Schlagwort: Schönschreiben


Die kunstgewerbliche Renaissance schenkt der Handschrift ständig mehr Aufmerksamkeit. Immerhin wird auch heute noch nicht jedermann sofort einsehen: was die primitive Funktion des Schönschreibens mit dem Kunstschaffen zu tun hat. — Ich will den Skeptiker bekehren und bitte ihn, sich diesen Denkmalsblock anzusehen, er trägt eine Inschrift . . . schwer zu lesen, tolle Hieroglyphen . . . warum? alles ist kantig und gradlinig und oben darauf steht ein preußischer Militär, warum dann aztekische Schnörkel? ob der Bildhauer das selbst zu verantworten hat, oder ob er’s dem Steinmetz überlassen; hätte er nicht für einen Zusammenklang von Block und Schrift, von Ornament und Ornament-Träger, sorgen sollen! Bitte, ein zweiter Steinblock . . . Moltke, es ist klar zu lesen; aber warum tanzen die Buchstaben und warum sind sie mit so geringem Sinn für Gliederung auf die Fläche gesetzt? Bitte, die Wand eines kirchlichen Innenraumes, gotisch; über der Tür: Sakristei in Antiqua . . . seltsame Dissonanz, ob der Architekt oder der Dekorationsmaler das mit Überlegung getan hat? Am Fries leuchten Sprüche: die Aufers tehung. . . warum das st nicht zusammensteht? . . . G ottes . . . warum das o wie ein Sprengmittel wirkt? Bitte, ein Taschentuch, welch entzückendes Monogramm: BG, nein RS, nein BG . . . donnerwetter. Und nun hier sehr deutlich: LG, aber wie langweilig, welch häßliche Schablone.

Kunstartikel