Schlagwort: Schriftsprache

Von Dr. Albert Neuburger.

Es gibt Tage, denen für die Entwicklung des Menschengeschlechts eine höhere Bedeutung zukommt, als Dutzenden von jenen, die Millionen von Schülern noch nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden im Schweisse ihres Angesichtes auswendig lernen müssen. Diese Tage pflegen aber in den Annalen der Weltgeschichte nicht verzeichnet zu sein. Auch von demjenigen Junitage des Jahres 1922 werden diese Annalen vielleicht nichts berichten, an dem mit der Eröffnung der Betriebszentrale der „Transradio“ zu Berlin der drahtlose Weltverkehr seinen Anfang nahm. Und doch leitet dieser Tag ein neues Zeitalter auf dem Gebiete des ganzen Verkehrswesens und damit des Wirtschaftslebens der Völker sowie des kulturellen Fortschrittes ein.

Drahtloser Weltverkehr?

Ja, gab es denn dergleichen bisher nicht? Man konnte doch über die Ozeane hinweg Telegramme senden, und so mancher Leser wir sich vielleicht erinnern, vernommen zu haben, dass die Funkenzeichen der Station zu Nauen in Awanui auf Neuseeland aufgenommen wurden. Die Entfernung beläuft sich auf nicht weniger als auf 20,000 km. Der Umfang des Aequators aber beträgt 40,000 km. Da nun die elektrischen Wellen von Nauen aus nicht nur in der einen Richtung nach Awanui gelangen, sondern da sie sich von den Sendedrähten aus nach den verschiedensten Richtungen hin ausbreiten und somit nicht nur von der einen, sondern von verschiedenen und entgegengesetzten Seiten her in Awanui anlangten, so hatten sie also im vollsten Sinne des Wortes den Erdball umflutet. Damit waren also die Voraussetzungen für einen drahtlosen Weltverkehr gegeben. So sollte man meinen!

Deutsch-Amerikaner

Der Reichspräsident und die Sieger im Internationalen Telegraphistenwettstreit

1 Staatssekretär Dr. Bredow.—2. Frau Erna Bansemer-Breslau, 1. Preis im System Siemens Schnelltelegraph. 3. Meisterschafts – Preisträger Schindler-Wien. — 4. Frl. Kirndörfer-München, 2. Preis im System Siemens Schnelltelegraph. — 5. Jespen-Dänemark, 2. Preis im System Wheatstone. — 6. Reichspräsident Ehert.—7. Pasewaldt-Berlin, 1. Preis im System Radio. — 8. Kurt Müller-Berlin, 1. Preis im System Hughes. — 9. Renate Lembardo-ltalien, 2. Preis im System Hughes. — 10. Hauersley-Dänemark, 1. Preis im System Wheatstone.

 

Der grosse internationale Telegraphistenkongress in Berlin wurde durch eine Festsitzung im Reichstag offiziell eröffnet. Zu ihr hatten sich Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden, der Stadt Berlin, der elektro technischen, insbesondere der telegraphischen und funkentelegraphischen Industrie sowie zahlreiche Teilnehmer aus den verschiedensten Ländern der Erde eingefunden.

Zum Wettstreit hatten sich allein aus Deutschland 213 Teilnehmer eingefunden. Aus Italien waren 73, aus den Niederlanden 9, aus Oesterreich 10, aus Russland 8. aus der Schweiz 3, aus Spanien 3, aus Portugal 8, aus Dänemark 14, aus Ungarn 4, aus Norwegen 1 erschienen. Des weiteren waren Vertreter der Tschechoslowakei, Jugoslawiens, des Freistaates Danzig u. s. w. anwesend.

Zunächst begrüsste der Reichstagspräsident Loebe die Gäste und wüuschte der Veranstaltung in Anbetracht des edlen Wettstreits der geistigen und körperlichen Betätigung den bösten Erfolg. Er wies darauf hin, dass die Telegraphisten Hilfsorgane in dem Bestreben darstellen, die Menschen zu vereinigen, stellen sie ihre Kräfte doch in den Dienst der Verständigung. Staatssekretär Dr. Bredow führte aus, dass die Mailänder Telegraphisten den Ruhm beanspruchen können, den ersten internationalen Wettstreit dieser Art veranstaltet zu haben, sie waren es, die im Jahre 1899 zur Volta-Feier in Como eingeladen hatten. Zwölf Jahre später, im August 1911 wurde anlässlich des 50jährigen Bestehens des Königreichs Italien vom Ministerium der Post und Telegraphen ein grosser Wettstreit, veranstaltet, an dem mehr als zweihundert Telegraphisten aus 17 Ländern teilnahmen. Glänzende Leistungen wurden erzielt, und die hervorragend verlaufene Veranstaltung erweckte bei allen Teilnehmern den Wunsch, die Einrichtung der internationalen Telegraphistenwettbewerbe zu einer dauernden zu machen. Seitdem sind elf Jahre vergangen, und die Welt hat ihr Antlitz von Grund auf ändern müssen, ehe es möglich war, wieder an eine internationale Veranstaltung dieser Art heranzutreten.

Deutsch-Amerikaner

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Seit dem zwölften Jahrhundert ist ein volklicher Zusammenschluß zwischen Siegern und Besiegten bemerkbar. In Japan spielen die Ainu keine ansehnliche Rolle mehr. Auf dem Festland sind, wie früher die Katai, so jetzt die Niutsche chinesiert. Indien saugt das Türkentum auf, Iran ist auf dem Wege dazu. Die Waräger sind in Rußland schon längst verrußt. In Deutschland sind wenigstens bis zur Elbe die Slawen so ziemlich eingedeutscht, wenn auch im Lüneburgischen, auf Rügen und sonst noch kleine slawische Inseln fortbestehen. Ebenso darf man annehmen, daß die Rätier in der Hauptsache jetzt ihr Volkstum verloren haben. Nur in der Gegend zwischen oberer Isar und dem Inn bei Innsbruck ist es noch bezeugt; vielfach freilich, wie im Stubai, im Inntal oberhalb Zirls, bei Klausen, haben die Rätier einstweilen romanische Sprache angenommen, um erst Jahrhunderte später deutsche dafür einzutauschen. Auch an der westlichen Grenze, gegen Burgund und den Ardennen zu, hat sich eine säuberliche Scheidung vollzogen, die in der Hauptsache bis heute dauert, und eine Eindeutschung der Fremden diesseits der Grenze. Italien hat inzwischen die Langobarden und auch bereits die Normannen verdaut. Nur in England, das hundert Jahre mit Frankreich (1330—1430) und außerdem beständig mit Schotten, Iren und Welshmen zu kämpfen hat, und Spanien, das sich der Basken und Araber zu erwehren hat, tobt noch der Nationalitätenkampf.

Eine neue Kultur hebt an. Die umgeschmolzenen, umgeschmiedeten Volkstümer sind nicht mehr mit Überkommenem, Entlehntem zufrieden; sie wollen Eigenes schaffen. Auf allen Gebieten regt es sich: in der Dichtung, in der Philosophie, in der Baukunst. Nicht zum mindesten auch im Gewerbe. Die frisch erstandenen Städte beginnen mit Fabrikation besonders von Tuchen; sie treiben ausgedehnten Handel. Die Naturalwirtschaft geht seit 1200 in die Geldwirtschaft über. Entscheidend war hierfür, neben der Notwendigkeit der inneren Entwicklung, der Anstoß durch die Kreuzzüge. Er wurde am stärksten in Südeuropa verspürt, das denn auch die Mutter der Weltwirtschaft wurde. Die Templer, die über 200 Millionen Mark Kapital verfügten, eröffneten den regelrechten Bankbetrieb. Sie führten Versicherungen ein. Sie stellten Konsuln an, um die Interessen überSee zu vertreten, verschieden von den gleichzeitigen Konsuln in Pisa und Florenz, die als Vorsteher einer Gilde und Inhaber einer Gerichtsbarkeit auftraten. Sie waren selbst Großhändler, Großreeder und Großbankiers.

Der erstaunliche Aufschwung- des Verkehrs erinnert an den unter den Achämeniden. Ihrer straffen Herrschaft mit dem folgerichtigen Steuersystem ist der sizilisch-unteritalische Musterstaat des Staufers Friedrich II. zu vergleichen. In seiner politischen wie religiösen Auffassung war Friedrich der erste moderne Mensch.

Die Germanen haben das Überkommene originell umgebildet. Für den romanischen Stil setzten sie die Gotik, für das Evangelium den Heliant. Dazu hatten sie ganz Eigenes, an Stelle des Hexameters die Nibelungenstrophe. Nie haben sie, trotz der eifrigen Versuche der Staufer, das absolute Cäsarentum angenommen. Auch das römische Christentum, das sie wohl als Fremdkörper empfanden, haben sie umgebildet, wie die Muschel den Fremdstoff zur schimmernden Perle umschafft. Stets sträubten sie sich gegen das römische Recht. Endlich war, nach langen Stürmen, die innere Volkseinheit wieder entstanden.

Ihre Erfindungen gestalteten die Technik und infolgedessen das ganze materielle Leben um. So auch das Kriegswesen. Durch das Pulver wurde die Taktik revolutioniert, durch die Städte die soziale Schichtung, das Dichten und Trachten der Gesellschaft.

Der Kampf zwischen dem alten Universalismus, der noch in Dante, in dem Mongolenreiche, in der Huldigung der Ashikaga an die Ming eine Wiedergeburt feierte, und dem aufstrebenden Nationalismus erzeugte die gewaltigstenErschütterungen und die großartigsten Helden, weckte kühnste Kraft auch in der Kultur. Moderne Geister, wie der Kanitz Ostasiens, der Staatssozialist Wangan-tschi (1060), wie der Staufer Friedrich II. inmitten mittelalterlicher Gebundenheit; titanischer Individualismus, der die ganze Welt in die Schranken fordert, bei Firdusi, bei Erwin von Steinbach, bei den Minamoto Japans und den Plantagenets —

„wir kommen vom Teufel“1,

sagte Richard Löwenherz,

„und müssen zum Teufel zurückkehren“ —

bei den Cangrande und den Malatesta.

Die Überspannung des Individualismus erzeugte um 1300 die Blüte der Sufi, deren Anfänge allerdings weiter, bis zu denen der Assassinen, zurückliegen, und den radikalen Pantheismus des Japaners Nichiren, des Deutschen Heribert von Aura. Das Übereinstimmende der verschiedenen Lehren liegt darin, daß jeder einzelne gleich Gott werden kann. Daraus zogen sie, mit Ausnahme von Nichiren, den Schluß, daß solchen Gottgeeinten alles erlaubt, daß ferner alles, auch die Frauen, ihnen gemeinsam seien. Orgiastische Feste sollten geradezu die Wonnetrunkenheit der mystischen Gotteinheit ausdrücken.

1 Eine Ahnin der Plantagenets, die Gemahlin Geoffroys von Anjou, soll der Sage nach satanischen Ursprungs gewesen sein.

In dieser Überspannung führte der Individualismus zum völligen Gegenteil, zur Aufhebung und Vernichtung des Nationalismus.

Im Osten behaupteten sich jedoch derartige Lehren, während Heribert, infolge kirchlicher Anklage, verbrannt wurde. Aber auch politisch war das übertriebene Selbstgefühl der einzelnen unheilvoll. Es führte in Italien, durch den unbezähmbaren Ehrgeiz und Tatendrang der Kondottieri, zu lauter partiku-laristischen Bildungen, zu einer Zersplitterung Nord- und Mittelitaliens in kleine Fürsten- und Herzogtümer, in Japan aber geradezu zu einem Krieg aller gegen alle. Und doch dienten diese Wehen nur dazu, um einer gewaltigen Zeit, um der Renaissance zur Geburt zu verhelfen. Ein Blitz, der aus dem Zusammenstoß zweier Welten, der zerfließenden mittelalterlichen und der übermächtig andrängenden modernen, hervorzuckt!

Diese gewaltige Epoche ist die Wiege heutiger Sprachen. Bei fast allen Sprachen der Welt sind drei Stufen zu beobachten: eine, die unserem Althochdeutsch, eine, die dem Mittelhochdeutsch, eine, die dem jetzt überall verstandenen Neuhochdeutsch entspricht.

Das Neuhochdeutsch beginnt nach der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts. Schon lange vorher war jedoch ein Nationalgefühl unter den Deutschen im Wachsen. Seit Heinrich IV. ist der Gegensatz zwischen Deutschen und Fremden schon recht fühlbar. Noch lebhafter wird das Gefühl durch das Interregnum. Das Volk ist durch die Wahl von Ausländern zum römischen Kaiser gereizt. Die Reichsverfassung spricht dem Böhmenkönig, obwohl er Erzschenk, das Wahlrecht ab, weil er kein Deutscher sei. Wie einerseits Mittelhochdeutsch die Würde der allgemeinen Schriftsprache errang, so ist doch andererseits dem Anschein nach auch Platt, wenigstens in der Zeit der Salier, von allen Gebildeten verstanden. Das Wachstum des deutschen Nationalgefühles ist jedoch nicht stetig gewesen; es wurde oft durch Rückschläge, Eingriffe von außen und Rezeptionen fremder, besonders romanischer Elemente unterbrochen. Einen Markstein bildet der Beschluß der Kurfürsten zu Rense 1338, aber die Tätigkeit Friedrichs III. (seit1453) und der folgenden Habsburger hat die Uhr der Zeiten wieder zurückgestellt, und die reine Fortbildung des nationalen Bewußtseins bis auf die Gegenwart getrübt und gehemmt. Selbst der so rühmliche Erfolg der Hansa war im Grunde nur zu geeignet, die Arbeit am nationalen Bau zu stören. Die Gefahr, der die mächtige Faust Karls des Großen vorgebeugt, die Gefahr einer Verschmelzung Norddeutschlands mit Skandinavien, lebte wieder auf und wurde erst durch Gustav Wasa beseitigt. Der Zusammenbruch der Hansa hat dem nationalen Aufstieg ebensoviel genützt, wie den Engländern ihr Fehlschlag in Frankreich.

In Italien beginnt ganz deutlich eine vollkommen neue Entwicklung mit Dante. In seinem Vorstellungs- und Ideenkreis ist er zwar der Abschluß, der Gipfel einer alten Welt, in seiner Sprache aber der Schöpfer einer neuen. Die „Göttliche Komödie“ kann, abgesehen natürlich von den schwierigen Anspielungen auf Zeitverhältnisse und Personen, noch heute jeder Italiener ohne weiteres verstehen. Etwas später offenbart sich die neue Zeit in der Malerei. Giotto steht noch ganz auf byzantinischem Grund, aber seine Nachfolger Verrocchio, Ghirlandajo, Boticelli zeigen einen durchaus neuen Stil.

Ramon Muntanes, der 1330 starb, schreibt seine katalanische Chronik; in dieselbe Zeit fallen die Anfänge des Kastilianischen. Das sprachlich begründete Neuspanien erhält seine staatliche Unterlage 1340 durch den großen Sieg über die Mauren am Rio Salado. Im gleichen Jahre setzte das englische Parlament durch, daß die Untertanen des Königs (der damals auch halb Frankreich besaß) ihm nur als englischem Könige Gehorsam schuldeten. Wiederum in dem gleichen Jahre ward Chaucer geboren, der Vater der englischen Schriftsprache. Wie jedoch in Deutschland die Kanzleisprache der Schöpfung Luthers voraufging, so auch in Großbritannien. Englisch wurde 1362 als Gerichtssprache festgesetzt, während sich Französisch als Hofsprache noch lange behauptete. Gegen 1300 vereinigt sich die langue d’oc mit der langue d’oil, gegen 1400 schrieb Froissart seine Geschichte. Um 1390 verfaßt der tschechische Ritter Emil von Pardubic die satirische Zierdichtung „Neuer Rat“. Der Ausgangspunkt der neuen finnischen Entwicklung scheint der Göteborger Friede von 1323, des Neurussischen der Sieg über die Tataren bei Kulikowo am Don 1380, des Neubulgarischen die Niederlage durch die Türken, des Neupolnischen das Aufsteigen Jagellos 1399 zu sein; die sprachliche Neubildung ist allerdings erst ein Menschenalter später als die staatliche, in dem einen Fall hat ein Sieg das Volksbewußtsein gestärkt, in einem anderen das Unglück den zerknirschten Sinn zur Einkehr, und dadurch ebenfalls zu fruchtbarer Umwandlung gebracht. So haben bei uns Jena und Sedan in gleicherweise Epoche gemacht.

In der Kanzlei Karls IV. ist das Deutsch, dessen sich Luther bediente, ist das Deutsch der Gegenwart entstanden. Karl IV. war ein halber Franzose. Er hatte nicht das Bedürfnis, Böhmen zu germanisieren, er hat vielmehr die tschechische Entwicklung gefördert. Er löste Prag von Mainz und gründete dort ein eigenes Erzbistum. So bereitete er den Boden für die Hussitenbewegung vor. Gerade aber dieser fremde Boden hat uns die deutsche Verkehrssprache geschenkt. Ähnlich hat die Fremdherrschaft der Mongolen und der Mandschu den zwiespältigen Chinesen die Einheit gegeben. Bei einem großen Bau, scheint es, muß stets ein Fremdelement als Kitt hinzukommen, um die sonst auseinanderfallenden Steine zusammenzuhalten, und ein abseits gelegener neutraler Boden ist der geeignetste, um Einheitsbestrebungen, die im Hader der heimischen Stämme und Parteien nicht gedeihen, als förderliche Grundlage zu dienen. So sind auch die Stammes- und Sprachenunterschiede der Griechen, die zwei Jahrtausende hindurch in ungeschwächter Kraft sich erhalten hatten, erst durch den Anstoß von außen, durch die Osmanen, zum Ausgleich gezwungen worden.

Das zwölfte Jahrhundert und der Beginn des dreizehnten, in dem zuerst sich die Keime heutiger Nationen selbständig regten, war die Zeit persönlicher Größe, der Schöpferkraft auf allen Gebieten, der Genialität in Staatskunst und Kirche. Es war die Zeit der aufsteigenden Gotik und der Troubadoure. Allmählich aber ebbte und versiegte das reiche Lied eines Bertrand de Born, und der Meistersang braver Biedermeier trat an die Stelle wildsprudelnder Titanenklänge. Die Epoche, in der die Grundlagen heutiger Sprachen zuerst sichtbar werden, hat zwar keinen Mangel an ragenden Einzelpersönlichkeiten, zeigt aber trotzdem literarisch einen Durchschnitt mittelmäßiger Konvention. Damit steht im Einklänge, daß, mit Ausnahme von Dante, kein einziger Autor, der an der Schwelle neuzeitlicher Sprachenentwicklung steht, zu den Großen gerechnet werden kann; mitunter kann man sogar nicht einmal einen einzelnen Schriftsteller als Bahnbrecher namhaft machen, sondern muß sich damit begnügen, volkstümliche Erzählungen, Märchen, Chroniken, anonyme Bänkelsänger als die ersten einleitenden Erscheinungen heutigen Schrifttums zu bezeichnen.

Gewaltig waren die Zeiten, in denen die Wiege der Nationen der Gegenwart stand, aber unpersönlich war der Niederschlag der großen Taten in Wort und Schrift. Haben wir es doch auch in unseren Tagen erlebt, daß nach 1870 kein Shakespeare, kein Schiller aufstand, und daß trotzdem das deutsche Schrifttum von Grund aus ein anderes ward. Man hat es längst eingesehen, daß nicht Moses die hebräische Schriftsprache, nicht Homer das griechische Kunstepos schuf: Homer war nur die Spitze einer längst begonnenen Entwicklung. Auch Dante hatte bereits Vorgänger, und bediente sich nur solcher Waffen, die schon von anderen geschliffen waren. Ähnlich ist es mit den anderen romanischen Sprachen, mit dem Deutschen und mit den Sprachen des Ostens gegangen. Die Sprache, das Gemeingut aller, geht nicht auf einen Einzelschöpfer zurück. Viel haben die deutschen Mystiker getan: Seuse (Suso), Suchensin und Tauler; aber gewiß nicht alles. Auch Luther hat nur gefeilt, feiner geschliffen, gefestigt, verbreitet, aber der eigentliche Urheber des Neuhochdeutschen ist er nicht gewesen. Dem ganzen deutschen Volke, als es noch einig war, als es sich noch nicht in Katholiken und Protestanten gespalten hatte, muß die Urheberschaft zugeschrieben werden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte

Männer; Völker und Zeiten

Wir haben den Siegeszug des Hellenismus nach Osten verfolgt und dabei zunächst außer acht gelassen, daß die kolonsatorische Tätigkeit der Griechen sich gleich von allem Anfang an, seit dem 8. Jahrhundert, auch nach dem fernen Westen, nach Italien und Sizilien erstreckte. Von den Völkern, die sie in diesen fremden Ländern antrafen, standen zwar die Tyrrhener auf einer höheren Kulturstufe, aber selbst sie und noch mehr die übrigen machten ihnen schon durch die Sprache und Sitten wohl einen ähnlich wilden und barbarischen Eindruck wie die Menschen in Thrakien oder am Schwarzen Meere- Doch macht sich im Laufe der Zeit der kulturelle Einfluß der griechischen Kolonien geltend. Das Alphabet wird von den Italikern nachgeahmt, die Maß- und Gewichtsordnung findet Eingang, das älteste Recht läßt die Einwirkung des griechischen von Unteritalien erkennen, und aus Religion und Mythos wird vieles herübergenommen. All dies sowie die zunehmende Ausbreitung der Kenntnis der griechischen Sprache bleibt anfangs allerdings auf die Oberschichte beschränkt, während das knorrige, allem Fremden abholde latinische Bauernvolk diesem Fortschritt noch verständnislos gegenübersteht. Auch die Griechen haben ihn zunächst nicht gewürdigt. Als sich Postumius bei den Verhandlungen mit den allerdings feindseligen Tarentinern der griechischen Sprache bediente, wurde er wegen der Sprachfehler, die ihm unterliefen, ausgelacht und die Gesandten als Barbaren beschimpft und aus der Versammlung vertrieben .

Eine entschiedene Wendung tritt bald darauf in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts ein, also mit dem Moment, wo die Römer zum erstenmal in politischen Gegensatz zu Hellas gerieten. Die griechische Stadt Tarent, mit der sie in Fehde lagen, ruft König Pyrrhus von Epirus zu Hilfe, und er ist der erste Hellene des Mutterlandes, der den Römern mit den Waffen entgegentritt. Die nähere Berührung zwischen Rom und Griechenland erfolgte also zu einer Zeit, da das alte nationale Hellenentum bereits ausgestorben und einem neueren, umfassenderen gewichen war. Pyrrhus ist der richtige Vertreter dieser neuen Zeit, ein hellenistischer Fürst, der selbst, ähnlich wie einst die makedonischen Könige, um seine Zugehörigkeit zum Griechenvolke kämpfen mußte und sich durch Zurückführung seines Stammbaumes auf Aiakos und Achill als Grieche zu legitimieren suchte. Er wird besiegt, Tarent eingenommen, und als hätte sich ein Einfallstor geöffnet, ergießt sich von hier eine Welle hellenischer Kultur über Italien: Großgriechenland liefert dem stolzen Rom seine ersten lateinischen Dichter, und die Anfänge der römischen Poesie, Übersetzungen und Bearbeitungen nach griechischen Originalen, zeigen völlige Abhängigkeit von der fremden Literatur.

Kein Wunder, wenn sich die Römer der Überlegenheit des Hellenentums derart gefangen geben, daß sie sich ganz auf den griechischen Standpunkt stellen und ihre eigene Sprache, das Latein, als barbarisch, sich selbst als Barbaren bezeichnen. Plautus gibt z. B. im Prolog der Asinaria den griechischen Namen des Stückes und den Verfasser an und fügt hinzu, Maccus —¦ worunter er selbst zu verstehen ist —‘ habe es ins Barbarische, d. h. ins Latein übertragen. An anderen Stellen nennt er Latium ein Barbarenland, die lateinischen Städte Praeneste und Signia barbarische Städte, die römischen Gesetze barbarische und den Dichter „‚Naevius einen Barbaren. Da damit sicherlich keine Herabsetzung beabsichtigt ist, kann hier mit dieser Bezeichnung nichts anderes gemeint sein als «nicht griechisch», vom Standpunkt des Griechen «fremd». Und so verwendet sie auch im 2. Jahrhundert der Römerfreund Polybios, wenn er den akarnanischen Gesandten Lykiskos, der die Lakedaimonier für Philipp gewinnen will, die Warnung aussprechen läßt, sich nicht mit den barbarischen, stammfremden Römern zu verbinden, um die stammverwandten Achaier und Makedonen zu bekämpfen. Die Stelle konnte daher von Livius ohne Arg benutzt werden, und auch Cicero nimmt keinen Anstand von barbarischen, d. h. lateinischen Endungen bei griechischen Wörtern zu sprechen. Einen solchen unverfänglichen Sprachgebrauch konnte man, namentlich von einem Römer selbst, hinnehmen.

Aber das Wort hatte nun einmal die ungünstige Nebenbedeutung, die von ihm nicht zu trennen war und in griechischem Munde aus dem verächtlichen Unterton gewiß deutlich herausklang, und so kam es, daß die Römer es schließlich als Schimpf empfanden, so genannt zu werden. Cato beklagt sich daher seinem Sohne gegenüber mit den Worten: «Die Griechen bezeichnen auch uns als Barbaren und beschmutzen uns noch mehr als andere mit der Benennung Opiker.» Das war nämlich ein italischer Volksstamm ( Osker), dessen Name offenbar von den Westgriechen auf die Römer übertragen wurde und diesen noch gehässiger klang als «Barbar». Der römische Nationalstolz wehrt sich auch sonst gegen das Barbarentum und strebt Gleichberechtigung mit den Griechen an, und in der Tat wird der Ausdruck schon im 2. Jahrhundert von den Römern so verwendet, daß sie selbst nicht mehr mit inbegriffen erscheinen. Lucilius ist, soviel wir sehen, der erste, der Römer und Barbaren gegenüberstellt, und dieser Gegensatz besteht auch sonst, wenn Griechen nicht weiter in Betracht kommen. Treten auch sie hinzu, so ergibt sich eine Dreiteilung, und von Cicero und späteren wird die Erde eingeteilt in «Griechenland, Italien, Barbarenland». In der Kaiserzeit ist dieser Sprachgebrauch bei römischen Schriftstellern so eingebürgert, daß es eine starke Abhängigkeit von der griechischen Quelle verrät, wenn der Philosoph Seneca im 1. Jahrhundert n. Chr. noch ganz im griechischen Sinne die Menschheit als Griechen und Barbaren zusammenfaßt.

Seit jener Neuerung erscheint dann der Ausdruck bar-bariis in ähnlich übertragener Verwendung, wie wir sie beim griechischen Worte beobachtet haben, insbesondere kann es bedeuten: «roh, wild, unkultiviert, ungebildet» oder, auf die Sprache bezogen: «fehlerhaft». Und nur in diesem letzteren Sinne kann es auch bei lateinisch sprechenden Griechen angewendet werden.

Begründet ist das Ausscheiden der Römer aus dem Kreise der Barbarenvölker einerseits in ihrer fortschreitenden Hellenisierung, anderseits in dem wachsenden politischen Übergewicht. Der Einzug griechischer Bildung und Kultur vollzog sich allerdings nicht ohne heftige Opposition, doch konnten die immer wieder auftretenden nationalen Gegenströmungen das siegreiche Vordringen des internationalen Hellenismus nicht aufhalten. Der strenge Cato, der die Gegenbewegung einleitete und die lateinische Prosa schuf, um die griechische entbehrlich zu machen, lernte selbst in vorgerücktem Alter die verhaßte Sprache, und ein erbitterter Gegner des griechischen Wesens und Schrifttums wie C. Marius, der zwar ein großer Feldherr, aber kein Mann von feinerer Bildung war, hatte keinerlei Einfluß auf die maßgebenden vornehmen Kreise.

Je mehr Rom als Beherrscherin der Welt in den Vordergrund trat, desto reicher wurde der Zuzug griechisch Sprechender und desto weiter verbreitete sich die Kenntnis der griechischen Sprache. Gesandte, Bittsteller, Vorgeladene erschienen, makedonische Prinzen und griechische Vornehme nahmen, gezwungen oder freiwillig, für längere Zeit Aufenthalt in Italien und empfingen und spendeten Anregung, ganz zu schweigen von dem Heere von Ärzten, Philosophen, Lehrern, Kaufleuten, Sklaven und Freigelassenen sowie Abenteurern aller Art, die für die unteren Schichten die Kulturträger abgaben. Daß sich darunter auch recht fragwürdige Elemente herandrängten, vermochte den Respekt vor der griechischen Kultur nicht zu beeinträchtigen, hatte aber die Bildung jenes Typus des «Graecülus» zur Folge, dessen unsympathischste Züge wohl übrigens vorwiegend griechisch sprechende Orientalen geliefert haben. National gesinnte Patrioten beobachten diese Entwicklung mit Besorgnis und befurchten vor allem auch eine moralische Schädigung des römischen Volkes. Einen besonders drastischen Ausdruck verleiht diesem Gedanken Ciceros Vater mit den Worten: «Unsere Leute ähneln den syrischen Sklaven: je besser einer Griechisch kann, desto schlechter ist er». Aber Tatsache war, daß man die zweite Sprache immer weniger entbehren konnte. Denn schon um nur den Aufführungen im Theater mit Verständnis folgen zu können, mußte man Griechisch verstehen und mit griechischen Verhältnissen, namentlich der Mythologie vertraut sein, denn die aus dem Griechischen übertragenen Stücke, Tragödien wie Komödien, wimmelten von Fremdwörten und Anspielungen, abgesehen davon, daß griechische Stücke auch in griechischer Sprache aufgefuhrt wurden. So wurde die römische Gesellschaft frühzeitig zweisprachig, und die ältesten Geschichtsschreiber, die Annalisten, konnten sich, da eine lateinische Prosa noch nicht ausgebildet war, in griechisch geschriebenen Werken an die Gebildeten wenden, unter denen gediegene Kenntnis des Griechischen durchaus keine Seltenheit war. Dem T. Quinctius Flamininus kam es bei der Einnahme von Theben sehr zustatten, daß er des Griechischen mächtig war, und seine Statue in Rom trug gar eine griechische Inschrift. L. Aemilius Paullus konnte sich dem Perseus gegenüber der griechischen Sprache bedienen, und geradezu Aufsehen erregte der Statthalter der Provinz Asia P. Licinius Crassus dadurch, daß er seine Rechtsprüche je nach den Parteien im Schriftgriechisch ebenso wie in einem der vier Dialekte verlautbaren konnte. Von anderen wird erzählt, daß sie die Sprache wie geborene Griechen beherrschten. Politiker halten vor Griechen griechische Reden, so z. B. Ti. Gracchus bei den Rhodiern oder Cicero vor dem Rate von Syrakus, auch schriftstellerisch wurde die fremde Sprache weiterhin gemeistert (Rutilius Rufus, Cn. Aufidius, L. Licinius Lucullus, Cicero), ja sogar an griechische Verse wagten sich Dichterlinge heran. Ähnliche Verhältnisse herrschen dann unter den römischen Kaisern, deren Vorliebe für das Griechische vielfach bezeugt ist.

Aber nicht nur die Sprache wurde eifrig gepflegt, sondern auch Lebensweise, Sitten und Einrichtungen nachgeahmt. So wird, um nur einiges anzuführen, das Wohnhaus nach griechischem Geschmack umgestaltet, indem neben den primitiven altitalischen Lichthof, das Atrium, der prächtige griechische Säulenhof, das Peristyl, trat, das mit griechischem Wandschmuck ausgestattet wurde. Die massenhafte Verschleppung griechischer Kunstwerke bot Gelegenheit, öffentliche und private Gebäude mit wertvollen Originalen zu schmücken. Die von den Griechen übernommene Sitte, bei Tisch zu liegen, hatte eine entsprechende Einrichtung der Speisesäle zur Folge. Nach griechischer Art wurde das Rasieren des Bartes eingeführt, und selbst der athletische Sport, der mit seiner Nacktheit und der Ölmassage dem römischen Geschmack eher zuwider war, fand Liebhaber, Schon Scipio Africanus erregte dadurch Ärgernis, daß er im Jahre 204 im Gymnasion von Syrakus in griechischer Tracht umherging und sich mit Literatur und palästrischen Übungen befaßte. Bald hatte denn jedes bessere Landhaus seinen Turnplatz, seine Palästra. Ja selbst der Totenkult erhielt durch Einführung von Grabschriften und Denkmälern neue Anregung. Neben vielem Guten hielt freilich auch manche bedenkliche Sitte, ja manches Laster seinen Einzug, was insbesondere Juvenal mit unerbittlicher Satire geißelt. Er findet es unerträglich, daß Rom in Sprache und Sitten eine griechische Stadt geworden ist.

Das Wichtigste aber war die Hellenisierung des Unterrichtes, wodurch das Griechische als unentbehrlicher Bildungsbestandteil für die Römer und für alle Folgezeit anerkannt war. In den vornehmen Familien Roms gehörte es zum guten Ton, einen griechischen Hofmeister, womöglich einen Philosophen, im Hause zu haben, und diese Leute gelangten dann infolge ihrer Bildung und Gewandtheit zu maßgebendem Einfluß. Griechische Freigelassene haben schon in der Umgebung des Pompeius und Cäsar, noch mehr unter den Kaisern des julisch-klaudischen Hauses und weiterhin eine wichtige Rolle gespielt. Hervorragende Lehrer der Philosophie und Rhetorik, desgleichen Grammatiker, die mit Vorträgen öffentlich auftraten, hatten großen Zulauf der römischen Jugend, und daran vermochten auch wiederholte Ausweisungen wenig zu ändern. So entwickelte sich seit Ämilius Paullus ein höherer, auf allgemeine Bildung hinzielender griechischer Unterricht. Natürlich setzte auch hier die nationale Opposition ein, und ein Freund des Marius, L. Plotius Gallus war es, der nicht ohne Erfolg die erste lateinische Rhetorenschule gründete. Aber da in dieser zwar die griechische Sprache und Literatur ausgeschlossen wurde, die Lehre und Methode aber genau die griechische war, so war damit doch wieder nur eine griechische Schule, wenn auch mit lateinischer Unterrichtssprache, gewonnen.

Damit hat das Bildungsideal, das seit Isokrates die griechische Schule beherrschte, auch in Rom seinen Hinzug gehalten. Auch dort wurde griechische Literatur, belebt durch mythologisches und historisches Wissen, vor allem aber Rhetorik nebst Philosophie gelehrt162). Ja es bürgerte sich bei der römischen Jugend der Brauch ein, die Heimstätten griechischer Bildung selbst aufzusuchen und auf den hohen Schulen Athens, von Rhodos oder Pergamon die Studien zu vertiefen. So haben es Cicero, Brutus, Cassius und Cäsar gehalten. Das Ergebnis dieser modernen römischen Erziehung war ein Aufgehen in jener hellenisch gefärbten internationalen Bildung, die seit Alexander die Welt erfüllte und nun auch das Römertum in ihren Machtbereich gezwungen hatte. Politisch hat Rom Griechenland geknechtet und seiner Freiheit beraubt, kulturell mußte es sich ihm unterwerfen. Graecia capta ferum victorem cepit singt Horaz (Epist. II 1. 156): Das unterjochte Griechenland hat den rauhen Sieger durch seine Kunst und Kultur gefangen genommen. Die Römer wurden ihrem Volkstum nicht entfremdet, wohl aber vom Hellenentum derart erfüllt, daß sie, wenigstens in den obersten Schichten, an allen seinen geistigen Bestrebungen lebhaften und bestimmenden Anteil nehmen konnten. Neuerungen und Moden auf dem Gebiete griechischer Bildung und Literatur wurden in Rom nicht nur getreulich mitgemacht, sondern Meinungsverschiedenheiten und Kämpfe vielfach hier, im Zentrum des Reiches, ausgetragen. Hier ward der Sieg des Attizismus erfochten, der das Schicksal der griechischen Sprache und Literatur für alle Zukunft entschieden hat.

Auf römischem Boden wurde denn auch der Begriff höherer Menschlichkeit nicht nur verständnisvoll aufgenommen, sondern ausgestaltet und vertieft. Von der Sophistik angeregt, ist die Idee, wie wir sahen, durch Isokrates zunächst in dem engeren Rahmen des Hellenentums ausgebaut worden, um erst von den Stoikern auf die ganze Menschheit ausgedehnt zu werden. Durch einen namhaften Vertreter dieser Schule, Panaitios, wird der vornehme und gebildete Kreis des jungen Scipio für den Gedanken gewonnen, und hier erlangte jener Begriff die Mannigfaltigkeit und Vielseitigkeit, wie sie sich in den ciceronianisdien Schriften widerspiegelt. Er umfaßt jetzt jegliche Art wohlwollender Rücksicht gegen die Nebenmenschen ebenso wie alle geselligen Vorzüge und die Schönheiten der äußeren Formen, vor allem aber alle ernsten Früchte der Muße: Bildung und Gelehrsamkeit, Sinn für das Schöne in Dichtung und bildender Kunst, ja auch Lust zu eigenem literarischen Schaffen. Dem schroffen nationalen Römertum, wie es der alte Cato vertreten hatte, wird jetzt das Menschentum zwar nicht entgegengesetzt, aber doch als gewissermaßen übergeordneter Begriff an die Seite gestellt. Damit ist aber das völkische Moment eigentlich ausgeschaltet und ersetzt durch das kulturelLmoralische, wodurch die Bewertung des Menschen von Abstammung und Nationalität unabhängig gemacht und daher auch für die Römer das schmerzliche Schwanken in der Auffassung ihres Verhältnisses zum Barbarentum beendigt und die ganze Rassenfrage gegenstandslos wird. Daher die Erwägung Ciceros (Rep. 1. 58):

«War Romulus König von Barbaren? Wenn die Griechen mit Recht alle Menschen in Hellenen und Barbaren einteilen, dann, glaube ich, war er König von Barbaren wenn dieser Name aber auf die Sitten, nicht auf die Sprache zu beziehen ist, dann halte ich die Griechen für nicht minder barbarisch als die Römer».

Selbstredend gilt ihm nur die zweite Alternative, und er will sagen, daß bei den Griechen ebenso wie bei den Römern nur eine kleine Schar Auserlesener den Anforderungen feiner Gesittung genügt und sich dadurch aus der allgemeinen Barbarei erhebt.

Für diese die ganze Menschheit ohne Unterschied der Abstammung verbindende Gesinnung und Gesittung stellt sich in Rom auch der Name ein, der sich seitdem bis auf den heutigen Tag erhalten hat: humanitas, Humanität, während inhumanus das unsympathische Wort «Barbar» ersetzen kann. Isokrates glaubte noch mit dem Ausdruck paideia, Bildung, das Auslangen zu finden, doch mußte bald noch ein zweiter, philanthropia, Menschenfreundlichkeit, zu Hilfe genommen werden, an den sich der lateinische Name offenbar anlehnt, der Bedeutung nach aber beides zusammenfaßt. Freilich verführt der Wortsinn von humanitas das Volk dazu, den Begriff vielfach auf das eine Gebiet einzuengen und die Bedeutung «Bildung» mehr zurücktreten zu lassen, so daß diese erst wieder in Erinnerung gebracht werden mußte.

So stand das gebildete Rom ganz im Banne des Hellenist mus und hatte sich auf diese Weise auch in den Augen einsichtiger Griechen aus dem Barbarentum emporgearbeitet, ja es hat im Osten politisch die Aufgabe übernommen an Stelle der Griechen, die dies nicht mehr vermochten, die hellenische Kultur und Gesittung gegen den Ansturm östlicher Barbarenstämme zu verteidigen. Wäre Cäsar nicht den Dolchen der Verschwörer erlegen, so wäre auch das hellenische Königtum nach Rom verpflanzt worden. Erst Oktavian lenkte in national-römischem Sinne ein, und in der Schlacht bei Aktium prallen die beiden gegensätzlichen Strömungen: die westliche nationale und die hellenisch-orientalische aufeinander, und hier entschied es sich, daß das römische Element im Reiche die Oberhand behielt. Der Prozeß wurde dadurch freilich nur unterbrochen, nicht aufgehalten.

Die Hellenisierung Roms zeigt große Ähnlichkeit mit der Makedoniens. Hier wie dort ein mächtiges, ursprünglich barbarisches Reich, das die Herrschaft über Hellas erlangt, aber seine Kultur übernommen hat. Makedonien hat außerdem auch die Sprache angenommen und ist so ganz im Hellenentum aufgegangen. Dieses nach dem Osten zu tragen war seine historische Mission, während Rom, das seine nationale Eigenart voll bewahrt hat, die Aufgabe übernahm, den westlichen und nördlichen Provinzen die griechisch-römische Kultur zu vermitteln. Ebenso wie Makedonien unter diesen Umständen nicht auf die Dauer als Barbarenland gelten konnte, mußte auch Rom, die Beherrscherin der Welt, schließlich im Kulturverbande des Hellenismus als gleichwertiges Glied anerkannt werden.

Offiziell erfolgte diese Anerkennung sogar lange vor der Unterwerfung Griechenlands, im Jahre 229, als die Römer unter dem Jubel von Hellas das Adriatische Meer von der Plage der illyrischen Piraten befreit hatten. Die Korinther beeilten sich damals, die Befreier durch Zulassung zu den isthmischen Spielen als Landsleute anzuerkennen, und sie verliehen auch einem Römer namens Plautus den Siegeskranz im Stadionlauf. Auch die Athener schlossen Freundschaft und gewährten ihnen das Bürgerrecht und die Teilnahme an den eleusinischen Mysterien, von derBarbaren ausgeschlossen waren. Während von da ab auch bei anderen Festspielen Römer zugelassen wurden, scheint man in Olympia anfangs zurückhaltender gewesen zu sein,- denn der erste römische Olympionike, von dem wir erfahren, war der Stiefsohn des Augustus, der spätere Kaiser Tiberius, der wahrscheinlich im Jahre 1 n. Chr. im Wettrennen mit dem Viergespann den Sieg davontrug. Später trat Kaiser Nero im Sängerwettkampf zu Olympia auf. Wenn kein Römer unter den Siegern im Stadionlauf vorkommt, nach denen die Olympiade den Namen erhielt, so mag dies mit der Unzulänglichkeit der Römer im athletischen Sport Zusammenhängen.

Diese offizielle Gleichstellung des fremden Volkes scheint aber dessen Gleichwertigkeit nicht ganz außer Frage gestellt zu haben, denn sonst hätten es die römischen Annalisten und in Anlehnung an sie römerfreundliche griechische Literaten nicht nötig gehabt, immer wieder von neuem den Nachweis zu versuchen. Eine offenkundige Liebedienerei ist es allerdings, wenn Aristodemos von Nysa, der Erzieher der Söhne des Pompeius, den Homer auf Grund des Vergleiches römischer Sitten für einen Römer erklärt. Ernste wissenschaftliche Gründe hingegen glaubt, wie wir sehen werden, in augusteischer Zeit Dionysios von Halikarnaß vorzubringen und verficht in der Einleitung zu seiner römischen Geschichte (I 5. 3) mit großem Eifer die Behauptung, daß die Römer von Anfang an in Ansehung der Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Gesittung und kriegerischen Tüchtigkeit mit keinem griechischen oder barbarischen Volke den Vergleich zu scheuen hätten. Ein anderer Verfechter dieses Gedankens ist Plutarch, der in seinen Parallelbiographien den Versuch unternimmt, hervorragende Griechen und Römer als Angehörige ebenbürtiger Völker einander gegenüberzustellen, nachdem vorher schon der Kritiker Caecilius von Kaleakte in einer verlorenen Schrift die beiden größten Redner Demosthenes und Cicero in ihren Leistungen miteinander verglichen hatte.

Aber man geht noch weiter und versucht geradezu die Verwandtschaft der Römer mit den Griechen nachzuweisen, und zwar werden zu diesem Zwecke wie bei den Makedonen vornehmlich zwei Gründe ins Treffen geführt: die Verwandtschaft der Abstammung und die Verwandtschaft der Sprache.

Was den ersten Punkt anbelangt, so war in der Äneaslegende eine Anknüpfung an altgriechische Traditionen gegeben, die aber freilich nicht direkt zum Ziele führte. Der Troer Äneas, der Sohn des Anchises und der Aphrodite, hatte nach der schließlichen Fassung der Sage das brennende Troja mit seinem greisen Vater und seinem jugendlichen Sohne verlassen und ist unter Mitnahme der Heiligtümer der Stadt nach langen Irrfahrten auf italischem Boden gelandet. Dort gründete er mit seinen Trojanern die Stadt Lavinium und wurde der Ahnherr der Römer. Diese Erzählung ist verhältnismäßig jung. Bei Homer bleibt Äneas noch im Lande, Stesichoros erwähnt seine Ausfahrt mit Vater und Sohn gegen Hesperien, aber erst bei Timaios (um 300 v. Chr.) ist die Sage im wesentlichen abgeschlossen, um dann von den römischen Dichtern und Historikern im einzelnen ausgestaltet zu werden.

Damit war den Römern ein altehrwürdiger, vornehmer Stammbaum gesichert, aber hellenische Ahnen brachte er ihnen nicht: Äneas war ein Trojaner, also ein Barbar, und durch diesen Stammheros schien somit das Barbarentum des stolzen Volkes erst recht unterstrichen. Das Merkwürdige ist nun, daß keinerlei Versuch gemacht wurde, diese Tatsache zu verwischen oder zu beschönigen, daß die Äneaslegende vielmehr beim ganzen Volke, den Nationalisten wie den Philhellenen, in großem Ansehen stand und die Adelsfamilien Roms keinen größeren Ehrgeiz kannten, als ihren Stammbaum bis auf die Trojaner zurückzuführen. Ohne Scheu wird in der Literatur, auch bei den das julische Geschlecht verherrlichenden Dichtem, sogar der Ausdruck «barbarisch» mit Bezug auf die Trojaner angewendet und kein Bedenken getragen, Äneas den «Phiyger» zu heißen, obwohl «phrygisch» und «barbarisch» geradezu gleichbedeutend gebraucht wurde und dieser Volksstamm hauptsächlich dadurch bekannt war, daß er die trägsten und beschränktesten Sklaven lieferte. Es war eben zu klar, daß bei diesen Bezeichnungen die ungünstige Bedeutung gar nicht in Betracht kam, sondern lediglich vom Standpunkt der Griechen die Stammesverschiedenheit gekennzeichnet wurde, wobei immer die Hauptsache blieb, daß die Ahnen der Römer einem Volke angehörten, das den Griechen dereinst gleich geachtet gegenüberstand, mit dem sie vor tausend Jahren in schweren Kämpfen hatten ringen müssen.

Der römische Stammheld Äneas, ein zweiter Odysseus, war also zwar kein Grieche, aber den griechischen Helden vollkommen ebenbürtig. Der völkisch gesinnte Römer konnte sich diesem Bewußtsein mit Genugtuung hingeben und gerade diese Verschiedenheit der Abstammung dem vordringenden Hellenentum gegenüber betonen, der Philhellene sich der wohlwollenden Schilderung der Troer bei Homer und im Mythos erinnern und vor allem die alles überstrahlende Tatsache im Auge behalten, daß Äneas schließlich der Sohn einer griechischen Göttin war. Wenn Cäsar auf die Abstammung seines Geschlechtes von Äneas Sohn Iulus solches Gewicht legte, so sonnte er sich in dem Glanze seiner Stammutter, der Venus genetrix, und hatte gewiß nicht das Gefühl, dem Antonius nachzustehen, der sich stolz einen Nachkommen des Herakles nannte,- und wenn der Philhellene T. Quinctius Flamininus, der erste Römer, dem die Griechen göttliche Ehren erwiesen, auf einem Weihgeschenk in Delphi sich und sein Volk als Aineaden bezeichnete, so wollte er sich damit gewiß nicht als minderwertigen Barbaren hinstellen. Im Gegenteil, man hat in solchen Fällen das Gefühl, als würde Äneas wie ein Grieche angesehen, und ist daher auch nicht verwundert, wenn der Römerfreund Dionysios von Halikarnaß die Trojaner zu den «griechischesten Völkern» rechnet. Daß Ilion und die Troas in römischer Zeit längst hellenisiert und die zugehörigen Städte griechisch verwaltet waren, mag diese Auffassung unterstützt haben.

Der uralte politische Gegensatz bleibt davon allerdings unberührt, und es war in der Tat auf griechischer wie auf römischer Seite üblich gewordenem dieser Hinsicht die Gegenwart mit der Vorzeit in Beziehung zu setzen, ja die Verwandtschaft der Römer mit den Trojanern politisch geltend zu machen. So soll sich Pyrrhus von Epirus bei seinem Zuge gegen die Römer daran erinnert haben, daß er als Nachkomme des Achilleus gegen Abkömmlinge der Troer zu Felde ziehe, und in der gleichen Auffassung bewegt sich der zeitgenössische Dichter Lykophron, wenn er in der ihm eigenen Rätselsprache die trojanische Seherin Kassandra den Gegner des Pyrrhus Fabricius als ihren Bruder bezeichnen läßt. Einem König Seleukos von Syrien, wahrscheinlich dem II. Kallinikos, haben die Römer gegen 243 v. Chr. nur unter der Bedingung das erbetene Freundschaftsbündnis gewährt, daß er die ihnen verwandten Bewohner von Ilion von jeglicher Abgabe befreite. Den Akarnanen halfen bald darauf die Römer gegen die Aitoler mit Rücksicht auf die von ihnen vorgebrachte Tatsache, daß sie allein unter den Griechen nicht gegen Troja gezogen waren. Ganz besonders wertvoll aber wurde die alte Verwandtschaft, als ein Orakelspruch den Sieg über Hannibal von dem Besitz des heiligen Steines der Göttermutter abhängig machte. Um ihn aus Pessinus in Phrygien zu erlangen, machten die Römer mit Erfolg ihre Abstammung von dem «Phryger» Äneas geltend. So wurde diese Sage politisch verwertet. Mochte somit die Äneaslegende für Griechenschwärmer eine Quelle nationalen Stolzes gewesen sein, hellenische Abstammung bewies sie jedenfalls nicht. Wer diese geltend machen wollte, mußte andere Sagen und Traditionen heranziehen.

Solche Sagenformen aber, welche nicht den flüchtigen Trojanern, sondern den heimkehrenden Achäern oder anderen Griechen die Besiedelung Italiens zuschrieben, gab es seit Hesiod, wenn sie auch später von der zur Alleinherrschaft gelangten Äneaslegende verdrängt wurden. Natürlich stand ursprünglich der Seefahrer Odysseus im Vordergrund, ward aber schon im 5. Jahrh. v. Chr. von Hellanikos mit Äneas bei der Gründung von Rom zusammengebracht. Andere, vor allem Aristoteles, sprechen im allgemeinen von Achäern, und ähnlich bezeichnen römische Annalisten wie Cato und C. Sem-pronius Tuditanus die Aboriginer als Hellenen, die viele Menschenalter vor dem Trojanischen Krieg aus Achaia ausgewandert waren. Seit Fabius Pictor aber wird erzählt, daß der Arkader Euandros 60 Jahre vor dem Trojanischen Kriege die älteste Ansiedlung auf dem Palatium gegründet habe, er habe den Barbaren das äolische Griechisch übermittelt und diese Sprache sei auch von Romulus und seinen Leuten verstanden worden. Im Hinblick auf solche Gründungssagen konnte dann Rom von Griechen und Römern als hellenische Stadt, ihre Bewohner als Griechen angesehen werden. Dies tat der Platonschüler Herakleides Pontikos, der römische Annalist Coelius, Dionysios von Halikarnaß und Kaiser Julian. Und daß diese Auffassung auf griechischer Seite sogar offizielle Beachtung fand, beweist das Vorgehen des Demetrios Poliorketes, der gefangene Seeräuber aus Antium den Römern mit dem Bemerken zurücksandte, er schenke ihnen wegen ihrer Verwandtschaft mit den Griechen das Leben.

Sicherlich wurde von seiten der Römer auch diese Chance politisch ausgenutzt, wie ja der Kampf um die politische Obmacht im Osten vielfach ein Kampf um die Seele des hellenischen Volkes war. Schon Philipp von Makedonien hatte richtig gefühlt, daß den Griechen seine Herrschaft erträglicher erscheinen werde, wenn sie ihn als zugehörig anerkannten, und dies blieb die Politik seiner Nachfolger und der später hervortretenden asiatischen Machthaber. Der rührige Mithradates von Pontos gab sich als hellenischer Fürst und Vorkämpfer des Griechentums, und selbst die siegreich Vordringenden barbarischen Parther suchten vor allem das Vertrauen der Hellenen zu gewinnen. Auch die Römer konnten den gleichen Zweck um so leichter erreichen, wenn sie durch eine uralte Verwandtschaft unterstützt wurden. Dagegen lag es im Interesse politischer Gegner, solche Traditionen zu bekämpfen, und es ist eine ansprechende Vermutung, daß zu letzterem Zwecke von einem oppositionellen griechischen Schriftsteller die Erzählung von jenem in mehrfacher Hinsicht rätselhaften Asyl erfunden wurde, das Romulus eröffnet haben soll, um die neugegründete Stadt zu bevölkern. Die ersten Römer sollten dadurch im Gegensatz zu den landläufigen Sagen als hergelaufenes barbarisches und sklavisches Gesindel hingestellt werden.

Gegen solche Behauptungen wendet sich in begeisterter Schwärmerei für das Römervolk der schon wiederholt genannte Dionysios von Halikarnaß, der es in der Einleitung zu seiner römischen Altertumskunde als einen Hauptzweck seines Werkes hinstellt, die Unrichtigkeit jener Ansicht nachzuweisen, und ausdrücklich verspricht zu zeigen, «daß die Gründer Roms Hellenen sind und daß die Stämme, aus denen sie sich vereinigten, keineswegs zu den geringsten und schlechtesten gehören». Rom sei eben eine hellenische Stadt, deren Bewohner sich zusammensetzten aus Pelasgern, den Arkadern unter Euandros, den Peloponnesiern mit Herakles, schließlich den Trojanern, die sich den vorigen zugesellten, lauter Völkerschaften, die, wie er sagt, zu den ältesten und hellenischesten gehören. Nach seiner Ansicht können die Römer gar keine Barbaren sein, da sie sonst während ihrer bereits sieben Generationen währenden Herrschaft das hellenische Volk hätten barbarisieren müssen .

Solche nebelhafte Rekonstruktionen der Urgeschichte schienen eine gewichtige Bestätigung durch die Beobachtung der Sprache zu erhalten, die in Rom gesprochen wurde. Der Grieche, der im 2. Jahrhundert v. Chr. oder später die Reichshauptstadt besuchte, konnte sich dort wie zu Hause fühlen. In den vornehmen Häusern, in denen er Aufnahme fand, konnte er sich nicht nur in seiner Muttersprache verständigen, sondern er fand auch Interesse und Verständnis für alle geistigen Bestrebungen seines Volkes. Griechische Gesandtschaften, z. B. die drei Philosophen mit Karneades an der Spitze, die 155 v. Chr. nach Rom kamen, konnten sich vor dem Senate ihrer Sprache bedienen. Zwar wurden ihre Reden von einem Dolmetsch ins Lateinische übertragen, doch war das nur eine Formalität,-ihre sonst gehaltenen Prunkvorträge hatten großen Zulauf, und so konnten sie sicherlich auch im Senat an der gespannten Aufmerksamkeit der Zuhörer erkennen, daß sie unmittelbar verstanden wurden. Und so hat denn schon Sulla die Anhörung fremder Gesandten auch ohne Dolmetsch gestattet, und von Claudius und Nero wird uns berichtet, daß sie selbst sich gelegentlich, entgegen der strengen Regel, der griechischen Sprache

bedient haben. Infolge der weiten Verbreitung griechischer Sprachkenntnis konnte Rom bei oberflächlicher Betrachtung in der Tat den Eindruck einer griechischen Stadt machen, zumal auch der Name einen gut griechischen Klang hatte (rhome = Stärke).

Indes die Sprache des Volkes war doch lateinisch, also ein barbarisches Idiom! Aber auch da wußten die griechischen Verehrer der Römer Rat. Das Latein ist gar keine fremde Sprache, behaupteten sie, sondern es ist ein griechischer Dialekt. So verfaßte der jüngere Tyrannio, ein Freigelassener von Ciceros Gattin Terentia, ein Buch mit dem Nachweis, daß der römische Dialekt aus dem Griechischen stamme, und nach Dionysios ist die Sprache der Römer weder durchaus barbarisch, noch völlig griechisch, sondern eine Art Gemisch aus beiden, und zwar größtenteils äolisch. Die vielen Beimengungen hatten nur die eine Folge, daß die richtige Aussprache der Laute gelitten hat. Also mit anderen Worten, das Latein ist ein verderbtes Griechisch.

Diese Behauptung wird nicht näher begründet, aber es ist klar, daß sie auf der Beobachtung der in die Augen springenden Übereinstimmungen beruht. Abgesehen von solchen, die in der indogermanischen Verwandtschaft der beiden Sprachen ihren Grund haben, wie pater fero ego, sind es vor allem gegenseitige Entlehnungen aus einer Sprache in die andere. Die Hellenisierung Roms führte natürlich eine Flut von griechischen Wörtern in die lateinische Sprache ein. Wir wissen, daß fremde Einrichtungen in der Regel samt der fremden Terminologie übernommen werden. So sind unsere militärischen und diplomatischen Termini französisch, die der Musik und des Handels italienisch, die sportlichen Bezeichnungen englisch. Nun verdanken aber die Römer, abgesehen vom Staatswesen, dem Militär und dem Recht, so ziemlich auf allen Gebieten menschlicher Betätigung, namentlich in Kunst und Wissenschaft, den Griechen grundlegende Förderung, kein Wunder, wenn ihre Sprache hiervon reichliche Spuren trägt.

Erst in zweiter Linie steht dann umgekehrt die Aufnahme lateinischer Wörter ins Griechische, die, anfangs von geringem Belang, mit zunehmendem politischen Einfluß der Römer an Bedeutung gewann. Ein stetes Hindernis bildete hier die große Empfindlichkeit des griechischen Ohres gegen fremde Laute und das Bestreben der Gebildeten, ihre Sprache von Barbarismen rein zu erhalten und fremde Ausdrücke daher, so gut es ging, in der eigenen Sprache wiederzugeben. Aber ganz freihalten konnte man sich davon nicht, da auch nur annähernd Gleichwertiges nicht immer zu Gebote stand. Voranging in der Verwendung italischer Wörter die sizilische Posse, und der dortige griechische Dialekt kam wohl nicht zuletzt aus diesem Grunde bei den Vertretern der feinen Schriftsprache in Verruf. Weitere Fortschritte machte dieser Prozeß mit der Ausbreitung der römischen Macht nach dem Osten. Die offi-zielle Amtssprache und die Sprache des siegreichen Heeres und der nachströmenden Kaufleute konnte in den eroberten Ländern nicht ohne Einfluß bleiben, und insbesondere waren es gewisse technische Ausdrücke, die als unübersetzbar in die griechische Sprache aufgenommen werden mußten und so auch den Hellenen geläufig wurden. Sie betrafen staatliche und militärische Einrichtungen, das Münzwesen, Maße und Gewichte, den Kalender und dergleichen. Von den griechisch schreibenden römischen Annalisten in die Literatur eingefuhrt, wurden sie auch von griechischen Schriftstellern wie Polybios, Dionysios, Plutarch, Cassius Dio u. a. übernommen und vermehrt. Es sind dies Schriftsteller, die sich nicht ängstlich gegen die Koine abschließen oder die aus Vorliebe für das Römertum wenigstens gelegentlich den streng attizistischen Standpunkt verlassen. Die Koine aber, die Verkehrssprache des gewöhnlichen Lebens, war dem fremden Einfluß besonders ausgesetzt, seitdem Hellas und der Orient von den Römern kolonisiert, von Soldaten, Verwaltungsbeamten, Steueraufsehern und Kaufleuten aus Rom überflutet wurde. Die Römer konnten freilich über die Tatsache nicht hinweggehen, daß das Griechische die allgemein verstandene Geschäftssprache war, sie waren auch klug genug, es sogar als offizielle Kanzlei- und Verwaltungssprache zuzulassen, neben welcher, wie wir insbesondere in Ägypten beobachten können, das dem Volke unverständliche Latein nur wenig zur Geltung kam aber da nun die Orientierung des gesamten Staatslebens romwärts ging und das ganze politische Denken daher notwendig romanisiert wurde, bleibt auch die Wirkung auf die Sprache nicht aus: sowohl die griechische Kanzlei- und amtliche Verkehrssprache wie auch insbesondere die Umgangssprache ward mit Latinismen aller Art durchsetzt und entfernte sich auch in dieser Hinsicht immer mehr von der mit peinlicher Sorgfalt von allen Barbarismen freigehaltenen attizistischen Schriftsprache.

Für uns ist dieses volkstümliche Idiom freilich so gut wie verschollen, nur in Ägypten, wo dieser römische Einfluß vielleicht am wenigsten durchgreifend, wenn auch immerhin merklich war, ist es uns in den reichen Papyrusfunden lebendig geworden, während wir sonst auf einzelne Inschriften, vor allem aber auf die Sprache der Evangelien und der Apostelgeschichte angewiesen sind, deren auffällig reichliche Latinismen eben dadurch möglich waren, daß uns hier Denkmäler der von attischem Purismus freien Volkssprache vorliegen.

So hatten sich die beiden urverwandten Sprachen im Laufe der Entwicklung äußerlich stark angeglichen, und da somit das Latein eine Unzahl von Wörtern enthielt, die dem Griechen unmittelbar verständlich waren, so hatte die Behauptung von dessen griechischem Ursprung einen gewissen Schein der Möglichkeit für sich, ja es klang nicht einmal übertrieben, wenn Übereifrige sogar den Versuch machten, echt lateinische Ausdrücke aus dem Griechischen abzuleiten.

Aber im Grunde beweisen alle diese Versuche, die Römer zu echten Griechen zu stempeln, doch nur, daß die im hellenischen Volk, namentlich bei den Gebildeten verbreitete Ansicht die gegenteilige war. Für den selbstbewußten Sohn der alten Kulturnation bedeutete das Hellenentum den von keinem anderen Volke erreichten Gipfelpunkt der Bildung und Zivilisation, und auch der Römer blieb ihm daher trotz seiner Macht der minderwertige Fremde, der Barbar, wenn er ihm auch infolge der Verwandtschaft der Rasse und Sprache näher stand als etwa ein hellenisierter Syrer, Jude oder Ägypter. Dieser Gegensatz war nur durch die äußeren Verhältnisse, das Übergewicht des herrschenden Volkes und die Ohnmacht des geknechteten Griechenlands einigermaßen in den Hintergrund gedrängt, doch fanden sich zu allen Zeiten national fühlende Männer, die den Gegensatz hervorkehrten und ihrer Abneigung Ausdruck verliehen. Besonders pedantisch erweist sich in dieser Richtung der Philosoph Apollonios von Tyana, der im 1. Jahrh. n. Chr. als hellenischer Heiland umherzog. Er sprach in einem Briefe an die Bewohner von Smyrna seine Mißbilligung über den Barbarismus aus, daß sie in einen Gemeindebeschluß den römischen Namen Lucullus aufgenommen hatten, und er tadelte überhaupt die Sitte, statt der guten alten griechischen Namen neue römische anzunehmen.

Weitere Kreise ergriff diese oppositionelle Gesinnung, wenn der von seiten Roms ausgeübte politische Druck zeitweilig nachließ. Da stellte sich gleich wieder der alte Dünkel ein. Dies zeigte sich besonders, als der Philhellenismus Hadrians und der Antonine dem schwergeprüften, wirtschaftlich ausgebeuteten Hellas eine gewisse äußerliche Wohlfahrt, den Schein einer Autonomie und die Möglichkeit einer letzten Blüte schaffte. Dies hob das Nationalbewußtsein des Volkes und wendete seinen Blick zurück nach der ruhmreichen Vergangenheit, den alten Sitten und Einrichtungen und der alten Reinheit der Sprache. Mit dieser romantischen Schwärmerei verbindet sich naturgemäß ein vornehmes Hinwegsehen über die tatsächlichen drückenden Verhältnisse oder gar ein deutlich ausgesprochener Widerwille gegen die fremden Machthaber. Das war die Gesinnung, die aus manchen Werken der sogenannten zweiten Sophistik herauszufühlen ist, mag sie auch durch verbindliche Verbeugungen gegen das Siegervolk aufgewogen sein. Selbst Aristeides, der in festlicher Rede vom Lobe des Römertums überfließt, kann sich einen richtigen Kaiser ohne die Tugend des Philhellenismus nicht vorstellen. Der Syrer Lukian, der im Nigrinus und De mercede conductis seiner Antipathie gegen die Römer besonders deutlichen Ausdruck verlieh, hat allerdings im hohen Alter aus praktischen Gründen eingelenkt. Seine Stellungnahme ist auch sonst inkonsequent. Einmal findet er es lächerlich, lateinische Namen dadurch auszumerzen, daß man sie gräzisiert, und er verspottet einen attischen Historiker, der aus einem Saturninus einen Kronios, aus einem Fronto einen Phrontis, aus einem Titianus einen Titanios macht,- ein andermal aber vertauscht er seinen eigenen römischen Namen mit dem Schriftstellernamen Lykinos. Wie tief eingewurzelt übrigens die Vorstellung von dem Barbarentum der Römer war, beweist der Umstand, daß noch im 5. Jahrhundert ein christlicher Schriftsteller Theodoret an der bereits verwerteten Stelle, wo er den Barbaren Kunst und Wissenschaff und eine größere Weisheit als den Hellenen zuschreibt, unter den ersteren neben Indern, Ismaeliten und Ägyptern auch die Römer namhaft macht.

So bleibt bei den griechischen Literaten die kulturelle Gleichberechtigung der Römer und ihre Zugehörigkeit zum Hellenentum vielfach bestritten. Eben deshalb aber ist die Formel «Hellenen und Barbaren» längst unklar und zur Bezeichnung der ganzen Menschheit ungeeignet, da sie gerade die herrschende Nation nicht unzweideutig berücksichtigt. Sie unter den «Hellenen» mitzuverstehen verbot schon der landläufige Wortsinn, und bezog man den Namen nur auf Griechen von Geburt und Sprache, so blieben die Römer außer Betracht oder zählten gar als Barbaren. Den Römerfreunden unter den Griechen blieb also nichts anderes übrig, als jeneDreiteilung in «Griechen, Römer, Barbaren» zu übernehmen, die längst bei den römischen Schriftstellern üblich war. Cassius Dio (3. Jahrh. n. Chr.) z. B. gebraucht zur Bezeichnung der ganzen Menschheit die Wendung: «Die Hellenen und die Barbaren und auch die Römer selbst», und diese so erweiterte Formel wird nun neben der einfacheren älteren bis in die byzantinische Zeit angewendet.

Diese Berücksichtigung der Römer bei der Einteilung des gesamten Menschengeschlechts entsprach der überragenden politischen Stellung des herrschenden Volkes, mit der sich auch ein stetig zunehmender kultureller Einfluß verband. Bei dem fortschreitenden Niedergang Griechenlands beginnt das hellenisierte Rom auch die geistige Führung an sich zu reißen und erlebt zurZeit des Augustus einen literarischen Aufschwung, dem die Griechen nichts Ähnliches an die Seite zu setzen haben.

Im Westen und Norden waren die Römer unbestritten die Träger und Verbreiter der Zivilisation, in der östlichen Reichshälfte war dies dort der Fall, wo nicht bereits der Hellenismus festen Fuß gefaßt hatte, insbesondere in Moesien und Dakien. Hier vermochte das römische Militär und die Kolonisten die Romanisierung der Bevölkerung zu bewirkenm). Aber auch im eigentlichen Bereich des Griechentums war die Bevölkerung vielfach genötigt, sich mit der Sprache und Gedankenwelt des Siegervolkes vertraut zu machen, und es zeigte sich immer mehr, daß selbst in geistiger und sittlicher Beziehung nicht mehr der Hellenismus allein an der Spitze schritt, sondern auch das Römertum mächtig einwirkte. Weist noch Cicero (62 v. Chr.) auf den engen Bereich der lateinischen Literatur im Gegensatz zu der bei allen Völkern verbreiteten griechischen hin, so heben schon die Dichter der ersten Kaiserzeit mit Genugtuung hervor, daß sie auf der ganzen Erde gelesen werden. So konnte der ältere Plinius in stolzer Verallgemeinerung von Italien sagen, es sei die Nährmutter der ganzen Welt, von der Gottheit dazu ausersehen, die zerstreuten Reiche zu vereinigen, die Sitten zu veredeln und das wilde Sprachengewirr der zahlreichen Völker in einer Sprachgemeinschaft zusammenzufassen, den Menschen Verständigung und Bildung zu vermitteln, kurz für alle Menschen auf dem ganzen Erdkreis das gemeinsame Vaterland zu werden m). In der Tat, das Weltreich, das Alexander angestrebt, hatten die Römer mit ihren siegreichen Waffen begründet und so das große Ziel erreicht, die ganze zivilisierte Welt in einer bewundernswert organisierten Einheit zu umfassen.

Nicht zuletzt gelang ihnen das durch kluge Ausnutzung des mächtigen Kulturfaktors des Hellenismus, der ihnen vor« gearbeitet hatte, und um so leichter wurde es einsichtigen Hellenen, sich mit dieser Tatsache abzufinden. In der Entwicklung des römischen Reiches zum Weltreich konnten sie die Verwirklichung der Idee des Weltbürgertums erblicken, und immer häufiger wurden Männer von der Gesinnung Epiktets, Plutarchs oder des Dion von Prusa, die bemüht waren, römische Eigenart zu verstehen und einen vermittelnden Standpunkt einzunehmen. So wurde in weiten Kreisen mit dem alten Vorurteil aufgeräumt und zugegeben, daß als Träger der Kultur nicht mehr bloß die Griechen, sondern auch die Römer den Barbaren gegenüberstehen und daß die große Aufgabe, die Zivilisation gegen die Barbarei zu schützen, nunmehr auf die einstigen «Barbaren» übergegangen war. Die Grenzen sind abermals weiter hinausgerückt und ein gewaltiges, durch das römische Schwert politisch geeinigtes, mit griechisch-römischer Kultur erfülltes Gebiet steht nun der umgebenden Unkultur gegenüber. Die Völker, die jetzt Barbaren heißen, befinden sich außerhalb der griechisch-römischen Welt an den Rändern der Oekumene, von den Galliern und Germanen im Westen angefangen bis zu den Indern und Afrikanern.

Als das tüchtigste Volk der Erde hatten sich also nicht die Griechen, sondern die Römer erwiesen, und der Architekt Vitruvius, ein Zeitgenosse des Augustus, hat vollkommen recht, die alte Klimatheorie, nach der die Griechen als Bewohner eines gemäßigten Himmelsstriches den übrigen Völkern überlegen waren, nunmehr in römisch-patriotischem Sinne umzudeuten. Danach nehmen nicht mehr die Hellenen, sondern das römische Volk die Mitte des Erdkreises ein. Italiens Stämme bilden mit ihren vollkommenen Mischungsverhältnissen die richtige Mitte zwischen den geistreichen, aber feigen Südvölkern und den kampfesmutigen, aber geistig schwerfälligen Nationen des Nordens: so hat der göttliche Ratschluß den römischen Staat in ein herrlich gemäßigtes Klima verlegt, auf daß er sich der Weltherrschaft bemächtige.

Trotz der Machtverschiebung ist das Ringen zwischen Römertum und Hellenentum keineswegs beendigt, sondern setzt sich in anderer Form bis ins Mittelalter fort. Die politische Position ist für die Griechen endgültig verloren, und sie versuchen sie kaum mehr wiederzugewinnen. Aber das kulturelle Übergewicht zu behaupten und auch in der Terminologie zum Ausdruck zu bringen wird doch gelegentlich, wenn auch vergebens, versucht. Noch im 4. nachchristlichen Jahrhundert möchte der hervorragende Sophist Libanios, der‘ als begeisterter Verfechter des Hellenismus den Römern nicht viel Anhänglichkeit entgegenbringt, die Römer ausschalten und die alte Zweiteilung «Hellenen und Barbaren» unverändert beibehalten. An den ihm befreundeten römischen Kaiser Julianus richtet er (15. 25) folgende Worte:

«Du bist gewissermaßen ein Hellene und herrschest über Hellenen denn so nenne ich lieber das Gegenteil der Barbaren, und das Geschlecht eines Äneas wird es mir sicherlich nicht übelnehmen.»

Er möchte also die Römer unter den Hellenen mitverstehen, ist aber im Hinblick auf den politischen Widersinn vorsichtig genug, eine beschwichtigende Bemerkung hinzuzufügen.

Den Gang der Ereignisse konnten solche romantische, von altererbtem Nationalstolz eingegebene Versuche natürlich nicht aufhalten. Die Zeiten, wo die griechische Kultur allein eine bevorzugte Stellung in der menschlichen Gesellschaft verbürgte und das Verhältnis zu ihr auch politisch bedeutsam war, sind eben endgültig vorbei. Während Mithradates von Pontos den Kampf wider Rom noch als Verfechter des Hellenismus geführt hatte und auch die Parther und Armenier sich als Philhellenen gaben, war es nunmehr im ganzen Reiche, auch in seinen östlichen Teilen, ratsam, ein gutes Verhältnis zu den Machthabern herzustellen und ihr Wohlwollen zu gewinnen. Es wurde immer vorteilhafter und galt als Ehre und Gewinn, wenn man das römische Bürgerrecht erlangen, sich einen lateinischen Namen beilegen und römische Tracht und Sitte annehmen konnte. Besonders verächtlich benahm sich in dieser Hinsicht der König Prusias II. von Bithynien, der Schwager des Perseus, der den bei ihm erscheinenden römischen Gesandten mit geschorenem Haupt und in der Tracht eines römischen Freigelassenen entgegentrat und sich als ihren libertus vorstellte, der sich ganz ihrer Art und Sitte ergeben wolle. Damit gab der Asiate das Hellenentum preis und unterwarf sich dem siegreichen Römertum. Antiochos, König von Kommagene, einer der letzten Seleukiden, glaubte noch eine mittlere Linie einhalten zu können und nannte sich Römerfreund und Griechenfreund (philorhömaios und philhellen), aber es ist ihm eine willkommene Auszeichnung, wenn ihm unter Cäsars Konsulat das Tragen der toga praetexta erlaubt wird. Asiatische Prinzen, wie die Nachkommen Herodes des Großen, die Söhne und Enkel des Partherkönigs Phraates oder der armenische Königssohn Tigranes, wurden nun nach der Welthauptstadt geschickt, um hier römische Erziehung zu erhalten. Mag auch die Grundlage der feineren Ausbildung im wesentlichen die hellenische gewesen sein, so nahmen sie doch auch römisches Wesen in sich auf.

So machte die Romanisierung des Orients Fortschritte, nicht durch Gewaltmittel, sondern durch die kluge Politik der Römer, die ähnlich wie dies Alexander getan, die Eigenart der Völker schonten und insbesondere das kulturell an der Spitze stehende hellenische Element bevorzugten. Besonders gut können wir dies wiederum in Ägypten beobachten, wo Oktavian die ein« geborenen Ägypter zu Unterworfenen  machte, die die Kopfsteuer entrichten mußten, während den Hellenen eine bevorzugte Stellung eingeräumt wurde. Hellenen hießen in Ägypten etwa seit der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert, wo die speziellen Herkunftsbezeichnungen (Athener usw.) zu« rücktraten, die Bürger der autonomen Gemeinden und gewisse nicht sehr zahlreiche Siedlerverbände mit loserer Verfassung im Delta, im Fayüm, in der Thebais, deren Merkmal die Ab« stammung und die Erziehung der Jugend im Gymnasion, d. h. die Ephebie war. Die bevorzugte staatsrechtliche Stellung, die, wie es scheint, zu einer Art Organisation der «Hellenes» führte, sowie der stets lebendig erhaltene Zusammenhang mit der gesamthellenischen Entwicklung mag auf die seit den Ptole« mäern fortschreitende Vermischung der Rassen hemmend ge« wirkt und die Annäherung der hellenischen und barbarischen Volksteile erschwert haben. Daß sie nicht aufzuhalten war, beweisen die ägyptischen Namen, die in die Listen der «Helleneseindringen, und es läßt sich beobachten, wie die Grenzen zwischen den letzteren und dem Mischvolk der Gräko« Ägypter, das insbesondere im Glauben dem ägyptischen Wesen verfallen war, immer mehr und mehr verschwimmen. Schließ« lieh wirkte auch hier wie in allen übrigen Teilen des Reiches der römische Einfluß ausgleichend. Schon die Anpassungs« fähigkeit der Römer in kultlichen Dingen, worin sie die Griechen noch übertrafen, und die Leichtigkeit, mit der sie die obskursten Barbarengötter anerkannten und wie ihre eigenen verehrten, förderten die Verschmelzung, ausschlaggebend aber war die zunehmende Freigebigkeit in der Erteilung des römischen Bürgerrechts.

In der Republik und in der ersten Kaiserzeit war man damit noch sparsam, dann aber mehrten sich die Fälle, wo um den Staat verdienten Fremden oder auch solchen, die durch Geburt, Reichtum oder geistige Eigenschaften hervorragten, das römische „Bürgerrecht erteilt wurde. Anfangs wurden hier wiederum die Hellenen bevorzugt, aber bald kamen auch andere Elemente hinzu. Sklaven wurden freigelassen und zu römischen Bürgern gemacht, gelangten zu Amt und Würden und bildeten zum Teil den neuen Beamtenadel der Kaiserzeit. Eine Hauptquelle der Ergänzung der römischen Bürgerschaft war aber das Heer. Den Legionssoldaten und den ausgedienten Hilfstruppen wurde das Bürgerrecht verliehen, und da die Provinzialen seit Hadrian immer mehr zum Kriegsdienst herangezogen wurden, gewannen auf diese Weise neben Griechen auch zahlreiche, selbst ungebildete, wenn auch in langjähriger Dienstzeit meist ganz romanisierte und jedenfalls an römische Zucht und Ordnung gewöhnte Barbaren das römische Bürgerrecht. Angehörige aller möglichen barbarischen Völker gelangten auf diesem Wege zu hohen Würden, ja bis auf den römischen Kaiserthron. Dieses Eindringen der Barbaren in einflußreiche Stellungen wuchs sich in der Folgezeit zu einer Gefahr für das Reich heraus, vor der einsichtige Männer wie der Bischof Synesios (um 400) vergebens warnten. Die Römer sollten trachten ihre alte militärische Tüchtigkeit wiederzuerlangen und die Barbaren vom Kriegsdienst wie auch von den Ämtern und dem Senat auszuschließen. Es sei ein unerhörter Widersinn, daß jene langhaarigen Blondköpfe (er spricht speziell von Skythen) bei den gleichen Menschen zu Hause Sklavendienste verrichten, in der Öffentlichkeit aber die Machthaber vorstellen.

Eine starke Vermehrung der Bürger brachte bekanntlich die Constitutio Antonina des Kaisers Caracalla im Jahr£ 212, und in der späteren Kaiserzeit machte dieser Prozeß solche Fortschritte, daß sich z. B. in Ägypten im 6. Jahrhundert Kopten der niedrigsten Schichten, Feldhüter und Hirten, den römischen Gentilnamen Aurelius beilegen konnten . Der Name «Hellene» war längst nicht mehr das Zauberwort, das einem den Zutritt zur Gesellschaft und den Weg zu Ansehen und Ehren eröffnete. Barbaren mit römischem Bürgerrecht waren jenen Griechen, die diesen Vorzug nicht genossen, in ihrer rechtlichen Stellung weit überlegen,- denn die ideellen gesellschaftlichen Vorteile, die mit der Zugehörigkeit zum hellenischen Kulturkreise verbunden waren, wurden dadurch mehr als aufgewogen. Kein Wunder, wenn dieses wertvolle Vorrecht allgemein hoch eingeschätzt und eifrig angestrebt wurde. Durch diese Verhältnisse ergibt sich aber vielfach eine Umschichtung der Bevölkerung, die sich auch in der Terminologie geltend macht. Denn wenn Liebedienerei die Römer als Hellenen pries, so konnte schließlich auch ein romanisierter Barbar von einiger Bildung diese Gleichstellung für sich in Anspruch nehmen, und so gerät die alte Einteilung in heillose Verwirrung. Nicht . nur behaupten nunmehr die einstmals als Barbaren mißachteten Römer den Vorrang unter allen anderen Nationen, auch Angehörige der eigentlichen Barbarenvölker werden durch Romanisierung dieses Vorrechtes teilhaftig. Der Unterschied der Rasse ist verwischt, das alte Nationalbewußtsein aufgelöst und an seine Stelle ein neuer Begriff der «Nation» getreten, der auf der staatlichen Zugehörigkeit aufgebaut ist.

Die Anfänge dieser Entwicklung liegen bereits der Schmeichelei zugrunde, die der bedeutendste Sophist und Stilist des 2. Jahrhunderts, Aelius Aristides, dessen römerfreundliche Gesinnung sich schon in seinem Namen kundgibt, in seiner überschwenglichen Lobrede auf Rom und die Römer eingeflochten hat: «Ihr habt bewirkt, daß der Name Römer nicht die Zugehörigkeit zu einer Stadt, sondern zu einer ganzen Nation bezeichnet, und zwar nicht zur ersten besten von allen, sondern die allen übrigen gegenübergestellt ist. Denn nicht in Hellenen und’Barbaren teilt ihr jetzt die Volksstämme ein, . . . sondern in Römer und Nichtrömer. Zu solcher Bedeutung habt ihr den Namen der Stadt erhoben».

Diese neue Einteilung beruht auf ähnlich kontradiktorischer Begriffsbildung wie die in Hellenen und Barbaren, nur daß für den negativen Begriff eine zusammenfassende Bezeichnung fehlt. Das Einteilungsprinzip ist neu, denn weder die Abstammung und Rasse, noch die geistige und sittliche Beschaffenheit, sondern die staatsrechtliche Stellung bedingt die Einordnung des Individuums. Da nun die Römer Alexanders gewaltigen Plan tatsächlich zur Ausführung brachten und fast die ganze bewohnte Erde unter ihrer Herrschaft vereinigten, war auch das alte Ideal der Weltbürgerschaft seiner Verwirklichung nähergebracht und dadurch auch längst die Sympathie der Stoa für die Bestrebungen des Herrschervolkes gewonnen. Mit dem stoischen hatte dieser neue Kosmopolitismus allerdings nur die Zurückstellung der Nationalität gemein. War dort der Weltbürger der geistig und sittlich hochstehende Weise, so ist es hier der römische Untertan. Und wie dem stoischen Weisen die ganze Welt offenstand und er in ihr überall zu Hause war, so kann derselbe Aristides nunmehr zum Preise der Römer sagen:

«Jetzt kann der Grieche und Barbar mit oder ohne seine Habe ohne Schwierigkeit wandern, wohin er will, als ginge er einfach von Vaterland zu Vaterland. Und weder ist das Kilikische Tor zu fürchten noch der enge und sandige Weg durch Arabien nach Ägypten, nicht unzugängliche Gebirge, nicht der Ströme unermeßliche Größe, nicht die ungeselligen Stämme der Wilden, sondern zur persönlichen Sicherheit genügt es ein Römer zu sein, vielmehr auch einer eurer Untertanen, und das Wort Homers ,die Erde ist aller Gemeingut habt ihr zur Tatsache gemacht».

Übrigens beweist diese Stelle wie eine andere vorhergehende, daß auch Aristides die alte Einteilung nicht entbehren kann und eigenelich auf dem Standpunkt der Dreiteilung «Römer, Griechen, Barbaren» steht.

Denn natürlich war mit der Erlangung der Civität und der Annahme eines römischen Namens die Abstammung und völkische Zugehörigkeit nicht beseitigt, zumal, namentlich in späterer Zeit, nicht einmal die Bedingung der lateinischen Sprachkenntnis eingehalten wurde. Die Hellenen in Ägypten, welche durch Caracalla das Bürgerrecht erhielten, nehmen zwar römische Namen an, werden aber in den erhaltenen Urkunden niemals ausdrücklich als Römer bezeichnet. Es sind eben Griechen mit römischem Bürgerrecht. Aus Eitelkeit oder in Fragen des praktischen Lebens wird das Römertum allerdings gern hervorgekehrt. Für einen geborenen Barbaren war jetzt die Romanisierung und Erlangung des römischen Bürgerrechts natürlich ein wirksameres Mittel seine Abkunft vergessen zu machen, als der Anschluß an die alte hellenische Weltkultur.

Text aus dem Buch: Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins (1923), Author: Jüthner, Julius.

Siehe auch:
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – Vorwort
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – I. Name und Begriff.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – II. Die Aufklärung des 5. Jahrhunderts.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – III. Platon und Aristoteles.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – IV. Makedonien und Alexanders Weltreich.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – V. Isokrates und die Anfänge des Attizismus.
Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins – VI. Hellenismus und Kosmopolitismus. Idealisierung der Barbarenvölker.

Hellenen und Barbaren aus der Geschichte des Nationalbewusstseins