab. Der Grundherr hatte, wie zahlreiche erhaltene Stiftungsurkunden beweisen, am Stadtplan nur hinsichtlich der Ummauerung ein Interesse; alles übrige, die Planung des Marktplatzes und der Gassen, die Aufteilung des Bodens in Baublöcke und Parzellen blieb offenbar dem Lokator überlassen. Ihm war es anheimgestellt, die aus der deutschen Heimat herübergenommenen städtebaulichen Überlieferungen den jeweilig gegebenen Verhältnissen anzupassen.

Nun konnten aber die örtlichen Einflüsse sehr verschiedener Art sein. Je nachdem die Neugründung in weniger oder mehr innige Beziehung zu einer älteren Markt- oder Dorfsiedelung trat, werden wir zwischen Neukolonisation und Umkolonisation zu unterscheiden haben. Die planmäßige Durchdringung nicht nur der unbewohnten oder nur schwach besiedelten Randgebiete, sondern auch des slawischen Binnenlandes mit deutschen Kolonisten schuf Siedelungsformen, welche eine kontinuierliche Reihe von Übergangserscheinungen bilden, als deren Gegenpole einerseits die Stadtgründungen aus wilder Wurzel, anderseits die Städte allmählicher Entstehung anzuschen sind. Um eine Analyse und Klassifikation der Stadtgrundrisse vornehmen zu können, muß auf die verwickelten Besiedelungsverhältnisse näher eingegangen werden.

1. Neukolonisation.

a) Gründungen aus wilder Wurzel. Die neue Siedelung, einerlei ob Stadt, Markt oder Dorf, wurde vollkommen unabhängig von älteren Ortschaften auf jungfräulichem Boden angelegt und sozusagen aus nichts hervorgebracht; rein und unbeeinflußt konnte bei solchen Städten das Planideal des deutschen Mittelalters verwirklicht werden.

b) Gründungen auf Neuland in angemessener Entfernung von älteren slawischen Siedelungen. Der Stadtplan konnte sich, durch vorhandene Verkehrslinien und Besitzgrenzen unbeeinflußt, noch frei entfalten; von der benachbarten älteren Ortschaft wurde in der Regel der Name für die neue Stadt übernommen; im übrigen aber wurde bei der Planung reinliche Scheidung von der älteren Siedelung konsequent durchgeführt, so daß letztere nicht in den Ring der Stadtmauer einbezogen wurde. Beispiele: Pilsen, Kolin, Chrudim, Neu-Bydschow u. a.

2. Umkolonisation.

c) Lokation (= Gründung) im unmittelbaren Anschluß an eine ältere Siedelung. In den zahlreichen Fällen, wo eine deutsche Kolonie räumlich neben ein bestehendes slawisches Dorf angeschlossen wurde, entstanden vielfach zwitterhafte Erscheinungen, welche sich im Grundriß der Siedelungsanlage durch ungeordnete Linienführung kennzeichnen. Eine solche Verquickung ließe sich als planmäßige Ortserweiterung unter gleichzeitiger Erhebung zur Stadt charakterisieren; auf diese Weise wurden im 13. und 14. Jahrhundert viele Siedelungen, welche die Geschichte bereits im II. und 12. Jahrhundert als Dörfer oder Märkte kannte, mit Hilfe eines Lokators nach deutschem Recht in eine Stadt umgewandelt; die ältere Siedelung wurde entweder ganz oder zum Teil in den Mauerring einbezogen. Hierher gehören die vielen Städte, welche in Anlehnung an eine ältere Burg gegründet wurden und dabei das suburbium, das Burgdorf, aufsaugm mußten.

d) Lokation auf dem Boden einer älteren Siedelung. Dabei war es nichts Seltenes, namentlich bei ,den älteren Gründungen, daß die unfreie, bodenständige Bevölkerung einfach von ihren Wohnsitzen vertrieben wurde, um neuen Ansiedlern Platz zu machen. Wir wissen, daß es in diesem Falle in der Regel zur Kommassation und Neuaufteilung des Grundes kam. Wenn aber, was im 14. Jahrhundert zur Regel geworden zu sein scheint, die bodenständige Bevölkerung in die neue Stadtgemeinde mitübernommen wurde, ist eine durchgreifende Umlegung des Bodens nicht anzunehmen; wenn auch die Urkunden in solchen Fällen von einer Gründung, d. h. Neubesiedelung unter gleichzeitiger Verleihung des Stadtrechtes, sprechen, so läßt doch der Stadtplan klar die ursprüngliche Siedelung erkennen.

Eine solche gewaltsame Umkolonisierung nach vorhergegangener Evakuierung der einheimischen Bevölkerung fand wohl nur dort statt, wo Raummangel ein örtliches Nebeneinander unmöglich machte. Beispiel: die Prager Kleinseite. (Vgl. S.86.)

In diesem Falle ist das Rechtsprivileg als eine Erhebung des Ortes zur Stadt aufzufassen, unter gleichzeitiger Überweisung der Siedelung an neue Bewohner. Je nachdem sich der Lokator bei der Aufteilung des Grundes mehr an vorhandene Linien hielt, oder die Umlegung radikal durchführte, haben wir es mit unregelmäßigen oder mit regelmäßigen Grundrissen zu tun. Hierin liegt die Ursache, warum der Stadtgrundriß allein noch nicht entscheidend ist für das Kriterium, ob die Stadtanlage als „geworden“ oder „gewollt“ zu bezeichnen ist1). Daß die Lokation durchaus nicht alle älteren Spuren verwischen mußte, das beweisen die vielen unregelmäßigen Stadtteile in Gründungsstädten. Beispiele: Deutschbrod, Neuhaus, Pribram.

In vielen Fällen dürfte wohl auch das Organisationstalent des Lokators die entscheidende Rolle gespielt haben. In Böhmen kommt die ganz regelmäßige Planformel der Kolonistenstadt nicht allgemein zur Geltung, sondern es überwiegen Stadtformen, deren Grundrisse sich zwischen dem gestörten Rechteckschema und dem unregelmäßigen Blocksystem bewegen. Wir dürfen daraus wohl den Schluß ziehen, däß hier die Umkolonisation gegenüber der Kolonisation aus wilder Wurzel vorherrschte.

Zwischen diesen beiden Hauptgruppen städtischer Siedelungen, an welche sich als dritte noch jene geringe Zahl von Städten (Marktorten) anschließt, die aus allmählichem Wachstum ohne Lokation entstanden sind, vermitteln Ubergangsformen ein allmähliches Ineinanderfließen, so daß man die etwa ioo mittelalterlichen Städte Böhmens viel leichter in eine stetige Reihe als in die zwei üblichen Kategorien der „gewordenen“ und „gegründeten“ Städte ordnen könnte.

1) Kretzschmar, Der Stadtplan als Geschichtsquelle. Deutsche Geschichtsblätter, IX., 1908, S. 133 fr.

An welcher Stelle zwischen den Gründungen aus wilder Wurzel und den aufgepfropften Gründungen die Grenze zwischen planmäßiger Anlage und gewordenem Grundriß zu ziehen ist, ist schwer anzugeben; „glatt laßt sich die Unterscheidung keineswegs durchführen“1).

Welche eminent wichtige Bedeutung die deutsche Kolonisation für den Städtebau in Böhmen erlangt hat, beweist die verschwindend geringe Zahl jener Städte, welche ohne Lokation, lediglich aus sich selbst heraus allmählich entstanden sind. Bestimmt wissen wir dies nur von der Prager Altstadt und von Kuttenberg, den beiden größten und reichsten Städten des Mittelalters in Böhmen. Wie Prag seinem Fürstensitz und dem daselbst frühzeitig aufblühenden Handel, so verdankte Kuttenberg seine überragende Entwicklung dem Silberbergbau.

Die Städte Königgrätz (Plan 14), Leitmeritz (Plan 34), Saaz und Deutsch-Brod (Plan 13), welche Zycha2) auf Grund des vorhandenen bzw. des nicht vorhandenen urkundlichen Materials gleichfalls für „gewordene“ Städte hält, lassen in ihren Grundrissen nicht verkennen, daß wenigstens zum Teil eine planmäßige Regulierung des städtischen Grundbesitzes stattgefunden haben muß. Das Fehlen urkundlicher Nachweise ist kein Beweis dafür, daß hier tatsächlich niemals eine Lokation oder ein ähnlicher Vorgang stattgefunden hat. Im besten Fall sind diese Städte als Erzeugnisse einer nicht besonders tief greifenden Umkolonisation anzusehen; dagegen spricht allerdings die Tatsache, daß alle vier Orte schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts als fertige Stadtgemeinden erscheinen; nun wurde aber zu Beginn der Kolonisationszeit bei Nachgründungen in der Regel nicht oberflächlich, sondern mit radikaler Umlegung verfahren.

Die genannten vier Städte lassen in ihren Grundrissen wenigstens den Willen zum Rechteck-Blocksystem erkennen. Sie unterscheiden sich ganz wesentlich von den charakteristischen Stadtbildungen, welche, wie Nürnberg, Halberstadt, Soest und Prag-Altstadt, sich nur durch das Vorhandensein eines Marktplatzes vom Typus des Haufendorfes unterscheiden. Erst das vollständige Fehlen jeder geraden und rechtwinkeligen Linienführung be-

1) Zycha, Ursprung, S. 31. — 2) Ursprung, S. 31 ft.

rechtigt zu der Annahme, daß eine obrigkeitliche Beeinflussung des Stadtplanes niemals stattgefunden habe. In diesem Sinne weisen vor allem die unregelmäßig gestalteten Marktplätze auf allmähliche Entstehung hin. Beispiele: Elbogen (Plan 3), Rosenberg (Plan 4), Wittingau (Plan 5) u. a. Wenn in diesen genannten Orten eine Lokation jemals stattgefunden hat, so hat sie jedenfalls den Stadtplan nicht beeinflußt, sondern sich auf die Neuregelung des Bodenrechtes beschränkt. Solche Städte sind „städtebaulich“ als „geworden“ zu betrachten; dabei ist eine Stadtgrün-dung im verfassungsrechtlichen Sinne ganz gut möglich.

Ausgesprochene Gründungsstädte mit unregelmäßiger Anlage gibt es unter den Städten der Kolonisationszeit nicht. Es ist interessant, festzustellen, daß die einzige cechische Stadtgründung in Böhmen, Tabor, auch hinsichtlich seiner Grundrißform ein Unikum im Lande vorstellt.

Text aus dem Buch: Deutscher Städtebau in Böhmen, Verfasser: Anton Hoenig.

Siehe auch:
Deutscher Städtebau in Böhmen – Einleitung

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Deutscher Städtebau in Böhmen Stadtansichten

Ober-Sachsen. Brandenburg. Schlesien

Wittenberg.
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1523-40.

Material: Backstein verputzt. Sandsteingliederungen.

Man placierte den rechteckigen Block auf dem Markt so, daß zwei Seiten ungefähr in Straßenbreite von den Häusern entfernt sind, dagegen vor der Langfront und einer Schmalseite ein freier geräumiger Platz bleibt. Der dreistöckige Bau hat ein steiles Satteldach mit dreistöckigen Giebeln über den Schmalseiten. Die Langseiten werden bekrönt von je vier großen regelmäßig aufgereihten Dacherkern. Im Gegensatz zu dem ungegliederten Unterbau, an dem nur das Erdgeschoß der Marktfront mit einem Gesims schließt, sind Giebel und Erker durch Gurte in Stockwerkhöhe und unterhalb der Fenster horizontal, durch flache Lisenen in der Mittelachse und an den Rändern
vertikal gegliedert. Über den Fenstergeschossen folgt noch ein rechteckiges Feld mit einem Rundloch. Ein Dreieck mit einem kleinen Pfosten auf dem Scheitel bildet den Schluß. Einfach schwingende Voluten rahmen die einzelnen Stockwerke. Auch die Durchlochung von Giebeln und Erkern ist eine reguläre gegenüber der Fassade, die außerdem nicht rechteckige, sondern spätgotische Vorhangfenster aufweist.

Aus den Schmalseiten treten, kaum gegliedert und unauffällig, rechteckige dreigeschossige Erker, die an der Giebelbasis mit niedrigem Aufsatz schließen. Der Eingangstür der Marktfront wurde 1573 eine zweistöckige quadratische Halle vorgelegt. Auf einem vierstufigen Unterbau tragen vorn zwei Säulen, neben dem Portal zwei Pilaster das Gebälk, auf dem ein überdachter Altan ruht. Ein schlankes Pfostengeländer verbindet die dem unteren Geschoß analogen Säulen und Pilaster. Über kräftigem Gebälk krönt den Vorbau auf jeder Seite ein Dreieck, deren Schenkel und Scheitel mit Figuren besetzt sind.

Sömmerda.
—–
1529-39.

Das rechteckige Haus liegt frei, mit der Breitseite gegen den Platz. Über den drei Geschossen ein steiles Satteldach mit zwei symmetrisch sitzenden Dachreitern. Am Nordende der Front ein viereckiger Vorbau, der mit dem Fassadengesims abschneidet. Sein Satteldach trifft rechtwinklig auf das Hauptdach. Die Mauer ist ungegliedert. Die wenigen Fenster ohne Ordnung. Auch der Vorbau ist nicht stärker durchlocht. Die Tür zum Erdgeschoß und die kleinere, über eine schmale Freitreppe zugängliche Tür schlicht, rechteckig. Dagegen zeigt die Tür am Vorbau, zum Ratskeller führend, reiche Bogenumrahmung mit Sitznischen und plastischem Schmuck.

Saalfeld.
—–
1526-37.

Material: Backstein verputzt. Die Flächen ursprünglich bemalt.

Ein zweiflügeliges Eckhaus am nördlichen Ende der Breitseite des geräumigen Marktplatzes, dem sich die Hauptfront zuwendet. Der nördliche Flügel liegt an schmaler Straße.

In der Mitte der dreistöckigen Fassade tritt ein polygoner Treppenturm vor, der mit einem Geschoß den Rand des steilen Satteldaches überschneidet und einen spitzen, von kleinen Giebeldächern umgebenen Helm trägt. Zu beiden Seiten des Turmes schieben sich zweistöckige Erker von schlanken Proportionen mit niedrigen Giebelabschlüssen aus dem Dach vor. Zu diesen symmetrischen Hauptakzenten gesellen sich an der Fassade zwei ungleiche Gegenstücke, ein runder, kaum vorgekragter Erker an der Straßenecke und ein rechteckiger, ebenfalls zweistöckiger Erker unterhalb des rechten Dachausbaues. Auch im Detail verschieden zeigt der eine Maßwerkfüllungen, der andere ausgesprochene Renaissanceglieder, Pilaster und Kandelabersäulchen.

An der schlichten Straßenfront tritt aus dem Satteldach des rückwärtigen Flügels ein Erker, einfacher gebildet als an der Fassade. Gleicher Art sind der hintere Dachgiebel und der vordere gegen die Straße; leicht geschwungene Bänder und Kugeln an den Gesimsenden als Kontur; schlanke Pilaster und dünne Gurte als Rahmung der ungleichen Geschosse. Nur der über die Nachbarhäuser fortsehende Südgiebel zeichnet sich durch eine gleichmäßige Felderteilung aus. Die Fenster sitzen gekuppelt, ziemlich gleichmäßig in der ungegliederten Wand; am Treppenturm sind sie rautenförmig eingeschnitten.Das Erdgeschoß enthält neben einer Diele die Trinkstube des Ratskellers und einige Vorratsräume. Im Seitenflügel eine Durchfahrt. Über die Wendeltreppe kommt man im ersten Geschoß links zum Ratssaal, rechts liegen Schreibstuben, die sich im zweiten Stock wiederholen. Hier befand sich außerdem ehemals die „Tuchhalle“: zwei rechtwinklig aneinander stoßende, durch einen weiten Mauerbogen gegeneinander geöffnete Säle.

Plauen.

Das rechteckige zweistöckige Gebäude, von hohem Satteldach bedeckt, kehrt eine Giebelseite dem Marktplatz zu. Der Giebel, in der Mitte des 16. Jahrhunderts aufgesetzt, wird im Gegensatz zu dem gotischen ungegliederten Unterbau mit seinen regellos eingeschnittenen großen und kleinen Vorhangfenstern durch Pilaster und Gesimse in regelmäßige Felder geteilt. Die Öffnungen, Rechtecke und Rundlöcher, gruppieren sich symmetrisch zu der zentral sitzenden, durch figürliche Rahmung akzentuierten Uhr. Wenig geschwungene schmale Bänder bilden die Randlinien. Hinter dem schlichten Abschluß erhebt sich aus dem Dachfirst ein polygones Glockentürmchen, schieferverschalt.

Dem Erdgeschoß ist eine (heut verstümmelte) doppelte Freitreppe vorgelegt. Über dem kleinen Altan, der auf einer leichten offenen Bogenhalle ruht, erhob sich ein Erker mit vierteiligem Vorhangfenster ins obere Geschoß hinauf1).

Von dem Altan kommt man auf einen Flur, der das Gebäude seiner ganzen Länge nach in zwei ungleiche Hälften teilt; beiderseits eine Reihe von Amtszimmern, von denen links an der Marktfront das Kämmereigemach noch seine alte reiche Ausstattung bewahrt hat. Im Obergeschoß, dem der Flur fehlt, ein großer Saal; nach dem Markt zu ein kleinerer Saal und das Bürgermeisterzimmer, zwischen diesen beiden ein schmaler gewölbter Archivraum.

Staßfurth.
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1554.

Ein dreistöckiges eingebautes Haus an einem Platz. Vor dem hohen Dach drei gleichartige, zweistöckige Erker, im unteren Geschoß dreiachsig, im oberen einachsig, durch Pilaster und Gesimse gegliedert. Von regelmäßiger Form und regelmäßiger Anordnung stehen die Erker im Gegensatz zu der ungeteilten unregelmäßig durchlochten Fassaden wand. Die Fenster zum Teil rechteckig, gekuppelt, zum Teil rundbogig, isoliert. Im zweiten Stock springt aus der linken Fronthälfte ein Erker rechteckig vor. Im Erdgeschoß ist die Tür nach der rechten Ecke geschoben.

Buttstädt.

Bau- und Kunstdenkm. Thür. Sachs.-Weim.-Eisenach II, 416. M. ein. Abb. der Nordfront. — Aus verschiedenen Zeiten. 1501 der Ostflügel. Zwischen 1550 u. 65 der Süd- u. Nordflügel. Ein Umbau fand 1604 statt. Schließlich mehrfach modernisiert und restauriert im 19. Jahrh.

Dreiflügelig, nach drei Seiten frei. Der zweistöckige östliche Hauptflügel am Markt mit hohen Giebeln über den Schmalseiten. Der zweistöckige Südflügel der Kirche gegenüber, der dreistöckige Nordflügel an einer Nebenstraße zum Markt. — An der Nordfront, dessen Stockwerke von ungleicher Höhe sind, sitzen die rechteckigen Fenster auf durchgezogenen Gesimsen. Im Obergeschoß kragt sich — oberhalb der von Pilastern flankierten Bogentür — ein rechteckiger Erker vor.

Leipzig.
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1556—67.

Der Baumeister und zugleich damaliger Bürgermeister der Stadt war Hieron. Lotter (1497—1580). Er benutzte die Fundamente des älteren Rathauses. In dem Schriftchen „Der Leipziger Ratskeller‘ 1904, das eine Geschichte des „alten Rathauses“ enthält, finden sich zwei vom heutigen Zustand abweichende Ansichten der Fassade von 1595 und 1712. Die erstere zeigt das Gebäude mit einer viel höheren Fassade. Das erklärt sich daraus, daß man bei einer umfassenden Restaurierung 1672 den ursprünglich zum Rathaus sich senkenden Marktplatz eingeebnet hat, wodurch „das Haus ein Stück in die Erde versank“. Man legte den (heute verschwundenen) hölzernen Laubengang so viel höher, daß seine Verdachung die Erdgeschoßfenster überschnitt. Die bei Wustmann S. 31 wiedergegebene, dort als „ursprüngliche Gestalt“ bezeichnete Ansicht entspricht der von 1712. .Unsere Abb. 33 sucht eine Rekonstruktion zu geben, wie sie nach neuerer Ansicht dem ursprünglichen Plan Lotters am nächsten kommt. — 1672 wurde vor allem der südliche Teil an der Grimmaischen Straße abgetragen und neu aufgeführt. 1744 wurde der Turm erhöht. — Neuerdings außer Dienst.

Material: Verputzter Backstein, Schindeldach.

Der Bau nimmt etwa vier Fünftel der einen Langseite des Marktplatzes ein, dessen Abmessungen seinem Grundriß, einem langgestreckten Rechteck, entsprechen. Die Schmalseiten liegen an Straßen, die Rück^ Seite an einem kleineren Platz, dem Naschmarkt. Über zwei Stockwerken erhebt sich ein hohes Satteldach. An den Langseiten sind Dacherker angeordnet, zwischen denen Gruppen von Mansardenfenster herausgebaut sind. An der Marktfront wird diese regelmäßige Reihe — regelmäßig jedenfalls in der ’Gesamtwirkung — unterbrochen durch den hochaufwachsenden Turm. Er sitzt nicht der Mittelachse, vier von den Erkern liegen südlich, zwei nördlich; doch nimmt er ungefähr die Mitte der Langseite des Marktes ein.

Die viergeschossigen Giebel über den Schmalseiten werden durch Gesimse gegliedert, auf Gesimsen ruhen die Fenster. Flache Stäbe, die in kleinen mit Pinienzapfen besetzten Postamenten endigen, grenzen die Stockwerke seitlich ab. Auf den breiten, zum Teil nicht ausgemauerten Stufen lagern Voluten.

Die zweistöckigen Markterker zeigen gleiche Gliederung. Der obere Abschluß jedoch (ein Dreieck über einem Gebälk, das durch einfach geschwungene Bänder mit den höher hinaufgezogenen Stäben verbunden wird) dürfte der Erneuerung von 1672 angehören.

Der Turm tritt um die Tiefe der Lauben (an deren Stelle später Verkaufsläden traten) rechteckig aus der Fassade vor. Das große Bogentor, das im Turmsockel den das Rathaus durchschneidenden Durchgang einleitet, ist der Treppe wegen seitlich orientiert. Gekuppelte jonische Säulen auf fazettierten Sockeln und ein mit einem Mäander verziertes Gebälk bilden den Rahmen; in den Zwickeln zwei vorspringende Köpfe. — Unmittelbar oberhalb des Portalrahmens zieht sich eine leichte, gedeckte Holzgalerie um den Turm herum. Dünne toskanische Säulen tragen das gerade Gebälk, von dem sich ein geschweiftes Dach zum Turm hinbiegt. Nach Durchbrechung des großen Daches erscheint der Turm als ein Achteck, von unregelmäßiger Form, indem die Stirn nach dem Markt und die entsprechende Rückseite breiter sind. Schlichte Bänder rahmen die hohen, kaum durchlochten Felder. Gegen den Markt sitzt unter der Uhr ein kleiner Balkon für die Stadtpfeifer (1599). Über einem Gesims folgt ein niedriges Geschoß, gleichsam ein Sockel für den achtseitigen Helm, der in einer Laterne und einer geschweiften Haube schlank ausläuft. Die Fassadenfenster sind, mit einer Ausnahme, paarweis aneinandergerückt. Sie werden von in der Mauer liegenden Rundstäben gerahmt und durch Steinkreuze geteilt. Jetzt sind sie sämtlich vergittert. An den Schmalseiten sind im obern Geschoß einfache rechteckige Erker auf Konsolen vorgekragt. Im Innern führt die gradläufige Treppe unter Kreuzgewölben in den großen, die Mitte des oberen Stockes einnehmenden Saal. Südlich erreicht man durch ein kleines Zimmer die in der Südwestecke liegende quadratische Ratsstube, die eine Kassettendecke trägt.

Pegau.
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1559.

Nach den Plänen Lotters ausgeführt von dem Leipziger Steinmetzen Paul Wiedemann. 1670 z. T. durch Brand zerstört.

Material: Rochlitzer Stein. Sandsteingliederungen.

Ein langgestreckter rechteckiger Bau, zweistöckig mit einem Satteldach. Ungefähr aus der Mitte der langen Marktfront springt der hochaufsteigende Turm vor. Bis zum Dachansatz ist er von viereckiger Grundform, geht dann in ein Oktogon über, das in seinem obersten Teil für eine Galerie einrückt, und endigt in einer schlanken Laternenkuppel.

Die Fenster, größtenteils gekuppelt, ohne bestimmte Distanz, sitzen im oberen Stockwerk auf einem durchgeführten Gesims auf, dem einzigen, das die Wand teilt. Das Konsolengesims unterm Dach, das sich auch um den Turm herumzieht, ist von kräftigerer Bildung als am Leipziger Rathaus. Die Fenster für die Treppe im Turm laufen schräg. — Der achteckige Stamm, durch Gurte in drei nach oben zu niedriger werdende Stockwerke geteilt, zeigt geringe rechteckige Durchlochung. An den Ecken gehen Lisenen hinauf. Ebensolche halbieren auch die Felder des mittleren Stockwerkes.

Das Prunkstück der Fassade sind die zwei am Fuß des Turmes nebeneinander sitzenden Portale. Die reich gegliederten Archivolten ruhen auf Kämpfergesimsen. Die Vorgesetzten drei kannelierten, auf hohen Sockeln stehenden Pfeiler tragen stark ausladendes Gebälk mit Triglyphenfries, welches beide Portale zusammenfaßt. Darüber erhebt sich eine rechtwinklig umrahmte, mit einem Giebel schließende Wappentafel. Die linke breitere Tür, mit «Sitztellern“ am Gewände, geht zur Treppe. Die rechte, der der mittlere Pilaster vom Bogen und Zwickel ein Stück abschneidet, führt zum Keller. Eine ähnlich umrahmte Tür sitzt in der Mitte der linken Fronthälfte. Der große Saal nimmt den ganzen rechten Teil des oberen Stockes ein.

Altenburg.
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1562-64.

Eine sehr ausführliche Beschreibung bei Lehfeld, Bau- u. Kunst-denkm. Thüring. Jena 1895. II. S. 43—59. Abb. b. Fritsch. «Das Hauptwerk des Weimarischen Hofbaumeisters Nikolaus Grosmann.“

Material: Putzbau, Sandsteingliederungen.

Das dreistöckige, ein Zeltdach tragende Rathaus liegt auf einem Eckgrundstück. Die nicht sehr breite Nordfront mit dem hohen Turm sieht gegen den Marktplatz. Die westliche Seite an einer nicht ganz rechtwinklig einmündenden Straße krönt ein Dacherker. Ebenso die durch einen Hof vom Nachbarhaus getrennte Ostseite. Auch die im unteren Teil eingebaute Rückseite sieht mit einem Giebel zum nahen Kornmarkt hinüber. Diese drei Erkergiebel und der Turm liegen «in richtiger Achsenkreuzung“ (Lehfeld). Außerdem schiebt sich aus der nördlichen Hälfte der Ostseite ein kurzer, ebenfalls einen Giebel tragender Arm vor. Eine Tormauer, die durch Säulen gegliedert wird und mit einer Attika schließt, grenzt den Hofraum gegen den Markt ab und verbindet die Rathausfassade mit dem Nachbarhaus.

Die Ecke von Markt und Straße rundet sich in den zwei oberen Stockwerken zu einem Erker aus, dem östlich vom Turm, ziemlich im gleichen Abstand von zwei Fenstern, ein zweiter Erker entspricht. Doch bildet dieser nicht die Ecke, sondern ist dicht daneben aus der Fassade vorgeschoben, nur wenig, als sei er in der Wand stecken geblieben. Der Treppenturm tritt ungefähr aus der Mitte der Front als ein mit fazettierten Quadern bekleidetes Rechteck vor, verjüngt sich im zweiten Geschoß über der abschließenden Balustrade, die von Konsolen, an den Ecken von je zwei überschlanken Säulen gestützt wird, zu drei Seiten eines Achtecks, das nach Durchbrechung des Daches sich frei nach allen Seiten entwickelt. An den Kanten des Turmes führen runde Stäbe hinauf, über die sich — zur hori-zontalen Teilung der hohen Felder—Gesimsbänder hinziehen. Unter der der Turmbildung analogen schlanken Laternenkuppel liegt ein niedriges, von einem Gitter umzogenes Geschoß für den Türmer. Die Öffnungen der unteren Turmgeschosse bis zum Dachgesims sind rautenförmig, die der vier oberen rechtwinklig in unregelmäßiger Anordnung.

Die rechteckigen Fassadenfenster liegen zwischen durchlaufenden, dünnen Horizontalgesimsen, so, daß sich die Wand aus ungleich hohen Streifen aufbaut. Gegen das Dach schließt ein kräftiges Konsolengesims. Im Gegensatz zu den glatten Putzflächen sind die beiden Erker von unten bis oben

h Der Turm des Rathauses von Gera (1573 bis 76) kann geradezu als eine Kopie des Altenburger Turmes bezeichnet werden. Aus der Mitte der Marktfront vortretend, steigt er hoch hinauf, zeigt die gleiche Qua-derung am rechteckigen Erdgeschoß, die gleiche Gliederung der fünf ungleich hohen Achteckgeschosse und das einge-zogene Türmergeschoß unter dem durchbrochenen Helm. — Das Rathaus brannte 1780 vollständig aus, bekam dann das jetzige Mansardendach und verlor viel von seiner ursprünglichen Erscheinung, die möglicherweise auch außer dem Turm dem Altenburger Bau nahe stand.

Die Dacherker, jedesmal ein rechteckiges Geschoß mit einem zweistöckigen Giebel, werden durch glatte viereckige Stäbe und dünne Gesimse in ungleiche Felder geteilt. Die Stäbe flankieren die Stockwerke und sitzen in der Mittelachse. Die Gesimse grenzen niedrige Sockelstreifen ab. Die Voluten am Giebelrand sind zum Teil als Flügelpferde gebildet. In einer Kriegerfigur auf einem Dreieck klingt der Giebel aus. Das Zeltdach ist mit zahlreichen Gaupen besetzt, die mit dazu beitragen, die Lebhaftigkeit des Gebäudes nach oben hin zu steigern.

Ein zum Erdgeschoß führendes Portal unter dem östlichen Fassadenerker ist rundbogig, von Pilastern flankiert, mit einer niedrigen Volutenkrönung über dem Gebälk. Türlaibung, Zwickel und Pilaster sind reich gegliedert. Eine einfache rechtwinklige Tür an der Straßenfront bildete ehemals den Zugang zum Ratskeller. Der Zugang zu den beiden oberen Stockwerken geht über die Wendeltreppe im Turm. Das Rundbogenportal wird — in Übereinstimmung mit den Ecksäulen des Turmsockels — von kannelierten jonischen Säulen eingefaßt, darüber ein kräftiges Gebälk, eine Dreiecksverdachung und zwei wappenhaltende Tiere.

Die Treppe führt im Obergeschoß auf einen Vorsaal von unregelmäßigem Grundriß, der die ganze Tiefe des Gebäudes einnimmt und von drei Seiten Licht bekommt2). Seine flache Balkendecke wird von drei Holzsäulen gestützt. Rechts von der Treppe schließen sich an: Das Kommissionszimmer (an der Ecke von Markt und Straße) und die ehemalige Stadtschreiberei und Kassenverwaltung, die heute ins Bürgermeister- und Polizeizimmer geteilt ist. Links von der Treppe im Ostflügel mit dem Markterker das Kämmereistübchen, das Kopisten- und Steuereinnehmerzimmer. Auch in diesen Räumen laufen die Wände nicht rechtwinklig aufeinander. Das oberste Stockwerk besaß früher einen jetzt verbauten Vorsaal von gleichem Format, mit beiderseitigen kleineren Räumen.

Torgau.
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1567.

Das Rathaus wurde in neuerer Zeit so umgebaut, daß fast alle architektonischen Reste der alten Anlage beseitigt sind.

Von der ehemaligen Fassade, die die eine Marktseite einnimmt, scheinen die drei vor dem Satteldach sitzenden Giebel herzustammen, die, wie aus einer alten für die Zeichnung bei Ortwein verwendeten Photographie hervorgeht, über das Dachgesims ansetzende Erker bekrönten. Diese sind später durch die vorm Unterbau auf-steigenden Kolossalordnungen verdrängt worden. Erhalten ist allein der runde dreistöckige Erker an der Südwestseite der langen Front. Seine Fenster, deren Höhe entsprechend den ungleichen Geschossen nach oben zu abnimmt, sind zu je zwei Paaren zusammen genommen. Pilaster auf Sockeln bilden die Stützen. Diese sowie die Brüstungen und die Bänder über den Öffnungen tragen figürlichen und ornamentalen Schmuck, womit sich der Erker — wie beim Altenburger Rathaus — abgehoben haben wird von den geputzten Flächen der durch dünne Gurte gegliederten Fassade. Den Erker schließt ein Zwiebelhelm.

Hildburghausen.
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1572.

Im Kern mittelalterlich. 1572 mehrfach verändert und restauriert. Auf einem Eckgrundstück gelegen, steigt das Rathaus dreistöckig in die Höhe. Das steile Satteldach wendet sich mit einem dreigeschossigen Giebel nach dem Markt. An der Westseite tritt ein runder Treppenturm vor; er überschneidet mit einem Geschoß das Dachgesims und trägt einen hohen Zwiebelhelm. Die Fassade wird gleich dem Giebel in verschiedene hohe Streifen geteilt. Die Fenster sind rechteckig.

Arnstadt.
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1583—85.

Der Saal am Anfang des 19. Jahrh. umgebaut. Ein dreistöckiger Putzbau aus zwei rechtwinklig aneinander stoßenden Flügeln, die ihre Außenseiten gegen den Markt und eine einmündende Straße wenden. Über der Stirnseite des Saalflügels ein zweistöckiger Giebel, dem ein ebensolcher am andern Ende der Marktfront entspricht. Beide durch breite Bänder, die sich von den Randvoluten her über die Fläche ziehen und die ovalen und rundbogigen Öffnungen umrahmen, gleichmäßig gegliedert. Hinter ihren Spitzen steigen Glockentürmchen auf. An der Straßenseite schieben sich drei Erker aus dem Satteldach vor.

Der Saal geht durch zwei Stockwerke und öffnet sich nach dem Markt in drei hohe breite, im Korbbogen schließende Fenster. (Sie werden gleich den Fenstern an der Straße aus dem vorigen Jahrhundert stammen, Ebenso hat der Balkon an der Fassade den Charakter dieser Zeit.) Die übrigen Fenster sind dagegen klein, rechteckig, gekuppelt; dicht gereiht, ohne durch Gesimse zusammengehalten zu werden. Unter dem linken Frontgiebel das von Säulen flankierte mit einer Wappenbekrönung ins obere Geschoß reichende Portal. Ursprünglich wurden von den Zimmern dieses Flügels nur die der zwei unteren Stockwerke zu Amtszwecken benutzt. „Das dritte diente nur dem großartigen Eindruck des Hauses“.

Nordhausen.

Ältestes Datum 1350. Ein wesentlicher Umbau 1608—10.

Nach drei Seiten frei, von oblongem Grundriß, dreistöckig, mit niedrigem Walmdach. An der Breitseite, nicht in der Mittelachse, tritt ein polygoner Treppenturm aus der Front vor, erhebt sich um ein Stockwerk über das Dachgesims und endigt in einem schlanken, zweimal durchbrochenen Helm. Das Erdgeschoß, durch hohe Kellerräume hinaufgerückt, besteht zur Hälfte aus einer Halle, die sich in breiten, zweiteiligen Bogenfenstern öffnet. Außer dem Turmportal gibt es an der einen Schmalseite über einer Freitreppe einen Zugang. Die Fenster der Obergeschosse rechteckig, gekuppelt, ruhen auf durchlaufenden, auch um den Turm herumführenden Gesimsen. Vor dem Dach sitzen rechts und links vom Turm, sowie an den Schmalseiten Giebelerker in Fachwerk.

Niemeck.
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1570.

Ein zweistöckiger Putzbau mit hohem Dach. Die breite Hauptfront von zwei gleichartigen Dacherkern bekrönt. Die Giebel über den Schmalseiten durch Gesimse und Pilaster geteilt, von Voluten gefaßt. Die Fenster rechteckig. Das Portal rundbogig.
Sommerfeld.

Der Baumeister war ein Italiener, Alberto Antonio. Material: Ziegel verputzt. Von rechteckiger Grundform. Zweistöckig mit hohem Satteldach. Uber der dem Markt zugewendeten Breitseite ein Dacherker mit steilem mehrfach horizontal geteiltem, von Voluten eingefaßtem Giebel. Ebenso nachdrücklich durch wagerechte Gesimse geteilt ohne jede vertikale Gliederung die Giebel über den Schmalseiten. Die Eingangstür unter dem Dacherker zentral an der Marktfront.

Münsterberg.
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1561.

Ein Putzbau. Über der Marktfront zwei Giebel als Abschluß der beiden parallelen Satteldächer. Die abgestuften Giebelränder tragen halb- und viertelkreisförmige Scheiben, die Spitze ein stumpfes Dreieck. — An der einen Seite des Hauses steigt ein unten quadratischer, oben achtseitiger Turm von schlanken Verhältnissen in die Höhe, mit einer durchbrochenen, kupfergedeckten Haube.

Brieg.
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1570—76.

Entwurf von Jacob Baar aus Mailand, unter Mitwirkung seines Schwiegersohnes Bernh. Niuron aus Lugano. — Die geputzten Flächen trugen wahrscheinlich (wie fast alle Renaissancebauten Schlesiens) Sgraffitoschmuck, das Dach war vielleicht mit farbigen glasierten Ziegeln gedeckt. Das Dach der Fronthalle neuerdings erhöht.

Vier zweistöckige Flügel mit steilen Satteldächern umschließen einen schmalen Hof. An der westlichen Hauptfront treten zwei Türme vor, bis zum Hauptgesims von quadratischem Grundriß, dann in niedrige Achtecke umsetzend, von laternenförmig durchbrochenen, bewegt silhouettierten Helmen gekrönt. Zwischen die Türme ist eine zweigeschossige Halle geschoben, die sich im Erdgeschoß in fünf Säulenarkaden, darüber als Loggia mit Holzpfeilern unter geradem Gebälk öffnet. Über der Halle wachsen drei gleichgebildete Erker aus dem Dach heraus, einstöckig mit schlanken, vielfach horizontal geteilten Giebeln, einfach im Umriß.

Von gleicher Art sind die Giebel, die das große Dach seitlich begrenzen. Die rechtwinkligen Fenster sind schlicht eingeschnitten, die kräftigen Profile der wagerechten Gesimse begegnen sich mit flachen Pilastern an den Ecken der vier Geschosse. Der Kontur läuft wieder in sacht rollenden Bändern. Asymmetrisch placiert ist der hohe schlanke Turm am östlichen Ende des Nordflügels. Gegen die Straßenfront etwas eingerückt, steigt er über quadratischem Unterbau als achteckiger Stamm aufwärts und schließt über einer Balustrade mit einem zweimal durchbrochenen Helm in derselben Lebhaftigkeit wie die Fronttürme. Im linken Frontturm führt die Haupttreppe rechtwinklig mit vier Rasten um den quadratischen Mauerkern; im rechten Turm liegt eine zweite hölzerne Treppe.

Aus dem Buch: Das deutsche Rathaus der Renaissance (1907), Author Grisebach, August.

Siehe auch:
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Vorwort
Die Bedeutung des Rathauses im Stadtbild
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil I
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Süddeutschland Teil II
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Niedersachsen und die Ostseeländer
Beschreibung der einzelnen Rathäuser Norddeutschland – Ober-Sachsen. Brandenburg. Schlesien
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Fachwerkrathäuser
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Die Fassade
Die allgemeine Entwicklung des Rathauses – Grundriß und Aufriß
Das Deutsche Rathaus der Renaissance – Die lokalen Sondercharaktere

Das Deutsche Rathaus der Renaissance