Schlagwort: See Genezareth


Der Weg vom Tabor nach Tiberias führt zunächst an einer verfallenen Herberge, dem Khan El Tudschar, bei dem einige Fellahs sich niedergelassen haben, und einem ebenfalls in Trümmern liegenden Castell vorbei. Dann folgen öde steinige Höhen. Zuletzt wird plötzlich ein schöner breiter Landsee sichtbar, der in einem Kessel von Bergen liegt und im Glanz der Mittagsönne selbst wie eine zerschmolzene Sonne zu uns heraufblitzt. Diesseits Wechsel- von grünen Wiesen und Feldern, rothblühenden Oleanderbüschen, Zwergeichen und einzelnen Palmen mit nackten Felsen, jenseits einfarbige Kalkwände, wüst und dürr. Im Norden der Antilibanon mit seinem Hauptgipfel, dem schneegekrönten grossen Hermon — ein echt südliches Bild, mit den heissesten Farben übergossen, nur wie alle Bilder dieses Landes fast ohne alle Staffage mit Menschen. Das Städtchen am Ufer, der einzige Zeuge, dass Menschen hier wohnen, sieht von hier wie ausgestorben aus, denn die Hitze des Tages hält die Einwohner in den Häusern. Auf dem Spiegel des Sees nicht ein einziges Segel, ja so weit wir sehen nicht einmal ein Fischernachen. Eiii Hirt, der eine.Heerde von Schafen und Ziegen weidet und dazu auf einer Schalmei barbarische Melodien bläst, ist alles was die Gegend von menschlichem Leben zeigt.

Einst war es anders hier. Zu Jesu Zeit standen ringsum den See Genezareth ausser Tiberias noch Kapernaum, Bethsaida und Chorazim, und auch die Ostufer, wo jetzt nur der halbwilde Beduine schweift, waren mit Ortschaften bedeckt. Auf dem Wasser aber wimmelte es von Schiffen aller Art. Hatte doch nach Josephus Bericht allein Tiberias deren 230, jedes zu 4 Kudern. Weit später noch herrschte hier, namentlich in der Stadt, die allein übrig geblieben ist, reges Leben, vorzüglich von jüdischen Gelehrten. Hier wurde ein grosser Theil des Talmud verfasst, und hier lebte der berühmte Kabbi Akiba, dem die jüdische Sage vierundzwanzigtauseml Schüler Zuströmen lässt. Was von diesem Leben und Glanz sich bis auf unsere Tage erhalten hatte, wurde durch das grosse Erdbeben von 1837, welches Tiberias in einen Trümmerhaufen verwandelte, beinahe völlig zerstört.

Das Städtchen Tiberias, arabisch Tabarijeh, hat nicht mehr als 2000 Einwohner, die meist Juden und grossentheils sehr arm sind, und hat in seinem Innern mit Ausnahme der Spuren jenes Erdbebens keine Sehenswürdigkeit, Die zerfallende Moschee, in deren Hofrau in eine Palme stellt, gespaltene Mauern, zusammengesunkene Terrassen und Häuser, da und dort die stehende gebliebene Pforte eines verschwundenen Gebäudes, das ungefähr ist die Scene, auf der.wir uns bewegen. Selbst die Häuser, welche bewohnt sind, bestehen nur aus Trümmern, wie sie der Zufall dem Maurer in die Hand gab, und sind ungetüncht, Behausungen der Dürftigkeit. Auf den Terrassen haben sie Lauben von Gesträuch, in denen man sich im Sommer Tag und Nacht aufhält, da die furchtbare Hitze den Aufenthalt in den Gemächern unerträglich macht. Die sieben Synagogen der Stadt sind ohne Interesse, doch kann man hier über der polnischen Tracht der Versammelten und dem wundersam verschnörkelten Gesang am Sabbath auf einige Zeit vergessen, dass man im gelobten Lande ist. Erfreulicher ist eine Sabbathsnacht auf einer der Terrassen von Tiberias zugebracht. Die Sterne funkeln gross und hell am schwarzen Himmel. Heilige Schritte von uns braust unsichtbar der vom Winde bewegte See. Die Stadt aber leuchtet in hundert Freudenfeuern. In jedem Hause, wo Juden wohnen — und diese bilden weitaus die Mehrzahl — brennen Lampen und erschallen die wohlbekannten wunderlichen Melodien, mit denen der fromme Israelit alten Glaubens die Engel des Sabbaths begrüsst, und da und dort huschen auf den platten Dächern geheimnissvolle Frauengestalten in weissen Gewändern hin und her.

Der See von Tiberias, in der Urzeit Kinaroth, später Genezareth genannt, ist auf ähnliche Weise wie das Todte Meer, das heisst, durch ein Erdbeben oder einen Einbruch der Erdrinde entstanden. Aber sein Wasser ist süss und rein, und die Fische, nach denen einst die Jünger Jakobus und Petrus ihre Netze auswarfen, bevor Jesus sie zu Menschenfischern machte, pflanzen sich noch jetzt hier fort. Es sind vorzüglich schöne Schollen und Karpfen. Auch finden sieh hier Süsswasserschnecken und andere Wasserthiere in Menge. Die Länge des Sees beträgt etwa drei, seine Breite durchschnittlich anderthalb Meilen, seine grösste Tiefe circa hundertundsechzig Kuss. Unter dem Spiegel des Mittelmeeres liegt er mehr als siebenthalhundert Fuss. An und auf ihm fanden mehre der neutestamentliclien Wunder statt. Auf ihm beschwichtigte Jesus den Sturm, predigte er dem Volke, auf einem der umliegenden Berge war es, wo Tausende mit fünf Broten und zwei Fischen gespeist wurden.

Eine halbe Stunde südlich von der Stadt befinden sich, einige Fass über der Seefläche und etwa zwanzig Schritte von ihm entfernt, warme Quellen, die schon zu Herodes Zeit bekannt waren und von Ibrahim Pascha mit einem Ueberbau geschmückt wurden. Aus einer offenen Halle tritt man in eine zweite und aus dieser in eine Säulenrotunde, welche eine Kuppel trägt. Bingsuni sind mit Marmor belegte Gänge, ans denen man in einzelne Badstuben gelangt. Es sind vier Quellen, die eine Temperatur von 49° R. haben. Das Wasser schmeckt bitter salzig und hat einen Schwefelgeruch, nach der Analyse enthält es kohlensauern Kalk, hydrothionsaures Eisen, Kochsalz und Schwefel, und man braucht es mit gutem Erfolg gegen Gicht und Rheumatismus.

Am Nordende des Sees liegt das kleine Dorf Medschdel, wo man noch mit dem Dreschschlitten des Alterthums drischt und welches vielleicht das Magdala ist, aus dem die Freundin Jesu, Maria Magdalena, stammte. Der eine Stunde von hier entfernte Khan Minijeh wurde früher Khan Batseida genannt und mag die Stelle des untergegangenen Bethsaida, eine andere Stelle, Teil Hum genannt, die Lage des ebenfalls verschwundenen Kapernaum, hebräisch Kaphar Nalnim, d. i. Dorf der Anmuth, bezeichnen.

Wo der mohammedanische Friedhof sich ausbreitet, findet man eine Anzahl zerbrochener und zwei noch aufrecht stehende Säulen von Granit, nach der Meinung der hiesigen Juden Beste eines Palastes, den Herodes der Zweite sich hier erbaute. Darüber erhebt sich ein Berg mit den Grabmälern vielgefeierter jüdischer Heiligen. Hier liegt der Babbi Chia mit seinen beiden Söhnen. Ein anderes Grab birgt die Gebeine Baf Hamnunas, des Alten, zu dem die Juden der Stadt bei anhaltender Düne um liegen flehen. Wer ein körperliches Leiden hat, wendet sich um Hilfe zu Meyer Ben Ness oder Zacharia Akana, die ebenfalls hier begraben sind. An einer andern Stelle liegt, umgeben von acht seiner Schüler, der gelehrte Babbi Jochannan Ben Sakaj, und gleich dahinter ragen zwei kurze Säulen empor, welche die Gräber Bab Amis und Rab Aschis bezeichnen. Etwa zwanzig Schritt weiter führen Stufen zu einer Einfassung; von unbehauenen Steinen, in deren Mitte ein weissgetünchter oben sich wölbender Sarkophag die sterblichen Reste Rambans verwahrt. An diesem Grabe wird am Vorabend jedes Neumondes von der ganzen Gemeinde ein Gebet gesprochen, und besonders fromme Leute gehen sogar täglich hierher, um zu beten.

Das grösste dieser jüdischen Heiligengräber aber ist der Berg, der sich über den übrigen Grabniiilern erhebt. In ihm schläft der grosse Rabbi Akiba, den seine vieriindzwanzigtausend Jünger seiner Weisheit wegen noch über Moses stellten, und der zuletzt als Märtyrer starb. Nach jüdischer Sage erst ein Hirt des reichen Kalba Zebua, dann durch die Liehe zu dessen Tochter Rachel zu gelehrten Studien veranlasst, die ihn in ferne Länder führten, übertraf er bald an Scharfsinn in der Gesetzerklärung alle seine Zeitgenossen und wurde der hochverehrte Gründer der Schule, aus welcher die Mischna hervorging. Zugleich aber war er ein eifriger Patriot, und als im Jahre 130 n. Chr. Simon Bar Kochba zum letzten Male die Fahne des Aufstandes reffen die Römer erhob, schloss er sich der Bewegung an. Der Aufstand war Anfangs mit Erfolg gekrönt, die Juden nahmen eine grosse Menge von Ortschaften ein und vertrieben die Römer selbst aus Jerusalem. Als aber Hadrians Feldherr Julius Severus anrückte, wurden die Insurgenten allenthalben geschlagen, nach fünf Jahren fiel auch Bitter, die letzte Festung, und nun wurden alle Häupter der Revolution hingeriehtet, darunter auch Akiba. Neben ihm ruhen in dein Berge von Tabarijeh nach jüdischer liegende alle seine Schüler.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho
Bilder aus dem Orient – Am Jordan
Bilder aus dem Orient – Mar Saba
Bilder aus dem Orient – Bethlehem
Bilder aus dem Orient – Sichem und Nablus
Bilder aus dem Orient – Nazareth

Bilder aus dem Orient


Der Jordan, arabisch Esch Scheriat El Kebir, die grosse Tränkstelle genannt, und von Jericho etwa anderthalb Stunden entfernt, entspringt in der Nähe von Hasbeiah hn Libanon in sumpfigem Terrain, geht dann durch den See Genezareth und stürzt sich hieraul raschen Laufes in das Ghor hinab, wo er zuletzt in das Todte Meer mündet. In seinem oberen Lauf vielfach und nach allen Himmelsgegenden sich windend, durchläuft er auf einer geraden Strecke von etwa 25 deutschen Meilen wenigstens 70 Meilen. Obwohl ziemlich breit, bei Jericho etwa 80 Fuss, an manchen Stellen doppelt so breit und im Ghor durchschnittlich 12 Fuss tief, ist er doch nur auf kurze Strecken mit Booten zu befahren und somit als Verkehrsweg nicht zu benutzen. Bald hemmen die Fahrt drohende Stromschnellen, bald Wasserfälle, deren der Fluss nicht weniger als 27 hat, bald alte Dämme und Schleusen oder Trümmer von Brücken. Auch au Inseln und Halbinseln fehlt es nicht. Das Wasser ist trübe und selbst hart am Ausfluss noch sehr reissend. Fische wurden hier und da viele bemerkt.

Beide Ufer sind von dichtem Walde beschattet, der an manchen Stellen wohl eine Viertelstunde breit ist und vorzüglich aus Oleandern, Weiden, Tamarisken, Lorbeer- und Pistazienbäumen, Akazien, Zwergeichen, Erdbeerbäumen und einzelnen Palmen besteht, und in welchem wilde Schweine, Wasserhunde und kleine Leoparden hausen, während das dichte Schilf, das an den breiteren und seichteren Stellen wuchert, Schaaren von Wasservögeln, Reihern, Störchen, wilden Enten und Tauben, Schnepfen und Rebhühnern birgt. Im Schatten des Waldes und zwischen dem Gras der Ufer, das nach dem Wechsel des Wasserstaudes fast überall eine doppelte Terrasse von Schlamm bildet, schimmern allerlei Blumen: die Adonis, die Scabiosa Stellata, die Amenone und die Ringelblume, an den Orten, wo der Strom langsamer fliesst, auch unsere Wasserlilie.

So bildet der heilige Fluss fast wie der Nil, wenn auch in sehr verkleinertem Maassstabe, eine Oase in der Wüste, ein kleines grünes Waldparadies, dem nichts fehlt, als Bewohner menschlichen Geschlechts. In früheren Zeiten hat es daran auch nicht gemangelt, das Wasser war zur Bewässerung eines Theiles der Thalsohle benutzt, und an mehr als einer Stelle erhoben sich kleine Städte. Jetzt machen die räuberischen Beduinenstämme, die in den Bergen im Osten und auf der grossen Ebene Esdrelom wohnen, jede Ansiedelung in diesem Bereich unmöglich, und nicht einmal ein Einsiedler wagt in dem Walde am heiligen Flusse seine Hütte zu bauen.

Alle Jahre aber um die Osterzeit belebt sich das einsame Wüstenthal, hallt der Wald von Menschenstimmen wieder , baden Tausende von Pilgern in der gebenedeiten Fluth. Es ist dies die grosse Wallfahrerkarawane, die jeden Montag nach dem Palmsonntag hierher zieht, um sich in dem durch Jesu Taufe für ewige Zeiten geweihten Strome selbst zu heiligen.

Diess geschieht vorzüglich von den Griechen, deren Patriarch die Jordanreise sehr begünstigt und durch seinen Stellvertreter in Jerusalem, den Bischof’ von Petra, die nöthige Escorte von türkischen Soldaten vom Pascha auswirken lässt. Der Zug besteht ans Leuten jeden Geschlechts und Alters, Männern, Frauen, Greisen und Kindern, zu Pferde, zu Esel und zu Fuss. An der Stelle, wo Jesus von Johannes getauft worden sein soll — es ist dieselbe, die unsere Abbildung darstellt — machen sie Halt, entkleiden sich und legen die weissen Hemden an, in denen man sie dereinst begraben wird, worauf sie in die reissende Fluth hinabsteigen, sich bekreuzen und dreimal untertauchen. Besonders Eifrige stürzen sich auch wohl unvorsichtig kopfüber ins Wasser, aber nur guten Schwimmern gelingt es dann, sich den Strudeln wieder zu entwinden, und fast jedes Jahr sieht solche Ueberinbrünstige ein Opfer des Flusses werden. Wer aber glücklich herausgelangt, nimmt die Ueberzeiigung mit heim, dass das Bad ihm alle Sünde abgewaschen.

Das Gegenstück zu dem heiligen, entsündigemlen Fluss, das Gegenstück auch in der äusseren Erscheinung, liegt nicht fern von hier, kaum anderthalb Stunden von der Badestelle des Jordan. Es ist das Todte Meer, das die Sünderstädte Sodom und Gomorrha verschlungen hat und nach der Sage dadurch bitter und giftig geworden ist. Hier Segen des Himmels in Gestalt der heiligen Taube, der reinigenden Fluth, dort Fluch und Vernichtung von Oben in Gestalt eines Regens von flammendem Schwefel und Pech. Hier ein grünes Wahlparadies, dort kahle Berge ohne Baum und Gras, und ein Wasser, das in sieh kein Leben duldet.

Indess darf man sich den Anblick des Todten Meeres auch nicht zu abschreckend vorstellen. Es hat, wenn nicht Wolken darüber stehen, die schöne blaue Farbe des Himmels, die andere Seen bei heiterem Wetter haben. Sein Wasser ist zwar von bitterm Geschmack und birgt, da es stark mit Salz und Asphalt geschwängert ist, weder Fische noch Würmer in sich, ja nicht einmal Pflanzen, es ist aber so klar wie Krystall, und thörichte Erfindung nur behauptete, dass kein Mensch sich hineinwagen dürfe, dass es einen übelriechenden giftigen Dunst ansathme und dass es selbst die Vögel ersticke, die darüber zu fliegen versuchten. Der See hat keinerlei Geruch, gefahrlos ist es, in ihm zn baden, ja cs ist sogar unmöglich, durch Untersinken in ihm umzukommen, da Menschen und Tliiere wie Korke auf ihm schwimmen; häufig endlich sieht man Züge wilder Gänse, nicht selten Möven und Störche, bisweilen auch Raubvögel über seinen Spiegel hinfliegen.

Wenn das Todte Meer einen schauerlichen Eindruck macht, so liegt diess, abgesehen davon, dass es der Sage nach todte Städte bedeckt, dass es ferner keine Fische hat und dass es in strengem Gegensatz zu der frischen Landschaft des Jordans steht, hauptsächlich darin, dass es ein Wüstengewässer ist, welches die Erwartung von solchen Gewässern täuscht. Wo sonst in diesen Einöden von Sand und Fels ein Quell entspringt, ein Bach murmelt, ein See sich breitet, da ist grünes Leben von Bäumen und Grashalmen, Schilf und Gesträuch. Ein Beispiel ist die Schlucht von Endschiddi (wahrscheinlich das echte Engaddi Davids und des Hohenliedes), wo, von einer süssen Quelle getränkt, Tamarisken und Gurrahbäume, Palmen und hohes Schilf wachsen. Um den Rand des Todten Meeres aber ist nichts der Art zu erblicken. Der sandige Strand im Norden, die kleine Insel, die einen Büchsenschuss von hier auftaucht, die gelben Felsen weiterhin sind ohne alle Vegetation, und die Baumstämme, die von der Strömung des Jordans in den See geflösst werden, liegen am Ufer, ihrer Rinde entkleidet, wie weisse Gerippe. Ein anderes Moment ist die Einsamkeit der Gegend. Nirgends ein Dorf oder Zeltlager, nirgends ein rudernder Fischer, ein weidender Hirt, nirgends das blaue Rauchwölkchen eines Heerdes.

Vor einigen Jahren untersuchten Amerikaner drei Wochen lang diesen wunderbaren, jedenfalls durch einen Erdsturz entstandenen Wüstensee. Sie fanden, dass die grösste Tiefe desselben 1170, die geringste, fünf englische Meilen vom südlichen Ufer, 12 Fnss beträgt. Am Südende war er seiner ganzen Breite nach zn durchwaten. Die Länge des Sees beträgt zehn, die durchschnittliche Breite zwei deutsche Meilen. Die Atmosphäre über dem Wasser ist selten ganz rein, am reinsten bei Nacht. Häufig wird es von Stürmen heimgesucht, wo der umher fliegende Schaum Alles mit einer Salzkruste überzieht. Auf der nördlichsten Strecke der Ostküste trifft man vulkanische Gebilde und Lava an, weiter südlich erscheint ein Berg vom Fuss bis zum Gipfel als eine schwarze Masse von Schlacken und Lava. Sonst bestehen die Steinarten am Ufer und auf dem Grunde des Sees aus gewöhnlichem graugelben Kalk- und Sandstein, bituminösem Mergelschiefer und Quarz. Flüssiges Erdharz wird nicht gefunden, dagegen der sogenannte Moses- oder Asphaltstein.

Oestlich von der Halbinsel Usdum, die auf Sodom zurückweist, erblickten jene amerikanischen Forscher über einer engen tiefen Schlucht eine etwa 40 Fuss hohe Salzsäule, die gegen 6O Fuss über dem Spiegel des Sees stand. Dieselbe wird von den Beduinen der Gegend für die Säule gehalten, in welche Lots Weib verwandelt wurde, als sic, mit ihrem Gatten aus Sodom flüchtend, sich gegen den Befehl Gottes nach der untergehenden Stadt umschaute.

Ist diess begründet, so wäre die Frau eine Iiiesin gewesen. Wir aber nehmen, vielleicht richtiger an, dass die Sage erst durch die Säule entstanden ist. Sodom und Gomorrha, das palästinensische Herkulanum und Pompeji aber mögen wirklich existirt und auf die in der Genesis geschilderte Weise ihren Untergang gefunden haben, wenn auch vielleicht nicht wegen ihrer Sünden.

Text aus dem Buch: Bilder aus dem Orient (1864), Author: Busch, Moritz; Lèoffler, August.

Siehe auch:
Bilder aus dem Orient – Der Orient.
Bilder aus dem Orient – Alexandrien
Bilder aus dem Orient – Kairo, die Chalifenstadt
Bilder aus dem Orient – Die Citadelle von Kairo
Bilder aus dem Orient – In der östlichen Wüste
Bilder aus dem Orient – Die Gärten und Garteninseln Kairos
Bilder aus dem Orient – Altkairo und die Derwische
Bilder aus dem Orient – Matarich, die Stätte von Heliopolis
Bilder aus dem Orient – Die Pyramiden und die Sphinx
Bilder aus dem Orient – Jaffa
Bilder aus dem Orient – Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Das Harem Esch Scharif
Bilder aus dem Orient – Die Täler um Jerusalem
Bilder aus dem Orient – Der Ölberg und Bethanien
Bilder aus dem Orient – Jericho

Bilder aus dem Orient