Schlagwort: Scholastik

Nicolaus Cusanus.

Es ist merkwürdig, daß der erste Philosoph mit einem Anstrich von Modernismus trotz aller anderweitigen Voraussetzungen nicht ein Italiener, sondern ein Deutscher war: Nicolaus Cusanus, der im Jahre 1401 in Kues an der Mosel geboren wurde. Er brachte es während eines äußerst bewegten Lebens bis zum Bischof von Brixen. Er ist der Vater des europäischen Zweifels. Berühmt sind seine Bücher von der „Docta ignorantia“ (gelehrte Unwissenheit) und seine „Dialoge über die Idioten“ von 1450. Nicolaus Cusanus bedient sich bald einer begrifflichen Dialektik, bald versucht er populäre Bilder zu bringen, immer wieder aber gerät er schließlich in einen mystischen Schwung und versucht die entwickelten Gegensätze aufzulösen. Man kann ihn als den ersten freisinnigen Katholiken bezeichnen. Er bietet dem Menschen des 20. Jahrhunderts unmittelbar nichts, bot aber den Theologen in der vorgalileischen Zeit die erste Stufe für den Fortschritt. Für uns ist bemerkenswert, daß er als der erste Beobachter von Sonnenflecken gilt und auch als der erste Anreger einer Kalenderverbesserung. Seine philosophischen und theologischen Ausführungen waren für ihre Zeit höchst modern, fanden aber gleichwohl, dem Charakter jener Epoche entsprechend, durchaus keine Bekämpfung, noch viel weniger wurde von seiten der Kirche in jener Epoche etwas gegen den Neuerer unternommen. Und doch hat Cusanus Ansichten geäußert, die zu Galileis Zeit als schwere Ketzerei betrachtet worden wären. So sagt er beispielsweise, daß Gott und Welt dasselbe seien (ganz wie die Monisten im 20. Jahrhundert). Auch der Mensch, meint er, ist in gewissem Sinne unendlich, denn er trägt alles, was im Universum vorhanden ist, in seiner Weise in sich, seine Seele enthält Abbilder der Welt vom beschränkten menschlichen Standpunkte aus und die menschliche Seele ist eine Art rekapitulierender Darstellung des Kosmos. Der Mensch ist also ein Mikrokosmos.

Galileo Galilei

Durch die Renaissance war hauptsächlich der Süden in seiner Bildung, wie auch seiner politischen Macht gefördert worden. Es war eben Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein, das die Renaissance, die Wiedererweckung des südeuropäischen Altertums ihm bot. Bei den Germanen war es dagegen ein Fremdstoff, der erst allmählich verdaut werden mußte. So ist eigentlich die Renaissance eine Wiedergeburt des Südens und eine Auflehnung gegen die Übermacht des Norden gewesen. Spanien war fortan das maßgebende Land in Europa. Durch den Einbruch der Osmanen war ohnehin das Schwergewicht der Weltgeschichte wiederum nach den Küsten des Mittelmeeres verlegt worden. Die strategisch so wunderbare Stellung Spaniens, die es zum Knauf Europas und zugleich zum Ausgangspunkt afrikanischer und amerikanischer Fahrten macht, kam in jeder Konjunktur aufs glänzendste zur Geltung. Zudem war Spanien der erste Einheitsstaat, nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt. Selbst den Franzosen ging es in dieser Hinsicht noch um hundert Jahre voraus und noch weit mehr Rußland, Großbritannien und den anderen Ländern. Den Spaniern kam nun endlich die angeborene militärische Tüchtigkeit zugute, die sie bisher lediglich zur Verteidigung angewandt hatten, außer in Sizilien und Neapel, wo seit längerem Fürsten von Aragon herrschten. Im sechzehnten Jahrhundert waren die Spanier die besten Soldaten der Welt. Das mußten auch die Holländer verspüren. Sie ertrugen sechs Jahre das Schreckensregiment eines Herzogs von Alba. Nachdem sie sich unter Leitung Wilhelms von Oranien (eines Ahnherrn Kaiser Wilhelms des Zweiten) empört hatten, war es ihnen lange unmöglich, gegen die wohlgeübten technisch überlegenen Truppen des Feindes im Felde zu bestehen. Mit nur 7000Mann brachten es die Spanier fertig, Antwerpen, eine der größten und blühendsten Handelstädte Europas, einzunehmen. Übrigens spielte der religiöse Gegensatz zwischen dem katholischen Südvolke und den protestantischen Niederländern keine maßgebende Rolle. Der Aufstand brach erst aus, als sich die Niederländer in ihrem Geldbeutel bedroht sahen, als die fiskalischen Maßregeln Philipps des Zweiten (1555—1581) die wirtschaftliche Blüte des Landes dem Untergange nahe brachten. Gerettet hat die Holländer im Grunde England. Denn auch der Kleinkrieg, den die Geusen zur See führten, hat wohl den Feind belästigt und ihm hier und da Abbruch getan, aber hat nichts entschieden. England war gleich Frankreich, wo 1572 in der Bartholomäusnacht (23. August) die Hugenotten vernichtet wurden, lange durch religiös gefärbte Bürgerkriege beschäftigt. Unter Elisabeth gewann jedoch der Protestantismus die Oberhand. Nun wandte England seine junge Kraft gegen Philipp den Zweiten. Es brachte die katholische Schottenkönigin aus dem Hause der Guise 1587 aufs Schafott. Es schickte die Flibustier gegen die spanischen Silberschiffe aus, es unterstützte die Holländer, und reizte dadurch schließlich Philipp, der den Guisen in Frankreich half, dermaßen, daß er eine gewaltige Flotte, die große Armada in den Ärmelkanal entsandte. Im Hochsommer scheiterte die Armada durch Stürme, und der Rest fiel den Engländern in die Hände. Den Nutzen davon hatten jedoch zunächst die Holländer. Sie schlugen nicht nur die Spanier zurück, sondern errichteten auch in Asien, Afrika und Amerika große Kolonialreiche, zumeist auf Kosten Portugals, das seit der Spätzeit Philipps an Spanien angegliedert war. Zwar waren die Engländer nicht ganz untätig. Im Jahre 1591 kam Lancaster nach Indien.

Ein ewiger Kampf tritt zwischen die alte Kultur und die neu ihr unterworfene Rasse. Neben diesem Kampfe und durch ihn entbrennt zugleich ein Wettstreit verschiedener Kulturen untereinander, ein Streit, der ebenfalls die Eigenart der Gegnerinnen umgestaltet, zerstörend oder befruchtend, verflachend und vertiefend. So die Wechselwirkungen zwischen aztekischer und spanischer Kultur, zwischen Islam und Hinduismus, zwischen Buddhismus und der chinesischen Bildungswelt, zwischen der frisch belebten Antike, der Renaissance, und dem Vorstellungskreise der Scholastik, zwischen der verknöcherten, altüberkommenen, schemenhaft gewordenen Bildung der Chinesen und der angriffslustigen, jungen Zivilisation des Westens.

Durch das Aufkommen Portugals sank Venedig. Der verstorbene v. Zwiedeneck sagt darüber: Bei dem riesigen Kapitale, das die Venezianer angesammelt hatten, mit dem vortrefflichen Materiale von Matrosen, das ihnen reichlich zur Verfügung stand, und den ausgezeichneten technischen Einrichtungen ihrer Schiffs-werfte konnten sie die Konkurrenz mit den um so viel ärmeren Portugiesen ohne Zweifel aufnehmen. Die Strecke von den adriatischen, griechischen und apulischen Häfen bis zur Straße von Gibraltar verteuerte die Fahrten nach Indien nicht so bedeutend, um nicht ebenfalls auf dem neuen Wege die für den Handel erforderlichen Artikel erwerben zu können. Venedig hatte ein ausgedehntes Hinterland, dessen Aufnahmefähigkeit im Steigen begriffen war; das ganze Ostalpengebiet,Süddeutschland bis an den Main, Böhmen, Polen und Ungarn waren auf den Handel mit Venedig angewiesen, das ihnen für die Produkte beider Indien gewiß nicht höhere Preise abzunehmen brauchte, als die Holländer und Hanseaten, die sich ihre Waren aus Lissabon abholen mußten. Es war ja nicht notwendig, sich auf den gewohnten Verkehr mit deutschen Kaufleuten und Spediteuren im Fondaco und in Portugruaro zu beschränken, man konnte ihm neue Bahnen brechen, ihn verdoppeln und verdreifachen. Das Projekt des Suezkanals war für die Lagunentechniker, die täglich Baggerungen undKüstensicherungen vorzunehmen hatten, durchaus nicht unausführbar, es hätte nur Geld und Unternehmungslust gebraucht, es wäre nötig gewesen, alle anderen Interessen der Herstellung des nächsten und bequemsten Seewegs nach Indien unterzuordnen.

Diesen Entschluß hat die Signorie aber nicht gefaßt, ja sie hat ihn nicht fassen können, weil ihre Auftraggeber, die Familien des Libro d’oro, weder den Opfermut noch die Unternehmungslust ihrer Vorfahren besaßen. Allzu leicht und rasch erzielter Gewinn macht träge und genußsüchtig, nicht in der ersten, vielleicht auch noch nicht in der zweiten, um so gewisser in der dritten und in den folgenden Generationen. Die Reichtümer Venedigs waren aber schon seit einem Jahrhundert und länger aufgespeichert, und nun trennte man sich schwer für lange Zeit von ihrem Genüsse. Weite, beschwerliche und gefährliche Seefahrten waren nicht mehr nach dem Geschmacke der aristokratischen Jugend, die im Weichbilde von S. Marco aller Lebensfreuden teilhaft werden und sich mit der höfischen Gesellschaft in den vornehmsten fürstlichen Residenzen in ritterlichem Auftreten messen konnte. Die Schiffsherren waren Landbarone geworden; statt den Takt der Ruderschläge zu bestimmen und die Segel zu stellen, tummelten sie feurige Rosse und machten Jagdpartien. Darum hielten sie es für wichtiger, ihr Territorium zu vergrößern als sich die Herrschaft im Mittelmeer zu bewahren und mit den atlantischen Seefahrern zu wetteifern.

Das ist der Wendepunkt in den Geschicken der stolzesten und mächtigsten Republik, die seit dem Untergange der römischen entstanden war.

Während 1595 die Holländer einen großen Zug nach Inselasien und einen anderen, um die sehnsüchtig gesuchte nordöstliche Durchfahrt zu finden, nach Nowaja Semlja unternahmen, und die Spanier in Japan erschienen, während Batavia 1619 auf Java gegründet wurde und 1622 die Holländer sich auf den Peskadoren und dann auf Formosa festsetzten, versuchten die Engländer Ende des sechzehnten Jahrhunderts und dann zum zweiten Male 1607 die Kolonisation Virginias, besetzten 1608 Spitzbergen (das ja augenblicklich ein Streitapfel zwischen vier Nationen geworden ist); ferner entdeckte Hudson 1609 den Hudsonfluß und die nach ihm benannte Bai. Engländer tauchten in Grönland und in dem indischen Surate auf, sie entdeckten 1615 die Baffinsbai und besiedelten die Bermudainseln; endlich gingen 1620 die „Pilgerväter“ mit dem Schiffe Mayflower nach Plymouth in den „Neu-Englandstaaten“. Nur ungern sahen die Holländer das Eindringen ihrer Glaubens- und Rassegenossen in die überseeischen Länder. Sie veranstalteten 1622 eine Niedermetzelung aller Engländer auf der Mollukkeninsel Amboina. Aber der Tatendurst der Briten war nicht zu löschen. Sie landeten in dem letztgenannten Jahre auf der Insel Ormuzd. Sie schlugen 1630 die Portugiesen bei Surate, sie faßten das Jahr darauf in Westafrika Fuß und gewannen Barbados, eine der kleinen Antillen; 1634 wagen sie sich schon nach China. Das folgende Jahr errichten sie Niederlassungen in Connecticut, Maryland und Massachusetts, während Delaware von Schweden und Deutschen eingenommen wurde.

China hatte 1368 die Mongolen vertrieben.

Nun erfolgte abermals der Gegenstoß des Nordens gegen den Süden. Die Mandschu brachen 1618 auf, um das himmlische Reich zu erobern. Die goldenen Khane errichteten das Kalmückenreich und brachten Tibet in Abhängigkeit, die Mogule bemächtigten sich Südindiens. Im Westen zwangen die Großrussen Kleinrußland zum Anschluß, und Gustav Adolf zog aus Skandinavien bis nach München und in die Nähe von Wien. Die Besitzungen der Spanier und Portugiesen gingen allmählich in die Gewalt der Holländer und Engländer über. Zwar machte noch Frankreich, das zwischen Nord und Süd in der Mitte liegt, erfolgreiche Anstrengungen. Es gründete 1608 Quebeck. Lassalle erforschte den Mississippi, dessen Becken französisch wurde, ln Europa wurde Frankreich die ausschlaggebende Macht.

Dazu half in erster Linie die Schwächung der Habsburger. Durch den Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) wurde der spanisch – österreichische Block zerstört. Als die erste Hälfte des Krieges zu Ende ging, da schien es freilich, als ob Wallenstein jenem Block die Weltherrschaft zu Füßen legen könne. Der Kaiser Ferdinand II. aber, der die römische Kirche und den Romanismus in seinen Erblanden wieder befestigt hatte, beging den Fehler, Wallenstein abzusetzen.

Zu der Wiedererstarkung Roms trugen vor allem die Jesuiten bei. Ihr Orden, von dem baskischen Ritter Ignatius von Loyola gegründet, war jetzt drauf und dran, die größte geistige Macht in der ganzen Welt zu werden. Die katholischen Fürsten in Europa waren von Jesuiten beraten und auch über See, in Indien, Japan und Amerika, übte der Orden bedeutsamen Einfluß aus. In Paraguay bildete sich sogar ein Staat, der völlig von Jesuiten geleitet wurde.

Die zweite Hälfte des Dreißigjährigen Krieges, wobei die Franzosen zielbewußt eingriffen, entschied gegen die Habsburger. Die Schweden, von dem Kardinal Richelieu unterstützt, errangen Sieg auf Sieg. Wallenstein wurde zwar zum anderen Male an die Spitze der kaiserlichen Armeen gesetzt, allein da er nur lau vom Hofe unterstützt wurde und daher seinerseits lau wurde, so verdächtigte man ihn in Wien des Verrats und ließ ihn durch Meuchelmord aus dem Wege räumen. Ein wirres Durcheinander folgte, eine allgemeine Zermürbung und Zerrüttung unseres Vaterlandes, an der lediglich die Franzosen, Schweden und Polen ihre Freude haben konnten. Der Krieg hat die Bevölkerung Deutschlands und seinen Wohlstand sehr vermindert Er verschärfte die Übel, die aus mangelhafter Organisation entspringen. Auf politischem Gebiete zeigte sich der Mangel in der Viel- und Kleinstaaterei, auf wirtschaftlichem Gebiet in dem Auseinanderfallen und getrennten Wirken der ökonomischen Kräfte. Der Westen kümmerte sich nicht um das, was im Osten vorging, und der Süden wußte nicht, was der Norden tat. Das österreichische Wirtschaftsgebiet war mit Italien und Spanien in Verbindung, das preußische und sächsische neigte nach Skandinavien und Rußland. Von einer Industrie, wie sie in Frankreich und England erblühte, war noch kaum die Rede. Auch hatte Deutschland wenig Vorteil von den überseeischen Kolonien. Eigene Versuche, die von Augsburgern und Nürnbergern und später von Preußen gemacht wurden, verliefen im Sande. Die Kolonisation Pennsylvaniens, die von Frankfurt am Main aus durch Prätorius ins Werk gesetzt wurde, hatte zwar den schönsten Erfolg, aber kam lediglich den Angelsachsen zugute.

Trotz alldem war auf kulturellem Gebiete der Süden noch immer vorherrschend. Die spanische Tracht wurde in der vornehmen Gesellschaft Europas maßgebend; nicht minder romaniche Sprachen in aller Welt, insofern Portugiesisch und Spanisch bis ins 18. Jahrhundert hinein die ozeanischen Küsten beherrschte, während Italienisch und Französisch an den Höfen den Vorrang hatten. Das Vorbild der französischen Lebensart wurde auf dem ganzen Kontinent befolgt, und zwar in immer steigendem Maße von Franz I. bis auf Ludwig XV. Es waren glänzende Zeiten, wie sie uns für die Renaissance am schönsten die Schriften Ferd. Conrad Meyers, für das 17. Jahrhundert die drei Musketiere von Dumas schildern. Der Ruhm der Könige war nicht unverdient. Man nehme ein Abenteuer wie das des ritterlichen Franz I.

Es war am Tage der Vermählungsfeier des Herzogs von Guise mit Renata von Montpensier, der Tochter des Herzogs von Este-Ferrara und Enkelin Ludwigs II., als ein seit langen Jahren gefangengehaltenes Hauptschwein von nicht dagewesener Stärke und äußerster Wildheit im inneren Schloßhofe zu Amboise freigelassen ward, um es den Gästen zu präsentieren. Durch die vieltönigen Stimmen der Damen in den Fenstern und anhaltende Neckerei erregt, zertrümmert die wütende Bestie wider Erwarten ein kleines Nebenpförtchen, das in die Innenräume des Schlosses leitet; bricht sich, ehe jemand dazwischen zu treten vermag, Bahn und stürmt nun, mit dem charakteristischen Wetzen und Schlagen seiner Waffen, geradeswegs gegen das offene Gemach der übermütigen Neckerinnen.

Alles das hatte sich in wenigen Augenblicken vollzogen; niemand unter den Anwesenden war auf die Möglichkeit eines ähnlichen Angriffes und seine Abwehr im geringsten vorbereitet. Die unmittelbare Gefahr, der wildgrausige Anblick des jählings auf harten Schalen über die steinernen Fliesen des hohen Korridors heranpolternden Riesentieres mit wutfunkelnden Lichtern und schaumtriefendem Gebrech, aus dem die mächtigen Hauer blendend emporstehen, übt auf alle eine eigentümlich lähmende Wirkung: für eine Sekunde sitzt alles, wie gebannt, lautlos da — keiner der Kavaliere wagt, sich zu rühren, der Schrei selbst erstirbt auf den Lippen der Damen. Der König ist der einzige, der fast momentan die Fassung wiedergewinnt und sich dem Ernste des Augenblicks gewachsen zeigt. Er erhebt sich vom Sessel und tritt, mit Blitzesschnelle den Degen ziehend, von keinem gefolgt, festen Schrittes dem heranrasenden Keiler mitten in den Weg. Man sieht die hohe Gestalt sich tief Vorbeugen, und gleichzeitig erfolgt, fast vor der Schwelle des Gemachs, der furchtbare Zusammenstoß. Ein heiserer, eigentümlich pfeifender Laut wird vernommen — der grimme Basse sinkt verendend in sich zusammen. Die Gestalt des Königs richtet sich auf, unversehrt, indessen er die fast bis ans Heft eingedrungene Klinge aus der Brust des toten Keilers zieht. Fahle Blässe auf dem Antlitz, ein eigentümliches Leuchten im Auge, und mit einem Lächeln auf den Lippen reicht er die edle Waffe einem der herbeispringenden Edelleute zur Säuberung, sich selbst mit anmutigen Scherzen zu den Damen zurückbegebend.

Nicht verzeichnet hat uns die Chronik die Gefühle, welche in diesem Augenblicke die Brust des königlichen Weidmanns schwellten, dem — nach seinem eigenen Ausspruche — ein Hof ohne Frauen einem Jahr ohne Frühling zu vergleichen war, oder einem Lenz ohne Rosen.

Es bestätigte sich von neuem, daß Kriegszeiten auch die fruchtbarsten Kulturzeiten sind. Der Kanonenhall großer Schlachten erschüttert erfahrungsgemäß die Wolken, aus denen dann erwünschter Regen auf die Saaten herniederträufelt. Die wechselvolle Unruhe der Epoche spiegelte sich in den lebensvollen Dramen Shakespeares und den kräftigen, farbegesättigten Bildern eines Rubens und Velasquez. Der Krieg hatte aber auch Folgen in der Schichtung der Gesellschaft.

Da tritt kein andrer für ihn ein,

Für sich selber steht er da ganz allein!

Kleine Fehden sind zum Vorteil des Adels. Durch sehr große und sehr lange Kriege wird jedoch die Blüte des Adels dahingemäht. Man greift, um die Lücken der Heere auszufüllen, zum Ersatz aus anderen Schichten, nimmt Bauern und Handwerker und jüngere Söhne aus Bürgerkreisen. Auch ändert sich die Beschaffenheit des Adels selbst. Der Geburtsadel tritt zurück, der Grünadel von Beamten, reichen Kaufleuten und höfischen Günstlingen tritt hervor. Es ist jetzt nachgewiesen, daß auch die deutschen Patrizier lediglich aus dem Kaufmannsstande hervorgingen. Geld allein entschied. In Frankfurt wurde ein reich gewordener Krämer oder Handwerker geradezu gedrängt, in den Reihen der Patrizierseinen Platz zu suchen. Schon diedeutsche Kultur der Reformation ist zu einem guten Teile von reichen Kaufleuten getragen. Darnach werden die deutschen Fürsten wieder rühriger. Namentlich vollbringen sie große Bauten. Das Heidelberger Schloß ist eine der herrlichsten Schöpfungen aller Zeiten. Inzwischen wächst auch die untere Schicht der Gesellschaft. Das Volk, vielfach auf sich selbst angewiesen, wird selbstbewußter und trotziger. Die ersten Wehen des neuen Geistes zeigten sich in England und den Niederlanden. Der Herrscher wurde in den Niederlanden verjagt, in England sogar geköpft (Karl I. im Jahre 1648), und dafür erhob sich die Gewalt des Volkes. Für Holland war das nicht allzu günstig; in Großbritannien hatte das Volk hingegen das Glück, einen genialen Führer in der Person Cromwells zu erhalten. Der Feldherr der Puritaner, Cromwell, zwang nicht nur die vier Königreiche England, Schottland, Wales und Irland zur Einheit, zu einer strafferen, als sie selbst heute besteht, insofern Irland einfach zur englischen Provinz wurde, während es heute unter einem eigenen Vizekönig steht und die home rule, das heißt die Selbstverwaltung, anstrebt, sondern erverhalf dem englischen Namen auch nach außen zu frischem Ruhme.

Vom Glanz der Renaissance wurde ganz Europa geblendet; ihre Kunst erreichte England und Skandinavien und Polen. Aber auch das Barock (rund 1600—1715) ging von romanischen Ländern aus, um freilich in germanischen seine Vollendung zu finden. Nicht minder setzten sich italienische Oper und französisches Schauspiel auf dem ganzen Kontinente bis nach Rußland durch, während Shakespeare erst von 1770 an allgemeinere Geltung erlangte. Germanische Musik edleren Stils begann mit Bach um 1680, die höhere Schauspielkunst sogar erst ein Jahrhundert später.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika

Männer; Völker und Zeiten

Ältere und neuere Mystik in der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts.

Im ersten Theile dieses Werkes ist versucht worden, die wichtigsten Erscheinungen der deutschen Mystik bis in die Anfänge des 14. Jahrhunderts und daran anschliessend die Lehre Meister Eckhart’s darzustellen. Die Kraft dieses Geistes hat in hohem Masse befruchtend auf das religiöse Denken in Deutschland gewirkt. Ein neues Leben geht von ihm aus und ergreift immer weitere Kreise. Daneben erhält sich die ältere kirchliche Mystik noch fort und zieht durcli einzelne hervorragende Leistungen die Beachtung auf sich. Die Weise unserer Darstellung, welche den Leser theilnehmen lassen will an der Auffindung und Einordnung des Materials in den geschichtlichen Aufbau, fordert darum hier einen vergleichenden Rückblick anf die ältere kirchliche und auf die neuere eckhartische Mystik, um Kriterien zu gewinnen, nach welchen der neue sich zudrängende Stoff unterschieden und beurtheilt werden kann.

Als höchste Vollendung des Menschen und daher als das Ziel des religiösen Lebens wird von der älteren kirchlichen Mystik übereinstimmend das unverhüllte Schauen der ewigen Wahrheit oder des göttlichen Wesens bezeichnet. Mit Hilfe der Gnade wird dieses Ziel erreicht. Die Gnade führt den Menschen stufenweise aufwärts, macht ihn zu einem anhebenden, fortschreitenden, vollkommenen Menschen (I, 277) S reinigt, erleuchtet, vervollkommnet ihn (I, 262); sie ist es, welche die Seele im Glauben und in der Sehnsucht der Liebe auffliegen macht (I, 225), welche den Intellect durch ihr gesteigertes Licht, das Licht der Glorie, zuletzt zum Schauen des göttlichen Wesens, befähigt (I, 262). Die erkennende Kraft der Seele, die raiio (Bernhard), die intelligentia (Hugo, Richard), der Intellect (Albert, Thomas) ist das Auge mit dem wir Gott schauen.

Der durch die Liebe bestimmte Wille trägt die erkennende Kraft allmählich zum Schauen empor (I, 267); durch die Befolgung der evangelischen Rathschläge wird ausgeschlossen, was die Energie der Liebe hindert (I, 266); die Flamme der Liebe besiegt die widerstrebenden Leidenschaften (I, 232), sie läutert die Kräfte, lehrt Dinge und Sinne verachten (I, 223). Nur in der Negirung alles Körperlichen und Sinnenfälligen, in der Abstraction von allen Formen der Dinge, von dem Sein selbst, sofern es in den Creaturen verbleibt, gelangen wir zum Schauen Gottes (I, 266). Da wird der Geist sich selbst entfremdet (I, 250), da stirbt er, dringt ein in das Dunkel, geht, indem Sorgen und Begierden und Einbildungen zum Schweigen gebracht sind, mit dem gekreuzigten Christus aus dieser Welt zum Vater (I, 259).

Das Innewerden Gottes ist auf seinem Stufengange durch die Liebe bedingt. Der gesteigerten Liebe entspricht ein gesteigertes Schauen, und hinwieder ist jedes Schauen rückwirkend und die Liebe steigernd.

Allmählich durch forschende und erwägende Consideration strebt die raiio vom Sinnlichen zum Uebersinnlichen empor; zuweilen aber wird die Seele durch plötzliche Entrückung (raptus) zum Schauen (contemplatio) nach jenen Höhen geführt (I, 221 ff.). Nach Hugo und Richard erhebt sich die Intelligenz durch cogitatio, meditatio und speculatio zur Contemplation. Da verhält sich dann die speculatio zur contemplatio wie das Schauen der Wahrheit im Spiegel zu dem Schauen der Wahrheit ohne Hülle (I, 248).

Verschiedenartig sind die Stimmungen und Zustände, in denen sich die Seele auf diesem Wege zum Schauen befindet. Unruhe begleitet die Meditation, Bewunderung die Speculation, Süssigkeit die Contemplation (I, 232), oder andächtiges Hingenomraensein (devoiio), Bewunderung und Jubel (I, 250). David, vereinzelte Bezeichnungen seiner Vorgänger namentlich Richard’s zusammenfassend, nennt: Jubilus, ebrielas, spiritus, spiritualis jucunditas, liquefactio (I, 279). Zu der letzten und höchsten Stufe der Contemplation gelangen wir durch die Entfremdung von uns selbst, durch Ekstase, welche durch die Liebe und durch die Wonne, mit der uns das Geschaute erfüllt, bewirkt wird, und die raptus genannt wird, insofern die Grösse und Herrlichkeit des plötzlich Geschauten uns mit einer Art von Gewaltsamkeit über uns selbst hinausführt (I, 250).

Es ist in diesem Leben möglich, zuweilen auf die höchste Stufe der Contemplation zu gelangen (I, 226, I, 259 u. a.). Der Mensch soll nicht ruhen, bis er hienieden wenigstens einige Erfahrung von dieser uns in der Zukunft beschiedenen Fülle der Seligkeit gemacht hat (I, 267).

Und gelangt der Mensch zu dieser höchsten Stufe, so wird dann Gott selbst die Form der Seele, die menschliche Empfindung zerfliesst an sich selbst und wird gänzlich in den göttlichen Willen umgegossen, die Seele wird vergottet (I, 226). Wie der Wassertropfen im Weine Geschmack und Farbe des Weins gewinnt, wie das im Feuer glühende Eisen seine eigene Form verliert und die des Feuers annimmt, wie die vom Sonnenlicht erfüllte Luft in die Klarheit des Lichts umgegossen wird, so ist es mit der Seele, deren Form Gott geworden ist. Ihre Substanz bleibt wohl, aber sie ist in einer anderen Form (Bernhard I, 226 cf. Hugo I, 232). Da wird dann unser Geist Gottes inne nicht in einem anderen (als in einem Spiegel), sondern unmittelbar (Hugo I, 233 cf. Bonav. I, 257). Wenn so Licht ist, der das Licht erzeugt, und Licht ist, der da empfängt, so ist dasselbe der da erzeugt und der da empfängt: so doch, dass jener es ist von Natur, dieser von Gnaden (Hugo I, 241).

Von dem schauenden Leben (viia contemplativa), dessen typische Gestalt Maria von Bethanien ist, unterscheidet sich das wirkende (vita activa), das in Martha, der Schwester Mariens, repräsentirt ist. Das schauende Leben ist das seiner Natur nach höhere, tritt aber liinter das wirkende zurück, so oft die Liebe es verlangt (I, 227).

Diese Gedanken etwa bezeichnen den Umkreis, innerhalb dessen die ältere kirchliche Mystik sich bewegt. Es ist ein Grosses, was hier erstrebt wird, und ob nun das Ziel erreichbar ist oder nicht — das Streben selbst war für die Geschichte des religiösen Lebens von der grössten Bedeutung. Es gibt sich darinnen ein Verlangen nach unmittelbarem Erleben des Göttlichen, nach selbständiger Erfahrung kund; die Kräfte der Seele werden durch die Forderungen der Mystik wachgerufen, das religiöse Leben aus seiner Umliündigkeit emporgehoben. Denn wenn wir die Schriften betrachten, welche Zeugnisse dieses Lebens sind, so finden wir in ihnen das Gemütli, die Empfindung zu reicher Fülle erschlossen, über dem Kampfe mit der Sinnlichkeit und Sünde, der von den Mystikern in gesteigertem Masse geführt wird, vertiefen und verfeinern sich die sittlichen Erkenntnisse, und das Auge achtet in höherem Masse auf die Thätigkeit der Seele und ihrer Kräfte.

Aber hier ist auch die Grenze der älteren Mystik. Es gelang ihr nicht, sich von den unlebendigen Schulbegriffen über die Seele und ihre Kräfte völlig los zu machen, und es ist dies wohl ein Grund mit geworden, dass sie für die Theologie in wissenschaftlicher Hinsicht wenig Frucht brachte.

Eckhart ist gleichzeitig mit Dietrich von Freiburg, vielleicht durch ihn mitbestimmt, zu einer tieferen Auffassung vom Wesen der menschlichen Seele gelangt, und es ist wichtig, dies im Auge zu behalten, weil Gedanken und Sprache der neuen durch Dietrich und Eckhart bestimmten mystischen Schule hauptsächlich von hier aus das Gepräge gewinnen, das sie von der älteren kirchlichen Mystik unterscheidet.

Das reiche Empfindungsleben, das durch die ältere kirchliche Mystik erschlossen wurde, hatte die Anlage und den Trieb der Seele für das Unendliche zum volleren Bewusstsein gebracht und zugleich das Gefühl erweckt, dass der Grund des Seelen- und Geisteslebens ein reicherer sei, als z. B. die Scholastik eines Thomas annahm. Man erkannte, dass das, was Thomas den Kräften der Seele — von dem Wesen der Seele redet er wenig und ungenügend — zuraass, nur einen geringen Theil des menschlichen Seelenlebens befasse. Schon Dietrich fasst das Verborgene des Geistes, das über den Kräften stehende, als ein in sich vollkommenes, in sich seliges, wenn auch geschaffenes Sein, das nur die Kräfte zu überformen brauche, um den Menschen zu einem vollkommenen zu machen und die höchste Erkenntniss in ihm zu bewirken. Der intellectus agens, wie er dieses Verborgene nennt, ist etwras ganz anderes als was Thomas darunter versteht. Er stellt ihn den Intelligenzien gleich, die Wesen höherer Art sind als die Engel. Auf das Zurückgehen der Kräfte in diesen verborgenen Grund, nicht auf das Ueberformtwerden der Kräfte von aussen und oben her, wie das bei Thomas der Fall ist, kommt ihm alles an. Und die gleiche Forderung stellt Eckhart. Auch er betont das Wesen der Seele den Kräften gegenüber. Hier vornehmlich liegt das Bild; es ist der Funke, von dem aus die Seele und alle ihre Kräfte „gotvar“ werden. Hier wird Gott in der Seele geboren. Es gilt für die Kräfte, dem stillen Wesen der Seele, oder, wie er in der letzten Zeit hervorhebt, dem stillen Wesen der Gottheit gleichartig zu werden. Die Lehre vom Seelengrunde, die Fragen, wo das Bild liege, in dem Wesen oder in den Kräften, und im Zusammenhänge damit die Frage von der Geburt Gottes in der Seele, diese sind es, welche die neuere Mystik vornehmlich beschäftigen.

Und von der psychologischen Frage aus verbreitet sich die neue Auffassung auch über die damit zusammenhängenden theologischen Fragen. Wie in der menschlichen Seele Potentialität und Act sind, so sind sie auch in Gott. Gott ist nicht lediglich actus purus. In Gott ist ein ewiges Werden und ein ewiges Sein zugleich. Der Sohn ist geboren und wird immerdar geboren; aus dem Wesen strömt unmittelbar das ewige Bild, die Natur der Gottheit; diese ist der Grund, in welchem sich die noch unoffenbare Persönlichkeit sich selbst offenbar wird, an ihr erwacht sie, leuchtet sich und sagt sich Person.

Es sind dies Sätze, welche für eine annähernde Erkenntniss des Wesens der Persönlichkeit und der innergöttlichen trinitarischen Offenbarung von der grössten Bedeutung sind. Und wie in der psychologischen Frage das Thema von dem Seelengrunde, so wird nun in der specifisch theologischen Frage das Thema vom Wesen Gottes, von dem noch unoffenbaren, weiselosen Abgründe, von dem Ausfluss der Natur, dem ungeborenen und geborenen Wort etc. charakteristisch für die neuere Mystik. Bei der Unterscheidung von Potentialität und Act in Gott wird dann auch das ideale Vorsein der Dinge in anderer Weise gefasst als bei Thomas. Bei der Voraussetzung des Thomas, dass Gott actus purus sei, kann logisch von einer Entstehung der Idealwelt, von einer Erhebung derselben aus dem Nichtsein gar nicht die Rede sein, und consequent ebenso wenig von einem Act der Weltschöpfung, der nicht gleich ewig wäre mit Gott selbst. Denn die Schöpfung im biblischen Sinne gefasst setzt eine Bewegung in Gott selbst, einen Uebergang vom Nichtschaffen zum Schaffen, mithin eine Potentialität voraus. Und derselbe ungelöste Widerspruch bleibt bei Thomas in allen Fragen, welche das Verhältniss Gottes zur Welt, zur Geschichte mit der Menschheit, zur Erlösung betreffen. In der Mystik Eckhart’s, sofern sie Theosophie oder auf mystischer Grundlage ruhende philosophische Lehre von Gott und seinen Offenbarungen ist, traten, wie wir sahen, die Fragen von dem Wesen der Gottheit, sofern sie nicht bloss die wirkende Ursache, sondern das reale Substrat aller Dinge ist, die Fragen von der Identität der Dinge mit Gott, ehe sie wurden, in einer von Thomas ganz verschiedenen Auffassung sehr bedeutend in den Vordergrund. Das göttliche Wesen ist die materiale Grundlage der Welt, sich selbst entfremdet und zu einem der Gottheit fremden Wesen geworden durch den schöpferischen Willen Gottes, aber immerhin das unter der Einwirkung der geschöpflichen Form latent gesetzte göttliche Wesen, so dass diese geschöpfliche Form nur durchbrochen zu werden braucht, um für die Seele Gott selbst als Grund und Statt, in der sie schaut und denkt, zu gewinnen. Während bei Thomas die Seele in die Kräfte fliesst und diese, von der Gnade gestärkt, ihre Ueberformung von aussen her durch das göttliche Wesen, das ist den Begriff Gottes, empfangen, und zwar so, dass das Schauen und Erkennen Gottes auch in der Ewigkeit ein beschränktes und theilweises bleibt, weist die neuere Mystik die Seele auf einen rückläufigen Weg, von den Kräften in das Wesen, zu einem Schauen in ihr eigenes Innere, zu einem Vernichten und Durchbrechen ihres eigenen Grundes, um dadurch von der Gottheit umgriffen zu werden und diese als Grund und Stätte für ihr Personleben zu gewinnen, dessen Denken und Schauen dann selbst ein unendliches wird. Es wird nicht allzu schwer sein, von diesen Grundanschauungen aus die Schriften der Mystik der folgenden Zeit, soweit sich für sie keine weiteren Anhaltspunkte bieten, der älteren oder neueren Schule zuzutheilen.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter (1881), Author: Johann Wilhelm Preger.

Geschichte der deutschen Mystik im Mittelalter

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